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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Prophetin (Teil 1)
Eingestellt am 31. 10. 2000 21:55


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Ann-Kathrin Deininger
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Registriert: Sep 2000

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Die alte GrĂ€fin nĂ€herte sich wieder dem Tisch und wie immer verstummten die GesprĂ€che der MĂ€nner. Dies geschah nicht, weil es Geheimnisse zu bewahren galt, sondern vielmehr aus Respekt vor dem Alter und der Weisheit der Frau, die sich wie immer hinter einer Maske aus blassem Puder und blĂ€ulichem, ĂŒbertrieben dick aufgetragenem Lidschatten verbarg. Ihre ebenfalls blass angemalten, schmalen Lippen wirkten wie die einer Toten und standen im scharfen Kontrast mit ihren lebhaften, blau umrandeten Augen, die eine eigentĂŒmliche FĂ€rbung besaßen, nĂ€mlich grau mit einem Hauch von grĂŒn darin. Sie lĂ€chelte freundlich, als sie bemerkte, dass alle sie schweigend erwarteten. Wir waren die einzige GĂ€ste, denen dieses LĂ€cheln geschenkt wurde, vielleicht, weil wir Russen waren, wie sie auch, vielleicht aber auch, weil wir diejenigen waren, die sie respektierten. Nicht als Wirtin, Köchin oder Kellnerin, sondern als das, was sie hinter der Maske war. FĂŒr uns war die alte GrĂ€fin eine Weise, eine Prophetin, auch wenn diese Worte in diesen Jahren immer mehr an Bedeutung verloren.
Jetzt blickte sie Fjodor lĂ€chelnd an und meinte zu ihm: "Dein GlĂŒck sollst du zu teilen wissen, dann wird auch der Trauer dich nicht erdrĂŒcken." Ein seltsamer Satz, wenn einem dabei der Nachtisch gereicht wurde. Selbst das war schon ungewöhnlich, der Nachtisch, obwohl wir einen Wochentag zĂ€hlten wie jeden anderen, selbst an einem Sonntag wĂ€ren wir noch ĂŒberrascht gewesen. Tatsache war, dass die GrĂ€fin, die sich jetzt mit einem von FĂ€ltchen umrahmten LĂ€cheln vom Tisch abwandte, wieder einmal mehr wußte als alle anderen. Sie war eine seltsame Frau, sie redete stets in der Art, in der sie eben mit Fjodor gesprochen hatte, in SĂ€tzen, deren Bedeutung man erst erkannte, wenn etwas bestimmtes geschehen war. Oft schon hatte ich mich gefragt, ob sie Visionen hatte, in denen es ihr gelang, alles zu sehen, was anderen verschlossen blieb. Ich hatte es nie gewagt, ihr selbst diese Frage zu stellen, die sie vermutlich sowieso nur mit einem stillen LĂ€cheln beantwortet hĂ€tte.
Erstaunt waren wir also eigentlich nicht, als sie diesen Satz sagte, wir waren solche Äußerungen ja schon gewohnt. FĂŒr Aljoscha, der erst seit kurzer Zeit ebenfalls an unserer Runde teilhatte, war es allerdings befremdend, aus dem Munde dieser alten Frau derartige Weisheiten zu hören.
"Was will sie damit sagen?" ergriff er nun als erster wieder das Wort. Wir schwiegen betreten, warteten alle darauf, dass Fjodor antwortete, denn es war uns allen klar, dass nur er die Auflösung in der Hand hatte.
"Ich habe meine Frau gefunden", sagte er nach einer Weile, wĂ€hrend ihm FreudentrĂ€nen in die Augen traten. "Es ist ihr gelungen zu fliehen. Sie ist auf dem Weg nach Berlin." "Das sind wirklich gute Neuigkeiten", sagte Michail leise. Er hatte von seiner Familie schon seit einer Ewigkeit nichts mehr gehört. Ich schenkte Wein nach, hob dann mein Glas. "Darauf sollten wir trinken." Die anderen hoben , in stiller, feierlicher Pose, nun ebenfalls die GlĂ€ser, und tranken auf das Wohl von Natascha. Kurz darauf brach Fjodor weinend vor GlĂŒck zusammen, schlug mit dem Kopf auf die Tischplatte. Sein Körper zuckte, wenn er aufschluchzte und er brauchte bestimmt zehn Minuten, um wieder Fassung zu gewinnen. Aljoscha reichte dem vor GlĂŒck ĂŒberschĂ€umenden Mann ein Taschentuch, erntete ein LĂ€cheln. Fjodor schenkte dem hageren jungen Schriftsteller dafĂŒr seinen Nachtisch. Über den restlichen Verlauf des Abends weiß ich nicht mehr viel, nur, dass wir ziemlich betrunken waren und gesungen und getanzt haben bis tief in die Nacht hinein. Morgen frĂŒh sollte Natascha in Berlin ankommen. Wir wollten am Bahnhof warten.
Am nĂ€chsten Morgen nun nahmen Fjodor und ich das FrĂŒhstĂŒck frĂŒher als gewohnt ein. Die alte GrĂ€fin wirkte noch befremdlicher als gestern, hatte sie doch heute ihr Gesicht fast gĂ€nzlich mit feinem, dunklen Puder bedeckt, wĂ€hrend ihre Augen schwarz umrandet waren. Ihre Lippen stachen aus dem dunklen Gesicht ebenso bleich und tot wie gestern. Überhaupt wirkte sie heute dunkel und traurig, das einzige helle in ihrem Gesicht war die von den TrĂ€nen freigespĂŒlte weiße Haut, die unter der Schminke hervortrat. Wieder hĂ€tte ich sie gerne gefragt, ob sie Visionen hatte, aber sie schĂŒttelte den Kopf und sagte: "Nimm auch den NĂ€chsten an, der nicht deinem Leib entsprungen ist." Fjodor war viel zu fröhlich, um auf ihre Worte zu achten, aber fĂŒr mich waren sie eine böse Vorahnung auf das, was uns erwarten wĂŒrde.
Wir fuhren pĂŒnktlich los. Als Natascha mĂŒhsam aus dem Zug stieg, erkannten wir gleich, dass sie schwanger war und kurz vor der Entbindung stand. . Ich vergaß die Warnung der alten GrĂ€fin, denn Natascha sah gut aus, sie war gesund und glĂŒcklich darĂŒber, ihren Mann wiederzusehen. Fjodor umarmte sie stĂŒrmisch, lachte und weinte gleichzeitig. In der Straßenbahn hatten sie nur Augen fĂŒreinander, es schien fast als wĂ€re ich nicht mehr existent. Ich nahm es schweigend hin, schließlich gebĂŒhrte es mir nicht, ihr GlĂŒck jetzt zu stören. In der Pension wurden wir bereits sehnsĂŒchtig erwartet. Michail, Sergeij und Aljoscha standen im Speisesaal, und als wir eintraten, jubelten sie und öffneten eine neue Flasche Wein, die sie extra fĂŒr diesen Anlass gekauft hatten. Natascha lachte viel und begrĂŒĂŸte alle mit einem Kuss auf die Wange. Aljoscha errötete leicht, offenbar gefiel ihm das helle Lachen der jungen Frau. Seltsamerweise ließ sich die GrĂ€fin nicht blicken. Allerdings wurde sie auch von niemandem - von mir einmal abegesehen - vermisst. Es war ein wunderschöner Vormittag. Endlich schien es uns gelungen zu sein, unsere Einsamkeit und Abgeschiedenheit in diesem Land zu vergessen. Wir alle sehnten uns nach unserer Heimat, aus der wir vertrieben worden waren. Trotzdem gab es an diesem Vormittag nur diesen Gedanken an unseren guten Freund, der seine Freude so offen mit uns teilte. Michail hatte seine Flöte mit heruntergebracht, und schon bald ertönten fröhliche KlĂ€nge. Natascha sang mit ihrer klaren Stimme nach der Melodie und nach und nach fielen die MĂ€nner ein.
Ich sang lange Zeit mit ihnen, trank ein Glas Wein und lachte ĂŒber die Scherze, die wie immer ĂŒber das bolschewistische Regime gemacht wurden. Meiner Fröhlichkeit wurde jedoch ein jĂ€hes Ende gesetzt, als ich die Kerze sah ...

(Fortsetzung folgt)

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Svalin
???
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Hallo Ann-Kathrin

das mit dem 2. Teil war hoffentlich nicht nur eine Prophezeiung ... wo es doch gerade spannend wurde :-)
Ansonsten lies es sich schnörkellos und ohne Ecken, fĂŒr meinen Geschmack etwas zu detailiert beschrieben.

Gruß Martin
__________________
Lyrik ist LogopÀdie im Zeitalter der Sprachlosigkeit. [Alexander Eilers]

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Ann-Kathrin Deininger
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Hallo!

Der zweite Teil ist auf dem besten Weg, wenn ich das mal so sagen darf, muss nur noch getippt werden. Der ist auch nicht mehr ganz so detailliert, er zielt eher auf Spannung und Auflösung einiger bisher nur angedeuteter PhÀnomene. Also, noch ein klein bisschen geduld ...

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