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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Marienerscheinung
Eingestellt am 18. 05. 2003 18:14


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casagrande
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 19
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Die Marienerscheinung


Es war ein bedeckter Herbsttag. GĂŒnstig, um eine kleine Bergtour zu unternehmen. Georg und ich wĂ€hlten den Zunterkopf, eine etwa 2000 Meter hohe Felsengruppe im Tiroler Inntal. Wir mussten uns erst in einem Gebirgsbachlauf steil ĂŒber die Steine balancierend etwa zweihundert Höhenmeter bis zu einem versteckten Wegeinstieg hinauf quĂ€len, dann fĂŒhrte ein Steig durch den Steilwald in Serpentinen bis zu einer Alm. Die steilen Wiesen in den Lichtungen und der felsige Untergrund hatten wohl zur Aufgabe des Almbetriebes gefĂŒhrt. Jetzt waren Wohnraum und Stall von den mĂ€nnlichen Pensionisten des am Fuße des Berges liegenden Dorfes ĂŒbernommen und die Wegweiser, MarterlsprĂŒche und Anweisungen auf den Tafeln in der Umgebung zeugten von deren BemĂŒhungen, sich zu beschĂ€ftigen. NatĂŒrlich kamen auch wir nicht vorbei, ohne die ĂŒblichen SprĂŒche zu hören. Wie fit sie doch mit siebzig Jahren noch wĂ€ren und statt der angeschriebenen zwei Stunden nur ein und eine viertel Stunden bis zur Alm brĂ€uchten. Wir hatten mehr als zweieinhalbe Stunden benötigt. Nun, wir sausten auch nicht, wie die OrtsansĂ€ssigen, jeden Tag hier herauf. Und dann kam dieses Sammelsurium von AltmĂ€nnergeschichten, ĂŒber Saufereien und Pöbeleien, Wirtshausstreitereien und Dorfhandgreiflichkeiten, Klatsch und Prahlerei, das nur unter Gleichgesinnten ausgesprochen werden kann, weil andere lĂ€ngst nicht mehr zuhören.
Vielleicht kann man von Hochgebirgsstumpfsinn reden, aber in Àhnlicher Form sind diese AltmÀnnerzirkel in den Parks von Seoul zu finden, in den Cafes in Larnaka oder eben hier, an den HÀngen des Zunterkopfes.
Zwar wird von den Touristen die MĂ€r kolportiert, die Älpler wĂ€ren nicht imstande, die Wirklichkeit wahrzunehmen und nehmen zum Beweis deren Politiker, aber das scheint doch zu platt. In Zeiten, in denen weder Radio noch Fernsehen den Blick ĂŒber den Tellerrand erlaubten war sicher eine Gewisse RĂŒckstĂ€ndigkeit in geisteswissenschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht unbestreitbar. Die Herren vom Zunterkopf waren noch in der Vergangenheit und wir verabschiedeten uns baldmöglichst.
Der weitere Anstieg war im freien Fels, beinahe zu klettern. Wir kamen einigermaßen außer Atem nach weiteren zwei Stunden af den Gipfel.
Die Eintragungen im Gipfelbuch, das in einer Schatulle am Gipfelkreuz befestigt war, spiegele das ĂŒbliche Niveau wider. Von bemĂŒht lustig bis nationalistisch. Dazwischen Verse und GrĂŒĂŸe an Leute, die das niemals lesen wĂŒrden. Unsere Eintragung unterschied sich nicht von den anderen.
Um nicht auf demselben Weg wieder hinunter zu steigen, wĂ€hlten wir den Abstieg ĂŒber das Grat zum angrenzenden Halltal. Die Wolken hingen tief ĂŒber die gegenĂŒberliegenden Berge, die Sonne schien in Streifen hindurch. WĂ€hrend ich auf die Salzlagerminen im Halltal hinunter schaute, sah ich plötzlich in einem Lichtkreis in der Luft auf meiner Höhe eine sitzende Figur. UntrĂŒglich eine Madonna, wie man sie oft auf Votivtafeln oder Altarbildern in Wallfahrtskirchen sieht oder wie sie in christlichen BĂŒchern als Illustration zu finden sind.
Die Überraschung war einige Minuten ĂŒberwĂ€ltigend, mitten am Himmel , vielleicht hundert Meter entfernt, klar zu erkennen, diese Erscheinung in einem Kranz in Regenbogenfarben. Nach einiger Zeit wagte ich zu winken. Die Person in der Luft winkte zurĂŒck. Fast gleichzeitig. Ich war zu ergriffen als dass ich zu Georg laut etwas sagen konnte. Darum flĂŒsterte ich fast:
„Schau dir das an! Eine Marienerscheinung!“
Er erwiderte völlig unbeeindruckt:
„Warum Marienerscheinung? Das ist doch ganz einfach zu erklĂ€ren! Die Sonne steht hinter uns und das, was du da siehst, das bist du selber. So etwas sieht man hin und wieder vom Flugzeug aus. Da fliegt ein Flugzeug in einem Lichtfleck, und dabei ist das das eigene.“
Ich ging zwei Meter weiter, die Erscheinung war weg. Ich ging zurĂŒck, sie war wieder da.
Georg frotzelte:
„ Na, wirst du jetzt eine Marienkapelle hier errichten? So wie es vor dir schon all die anderen LeichtglĂ€ubigen getan haben, die keine Ahnung von Physik hatten? Darum gibt’s doch diese Bilder mit den Hirschen und dem leuchtenden Kreuz zwischen ihren Geweihen! Aber heutzutage, wo jeder ĂŒber Lasershow Bescheid weiß, da sollte dieser Aberglaube vorbei sein!“
Ich stand weiter auf dem Grat und war beeindruckt. Langsam verblasste das Bild. Ich drehte mich um zu Georg und wollte ihn fragen, woher er seine Erkenntnisse ĂŒber derartige Erscheinungen habe. Aber ich sah ihn nirgends. Ich rief nach ihm. Nichts. Ich rannte zurĂŒck zum Kreuz. Auch dort war er nicht. Er war einfach nicht mehr da.
“Hör` auf mit dem Scheiß! Wo bist du denn?“ schrie ich. Aber so sehr ich auch tobte und herumsuchte, ich fand ihn nicht. Schlussendlich ging ich alleine ins Tal hinunter.
Von dort rief ich voll Sorge bei ihm zu Hause an. Seine Frau erklÀrte mir, Georg wÀre den ganzen Tag nicht aus dem Haus gegangen!

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