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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Money-Show
Eingestellt am 07. 11. 2005 08:23


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jennypower
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2005

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\"Die Money-Show\"
Mir ist so langweilig. Normalerweise existiert dieser Satz im Leben einer erwachsenen Frau mit Doppel- bzw. Dreifach-Belastung absolut nicht. Aber was ist schon normal? Der Kleine schlĂ€ft endlich, die Große ist im Kindergarten, Papa sitzt im BĂŒro und liest vermutlich die Zeitung. Oder er trinkt Kaffee mit seinen Kollegen. NatĂŒrlich hĂ€tte ich in der Wohnung einiges zu tun. In einem Vier-Personen-Haushalt könnte man stĂ€ndig putzen, waschen, aufrĂ€umen oder Ă€hnlich wichtige Dinge tun. Außerdem sollte ich seit drei Monaten die Fotos der Kinder in ihre Alben kleben und liebevoll beschriften. Doch dazu braucht man Muse und die habe ich derzeit nicht. So setze ich mich lustlos an den Computer und beginne im Internet herumzuirren. Irgendwie gelange ich auf die Homepage des Staatlichen Monopol Fernsehens (SMF). Die leuchtenden Buchstaben springen mir sofort ins Auge: „Kandidaten fĂŒr die Money-Show gesucht!“ Ah, das ist ja diese Quiz-Sendung, die tĂ€glich im Hauptabendprogramm des SMF lĂ€uft. Mit diesem halblustigen Moderator Hansi Gassinger, der vor seiner Fernseh-Karriere einige Medaillen in internationalen Tennis-Meisterschaften gewonnen hat. Irgendwie wirkt er ja recht sympathisch mit seiner sportlichen Figur, seinem gepflegten Erscheinen - dafĂŒr ist wohl seine Frau verantwortlich - und seinem schelmischen Grinsen. Aber sein fĂŒrchterlicher Tiroler Dialekt geht mir total auf die Nerven. Meistens drehe ich den Ton ab, wenn ich mir die Money-Show anschaue. Warum sollte ich mich nicht bewerben? Immerhin war ich eine der Besten in meiner Klasse, habe das Studium in der Mindestzeit absolviert und lese tĂ€glich die Zeitung. So klicke ich rasch „hier bewerben“ an und beantworte schnell eine ganz einfache Frage. Dann gebe ich Name, Adresse und Telefonnummer ein und schicke meine Anmeldung ab.

Drei Tage sind seit meiner Bewerbung vergangen. Der Kleine hĂ€ngt an meiner Brust und ich schreibe gerade ein e-mail an meine Freundin Petra in Amerika. Sie hat vor vier Monaten Zwillinge bekommen und findet nun logischerweise keine Zeit zum Schreiben. Aber hin und wieder eine kurze elektronische Nachricht mit aktuellen Fotos der Kids geht sich schon aus. Es lebe der technische Fortschritt. Das Telefon klingelt. „Guten Tag, meine Name ist Yvonne Sehrschön vom SMF. Spreche ich mit Frau Doktor Iris Gutenberg?“, sĂ€uselt die unbekannte Stimme. „Ja, das bin ich“, antworte ich verlegen. Der Kleine brĂŒllt, weil meine Brustwarze aus seinem hungrigen Mund geglitten ist. „Sie haben sich fĂŒr die Money-Show beworben. Jetzt mĂŒssen Sie mir noch ein paar Fragen beantworten. Sind Sie alleine im Zimmer?“, fragt Frau Sehrschön mit der sehr schönen Stimme. „Mein acht Monate alter Sohn ist bei mir“, gestehe ich offen. „Das ist okay, der kann wohl noch nicht einsagen“, stellt sie gnĂ€dig fest. Nachdem Frau Sehrschön mich ĂŒber die strengen Regeln des Telefon-Castings informiert und mein EinverstĂ€ndnis fĂŒr die Aufzeichnung des GesprĂ€ches eingeholt hat, stellt sie die erste Frage. GlĂŒcklicherweise kann ich spontan sagen, dass sich die Alhambra in Granada befindet - ich war nĂ€mlich schon dort. Außerdem weiß ich, dass sich die Önologie mit dem Wein beschĂ€ftigt - Wein trinken ist ja eines meiner liebsten Hobbys. Dass der Film „La Strada“ von Fellini ist, könnte ich im Schlaf sagen, schließlich war ich - bevor ich meine Kinder bekommen habe - zumindest einmal pro Woche im Kino. Die letzte Wissensfrage, welches Land gerade des Vorsitz in der EU fĂŒhrt, ist fĂŒr mich auch kein Problem - bin ich doch eine interessierte Zeitungsleserin. Zum Schluss soll ich noch schĂ€tzen, wieviele Quadratkilometer der Chiemsee hat. Da fĂŒhle ich mich total ĂŒberfordert. Ich bin zwar schon öfter auf dem Weg nach MĂŒnchen am Chiemsee vorbeigefahren, habe aber absolut keine Ahnung wie groß er ist. So schĂ€tze ich vorerst 100 mal 100 Kilometer, also 10.000 Quadratkilometer. Frau Sehrschön reagiert entsetzt, so revidiere ich mein Urteil blitzschnell auf 1.000 Quadratkilometer. Sie nimmt es zur Kenntnis und stellt mir noch ein paar persönliche Fragen. Die wichtigste Frage lautet, was ich mit dem Hauptgewinn von einer Million Euro machen wĂŒrde. Ein HĂ€uschen direkt am See wĂ€re schon sehr schön. Es muss ja nicht unbedingt am Chiemsee sein. Frau Sehrschön teilt mir mit, dass ich kontaktiert werde, falls ich zur Aufzeichnung der Money-Show nach Köln fliegen darf. Ich lege auf und laufe zum Brockhaus meines Mannes, um die FlĂ€che des Chiemsees nachzuschlagen. Oje, es sind nur 80 Quadratkilometer. So ein Schmarren. Aus der Traum vom schnellen Geld, oder?

Wir befinden uns in einer Maschine der Billig-Wings auf dem Weg nach Köln. Neben mir sitzt nicht mein lieber Gatte - nein, der muss zuhause die Kinder betreuen und als Telefonjoker zur VerfĂŒgung stehen - sondern meine Schwester Barbara. Vor zwei Wochen habe ich erfahren, dass ich als Kandidatin an der Money-Show teilnehmen darf. Meinen kleinen Sohn habe ich schnell - mit Hilfe von Tabletten - abgestillt. Wenn die Mama viel Geld gewinnen kann, finden alle anderen Interessen leider keine BerĂŒcksichtigung. Barbara und ich haben beim hĂŒbschen Steward gerade zweimal Apfelsaft-Schorle um drei Euro pro Plastikflasche geordert. Jetzt muss ich aufs Klo. Das kostet nochmals einen Euro extra. Der SMF spart, wo es nur geht - vor allem bei der Betreuung der Kandidaten. Der junge Kölner Student, der die Kandidaten samt Begleitung am Flughafen Köln / Bonn erwartet, wirkt völlig planlos. ZunĂ€chst lĂ€sst er uns ins falsche Hotel bringen - nĂ€mlich ins Holiday Inn nach HĂŒrth. Dort wird ihm mitgeteilt, dass wir ins Holiday Inn nach BrĂŒhl gehören. Super, wieder alle Koffer und Leute rein in den Bus und weitere 20 Minuten Fahrtzeit bis zum richtigen Hotel. Wir Kandidaten mĂŒssen dann sofort weiter ins Studio, wĂ€hrend unsere Mitreisenden eine Stadtrundfahrt durch Köln „genießen“ dĂŒrfen. Barbara erzĂ€hlt mir spĂ€ter, dass der unfĂ€hige Reiseleiter absolut keine Ahnung hatte. Im Kölner Dom sagte er nur: „Und da liegt irgend so ein FĂŒrst mit seiner Frau begraben“.

Die heiligen Hallen der Produktionsfirma wirken irgendwie mickrig. Wir dĂŒrfen schnell ein trockenes Brötchen runterwĂŒrgen, bekommen ein persönliches Briefing zum Ablauf der Aufzeichnung und mĂŒssen alle möglichen Formulare unterschreiben. Dann kommen wir endlich ins richtige Studio, und ich bin absolut enttĂ€uscht. Der Raum ist wahnsinnig klein und die Sessel, die im Fernsehen so exklusiv wirken, sind aus billigem Plastik. Die beiden Bildschirme und StĂŒhle in der Mitte - fĂŒr den Moderator und seinen Kandidaten - kommen nicht, wie es im Fernsehen wirkt, aus einer Versenkung im Boden. Nein, sie werden hĂ€ndisch von mehreren Arbeitern wĂ€hrend einer Aufzeichnung mehrmals hin- und hergetragen. Da wir wegen unserem chaotischen Reiseleiter verspĂ€tet angekommen sind, bleibt auch kaum Zeit zum Ausprobieren der Tastatur fĂŒr die Auswahlaufgabe. Die Buchstaben A, B, C und D befinden sich waagrecht in einer Reihe und man mĂŒsste eigentlich ein paar Mal ĂŒben, um dieses System zu beherrschen. Diese Zeit haben wir leider nicht, die Aufzeichnung muss ja pĂŒnktlich beginnen.

Der Höhepunkt des Nachmittags ist die Maske. Ich habe das große GlĂŒck, dass die Französin Florentine, die auch den Moderator Hansi stylt, mein Gesicht verschönert. Ihre beiden deutschen Kolleginnen können nicht annĂ€hernd so toll schminken wie Florentine. Inzwischen ist Barbara zur TĂŒr hereingekommen und sie erkennt mich kaum wieder. Ich sehe echt sensationell aus. Stolz und strahlend stelle ich mich in die Reihe mit den neun anderen KandidatInnen. Dann marschieren wir ins Studio, wo der schöne Robbie, der auch uns vorhin im Schnelldurchgang die Technik erklĂ€rt hat, gerade dem Publikum krĂ€ftig einheizt. Die Zuschauer lachen ĂŒber einen schmutzigen Österreicher-Witz und applaudieren höflich, als wir auf unseren unbequemen Plastiksesseln Platz nehmen. Dann kommt endlich Hansi Gassinger und schĂŒttelt allen Kandidaten persönlich die HĂ€nde. Er wirkt fĂŒrchterlich nervös, was ich bei einem Profi wie ihm niemals erwartet hĂ€tte.

Die erste Auswahlaufgabe schaffe ich problemlos - hat doch meiner lieber Mann mit mir noch gestern die Anzahl der Monde aller Planeten unseres Sonnensystems einstudiert. Leider bin ich um eine Zehntel Sekunde langsamer als Tamara, welche als Ersatzkandidatin am Vortag bereits ausfĂŒhrlich den Gebrauch der eigenartigen ABCD-Tastatur ĂŒben durfte. Dass gerade diese blöde Tussi in die Mitte zu Hansi Gassinger kommt, Ă€rgert mich. Sie erzĂ€hlt ausfĂŒhrlich ĂŒber ihre grĂ¶ĂŸte Leidenschaft, nĂ€mlich Schuhe. UngefĂ€hr 200 Paar Schuhe mit den dazupassenden Taschen hat sie bereits zu Hause im Schrank. Mit Hilfe ihrer drei Joker schafft sie es immerhin, 15.000 Euro zu gewinnen. Der Großteil dieses Geldes wird wohl in neue Schuhe investiert werden. Auch bei der zweiten Auswahlrunde bin ich leider wieder ein wenig zu langsam, obwohl ich die Frage richtig beantworten kann. Diesmal hat es - welche Überraschung - wieder ein Ersatzkandidat, der schon am Vortag trainieren durfte, geschafft. Man merkt zwar gleich, dass Hansi Gassinger diesen derben Landwirtschafts-Studenten aus Salzburg nicht besonders mag. Aber trotzdem sitzt der Typ jetzt in der Mitte - auf dem Platz, der eigentlich mir zusteht. Der glĂŒckliche Kandidat erzĂ€hlt gleich, dass sein Bruder die Nacht mit der Ersatzkandidatin Tamara verbracht hat. Diese Passage wird natĂŒrlich in der finalen Sendung rausgeschnitten.

Ich bin ziemlich frustriert, dass ich es nicht in die Mitte geschafft habe. So geht es auch den anderen acht Kandidaten, die an diesem Tag angereist waren und ebenfalls nicht zum Zug gekommen sind. Nur die beiden Ersatzkandidaten des Vortages, welche mit der eigenartigen ABCD-Tastatur deutlich besser als wir „UngeĂŒbten“ vertraut waren, durften sich den Fragen von Hansi Gassinger stellen und können nun mit jeweils 15.000 Euro nach Hause fahren. Die beiden Sieger finden es nicht einmal angebracht, den Rest der Runde auf ein GlĂ€schen Sekt einzuladen. Barbara und ich kehren ins Hotel zurĂŒck und speisen dort vorzĂŒglich - selbstverstĂ€ndlich auf eigene Kosten. Vom SMF kĂŒmmert sich ohnehin niemand um uns. Im Studio stehen zwar immer einige Leute herum, die auf wichtig tun, aber das Befinden der Kandidaten ist denen scheißegal. Am nĂ€chsten Vormittag haben wir noch ein paar Stunden Zeit bis zum RĂŒckflug mit der Billig-Wings. Meine Schwester und ich sehen uns den Ort BrĂŒhl an, shoppen ausgiebig und trinken Kaffee. Ich könnte heulen. Wozu war das alles nötig? Ich wĂ€re am liebsten daheim bei meinen Kindern und bei meinem Mann. Eigentlich wollte ich mit einer Million Euro nach Hause zurĂŒckkehren. TatsĂ€chlich habe ich aber 683 Euro ausgegeben - vor allem fĂŒr Frust-Essen und Frust-Shopping sowie zwei Euro fĂŒr je einen Toilettenbesuch beim Hin- und beim RĂŒckflug.

Sechs Monate spĂ€ter. Mir ist so schrecklich fad. Ich surfe lustlos durchs Internet und komme auf die Homepage des SMF. Wie in Trance klicke ich „Bewerben fĂŒr die Money-Show“ an. Plötzlich wird mir klar, was ich da tue. Ich schalte schnell den Computer aus, hole den Staubsauger und beschließe, die Wohnung wieder einmal grĂŒndlich sauber zu machen.

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Jenny Power

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Venora
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2005

Werke: 2
Kommentare: 8
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hallo

Klasse geschrieben! Genau so habe ich es mir immer hinter den Kulissen der großen Millionen-Shows vorgestellt! Ist die Geschichte autobiographisch und sprichst du aus Erfahrung? An manchen Stellen musste ich lachen, so natĂŒrlich hast du geschrieben, wirklich gut gemacht.
Liebe GrĂŒĂŸe

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jennypower
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2005

Werke: 5
Kommentare: 1
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Re: hallo

Liebe Verena,
herzlichen Dank fĂŒr Deine ermutigenden Worte. Ja, das Ganze ist wirklich passiert.
Beste GrĂŒĂŸe
Jenny
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Jenny Power

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