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Leselupe.de > Erzählungen
Die Liebe, ein Nischenprodukt
Eingestellt am 27. 12. 2007 11:34


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Matthias Kohm
Autorenanwärter
Registriert: Dec 2007

Werke: 1
Kommentare: 4
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DIE LIEBE, EIN NISCHENPRODUKT

´Die wirklich großen Erfolge verdanken sich nicht großen Anstrengungen, sondern der bedingungslosen Hingabe an die vorgezeichnete Lebensbahn.`
Diese schöne Sentenz formt sich in meinem Köpfchen, während ich ihn aus dem Bühnenaufgang heraus recke. Ich werfe einen ersten Blick in die Stätte meines baldigen Triumphes – der Maestro und ich planen für heute eine Welturaufführung, nichts weniger, als die Geburt einer neuen Kunstform – und mache einen formvollendeten Diener. Schon diese kleine Aktion wird mit aufrauschendem Beifall im noch spärlich gefüllten Saale der Berliner Philharmonie belohnt! Das lässt vieles hoffen.
Eigentlich wollte ich nur kurz sehen, ob SIE und ER auch heute wieder in der fünften Reihe säßen wie bei meinen letzten Auftritten – doch dann lockt mich der Beifall und ich bleibe länger auf der Bühne, um den Applaus zu genießen. Und wie ich die Reihen der spendenfreudigen Seelentröster mustere, durchzuckt mich ein Schreck: Nicht nur, dass SIE und ER wieder einen Platz eingenommen haben – nein, die beiden scheinen sich vervielfältigt zu haben: In jedem Block sehe ich schier identische Pärchen sitzen, Mütter und Söhne, sehr, sehr ehrgeizige Mütter und sehr, sehr knetbare Söhne, die sicher nicht nur des zu erwartenden Kunstgenusses wegens hier sitzen. Die frenetisch applaudierenden Haus-frauen, die gleichmäßig verteilt um die Bühne herum sitzen, die mich von hinten, von oben, von vorne, von der Seite aus betrachten – sie denken an ihre eigenen Söhne, während sie mich beklatschen. Ihr Beifall mag mir gelten, ihre Herzen jedoch schwärmen in der Zukunft ihrer eigenen Bälger herum; an meine Stelle wünschen sie sich ihre Knaben: Das sehe ich mit einem Blick.
´Nun gut`, denke ich, ´so etwas nennt man gemeinhin eine Aufgabe! Muss ich ihnen halt zeigen, wo die Musik spielt! In zwei Stunden werden diese Mütter mitleidig auf ihre Söhne blicken und werden kleinere Zukunftshoffnungsbrötchen backen!
Gestärkt verlasse ich die Bühne. Ich liebe zyklische Formen, allein deshalb recke ich beim Abtritt meinen Kopf aus dem Bühnenaufgang heraus wie beim Auftritt, eine Geste, die etwas Niedliches und Gewinnendes an sich haben muss – so schließe ich wenigstens aus dem Gelächter, ein wärmender Hintergrund für mein Interesse, das sich nun ganz auf SIE und IHN fixiert.
Wenn Gefahr droht, dann von diesen beiden. Die meinen es ernst. Das sind keine Eintagesträumer. Bei denen ist der Traum chronisch geworden und hat sich zum Plan verfestigt. Das machte sie zu langfristig planenden Strategen. Während das eigentliche Galapublikum sich noch mit einem Gläschen Sekt auf die kommende geistige Anstrengung vorbereitet, saugt ER, ein zugegeben süßer Knopf mit Fliege und Blazer, tief die Atmosphäre des Raumes in sich hinein, hat SIE wieder das „Große Buch“ auf ihrem Schoß liegen, eine große Kladde, ein schmuckloses Haushaltsbuch, worin sie die Begleitumstände meiner Auftritte detailgenau vermerkt. Auf der linken Seite stehen die Kosten für Eier, Milch und Stopfgarn, rechts die für Eintrittsgelder, Garderobe und Programm.
Ob die beiden schon beim dritten oder erst beim achten meiner Auftritte die Zahl meiner Zuschauer vermehrten, kann ich nicht sagen. Sicher ist: Nachdem ich sie das erste Mal wahrgenommen hatte, entdeckte ich sie bei allen folgenden Auftritten. Sehr viele waren es noch nicht; meine Karriere besitzt ein ungeheures Tempo – auch in dieser Hinsicht empfinde ich mich als überaus zeitgemäß. Wie immer führt ihr Versuch, sich dem Anlass gemäß zu kleiden zu den komischsten Ergebnissen; ihr Reservoir an diesbezüglichen Peinlichkeiten scheint unausschöpflich. Heute trägt SIE in Erwartung der Nerzkragen der Westberliner High Society eine Pelzstola, der klobige Kopf eines aus der Entfernung nicht erkennbaren Tieres baumelt über ihrer mächtigen Brust, ´vielleicht sogar Ratte`, denke ich, schaudere und verlasse die Bühne.
«Kannst es gar nicht erwarten, die Katakomben zu verlassen!»
Ein junger Mann ist es, der mich so von hinten anspricht. Ich wende mich um und sehe in das Gesicht eines Menschen, der glaubt, gerade witzig gewesen zu sein. Ich schenke ihm das müde Lächeln, das er sich ehrlich verdiente.
Es ist ein geliehener Geiger, ein langer Schlaks, einer von der nervösen Sorte mit Pickeln im Gesicht, der heute die zweiten Geigen verstärken darf am letzten Pult. Auch Aushilfen haben ihre Sternstunden, die machen nervös und die Nervosität will er nun überspielen mit faden Witzchen. Nicht mit mir Freundchen! Der Backstage-Bereich von Scharouns Prachtbau hat nichts gemein mit Katakomben. Es sind durchaus nüchterne, beinahe schäbige Räume, denen alles Weihe - oder Geheimnisvolle abgeht.
Der Leihgeiger wandelt dennoch ehrfürchtig durch die Gänge. Trotz meiner Jugend konnte ich schon feststellen, dass der mittelmäßig Begabte sich nur schwer mit der Geistlosigkeit und Profanität abfinden kann, die der Humus ist, aus dem die göttliche Gewalt der Tonkunst herauswächst. Mir ist gerade diese Verbindung heilig. Wenn die Posaunisten nach ihrem mauern - und seelensprengenden Einsatz ihre Instrumente umdrehen und den Speichel heraus schütteln, wenn sie danach säuisch routiniert die Spuckepfützen verwischen: dann wird für mich ihr gewaltiger Choral quasi nachträglich geheiligt. Transzendenz ohne Verbindung zur Materialität der Welt ist und bleibt doch ein blutleeres Unternehmen. Für mich wird folglich auch das Wirken unseres großen Meisters – ein wahrhaft angemessenes Wort, auch wenn er selbst mich nur um die Größe seines scharf gemeißelten Kopfes überragt – durch die Ferraris und den Sportflugzeugen, denen seine zweite Leidenschaft gilt, zusätzlich geadelt. Jeder Versuch, diese angeblich allzu materiellen Vorlieben des Meisters zu einem seine Künstlerernsthaftigkeit in Frage stellenden Verdacht aufzubauschen, stößt in mir auf einen erbitterten Widersacher.
Könnte ich das dem Leihgeiger vermitteln? Der was murmelt von „diesen heiligen Hallen?“ und dass er, nervositätsgeschüttelt und gerüttelt schon einmal an seinem Testament arbeite, seinem – tatsächlich! Musikerhumor! – „Heiligenstädter Testament“ ?
Ich glaube nicht.
Er fiedelt die unspielbare Stelle im dritten Satz von Mahlers Neunter im Stile von Etüden, er fiedelt sie sicherlich das hundertste Mal, Stunden härtester Körperknechtung bedurfte es, diese musikalisch unbedeutenden Girlanden den widerspenstigen Muskeln und Nerven einzubimsen. Nachher werden diese Bocksprünge und Teufelstriller untergehen im Blech, so, wie sein Beitrag untergehen wird im Tutti der zweiten Geigen. Was bleibt ihm, dem doppelt Verlorenen, also übrig, als die Göttlichkeit der Kunst anzurufen, wo doch sein weltlicher Beitrag unhörbar bleiben wird?
Ich lass´ ihn stehen. Ich muss mich in Ruhe vorbereiten.
„Die wirklich großen Erfolge verdanken sich nicht großen Anstrengungen, sondern der bedingungslosen Hingabe an die vorgezeichnete Lebensbahn“: Diesen Satz wahrhaft zu erfassen – das sind so die Etüden, die mir aufgegeben sind. Also denke ich an mich als noch kleineres Kind, in dem das alles anfing.

In Familien wie der unsrigen ist der Erstgeborene traditionell ein Fels in den Wirren des Lebens; ihm ist es aufgetragen, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Der Zweitgeborene dagegen muss ein Findling sein, aufgestellt in einem Noch-Niemandsland, seine Einzigartigkeit ist sein größtes Startkapital. Vom ersten Tag an wurde mir also meine Einzigartigkeit eingebleut. Es durfte mich nicht oft geben. Nur so konnte ich platziert werden in einer exclusiven, gleichzeitig seriösen Branche. Eine Spinnerexistenz wie Vertrieb von Elektronengehirnen oder Tragbaren Telephonen war für mich nicht vorgesehen. Ich als Zweitgeborener war für Besseres bestimmt.
Juwelier. Rauchwaren. Vertragshändler von Porsche. Händler mit klassizistischen Möbeln aus der Goethezeit. Dies – grob umrissen – die Zukunftshoffnungen der Eltern. Mit wenigen Worten: Ich sollte vom Wesen her werden, was ich vom Pass her schon war: Ein Schweizer. Ich sollte unter den Menschen das sein, was die Schweiz unter den Staaten ist.
Mittendrin, aber auĂźen vor.
Einzigartig, aber stinknormal
Teilnehmer, aber passiv
Neutral, aber eindeutig positioniert
Klein, aber oho!
WeltbĂĽrger, aber SpieĂźbĂĽrger
Blitzsauber, aber Dreck am Stecken, dass es nur so kracht.

Die Eltern konnten es also nicht zulassen, dass man mich verwechseln könnte. Von früh auf wurden mir die Gefahren vor Augen geführt, die auf Kinder ohne Alleinstellungsmerkmal lauern. Hat man seine Einzigartigkeit verloren, greifen die Eltern ein falsches Kind aus dem Getümmel eines Kindergeburtstages und bemerken erst zu Hause das Missgeschick. Da würde ich dann schön blöd gucken, wenn sie den Michael nehmen würden statt mich! Wenn dann der Michael Papa sagen würde zu Papa und Mama zu Mama. Aber dann wär`s halt zu spät; dann könne man halt nichts mehr machen. Dann würde halt der Michael mit meinen Spielsachen spielen, dann würde halt der Michael meine Sammlung von Solitären – meine Brüder in der Welt der Dinge – pflegen, meine Blaue Mauritius bewundern, meinen Henrystutzen wienern, Dagoberts Glückstaler ins Samtkästchen legen.

Eltern können ja nicht verhindern, dass ihre Kinder auch von anderen geliebt werden. Sie wollen es auch nicht verhindern, im Abglanz fällt ja auch Liebe auf sie zurück. Aber die anderen lieben immer etwas Falsches. Die Liebe der anderen zu mir fußte auf einem Irrtum, nur irrtümlich wurde ich geliebt; das war gar nicht wirklich ich, der da geliebt wurde. Das Deutungsmonopol auf ihre Kinder lassen rechte Eltern sich nicht nehmen. Nur als meine Fälschung ging ich in den Kindergarten, in die Schule, in die Welt. Mein echtes Ich blieb immer bei Mama. Ging Mama ins Geschäft, nahm sie mein echtes Ich mit, vermutlich in ihrer unbegreiflich großen Handtasche aus Kroko. Ich blieb als mein Doppelgänger zu Hause. Mama hatte mich immer bei sich – kein Wunder, dass sie es nie nötig hatte, jemals zu mir zu kommen.
Dies der Grund, weshalb ich auch heute, bei der großen Gala vergeblich nach meiner Mutter Ausschau halten werde. Ihr Sitz in Block A, eine Freikarte, die ich ihr zukommen ließ, wird frei bleiben. Der Verzicht auf ein gemeinsames Gläschen mit dem Regierenden Bürgermeister, den drei geladenen Alliierten Stadtkommandanten und besonders mit Curd Jürgens und Gunther Sachs muss ihr sauer werden – ´doch halt,` so fährt´s mir durch den Kopf, vermutlich wird sie genau darauf nicht verzichten! Vermutlich steht sie jetzt gerade im Foyer und wird ein Gläschen in froher Runde nehmen, um dann, während der Aufführung, fröhlich als Solistin weiter zu süffeln.`
Die Aufführung selbst wird auf ihr Beisein verzichten müssen. Sie findet mein Gehabe, das alle Welt so hinreißend findet, einfach nur äffisch und närrisch und kann es nicht mit ansehen. Sie wird den Büfettdamen Bilder von mir als sehr kleines Kind zeigen und wird sehnlichst die Pause erwarten, um dann im Tutti weiter zu trinken.
Nun, es wird keine Pause geben, lächle ich in mich hinein und widerstehe der Versuchung, schnell ins Foyer zu rennen, um meinen Verdacht zu erhärten. Ein Künstler muss sich kalt machen können. Der Künstler hat sich ja entschieden, eher von der Menschheit geliebt zu werden als von einzelnen Menschen. Ich muss mich auf Mahlers Neunte vorbereiten, die pausenlos auf die Fledermaus-Ouvertüre folgen wird. Danach werden pausenlos die Zugaben beginnen, worauf sich unsere Uraufführung anschließen wird. Dann wird Mutter sich zum großen Schlussbeifall in die erste Reihe schieben, um sich auf´s Pressephoto zu schmuggeln.
Den Beifall, den ich erhalte, ist das, was sie wirklich liebt an mir.

Im Gang laufe ich dem Leihgeiger in die Arme. Seine Akne blüht und es ist ganz offensichtlich, dass er nach Gelegenheiten sucht, seine Nervosität wegzuschwätzen.
Da bleibt nur Flucht. Ich öffne die Tür des Künstlerzimmers und werfe sie sofort hinter mir zu mit der mir eigenen lässigen Handbewegung, die mir schon den einen oder anderen Feind beschert hat.
Die Künstlerzimmer in der Philharmonie zeichnen sich durch dieselbe Sprödigkeit aus wie der gesamte Funktionsbereich in Karajans Wunderzirkus. Eine Couch, einen Flügel oder ein Klavier, schmucklosen Teppichboden, und einen großen Spiegel – mehr gibt es nicht.
Auf dem Notenpult liegt mein Arbeitsmaterial, ein Fläschchen Sinalco steht bereit, meine Abendgarderobe hängt frisch gebügelt auf dem Kleiderständer.
Ich schlage die Partitur von Mahlers Neunter auf – natürlich das Faksimile der Handschrift. Mit den handelsüblichen Materialien arbeite ich grundsätzlich nicht, muss man doch meine Kenntnisse der Notenschrift als rudimentär bezeichnen. Den Violinschlüssel beherrsche ich noch, doch schon beim Baßschlüssel wird es eng und Alt- und Tenorschlüssel und die Existenz transponierender Instrumente empfinde ich als die Zumutung, die sie bei Lichte gesehen doch auch sind. Nichts als der Versuch, ein Geheimwissen aufzubauen, Überbleibsel magischer Rituale, die nur Eingeweihten zugänglich sein sollen. Künstlich aufgebaute Hürden, durch die Sache kaum zu rechtfertigen – nein, sie zu überspringen ist meine Sache nicht. Ich geh um sie herum, schaue zu, wie andere sich recken und strecken und staune über den Schweiß, den sie dabei vergießen. Ich pflege lieber meine Begabung. Im Lesen der Handschriften, ach, was sag ich lesen, im Überfliegen, im Erschnuppern, im Erfühlen reicht mir keiner so schnell das Wasser. Jede kleinste modale Regung lese ich dem Geschmiere ab, jedes Sollen, Wollen, Müssen und Dürfen – ja ganz besonders das Dürfen, ganz besonders im Erkennen und Darstellen des Dürfens bin ich ein Meister; ich bin ein Spezialist für das Dürfen in der Musik.
Und mit ĂĽberschieĂźender Dankbarkeit denke ich an zu Hause, an meine Erziehung, an all die MaĂźnahmen der Eltern, denen ich mein Hiersein recht eigentlich verdanke.
Die wenigsten Eltern sind ja ihren Kindern gewachsen. Meine immerhin verzichteten weitgehend auf das Ausleben der Rachegefühle, die vom Spielen kleiner Kinder unweigerlich provoziert werden. Sie ließen mich wenigstens allein. Sie schlossen die Tür mit lässigen Handbewegungen und ließen mich spielen. Sie ersparten sich durch ständiges Arbeiten den Anblick des ständig spielenden Kindes. Nur verbal zerkleinerten sie meine Welt. Sie führten das Wörtchen „Nur“ in mein Leben ein, ein Wort, klein genug, um überall dabeizustehen und alles mit dem Geruch der Vorläufigkeit zu überziehen.
Ich spielte ja nur.
Ich tat ja nur so.
Ich weinte ja nur.
Ich übte doch nur, lernte doch nur, schwätzte doch nur. Ich deckte doch nur den Tisch und mein Gebet war nur ein Kindergebet und meine Liebe nur die Kinderliebe und Mama konnte selbst die Mutterliebe besser noch als ich.
Die Kindheit, ein Dauerprovisorium.
Nein, im Bereich der Vollverben war nichts zu finden, das dem Nur entkommen konnte, das dem Ernst sich näherte.
So wurde Platz geschaffen fĂĽr das Reich der modalen Hilfsverben, in dem meine Erziehung sich wesentlich abspielte.
Gelernt habe ich nichts, nicht Fahrradflicken, nicht Schuhe binden und keine Hühner füttern. Doch im abstrakten Reich des Müssens, Wollens, Sollens, Dürfens, Könnens, Mögens, Lassens, Brauchens: Da herrsche ich wie kein Zweiter.
Bis heute kann ich nicht Auto fahren oder Steuern erklären, aber ich kann das Wollen sollen. Ich sollte wollen können. Sogar müssen dürfen beherrsche ich, und in guten Momenten kann ich sogar lieben modal gebrauchen, wie im poetischen alten Deutsch.

Ich lasse das Bild von Mahlers Rohschrift auf mich wirken, blättere die Seiten, staune über diese Unzahl an Noten, aber hüte mich vor jeder Vertiefung in den Gegenstand.
Ich bin zuständig für das, was man aus einem Meter Entfernung sieht: Für diesen doppelten Punkt, in dem vornehme Distanz und vornehme Nähe zusammenfallen bin ich zuständig.
Vor der TĂĽr hat der Leihgeiger scheinbar Gesellschaft gefunden, eine zweite zweite Geige beweist mit ihm die Unspielbarkeit der schweren Stelle aus dem dritten Satz.
Was bin ich froh, dass eine Schallschutztür zwischen uns ist! Zwei Geiger, die dasselbe spielen, gibt es ja nicht, Geiger werden erst in größeren Gruppen wieder verträglich, wenn die Rechthaberei der einzelnen Stimmen sich zu dem Durchschnittsgemenge vermischt, den man in Musikerkreisen schmunzelnd Streicherglanz nennt.
Dann schweigen ehrfurchtsvoll zwei zweite Geigen vor der TĂĽr.
Dann tritt er ein.
Dann schließt er die Tür mit einer lässigen Handbewegung und ich begrüße ihn, wie nur ich ihn begrüßen darf:
„Hallo Heribert“, sage ich und Heribert grüßt mit einem milden Lächeln zurück.
Karajan hatte ja frühzeitig erkannt, dass Heribert als Name dereinst in einer Reihe mit Emil, Erwin oder Otto stehen würde, Namen, tauglich nur für Witzfiguren. Unsentimental hatte er eingegriffen und das „i“ aus seinem Vornamen verbannt, genauso wie das „Riter“, das sein \"von\" noch auf der Geburtskunde aufwerten sollte. Ich jedoch darf, nein: soll ihn so nennen, wie seine Mutter ihn einst taufte.
Er selbst hatte sich mir unter diesem Namen vorgestellt, an jenem denkwürdigen Tag meiner Entdeckung, meiner zufälligen Entdeckung, wie die Neider sagen, die nicht wissen, dass Zufall in meiner Sprache Schicksal heißt.
Heriberts und meine Bekanntschaft rührte von einer Feier, zu der meine Familie geladen war in ein vornehmes Haus im vornehmen Teil von Thun. Der Jubilar, ein drahtig gebliebener weißhaariger Egomane, Architekt einer äußerst gemäßigten Moderne, hatte zu seinem Sechzigsten groß geladen. Die Gästeliste las sich wie ein Who is Who der Kantone Bern, Wallis und Oberwalden. Der Gastgeber hatte mit Karajan gemeinsam im Salzburger Konservatorium seine musikalische Grundausbildung erhalten, hatte dann auch mit ihm ein Semester Technik an der Alma mater zu Salzburg gehört und gleichzeitig mit Karajan hatte auch er den Entschluss gefasst, auf die künstlerische Seite der Welt zu wechseln. Nun besaß er alles, was man sich wünschen kann, ein gut gehendes Architekturbüro, eine Villa, eine junge Frau, blühende Kinder und als Zugabe des heutigen Abends eine Duzbekanntschaft mit dem großen Herbert von Karajan.
Der Abend nahm seinen vorhersehbaren Lauf, Reden, Büfett, Reden, Musik, Karajan in der Mitte des Geschehens, wo er sich sichtlich unwohl fühlte. Taktvoll umschwärmten ihn die Gäste. Ihre akute Eitelkeit wollte Nähe zu dem großen Mann, die chronische schrie nach eigener Größe. Es galt, die Berühmtheit zu ehren, ohne das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen. Bei diesem Balanceakt bemerkte früher oder später ein jeder, dass er doch auch Wer sei und je länger der Abend dauerte, desto deutlicher wurde es den versammelten Saarbrückener Wirtschaftsgrößen, dass doch eigentlich ihre Tätigkeit den ganzen Kulturladen am Laufen hielt.
Rosa, die Tochter des Gastgebers, hatte dann den Beweis anzutreten, dass auch inmitten der Menschen der Wirtschaft die Kultur gepflegt werde. Sie widmete ihrem Papa einen Walzer von Chopin.
Schon vor dem ersten Ton konnte Karajan am Sitz der jungen Dame erkennen, dass er, der unermüdliche Talentjäger, leer ausgehen würde. Nach drei Tönen stellte er sich auf ein akustisches Martyrium ein, nach drei Takten war ihm klar, dass die chopinsche Girlande in Takt zwölf sich in einen Fallstrick verwandeln wird, der die Pianistin niederwerfen und sie wehrlos den mächtigen Akkordblöcken in Takt 24 ausliefern wird.
Auch ich konnte das voraussehen, ich, der als Umblätterer engagiert worden war, was ich neben meiner Niedlichkeit meinen bescheidenen eigenen pianistischen Fähigkeiten verdankte. Zu der Zeit spielte ich den großen Richard Krentzlin rauf und runter, der „Brummkreisel“, der „Fröhliche Wandersmann“ und besonders „Großmütterchen erzählt“ gehörten zu den Glanzstücken meines Repertoires. Ich sah, der unmittelbaren Nähe zur bleichen Tochter wegen, als erster, wie ein feiner Bluttropfen sich aus der Nase des Kindes hervorwagte, eine Vorhut, die dann in der Folge des Taktes 24 eine gehörige Zahl an Nachfolger finden sollte.
Nun galt es, tapfer zu sein.
Ein Blick auf den in der ersten Reihe sitzenden Jubilar zeigte, dass dieser in den Bluttropfen, die von nun an in schönster Regelmäßigkeit aufs Elfenbein hernieder fielen, keinerlei Grund zur Aufgabe erkennen konnte, ja, ganz im Gegenteil, sein Gesicht zeigte eine Begeisterung, die kein Chopin´scher Walzer hätte hervorzaubern können. Die Opferung jungfräulichen Blutes zu Vaters Ehren kristallisierte sich als der übergeordnete Sinn der ganzen Veranstaltung heraus. Für den musikalischen Sinn musste mehr und mehr ich, der Umblätterer, die Verantwortung übernehmen.
Eisern befolgte Rosa jede Wiederholungvorschrift, so dass aus den drei Seiten gedruckter Noten ein sechsseitiges Opus entstand, noch nicht mitgerechnet die unfreiwilligen Repetitionen – Folge übersprungener Weichen harmonischer Art, die das Stückchen von einem Teil zum nächsten leiten sollten. So wühlten Rosas Finger weiter im Teil A, während ihre Augen im B-Teil, in dem sie sich hätte befinden müssen, aber leider nicht befand, nach Gebrauchsanleitungen suchte.
So hatte ich genĂĽgend Zeit, zu wirken.
Ich legte mich voll ins Zeug.
Die sehnsuchtsvollen Vorhalte, die Rosa nicht gelingen wollten – auf meinem Gesicht spiegelten sie sich wieder in einem bestürzten Stirnrunzeln, das sich beim Ausatmen auf der Drei wieder glättete, der jubelnde Aufschwung des B-Teils, in dem der rechten Hand unbegreifliche Dezimen-Sprünge abverlangt werden, riss mich regelrecht vom Hocker, was den Kontrast zum innigen, terzenseligen Teil C aufs Wirkungsvollste steigerte, der mich zu einem innigen Wiegen des ganzen Körpers veranlasste.
Jeder Schlussbeifall trägt ja janusköpfige Züge und nie ist man sich ganz sicher, ob statt der Leistung nicht deren Abschluss mit einem still geseufzten ´na endlich` beklatscht wird – der jetzt folgende Applaus speiste sich zweifellos aus beiden Quellen.
Damals floh ich noch den Beifall.
Ich floh zum einzigen Ort, wo das Alleinesein keine Rechtfertigung braucht. Hier stand die Kultur, sauber in Beutel gebannt und konnte wenig Schaden anrichten. Doch im Badezimmer stand ein grauer, aufgewĂĽhlter Karajan.
Er mich sehen und vor mir niederknien war eins.
„Geheimnis aller Kunst“, stammelte er und „..in Dir liegt es...das Seufzermotiv auf kindlich reiner Stirn...selbst Banausen zugänglich ...unschuldige Ekstasen... reines Extrakt der Emotionen... der Retter der Laien ... durch keine Handwerkseitelkeit beschmutzt ...lerne nichts, mein Junge, bleibe ...ach, das verlorene Reich der Interjektionen ... hui, da ist es.... ach, dein hoppla ...hoppla, dein juchheisasa ...juchhe, da schau... ogottogott , was kommt...“
Ich stand da, schwieg und sah Karajan seine Ausrufe mit Gesten begleiten, die ich später wieder erkannte als diejenigen, mit denen er seine Musiker zu Höchstleistungen anspornt.
Ich wollte mal ein Rappele machen und bat um Distanz.
Kleines Geschäft.
Ich lieĂź mir Zeit wie fĂĽr ein GroĂźes.
Ich kam zurĂĽck und Karajan hatte sich wieder gefangen.
„Ich bin der Heribert. Du wirst von mir hören.“

Heute sind wir Kollegen, sitzen im KĂĽnstlerzimmer und bereiten uns auf die Gala zum Gedenken an die Mauertoten vor.
Karajan beginnt mit seinen YogaĂĽbungen, die letzte Phase unserer gemeinsamen Konzertvorbereitungen.
Während er versinkt, ziehe ich mich um, schaue mich gründlich an im Spiegel und probe das JA, ICH MUSS was mir so schwer fällt, der Schwachpunkt in meinem Repertoire.
Da klopft schon der Pedell. Wir betreten die BĂĽhne.

Karajan, der alte Fuchs, dirigiert die Fledermausouvertüre auswendig. Entgegen allen Absprachen kehrt Karajan zurück zu seiner jahrelang gepflegten Praxis, nimmt damit in Kauf, dass ihn die große Kränkung des Dirigentendaseins wieder einholt. Seitdem vor 100 Jahren der Dirigent im emphatischen Sinne erfunden wurde, leidet dieser Berufsstand daran, sein Bestes zu verschwenden und nur mit dem Rücken zum Publikum zu stehen und die Konvulsionen seines Körpers, die Ausdrucksexplosionen in Gestik und Mimik an Musiker zu verschwenden, die oft genug in rein dienstlicher Angelegenheit unterwegs sind.
Was hat gerade Karajan nicht alles versucht, um diesen Missstand zu beheben!
Erinnert sei nur an seine (gescheiterten) Spiegelexperimente, an seinen Einsatz für Scharouns einmalige Idee, dem Publikum Plätze im Angesicht des Dirigenten zu bieten, oder an die schier lückenlose Dokumentation seines Wirkens auf Video.
Nun hat er mich also auf die Bühne gelockt und lässt mich dort ohne Aufgabe allein. Vor unserem großen Duett will er noch einmal die Rangordnung zwischen uns klarstellen, will noch einmal zeigen, dass es auch ohne mich geht, dass ich selbst eine Zugabe bin – ach, in solchen Momenten bin ich ganz gerührt von dem alten Mann! Wie wenig er versteht! Geprägt von harten Kriegs- und Nachkriegszeiten kann er nicht verstehen, dass genau diese Zugabenexistenz, zu der er mich zu degradieren glaubt, das innerste Verlangen meiner ganzen Generation darstellt, dass das, was er als in die Grenzen weisen versteht, letztlich das ist, was nachher den Jubel erst entfachen wird.
Genau, weil ich ĂĽberflĂĽssig und dennoch da bin, werde ich geliebt!
Die Liebe, ein Luxusprodukt.
Ich sitze beschäftigungslos zu seinen Füßen, kauere am Rand des Dirigentenpodiums und wiege mich sanft im Rhythmus der Walzerklänge. Mein kleiner Möchtegernnachfolger in Block A imitiert auch das. Von ihm droht doch keine Gefahr; das wird mir mit verschleiertem Blick klar. In seiner Mutter erkenne ich slawische Gesichtszüge, kleinbürgerliche Herkunft, dazu Kulturbeflissenheit, all dies gepaart mit Aufsteigersehnsucht: Sicherlich traktiert der Sohn täglich stundenlang die Instrumente. „Den musst du zu verdrängen versuchen, doch nicht mich“ rufe ich leise und denke dabei an den Maestro selbst, dessen spindeldürre Beinchen auf meiner Augenhöhe schon zu zittern beginnen, „Du wirst Dir Fähigkeiten erwerben, du wirst Klavier und Geige spielen lernen, du wirst dirigieren. Träume doch nicht von mir: ich kann nichts, das aber besser als jeder andere.“
Plötzlich nehme ich eine Woge von Frohsinn im Publikum wahr und finde: Ich sitze nicht mehr zusammengekauert zu Karajans Füßen, nein, ich finde mich am Podiumsrand sitzend, die Beine baumeln in den Zuschauerraum hinein, die Arme rudern in unmöglichen, aber desto süßeren Dirigentenbewegungen, und wenn ich mich nicht täusche, höre ich noch den Nachhall einiger gepfiffener Töne, die meinem Mund entfahren waren in selbstvergessener Entzückung.
Ach, die Fledermaus, das Fest des Dürfens, Lassens, des Mögens!
Ich mache sie glücklich, denke ich, sehe das Strahlen in den ersten Reihen und verschenke ein kurzes Zahnlückenlächeln.

Dann schon sind wir in Mahlers Neunter.
Ich stehe bei Karajan und bin sein getreues Spiegelbild, und doch viel mehr, denn keinerlei pragmatische Zwänge schränken meinen Ausdruckswillen ein. Der Maestro muss Menschen führen, den Musikerhaufen in die Einheit eines Klangkörpers pressen – ich muss gar nichts. Ich darf nur, das aber reichlich. Dass ich ihm umblättere, als Zugabe sozusagen, denn in die Partitur schaut er kaum einmal hinein, ist der letzte Rest von Notwendigkeit, an dem fest zu halten mir von mal zu mal mehr als Feigheit erscheint.
Dann Adagio. Tief im Blechbläserpianissimograu schleichen Töne einsam umher. Selbstvergessene hohe Streicher, die doch nur mal ausprobieren wollen, wie es sich blind auf Reisen anfühlt, trudeln herum. Eine Geige schwebt alleine durch den Tuttiklang, eine Irrläuferin unter lauter Blindgängern. Sie erschreckt die ungelenken blechernen Riesen schier zu Tode: Die verstummen, oder spielen weiter in ihrem Reich der unerhörten Geräusche, doch nun mit von uns dummen Hörern abgewandtem Gesicht und ohne Ohrenzeugen. Ihr Lebtag lang sind diese Tubenpfürze nicht auf die Idee gekommen, dass es noch andere ihresgleichen geben könnte – von diesem Schock werden sie sich heute nicht mehr erholen.
Man muss dabei gewesen sein, man muss gesehen haben, wie meine kindliche Urverwandtschaft zu den hunderten Ausrufewörtern unserer Sprache sich paarte mit meiner frühreifen Kenntnis des Sollens und des Müssens und des Dürfens, wie sich paarten Ausdruck und Konstruktion in unschuldigem Kindergesicht.

Da reiĂźt der Jubel mich heraus aus Gedanken und versetzt mich in tosende Gegenwart.
Der Maestro schließt mich in seine Arme. Wäre er noch in der Blüte seiner Jahre, würde er mich nun hochnehmen, doch selbst meine 27 Kilo sind heutzutage zu viel für ihn. Er muss darauf verzichten, sich mit mir auf dem Arm ablichten zu lassen von den bereitstehenden Fotographen, was einem Manne wie ihm, der aus jedem Ereignis den größtmöglichen Erfolg herauszupressen weiß, äußerst schwerfallen muß.
Deshalb geht er in die Knie vor mir und beugt sich zu mir hinab.
Nun sehe ich das verschwitzte Gesicht aus nächster Nähe – es ist kaum noch menschlich zu nennen. Genau wie ich gibt der Maestro immer alles. Er murmelt Worte, nach deren Bedeutung ich am nächsten Tag von der heldengierigen Berliner Boulevard - Presse mehrfach befragt werde. Man nimmt dort an, dass bedeutende Männer Bedeutendes sagen – ein Irrtum aus meiner Sicht. Doch ich wäre der letzte, der die Journalistenmeute mit missionarischem Eifer zu bekehren versuchen würde. Ich hüllte mich in beredtes Schweigen, ein Ausdruck, der mir in seiner Blödigkeit sehr angemessen vorkommt. Schon während des ganzen letzten todestrunkenen Satzes von Mahlers Neunter hatte er nur noch „Wasser, Wasser“ gemurmelt, so dassich nun nicht überrascht bin, das es dieselben Worte sind, die er mir nun ins Gesicht stammelt. Immerhin verleiht die Summe der Eindrücke, also die brüchige Stimme, das ausgezehrte Gesicht, der tote Eindruck, den seine Hand in meiner hinterlässt, diesen Worten etwas von den hohen Weihen, nach denen die Journalisten so begehren. Vermutlich hätten sie, nach einem kurzen Moment der Enttäuschung sogleich verstanden, dass dieses „Wasser, Wasser“ beim Leser mehr Eindruck hinterlassen hätte als das erhoffte „Muß es sein.“ Elemente einer Blut, Schweiß und Tränen-Rede hinein zu schmuggeln in einen Bericht über die seelenzerfetzende Wirkung von Karajans Dirigat – könnte man sich etwas aus denken, was besser zum Anlass der heutigen Gala, dem Gedenken an die Mauertoten, passen würde?
Karajan tritt ab.
Dann beginnt das Warten auf die Zugaben an, ein wahrhaft festlicher Moment. Bei Zugaben kann nichts mehr schiefgehen, über die Zugabe kann sich niemand beschweren, der lauteren Gemütes ist. Sie sind der Höhepunkt eines jeden Konzertes. Hier herrscht Freiheit, bei der Zugabe ist Platz für Glück und Spontanität, bei der Zugabe entlässt der Markt die Kunst in die ersehnte Freiheit – vorher ist alles Gegenleistung für das Eintrittsgeld.
Gleich mir ist die Zugabe ein reines Geschenk.
In welch Höhen wird sich dieses Geschenk erst schwingen, wenn der Höhepunkt des Abends, die zweite Zugabe, von der noch niemand etwas ahnt - nur Elstermann, der Konzertmeister der Philharmoniker, weiß von unseren Plänen und hat sie missmutigst „zur Kenntnis genommen“ – das Publikum verzaubern wird.

Der Maestro kommt wieder. An seinem Gebiss erkenne ich sofort, was er heute spielen wird. Sein Mahler-Gebiss, nicht mehr als ein Zungengatter, das verhindern soll, dass dieses läppische Organ wieder unkontrolliert umherbaumelt wie damals in Tokyo (was den Maestro Unsummen für aufzukaufende Negative gekostet hatte) ist ausgetauscht gegen eines, das die Wangen aufmöbelt und seinen Zügen das Höchstmögliche an Lebenslust abzutrotzen vermag, das aus ihnen noch herauszukitzeln ist.
Auch das bewundere ich an Heribert. Nichts überlässt er dem Zufall. Er ist ein Meister der sublimen Publikumsmanipulation.

Auch der Ungarische Tanz geht vorbei.
Es folgt ein müder, pflichtbewusster Beifall für Lothar Elstermann, den in Fachkreisen hoch angesehenen Konzertmeister der Philharmoniker. Elstermann, der Tonleiterkönig, wie er halb bewundert, halb belächelt genannt wird, Elstermann, der alle denkbaren Tonleitern, in Terzen, Sexten und Oktaven schneller und sauberer spielt als jeder andere – Elstermann steht kurz auf, der Maestro drückt ihm kurz die Hand und dann versinkt er wieder in der Anonymität des Orchestertuttis, ein namenloser Weltmeister, der mit fünf Jahren begann, die Erfolgsleiter hoch zu klimmen, deren oberste Sprosse er nun erreicht hat - nur um festzustellen, dass die Aussicht kaum besser ist als im Orchestergraben zu Ulm, wo er einst als Aushilfe erste Erfahrungen gesammelt hatte.
Das ist das Schicksal kleinerer Geister, mĂĽhsam klettern sie nach oben; letztlich nichts als eine FleiĂźarbeit.

Es folgt der Höhepunkt des Abends.
Mit brüchiger Stimme kündigt Karajan an, was nun kommen wird: Das erste der drei Orchesterstücke opus 6 von Alban Berg in einer Fassung für Dirigenten und Umblätterer allein.
O, welch eine Stille hier im groĂźen Saal!
Das Publikum kann`s nicht fassen, kann`s nicht glauben.
Wir lehren sie grĂĽndlich das Wundern.
Wir lassen sie im Unklaren über den Beginn der Aufführung, ganz im Geiste des Werkes, das ja bekanntlich mit einem geräuschhaften Schlagwerkrascheln beginnt, ein Anfang, den wir ausdehnen, denn wir sind uns einig, dass es Berg etwas zu kurz geraten ist.
Noch habe ich die Augen geschlossen und lausche dem zweitausendköpfigen Schweigen. Dann vernehme ich nach kurzer Zeit das Poltern der Pauken, allmählicher Übergang ins Reich der Töne. Langsam öffne ich die Augen gemeinsam mit dem ersten richtigen Klang, einem Ach- Darf? der Holzbläser, das sich in ein Ja, ich darf verwandelt beim dritten Versuch.
Und mit einer wahren Gewaltanstrengung reiße ich die Augen schreckensweit auf beim brutalen ´ Hinweg` des Blechs, einer reinen Interjektion ohne modale Beigabe.
Und blicke IHR direkt ins Auge.
Die Pelzstola hat sie in den Händen, ´wahrscheinlich Eichhorn` denke ich noch, ´das Eichhorn ist doch der Nerz des kleinen Mannes,` da steht sie schon auf, schwingt den Pelz um ihren Kopf, ´es ist doch Ratte` sehe ich nun an den gebleckten Zähnen und schon fliegt die Stola durch die Luft, schon dreht sie sich in turbulenter Hast, schon bin ich getroffen mitten auf der Stirn.
Ich wanke, doch ich falle nicht.
Doch ist es nicht das Bewusstsein, das mich auf den Beinen hält.
Bis zum tosenden Schluss setzt mein Bewusstsein aus. Ich erinnere nicht aus eigener Kraft den Schreckensschrei des Publikums, als die Ratte mich mitten auf die Stirn getroffen, ich erinnere nicht den zweiten Schrei, als das Blut aus meiner Stirn zu sickern begann und ich erinnere nicht das ungläubige Staunen des Publikums, darüber, dass ich einfach weitermache. Ja, Karajan und ich machen einfach weiter bis Bergs opus 6, Nr. 1 wieder im Geräuschhaften versinkt, aus dem es kürzlich erst entstiegen war.
Ich habe es nicht gehört, das gesammelte, atemstarre, zweitausendköpfige Schweigen im Publikum!
Diesem unerhörten Schweigen gegenüber verblassen alle anderen Nichterinnungen zu Marginalien: der Fastzusammenbruch Karajans, das Blumen-und Teddybärmeer, in dem ich irgendwann stand wie der erste Mensch. Selbst die Rebellion der nun doppelt in den Hintergrund gerückten Musiker erinnere ich nicht - angezettelt übrigens von den zweiten Geigen. Vom letzten Pult aus, von den Leihgeigern aus, war die Rebellion vorgedrungen und hatte sich zum Exzess ausgebreitet, der, laut Zeitungs- und Augenzeugenberichten, darin gipfelte, dass Elstermann, ausgerechnet Elstermann, der farblose Tonleiterkönig, sich aufs Podium schwang, den Dirigentenstab ergriff und das Zuchtgerät zerbrach in einer vielfach dokumentierten Aktion, in unerträglich lächerlicher, theatralischer Pose.
Man hat mir einen Stuhl untergeschoben.
Elstermann wird gerade abgefĂĽhrt.
Ich lächle ins Publikum hinein.
Verdient wird immer nur am Mangel; am Glück hat noch keiner auch nur einen Pfennig verdient, ein unhaltbarer Zustand demzufolge – das muss man mir als Kaufmannskind nun wahrlich nicht erzählen.
Warum ausgerechnet dieser Satz es als erster in mein Bewußtsein schafft, kann ich nun wirklich nicht sagen. Ich lächle SIE an, die, von Polizisten umringt, in der fünften Reihe steht und IHN beschützend umarmt. Ach, wie dankbar bin ich IHR! Sie hat meinen Erfolg gesteigert ins Unermessliche, wenn auch in unlauterer Absicht. Nicht nur für mein Nichtskönnen wurde ich heute geliebt, ich habe es nicht einmal gemerkt. Ich wurde geliebt von zweitausend Menschen, das für nichts und ich habe es nicht einmal gemerkt!
Das nenn ich vornehme Nähe!

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Dominik Klama
???
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Aus der Ich-Perspektive erzählter Kulminationspunkt in der Karriere eines „Wunderkindes“ aus der Welt der Konzertmusik. Bei einem Auftritt in der Berliner Philharmonie mit dem Dirigenten Herbert von Karajan wird der Protagonist von seiner Mutter attackiert und erhält tosenden Beifall. Sein Triumph kontrastiert mit der inneren Leere und Kälte eines Künstlers, der sich als abgerichtetes Produkt eines ehrgeizigen Elternhauses erlebt und sich mit nichts und niemandem in der Welt und unter den Menschen verbunden fühlt, außer vielleicht mit den Werken der großen Meister, denen er es anscheinend immer noch gleich tun möchte, obwohl keineswegs klar ist, ob er zu den Genies zählt, die nicht durch Anstrengung zum Gipfel kommen, sondern indem sie einfach ihrer innersten Natur folgen, oder doch eher zu denen, die sich ewig mühen, aber die Spitze dennoch nie erreichen werden.

Dieser Text flößt Achtung ein. Schon allein deshalb, weil er mit nichts zu vergleichen ist, was ich im Rahmen der Leselupe bisher gelesen habe. Es kann jemand also auch mal alles anders machen als die Anderen, was für sich ja schon einen gewissen Wert darstellt - und im Übrigen der Thematik der Geschichte voll entspricht. Auch ist die Künstlerproblematik (Das Wunderkind, nicht zufällig gibt es einen Text von Thomas Mann mit diesem Titel) wahrlich nicht die ausgelutschteste, was das Themenspektrum bei den Leselupe-Autoren angeht.

Wie schon im Falle Thomas Manns liegt der Gedanke nahe, dass das Umfeld „klassischer Konzertbetrieb“ einer Verschiebungsleistung des Autors entspringen könnte, dass der Musiker für den Künstler ganz allgemein steht – und natürlich insbesondere für die Art von kulturellem Betrieb, den ein Schreibender zu „erobern“ gedenkt. Aber, er kennt sich offenbar recht gut aus (und ich tue es nicht, was Dinge wie Karajans korrekten Vornamen oder den Charakter von Mahlers Neunter angeht), es könnte natürlich auch sein, dass Matthias ein Mehrfachtalent ist und von eigenen Erfahrungen als Klassikmusiker ausgehen kann.

Egal nun aber, ob die Geschichte irgendwie „autobiografisch“ ist oder aber gut ausgedacht und solide recherchiert (Letzteres würde einem mehr Respekt abnötigen, bliebe letztlich aber belanglos, am Ende bleibt nur der Text, für mich als Leser, der noch nie etwas von ihm gelesen hat, ist der Autor erst mal belanglos), es stellen sich zwei Formen von Unbehagen ein. Erstens stellt dieser sehr ausführliche Text eines dieser „Ich!-Ich!-Ich!“-Werke dar, auch wenn Karajan und noch ein paar andere ihre wichtigen Auftritte haben, welche von mir als Leser verlangen, dass ich mich für die inneren Erlebnisse (und vergleichsweise wenigen äußeren) einer einzigen Person intensiv zu interessieren habe, die meiner eigenen ziemlich fern stehen. Da tut sich eine an sich ja recht enge Welt auf, aus der mir aber permanent zugerufen wird: „Beachte mich! Ich bin wichtig! Ich leide! Sei erschüttert ob meines Geschicks!“ Für den Schriftsteller macht es das schwierig, so etwas zu schreiben. Denn was ist, wenn der Leser kurz mit den Achseln zuckt, gelangweilt abwinkt und sagt: „Interessiert mich nicht. Ich mag Klassik sowieso nicht. Ich kenne diesen Typen nicht und will ihn überhaupt nicht kennen lernen. Das ist doch nur ein überspannter Heini!“

Die zweite Schwierigkeit besteht darin, dass diese ja durchaus gewaltige Flut von Sprache und Sätzen (die übrigens stilistisch, grammatikalisch usw. erstaunlich gut gemeistert wurde) in mir weniger die vielleicht beabsichtigten Stimmungslagen „Überheblichkeit“ oder „Noblesse“ oder „satirische Schärfe“ wach rufen, vielmehr wie die etwas verkappten Äußerungen von „Verzweiflung“, „Selbsthass“, „Gekränktheit“, „Liebesentzug“ vorkommen. Ein Virtuose der klassischen Musik, der als Solist unter Karajan auftreten darf, das muss ein hoch spezialisierter Mensch sein, unter professionellem Aspekt betrachtet also ein „Ausnahmemensch“. Und zum Wesen des Wunderkinds gehört ja exakt diese Stellung in der Welt. Wunderkinder sind eigentlich Kinder, aber sie sind auch so, wie alle anderen Kinder eben nicht sind, sonst wären sie nämlich keine „Wunder“. (Darum erkennt sich ja auch einer wie Thomas Mann wieder in ihnen.) So eine Figur hat allen Grund, die übrige Menschheit als etwas von ihr Geschiedenes zu betrachten, in mancher Beziehung mit spöttischem Ingrimm auf sie herabzublicken.

„Mein kleiner Möchtegernnachfolger imitiert mich. Bei seiner Mutter sehe ich slawische Gesichtszüge, kleinbürgerliche Herkunft, Kulturbeflissenheit dazu.“
„Mit den handelsüblichen Materialien arbeite ich grundsätzlich nicht.“
„Elstermann, der farblose Tonleiterkönig.“
„Der mittelmäßig Begabte.“
„Ein namenloser Weltmeister, der mit fünf Jahren die Erfolgsleiter hoch zu klimmen begann, nun die oberste Sprosse erreicht hat, nur um festzustellen, die Aussicht ist kaum besser als im Orchestergraben zu Ulm.“
„Seine Akne blüht und es ist ganz offensichtlich, dass er nach Gelegenheiten sucht, seine Nervosität wegzuschwätzen.“
„Ach, in solchen Momenten bin ich ganz gerührt von dem alten Mann. Wie wenig er versteht!“
„Nicht mit mir, Freundchen!“
„Der Beifall, den ich erhalte, ist das, was sie wirklich liebt an mir.“
„Je länger der Abend dauerte, desto deutlicher wurde den Saarbrückener Wirtschaftsgrößen, dass eigentlich ihre Tätigkeit den ganzen Kulturladen am Laufen hielt.“
„Ihr Lebtag lang sind diese Tubenpfürze nicht auf die Idee gekommen, dass es noch andere ihresgleichen geben könnte – von dem Schock werden sie sich nicht erholen.“
„Meine Sammlung von Solitären – meine Brüder in der Welt der Dinge.“
„Sie ließen mich wenigstens allein.“

Jedoch würde ich den Autor davor warnen wollen, dieser Manier mit zahlreichen weiteren Texten nachzugehen. Denn, wie gesagt, es liegt nicht fern zu fragen: Geht es wirklich um die Kritik an aufgeblasenem Geniegehabe und an dem sich ihm willfährig unterwerfendem Kult seitens der Ignoranten? Geht es nicht eher um die zerfleischte Psyche dessen, der hier so scheinbar selbstgewiss und maliziös überlegen beobachtet?

Und dann wieder: Warum sollten wir uns für diese Person interessieren? Mag ja sein, dass wir Andern alle ziemlich tumbe Spießer sind, wenn wir hingehen und beim Club Bertelsmann eine Cecilia-Bartoli-CD kaufen, um sie an Weihnachten unseren Freunden zu schenken, nicht, weil wir wirklich was davon verstehen würden und Bartolis Rang einschätzen könnten, sondern weil „man“ das momentan halt so macht, wie man es vor längerer Zeit mit Karajan gemacht hat. Aber wenigstens sind WIR einigermaßen zufrieden in unserer Haut und können sagen, WIR lieben einigermaßen genug und werden einigermaßen genug widergeliebt. Und dieser eine Typ da in der Geschichte, der ist anders, dem geht es nicht so wie uns. Aber warum das lesen? Helfen wir ihm damit?

„Eltern können ja nicht verhindern, dass ihre Kinder auch von anderen geliebt werden. Sie wollen es auch nicht verhindern, im Abglanz fällt ja auch Liebe auf sie zurück.“
Blendend formulierte Bissigkeit. Aber ich nehme nun nicht an, dass ein irgendwie nennenswerter Anteil der bei der Leselupe Registrierten auf diese Art von seinen Eltern sprechen wĂĽrde. Und andererseits glaube ich auch nicht, dass die meisten groĂźen Geiger oder Pianisten das tun.

Was sagen soll: Wenn Matthias in dieser Art weitermachen will, muss er von der starken Ich-Konzentration seiner Texte weg. Der problematischen, der meinetwegen „erhabenen“ Ich-Figur müssen weitere, verschiedenartige und sich vor allem von dem Protagonisten unterscheidende Figuren beigesellt werden, die aber nicht bloße Chargen, sondern ernstgenommene Mitspieler sein müssten. Woraus sich automatisch ergibt, dass nicht mehr so viel monologisiert werden kann (monologisiert wird ja eigentlich nur im Theater, weil man da nicht einfach rausgehen kann, wenn es einem lästig wird, im Leben haben Monologe wenig Zweck, denn niemand hört zu und gibt Antwort), dass mehr ko-agiert werden muss, dass mehr an Konflikten da ist. Was automatisch zu Handlung führt, welche wiederum epische Spannung beim Leser aufkommen lässt. Also, hierbei habe ich mich eigentlich nie gefragt: „Wie wird das wohl ausgehen?“ Ich habe mich eher gefragt: „Was hat der eigentlich? Worüber regt der sich die ganze Zeit denn auf?“

„Transzendenz ohne Verbindung zur Materialität der Welt ist und bleibt ein blutleeres Unternehmen.“ Das ist Zitat aus der Erzählung.

Jemand der sein ganzes Leben lang Texte geschrieben hat, mit denen Matthias’ Erzählung von ihrem Ansatz her verwandt ist, nämlich recht umfangreiche oft mit eher wenig an Handlung, oft mit überbordender Sprachmächtigkeit und dem unbedingten Willen, bei der Beherrschung der eigenen Sprache virtuos glänzen zu können und Applaus zu erhalten, aber auch mit dieser Kenntnis von klassischer Musik und ihren „Meistern“, sowohl was die Komponisten wie die Ausführenden angeht, auch mit dieser problematischen Beziehung zur eigenen Herkunft und Familie, auch mit diesem Hang zu Spott und Provokation, auch mit dieser zur Schau getragenen Arroganz des Genies, hinter der sich aber auch allerlei „Wahnsinn“ und „Verzweiflung“ ahnen ließ, war Thomas Bernhard, der Österreicher, dessen Großvater, der es selber nicht zum ersehnten literarischen Durchbruch geschafft hatte, ihn von frühester Kindheit zum Wunderkind („egal in was, aber Genie musst du werden!“) bestimmt hatte. Und nicht zuletzt gehörte es dann in späteren Jahren zur sorgfältigen Selbstinszenierung Bernhards, allseits als Einzelgänger, Unverstandener und Menschenfeind Eindruck zu machen. (Wenn er, sobald er „außer Dienst“ war, bei Antiquitätenkauf oder Mosttrinken etwa, auch mal ein gänzlich Anderer sein konnte.)

Bernhard ist einer meiner Lieblingsautoren. Aber ich finde, man fällt herein auf ihn, wenn man seine Texte mit weihevollem Staunen daraufhin verschlingt, wie viel in ihnen gelitten wird (und zwar meistens von der Autorfigur Thomas Bernhard), wie viel Aufschluss über den Menschen an sich oder das Land Österreich im Besonderen sie uns geben und von welch einem singulären Genie sie verfasst seien. Gefreut hätte das alles den Bernhard bestimmt, aber mich freuen seine Texte eher, weil er sie in der Sprache geschrieben hat, in der sie dastehen. In der zur selben Zeit andere Autoren über interessantere Dinge eben nicht geschrieben haben.

Bleibt Matthias in diesem Bernhard-Genre des verachtenden Einzelgänger-Künstlers, setzt er sich, was Stil und Sprachbeherrschung angeht, unter enormen Erfolgszwang. Entweder ist er in der Lage, sich seine ureigene, in sich stimmige Sprache zu erschaffen – oder er wird wohl schnell uninteressant von seiner Thematik her.

Ich will nun wirklich darauf verzichten, allerlei Kleinigkeiten aufzuführen, Punkte, an denen Matthias falsche Satzzeichen gesetzt oder unpassende Wörter platziert hat. Es gibt das. Es geht hier nicht um Beckmesserei. Im Großen und Ganzen würde ich meinen, dass ich mittlerweile eine Reihe von Autoren erlebt habe, die auf dieser Ebene, der sprachlich-stilistischen, schlimm eingebrochen wären, wenn sie sich daran gemacht hätten, so eine weit ausholende Geschichte zu erzählen. Er kann das wesentlich besser als viele andere. Jedoch, leider, den fabelhaften Kohm-Originalton höre ich noch nicht heraus aus diesem Text. Den Ton, der mich an ein Thema gefesselt hätte, das mich nicht besonders interessiert, und mich an eine Figur gebunden hätte, die ich nicht mal mag. „Auch Riesen haben klein angefangen“, sagte aber wiederum Werner Herzog.

„Ich sollte unter Menschen das sein, was unter den Staaten die Schweiz ist. Mittendrin, aber außen vor. Einzigartig, aber stinknormal. Teilnehmer, aber passiv neutral, aber eindeutig positioniert. Klein, aber oho. Weltbürger, aber Spießbürger. Blitzsauber, aber Dreck am Stecken.“

Das „aber eindeutig positioniert“ stört, weil es aus der Reihe der sonstigen „x, aber y“-Doppelungen fällt. Ginge vielleicht: „Passiv neutral, aber eindeutig positioniert.“ „Weltbürger, aber Spießbürger“ gefällt mir hier sehr gut. Spätestens das Letzte würde ich streichen. Wenn nicht sogar alles. Man fragt sich, was soll das? Warum wütet er gegen die Schweiz? Gut, er sei von da, sagt der Held, aber es spielt im Text ja sonst keine Rolle mehr, es überfrachtet ihn. (Man denkt, na ja, der Matthias wird von dort sein [stimmt aber nicht, wenn einer „Oberwalden“ statt Obwalden schreibt] und sich darüber auslassen wollen. Bernhard hingegen hatte es natürlich super drauf, sich selbst, seine Familie und das ganze übrige Österreich eins ins andere zu setzen, sodass er schließlich auch etwas über seinen Onkel schreiben konnte und das gesamte Land damit zu zerschlagen schien.)

„Ein vornehmes Haus im vornehmen Teil von Thun.“ Das wage ich jetzt ein wenig zu bezweifeln, dass Thun einen vornehmen Teil hat. So klein und kleinstädtisch wie das ganze Thun ist – und so allumfassend wohlstandsgesättigt wie es im Berner Oberland zugeht. („In den Slums von Thun“ – Das wär doch mal ein Titel.)

„Nur irrtümlich wurde ich geliebt. Das war nicht wirklich ich, der da geliebt wurde.“
Dazu hätte ich gern noch ein wenig mehr gelesen. Das ist ja dann das Drama, der Schönen, die „geliebt“ werden, weil sie schön, aber nicht weil sie sie sind. Der Frauen, die „geliebt“ werden, weil sie Frauen sind, nicht weil sie der und der Mensch (wie kein anderer) sind. (Das habe ich jetzt von Philip Roth bzw. aus der Verfilmung von dessen „Das sterbende Tier“ geklaut, wo Dennis Hopper zu Ben Kingsley sagt: „Eine schöne Frau ist unsichtbar, wir sehen nur die Schönheit und nicht die Frau.“) Aber, wenn man sich das mal genau überlegt, werden wir alle immer nur „irrtümlich“ geliebt. Die Liebe ist etwas, das wir gar nicht verdient haben. Und ebenso „irrtümlich“ werden wir auch „nicht geliebt“: Wir hätten es so verdient gehabt und wurden es dennoch nicht.

Am Ende wird es dann heißen: „Ich wurde geliebt, geliebt von zweitausend Menschen, geliebt für nichts. Und ich habe es nicht einmal gemerkt!“
Das kann man auch so sagen: „Ich wollte von allen geliebt werden. Aber ich konnte das nicht fühlen, wenn man mich geliebt hat.“

Das ist eine ergreifende Aussage ĂĽber die innere Befindilchkeit des Helden. Die man eigentlich vertieft sehen wollte. Denn so richtig erkennen, dass dieses Thema bearbeitet wurde, kann ich in all den Anekdoten von Karajan und Elstermann, inmitten all des anscheinenden Mahler- und Berg-Verstehens doch nicht.

„Die Opferung jungfräulichen Blutes zu Vaters Ehren kristallisierte sich als der übergeordnete Sinn der ganzen Veranstaltung heraus.“
Hier haben wir zwar wieder die extreme Bissigkeit des Erzählers, was Eltern angeht. Und wir haben einen Satz, der Enormes an Erzählinhalten zu versprechen scheint. Aber dennoch müsste man diesen Einfall wohl einfach streichen. Denn es kommt ja nichts mehr in dieser Angelegenheit – und Jungfrauenblut steht nun mal für die erste sexuelle Penetration – und wenn die durch den Vater erfolgt (oder auch nur gewünscht wird) haben wir den Leser einen Stoff sehen lassen, der nach etwas ausführlicherem Besprechen verlangt.

„...lerne nichts, mein Junge, bleibe... ach, das verlorene Reich der Interjektionen... hui, da ist es... ach, dein hoppla... hoppla, dein juchheisassa... juchhe, da schau... ogottogott, was kommt...“
Stammelt eingeschlossen auf der Toilette ein auf den Knien liegender Karajan ins Angesicht eines kindlichen Musikusses. Da würde ich den Verfasser nun aber gerne fragen, was das heißen soll? Auf den Knien vorm Kind. Es verschlägt ihm die Sprache. Es kommt. Ist das ein pädophiler Orgasmus? Und wenn ja, hat der alte Karajan (den ich gar nicht gern habe) das verdient?

„Die Liebe, ein Luxusprodukt.“ Meiner Ansicht nach verspricht der Titel „Die Liebe, ein Nischenprodukt“ etwas anderes als der Text - immerhin - hält. Es sei bemerkt, dass Luxus- und Nischenprodukte nicht dasselbe sind. Hier am Ort, seitdem die Müllabfuhrgebühren nach Volumen der Eimer und Anzahl der möglichen Leerungen pro Monat gestaffelt wurden (und nicht von der realen Müllmenge und der realen Leerungszahl abhängen), sieht man sich binnen kürzester Zeit genötigt, zahlreiche Geschäfte abzuklappern, um einen Metallriegel zu erstehen, mit dem man seine Nachbarn davon anhalten kann, einem nachts den Eimer randvoll zu schmeißen, denn offenbar möchten manche von ihnen nur die Gebühr für Eimer zahlen, die eigentlich viel zu klein für ihre Verhältnisse sind. Leider gibt es solche Schlösser eigentlich nirgendwo am Ort, obwohl es schon ein paar Jahre das Problem gibt. Sie sind also ein Nischenprodukt auf dem Markt der Haushaltwaren. Und folglich dann auch so teuer, als wären sie ein Luxusprodukt, handgeschnitzt aus Elfenbein.

„Das erste der drei Orchesterstücke in einer Fassung für Dirigenten und Umblätterer allein.“
Hier scheint mir die Gefahr gegeben, dass es zum Insiderscherz wird. Falls ich Unwissender richtig lese, spielt das Orchester bei dieser Fassung eines Orchesterstückes nicht mit, sondern es wird nur dirigiert und beim Umblättern mit Papier geraschelt. Muss von John Cage sein.

„Ich erinnere nicht aus eigener Kraft den Schreckensschrei des Publikums.“
Okay, Hans Henny Jahnn und Uwe Johnson und Hubert Fichte durften so schreiben. Und mir als Süddeutschem ist erst sehr spät aufgegangen, dass es im Norden des Landes üblich zu sein scheint, das Wort „erinnern“ so un-reflexiv wie im Englischen zu gebrauchen. Aber Matthias Kohm, dieweil er noch nicht die Meisterwürde trägt, die ihm das Gesetzeverschieben gestattet, darf es nicht tun.

„Ich pflege lieber meine Begabung.“
Na, dann noch viel Erfolg beim Pflegen!


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14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit Aufklärung Verteidiger: Es ist genug.

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Sehr geehrter Herr Klama,
vielen Dank fĂĽr ihre Gedanken zu meinem Text. Ich finde, alles was sie sagen ist ernst zu nehmen und verdient eine Antwort, auch wenn mir dieser Text, der schon beim Einstellen in die Leselupe nicht mehr frisch war, mir ziemlich weit weg erscheint.
Ihre Gedanken zeugen durchgängig von einem respektvollem Umgang mit dem Text. Wenn ich ihnen im Folgenden in einigen Details widersprechen werde und diese Widersprüche mehr Zeilen in Anspruch nehmen werden als der oben ausgesprochene Dank, dann liegt das in der Natur Sache und ändert nichts daran, dass ich ihnen zuerst einmal dankbar bin für ihre Mühen.
Weil ich noch nie einen Kommentar in der LL geschrieben, werde ich diesen Teil meiner Antwort jetzt schon einmal wegschicken, einfach um zu sehen, ob es technisch funktioniert.

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Matthias Kohm
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Sehr geehrter Herr Klama,
hier die Fortsetzung, es hat geklappt mit dem Verschicken.

In ihrer sehr professionell klingenden Zusammenfassung meines Textes (haben sie je Klappentexte geschrieben?) ist ihnen ein Fehler unterlaufen, den ganz sicher ich verschuldet habe: es ist nicht die Mutter, die den Rattenkopf schleudert, sondern SIE, die gleich anfangs eingeführte Mutter von IHM, die ihren eigenen Sohn am Stelle des Wunderkindes sehen will. Ich hatte darauf spekuliert, dass die Großschreibung wie die Verleihung eines Eigennamens wirken könnte und man sich deshalb daran erinnert. Auch wurde die Ratten am Anfang schon erwähnt. Doch ist sicherlich die DIstanz von der ersten zur letzten Seite zu groß, so dass selbst ein gutwilliger Leser wie sie es sind, diesen Zusammenhang übersehen muss. Hauptsächlich, weil eine Erwähnung von "SIE" und "IHM" in der Mitte des Textes einer Kürzung zum Opfer fiel.

Zu Thomas Bernhard: Ich kenne ihn, aber wenig. Wenn ich an Bernhard denke, fällt mir ein: Beharren, wiederholen, insistieren. Davon ist in meinem Text nichts zu finden. Wenn ich nach Gemeinsamen suche, finde ich eins: Sowohl die Protagonisten in den Bernhardschen Werken, die ich kenne, als auch mein Protagonist sind Leute, denen man im wirklichen Leben lieber nicht begegnet: Ziemliche Arschlöcher, arrogant, überheblich, ungerecht. Aber vielleicht interessant.

Die Gefahr, dass ich in einer solchen Manier weiterarbeite, besteht nicht. Was ich seither gemacht habe, ist anders.

Zu dem Abschnitt mit "Noblesse", Ăśberheblickeit, Selbsthass.
Da verstehe ich sie nicht: Noblesse gehört ja nicht zu den Wörten, mit denen man im Alltag um sich schmeißt - also wurde dieses Wort von meinem Text provoziert. Warum einen Widerspruch konstruieren zu Selbsthass und Verzweiflung? Offensichtlich ruft mein Text beide Assoziationen in ihnen hervor; das ist gut. Nicht "entweder-oder" sondern "Und auch". Wenn sie den Selbsthass hören - gut. Wenn sie Noblesse hören: auch gut. Wenn sie satirische Schärfe hören: auch gut. Wenn sie Verzweiflung hören: auch gut. Viel hören=guter Text nach meinen Maßstäben.

Natürlich "passiert" wenig in diesem Text; ein Text mit wenig Handlung muss von Satz zu Satz überzeugen. Als ich diesen Text jetzt wiedergelesen habe, fand ich viele, viele Sätze, die ich gerne gelesen habe; weil sie für mich witzig sind, gedakenvoll, schön formuliert. Aber das ist nun wirklich nicht diskutierbar.

Zu der Schweiz: sie haben völlig recht: das eindeutig stört und gehört einfach gestrichen.
Der ganze Abschnitt beginnt mit: Ich sollte unter den Menschen das sein, was die Schweiz unter den Staaten ist. Das folgende ist also genauso eine Beschreibung der von den Eltern gewĂĽnschten Stellung in der Welt wie eine Beschreibung der Schweiz. Von daher sollte es stehenbleiben. Die Schweiz wird es verkraften, von einem naseweisen, altklugen Kind beschimpft zu werden.

Erwischt haben sie mich mit Thun. Wie das hier hereinkam, weiß ich nicht mehr. Das muss bei einer letzten Überarbeitung passiert sein,ursprünglich spielte das in Saarbrücken, fehlerhafterweise sind einige Zeilen später von Saarbrückener Wirtschaftsgrößen die Rede. Da habe ich geschlampt.

Ihr Zitat: "Das ist eine ergreifende Aussage ĂĽber die innere Befindilchkeit des Helden. Die man eigentlich vertieft sehen wollte. Denn so richtig erkennen, dass dieses Thema bearbeitet wurde, kann ich in all den Anekdoten von Karajan und Elstermann, inmitten all des anscheinenden Mahler- und Berg-Verstehens doch nicht."
Da verstehe ich sie auch nicht: Was soll denn da noch "Bearbeitet" werden? Ist ergreifende Aussage nicht genug? Ist Literatur nicht auch immer ein zwischen den Zeilen sprechen? Sie hören doch ganz offensichtlich, wie es dem Helden geht - warum soll das noch explizit besprochen, bearbeitet werden? Der ganze Text ist diese Bearbeitung, finde ich. Sie hören so gut und vertrauen dem so wenig; so kommt es mir vor.

Anders als ich hören sie das jungfräuliches Blut: Ich höre darin: das Blut einer jungen Frau, die noch kein Geschlechtsverkehr hatte,sie das beim ersten Geschlechtsverkehr fließende Blut. Deshalb ist für mich diese Stelle schön eingebunden in diese kleine Binnenerzählung, diese Rückblende auf das Kennenlernen von Protagonist und Karajan. Und für sie fehlt was. Kann man nichts machen.
Anders mit der folgenden Szene: zwar dachte ich überhaupt nicht an Pädophiles zwischen Karajan und dem Jungen, aber ich finde diese Szene selbst nicht gut. Da ist es mir nicht gelungen, klar darzulegen was ich sagen wollte und deshalb sind der Missverständnisse wirklich Tür und Tor geöffnet. Da könnte man was machen.

Ihr Zitat: "Das erste der drei Orchesterstücke in einer Fassung für Dirigenten und Umblätterer allein.“
Hier scheint mir die Gefahr gegeben, dass es zum Insiderscherz wird. Falls ich Unwissender richtig lese, spielt das Orchester bei dieser Fassung eines Orchesterstückes nicht mit, sondern es wird nur dirigiert und beim Umblättern mit Papier geraschelt. Muss von John Cage sein."

Natürlich lesen sie richtig. Ist das anders zu verstehen? Anfangs des Textes wird eine Welturaufführung angekündigt, die Geburt einer neuen Kunstform: das ist das. Geraschelt wird allerdings vermutlich wenig: Das Kind spiegelt Karajans Verzückungen wie auch sonst bei seiner Tätigkeit. Dafür ist es da, wirklich Umblättern muss es wenig, Karajan machte sowieso das meiste auswendig. Die Verzückungen des Dirigenten gehen ja normalerweise dem Publikum verloren, weil es nur seinen Rücken sieht, der "Umblätterer" macht die Ekstasen sichtbar, deshalb ist er da.

Ganz am Schluss unterläuft ihnen etwas, was mich stört. Sie geben in ihrem Text gleichzeitig den Verteidiger und den Ankläger und das ist gut so. Jetzt liegt die Versuchung sehr nahe (ich selbst würde ihr vermutlich auch erliegen) zu guter letzt auch noch den Richter zu geben und zu sagen was man darf und was nicht. Das finde ich schade.

Das soll genug sein. Vielen Dank nochmals und falls ihnen noch was einfällt:ich höre gerne von ihnen.
Mit freundlichen GrĂĽĂźen Matthias Kohm

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bluefin
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mathias kohm muss wütend gewesen sein, dachte ich, als er die lange replik von dominik klama auf seiner netzhaut gespürt hat, nicht die laute, schnaubende wut, aus der es spontan hervorbricht, sondern jenes glimmen, dachte ich, das sich nach innen richtet und verzehrend wirkt, niemals wirklich gelöscht werdend, der schmerz einer wunde, eines feinen stiches, der ins verborgene gesetzt wurde und niemals wieder heilen wird, durchs auge durchgestochen bis tief ins gedankenfach, dachte ich, welcher effort über seiten hinweg über dinge, die beiden ganz offenbar so weit entfernt sind wie der andromedanebel von einem orchestergraben in wien oder berlin. keine musik, hätte dominik sagen sollen, dachte ich, keine musik gibt’s hier drin, nicht die kleinste terz, sondern nur hass auf etwas unerreichbares, unzuverstehendes, zischelnder schlangengeifer, blättergeraschel, hätte dominik sagen sollen, dachte ich, von musik nichts, verständnisloses stammeln von luftschlössern, aber nicht einen einzigen passenden schlüssel dabei, gefasel über mahler&co ohne hirn dafür, hätte dominik sagen sollen, dachte ich, dafür spott über die pickel des aushelfenden zweiten geigers ebenso wie für das vorgebliche nichts vorn rechts am pult; mathias hat wohl irgendwann einmal versucht, dachte ich, etwas auf dem klavier zum vortrag zu bringen und wurde verletzt dabei, die elitäre mutter ein schlagschatten auf dem elfenbein und das nichtkönnen keine lakonische feststellung am ende, sondern immerwährende scham bis hin zum komplex, dachte ich, unheilbar und auch nicht von der seele zu schreiben; mathias, dachte ich, hat es bestimmt nicht gut gemeint mit dem hinweis auf thomas bernhard, eins dieser scheinkomplimente, dachte ich, das dem empfänger nicht balsam, sondern pfeffer in die wunde reibt und der dann nicht anders kann als sie gleich wieder auszuwischen, was soll das, dachte ich, thomas bernhard, der schreibt doch ganz anders, nicht so wie einer der will, dachte ich, sondern von einem, der es kann und über ein paar andere, die es niemals können werden, und er erklärt auch, dachte ich, warum. vielleicht hätte dominik klama direkt sagen sollen, dass, dachte ich, wer zum konzertpianisten nicht taugt, auch kein guter zuhörer sein kann und dass einer, der nicht gut zuhören kann, also einer, der musik, dachte ich, mit geräusch verwechselt oder geraschel, das man nur einschaltet oder ausschaltet, während man dazu hopst, dass der, hätte dominik sagen sollen, dachte ich, nicht einer ist wie der bernhard, sondern ein stummer, der leere saiten blättert. er möge in frieden untergehen…

...*bubbles*…

bluefin

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Dominik Klama
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Oh, das ist jetzt sehr geschickt, dass Bluefin einen „normalen“ Eintrag, also einen, der sofort immer sichtbar ist, angeschlossen hat. Denn, hatte ich gedacht, vielleicht war es doch eher so, dass Matthias (der sich übrigens mit zwei t schreibt), von der Leselupe zwar eine Mail bekommen hat, dass ein neuer Eintrag eingetroffen sei, dann aber, als er den Link auf der Mail anklickte, überhaupt nichts auf der Seite stehen gesehen hat außer seinem eigenen letzten Text. Und (jedenfalls ganz am Anfang ging das mir mal so), dachte ich, er ist mit den Abläufen der Leselupe nicht (nicht mehr) vertraut genug, um zu wissen, dass die Links zu den „spontanen Leseeindrücken“ nur sichtbar sind, wenn man sich vorher mit Namen und Kennwort eingeloggt hat. (Wozu man also registriertes Mitglied sein muss, aber das allein reicht, dachte ich, ja nicht, man muss sich auch jedes Mal einloggen, sonst, dachte ich, verheimlichen einem diese Ignoranten, was wieder gemauschelt wurde unter dem Signum des „spontanen Leseeindruckes“. Nun kam gleich danach aber bei Matthias eine weitere Mail an, die auf Bluefin verwies, den man offen angezeigt bekommt.

Wer jemals ein Buch von Bernhard gelesen hat (und ich habe zwar fast alle gelesen, aber das ist eine Menge von Jahren her, ich bin nicht mehr so firm), weiĂź nach solchen Passagen:
„keine musik, hätte dominik sagen sollen, dachte ich, keine musik gibt’s hier drin, nicht die kleinste terz, sondern nur hass auf etwas unerreichbares, unzuverstehendes, zischelnder schlangengeifer, blättergeraschel, hätte dominik sagen sollen, dachte ich, von musik nichts, verständnisloses stammeln von luftschlössern...“
...dass Bluefin jemand ist, der nicht nur so tut, als kenne er sich mit Bernhard aus, sondern er kennt sich aus. Wobei Bernhard zwar absätzelos, aber nicht großbuchstabenlos schrieb. Auch das Stichwort „Wiederholen, Insistieren“, das schon Matthias anbrachte, trifft was. Und es stimmt, dass Matthias dieses Orgeln in Wiederholungen nicht nachzuahmen versucht hat. Wie es ja überhaupt stimmt, dass die Parallelen eher inhaltlich, thematisch als formal, stilistisch sind. Bernhard hatte eben die Bernhard-Sprache und Kohm hat sie nicht (was ja auch nicht weit führen würde, ein großes Vorbild sklavisch zu imitieren) – und er hat, „hatte ich gesagt, wie mir jetzt wieder einfiel“, eben auch noch nicht DIE Kohm-Sprache entwickelt, über die er vielleicht eines Tages verfügen wird.

Es gibt in den Geschichten, die ich selber verfasst habe, eine ganze Anzahl von Stellen, die, obwohl ich thematisch mit Bernhard nichts zu tun habe, sichtlich unter dessen Einfluss entstanden sind. Man mag das eine Anfängerkrankheit nennen: der Literaturliebhaber, der, ohne es recht zu wissen, schreibt „à la manière de...“. Mir kam es immer vor, als hätte ich diese Passagen in meinen Texten ganz bewusst und durchaus schelmisch gesetzt, nämlich in einem Atemzug sowohl als Huldigung an Bernhard wie als Parodie auf ihn.

Selbst mir ist dabei nicht entgangen, dass es nicht so einfach ist, den Bernhard-Ton zu imitieren, wie man anfangs glaubt. (Und wie es viele machen. Als Jugendlicher schwärmte ich für die Hagenbuch-Geschichten von Hanns Dieter Hüsch und ahnte im Traum nicht, dass Hüsch diesen Tonfall von dem mir damals unbekannten Bernhard, ähem, „entliehen“ hatte.) Folglich kann man Bernhard auch nicht so leicht durch den Kakao ziehen, wie man das vielleicht gerne möchte: Wer diese langen, verschachtelten Sätze nicht durchhalten kann, ohne sich im Ton zu vertun, der kann sich auch nicht glaubhaft darüber lustig machen. Und, dies nun an Bluefin gesprochen, es hat nichts mit der obigen Erzählung zu tun, etwas wie „zischelnder schlangengeifer“ ist meiner Ansicht absolut un-Bernhard’sch. Meiner Erinnerung nach hat er es nicht so mit den Partizipien I und den poetischen Attributen, er beschwört keine „Erlebnisse“ mittels lautmalender Wörter herauf. Ich glaube eigentlich nicht, dass an irgendeiner Stelle seines Werkes von „Geifer“ die Rede ist, und erst recht „Schlangengeifer“!

Das heißt, ich würde an Bluefin etwas kritisieren, was ich an Matthias keineswegs kritisiere. Bluefin glaubt, er habe seinen Bernhard gemeistert, er könne ihn reproduzieren und ihm dadurch auf eine Art das Wasser reichen. Matthias hat diesen Anspruch nie gehabt, er kennt Bernhard ja kaum. Und es ist nun wirklich nicht die beste Medizin, aus „Die Liebe...“ den idealen Text zu machen, indem man ihn durch eine Bernhard-Prägewalze schickt.

Mein Verweis war ein vor allem thematischer. Ich dachte, entweder kennt Matthias den Bernhard schon oder es könnte einer sein, der ihn interessieren wird. Ich dachte mir, dass Matthias jemand ist, der sich viel mit klassischer Musik beschäftigt, wie Bernhard es getan hat. Und dann hat Bernhard in vielen (wenn auch nicht in allen) Werken diese unleidliche männliche Einzelgängerfigur als Geistesmensch-Helden bzw. als Erzählerstimme. Typen, die anscheinend in Anspruch nehmen dürfen, näher an der Genialität zu hausen als die Allermeisten von uns, dort aber einigermaßen unbehaust sind und nahezu alle andern, wenn nicht gar sich selbst, überhaupt nicht ausstehen können.

Diese kategorische Schimpfhaltung, die sich ihrer Urteilsgrundlagen so sicher zu sein scheint, die hat Bluefin gut nachgeahmt. Also, man sage mir nicht, das hätte nichts mit dem Inhalt obiger Erzählung gemein. Nun sagen uns die Bernhard-Erzähler, sie seien in ihrem jeweiligen Fachverstehen (ob nun Architekt, Philosoph oder Theatermacher) der gemeinen Ignoranten-Welt turmhoch überlegen. Und Bernhard sagt uns damit unterschwellig ständig, dass auch er so gut über Berg, Bruckner, Bach, Stifter, Wittgenstein, Pascal usw. sich auskennt, wie unsereins noch lange nicht. Ehrlich gesagt, glaube ich ihm das oft gar nicht. (Aber ich könnte mich irren.) Ich halte ihn für einen glänzenden Hochstapler. Bekanntlich tut er einerseits so, als hätte er alles „Wichtige“ naturgemäß gelesen, andererseits konnte er viele Jahre lang nichts lesen außer seinen geliebten Zeitungen, weil er Angst hatte, er würde dann auch anfangen, die Stile anderer Leute nachzuahmen, wo er doch seinen eigenen gefunden hatte, quasi das Trademark-Recht hatte, einen Klang erzeugte, der unverkennbar und (erst einmal) unimitierbar war.

Aber darum geht es mir nicht. Mag sein, dass Bernhard viel mehr von Musik wusste als ich. Von klassischer europäischer Musik sowieso, das ist ja klar. Das ich also keine Ahnung hätte, worum es in einer Symphonie eigentlich geht, mag zwar stimmen, ist aber kein Vorwurf von Relevanz. Man könnte sagen: Bernhard macht Musik mit seinen Worten. Da könnte ich zustimmen. Und deshalb lese ich ihn ja. Und man könnte sagen: Dominik macht keine Musik mit seinen Worten. Das würde mich treffen, aber es mag durchaus sein, vielleicht mühe ich mich, krebse herum als Ignorant, schaffe es nie zu irgendwas Beachtenswertem. Und sehe das irgendwann dann auch noch ein. Und dann lasse ich es wohl auch, bin aber an dieser Stelle noch nicht angelangt.

Man kann überhaupt nicht sagen, Matthias Kohm macht Musik mit Worten etwa in der Art von Bernhard. Erstens hat er das nicht versucht. Und zweitens tut er es nicht. Und drittens, wenn er es versuchte, könnte er es wohl nicht. Dennoch kann man nicht sagen, meine ich: Matthias kann nicht schreiben. Oder: Matthias schreibt unsinniges Zeug. (Da ich das nicht glaube, habe ich ihn - für meine Verhältnisse - erstaunlich gut bewertet.)

Man könnte vielleicht behaupten, mir scheint, Bluefin tut es hier: Matthias Kohm hat keine Ahnung von Musik. Das dürfte der Klavierstimmer (habe ich aus dem Autorenprofil), der vermutlich mal irgendwas studiert hat, Klavier zum Beispiel an einer Musikhochschule, selber ganz gewiss nicht auch so meinen. (Das ist nur seine Figur, die insistiert, sie könne gar nichts.) Ich denke, ein wesentlicher Antrieb für die Geschichte, die doch in einer historischen Vergangenheit spielt, weil sie unbedingt die Figur „Karajan“ auftreten lassen wollte, war, den „Musik-Betrieb“ satirisch abzumalen. Und man kann über den „Betrieb“ ja nicht schreiben, wenn man die Sache nicht versteht. Man kann schlecht über den „Literatur-Betrieb“ schreiben, wenn man sich nicht auskennt bei Literatur. Und so weiter. Ich persönlich billige dem Autor zu, dass er was von Musik und Musikbetrieb versteht. Und zwar in beiden Fällen mehr als ich. (Ich kann also nicht urteilen, wie viel er davon versteht.)

Jedoch ist auch dies letztendlich nicht die relevante Frage: „Hat Matthias überhaupt den Durchblick, was klassische Musik angeht?“ Relevant ist doch eher, ob dieses (flapsig ausgedrückt) Rührei aus: Kindheitsdrama, Elternrache, Städte- und Staatenbeleidigung, Situationsbeschreibung Konzerthaus, Krimispannung: Wer ist SIE? Was will SIE?, Karajan-Kritik, Berg- und Mahler-Kennerschaft (bzw. –Ignoranz, wie vermutlich Bluefin meint), Künstlerselbststilisierung, Künstlerselbsthass... Ob dieses alles zusammen ein überzeugendes Ganzes ergibt. Ob die Teile effektiv verbunden sind und auch, ob sie uns unterhalten können?

Ich meine immer noch: ja. Bernhard war natürlich besser. Bernhard war aber auch besser als Bluefin. Und so um 1970 herum war Bernhard ja auch noch nicht dieser „Klassiker“, als den wir ihn heute kennen lernen. Da hatte noch jedermann die Freiheit zu dekretieren: „Bernhard ist Scheiße.“ Das sollten wir nicht vergessen. Die Geschichte, die Legende, das Publikum, sie sind immer mit den Siegern. Du bist so lange ein eitler Fratz, wie du noch künstlerisch etwas versuchst und andere drüber urteilen: „Du bist ein Hobbydichter.“ So momentan die Leselupe über Bluefin. Oder „Du wirst (vielleicht mal, bist es aber noch nicht) Schriftsteller“. So die Leselupe momentan über Matthias Kohm. Dem entgegen stelle ich meine Überzeugung, dass ich hier in der Leselupe manchmal auch schon Texte gelesen habe, von Autoren, denen ihr Publikum bescheinigt hatte, sie seien „Auflagen-Garanten“, und die waren gewiss schwächer als Matthias’ Text (für mich).

[Noch zu Ofterdingen – übrigens, huch!, ich hab noch NIE was von Novalis gelesen! - : Danke der Blumen! Ich meine, bevor du richtig was von mir gelesen hast und ich der Ehre wieder verlustig gehe. (Warum der „Italiener“ mein bestes Werk sein soll, entgeht mir, aber, ist nicht verkehrt, es ist wenigstens eines der kürzesten.) Von den Schweizern, irgendwer hat mal gewettert, es gäbe auf der Welt kaum eine behäbigere, politisch korrektere, langweiligere, mittelmäßigere und biederere Literatur als deren, und ich meine, so ganz falsch ist dieses Urteil ja nun nicht, scheinst du noch weniger zu kennen als ich. Dieses „honorig, aber so viel Dreck am Stecken!“, was Kohm hat, ist mittlerweile seit schon recht geraumer Zeit geradezu ein ewiger Topos des Schweizer Schreibens. Da findet sich einiges bei Frisch (die letzten Jahre hat er doch nur noch gewettert über die Schweiz), Adolf Muschg, Urs Widmer, Franz Hohler, wahrscheinlich auch bei Otto F. Walter und Hermann Burger, aber die habe ich nie gelesen. Und die von mir ob ihres „Blütenstaubzimmers“ so gehasste Frau Jenny hat sicher auch irgendwo in dem Werkchen da drin so eine Prise Schweiz-Zerknirschung. Erinnere mich nur grad nicht mehr. Das Problem ist halt: Man darf das in der Schweiz. Man muss da immer partnerschaftlich umgehen miteinander. Als Bernhard in den Siebzigern seine pauschalen Österreich-Urteile vom Stapel ließ, da durfte er das eben nicht so. Jedenfalls bei vielen Österreichern nicht. Das hat er einfach trotzdem gemacht. In der Schweiz kann man kaum etwas einfach trotzdem machen, denn es gibt ja immer einen weich gummierten Spielplatz, der extra dafür bereit steht, dass dort dann bolzen kann. Es ist ein schönes Land. In vielem ein besseres Land als Deutschland. Aber genau das kann manchmal auch schlecht sein.]

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