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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die Liebe der Evelyn D.
Eingestellt am 09. 08. 2005 18:18


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flammarion
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1. Kapitel

Es war sechs Uhr morgens. Freundlich l├Ąchelte die Sonne auf die Welt, hinein in ein geschmackvoll eingerichtetes Zimmer der Privatklinik eines ber├╝hmten Professors, in welcher die zwanzigj├Ąhrige Evelyn sich von einem l├Ąstigen ├ťbel befreien lassen wollte.
Sie war freudig erregt. HEUTE, so sagte der Professor, w├╝rden die Verb├Ąnde abgenommen werden. HEUTE w├╝rde sie erfahren, ob die scheu├člichen Warzen wenigstens von ihrem Gesicht und ihren H├Ąnden verschwunden waren. Und sie bem├╝hte sich vergeblich, ruhig zu bleiben.
Sieben Uhr. Visite. Der Professor versprach, um neun die Verb├Ąnde abzunehmen.
Acht Uhr. Fr├╝hst├╝ck. Evelyn bekam keinen Bissen herunter; sie trank nur eine Tasse Tee. "Teetrinken und abwarten", dachte sie belustigt.
Neun Uhr. Endlich! Vorsichtig l├Âste der Professor Schicht f├╝r Schicht des dicken Verbandes von Evelyns H├Ąnden und vom Gesicht. Er sah sehr besorgt aus, doch Evelyn hielt die bl├Ąulichen Narben an ihren H├Ąnden f├╝r ganz normal, sie war schlie├člich operiert worden, da bleiben nun einmal Narben zur├╝ck. Sie werden vergehen, dachte sie hoffnungsfroh, und sie werden l├Ąngst nicht so absto├čend wirken wie die Warzen. Der Professor betupfte die Narben vorsichtig mit einer scharfen Fl├╝ssigkeit, und Evelyn h├Ârte ihn sagen, dass sie sehr tapfer sei. Sie begriff atemlos, dass die Operation misslungen ist. Sie betrachtete unabl├Ąssig ihre H├Ąnde und versuchte sich einzureden, dass man die Narben eines Tages ├╝berhaupt nicht mehr sehen werde. Ihr Gesicht konnte doch kaum anders aussehen als ihre H├Ąnde. Warum nur hatte der Professor angeordnet, dass es wieder verbunden wird? Sollte wirklich alles umsonst gewesen sein? Sie zergr├╝belte den Rest des Vormittags.
Am Mittag ignorierte sie den Hasenbraten und ass appetitlos nur das Kompott, obwohl es sich hierbei um ihre Lieblingsspeise - s├╝├če Birnen mit hei├čer Schokoladenso├če - handelte.
Nachmittags kam ihre langj├Ąhrige Freundin Martina zu Besuch und ├╝berredete sie, im Park spazieren zu gehen, denn es war ein herrlicher Sommertag und es k├Ąme einer S├╝nde gleich, im Zimmer zu bleiben.
Evelyn nahm die Umwelt nur wie durch einen Schleier wahr. Die Stimme ihrer Freundin drang wie durch Watte zu ihr, obwohl sie ebenfalls der Meinung war, dass die Narben sich wie alle Narben verwachsen w├╝rden und dass das Gesicht kaum schlimmer aussehen konnte als vorher. Die Freundinnen waren einhellig der Meinung, dass Narben niemals so absto├čend wirken wie Warzen und dass sich der Professor wahrscheinlich nur dar├╝ber ├Ąrgerte, dass ├╝berhaupt Narben blieben. Dennoch - trotz der munteren Unterhaltung mit der Freundin - konnte Evelyn sich des Eindrucks nicht erwehren, dass etwas Unheimliches auf sie zu kam.

2. Kapitel

Der erste warme Sommertag des Jahres war zuf├Ąllig der Sonntag, an welchem Sabine von Barkhausen ihren zehnten Geburtstag feierte. Wie es sich f├╝r einen zehnten Geburtstag geh├Ârte, gab es ein gro├čes Fest. Herr von Barkhausen hatte alle Verwandte und Freunde mit ihren Kindern eingeladen, den Geburtstag seiner einzigen Tochter festlich zu begehen. W├Ąhrend die Erwachsenen sich bei Sekt und Kaviar ├╝ber einige f├╝r sie hochinteressante Belanglosigkeiten unterhielten, tollten die Kinder in Haus und Garten herum. Niemandem kam es in den Sinn, die Kinder direkt zu beaufsichtigen. Daher konnten sich unbemerkt drei Knaben in das obere Stockwerk schleichen, wo sich ein Kaminzimmer befand. Die jungen Helden wollten gern wie Indianer an einem Lagerfeuer sitzen, aber sie wussten, dass solches nicht im Garten gestattet werden w├╝rde. Wozu taugt ein Kamin im Sommer? F├╝r ein Lagerfeuer nat├╝rlich!
Pl├Âtzlich erblickte einer der Geburtstagsg├Ąste Rauchschwaden im Fenster des Kaminzimmers und schrie: "Feuer! Feuer!" Frau Dankwart hatte kurz vorher ihre Tochter Evelyn in das Haus laufen sehen und lief nun ebenfalls hinein, um sie gegebenenfalls aus der Gefahr zu retten. Die besorgte Mutter wusste nicht, dass die kleine Evelyn sogleich zum Hinterausgang wieder hinausgelaufen war, und eilte die Treppe hinauf. Die T├╝r zum Kaminzimmer war leicht zu finden anhand der Rauchschwaden, die aus allen Ritzen drangen. Vor Frau Dankwart lief einer der Butler der Barkhausens mit einem Feuerl├Âscher. Er riss die T├╝r des Brandzimmers auf und setzte den Feuerl├Âscher in Betrieb. Frau Dankwart dr├Ąngte sich an ihm vorbei und st├╝rzte ins Zimmer, den Namen der geliebten Tochter auf den Lippen. Sie h├Ârte ein heiseres Kr├Ąchzen zu ihren F├╝├čen und fand einen der drei unfreiwilligen Brandstifter. Sie hob das Kind auf und trug es zur T├╝r, wo es ihr von einem kr├Ąftigen jungen Mann abgenommen wurde.
Sie warf sich erneut in die Flammen, denn sie war ├╝berzeugt davon, dass da zwei Stimmen gekr├Ąchzt hatten. Sie suchte und fand tats├Ąchlich auch noch einen zweiten Jungen. Sie trug auch ihn zur Treppe und war froh, dass der kleine Dicke ihr dort ebenfalls sogleich von einem hilfsbereiten jungen Mann abgenommen wurde, denn ihre ganze Sorge galt doch ihrer vermissten Tochter.
Inzwischen hatten sich auch andere Leute in das Brandzimmer gewagt und den dritten Jungen gefunden. Es wurde definitiv festgestellt, dass sich kein Kind mehr im Zimmer befand, doch Frau Dankwart war wie von Sinnen, sie hatte doch ihre Tochter ins Haus laufen sehen! Sie musste mit Gewalt aus dem Zimmer gef├╝hrt werden. Als sie dann im Garten ihre Tochter wohlbehalten an der Hand des Vaters stehen sah, fiel sie in eine wohlt├Ątige Ohnmacht.
Sie hatte unz├Ąhlige Brandwunden davongetragen, nur die Sorge um die Tochter hatte sie so lange aufrecht gehalten. Nun sie das M├Ądchen gesund und munter wusste, war alles gut. Mit einem Aufschrei st├╝rzte Herr Dankwart zu der am Boden liegenden und kniete fassunglos neben der Schwerverletzten. Evelyn begriff erst am Abend, dass dieses furchterregende schwarze Gespenst ihre Mutter war. Der armen Frau war soviel Haut verbrannt, dass sie noch in der Nacht ihren Verletzungen erlag. In dieser Nacht hatte Evelyn schweres Fieber. Jetzt erst wirkte sich der Schock mit aller Macht auf das kleine M├Ądchen aus. Als nach einigen Tagen alles ├╝berstanden zu sein schien, begannen die h├Ąsslichen schwarzen Warzen zu wachsen. ├ťberall an dem zarten Kinderk├Ârper wucherten kleine schwarze Warzen. Sie verunstalteten auch das Gesicht. Aber ein f├╝nfj├Ąhriges M├Ądchen schaut nicht oft in den Spiegel. Evelyn wurde ihr Aussehen erst als Teenager bewusst, als ein Schulkamerad eine abf├Ąllige Bemerkung machte.

3. Kapitel

Indes, nachdem sie den Tod der Mutter verwunden hatte, wurde sie ein ausgeglichenes, fr├Âhliches M├Ądelchen, lernte zeichnen und Klavier spielen und war so der Sonnenschein ihres Vaters, der allerdings den Tod der geliebten Frau niemals verwinden konnte. Er bet├Ąubte seinen Schmerz mit rastloser Arbeit, soda├č er bald zu den drei reichsten M├Ąnnern des Landes gez├Ąhlt werden konnte. Diesem Reichtum und ihrem herzlichen Wesen sicherte der fast erwachsenen Evelyn einen umfangreichen Bekanntenkreis aus den angesehensten Familien der Stadt. Nur einen Freund, einen zuk├╝nftigen Ehemann, konnte sie nicht finden.
Nach der Verlobung ihrer besten Freundin sch├╝ttete ihr Evelyn eines Tages dann ihr Herz aus. Die Freundin versuchte, sie zu tr├Âsten, so gut sie konnte, dass sie n├Ąmlich bei ihrem Reichtum mit Sicherheit bald einen Mann finden w├╝rde. Aber Evelyn erwiderte: "Einen Mann ja, aber ob er mich auch liebt?" Und ob dieses Zweifels unterzog sie sich einer Operation, die wenigstens ihr Gesicht und ihre H├Ąnde von den scheu├člichen Warzen befreien sollte. Die Warzen wurden auch restlos entfernt, aber an den Narben wuchsen Wucherungen, denen mit keinem Mittel beizukommen war. Evelyn wurde unansehnlicher als je zuvor. Nur ihr Mund war verschont geblieben. Sie gew├Âhnte sich an, eine gro├če dunkle Brille zu tragen, verdeckte die Stirn mit einer modischen Ponyfrisur und versuchte, das restliche Gesicht hinter einem Seidenschal zu verbergen. An Spiegeln ging sie sehr schnell vor├╝ber. Entspannung fand sie nur auf einsamen, ausgedehnten Waldspazierg├Ąngen, beim Klavierspielen und beim Malen.

4. Kapitel

Der alte Graf wankte durch die Halle. Die Haush├Ąlterin fragte sich: "Ist er nur betrunken oder ist es etwas Ernstes?" Sie kochte sicherheitshalber eine starke Tasse Kaffee und trug sie in das Zimmer des Herrn Grafen. Er sa├č apathisch in seinem Sessel und reagierte nicht auf die Anwesenheit der besorgten Frau.
Am n├Ąchsten Tag wurde das Mobiliar f├╝r den Verkauf aussortiert und der Graf bezog mit seinem Sohn eine Mietwohnung in der Stadt. B├Ârsenspekulationen hatten auch die letzten Reste der gr├Ąflichen Finanzen aufgezehrt. Nun mussten sie beide von dem Gehalt leben, das der junge Graf bei der Firma Dankwart bezog. Der alte Graf hatte au├čer Tennis, Golf und Kartenspielen nichts gelernt und beschwor seinen Sohn, recht bald eine reiche Frau zu heiraten, damit der alte Edelmann seinen Verpflichtungen weiterhin nachkommen k├Ânnte, die ihm aus seinen diversen Gesch├Ąften am Rande der Legalit├Ąt erwuchsen.
Die Gr├Ąfin, die den einzigen Familienspross streng katholisch erzogen hatte, war vor drei Jahren gestorben aus Gram und Verzweiflung ├╝ber den Lebenswandel ihres Gatten, der sein Erbe so wenig f├╝r den Sohn zu bewahren wusste. Deshalb hatte sie darauf gedrungen, dass der Junge studierte, damit er sp├Ąter selbst f├╝r seinen Unterhalt sorgen konnte.
Doch nun musste er auch noch f├╝r seinen Vater und dessen Schulden aufkommen. Er arbeitete wie besessen, denn er wollte keine Ehe ohne Liebe eingehen. Die reichen Damen, die der Vater ihm nannte, interessierten ihn nicht im geringsten. Es war kein M├Ądchen nach seinem Herzen dabei.
Eines Tages sagte der alte Graf in aller Schonungslosigkeit: "H├Âr mal zu, mein Lieber, es wird jetzt wirklich allerh├Âchste Zeit, dass du heiratest. Das wenige, das du mit deiner Arbeit verdienst, reicht nicht hinten und nicht vorn. Ich verstehe ├╝berhaupt nicht, wieso du jeder Damenbekanntschaft aus dem Weg gehst! Du bist jung, gebildet und gut gewachsen, was will eine Frau mehr? Die Tochter deines Brotherrn z.B. ist so h├Ąsslich, dass sie ihrem Sch├Âpfer auf Knien danken m├╝sste, wenn sie einen Mann wie dich bekommen k├Ânnte! Und sie hat zehn Millionen Mitgift! Zehn Millionen! Da musst du dich sogar noch beeilen, wenn du die haben willst, denn bei solch einer Summe gibt es bestimmt etliche Bewerber, denen das Aussehen der Braut v├Âllig egal ist! Bei der Trauung ist sie verschleiert und sp├Ąter kann man ihr aus dem Weg gehen, wenn man sie erst mal sicher zu Hause hat und ├╝ber das Geld verf├╝gen kann. Sieh zu, dass du sie schnappst, und m├Âglichst gestern, denn sonst sehe ich schwarz f├╝r dich und deine Zukunft, unsere Geldreserven sind endg├╝ltig ersch├Âpft!"
Bernhard von Brockingen war entsetzt ├╝ber den Zynismus seines Vaters. So kannte er ihn gar nicht! "Wie die Not doch einen Menschen verwandeln kann!", dachte er erstaunt. Und dann voller Zorn: "Daran bist du selbst Schuld mit deinen Spielen und unsicheren Gesch├Ąften, mein lieber Herr Vater!" Aber er entgegnete nichts. Es war ihm zu entw├╝rdigend. Er wollte lieber versuchen, mit seinen fundierten Kenntnissen und Gottes Hilfe durch unerm├╝dliche Arbeit sich und seinen Vater ehrlich durchs Leben zu bringen. Er war schon froh, dass sein Vater kein Trinker war und sich auch nicht mit leichtsinnigen M├Ądchen umgab.
Irgendein M├Ądchen zu heiraten, nur weil es reich war, das widerstrebte ihm zutiefst. Er empfand das f├╝r beide Beteiligten als ungerecht und entw├╝rdigend, als einen unmenschlichen Akt aus vergangener Zeit. Er hatte die Tochter seines Chefs einmal fl├╝chtig gesehen bei einem ihrer h├Âchst seltenen Besuche in der Firma und wusste somit, dass sie ein ├Ąu├čerst bedauernswertes Gesch├Âpf war. Sollte sich ruhig ein anderer an den Millionen laben! Er wollte auf die Frau warten, die er von ganzem Herzen lieben k├Ânnte. Er konnte nicht ahnen, da├č sich Evelyn bei dieser fl├╝chtigen Gelegenheit unsterblich in ihn verliebt hatte . . .

5. Kapitel

Evelyn verlie├č fr├Âhlich das B├Âro ihres Vaters. Es war ihr gelungen, ihn dazu zu ├╝bereden, den alten, inzwischen v├Âllig verwilderten Stadtpark auf Firmenkosten umgestalten zu lassen. Sie hatte die Entw├╝rfe mehrerer angesehener Umweltplaner in der Tasche. Ihr Vater hatte den nach seiner Meinung g├╝nstigsten abgesegnet. Evelyn hatte sich verpflichtet, den Fortgang der Arbeiten und die Verwendung der Gelder genauestens zu ├╝berwachen. Herr Dankwart kannte die Zuverl├Ąssigkeit seiner Tochter und wusste somit, dass die Stadt binnen kurzem eine neue Augenweide haben wird.
Beschwingt durch den Erfolg und die Aussicht auf eine ebenso freudvolle wie allgemeinn├╝tzige Arbeit durchma├č sie den Korridor, doch dann verlangsamte sie unwillk├╝rlich ihren Schritt. Wer kam ihr da entgegen? Wer war dieser gutaussehende junge Mann? Nat├╝rlich kannte sie nicht s├Ąmtliche Mitarbeiter der Firma, aber zumindest doch diejenigen, die sich in der Chefetage tummelten. Sie starrte ihn unverwandt an und erkannte: Das ist ER! Das ist der Mann, f├╝r den sie in diese Welt hineingeboren worden war! Der Mann, der ihre Bestimmung ist! Sie erwiderte mechanisch seinen korrekten Gru├č und lie├č ihn vor├╝bergehen, ganz benommen von der schicksalhaften Begegnung. Die viel gepriesene Liebe auf den ersten Blick. Wem begegnet sie schon? Und wieviele halten das, was sie empfinden, anfangs f├╝r dieses m├Ąrchenhafte Gef├╝hl, bis sie einem anderen Partner begegnen . . .
F├╝r Bernhard war es eine Nichtigkeit, f├╝r sie aber war es der Wendepunkt ihres Lebens. Sie war inzwischen vierundzwanzig Jahre alt und emanzipiert genug, um durch einen Privatdetektiv alles in Erfahrung zu bringen, was es ├╝ber die von Brockingens zu erfahren gab. Sie war voller Bewunderung f├╝r den strebsamen und gutaussehenden jungen Mann, der so tapfer und edel f├╝r sich und seinen Vater sorgte. Ihre Gedanken kreisten von nun an unabl├Ąssig um ihn und seine Sorgen, aber sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie ihm unauff├Ąllig helfen k├Ânnte, sie war nun mal leider keine gute Fee, sondern nur ein Mensch aus Fleisch und Blut.

6. Kapitel

Eines Tages kam ein langgedienter Ingenieur zu Bernhard von Brockingen ins B├╝ro und sagte: "Es ist leider so, dass ich nun aus gesundheitlichen Gr├╝nden aus dem Arbeitsprozess ausscheiden mu├č. Mein Arzt erlaubt es mir nicht l├Ąnger, zu arbeiten. Ich habe meinen Schreibtisch bereits ger├Ąumt. Aber vor einiger Zeit hatte ich Ihrem Vorg├Ąnger eine Mappe gegeben mit der Beschreibung eines neuen Produktionsverfahrens. Da es hier nicht angewendet wird, bitte ich um die R├╝ckgabe meines geistigen Eigentums. Vielleicht kann ich es anderweitig ver├Ąu├čern, um die knappe Invalidenrente ein wenig aufzubessern." Bernhard von Brockingen ├Âffnete den Aktenschrank und fragte nach dem Aussehen der Mappe. Der Ingenieur beschrieb sie eingehend, doch sie war unauffindbar. Von Brockingen versprach, nach der Mappe zu forschen und sie unverz├╝glich zuzusenden. Damit gab sich der Ingenieur zufrieden und ging.
Nach Feierabend r├Ąumte von Brockingen den Schrank v├Âllig aus, sortierte alles neu ein, wendete jedes Blatt und fand die Mappe nicht. Sein Vorg├Ąnger war ihm als leicht senil in Erinnerung, er traute ihm nicht zu, die Mappe veruntreut zu haben, er konnte sie nur vergessen haben, irgendwo abgelegt und vergessen. Er versuchte, sich in die Logik seines Vorg├Ąngers hineinzuversetzen: Wo bewahrt man etwas Wichtiges auf? Im Panzerschrank! Er ├Âffnete den selten benutzten Safe und da lag die Mappe, schon leicht angestaubt, im untersten Fach.
Nun er soviel M├╝he aufgewendet hatte, das Dokument zu finden, wollte er auch wissen, was es enthielt. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, las die Unterlagen gr├╝ndlich durch und stellte fest, da├č dieses neue Produktionsverfahren der Firma einen enormen Profit bringen w├╝rde bei geringstem Kostenaufwand, denn der Ingenieur hatte jede auch noch so kleine Ver├Ąnderung bereits standortgenau durchgerechnet.
Diese Erkenntnis verschaffte von Brockingen eine unruhige Nacht. Er spielte mit dem Gedanken, sich selbst als Autor auszugeben und die Dividende f├╝r die hervorragende Verbesserung einzustecken. Am n├Ąchsten Morgen war er wie zerschlagen. Er lie├č sich einen Termin bei Herrn Dankwart geben, legte die Mappe des Ingenieurs vor, erl├Ąuterte alle Einzelheiten und freute sich ├╝ber die Flexibilit├Ąt des alten Firmenchefs, der sofort alle Vorteile erkannte und das Verfahren lieber heute als morgen in seiner Firma angewendet sehen wollte. Als Herr Dankwart ihm zu dem Geistesblitz begl├╝ckw├╝nschen wollte, blieb er bei der Wahrheit und nannte den alten Ingenieur als Autor. Herr Dankwart wunderte sich laut dar├╝ber, da├č ihm dieser phantastische Verbesserungsvorschlag nicht schon bei seiner Einreichung bekannt gemacht wurde und in Gedanken ├╝ber die Korrektheit und Loyalit├Ąt des von Brockingen. Wieviele Leute h├Ątten in dieser Situation ganz anders gehandelt, um zu Geld und Ansehen zu gelangen!
Am anderen Tag suchte Herr Dankwart selbstpers├Ânlich den alten Ingenieur auf, um ihm f├╝r seine langj├Ąhrige gute Mitarbeit zu danken und ihm seine Erfindung f├╝r eine Summe abzukaufen, die ihm eine ausreichende Altersversorgung sicherte.
Am Abend erz├Ąhlte er dann in bester Laune bei einem Glase guten Weines seiner Tochter von diesem hervorragenden Mitarbeiter, der der Firma schon w├Ąhrend seiner relativ kurzen Besch├Ąftigungsdauer so viel Nutzen gebracht hat. "Ich weiss ├╝berhaupt gar nicht, wie ich dem Mann danken soll", sagte Herr Dankwart ├╝berschwenglich. "Lohnerh├Âhung hat er schon bekommen - du wei├čt, das bekommt jeder nach sechs Monaten, als Anreiz, l├Ąnger zu bleiben in der Hoffnung, dass es alle halbe Jahr Lohnerh├Âhung gibt oder zumindest doch bei au├čergew├Âhnlichen Leistungen - , also, ich kann ihn doch wohl nicht auf Grund seiner absoluten Ehrlichkeit zum Teilhaber machen!"
Herr Dankwart hatte das als Scherz gesagt und kicherte, er wollte seine Tochter endlich einmal wieder lachen sehen. Sie erkannte seine Absicht und zeigte ein inniges, herzliches L├Ącheln, denn - au├čerdem - hatte der Mann, den sie liebte, nun auch noch ihren Vater erfreut! Vertr├Ąumt sagte sie nach einer Weile: "Eigentlich bist du doch wie ein K├Ânig in der Firma, und im M├Ąrchen bekommt der Held immer die Tochter des K├Ânigs zur Frau. Frag ihn doch einfach, ob er mich nicht heiraten m├Âchte. Ich bin gewiss, er stimmt dem zu." Herr Dankwart setzte verdutzt sein Glas auf den Tisch. Er wusste nicht, ob er lachen oder schelten sollte. Was war das? Seine Tochter neigte doch sonst nicht zu Caprizen! Er fragte vorsichtig: "Meinst du das ehrlich, Kind?" Auch Evelyn stellte ihr Glas ab, sah ihrem Vater direkt in die Augen und sagte mit heiligem Ernst: "Ja, Vater!"
Sie war selbst erschrocken ├╝ber ihren Mut, aber dies war die einzig reale M├Âglichkeit, den jungen Mann aus seinen finanziellen Schwierigkeiten zu erl├Âsen und die sch├Ânste Gelegenheit f├╝r sie selbst, gl├╝cklich zu werden!
Herr Dankwart ├╝berlegte sich am anderen Tag sehr genau, in welche Worte er die Werbung seiner Tochter kleidete, dennoch bat von Brockingen sich Bedenkzeit aus, wof├╝r der Vater volles Verst├Ąndnis zeigte.
Am Abend jedoch machte der alte Graf seinem Sohn die H├Âlle hei├č wie nie zuvor. Bernhard begriff mit Schrecken, da├č sie in den n├Ąchsten Tagen sogar diese sch├Ąbige Mietwohnung verlieren w├╝rden, wenn nicht von irgendwoher Geld kommen w├╝rde, viel Geld!
Er verfluchte seinen Vater innerlich, aber es war sein Vater, und er bemitleidete ihn daf├╝r, da├č er es nicht verstanden hatte, zu leben wie ein gew├Âhnlicher Mensch. In dieser Zeit, wo ein Graf nicht mehr als alle anderen B├╝rger galt, war es besch├Ąmend, da├č er nichts weiter konnte als spekulieren und Karten spielen. Nun war ihre Lage so prek├Ąr, da├č es auch nichts mehr gen├╝tzt h├Ątte, wenn der alte Graf irgendwo irgendeine Arbeit gefunden h├Ątte. Es kam jetzt nur auf eine gro├če Summe Geldes an, um sie vor dem absoluten Abstieg zu erretten. Auf Fortuna zu hoffen, hatte nun selbst der alte Graf aufgegeben, denn die Gl├╝cksg├Âttin hatte ihn ja all die vielen Jahre stets ignoriert. Also vereinbarte Bernhard von Brockingen f├╝r den ├╝bern├Ąchsten Tag ein Rendezvous mit der Erbin der Dankwart-Werke, um die Ernsthaftigkeit des Antrags zu pr├╝fen. Es war der letzte Strohhalm, den es zu ergreifen galt. Bernhard verabscheute sich selbst bei diesem Gedanken, aber wenn das M├Ądchen selbst es wollte - warum sollte er dann z├Âgern? Wenn sie bereit war, ohne Liebe zu heiraten . . . Er konnte nicht anders, er wurde von den Umst├Ąnden gezwungen. Er war in der gr├Â├čten Verlegenheit, was er mit dem M├Ądchen reden sollte, aber sie mu├čten einen Konsens finden. Er vertraute insgeheim auf sie, auf ihre Intelligenz, auf ihr Herz. Sie hatte die entscheidende Frage gestellt, sie sollte nun auch wissen, wie es weitergehen soll.

7. Kapitel

Die vereinbarte Stunde war nahe. Bernhard von Brockingen besa├č nur den Anzug, den er t├Ąglich trug. Der einzige Luxus, den er sich hatte leisten k├Ânnen, war eine moderne Krawat-te. Er band sie um und dachte: "Hoffentlich hat sie nicht ausgerechnet heute so ein ├╝bertrieben luxuri├Âses Kleid an! Hoffentlich ist sie nicht mit Schmuck beladen wie ein Weihnachtsbaum! H├Ąssliche Frauen versuchen doch auf diese Weise einen Ausgleich zu schaffen . . . Hoffentlich benimmt sie sich nicht wie eine Glucke, die ihr K├╝cken ausf├╝hrt! Hoffentlich hat sie nicht wie fast alle reichen D├Ąmchen nur Stroh im Kopf!" Mit gemischten Gef├╝hlen ging er zu dem Treffpunkt, einen Strau├č Rosen unterschiedlicher F├Ąrbung in der Hand.
Evelyn war den ganzen Tag ├╝ber das reinste Wechselfieber. Himmelhochjauchzend und zu Tode betr├╝bt verunsicherte sie das gesamte Personal. Am Abend vor dem Rendezvous nahm sie ein starkes Schlafmittel, weil sie f├╝rchtete, unausgeruht dem Mann ihres Lebens gegen├╝bertreten zu m├╝ssen. Es half nicht viel. Sie war vom fr├╝hen Morgen an hoch erregt, kleidete sich mehrfach um und entschied sich letztendlich f├╝r ein schlichtes, schwarzes, durchgekn├Âpftes Kleid mit Stehkragen. Dazu trug sie ihre ├╝blichen schwarzen Str├╝mpfe und flache schwarze Schuhe. Sie frisierte ihr gl├Ąnzendes, kastanienbraunes Haar sorgf├Ąltig und ging klopfenden Herzens und mit weichen Knien zu diesem Date, das sie stets ersehnt, doch nie f├╝r m├Âglich gehalten hatte.
Er begr├╝├čte sie mit einem Handku├č und ├╝bergab ihr den Rosenstrau├č. Sie bekam vor Aufregung kein Wort heraus. Es war so traumhaft sch├Ân, neben ihm zu gehen, ihm so nahe zu sein!, da├č es ihr fast den Atem nahm. Sie schritt wie auf Wolken, in steter Versuchung, den Blick tief in seine Augen zu senken, die Arme um seinen Nacken zu schlingen und den geliebten Mann ihren bebenden K├Ârper sp├╝ren zu lassen. Sie bezwang sich und lie├č sich von ihm zu einem gem├╝tlichen Gartenlokal f├╝hren, wo bei einem Glase Wein alles in Ruhe beredet werden konnte.
Bernhard von Brockingen sch├Ąmte sich au├čerordentlich, aber es half ja alles nichts, diese Frau war seine einzige Rettung. Er sp├╝rte, da├č sie ihn wahrhaft liebte, aber das machte die Sache durchaus nicht leichter. Er war nur froh, da├č ihm niemand den Vorwurf der Verf├╝hrung machen konnte. So fasste er sich endlich ein Herz und begann die Unterredung: "Gn├Ądiges Fr├Ąulein, Ihr Herr Vater meinte, dass ich es wagen darf, um Ihre Hand anzuhalten. Das m├Âchte ich nat├╝rlich nicht tun, ohne zuvor mit Ihnen dar├╝ber geredet zu haben. Ist es wirklich in Ihrem Sinne, meine Frau zu werden?" Evelyn err├Âtete leicht und sprach: "Dieses Gespr├Ąch halte auch ich f├╝r sehr wichtig, denn ich m├Âchte, dass wir in Harmonie miteinander leben. Wenn wir jetzt also feststellen, dass wir keine gemeinsamen Interessen haben, dann m├Âchte ich wenigstens Ihre Interessen kennen, um Ihnen nicht ungewollt Kummer zu bereiten." Er betrachtete sie mit gro├čem Ernst und fragte: "Sie sind also fest entschlossen, mich zu heiraten? Darf ich fragen, warum?" Sie l├Ąchelte und errr├Âtete zutiefst, dann sagte sie leise: "Vielleicht ist es gar nicht so gut, wenn ich jetzt einfach ganz ehrlich sage, dass ich Sie liebe . . . aus tiefstem Herzen liebe!"
Er hatte seit wenigen Minuten diese Antwort bef├╝rchtet, jedoch nicht damit gerechnet, dass sie ihn derart treffen w├╝rde. Dieses M├Ądchen empfand bereits das, wonach er in seinem Herzen noch suchte. Er dachte an die Worte seiner alten Tante, dass Gew├Âhnung in der Ehe Liebe zeugen kann. Aber darauf w├╝rde Evelyn wohl lange warten m├╝ssen, denn vorerst empfand er nicht mehr als Mitleid mit diesem unansehnlichen Gesch├Âpf, das ihn hier mit gro├čen blanken Kinderaugen anhimmelte.
Der Ober kam mit dem Wein und enthob Bernhard so der Gegenrede. Als die Gl├Ąser vollgeschenkt waren, schlug er Evelyn vor, auf "Du" zu trinken. Sie nannten einander ihre Vornamen (den Konventionen folgend und nicht, weil es n├Âtig gewesen w├Ąre, jeder in der Firma wusste, dass die Tochter des Chefs Evelyn hie├č, und Evelyn hatte, nachdem sie Bernhard zum erstenmal sah, nichts Eiligeres zu tun, als seinen Namen in Erfahrung zu bringen). Bernhard legte einen Arm um ihre schmalen Schultern. Sie schloss selig die Augen und empfing den ersten Kuss von einem Menschen, der nicht zu ihrer Familie geh├Ârte, von einem Menschen, der erst durch sie zur Familie geh├Âren wird.
Ein hei├čer Schauer ├╝berrieselte sie. Die ganze Welt versank um sie her, es gab nur noch diesen Mann, den sie jetzt Bernhard nennen durfte, der ihr Rosen geschenkt hatte, der sie gek├╝sst hatte und den sie heiraten wird, sobald als m├Âglich. Auch Bernhard war ein wenig verwirrt, so hatte sie Zeit, die Situation voll auszukosten. Dann redeten sie ├╝ber alles m├Âgliche, und Bernhard bemerkte dabei mit gro├čer Befriedigung, dass ihr Horizont weit ├╝ber den der gew├Âhnlichen Frauen hinausreichte. So konnte er hoffen, als Ehemann nicht mit s├Ąmtlichem h├Ąuslichen Kleinkram bel├Ąstigt zu werden. Er konnte wohl in dieser Ehe ruhigen Gem├╝ts in die Zukunft blicken.
Seine ehemaligen Teeny-Freundinnen hatten ihm stets zu erkennen gegeben, dass sie vor Stolz platzen w├╝rden, wenn sie eines Tages den stolzen Namen "von Brockingen" tragen d├╝rften, Evelyn aber gab ihm das Gef├╝hl, dass sie ihn auch dann heiraten w├╝rde, wenn sie dadurch den unm├Âglichsten Namen der Welt bek├Ąme.

8. Kapitel

Sie trug ein traumhaft sch├Ânes, kn├Âchellanges wei├čes Musselinkleid mit langem wei├čen Schleier, der auch ihr Gesicht verh├╝llte. Sie verzichtete auf jeglichen Schmuck und trug nur den Hochzeitsstrau├č aus f├╝nfundzwanzig glutroten Rosen. Sie war die gl├╝cklichste Braut, die je in der St. Nikolaus-Kirche kniete. Sie sprach die Hochzeitsformel mit klarer Stimme und empfing mit selig geschlossenen Augen den zarten Kuss des ernsten Mannes, den sie w├Ąhrend der letzten vier Wochen v├Âllig neu einkleiden lie├č, ohne dabei seine Gef├╝hle zu verletzen.
Heute trug er einen schwarzen Anzug aus gutem Stoff, denn einen Smoking wollte er nicht. Dieses Kleidungsst├╝ck repr├Ąsentierte in seinen Augen eine vergangene Epoche, die man im Sinne der Menschlichkeit besser nicht restaurieren sollte.
Auf der prunkvollen Hochzeitsfeier im Hause der Dankwarts tanzte er fast ausschlie├člich nur mit der Braut, die dar├╝ber sehr gl├╝cklich war.
Es war ein sch├Ânes, harmonisches Hochzeitsfest. Das junge Paar erhielt unz├Ąhlige wertvolle Geschenke. Der alte Graf konnte sich kaum sattsehen an der Pracht und tr├Ąumte davon, da├č auch er in der riesigen Dankwart-Villa w├╝rde wohnen k├Ânnen.
Ganz aus dem H├Ąuschen geriet er aber am n├Ąchsten Tag, als sein Sohn ihm er├Âffnete, da├č er bereits ├╝ber die H├Ąlfte der Millionenmitgift verf├╝gen durfte. Er hatte sie sogar als Bargeld bei sich. Sogleich teilte der Graf das Geld in viele kleine H├Ąufchen und adressierte sie an seine Schuldner. Fassungslos konstatierte der Sohn, da├č nur wenige Geldst├╝cke ├╝brig blieben. Er ging in sein B├╝ro, der Vater aber trug seine Schulden aus.
Als er alle Wege erledigt hatte und endlich als schuldenfreier Ehrenmann in den Spiegel schauen konnte, war er so wacklig auf den Beinen und f├╝hlte sich so schlapp, dass er beschlo├č, sich zu Bett zu begeben. All die Aufregungen waren zuviel gewesen, erst diese Hochzeit, an deren Zustandekommen er schon nicht mehr geglaubt hatte, da er die Einstellung seines Sohnes zur Gen├╝ge kannte, und das Hochzeitsmahl war so gut und reichhaltig gewesen, dass er sich den Wanst vollgeschlagen hatte wie nie zuvor, und nun auch noch das viele Geld, das ihn schuldenfrei machte und ihm wom├Âglich noch ein sorgenfreies Auskommen sicherte! Er lie├č sich zum Auskleiden in einen Sessel sinken und wunderte sich, dass ihn statt des erwarteten Gl├╝cksgef├╝hls pl├Âtzlich Beklemmungen und Atemnot befielen. Fr├╝her h├Ątte er in ├Ąhnlicher Situation nach dem Personal geklingelt, aber in dieser sch├Ąbigen Mietwohnung hatte er keines.
Er durchlebte noch einmal alle Situationen, wie er im Laufe des Tages - Zick! alle seine Gl├Ąubiger befriedigt hatte, alle diese ├╝blen Gestalten, die schon nicht mehr daran geglaubt hatten, dass er jemals zahlen w├╝rde - oh, diese Gesichter auf Briefmarken, und die Post geht pleite! Statt des fr├Âhlichen Lachens, das er an dieser Stelle gern angestimmt h├Ątte, entrang sich seinem Hals nur ein qualvolles Kr├Ąchzen.
Wieder rang er nach Atem. Und es war niemand da, der ihm half. Er versuchte mit allen Mitteln, das ├ťbel zu bek├Ąmpfen, aber er konnte nicht einmal ein "Vaterunser" beenden, bevor sein Herz endg├╝ltig stillstand. So fand ihn am anderen Morgen die Haushaltshilfe.
Sie verst├Ąndigte sofort den jungen Grafen, der ├╝ber diesen Schicksalsschlag in gelinde Verzweiflung gest├╝rzt wurde, denn er glaubte, einen gewissen Zusammenhang zwischen seiner Heirat und dem Tode seines Vaters zu erkennen. Zwischen dem Abw├Ągen: "W├Ąre dieser Tod durch eine fr├╝here Heirat zu verhindern gewesen" und "H├Ątte mein Vater bei einer fr├╝heren Heirat sein Lotterleben fortgesetzt?" wurde Bernhard noch arbeitssamer und stiller als je zuvor.
Er lie├č nur wenige M├Âbelst├╝cke in die Villa Dankwart ├╝berf├╝hren, in seinen "goldenen K├Ąfig", wie er das nahezu f├╝rstliche Anwesen in seinem Inneren sarkastisch titulierte. Die Ehe mit dieser ungeliebten Frau erf├╝llte ihn von Tag zu Tag mit tieferer dumpfer Verzweiflung. Er vergrub sich f├Ârmlich in seiner Arbeit und kam jeden Tag sehr sp├Ąt nach Hause.
Am schlimmsten waren f├╝r ihn die Wochenenden. Er wusste schon fr├╝her nicht viel mit ihnen anzufangen, jetzt jedoch waren sie v├Âllig unertr├Ąglich. Bis Evelyn vorschlug, sonntags dem Gottesdienst beizuwohnen und die Familiengr├Ąber zu besuchen. Da war sie dann zwar neben ihm, aber sie achtete sein Schweigen und machte sich so unauff├Ąllig wie m├Âglich.

9. Kapitel

Allm├Ąhlich wurde Evelyn bewusst, dass sie sich mit dem geliebten Mann durchaus nicht auch das gro├če Gl├╝ck ins Haus geholt hatte. Nach ihrem ersten Rendezvous war sie durch das Haus get├Ąnzelt, fr├Âhlich und ausgelassen wie in den gl├╝cklichsten Kindertagen. Und das war auch noch viele Tage nach der Hochzeit so. Aber jetzt tat es allm├Ąhlich weh, da├č er selten mit ihr redete, sie kaum ansah und ihr keinerlei Z├Ąrtlichkeit gab. Sie hatte zwar durchaus Verst├Ąndnis daf├╝r, aber nachdem er ihr in der Hochzeitsnacht gezeigt hatte, was Z├Ąrtlichkeit ist, sehnte sie sich nach seinen H├Ąnden, nach seinen Lippen, nach seiner N├Ąhe! Dass er sich ihr entzog, verursachte ihr gro├čen Schmerz.
Bei der Hochzeit hatte sie sich geschworen, ihn gl├╝cklich zu machen, ihm nie zur Last zu fallen, ihm den Alltag zu versch├Ânen und seinen Kindern eine gute Mutter zu sein. Jetzt f├╝rchtete sie, dass nichts davon in Erf├╝llung gehen w├╝rde. Er lie├č sich nicht gl├╝cklich machen, sie sp├╝rte, dass ihre blo├če Gegenwart schon eine Last f├╝r ihn war, sie hatte kaum Gelegenheit, ihm den Alltag zu versch├Ânern und geschw├Ąngert hatte er sie auch nicht. Er achtete sie, und mehr konnte sie nicht erwarten.
Wenn er sp├Ątabends nach Hause kam, betrat er ihr gemeinsames Schlafzimmer auf Zehenspitzen, und wenn er fr├╝hmorgens aufstand, schlich er sich f├Ârmlich aus dem Haus. Sie hatte einen leichten Schlaf und sprang morgens sofort auf, um f├╝r sein Fr├╝hst├╝ck zu sorgen, doch er nahm sich die Mu├če nicht. Er lie├č es einwickeln und nahm es mit ins B├╝ro. Sie f├╝hlte sich wie die Frau eines Trappers und kostete hohnl├Ąchelnd das "Abenteuer" aus.
Wenn er heimkehrte, war sie gew├Âhnlich noch wach und versuchte, ihm Z├Ąrtlichkeit zu geben, doch er wies sie stets ab mit dem Bemerken: "Es war ein schwerer Tag heute. Ich bin sehr m├╝de. Lass mich bitte schlafen." Dann zog sie sich traurig und gehorsam auf ihre Seite des Ehebetts zur├╝ck und lauschte seinen allm├Ąhlich ruhiger werdenden, gleichm├Ą├čigen Atemz├╝gen.
Wenn er dann fest eingeschlafen war, stand sie h├Ąufig auf, um sein edles Gesicht im fahlen Schein des Mondes zu betrachten. In Gedanken bedeckte sie es mit hei├čen K├╝ssen, und sie hielt ihre H├Ąnde hinter ihrem R├╝cken fest, damit sie nicht ihrer Sehnsucht gehorchten. Mit gro├čer Wehmut betrachtete sie das m├Ąnnlich sch├Âne Antlitz und tr├Ąumte davon, mehr zu sehen, tr├Ąumte davon, seinen Leib zu streicheln und mit K├╝ssen zu bedecken . . .
Als er eines Abends wieder einmal sehr sp├Ąt nach Hause kam, war sie gerade im Begriff, zu Bett zu gehen. Seit langem sah sie ihn mal wieder bei normalem Licht. Die Falten auf seiner Stirn waren tiefer geworden, die Wangen schmaler, die ehemals gro├čen, sch├Ânen Augen schmale Schlitze. Der Anblick krampfte ihr Herz zusammen. Fast mechanisch streckte sie die Arme aus, um ihrem Mann beim Auskleiden behilflich zu sein. Bei der Jacke lie├č er es noch geschehen, aber als sie ihm das Hemd abstreifen wollte, sagte er: "Das kann ich doch allein." Sie bettelte: "Lass mir doch die Freude, ich bin doch deine Frau . . ." und versuchte, ihm einen Kuss auf die Schulter zu dr├╝cken.
Er setzte sich m├╝de auf die Bettkante und zog dann das Unterhemd ├╝ber den Kopf, warf es den anderen Sachen nach. Als er seine Hose aufkn├Âpfte, sp├╝rte er Evelyns z├Ąrtliche H├Ąnde auf seinem R├╝cken, was ihn gegen seinen Willen einen seligen Schauer versp├╝ren lie├č.
Er stand auf und l├Âschte das Licht. Er meinte, somit signalisiert zu haben, dass er jetzt schlafen will und sich jegliche St├Ârung verbittet. Aber das Licht zu l├Âschen hat - hihi! - noch eine andere Bedeutung! Er zog die Hose aus und sp├╝rte sogleich Evelyns suchende H├Ąnde. Er sagte den ├╝blichen Satz, der Evelyn sonst immer erfolgreich in die Schranken wies, doch heute war sie damit nicht zu bremsen. Sie bat: "Lass mich doch! Lass mich dich doch ein wenig streicheln! Ich liebe dich! Und wir sind verheiratet! Du bist so sch├Ân! Und so gut! Und ich lieb dich so sehr!" Bei diesen Worten war sie, um ihnen Nachdruck zu verleihen, bis an das Fu├čende der Bettstatt gerutscht, wo sie erschauernd seinen kalten F├╝├čen begegnete. Und schon hatte sie eine neue charitative Idee: "Ich w├Ąrm dir deine kalten F├╝├če, mein Liebling. Schlaf nur ruhig ein, schlaf ein, mein Liebling, schlaf! Du bist zu Hause, wo alles gut und sch├Ân und friedlich ist, schlaf!" Sie w├Ąrmte seine F├╝├če an ihrem Leib und mit ihren H├Ąnden und Lippen, und er war zu m├╝de, um sich der wohlt├Ątigen F├╝rsorge zu widersetzen. Als er eingeschlafen war, schmiegte sie sich hei├č an seinen R├╝cken und lag eine Weile still neben ihm, bis sie seines Tiefschlafs gewi├č war. Dann ging sie in ihr altes Zimmer, das sie eigentlich als zuk├╝nftiges Kinderzimmer geplant hatte, legte sich zu Bett und weinte sich leise in den Schlaf.
Am anderen Tag ordnete sie an, sein Schlafzimmer im anderen Teil des Hauses einzurichten, denn es konnte so nicht weitergehen. Sie hegte den Verdacht, dass er nur deshalb so sp├Ąt nach Hause kam, um ihr aus dem Weg zu gehen. Aber auf diese Weise ruinierte er seine Gesundheit. Das wollte sie nicht. Wenn sie schon auf alles Sch├Âne verzichten musste, dann sollte doch wenigstens er ausreichend Schlaf bekommen. Ihm gegen├╝ber stellte sie die Sache ganz anders dar. Sie wusste, dass er nur ihr Geld geheiratet hatte und dass sie ihm nichts bedeutete. Sie war ihm dankbar daf├╝r, dass er sie das nicht auch noch f├╝hlen lie├č. Er sollte sich nicht durch ihre Liebe und F├╝rsorge bel├Ąstigt und geknechtet f├╝hlen. Sie wollte sich nur an seinem Anblick freuen k├Ânnen, wenn sie ihn in ihrem gemeinsamen Wohnsitz sah. So spielte sie ihm also die zornige, einsame, vernachl├Ąssigte Ehefrau vor und endete die Tirade mit den berechnenden Worten: "Denke ja nicht, dass ich mich von dir scheiden lasse! Nur der Tod kann uns trennen!"
Bernhard war einigerma├čen erstaunt ├╝ber diesen Ausbruch, war aber froh, die Frau nicht mehr Nacht f├╝r Nacht neben sich zu wissen. Er dachte nicht l├Ąnger dar├╝ber nach und kam jetzt tats├Ąchlich fr├╝her nach Hause und schlief morgens l├Ąnger, je nachdem, wie die Belange der Firma es zulie├čen. Zwei- bis dreimal in der Woche begegnete er seiner Frau am Fr├╝hst├╝ckstisch. Sie bediente ihn ebenso zuvorkommend wie unauff├Ąllig, sprach aber nur das N├Âtigste mit ihm. Mit Befriedigung stellte sie fest, da├č seine Stirn sich allm├Ąhlich gl├Ąttete und die Wangen wieder voller wurden. An den Wochenenden zog sie sich in den nahe gelegenen Wald zur├╝ck (wenn er nicht eine Dienstreise anzutreten hatte) und fertigte Pastellzeichnungen nach der Natur, das beruhigte ihr Gem├╝t.
Evelyns Liebe lebte nur noch davon, Bernhard gelegentlich zu sehen. Oft zog sie ihr Tagebuch aus der Lade, um die Rosenbl├Ątter von seinem ersten Strau├č zu betrachten, die sie gepre├čt hatte und sorgf├Ąltig aufbewahrte, ebenso wie die Rosenbl├Ątter von ihrem Hochzeitsstrau├č. Mit wehm├╝tigem Blick streifte sie das gro├če Hochzeitsfoto, auf dem er so ernst in die Kamera blickte, als bef├Ąnde er sich eher auf einer Trauerfeier. Oft und oft hatte sie kleinere und gr├Â├čere Portraits von ihm gezeichnet, die nie ein L├Ącheln zeigten. Sie hatte ihn noch nie l├Ącheln sehen, geschweige denn lachen h├Âren. Sie bedauerte zutiefst, da├č sie ihm nicht mehr geben konnte, dass sie eben leider nicht die Frau war, die ihn gl├╝cklich machen k├Ânnte. Aber wenn sie daran dachte, dass er sie eines Tages verlassen k├Ânnte, da├č sie ihn nicht mehr sehen d├╝rfte, seine leise, aber sichere Stimme nicht mehr h├Âren d├╝rfte, traten ihr hei├če Tr├Ąnen in die Augen. Alles, alles wollte sie ertragen, wenn ihr nur seine Gegenwart bliebe.

10. Kapitel

Ihrem Vater gegn├╝ber behauptete sie stets, gl├╝cklich zu sein, aber er hatte da so seine Zweifel. Ein gl├╝cklicher junger Mensch lief n├Ąmlich nicht wie ein Gespenst durch das Haus. Ein gl├╝ckliches Paar verlebt die Wochenenden gemeinsam und nicht getrennt. Er freute sich nur ├╝ber den unerm├╝dlichen Arbeitseifer seines Compagnons. Dieser Eifer zeigte ihm, dass seine Tochter keinem Mitgiftj├Ąger zum Opfer gefallen war, sondern sich in einen anst├Ąndigen, ordentlichen Menschen verliebt hatte. Deshalb war er auch so diskret, niemals dem Verbleib der Mitgift nachzuforschen, zumal er auch bemerken konnte, dass der junge Mann so bescheiden blieb, wie er schon vor der Hochzeit war. Der Junge schien ├╝berhaupt keine Anspr├╝che zu haben und auch keinerlei Vergn├╝gungen nachzugehen!
Herr Dankwart war sehr froh dar├╝ber, zu wissen, da├č die Dankwart-Werke nach seinem Tode von einem w├╝rdigen Nachfolger gef├╝hrt werden w├╝rden. Er dachte jetzt immer h├Ąufiger an den Tod, denn mit seiner Diabetes wurde es von Monat zu Monat schlimmer. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie ihn hinwegraffte. Doch zuvor h├Ątte er so gern noch ein Enkelkind auf dem Arm gehabt . . .
Dazu konnte es nicht mehr kommen, denn eine ungen├╝gend desinfizierte Insulinspritze brachte ihm den Tod. Evelyn konnte nicht lange um ihn trauern. Ihr Liebeskummer war gr├Â├čer. Sie war beinahe froh dar├╝ber, dass sie ihren Vater nun nicht mehr bel├╝gen mu├čte. Wenn sie aber mit Bernhard am Grabe ihrer Eltern stand, dann nahm sie seine Hand und dr├╝ckte sie z├Ąrtlich. Bernhard wurde nicht aus ihr klug: Liebte sie ihn wie zuvor, trotz der getrennten Betten oder was spielte sie f├╝r ein Theater? Er fragte sie lieber nicht. Er war froh, dass sie sich nicht mehr bei ihm anschmiegte wie eine treue H├╝ndin und dass sie ihn nicht mehr zu liebkosen suchte. Er wusste nicht, was es sie kostete, sich so zu beherrschen. Er sah nicht, wie d├╝nn sie geworden war. Er wusste nicht, wie oft sie sich sp├Ąt in der Nacht zu ihm ins Zimmer schlich, um ihn anzusehen. Nur einmal, als er bereits seit zehn Monaten in diesem nun allein seinem Schlafzimmer schlief, wurde er wach, als sie in seinem Zimmer war. Ihre hei├če Sehnsucht hatte sie zu ihm getrieben. Ganz leise war sie eingetreten, ganz leise an sein Bett geschlichen, weil sie sah, da├č er tief und fest schlief. Sie sah, da├č seine F├╝├če unter der Bettdecke hervorlugten. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen und hauchte einen Kuss auf jeden Fu├č. Dann bezwang sie sich, erhob sich und deckte seine F├╝├če zu. Davon erwachte er. Sie entschuldigte sich verlegen: "Ich wollte nur sehen, ob du zu Hause bist!" und hoffte, dass er in dem fahlen Mondlicht ihr heftiges Err├Âten nicht sah. Er erwiderte ebenso schlaftrunken wie sarkastisch: "Wo soll ich denn anders hin?", kehrte ihr den R├╝cken zu und k├Ąmpfte mit der Bettdecke. Es war eine Standardausf├╝hrung und f├╝r Bernhard f├╝nf bis zehn Zentimeter zu kurz.
Am n├Ąchsten Tag lie├č Evelyn eine neue Bettdecke f├╝r ihn anfertigen und tauschte sie gegen die alte aus, nicht ohne sie vorher fest an ihr Herz gedr├╝ckt zu haben, in der ├╝berspannten Vorstellung, da├č er mit der neuen Bettdecke auch die W├Ąrme ihrer Liebe versp├╝ren w├╝rde. Seine alte Bettdecke legte sie - leicht zusammengerollt - in ihr Bett und umarmte sie des nachts. Sie bedeckte das Federkissen mit K├╝ssen und netzte es mit ihren Tr├Ąnen. Oft und immer wieder stellte sie sich vor, statt des Federbetts ihren geliebten Bernhard im Arm zu halten, sich bei ihm anzuschmiegen und seinen Hals, seinen R├╝cken und seine breiten Schultern mit hei├čen K├╝ssen zu bedecken. Die Erinnerung an seine tadellose Figur und an seine zarte, gepflegte Haut machte ihren Herzschlag rasen, doch sie hatte nicht mehr den Mut, n├Ąchtens zu ihm zu schleichen, aus Angst, da├č er sie harsch zur├╝ckweisen k├Ânnte. Sie wusste, dass er sittenstreng erzogen worden war und dass es daher sinnlos sein d├╝rfte, ihm anzubieten, alles, alles von ihr zu fordern. Liebend gern w├╝rde sie auch dem abartigsten Verlangen stattgeben, wenn sie ihm dadurch auch nur den Schimmer eines Gl├╝cksgef├╝hls geben k├Ânnte!

11. Kapitel

Wieder war es Sommer geworden. Evelyn fuhr in die Stadt, um ein paar Eink├Ąufe zu t├Ątigen. Der Tag war so sonnig und herrlich, dass selbst Evelyn vergn├╝gt aus dem Busfenster schaute. (Sie lie├č sich nur dann chauffieren, wenn es wirklich n├Âtig war. Sie liebte es, das pralle Leben zu sp├╝ren. Sie hatte schon sehr fr├╝h erkannt, dass die Leute wegschauten, wenn sie genug gesehen hatten, und trug ihre das Gesicht verh├╝llende Maskerade erhobenen Hauptes. Sollten die Leute doch denken, was sie wollten, sie verhielt sich still und unauff├Ąllig wie ein Mensch unter vielen.) Sie konstatierte: Wie herrlich da dr├╝ben im Park die jungen Rosenstr├Ąucher in voller Bl├╝te leuchten! Wie geschickt hatte man dort eine wahre Farbsymphonie komponiert aus Bl├╝ten ├╝ber wei├č und rosa bis hin zum kr├Ąftigsten rot! Aber was war das? Gab es in dieser Stadt einen Menschen, der ihrem Bernhard derart ├Ąhnlich sah? Es konnte nicht Bernhard sein. Er w├╝rde nicht um diese Zeit mit einer h├╝bschen jungen Frau am Arm im Park spazieren gehen. Und die beiden waren echt fr├Âhlich miteinander!
An der n├Ąchsten Station unterbrach Evelyn die Busfahrt, noch ganz geschockt von dem Gesehenen. Sie rannte f├Ârmlich in den Park, um Gewissheit zu bekommen: War es Bernhard oder war er es nicht? Ihr Unterbewusstsein signalisierte: Er war es! Doch sie wollte es genau wissen. Sie kannte diesen Park - sie hatte ja seinen Werdegang beaufsichtigt - , und wusste, wie seine Wege verliefen. Sie hatte gesehen, auf welchem Wege er mit der jungen Dame gegangen war. Sie erreichte in eilender Hast einen Querweg, hockte sich dort rasch hinter einen Rosenbusch und erblickte unmittelbar darauf das verliebte Paar. Es war Bernhards Anzug, es waren seine Schuhe, es war sein freiz├╝giger Gang, den sie immer so an ihm bewundert hatte; doch er trug Kopf und Schultern anders als sonst, und diesen heiteren Plauderton hatte sie auch noch nie bei ihm vernommen. Als die beiden an ihr vor├╝ber waren, blieb sie wie bet├Ąubt hocken. Nur sehr langsam kam sie wieder zu sich. Sie hatte ja gewusst, dass es eines Tages so kommen w├╝rde, aber sie hatte nicht geglaubt, dass es ihr so unendlich weh tun w├╝rde.
Sie verga├č all ihre Einkaufsabsichten und ging nach Hause. Auf dem langen Weg bei klarer Luft hatte sie Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. Sie bem├╝hte den selben Detektiv, der ihr seinerzeit alles ├╝ber die von Brockingens berichtet hatte, damit er ihr diesmal Informationen ├╝ber diese junge Frau an Bernhards Arm erbrachte.
Nach einer - f├╝r sie qualvollen, f├╝r den Privatschn├╝ffler jedoch eher l├Ąstigen Woche - erfuhr sie dann, dass es sich in diesem Fall um eine gewisse Anne D├Âring handelte, Vollwaise, besch├Ąftigt als Verk├Ąuferin in einem kleinen Schuhladen, ├Ąlteste von sechs Geschwistern, die sie seit vielen Jahren betreute und erzog. Diese Ausk├╝nfte gen├╝gten ihr nicht. Sie wollte auch wissen, wie Bernhard und Anne einander kennengelernt hatten, und wie Anne dar├╝ber dachte, mit einem verheirateten Mann Arm in Arm im Park spazieren zu gehen.
Auf die Antwort mu├čte sie vierzehn Tage lang warten, vierzehn qu├Ąlende Tage, die sie voller Nervosit├Ąt verlebte. Endlich berichtete der Detektiv: "Die beiden haben sich im letzten Winter kennen gelernt, weil Anne auf einer zugefrorenen Pf├╝tze ausrutschte und Ihrem Ehemann direkt vor die F├╝├če fiel. Er hatte ihr selbstverst├Ąndlich aufgeholfen und ihr auch den Schnee abgeklopft, und damit w├Ąre die Sache eigentlich erledigt gewesen, wenn Anne nicht bei dieser Gelegenheit ihr Portemonnaie verloren h├Ątte. Bernhard erblickte es erst, als sie schon in den Bus gestiegen und weit fortgefahren war. Aber die Adresse war in einem Seitenfach eingeschrieben. So fuhr er am n├Ąchsten Tag dorthin, um das fremde Eigentum zur├╝ckzugeben."
Der Verlust des Geldes traf Anne sehr empfindlich, hatte sie doch noch immer f├╝r drei Geschwister zu sorgen, die anderen waren schon selbst├Ąndig. Ihre Dankbarkeit r├╝hrte Bernhard zutiefst. Seit seiner Heirat hatte er es sich versagt, eine Frau auch nur eines Blickes zu w├╝rdigen. Er hielt fest an dem Sakrament der Ehe und h├Ątte niemals von sich aus die N├Ąhe einer anderen Frau gesucht. Und nun stand ihm ein derart bezauberndes Wesen gegen├╝ber! Ein fleischgewordener Engel! Entgegen seinem Gewissen verabredete er sich mit ihr zum n├Ąchsten Wochende zum Essen. Sie war in einem zu ihm passenden Alter, h├╝bsch, charmant und feinsinnig. Bernhard f├╝hlte sich in ihrer Gegenwart so wohl wie nie zuvor. Sie redeten ├╝ber alles m├Âgliche, harmlose Belanglosigkeiten ├╝ber Gott und die Welt, nur nicht ├╝ber Pers├Ân-liches. Anne wu├čte also nicht, dass sie mit einem verheirateten Mann spazieren ging. Sie fragte sich jedoch: Ist er nicht vielleicht doch verheiratet? Ein Mann mit derart vielen Vorz├╝gen konnte doch nicht ledig geblieben sein! Aber die wenigen Stunden ihres Beisammenseins machten sie so ├╝beraus gl├╝cklich, da├č sie alles andere verdr├Ąngte. Und sie taten ja auch schlie├člich nichts B├Âses. Er lud sie zum Essen ein oder ins Theater, selten zu einem Spaziergang, er hatte sie nie in seinen Arm genommen oder etwa gek├╝├čt, sie redeten miteinander, das gen├╝gte beiden. Aber wie lange wohl noch?
Evelyn hatte dank der exakten Recherchen des Detektivs genau pr├╝fen k├Ânnen, da├č es Liebe war, was die beiden verband, da├č es die echte, gro├če Liebe war, das einmalige Erlebnis ohne "wenn" und "aber". Die wahre Liebe, die einem Menschen - wenn ├╝berhaupt - nur einmal im Leben begegnete. Sie entlohnte den Detektiv und betrachtete das Foto, welches er ihr als Beweis f├╝r die Untreue ihres Mannes hinterlassen hatte, ein Foto, auf welchem die beiden sich gerade von einander verabschiedeten. Es war eine gestochen scharfe Nahaufnahme, und so sah sie recht deutlich auf Bernhards Gesicht Sehnsucht und Trennungsschmerz, auf Annes Gesicht jedoch eine geradezu kindliche Zuneigung, den Ausdruck von Treue und inniger Ergebenheit, eben genau das, was sie selbst f├╝r Bernhard empfand. Sie dr├╝ckte das Foto an ihre Lippen und seufzte: "Bernhard! Mein ├╝ber alles geliebter Bernhard! Ich verlange doch nicht, dass du mir treu sein musst! Du hast mich doch nie geliebt! Und du hast es nicht einmal vorget├Ąuscht; du bist dir und deinen nat├╝rlichen Gef├╝hlen treu geblieben! Ich liebe dich so sehr, ich liebe dich genauso, wie du bist, ich will keinen anderen, nie und nimmer! Aber du lebst doch nicht in einem Kloster, du kannst dich doch in jeder Beziehung frei bewegen! Bernhard, Geliebter! Es gen├╝gt doch wohl, dass ich ungl├╝cklich bin, warum denn du? Oh du mein Lieber! . . . Mein ├╝ber alles Geliebter! . . . " stammelte sie und dr├╝ckte ihre Lippen auf das Foto.
Seit sie wusste, da├č sie Bernhard so gar nichts, so absolut gar nichts geben konnte, hatte sie h├Ąufig an Selbstmord gedacht. Dann w├Ąre er frei, um wahrhaft gl├╝cklich zu werden. Doch Selbstmord ist S├╝nde, und au├čerdem w├╝rde die Polizei Nachforschungen anstellen. Sie w├╝rde wie seit altersher forschen: Wem n├╝tzt es? Und w├╝rde dann m├Âglicherweise glauben, dass es kein Selbstmord war, sondern dass ihr geliebter Bernhard sie in selbs├╝chtiger Weise get├Âtet h├Ątte, des vielen Geldes wegen. Oh nein, das sollte um keinen Preis geschehen! Sie musste es tun, wenn er weit weg war, damit man ihn nicht verd├Ąchtigen konnte.
Sie fuhr zu einem Reiseb├╝ro und buchte f├╝r Oktober eine S├╝dseereise f├╝r zwei Personen. Dann lie├č sie ihre alten Verbindungen spielen und sorgte somit daf├╝r, da├č Bernhard zu jenem Zeitpunkt auf genau dieser S├╝dseeinsel von einem relevanten Gesch├Ąftspartner erwartet wird, die Reise also unumg├Ąnglich ist. Am Abend berichtete sie ihm schw├Ąrmerisch von dem Plan, endlich einmal in die S├╝dsee zu reisen. Er zeigte sich nicht sehr erbaut davon. Er lag die halbe Nacht wach und ├╝berlegte, wie er dem entgehen k├Ânnte. Eine S├╝dseereise, gesch├Ąftlich, mit Ehefrau und allem Brimborium und Klimbim, also mit allem, was er verabscheute! Denn Evelyn war ihm noch immer eine Fremde, nicht das, was er als seine Ehefrau erw├╝nschte. Doch es galt, gemeinsame Interessen zu wahren. So stimmte er der Reise schweren Herzens zu. Er f├╝rchtete, auf der langen Fahrt immer wieder den treusorgenden Ehemann spielen zu m├╝ssen. Wof├╝r eigentlich? Sein Vater war tot, seine Schulden beglichen! Wozu noch das ganze Theater? Er war unendlich mutlos, hatte sein Leben ziemlich satt. Aber er hatte Anne kennen gelernt. Dieses s├╝├če, nahezu ├╝berirdische Gesch├Âpf. Er empfand gro├če Zuneigung zu ihr, konnte diesem Gef├╝hl jedoch nicht nachgeben, da er in konventioneller Gebundenheit verharrte.
Vier Tage vor Reiseantritt wurde Evelyn mit Magengeschw├╝ren ins Krankenhaus eingeliefert. Das kam ihr sehr gelegen, denn sie hatte solange nicht gewusst, mit welcher unauff├Ąlligen L├╝ge sie sonst Bernhard allein auf die Reise schicken sollte. Als er sie pflichtgem├Ą├č im Krankenhaus besuchte, sagte sie zu dem Thema S├╝dseereise ├╝berm├╝tig: "Nimm doch deine Sekret├Ąrin mit, es w├Ąre doch zu schade, die zweite Karte verfallen zu lassen!"
Diese Worte krallten sich in ihm fest. Anne w├╝rde nie in ihrem Leben die Gelegenheit zu solch einer exklusiven S├╝dseereise haben. Und er konnte sie leicht als seine Sekret├Ąrin ausgeben. Warum sollten sie beide nicht wenigstens ein paar Tage in ihrem Leben gl├╝cklich sein? Er entschloss sich, Anne mitzunehmen, praktisch als Abschiedsgeschenk. Auf der Reise h├Ątte er gen├╝gend Zeit und Gelegenheit, sie ├╝ber seine Verh├Ąltnisse aufzukl├Ąren. Er wollte nicht l├Ąnger mit der L├╝ge leben. Seine gute Erziehung erlaubte ihm nicht, ein ehebrecherisches Verh├Ąltnis zu haben, aber er konnte auch Annes Reizen nicht l├Ąnger widerstehen, und er konnte nicht von ihr erwarten, dass seine Geliebte bleiben m├Âchte.

12. Kapitel

Anne war hocherfreut ├╝ber die Gelegenheit, eine S├╝dseereise zu machen, obendrein in Begleitung des Mannes, den sie liebte. Sie ging gern auf das Spiel ein, seine Sekret├Ąrin zu sein, hoffte aber inbr├╝nstig, dass sie endlich ein intimes, kl├Ąrendes Gespr├Ąch f├╝hren w├╝rden. Es wurde Zeit, dass sie endlich erfuhr, wie er lebte, ob sich etwa ihr geheimer Verdacht best├Ątigte, da├č er verheiratet war. Aber ihr Gef├╝hl sagte ihr, dass er keinesfalls gl├╝cklich verheiratet sein konnte. Sie sp├╝rte, dass er sie ebenso hei├č liebte, wie sie ihn, da├č aber irgendetwas ihn daran hinderte, mit ihr zu leben. Sie ordnete ihre h├Ąuslichen Verh├Ąltnisse so, dass ihre Geschwister w├Ąhrend ihrer Abwesenheit nichts entbehren mussten, packte ihr K├Âfferchen und fuhr tats├Ąchlich mit Bernhard von Brockingen in die S├╝dsee.
Es war herrlich. Sie waren fr├Âhlich und unbeschwert wie Kinder, es verging kein Tag, wo Bernhard ihr nicht wenigstens ein Geschenk machte, seien es nun Blumen oder Schmuckst├╝cke oder andere Nettigkeiten, die ein Mann einer Frau als Liebesbeweise ├╝berbringt. Das kl├Ąrende Gespr├Ąch allerdings stand bis auf den letzten Tag aus, aber es musste sein. Bernhard nahm allen Mut zusammen und beichtete, dass Anne die erste wirkliche Frau in seinem Leben ist, dass er Evelyn nur geheiratet hatte, um seinen Vater vor der Schande zu bewahren und dass sie ihm nie irgendetwas bedeutet hatte, dass sie ihn aber - Gott wei├č, warum - liebte und nie in eine Scheidung einwilligen w├╝rde. Und dass er nicht imstande ist, mit Anne ein Leben in S├╝nde zu f├╝hren, sosehr er sie auch liebte. Sie hatte Verst├Ąndnis f├╝r seine Haltung und versuchte sogar, ihn zu tr├Âsten; dabei standen ihr selber Tr├Ąnen in den Augen. Bei ihren gegenseitigen Tr├Âstungsversuchen ergab es sich ganz nat├╝rlich und wie von selbst, dass sie diese letzte Nacht der Reise im selben Bett verbrachten.

13. Kapitel

Bernhard von Brockingen sa├č an seinem Schreibtisch und hatte den Kopf in beide H├Ąnde gest├╝tzt. Er war in den letzten Wochen um Jahre gealtert. Sein altes Allheilmitel, die Arbeit, half nicht mehr. Er musste unabl├Ąssig an Anne denken, die ihm stets wie ein reiner Engel erschienen war. Wieviel Verst├Ąndnis sie gezeigt hatte, als er ihr seine Situation schilderte! Wie unendlich s├╝├č jene einzige Liebesnacht ihres Lebens war . . . Wie schwer war ihm jeder Schritt auf ihrem letzten gemeinsamen Heimweg gefallen! Der Abschied hatte ihnen beiden fast das Herz gebrochen, aber er musste sein. Anne wollte und sollte ihr Gl├╝ck nicht auf dem Ungl├╝ck einer Anderen aufbauen, doch so wie Bernhards Herzschlag "Anne!" h├Ąmmerte, so t├Ânte der ihre "Bernhard". Und zwischen ihnen stand die Ehefrau, nur sie allein hatte nach dem Gesetz ein Recht auf Bernhard. Ein schwerer Seufzer entrang sich Bernhards Brust bei diesem Gedanken, und er h├Ątte liebend gern die Zeit zur├╝ckgedreht und gewartet, bis er die rechte Braut zum Traualter h├Ątte f├╝hren k├Ânnen, koste es, was es wolle. Nun aber konnte er nichts anderes tun, als seine geliebte Anne in sein t├Ągliches Gebet einzubeziehen.
Evelyn entging die Ver├Ąnderung ihres Mannes nicht. Sie beobachtete mit wachsender Verzweiflung die Verwandlung eines strahlenden Helden in ein kl├Ągliches H├Ąufchen Ungl├╝ck mit h├Ąngenden Schultern und schleppendem Gang. War ihre Idee, die beiden Liebenden in die S├╝dsee zu schicken, doch nicht so gut gewesen? Was, um alles in der Welt, war nur geschehen? Sie beschloss, es herauszufinden. Sie schminkte sich bis zur Unkenntlichkeit, zog ihre ├╝berdrehtesten Sachen an und besuchte den kleinen Schuhsalon, in welchem Anne arbeitete. Sie tat so, als w├Ąhlte sie ├╝beraus sorgf├Ąltig ein paar hochelegante Schuhe aus und beobachtete Anne dabei aus den Augenwinkeln ebenso unauff├Ąllig wie genau. Und ihr fiel auf, dass Anne von einem sonderbaren Ernst war, der sie viel ├Ąlter erscheinen lie├č. Sie machte einen absolut tragischen Eindruck. Obendrein stimmte irgendetwas mit ihrer Figur nicht.
Evelyn kaufte dem ├╝bereifrigen Ladenbesitzer zwei Paar s├╝ndhaft teure Schuhe ab. Als sie beim Verpacken derselben einen kleinen Moment warten mu├čte, wurde ihr schlagartig bewusst, was mit Annes Figur nicht stimmte: Sie wurde rundlich, weil sie schwanger war!
Wie in Trance ging Evelyn nach Hause. Ihr Hirn h├Ąmmerte: "Warum? Warum sind die beiden so ungl├╝cklich? Wei├č Bernhard ├╝berhaupt, dass er Vater wird? Und wie ist ihnen in dieser Situation zu helfen?" W├Ąhrend sie so herumgr├╝belte, kam sie an einer Gruppe Jugendlicher vor├╝ber, die aus einem Radiorekorder eine Witzkassette in voller Lautst├Ąrke abh├Ârte. Sie h├Ârte ungewollt den Gag: "Du sollst nicht eher brechen, ehe der Eimer da ist." So war der Sinn, aber der Komiker hatte es ausgesprochen: "Du sollst nicht ehebrechen". Sie ging unwillk├╝rlich noch langsamer. Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht ehebrechen! Das war es! Die beiden guten Katholiken Anne und Bernhard haben sich trotz ihrer gro├čen Liebe von einander getrennt, und das auch noch ihretwegen! Und Anne war schwanger! Ihr gegenw├Ąrtiger Gem├╝tszustand konnte sich negativ auf das Ungeborene auswirken . . .
Evelyn war h├Âchst verzweifelt. Sie lie├č die Schuhkartons zu Hause achtlos in eine Ecke fallen und setzte sich ersch├Âpft in einen Sessel. Sie zergr├╝belte sich das Hirn, wie sie mit Bernhard ├╝ber die anstehenden Probleme reden k├Ânnte, ohne sich dabei zu verraten, und vor allem, ohne ihn zu verlieren. M├╝de schminkte sie sich ab und zog sich aus, um zu baden. Mitunter hat man ja bei einem erfrischenden Bad auch eine z├╝ndende Idee . . . Doch leider klappt so etwas nicht auf Bestellung. Als das Wasser nicht mehr die erfrischende Temperatur hatte, stieg sie seufzend aus dem Bade und begann, sich abzutrocknen. Pl├Âtzlich stutzte sie: Was war denn das f├╝r eine gro├če rosa Wolke dort im Spiegel? Erschrocken trat sie n├Ąher. Sie, die sonst ihr Spiegelbild mied wie die Pest, stand mit offenem Munde da und betrachtete sich! Sie konnte nicht fassen, was sie sah. Sie erblickte im Spiegel einen makellos reinen Frauenk├Ârper, schlank und zart wie der einer Fee. Wo waren all die vielen kleinen, unendlich h├Ą├člichen schwarzen Warzen geblieben? Sie waren spurlos verschwunden, so, als h├Ątte es sie nie gegeben! Sie richtete den dreiteiligen Spiegel so aus, dass sie sich rundherum betrachten konnte und erblickte nicht eine einzige Warze mehr. Aufschluchzend lie├č sie sich auf den Hocker sinken und erinnerte sich an die freundlichen Worte des alten Professors: "Operieren wird gar nicht n├Âtig sein, liebes Fr├Ąulein Evelyn, solche nerv├Âsen Erscheinungen heilt gew├Âhnlich die Zeit!" Es war alles umsonst gewesen, die Operation, die ├ängste und all der andere Kummer . . . Aber die Wucherungen an den H├Ąnden und im Gesicht, die hatte sie noch! Wie b├Âsartig hatte sich alles gegen sie gewendet! Doch es ist sinnlos, mit dem Schicksal zu hadern.
W├Ąhrend sie sich in den Bademantel h├╝llte, h├Ârte sie Bernhard nach Hause kommen. Endlich fiel ihr nun ein, auf welche Weise sie ihn unauff├Ąllig auf Annes Zustand hinweisen konnte. Leise ein Liedlein summend zog sie ihr verf├╝hrerischstes Negligee an und ging in sein Zimmer. Sie ging ganz langsam, um sich unterwegs genauestens einzupr├Ągen, was sie zu ihm sagen wird und wie sie es sagen wird. Bernhard war eher erstaunt denn erfreut, sie zu sehen. Es hatte schon seit einiger Zeit keine Begegnung zwischen ihnen mehr stattgefunden, so, als gingen sie einander tunlichst aus dem Weg. Sie begr├╝├čte ihn mit einem entwaffnenden L├Ącheln, fragte ihn nach Neuigkeiten aus der Firma und zeigte ihm dann mit hochrotem Kopf ihre erstaunliche Neuigkeit. Er war ihr Mann und hatte gef├Ąlligst Freud und Leid mit ihr zu teilen! Sie f├╝hrte seine Hand ├╝ber ihren Leib, damit er auch sp├╝ren konnte, dass die scheu├člichen Warzen wirklich weg sind. Sie hatte gehofft, dass sie ihn auf diese Weise zu einer Liebesnacht verf├╝hren k├Ânnte, und ihre Rechnung ging auf. Bernhard zog sie in seine Arme, lie├č sich von ihr entkleiden und sie vollzogen zum zweitenmal die Hochzeitsnacht. Sie wusste nicht, wie sehr ihr K├Ârper jetzt Annes glich und dass sein Verlangen nur der Erinnerung an Anne entsprang. Und wenn sie es gewusst h├Ątte, w├Ąre es ihr auch egal gewesen.
Danach lagen sie noch eine Weile nebeneinander. Bernhard ├╝berlegte, wie er die ungeliebte Frau nun - ohne unh├Âflich zu sein - wieder aus seinem Bett bek├Ąme, und der gl├╝ckstaumeligen Evelyn zog der Gedanke durch den Kopf, dass sie jetzt m├Âglicherweise doch schwanger werden konnte! So fiel ihr auch endlich wieder der eigentliche Grund ihres Besuches ein, Bernhard zu Anne zu schicken, damit sein Kind nicht seelischen Schaden nimmt durch den beklagenswerten Zustand der Schwangeren. Es kostete sie einige Gehirnakrobatik, sich der S├Ątze zu erinnern, die sie sich auf dem Herweg eingepr├Ągt hatte und nun leichthin zu plaudern: "Erinnerst du dich an deine S├╝dseereise? Wenn du dasselbe damals mit deiner Sekret├Ąrin gemacht h├Ąttest, w├Ąre sie jetzt im f├╝nften Schwangerschaftsmonat. Da sp├╝rt man es schon, wenn sich das Baby bewegt. Das muss ein unerh├Ârt tolles Gef├╝hl sein, das neue Leben zu sp├╝ren, bevor es auf der Welt ist!" Sie machte eine kleine Kunstpause und plauderte weiter: "Du bist nun sicher sehr m├╝de, mein Geliebter. Da werde ich jetzt also rasch hin├╝ber in mein Bettchen gehen, damit wir beide in Ruhe schlafen k├Ânnen." Sie dr├╝ckte einen fl├╝chtigen Kuss auf seine Schulter, w├╝nschte ihm eine gute Nacht und ging. Bernhard brummte etwas, das mit etwas gutem Willen wie "Gute Nacht" klang und lag dann die halbe Nacht wach und dachte an Anne und da├č sie jetzt wom├Âglich in der Schwangerschaft auf sich allein gestellt sein k├Ânnte. Als er endlich seinen Schlaf fand, wurde er von einem schrecklichen Albtraum geplagt. Am n├Ąchsten Tag konnte er kaum die Stunde erwarten, wo der kleine Schuhsalon ├Âffnen w├╝rde. Er mu├čte Anne unbedingt sprechen und sich Gewi├čheit verschaffen.

14. Kapitel

"Fr├Ąulein Anne, Sie werden am Telefon verlangt!", sagte der Chef. Anne erschrak. War irgendetwas mit ihren Geschwistern? Sie fragte mit halb erstickter Stimme: "Von wem?" - "Der Herr hat seinen Namen nicht genannt", erwiderte der Chef ├╝ber die Schulter hinweg. Anne ging mit weichen Knien zum Apparat und nahm den H├Ârer auf. Sie meldete sich, der Stimme einen festen Klang gebend: "Ja, bitte, mit wem habe ich die Ehre?" Sie konnte es kaum fassen, als sie darauf Bernhards z├Ąrtliche Stimme h├Ârte, die sich nach ihrem Befinden erkundigte. Sie hatte nicht damit gerechnet, jemals wieder etwas von ihm zu h├Âren. Mit Tr├Ąnen in den Augen konnte sie nur stammeln: "Bernhard . . . Bernhard . . ."
Er legte konfus den H├Ârer auf, sagte zu seiner Sekret├Ąrin, dass er dringend etwas zu erledigen habe und dass sie bitte alle Verbindlichkeiten in seinem Namen vertagen solle, er k├Ânne im Moment nicht sagen, wann er zur├╝ckkommen wird. Die Sekret├Ąrin war sehr erstaunt. So etwas hatte sie in diesem Hause noch nicht erlebt!
Bernhard stieg eiligst in sein Auto und war bei dem Schuhgesch├Ąft angelangt, noch ehe Anne ihre Fassung vollends wiedergefunden hatte. Sie sanken einander in die Arme, ohne sich um die erstaunten Blicke des Chefs und der Kundschaft zu k├╝mmern. "Da werde ich Ihnen mal bis zum Mittag freigeben, wenn Sie so lieben Besuch haben!" sagte der Chef jovial. Anne wischte die Tr├Ąnen fort, ergriff flugs ihre Handtasche und stieg zu Bernhard ins Auto. Er fuhr in irgendeine kleine Seitenstra├če, wo sie in Ruhe ├╝ber alles reden konnten. Er bat Anne in r├╝hrender Weise um Verzeihung f├╝r alles, k├╝sste und streichelte sie und wusste doch noch immer nicht, wie er gleichzeitig eine Liebe und eine Ehe aufrecht erhalten k├Ânnte. Anne weinte vor Gl├╝ck, und Bernhard begann vor Hilflosigkeit ebenfalls zu weinen. Das einzige, was er in dieser Lage tun konnte, war Anne mit Geld zu versorgen, damit sie und das Kind alles N├Âtige haben w├╝rden und ihr zu versprechen, da├č er sie jeden Tag anrufen wird. Schweren Herzens sagte er: "Es ist besser, wenn wir uns nicht mehr sehen. Ich liebe dich, Anne, und ich werde niemals eine andere lieben, aber ich bin verheiratet, und solange diese Frau lebt, bin ich an sie gebunden . . ." Erneute Tr├Ąnen schnitten ihm die Worte im Hals ab. Anne erkannte seine Seelenqual und erz├Ąhlte ihm nichts von den fremdgehenden Ehem├Ąnnern, die es in ihrer Nachbarschaft zur Gen├╝ge gab. Z├Ąrtlich ergriff sie seine Hand und sagte: "Es ist wahrscheinlich auch nicht gut, wenn du jeden Tag anrufst, das w├╝rde nur meinen Chef stutzig machen und zu Sticheleien Anla├č geben. Es gen├╝gt, wenn du einmal in der Woche anrufst. Dann kann ich dir alles Wissenswerte erz├Ąhlen und die Versuchung wird so auch geringer gehalten. ├ťbrigens wei├č ich noch keinen Namen f├╝r unser Kind. F├Ąllt dir nicht vielleicht etwas H├╝bsches ein?" Ihm stand absolut nicht der Sinn danach, sich jetzt schon einen Namen auszudenken, wo man noch gar nicht wissen konnte, ob es ein Junge oder ein M├Ądchen wird, daher sagte er leichthin: "Ach, die Namensfindung will ich gern dir ├╝berlassen, auf diesem Gebiet bin ich nicht sehr bewandert." Sie lachten beide wie ├╝ber einen guten Scherz und kuschelten sich aneinander. Dann fuhr Bernhard mit Anne zu einem netten kleinen Lokal, um sie zum Essen einzuladen. Sie waren gl├╝cklich und unbeschwert und genossen jede Minute ihres Beisammenseins. Von nun an erkundigte sich Bernhard jede Woche einmal nach Annes Wohlergehen und er hatte ihr auch - f├╝r den Notfall - die Telefonnummer seines B├╝ros gegeben.

15. Kapitel

Bernhards Miene hatte sich wieder aufgehellt. Annes Schwangerschaft und auch die Geburt verliefen problemlos. Sie gebar eine gesunde, achteinhalb Pfund schwere Tochter, die sie Bernarda taufen lie├č. Der gl├╝ckliche Vater h├Ątte die kleine Familie gern finanziell v├Âllig sichergestellt, doch seine Gelder waren gebunden, und er konnte nicht wagen, vom Firmengeld zu nehmen; dar├╝ber wachten die Augen der Aktiengesellschaft. Evelyn und einige andere Hauptaktion├Ąre konnten jederzeit die Konten einsehen. So musste Anne sich letztendlich nach einem Babysitter umsehen und wieder arbeiten gehen. Da sie eine sehr gute Verk├Ąuferin war, war ihr der Job bei dem Schuhsalon erhalten geblieben. Ihre unm├╝ndigen Geschwister besuchten noch ihre Schulen, daher konnte sie keinem von ihnen ihr kleines T├Âchterlein anvertrauen. Aber in der Nachbarschaft gab es eine junge Kunststudentin, die gegen ein geringes Entgeld gern bereit war, auf das Baby aufzupassen.
Evelyn hatte die Entwicklung des Geschehens bis ins Detail verfolgt, abermals die Hilfe jenes Privatdetektives in Anspruch nehmend. Sie kontaktierte die Kunststudentin und bot ihr den doppelten Preis, wenn sie die kleine Bernarda jeden Tag zu ihr bringen w├╝rde, unter Versicherung, dass sie wie eine leibliche Mutter f├╝r das Baby sorgen w├╝rde. Nach langem Gewissenskonflikt ging die Kunststudentin auf den Deal ein. Und sie brauchte diesen Schritt nicht zu bereuen, denn Evelyn war die liebevollste und umsichtigste Ersatzmutti. Hatte sie sich doch selbst sehns├╝chtigst ein Kind gew├╝nscht! Ein Kind von Bernhard! Es entz├╝ckte sie, dass die Kleine Bernarda hie├č. Sie herzte und k├╝sste das Kind, als w├Ąre es ihr eigenes, brachte ihm alles bei, was sein Auffassungsverm├Âgen hielt und freute sich riesig an den Fortschritten. Wenn sie die Kleine der Kunststudentin abends ├╝bergab, teilte sie ihr alles getreulich mit, damit sie der Mutter dar├╝ber berichten konnte. Es war ihr daran gelegen, da├č die Studentin als zuverl├Ąssige, versierte Kraft angesehen wird, damit Anne ihr nicht das Vertrauen entzog.
Sie selbst wollte Bernhards Tochter so lange als irgend m├Âglich betreuen, da es ihr verwehrt blieb, ein Kind von ihm zu empfangen. Auch der zweite Versuch war leider fehlgeschlagen, wie sie nach einigen Wochen traurig zur Kenntnis nehmen musste. So war die kleine Bernarda ihr sch├Ânster Zeitverteib, die Sonne ihres Lebens. Sie sah an dem Kind Bernhards Gesichtsz├╝ge, die sie so liebte, und das war ihr ein weiterer Grund, auch das Kind zu lieben.
Die junge Kunststudentin war auf das Geld angewiesen und zerbiss sich eher die Zunge, als dass sie verraten h├Ątte, wo sich Bernarda in Wirklichkeit befand. Und sie hatte gen├╝gend Menschenkenntnis, um sicher zu sein, da├č die kleine Bernarda sich tats├Ąchlich in den besten H├Ąnden befand. Evelyn hatte ihr eigenes Schlafzimmer (welches Bernhard nie betrat), das von ihr von vornherein als Kinderzimmer geplant war, nun auch als solches hergerichtet. Hier war alles vorhanden, was ein Baby ben├Âtigte. Evelyn hatte sogar einen Kinderwagen angeschafft, damit eventuelle Bekannte von Anne ihr nicht berichten konnten, ihren Wagen in der Hand einer Fremden gesehen zu haben.
Evelyn war direkt verliebt in das Baby. Es machte sie sehr gl├╝cklich, die Kleine zu verw├Âhnen, mit allem, was m├Âglich war. Und sie wurde nicht m├╝de, das Kind zu portraitieren. Es sah teils dem Vater, teils der Mutter ├Ąhnlich, wie es gew├Âhnlich bei Menschenkindern eben so ist. Evelyn sah nur Bernhards klare blauen Augen, Bernhards hohe, edle Stirn und Bernhards wohlgeformten Mund. Alle Liebe, alle Z├Ąrtlichkeit, die sie ihrem Mann nicht geben konnte, ergoss sie verschwenderisch ├╝ber das Kind.

16. Kapitel

Das Personal war angewiesen, dem Hausherrn gegen├╝ber Stillschweigen zu bewahren, sodass von Brockingen die t├Ągliche Anwesenheit seiner Tochter in seinem Hause verborgen blieb. Es ging lange Zeit gut. Doch bald lernte die kleine Bernarda Laufen und plapperte die ersten Worte. Als sie zum erstenmal "Mama" sagte, wurde es Evelyn im Innersten so hei├č, dass es ihr fast das Herz abdr├╝ckte. Sie schloss das Kind ganz fest in ihre Arme und hatte nicht den Mut, die Kleine zu korrigieren. Sie wollte die Zeit, die ihr auf Erden noch verg├Ânnt war, gl├╝cklich sein. Im ├╝bertragenen Sinne war sie ja tats├Ąchlich die Mutter dieses Kindes.
Evelyns Magengeschw├╝re verschlimmerten sich immer mehr, denn sie handelte bewusst gegen die Anweisungen des Arztes. Sie wusste, dass man unter Umst├Ąnden an Magengeschw├╝ren sterben konnte; so w├╝rde sie eines nat├╝rlichen Todes sterben und Bernhard w├Ąre frei, niemand k├Ânnte ihn irgendeiner Schuld bezichtigen! Sie machte sich auch keine Sorgen dar├╝ber, dass Bernarda sich eventuell mit der Bezeichnung "Tante Evi" verplappern k├Ânnte, denn die Studentin, die Bernarda t├Ąglich zu ihr brachte, hie├č mit b├╝rgerlichem Namen Eva Hausmann! Also k├Ąme Anne wohl kaum auf den Gedanken, dass ihre hei├čgeliebte Tochter irgendwo anders als bei dem von ihr bezahlten Babysitter war.
Die Zeit f├╝gte es, da├č Bernhard ab und zu, und sp├Ąter immer ├Âfter, Anne und seine Tochter besuchte. Es tat ihm so unendlich leid, dass das Kind den Vater entbehren musste. Er spielte sogar mit dem Gedanken, Anne - als irgend was auch immer - in Stellung zu nehmen, um das herzige kleine Gesch├Âpf, das seine Tochter war, ├Âfter in den Arm nehmen zu k├Ânnen. Aber Bernarda nannte ihn bereits "Papa", und das w├Ąre dem ├╝brigen Personal aufgefallen. Sein Gewissen war einer harten Zerrei├čprobe ausgesetzt. Er begann, seinen "goldenen K├Ąfig" mit aller Inbrunst zu hassen. Annes kleines Zimmer jedoch schien ihm das Paradies zu sein. Er wusste keinen anderen Ausweg, als sich in seine Arbeit zu vergraben, um dem Wahnsinn zu entgehen. Aber immer wieder zog es ihn zu Anne und wenigstens einmal in der Woche gab er seiner Sehnsucht nach. Jede Nacht gab er sich in die Gnade des Herrn und betete um die Beendigung seiner Qual. Er ahnte nicht, wie bald sein Wunsch - und auf welche Weise! - erf├╝llt wird.
Die Schmerzen, die Evelyns Magengeschw├╝re ihr verursachten, verbarg sie hinter der Maske eines nichtssagenden L├Ąchelns. Je heftiger die Schmerzen wurden, desto mehr schwelgte sie in s├╝├čer Todessehnsucht. Sie erbrach immer h├Ąufiger Blut, was sie tunlichst vor dem Personal verbarg. Als die Schmerzen ihren Leib zusammenkrampften und sie gerade die kleine Bernarda auf dem Arm hatte, sprach sie verhalten zu dem Kinde: "Mein s├╝├čer, kleiner Engel, bald wirst du jeden Tag bei deiner Mama sein k├Ânnen, sie wird nicht mehr arbeiten m├╝ssen, denn dein Papa wird deine Mama heiraten, dann braucht sie nicht mehr in das Schuhgesch├Ąft zu gehen, sondern sie wird hier wohnen, mit dir und deinem Papa, den wir alle so lieb haben, und er wird endlich das gro├če Gl├╝ck erleben, das er verdient."

17. Kapitel

Dann kam der Tag, an dem Evelyn das Bett nicht mehr verlassen konnte. Sie nahm keine Nahrung mehr zu sich, wollte auf diese Weise ihr Ende beschleunigen. Alles Zureden seitens des Personals und geschulter Hospitalkr├Ąfte halfen nichts. Und sie lie├č sich auch nicht f├╝ttern. Von niemandem. Doch jede Woche hat auch ihr Wochenende. Bernhard wurde von dem besorgten Personal ├╝ber den Zustand seiner Frau aufgekl├Ąrt. Er ging unwillig in ihr Zimmer, aus dem sie vorsorglich bei Beginn ihrer Bettl├Ągerigkeit rasch jede Erinnerung an Bernardas Aufenthalt hatte tilgen lassen. Zus├Ątzlich verschloss sie die Lippen der Angestellten mit hohen Geldbetr├Ągen. Er setzte sich zu ihr und erkundigte sich nach ihrem Befinden, bem├╝ht, sich nicht anmerken zu lassen, da├č er es nur aus Anstand tat. Sie zauberte ein L├Ącheln auf ihr eingefallenes Gesicht und sagte zu ihm: "Mach dir keine Sorgen, mein Geliebter, es geht bald vorbei." Er erwiderte in echter Besorgnis: "Man sagte mir, du isst nichts?" - "Ich hab nur keinen Appetit", suchte sie ihn zu beruhigen. "Magst du nicht einmal eine Tasse Tee?", lockte er heiter. "Tee kann nie schaden." - "Gut", l├Ąchelte sie zustimmend.
J├Ąh wurde von Brockingen bewusst, dass er so gar nichts von dieser Frau wusste, ihre Neigungen nicht kannte. Er kannte ihre Lieblingsspeisen nicht, fand jedoch stets die seinigen vor. Er sah sie nie irgendein Getr├Ąnk bevorzugen; aber er wusste schlie├člich, dass man kranken Menschen Tee verabreichte. Die Wirtschafterin sagte barmend: "Damit haben wir es auch schon versucht. Bleiben Sie um Gotteswillen bei ihr, vielleicht nimmt sie ja dann den Tee von Ihnen! Sie hat uns alle abgewiesen, auch den Herrn Doktor. Der Doktor bef├╝rchtet ├╝brigens, dass sie bald sterben wird. Es ist wahrscheinlich das beste, wenn Sie die n├Ąchsten Tage zu Hause bleiben." Von Brockingen machte ein erstauntes Gesicht. So schlimm stand es? Er hatte nicht diesen Eindruck. Er hatte sich von ihrem L├Ącheln t├Ąuschen lassen. Er hatte nicht bedacht, wie sehr Liebe die Augen leuchten l├Ąsst, selbst, wenn es eine hoffnungslose Liebe ist.
Nachdenklich ging er zur├╝ck in Evelyns Zimmer, und wieder empfing sie ihn mit diesem gl├╝ckseligen L├Ącheln. Sie bat ihn, sich auf die Bettkante zu setzen und nahm seine Hand. Sie fl├╝sterte z├Ąrtlich: "Ich liebe dich, und ich werde dich gl├╝cklich machen!" Ihre Augen gl├Ąnzten feucht, ihr Blick war ungew├Âhnlich tiefgr├╝ndig. Bernhard wurde die Situation unheimlich. Er wusste weder aus noch ein. Er h├Ątte ihr gern seine Hand entzogen, wagte es aber nicht, weil er sp├╝rte, dass er Evelyn dadurch zu Tode verletzt h├Ątte. Er duldete also, da├č Evelyn seine Hand streichelte, sie an ihre Wange zog und letztendlich ihre hei├čen, bebenden Lippen darauf dr├╝ckte. Ihm war keineswegs wohl in seiner Haut, und er war froh, als die Haush├Ąlterin endlich mit dem Tee kam. Er half Evelyn, sich aufzurichten und reichte ihr die Tasse. Doch Evelyn war bereits zu schwach, um selbst├Ąndig zu trinken. Er mu├čte ihren Kopf st├╝tzen und die Tasse an ihre Lippen f├╝hren. Gehorsam trank sie die Tasse in kleinen Schlucken leer. Aber es hatte sie so angestrengt, da├č sie danach sofort einschlief. Als sie erwachte, hoffte sie inbr├╝nstig, dass Bernhard wieder zu ihr kommen w├╝rde. Ihr blieb nur zu hoffen, denn rufen konnte sie nicht und nach ihm klingeln! - wollte sie nicht.
Endlich kam die Haush├Ąlterin, um nach ihr zu sehen. Sie hatte ein leckeres Dessert mitgebracht, in der Hoffnung, dass Evelyn jetzt wieder etwas essen w├╝rde, nachdem ihr der Tee so gut bekommen war. Doch sie mochte nichts essen, das einzige, wonach es sie verlangte, war Bernhard. Achselzuckend ging die Haush├Ąlterin, den Hausherrn zu holen.
Bernhard war die letzten Stunden ratlos in seinem Zimmer auf und ab gegangen, mit einem unbeschreiblichen Wirrwar von Gedanken im Kopf, die stets ihren H├Âhepunkt darin fanden, dass Evelyn jetzt eventuell tats├Ąchlich stirbt. Es machte ihn schaudern, dass dieser traurige Fakt wahrscheinlich der Grundstein seines Gl├╝ckes sein wird. Mit gemischten Gef├╝hlen trat er an das Krankenlager. Die zierliche Gestalt war unter der Bettdecke kaum wahrnehmbar. Er setzte sich fast ├Ąngstlich zu ihr und vernahm ihr fiebriges Stammeln: "Ich habe dich so sehr geliebt, Bernhard, so sehr geliebt . . ." Er sah, dass sie kraftlos nach seiner Hand tastete und reichte sie ihr. Sie dr├╝ckte die Hand des geliebten Mannes fest an ihr Herz und schloss die Augen. Sie lag ganz still, und Bernhard verhielt sich ebenfalls ganz leise, denn er hoffte, dass Evelyn in einen wohlt├Ątigen Schlummer gefallen war. Nach einer Weile wurde ihm jedoch bewusst, dass er bei einer Toten sa├č.

18. Kapitel

Evelyns Beerdigung zog eine gro├če Menschenmenge an. Sie war allerorts als Wohlt├Ąterin bekannt. Manch einer dachte an das Sprichwort, dass die besten Menschen zu fr├╝h sterben.
Bernhard ging tagelang mit gesenktem Kopf einher. So hatte er es nicht gemeint, wenn er den Herrgott um Erl├Âsung gebeten hatte! Doch nun war es nicht zu ├Ąndern. Er f├╝hlte sich v├Âllig schuldlos. Sie hatten friedlich nebeneinander her gelebt, es gab keinen Zank und Streit. Er hatte nicht einmal das Gef├╝hl, seine Frau vernachl├Ąssigt zu haben, denn wenn sie einander begegneten, war sie stets ruhig und freundlich. ├ťber der Arbeit verga├č er mit der Zeit die dunklen Gedanken. Er wartete das Trauerjahr ab und heiratete seine geliebte Anne. Niemand nahm daran Ansto├č, sie konnten ungest├Ârt gl├╝cklich sein.

19. Kapitel

Evelyns Zimmer blieb unber├╝hrt. Anne hatte eine gewisse Scheu, das Reich ihrer Vorg├Ąngerin zu betreten. Sie wu├čte nicht viel ├╝ber Evelyn und wollte auch nichts wissen. So blieb das Zimmer lange Zeit so, wie es zu Evelyns Lebzeiten war. Doch dann bat einer von Annes Br├╝dern, vor├╝bergehend bei ihr wohnen zu d├╝rfen. Er konnte mit seiner Frau nicht mehr leben, weil sie sich sehr zu ihrem Nachteil ver├Ąndert hatte. Die jungen Leute hatten in wilder Romantik ├╝bereilt geheiratet, kurze Zeit sp├Ąter neue intime Bekanntschaften geschlossen und ihre Eheschlie├čung heftigst bereut. Sie machten einander das Leben zur H├Âlle, sodass Annes Bruder schon bereit war, evangelisch zu werden, weil es f├╝r Katholiken keine Scheidung gibt. Er stand also eines Abends pl├Âtzlich mit Sack und Pack vor Annes T├╝r und bat um Obdach. Nat├╝rlich nahm sie ihn auf. Er hielt mit Bernhards Erlaubnis Einzug in Evelyns Zimmer.
Anne half ihrem Bruder am anderen Tag in seiner Abwesenheit, seine Sachen in Evelyns Schr├Ąnken unterzubringen. Dazu mussten diese erst einmal ausger├Ąumt werden. Anne wunderte sich nicht dar├╝ber, dass ihr da Spielzeug und Kleidungsst├╝cke f├╝r ein kleines M├Ądchen in die H├Ąnde kam, als Ehefrau hat man schlie├člich auch das Recht, auf Kindersegen zu hoffen. Aber als sie die Mappe mit den Zeichnungen fand, auf denen Bernarda abgebildet war, stockte ihr der Atem. Aus diesem Fund ging hervor, dass Evelyn von ihr und Bernhard alles gewusst hatte! Sie war verbl├╝fft ├╝ber die liebevollen Arbeiten, die ihre Tochter in den entz├╝ckendsten Situationen zeigten. Sie konnte sich kaum sattsehen an den Zeichnungen, die Evelyns gro├čes Talent offenbarten.
Nachdem sie auch noch Evelyns Tagebuch gefunden und gelesen hatte und die erste Fassungslosigkeit ├╝ber die Vorkommnisse in diesem Hause - betreffs der hier vollzogenen Ehe und des Aufenthalts ihrer Tochter - ├╝berwunden hatte, richtete sie wie im Traum mehr oder weniger pflichtbewusst das Zimmer f├╝r ihren Bruder her und zeigte dann am Abend Bernhard die Zeichnungen mit gespielter Heiterkeit: "Rate mal, wo ich sie herhabe!" Bernhard betrachtete die Bl├Ątter eingehend und vermutete dann: "Diese Tante Evi, also die Kunststudentin, die du als Babysitter engagiert hattest, hat diese wundersch├Ânen Zeichnungen angefertigt und du hast sie ihr f├╝r einen angemessenen Preis abgekauft. Aber warum erst jetzt?" - "Weil sie nicht von Tante Eva, sondern von Tante Evelyn sind. Schau, hier sind noch andere!" Und nun legte sie ihm Evelyns Versuche, ihn zu portraitieren, vor. "Du wirst dir doch wohl nicht einbilden wollen, dass das Fr├Ąulein Eva Hausmann dich so oft und so liebevoll abgebildet hat? Und dass deine Frau ihr die Bl├Ątter abgekauft hat? Mitsamt allen Stiften und Pinseln und der Staffelei? Nein, deine Frau war eine gro├če K├╝nstlerin, Malerin und Schauspielerin, denn - du warst doch sooo ├╝berzeugt davon, dass sie nichts von unserer Liebe wusste!?"
Nachdenklich strich sich Bernhard ├╝bers Haar. Er war tats├Ąchlich ├╝berzeugt davon, dass Evelyn nichts von Anne gewusst haben konnte. Woher denn auch? Er hatte sich nach bestem Wissen und Gewissen untadelig benommen. Er betrachtete nicht einmal die Liebesnacht in der S├╝dsee als Untreue, sondern nur als eine Schicksalsf├╝gung.
Anne schmiegte sich an ihn und fl├╝sterte mit verhaltener Stimme: "Sie muss dich wirklich sehr geliebt haben. Sie war eine bewundernswerte Frau, wir wollen ihr Andenken in Ehren halten." Bernhard nickte stumm und ein wenig verwirrt. Da hatte er jahrelang etwas ganz Gro├čes erlebt und hatte es nicht bemerkt!
Als wenige Monate sp├Ąter seine zweite Tochter geboren wurde, einigten sie sich ohne Z├Âgern auf den Namen Evelyn. So versuchte Bernhard, das Vers├Ąumte nachzuholen. Und wenn es stimmt, dass die Verstorbenen vom Himmel aus das Geschehen auf Erden verfolgen k├Ânnen, so hoffte er, dass Evelyn zufrieden sein w├╝rde mit dieser Entwicklung der Dinge . . .

__________________
Old Icke

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Henry Lehmann
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Registriert: Not Yet

F├╝rs Internet viel zu lang

Ich nehme mir demn├Ąchst mal ein paar Tage Urlaub, um diesen Text zu lesen.

LG Henry

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Marius Speermann
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Sehr ber├╝hrend, hat mir gut gefallen. Habe dabei auch bewusst alle (durch Simone de Beauvoir gesch├Ąrften) feministischen Gedanken abgelegt.

BTW: eine Kleinigkeit: ein kleiner Schreibfehler: B├Âro (irgendwo im Text)

Mario

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Inu
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Liebe Flammarion

Das ist ein echter kleiner Trivialroman. Wie man an der begeisterten Reaktion von Martin schon sieht, gibt es bestimmt viele Liebhaber solcher Literatur. Am Anfang habe ich die Geschichte sehr ernst genommen, da sie gut und gekonnt geschrieben ist.

Danach kam immer mehr der Staun- und Grinseffekt bei mir dazu, aber ├╝ber eine lange Strecke las ich dennoch fasziniert weiter. Nachher wurde die Story voraussehbar, obwohl ich immer noch auf einen Umschwung, einen Clou wartete, der das ganze Herz-Schmerz-und Edelmenschen-Brimborium ( vor allem der Evelyne und Anne ) ad absurdum f├╝hren w├╝rde.

Eines muss ich sagen: es fiel mir nicht schwer, die Geschichte auf einen Rutsch durchzulesen ohne mich zu langweilen ( gegen Ende h├Âchstens ein wenig!

Verwirrt hat mich die Art, wie Du manchmal die Zeiten benutzt. Beispiel:

quote:
Die Gr├Ąfin, die den einzigen Familienspro├č streng katholisch erzogen hatte, war vor drei Jahren gestorben aus Gram und Verzweiflung ├╝ber den Lebenswandel ihres Gatten, der sein Erbe so wenig f├╝r den Sohn zu bewahren wu├čte. Deshalb hatte sie darauf gedrungen, da├č der Junge studiert, damit er sp├Ąter selbst f├╝r seinen Unterhalt sorgen konnte. Doch nun mu├čte er auch noch f├╝r seinen Vater und dessen Schulden aufkommen.


Evelyn hatte sich verpflichtet, den Fortgang der Arbeiten und die Verwendung der Gelder genauestens zu ├╝berwachen. Herr Dankwart kannte die Zuverl├Ąssigkeit seiner Tochter und wu├čte somit, da├č die Stadt binnen kurzem eine neue Augenweide haben wird.

Er konnte nicht anders, er wurde von den Umst├Ąnden gezwungen. Er war in der gr├Â├čten Verlegenheit, was er mit dem M├Ądchen reden sollte, aber sie mu├čten einen Konsens finden. Er vertraute insgeheim auf sie, auf ihre Intelligenz, auf ihr Herz. Sie hatte die entscheidende Frage gestellt, sie sollte nun auch wissen, wie es weitergehen soll.

Ich lese diese Verquickung der Zeiten h├Ąufig und nicht nur bei Dir, aber mir geht das gegen mein Stilbewusstsein, wenn man pl├Âtzlich auf diese Art von der Vergangenheit in die Gegenwart springt, obwohl mir klar ist, dass es vom Sinn her richtig sein k├Ânnte.
Ich wollte schon lange einmal gerade dieses letztere Problem zur Diskussion stellen.

Ich gr├╝├č Dich ganz lieb
Inu

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flammarion
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vielen

dank f├╝r die reaktionen.
das B├Âro ist mir durch die lappen gegangen. der text ist alt, hatte ihn damals mit dem system 3,11 geschrieben und mein jetziges rechtschreibprogramm wei├č, was ein B├Âro ist, wir wissen es nicht.
das mit den zeitwechseln ist mein schlimmster fehler. beim ersten beispiel sehe ich, was falsch ist, bei den beiden anderen nicht. kannste mir bitte sagen, wie s richtig hei├čen muss?
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Inu
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Oh my God
MARIUS meinte ich, nicht Martin

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