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Leselupe.de > Erzählungen
Die Nacht (Teil II)
Eingestellt am 19. 07. 1999 00:00


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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Da stimmte etwas nicht. Das alles paßte weder zu ihr, noch zur Situation. So hatte sie nie gesprochen, auch wenn er dies jetzt bedauern sollte. Sollte sie sich in einem halben Jahr so verändert haben, daß er sie und ihre Telefonstimme nicht mehr wiedererkannte oder spielte ihm einfach mal wieder der Tinitus übel mit? In seinem Kopf lösten sich alle klaren Gedanken in Lichtblitzen und Implosionen auf. Die Idee, er könne wieder träumen, formte sich in seinem Kopf zu einem rettenden Anker, doch der Schmerz in seinen geschundenen Knöcheln machte diese Fiktion ebenso schnell zunichte, wie sie entstanden war. „Claudius?“, die Stimme sog an seinem Ohr. „Claudius, bist du noch dran?“ Er dachte nicht nach, er handelte: „Ja, ich bin noch dran.“ „Und, was denkst du über meinen Vorschlag?“ „Ja, einverstanden. Hast du schon eine Idee wann und wo?“ „In zwanzig Minuten im Scala?“ „Gut, bis gleich!“, schnell legte er auf um ein weiteres Gespräch zu unterbinden. Erstens wußte er ja nicht, wie dieser Claudius in solchen Situationen drauf war und außerdem mußte er jetzt erst das Scala im Telefonbuch und dann in nur zwanzig Minuten in der Stadt finden. Er blätterte dünnes Papier. Scala, da war's der nachstehende Straßenname war ihm vertraut. Das Scala war, der Kleinstadt sei Dank, nicht sehr weit. Die Temperaturen und sein Alkoholspiegel drängten das alte Fahrrad als naheliegendstes Transportmittel auf. Er sammelte das nötige zusammen, zog sich straßengerecht an und zog die Türe hinter sich zu. Endlich war etwas geschehen, das geeignet war, ihn aus seinem depressiven Trott zu reißen.

Sie saß schon eine Weile im Scala, hatte vom Scala aus telefoniert, das Telefon hing neben den Toiletten im Keller, so daß die nötige Stille gegeben war, und ließ nun ungeduldig zwanzig Minuten an sich vorbeistreifen. Sie trank abwechselnd Eiswasser und Wodka Lemon, spürte aber weder eine positive, noch eine negative Wirkung, weder vom Wasser, noch vom Wodka. Nach achtzehn Minuten, sie wußte es dank der Studien auf ihrem Zifferblatt sehr genau, öffnete sich die Türe und, nein, zwar trat ein junger Mann in das Lokal, aber Claudius war es nicht. Claudius! Allein der Name. Lange schwarze Haare, Konzertpianist, Interpret zartester Melodien und doch gleichzeitig handfest muskulös und von einem perfekten Bronzeton. Sie griff zum Glas, Wodka, leerte es und bestellte ein weiteres, die Reihenfolge unterbrechend. Der junge Mann war von mittlerer Statur, ging aber leicht gebeugt. Sein Haar war weder lang noch kurz und von jenem Straßenköterblond, das die Jahrhunderte der Kreuzung von Germanen, Römern, Franzosen und wem sonst noch alles, am Niederrhein zurückgelassen hatten. Seine Augen fielen ihr auf, groß und traurig sahen sie sich suchend im Raum um. Dann setzte er sich an einen freien Tisch am Fenster und bestellte ein Getränk. Sie lenkte ihren Blick von ihm weg und wieder abwechselnd auf die Uhr und auf die Türe. Es verging, dem Wachstum eines Stalaktiten vergleichbar, eine weitere Viertelstunde und die Türe öffnete sich nur, als ein Pärchen das Lokal verließ, so daß die Kerze vor ihr auf dem Tisch kurz aufflackerte. Sie schloß die Augen und massierte durch die geschlossenen Lider die brennenden Äpfel. Kaum eines klaren Gedanken fähig beschloß sie hilflos, eine weitere Zigarette zu rauchen, als sie eine weiche Stimme vor sich hörte: „Warten sie auf Claudius?“ Ruckartig blickte sie auf, versuchte ihre Gesichtszüge notdürftig mit den Händen zu sortieren und erblickte dann den jungen Mann vor ihrem Tisch stehend. Sie war sich nicht ganz sicher, ob er die Frage gestellt hatte oder ob sie sich das bloß eingebildet hatte. Vielleicht hatte der junge Mann nach Feuer gefragt oder danach ob der Platz ihr gegenüber noch frei sei. Sie machte eine vorsichtige bejahende Geste und der junge Mann setzten sich an den Tisch und stellte das mitgebrachte Glas vor sich ab. Also hatte er doch nur nach dem Platz gefragt, dachte sie schon, als er wieder sprach: „Das ist eine komische Situation für mich, aber ich muß ihnen leider sagen, das Claudius nicht kommen wird.“ „Hat er sie etwa geschickt, um mir das zu sagen? Hat er nicht den Mut selber hier zu erscheinen, der Herr Künstler!?“ „Nein, ich kenne ihn gar nicht und wahrscheinlich tun sie ihm jetzt gerade Unrecht. Welche Kunst übt er denn aus?“ „Er ist Pianist. Aber, wieso fragen sie mich das und wieso wissen sie, daß ich auf ihn warte, wenn sie ihn gar nicht kennen? Was hat das alles zu bedeuten?“ Mit jeder Frage war ihre Stimme lauter geworden und er hatte beschwichtigend die Hände gehoben und ihr mit seinen offenen Handflächen angedeutet sie möge sich beruhigen. Zwar wollte sie sich nicht beruhigen, denn sie haßte solch dubiosen Situationen, doch sie bremste sich, um zu hören, was er ihr zu sagen hatte. Es wurde nur ein Satz: „Sie haben es mir selber gesagt, das mit dem Scala, eben am Telefon.“ „Wie...“ „Sie haben sich wohl verwählt und nicht Claudius aufgeschreckt sondern mich.“ „Und da haben sie sich als er ausgegeben? Wie konnten sie das tun? Was fällt ihnen ein mit einer Frau die sie nicht kennen ein solches Spiel zu spielen?“ Er setzte zu einer Antwort an, doch sie hörte nicht mehr zu. Sie sprang auf, ging zum Zahlen an der Theke und wenige Augenblicke später verschwand sie durch die milchglasgefüllte Jugendstiltüre. Er legte eine Münze auf den Tisch und folgte ihr. Vor der Türe blickte er sich nach ihr um, sah sie linker Hand über den Bürgersteig schnüren und eilte ihr nach. Er überholte sie und stellte sich ihr in den Weg. Mißmutig blieb sie stehen und fauchte ihn an: „Was?“ „Lassen sie mich bitte erklären, warum ich das gemacht habe. Geben sie mir zwei Minuten. Wenn ich sie nicht überzeugen kann, daß ich nicht so gehandelt habe um mit ihnen zu spielen, dann gehe ich und sie sehen mich nie wieder, versprochen!!“ Sie zögerte kurz, in ihrem Gesicht zeichneten sich Schmollen und Nachdenken ab, dann sagte sie kurz: „Zwei Minuten.“ In der Schwüle, von einer Straßenlampe beleuchtet, stehend skizzierte er mit wenigen Sätzen seine aktuelle Situation und wie es dazu gekommen war. Dann verwies er auf die Parallele, die er in ihrer Stimme gefunden haben wollte und auf die Hoffnung, daß sie sich gegenseitig etwas zu geben hätten, weil sie sich in ihrem Schicksal so nah waren. Dann schwieg er. Schließlich nickte sie Verständnis signalisierend mit dem Kopf: „Ja, ich kann sie verstehen, du hast mich überzeugt; aber was jetzt?“ Der Wechsel vom Sie zum Du war ihm nicht entgangen und es erschien ihm richtig und passender, schließlich kannten sie sich schon so gut. „Wenn du nichts besseres vor hast, könnten wir irgendwohin gehen und reden.“ „Ein solches Gespräch kann man aber nur in einer überfüllten Kneipe führen oder an einem Ort wo man alleine ist. Das Scala ist ziemlich leer. Zu mir ist es aber nicht weit und ich habe einen Balkon.“ „Ich hole nur mein Fahrrad, das steht noch vor dem Scala.“ „Ich warte.“ Er beeilte sich und kam wenig später mit seinem Fahrrad angerollt. Ohne es abzusprechen nahm sie auf seinem Gepäckträger platz und wies ihm die Richtung. Als es leicht bergab ging bekamen sie ein wenig Fahrt und um sie herum entstand fast so etwas wie Wind. Er fuhr rasant und wie befreit um eine Kurve und die Bewegung fuhr ihnen in die Magengrube und nach einem kurzen, erschrockenen Durchatmen mußten sie beide lachen. Sie lachten beide. Beide zum ersten mal seit Wochen. Das war ein guter Anfang.
Die Nacht hindurch verbrachten sie redend auf dem Balkon. Ein Teelicht in einem Glas gab ausreichend Licht und sie merkten nicht, wie die Nacht verging. Auch den aufkommenden Vogelgesang, der den Tag ankündigte, noch bevor die Sonne es tat, hörten sie zwar, nahmen ihn aber nicht wahr. Dann wurde es hell und wie in einem guten Drehbuch waren sie mit dem Morgengrau am Ende ihrer Erzählungen. Sie brachte ihn zur Tür und er fragte: „Wann sehen wir uns wieder?“ „Heute abend, wenn du willst.“ Damit schob sie ihn sanft durch die Türe und küßte ihn auf den Mund. Er lächelte und ging schweigend die Treppen hinab. Draußen setzte er sich auf sein Fahrrad und fuhr durch das Dämmerlicht des grauen Morgens. Er blickte sich noch einmal um, doch der Balkon war leer, sie war schon eingeschlafen. Er trat gleichmäßig in die Pedalen und schwitzte, als plötzlich ohne jede Vorankündigung ein gewaltiger Donner durch die Straße rollte. Dann zuckte der Himmel mehrfach kurz auf und schließlich fielen senkrecht dicke Tropfen und prasselten auf die Straße, die sogleich zu dampfen anfing. Er beschleunigte seine Fahrt. Schnell hatte das Gewitter die Schwüle besiegt und der Regen durchdrang seine Kleider und erfrischte ihn herrlich. Er fuhr parallel zu den kleinen Sturzbächen, die sich in den Gossen gebildet hatte. Einem Impuls folgend riß er die Arme vom Lenker und ließ sich mit ausgestreckten Armen durch den Regen rollen. Jetzt war alles gut.

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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