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Leselupe.de > Erzählungen
Die Kraft der Schwachen, neue, erweiterte Fassung von
Eingestellt am 09. 11. 2001 21:51


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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

Werke: 25
Kommentare: 16
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Die Kraft der Schwachen

Erzählung von Stefan Seifert


Daniel hatte sich verspätet. Es war Unterrichtsschluß und die anderen Schüler der 6a hatten das Klassenzimmer schon verlassen. Daniel suchte immer noch seine Sachen zusammen, die seine Kameraden im Raum verstreut hatten. Er war daran gewöhnt. Es war nur lästig.
Schon gleich zu Beginn seiner Schulzeit hatten Daniels Mitschüler bemerkt, daß dieser Junge anders war als sie. Er konnte sich nicht wehren. Er schlug nicht zurück. Sie machten einander auf ihn aufmerksam:
„Siehst du den da? Den kann jeder besiegen. Der ist schlapp, der kann nicht kämpfen.“
Sie versuchten es dann alle. Einer nach dem anderen rang ihn nieder und stellte verwundert fest: „Tatsächlich. Den kann jeder besiegen.“
Dabei war Daniel eigentlich kein Schwächling. Er war von normaler Größe und Konstitution, nur etwas blaß, was aber bei seinen rötlichen Haaren und seinem Teint nicht verwunderte. Man sah es ihm nicht an, und dennoch: Er war schlapp, er konnte sich nicht wehren. Mehr noch: Er konnte nicht einmal auf jemanden böse sein. Selbst zu denen, die ihm weh taten, die seine Turnsachen in den Müll warfen oder mit seinen Büchern und Heften Fußball spielten, war er freundlich und hilfsbereit.
Bei den Lehrern galt er als zwar ruhiges, aber schusseliges Kind. Er bekam immer wieder schlechte Noten, weil seine Schulsachen nicht in Ordnung waren. Sie wurden ärgerlich, wenn er zu seiner Entschuldigung sagte, daß andere Kinder daran schuld waren.
„Rede dich nicht heraus, Daniel. Du bist selber verantwortlich. Du mußt eben auf deine Sachen besser aufpassen.“
Daß er häufig mit seinen Mitschülern Probleme zu haben schien, hielten sie für einen Charakterfehler von ihm. Er fügte sich nicht genügend in die Gemeinschaft ein.
Auch zu Hause fand Daniel wenig Verständnis.
„Was, schon wieder sind deine Turnsachen weg?“ jammerte seine Mutter. „Was denkst du dir denn dabei? Weißt du, was das alles kostet? Woher soll ich das Geld nehmen?“
Daniel wurde deswegen das Herz schwer.
Daniels Vater gab ihm gutgemeinte Ratschläge.
„Du mußt boxen,“ sagte er. „Mit dem linken Ellenbogen mußt du dein Gesicht decken, mit der rechten Faust mußt du zuschlagen.“
Daniel versuchte es, aber es war ein Fiasko. Er wurde schrecklich verprügelt und hatte noch tagelang blaue und grüne Flecken am ganzen Körper.
Daniel hatte schließlich alle seine Sachen gefunden und verließ das Klassenzimmer. Auf dem Flur war es still. Offenbar hatten schon alle die Schule verlassen. Er ging die grauen Steintreppen hinunter, durchquerte den Vorraum und öffnete die schwere Schultür. Plötzlich hielt er inne und schloß die Tür schnell wieder. Er hatte etwas wahrgenommen, was ihn erschrak. Draußen, jenseits des Hofes, war eine Traube von Kindern versammelt. Der Klang von erregten, erwartungsvollen Stimmen war in der Luft. Daniel spürte die Spannung. Er wußte, was das bedeutete. Sie warteten auf jemanden. Jemanden, den sie jagen und verprügeln wollten. Daniel hatte die bange Vorahnung, daß sie auf ihn warteten.
Es kam zuweilen vor, daß sie nach der Schule auf jemanden lauerten, der der Feme verfallen war. Der Regeln gebrochen hatte. Manchmal war es aber nur Langeweile. Irgend jemand mußte als Opfer herhalten. Daniel war das ideale Opfer.
Daniel dachte an seine Mutter. „Geh ihnen aus dem Weg, Junge,“ pflegte sie zu sagen, wenn er von Raufereien erzählte. Genau das wollte Daniel tun. Er ging wieder die Treppen hinauf und den Gang zurück zum anderen Ende des Schulgebäudes. Es gab dort noch einen Hinterausgang direkt zur Straße. Dort würden sie wohl nicht sein. Er drückte die Klinke hinunter, aber die Tür gab nicht nach. Sie war schon verschlossen.
Daniel ging wieder auf den Flur zurück und bummelte unschlüssig an den Türen der Klassenzimmer entlang. Die Schule schien jetzt völlig leer zu sein. Wenn er noch etwas wartete, würden sie vielleicht von selber gehen. Sie konnten ja nicht den ganzen Nachmittag vor der Schule herumlungern. Das Leben ging weiter. Zuhause warteten Mütter mit dem Essen, warteten Pflichten.
Eine Tür wurde geöffnet. Der Hausmeister trat auf den Flur. Als er Daniel sah, wurde er ärgerlich.
„Was machst du denn noch hier? Jetzt aber raus mit dir.“
„Kann ich nicht noch etwas hier bleiben?“ fragte Daniel.
„Das kommt überhaupt nicht in Frage,“ sagte der Hausmeister kurz angebunden. „Die Schule ist zu Ende, ich schließe jetzt ab. Raus mit dir.“
Er schob Daniel mit einer Hand vor sich her bis zur Ausgangstür, öffnete sie und stieß ihn hinaus. Kaum stand Daniel draußen, schloß sich die Tür hinter ihm mit einem dumpfen Knall und Daniel hörte, wie der Hausmeister den Schlüssel im Schloß herumdrehte.
Sie waren noch da. Sie standen hinter dem Tor, das nach draußen führte. Der Lärm der Stimmen schwoll an. „Da ist er,“ schrie jemand. Daniel war wie betäubt. Langsam, wie in Zeitlupe, setzte er einen Fuß vor den anderen. Da sah er, daß ein Auto direkt vor dem Tor am Straßenrand hielt. Eine Frau saß am Steuer. Daniel kam ein Gedanke. Vielleicht hatte er eine Chance. Er begann zu laufen, winkte mit einer Hand und rief: „Mama!“
Die anderen waren verblüfft und ließen ihn vorbei. „Mama!“ äffte ihn einer nach. Die Frau blieb in dem Auto sitzen und sah unbewegt zu den Kindern hinüber. Daniel kannte sie nicht. Er lief an dem Auto vorbei und rannte so schnell er konnte die Straße hinunter. Nach einer überraschten Pause ertönte ein wütendes Gebrüll und die Gruppe setzte ihm nach.
Daniel hatte einen gewissen Vorsprung, aber er wußte, daß der nicht lange vorhalten würde. Unter den Verfolgern befanden sich große Jungen, die schneller rennen konnten als er. In ein, zwei Minuten würden sie ihn haben. Daniel wollte es bis zum Friedhofseingang schaffen. Dort konnte er sich vielleicht irgendwo verstecken. Auf dem Friedhof kannte er sich aus.
Das Johlen hinter ihm schwoll stetig an. Doch jetzt war das Friedhofstor schon nahe. Daniel konnte es schaffen. Er nahm alle Kräfte zu einem letzten Spurt zusammen und schoß durch das geöffnete Tor.
„Er ist auf dem Friedhof!“ schrie ein Junge hinter ihm.
Daniel lief direkt in eine Gruppe von Trauernden hinein, die auf dem Kiesweg zur Feierhalle standen und gedämpft miteinander sprachen. Sie beachteten ihn kaum. Jetzt erschien die schreiende Meute auf dem Weg. Ein Mann trat ihnen entgegen.
„Verschwindet!“ herrschte er sie an. „Ihr könnt hier nicht spielen. Macht daß ihr wegkommt.“
Daniel schlängelte sich durch die Trauergesellschaft hindurch und erreichte einen von Sträuchern gesäumten Seitenweg. Hier fühlte er sich erst einmal sicher. Er lief jetzt langsamer. Nach einer Weile hatte er sich so weit beruhigt, daß er begann, die Inschriften auf den Grabsteinen zu lesen. Da waren Namen mit Geburts- und Sterbedaten. Es gab große Steine, auf denen stand: Familie Soundso. Auf anderen war zu lesen: Unvergessen. Wir werden uns wiedersehen. Die Liebe höret nimmer auf. Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.
Allmählich zogen Ruhe und Frieden in Daniels Gemüt ein. So ging es ihm immer auf dem Friedhof. Hier schienen die Gesetze der lärmenden äußeren Welt außer Kraft gesetzt. Die Menschen, die hier ruhten, schienen andere zu sein, als die, die da draußen in ständiger Hast und Unzufriedenheit ihren Alltagsgeschäften nachgingen. Hier war alles still und friedlich und der Blick richtete sich auf Gott und die Ewigkeit. Liebe schien auf einmal das Wichtigste zu sein. Die Liebe der Menschen und die Liebe Gottes.
Versonnen schlenderte Daniel den Weg entlang, die Schultasche baumelte in seiner Hand. Plötzlich hielt er inne. Ganz vorne, am Ende des Weges, tauchten Kinder auf. Die Meute. Sie mußten durch einen anderen Eingang gekommen sein. Daran hatte er nicht gedacht. Was nun? Sie schienen ihn noch nicht gesehen zu haben.
Links von ihm stand ein Bau in Form eines kleinen Tempels, ein Mausoleum. Den Eingang bildeten zwei Säulen, zwischen denen sich eine Tür befand. Daniel sprang zwischen die Säulen und presste sich, Deckung suchend, gegen die Tür. Er drückte versuchsweise die Klinke hinunter. Die Tür gab nach und öffnete sich. Daniel schlüpfte hinein und schloß die Tür wieder hinter sich. Fürs erste schien er in Sicherheit zu sein.
Daniel blickte sich vorsichtig um. Der Raum wurde von trübem Licht erhellt, das durch schmutzige Glasscheiben von der Decke her hereinfiel. Die Luft war kalt und modrig. In der Mitte stand ein großer steinerner Sarkophag. In die Wände waren mit altertümlichen Schriftzeichen bedeckte Steintafeln eingelassen. Im Hintergrund befand sich eine kleinere Türöffnung, die in einen weiteren Raum zu führen schien. Daniel ging langsam in diese Richtung. Vielleicht konnte er sich dort verstecken, falls sie ihn hier suchen sollten, was Daniel allerdings für unwahrscheinlich hielt. Es sei denn, es hatte ihn jemand hier hineingehen sehen.
Daniel mußte drei Stufen hinuntersteigen, bevor er in den zweiten Raum kam. Dort war es wärmer als in dem vorderen. Ein mildes Licht erfüllte ihn. Zu Daniels Erstaunen befand sich jemand in dem Raum. Es war ein Mann in einem leuchtend blauen seidenen Mantel. Er saß auf einem Sessel oder Thron. Die Arme ruhten auf den Seitenlehnen. Der Mann trug langes, schwarz gelocktes Haupthaar und einen eben solchen Bart. Er blickte ruhig und würdevoll vor sich hin und schien Daniel nicht zu beachten.
„Entschuldigen Sie bitte,“ sagte Daniel. „Ich wußte nicht, daß hier jemand ist. Ich will Sie nicht stören. Ich gehe auch gleich wieder. Kann ich vielleicht für einen Moment hier bleiben?“
Der Mann rührte sich nicht. Es war, als hätte er Daniel überhaupt nicht gehört. Sein Blick schien in weite Ferne gerichtet zu sein. Daniel fühlte sich unbehaglich. Vielleicht trauerte der Mann um nahe Angehörige und es war eine Ungehörigkeit oder geradezu ein schweres Vergehen, hier einzudringen und ihn zu stören.
„Es ist wirklich nur für ein paar Minuten,“ bat Daniel schüchtern. „Wenn ich jetzt hinausgehe, werden mich die anderen Kinder da draußen verprügeln und meine Sachen kaputt machen und zu Hause wird meine Mutter mit mir schimpfen oder sie wird traurig sein, was noch viel schlimmer ist.“
Der Mann reagierte immer noch nicht. Daniel legte seine Schultasche auf den Boden, setzte sich darauf und wartete. Nach einer Weile lastenden Schweigens fragte er den Mann: „Ist das ihre Familie, die hier begraben ist?“
Der Mann schien jetzt seinen Blick aus der Ferne zurückzuholen und richtete ihn mit einem Ausdruck des Erstaunens auf Daniel.
„Kannst du mich sehen?“ fragte er.
„Natürlich,“ erwiderte Daniel verwundert.
„Was siehst du?“ fragte der Mann. „Wie sehe ich aus?“
„Sie haben lange, schwarze Haare und einen Bart,“ sagte David. Der Mann mußte wohl nicht richtig im Kopf sein. „Und Sie haben einen weiten blauen Mantel an. Aber ich glaube, ich gehe jetzt wieder. Entschuldigen Sie die Störung.“
Es war ihm unheimlich geworden, darum nahm er seine Schultasche und lief schnell hinaus. Er ging durch den Raum mit der kalten, modrigen Luft, an dem Sarkophag vorbei, zu der Tür, die nach draußen führte und drückte die Klinke hinunter.
Die Tür ließ sich nicht öffnen. Vielleicht hatte der Friedhofswächter sie abgeschlossen. Aber der Mann mit dem blauen Mantel hatte sicher einen Schlüssel. Widerstrebend ging Daniel wieder in den Nebenraum zurück. Der Mann saß immer noch auf dem Sitz. Der Raum schien jetzt heller erleuchtet zu sein, obwohl Daniel keine Lichtquelle bemerkte.
„Entschuldigung, die Tür nach draußen ist zugeschlossen. Könnten sie mich bitte hinaus lassen?“ fragte Daniel.
Der Mann schien seine Frage nicht gehört zu haben.
„Aus welchem Grund kannst du mich sehen?“ sagte er nachdenklich und schüttelte sein Haupt mit dem wallenden Haar. „Ich verstehe das nicht.“
„Warum soll ich Sie nicht sehen können?“ Der Mann kam Daniel immer merkwürdiger vor.
„Die Menschen sehen nur das, was schon in ihnen ist, was ihnen zu sehen bestimmt ist. Ein Mensch, der alles sähe, was existiert, würde verrückt werden. Kein gewöhnlicher Mensch kann mich unter normalen Umständen sehen.“
„Und warum nicht?“
„Weil ich kein Mensch bin. Ich gehöre zur Familie.“
„Zu der Familie, die hier begraben ist?“ fragte Daniel schaudernd.
„Nein,“ erwiderte der Mann herablassend und nicht ohne Stolz. „Natürlich nicht zu der Familie. Ich meine die göttliche Familie. Ich bin ein Engel. Wir sind für Menschen unsichtbar, weil wir Bewohner einer anderen Sphäre sind.“
„Dann sind Sie so etwas wie der Erzengel Michael?“ fragte Daniel, immer noch furchtsam. Doch auch seine Neugier war geweckt.
Der andere lachte.
„O nein, wo denkst du hin. Ein Erzengel ist eine so gewaltige Erscheinung, wie du sie dir nicht vorstellen kannst. Den Anblick eines Erzengels würdest du nicht ertragen, du würdest verdampfen wie eine Schneeflocke im Feuer. Ich selber kann mich einem Erzengel nur unter besonderen Umständen nähern. Dennoch gehöre ich dazu und habe Teil an ihrem Licht. Meine Name ist Ismael, das heißt Gott hört. Ich bin ein einfacher Bote Gottes und in Seinem Auftrag unterwegs.“
„Und was machen Sie hier auf dem Friedhof?“ fragte Daniel, noch immer ungläubig.
„Ich warte auf einen besonderen Menschen,“ sagte Ismael. „Auf einen Seelenführer. Ich dachte an einen Weisen, möglicherweise einen Religionslehrer oder Kirchenfürsten. Aber wer weiß ... Ich muß ihn mit einer Aufgabe betrauen, einer schwierigen und gefahrvollen Mission, die nur er erfüllen kann.“
„Und woran erkennen Sie diesen besonderen Menschen?“
Die Frage schien den Engel in Verlegenheit zu bringen.
„Nun, ich weiß es nicht direkt. Die göttliche Vorsehung führt uns zusammen und dann erkennen wir uns eben. Er sieht mich – du weißt ja, die Menschen sehen mich normalerweise nicht – und ich sehe ihn. Dann überbringe ich die Botschaft mit dem göttlichen Auftrag. Es sind allerdings auch schon Pannen passiert. Daß ich dem Falschen die Botschaft überbrachte und es entstand ein furchtbares Chaos. Ich mußte danach vor einem Erzengel erscheinen und mich rechtfertigen. Das möchte ich nicht noch einmal erleben.“
Er musterte Daniel forschend.
„Erzähle mir doch etwas von dir, mein Junge. Wie heißt du?“
„Ich heiße Daniel.“
„Daniel ... Das läßt auf einen Gerechten schließen, einen wie Noah. Warum kamst du hier herein?“
Daniel berichtete von seiner Verfolgung.
„Warum verfolgen sie dich denn?“ fragte der Engel interessiert. Daniel erzählte und der Engel hörte zu.
„Du kannst also nicht kämpfen,“ sagte er dann nachdenklich. „Du hältst gewissermaßen die andere Wange hin, wenn man dich auf die eine schlägt. Du kannst nicht zürnen. Du hast Mitleid. Das alles deutet auf eine starke Kraft in dir hin. Die stärkste, die es gibt. Etwas, wonach große Weise und Lehrer der Menschheit vergeblich streben. Sie verbindet dich mit allen Wesen. Sie ist auch die Brücke zu Gott und zu unserer Sphäre.
Hast du vorher schon einmal Engel gesehen, oder auch Dämonen, bedrohliche Wesen?“
„Nur im Traum, als ich noch ein kleines Kind war,“ erwiderte Daniel. „Allerdings hatte ich sehr häufig solche Träume. Ich habe im Schlaf geschrien und gesprochen. Meine Mutter fand mich manchmal aufrecht sitzend im Bett, schweißgebadet, mit weit offenen Augen und völlig geistesabwesend, als wäre ich in einer anderen Welt unterwegs. “
Der Engel schien besorgt.
„Wenn du tatsächlich derjenige bist, für den meine Botschaft bestimmt ist, und es deutet einiges darauf hin, so dürfen wir keine Zeit mehr verlieren. Es gibt bestimmte Dinge, die du wissen mußt, wenn du deine Aufgabe erfolgreich erfüllen willst.
Vor allem merke dir eines: Was auch geschehen mag, sei ohne Furcht. Es kann dir nichts passieren, denn schützende Kräfte werden dir zur Seite stehen.“
Er hatte sich nun Daniel zugewandt und blickte ihn an. Daniel merkte, daß eine warme Strahlung von ihm ausging.
„Die wichtigste Kraft aber muß aus dir selber kommen,“ fuhr der Engel fort. „Es ist die, um derentwillen du auserwählt wurdest.“
„Und was ist das für eine Aufgabe?“ fragte Daniel zaghaft.
Der Engel namens Ismael schwieg.
„Ein Kind,“ murmelte er dann kopfschüttelnd. „Nun, sie werden sich schon etwas dabei gedacht haben...“
„Du mußt wissen,“ fuhr er nach einem Augenblick des Nachdenkens fort, „daß vor noch nicht allzu langer Zeit ein gewaltiger, alles entscheidender Kampf in unserer Sphäre stattgefunden hat. Er wurde hauptsächlich von den Erzengeln unter der Führung von Michael geführt. Auch ich habe natürlich meinen bescheidenen Beitrag für die gute Sache geleistet. Die Gegner waren die Mächte der Finsternis in der Gefolgschaft des Widersachers. Sie wurden vernichtend geschlagen und für immer aus unserer Sphäre vertrieben. Seitdem strahlt das göttliche Licht ungetrübt in die Welt und viel Gutes wird daraus entstehen. Aber einige Teufel und Dämonen haben sich hier auf der Erde verschanzt. Sie können zwar den Lauf der Welt nicht mehr wesentlich ändern, aber dennoch viel Schaden anrichten.“
Daniel hörte verwundert zu und fragte sich, was das alles mit ihm zu tun haben sollte.
„Auf diesem Friedhof,“ sagte der Engel, „hält eine Bande dieser Finsterlinge die Seelen der Verstorbenen gefangen und hindert sie mit allerlei Teufelsspuk, den Weg zum göttlichen Licht zu finden. Aber es ist prophezeit, und es steht auch in den heiligen Büchern, daß in dieser Nacht ein Gerechter kommen wird um die gefangenen Seelen zum Licht zu führen. Das bedeutet eine weitere entscheidende Niederlage für die Mächte der Finsternis. Entscheidend deshalb, weil sie ihnen von einem Menschensohn beigebracht wird, und nicht von den mächtigen Engeln Gottes.“
Wie zur Bekräftigung seiner Worte ertönte in diesem Augenblick ein ohrenbetäubendes Krachen.
Es war inzwischen Abend geworden und draußen hatte sich der Himmel verfinstert. Ein starker Wind, der sich zum Sturm steigerte, fegte über die Gräber des Friedhofs und peitschte die Kronen der Bäume, die anklagend ihre Äste schüttelten. Aus drohenden schwarzen Wolken zuckten Blitze, denen unmittelbar der Donner folgte. Die Mauern des Mausoleums waren plötzlich verschwunden und mit ihnen der blau gewandete Engel. Statt dessen war Daniel von einer milde leuchtenden Aureole wie von einer Glocke umgeben.
„Fürchte dich nicht und folge dem Licht,“ hörte Daniel noch Ismaels Stimme. Dann schien sich der Himmel zu öffnen und ein Blitz wie ein riesiges Feuerschwert schlug in die Erde. Der Boden öffnete sich und klaffte weit auseinander. Aus der Spalte quollen schemenhafte, blasse Gestalten an die Oberfläche. Andere, wie schwarze Schatten, versuchten sie daran zu hindern und zerrten sie wieder in die Tiefe. Ein markerschütterndes Schreien und Kreischen mischte sich mit dem Heulen des Sturmes und dem Krachen des Donners. Der Schlund der Hölle schien sich geöffnet zu haben. Daniel war vor Entsetzen gelähmt. Er hatte noch nie, noch nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen, etwas so Fürchterliches erlebt.
Die schemenhaften Gestalten, die es geschafft hatten, aus der Erdspalte zu entkommen, irrten zunächst heulend und jammernd auf dem Friedhof umher. Aus der Luft stürzten sich riesige schwarze Fledermäuse oder Flugdrachen auf sie. Die Gepeinigten schrien laut vor Angst und Schmerzen.
Dann erblickten sie Daniel.
„Seht, das Kind,“ riefen sie. Sie streckten ihre Arme nach ihm aus und liefen auf ihn zu.
„Unser Erlöser ist da! Wir sind gerettet!“
So wie die ersten die Aureole erreicht hatten, die Daniel umgab, fielen sie erschöpft nieder und blickten hoffnungsvoll zu ihm auf.
„Rette uns,“ riefen sie. „Führe uns weg von diesem schrecklichen Ort.“
Immer mehr strömten zu ihm und fanden Platz im Bereich der Aureole, die sich zu weiten schien. Mit einer Kraftanstrengung riß sich Daniel aus seiner Erstarrung. Er mußte etwas für diese gequälten Seelen tun. Er mußte sie retten.
Fürchte dich nicht und folge dem Licht, hatte der Engel gesagt. Daniel blickte um sich. Da sah er das Licht.
Es war ein warmes, intensives Leuchten, ähnlich einer Sonnenscheibe. Als Daniel sich ihm zuwandte, verloren die schwarzen Spukgestalten ihren Schrecken. Er fühlte sich jetzt sicher. Er wußte, was er zu tun hatte. Langsam, aber entschlossen ging er auf das Licht zu. Die geretteten Seelen folgten ihm. Schon bald merkte Daniel, daß sie sich in einem großen Tunnel befanden. Das Licht leuchtete vom Ende dieses Tunnels her. Je mehr sie sich ihm näherten, um so mehr spürte Daniel Wärme und Zuversicht. Schließlich weitete sich der Tunnel und vor ihnen lag ein leuchtender Ozean.
Daniel trat an die golden glitzernde Fläche heran. Vor ihm erschien ein Boot. Als er es betrat, legte es wie von selber ab und fuhr auf den Ozean hinaus. Plötzlich war Ismael neben ihm. Er trug jetzt keinen blauen Mantel mehr und keinen schwarzen Bart, sondern schien ganz aus einem goldenen, lichten Stoff zu sein. Als sich Daniel umwandte, sah er, daß die geretteten Seelen ihm in ebensolchen Booten wie seinem folgten.
Dann näherten sie sich ihrem Ziel. Daniel sah gewaltige Türme ragen, die so stark leuchteten, daß man sie nicht lange anblicken konnte. Schließlich bemerkte er, daß es keine Türme waren, sondern hoch aufragende Gestalten.
„Das sind die Erzengel,“ flüsterte Ismael voll staunender Ehrfurcht. „Sie sind alle gekommen, um uns zu empfangen.“
„Wohin geht unsere Reise?“ fragte Daniel.
„Nach Hause,“ antwortete Ismael. „Immer nach Hause.“

„Wo kommst du denn jetzt her?“ schimpfte Daniels Mutter. „Wo warst du nur solange, Junge? Wir haben uns Sorgen gemacht, bei dem schrecklichen Gewitter.“
Daniel murmelte etwas von einem Freund, bei dem er abgewartet hätte, bis das Unwetter vorüber war. Er wußte, je mehr er von der Wahrheit erzählte, um so weniger würde man ihm glauben und um so mehr Schwierigkeiten würde er bekommen.
„Das nächste Mal rufst du an und sagst gefälligst Bescheid.“ Die Mutter blickte ihn vorwurfsvoll an. „Es hätte nicht viel gefehlt und wir hätten die Polizei benachrichtigt.“
Daniel ging in die Küche, wo sein Abendbrot stand.
„Hattest du wieder Schwierigkeiten in der Schule?“ fragte die Mutter, während Daniel aß. „Dein Vater und ich haben schon überlegt, ob wir dich nicht in eine andere Schule schicken sollen.“
„Nein, nein, es ist alles in Ordnung,“ sagte Daniel. „Ich komme schon zurecht.“
Zu seinem eigenen Erstaunen meinte er tatsächlich, was er sagte.
„Das denke ich auch,“ sagte die Mutter und legte ihren Arm um seine Schulter. „Raufbolde gibt es überall und du kannst nicht immerzu vor ihnen davonlaufen.“

Der nächste Tag begann völlig normal. Daniel hatte wieder fast verschlafen und mußte sich beeilen. Er schaffte es gerade noch zum zweiten Klingeln. Nach dem dritten Klingeln wurde die Schule zugeschlossen und es gab Ärger.
In der großen Hofpause hielt sich Daniel wie immer am Rande auf, in der Nähe der Mädchen, wo es etwas ruhiger war. Meistens beachteten sie ihn nicht, aber diesmal unterhielt er sich die ganze Pause über mit Miriam. Das war ein unerwarteter Glücksfall, denn er war in Miriam verliebt. Allerdings war er ängstlich darauf bedacht, das niemanden merken zu lassen. Auch Miriam nicht.
Miriam ging in seine Klasse. Sie war etwa einen Kopf kleiner als er, knabenhaft, mit kurzen dunkelbraunen Haaren und blauen Augen, deren Iris von Sternen eingefaßt zu sein schien.
Sie unterhielten sich über belanglose Dinge, über Filme, die sie gesehen hatten. Wichtig war, daß sie mit einander sprachen und daß sie so lange miteinander sprachen.
Es klingelte. Ein Lehrer stellte sich zusammen mit dem Hausmeister am Eingang auf und die Schüler gingen wieder in das Schulgebäude zurück. Auch Daniel und Miriam schlossen sich den anderen an. Miriam ergriff Daniels Hand und so gingen sie jetzt über den Hof, Hand in Hand. Daniel durchflutete ein Glücksgefühl, wie er es in seinem Leben noch nicht gekannt hatte. Er konnte es nicht glauben und dennoch war das die Wirklichkeit. Plötzlich schien alles andere auf der Welt unwichtig zu sein. Daß er ihre Hand spürte, daß sie zusammen die Treppen hinaufgingen, das war das einzige, was zählte. Dabei bemühte er sich, ein möglichst unbeteiligtes Gesicht zu machen. Als wäre nichts Besonderes geschehen.
„Daniel und Miriam sind ein Liebespaar,“ krähte eine einzelne Stimme.
Als sie das Klassenzimmer betraten, ließen sie sich los und jeder ging zu seinem Platz. Alles nahm seinen gewohnten Gang. Daniel holte die Sachen für das nächste Unterrichtsfach hervor, es war Deutsch. Doch die Welt war nicht mehr dir gleiche, wie noch kurz zuvor. Etwas Wesentliches war geschehen und hatte alles verändert.
Nach Schulschluß ging er mit Miriam zusammen hinaus. Auf dem Vorhof warteten Sven und Sören, die immer mit Miriam nach Hause gingen, weil ihre Familien Nachbarn und miteinander befreundet waren. Als sie dann auf das äußere Tor zu gingen, waren sie schon eine kleine Gruppe.
Vor dem Tor wartete wieder eine Traube von Kindern. Doch Daniel hatte keine Angst. Er spürte plötzlich, daß die Aureole wieder da war. Der Lichtschein, der ihn und alle um ihn herum beschützte.
Sie gingen durch die Ansammlung der wartenden Kinder hindurch. Die schien jetzt, aus der Nähe gesehen, nicht mehr ein bedrohliches, kompaktes Ganzes zu sein, sondern löste sich in Einzelne, in Paare oder kleine Gruppen auf.
„He, Schlappi!“ grölte ein plumper großer Junge, einer aus der siebenten Klasse, der schon einmal sitzen geblieben war und eigentlich in die achte Klasse gehört hätte. Er kam aber nicht näher. Sein Ruf war wohl eine versuchsweise Aufforderung zur Rauferei gewesen, aber niemand hatte Lust, ihm Folge zu leisten.
„Das ist die Kraft der Schwachen,“ sagte Miriam. Daniel nickte, aber er fühlte sich in diesem Augenblick durchaus nicht schwach.
Plötzlich erhob sich hinter ihnen lautes Johlen, wie ein Aufschrei. Daniel blickte sich erschrocken um. Er sah, wie aus dem weiter hinten gelegenen Nebeneingang der Schule ein Junge herausschoß und die Straße hinab rannte. Mit wildem Geheul folgte ihm die Meute.




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Stefan Seifert

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