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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Prophetin (Teil 2)
Eingestellt am 14. 11. 2000 17:27


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Ann-Kathrin Deininger
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Registriert: Sep 2000

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Die Kerze stand einsam und allein in der hintersten Ecke des Raumes, auf einem kleinen, etwas schiefen, runden Tisch. Sie war schwarz. Ihre Flamme flackerte leicht in einem nicht spĂŒrbaren Luftstrom. Seltsamerweise schien diese Flamme nicht immer genau auf den Docht zu passen. Ein kalter Schauer lief mir ĂŒber den RĂŒcken, die Musik verstummte schlagartig in meinen Ohren. Mit weichen Knien nĂ€herte ich mich der Kerze. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis ich nahe genug war, um den Spiegel zu erkennen, der hinter ihr stand. In seinem Glas tanzte die Flamme, unaufhaltsam genĂ€hrt von dem schwarzen Wachs, das durch das Gewebe des Dochtes gesogen wurde. Und doch brannte nur das Abbild der Kerze, wobei das Wachs im Spiegel nicht flĂŒssig wurde und auch nicht tropfte. Statt dessen war es, als befinde sich auf der echten Kerze eine Flamme, denn ihr Wachs war weich und lief an einer Seite bereits herunter. Und doch war die Flamme nur im Spiegel zu sehen.
FĂŒr einen winzigen Augenblick erschien in dem Spiegel nun das Gesicht der alten GrĂ€fin, mit den rotgerĂ€nderten Augen, unter denen die TrĂ€nen die schwarze Schminke weggewaschen hatten. Ich wollte mich umdrehen, aber das Bildnis war verschwunden, und mein Blick wurde von der Flamme festgehalten, denn jetzt wurde ich gezwungen mitanzusehen, wie sie erlosch. Dichter, schwarzer Rauch wand sich empor und erfĂŒllte den Spiegel, der plötzlich in der Mitte zerbrach.
Das nĂ€chste, was ich wieder bewußt hörte, war Nataschas Schrei. Sie brach in sich zusammen und schlang ihre HĂ€nde verkrampft um ihren Leib. Fjodor war zu schockiert um irgend etwas zu tun. Aljoscha und Michail dagegen griffen beherzt zu und trugen Natascha die Treppe hinauf, legten sie in einem der kleinen Zimmer auf das Bett. Sergeij und ich folgten ihnen, gingen vorbei an Fjodor, der immer noch erstarrt dastand und keinen Schritt tat. Als wir oben ankamen, war alles fast schon vorbei. Mit einer gradezu unnatĂŒrlichen Schnelligkeit schien sich das Kind aus dem Leib zu pressen, als merke es, dass der Leib, in dem es gelebt hatte, jetzt starb. Überall war Blut. Es war viel mehr Blut, als da hĂ€tte sein dĂŒrfen. Und Natascha: Natascha atmete nicht. Sie stöhnte nicht einmal. Ihre Augen, grau mit einem Hauch von grĂŒn, waren weit aufgerissen, und als Michail die Nabelschnur durchschnitt, waren sie bereits starr.
Der SĂ€ugling, den Aljoscha notdĂŒrftig in ein altes Laken eingewickelt hatte, blickte den jungen Schriftsteller mit großen, lebendigen Augen an und gab ein leises, gluckerndes GerĂ€usch von sich. Ich konnte sehen, wie Aljoscha voller Liebe und ZĂ€rtlichkeit ansah, und ihn fest an sich drĂŒckte. Auf der Treppe hörten wir Fjodors Schritte. Wir standen tief erschĂŒttert um das Bett herum, das voller Blut war und auf dem Nataschas Leichnam lag. Fjodor erschien in der TĂŒr, und als er seine junge Frau tot auf dem Bett liegen sah, konnte man beinahe hören, wie ihm das Herz brach.
Er kniete neben dem Bett nieder, seine Finger streichelten ihren toten Körper und seine Lippen bedeckten ihr bleiches Gesicht mit KĂŒssen. In seinem Gesicht stand Schmerz geschrieben. Keiner von uns wagte sich zu regen, auch der SĂ€ugling schrie nicht, er lag still und reglos in Aljoschas Armen. Als fjodor sich nach endlosen Minuten wieder erhob, stand flackernder, unbĂ€ndiger Zorn in seinen Augen, hervorgerufen durch den Schmerz, den er nicht zu fassen vermochte.
"Wo ist der Bastard des Hundes, der meine Frau genommen hat?" fragte er gefĂ€hrlich leise, wobei er jedes einzelne Wort betonte. "wo?" brĂŒllte er dann, blickte sich um und nĂ€herte sich Aljoscha, ein wahnsinniges Grinsen im Gesicht.
"Du sollst ihn aufnehmen wie deinen Sohn, auf das du einen Teil von ihr bewahrst, den du vielleicht nie erkannt hast." Die alte GrĂ€fin war in den Raum getreten. Ihr Gesicht war jetzt hellblau geschminkt, ihre Augen dick mit grĂŒn umzogen. Ihre schmalen Lippen stachen in einem blutroten Ton aus dem Gesicht. In den Augen der Weisen leuchtete fast erloschene Glut. "Ich soll ihn aufnehmen, diesen Bastard? Er hat sie getötet!" Fjodor ballte so fest die FĂ€uste, dass seine Knöchel unter der Haut Hervortraten. "Deinen nĂ€chsten sollst du lieben, wie du sie geliebt hast." "Das... das soll mein NĂ€chster sein? Dieser Bastard eines bolschewistischen Hurensohnes? Niemals!" Fjodor ließ ein irres Lachen hören. Noch immer regte sich niemand von uns; nicht; als die GrĂ€fin noch einmal zu einer Antwort ansetzte und auch nciht, als Fjodor sich auf sie stĂŒrzte und auf sie einschlug. Sie wehrte sich nicht, auch nicht, als Fjodor ihr ihr Seidentuch um den Hals schlang und sie erwĂŒrgte. Wir standen alle nur ein paar Schritt entfernt, und doch konnten wir nichts tun.
Erst als sich Fjodor dem SĂ€ugling zuwandte, durchbrach Aljoscha die Starre, die uns erfasst hielt. "Er ist tot!" sagte er leise. Erst jetzt schien Fjodor seine Tat bewußt zu werden. Er wandte sich ab und verschwand. Unten hörten wir eine TĂŒr schlagen. Michail und Sergeij gingen ebenfalls. Aljoscha trat auf mich zu, gab mir die Hand, und verschwand mit dem SĂ€ugling auf dem Arm. Das letzte, was ich von ihm hörte, war das Kind, das schrie.
Alleine blieb ich im Zimmer zurĂŒck. Natascha lag tot auf dem Bett, die alte GrĂ€fin lag, ebenso leblos vor der TĂŒr. Aber ich konnte nicht gehen. Ich mußte noch etwas tun. Ich kniete mich neben die Prophetin und wickelte vorsichtig das Tuch von ihrem Hals. Dann nahm ich es, und wischte die Schminke von ihrem Gesicht. Als ich fertig war, sah ich vor mir eine junge Frau, die schon seit langer Zeit zu den Toten zĂ€hlte.

Von uns bin nur ich geblieben. Ich habe die Pension ĂŒbernommen, und nun bewirte ich meine GĂ€ste. FrĂŒhstĂŒck, Mittag und Abendessen sind fĂŒr mich zu einem Ritual geworden, wie es eines fĂŒr die Weise war. Die anderen sind noch am selben Tage gegangen. Fjodor hat sich einen Tag spĂ€ter erhĂ€ngt. Weder von Michail noch von Sergeij habe ich je wieder etwas gehört. Einzig von Aljoscha ist mir etwas geblieben: Sein erstes Buch, dass er mir geschickt hat, handsigniert.

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