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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die Reise mit Nina
Eingestellt am 26. 05. 2003 19:55


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Somerset
Hobbydichter
Registriert: May 2003

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Die Reise mit Nina
Wer w├╝rde es mir schon glauben, wenn ich sagte, da├č diese Reise rein platonisch war?
Na ja, es ist wahrscheinlich auch sekund├Ąr, ob man es mir glaubt oder nicht – jedenfalls hatte ich ein flaues Gef├╝hl im Magen. Nicht wegen Nina, sondern wahrscheinlich deshalb, weil sie Fotos machte, w├Ąhrend ich schwitzte wie ein Esel.
In der Abfertigungshalle des Flughafens sagte ich zu Nina, ich sei gleich wieder da, und ging hin├╝ber zu dieser Bar und lie├č mir ein Glas Wasser geben. Dann setzte ich mich wieder auf meinen Platz und schwitzte weiter.
Nina war gl├╝cklich. Sie hatte gerade ihre Beziehung mit einem Schn├Âsel beendet und freute sich nun auf den Urlaub mit mir.
Kurz vor den gro├čen Ferien fragte sie mich, ob ich mit ihr verreisen w├╝rde, und ich sagte: \"Warum nicht?\"
Niemals wieder war ich so spontan und unbeschwert. Wir arbeiteten im gleichen Kindergarten – sie machte dort ihr Praktikum und ich das meine. Und so fuhren wir eben.
Ich kann keinem Menschen sagen, wie sehr sie sich auf diesen Urlaub freute. Ich g├Ânnte Nina ihr Gl├╝ck. Sie hatte es sich verdient.
Endlich wurden die Passagiere aufgerufen.
Ich glaube, wir waren die letzten, die an Bord gingen.
Mein Sicherheitsgurt funktionierte nicht, und ich sagte zu Nina, da├č mein Sicherheitsgurt nicht funktioniere. Dann probierte sie es, schaffte es aber auch nicht. Schlie├člich riefen wir die Stewarde├č zu uns und meldeten, da├č mein Sicherheitsgurt nicht funktionieren w├╝rde. Sie ging hin und her, her und hin. Dann kam eine andere, die sich sehr lange mit dem Gurt besch├Ąftigte – endlich funktionierte er. Nach was wei├č ich wievielen Stunden startete die Maschine, und wie immer, wenn ich sp├Ąter in ein Flugzeug stieg, dachte ich:
Wie es wohl sein w├╝rde, wenn die Maschine abst├╝rzte?
Sie st├╝rzte nicht ab, sondern legte wohl eine Musterlandung hin...
*
Das Hotel war, trotzdem es billig war, sehr gem├╝tlich.
Wir beendeten unser Fr├╝hst├╝ck und unternahmen einen Spaziergang. F├╝nf oder sechs H├Ąuserblocks, und das war schon der ganze Ort.
Alle waren 17 Jahre alt und sa├čen lustlos herum. Na gut, nicht alle. Es gab ein paar Touristen, ├Ąltere Semester, die wild entschlossen waren, einen sch├Ânen Urlaub zu verbringen. Sie sahen sich stirnrunzelnd die Auslagen der Gesch├Ąfte an, dann gingen sie weiter, stampften die Pflastersteine platt und sandten ihre Signale aus: Ich habe Geld, wir haben Geld, wir haben mehr Geld als ihr, und wir essen was wir wollen...
Da gingen sie mit ihren Hawai-Hemden und vollgefressenen H├Ąngeb├Ąuchen und karierten Shorts und leeren Augen und nicht vorhandenen M├╝ndern, deren Lippen so d├╝nn waren wie Striche...
Mittags legten wir uns auf das Bett und versuchten zu schlafen, aber die Hitze hinderte uns daran. Was hei├čt uns? Mich hinderte sie. Nina schlief nach wenigen Minuten wie ein Stein, auch wenn sie noch Monate danach behauptete, sie h├Ątte kein Auge zumachen k├Ânnen.
Ich hatte damals so eine kleine Reiseschreibmaschine, auf der ich mich jetzt festkrallte. Nicht einmal das Geklapper h├Ârte oder st├Ârte sie. Aber sie hatte angeblich kein Auge zumachen k├Ânnen.
Damals wollte ich Schriftsteller werden und dachte zudem noch, ich k├Ânnte es schaffen. Aber dann sa├č ich da und es kam nichts. Es gab keine tieferen Einsichten, nach denen ich mich sehnte, und es gab nicht mal einen Ansatz einer Idee. Ich konnte kein Wort auf das Papier kriegen. Ich ahnte zum erstenmal, da├č das mit der Schriftstellerei wohl nicht so einfach werden w├╝rde. Das war noch nicht mal so schlimm, denn ich sagte mir damals schon: Na ja, man braucht ja blo├č zu sterben.
Die B├╝cher, die ich zu der Zeit las, inspirierten mich, besser zu schreiben als die Schriftsteller es vermochten. Die B├╝cher von damals hatten nicht mehr Seele als ein Zinnsoldat.
Einen guten Schriftsteller gab es nur alle 300 Jahre, und man selber war es nicht, und die anderen waren es eindeutig auch nicht.
*
Es mochten gut und gerne 2 Stunden vergangen sein, bis Nina erwachte. Kaum ├Âffnete sie die Augen, behauptete sie schon, sie h├Ątte kein Auge zugetan.
\"Nina, du hast geschlafen wie ein Stein,\" sagte ich.
\"Ich bin vielleicht ein bi├čchen einged├Âst,\" meinte sie darauf, \"aber geschlafen habe ich nicht.\"
Ich belie├č es dabei; es war ja schlie├člich nicht wichtig, ob sie schlief oder nicht. Ich wu├čte nur eins: Die verdammten Kirchenglocken, die hier alle 15 Minuten donnerten, st├Ârten sie nicht die Bohne, w├Ąhrend ich schon ├╝berlegte, was ich gegen sie unternehmen k├Ânnte...
*
Am zweiten oder dritten Tag er├Âffnete mir Nina ganz nebenbei, da├č ihr der Typ in der Eisdiele gefalle. Dies erw├Ąhnte sie ganz beil├Ąufig, und zwar alle paar Minuten.
\"Dann geh hinein und kauf dir ein Eis. Ich w├╝rde dir auch eines kaufen, aber so lernst du ihn nie kennen,\" sagte ich.
\"Ich kann doch nicht einfach reingehen und mir ein Eis kaufen,\" entgegnete sie entsetzt.
\"Und warum nicht? Wenn dir der Typ nicht gefallen w├╝rde, w├╝rdest du ja auch hineingehen und dir ein Eis kaufen, oder nicht?\"
\"Doch, dann schon.\"
Das verstand mal einer! Ich jedenfalls nicht.
Stundenlang, tagelang redete sie von dem Eisverk├Ąufer, ohne da├č sie ein einziges Mal die Eisdiele betrat. Sonst war Nina nicht gerade eine scheue Person, wenigstens nicht als Kollegin. Sie war lustig und brachte einen oft zum Lachen, was ich gerne mochte an ihr – aber jetzt stellte sie sich an wie der erste Mensch, der aus zwei Teilen bestand: einem mutigen und einem feigen Teil, und beide Teile stellten sich gegenseitig ein Bein.
Ihr erster Gedanke am Morgen galt dem Eisfritz, und dieser Gedanke herrschte den ganzen Tag ├╝ber sie, bis sie schlie├člich ins Bett fiel. Ich war gezwungen, mich t├Ąglich ├╝ber Stunden hinweg mit diesem Kerl da unten zu besch├Ąftigen, und Nina stellte mir Fragen, die ich ihr beim besten Willen nicht beantworten konnte. Fragen wie diese:
\"Glaubst du, da├č er nett ist?\"
\"Was w├╝rde er wohl tun, wenn ich ihn auf ein Eis einladen w├╝rde?\"
\"Ob er wohl eine Freundin hat?\"
Irgendwann fa├čte ich alle Fragen zusammen und erkl├Ąrte ihr, da├č ich nicht w├╝├čte, ob er nett sei oder nicht, ob er intelligent oder ein Trottel war. Es entzog sich auch meiner Kenntnis, ob er eine Frau oder Freundin hatte oder nicht. Und selbstverst├Ąndlich konnte ich auch nicht wissen, wie er reagieren w├╝rde, wenn Nina ihn zu einem Eis einlud.
Ich versuchte Nina begreiflich zu machen, da├č unser Urlaub hier nicht ewig dauern w├╝rde, und wenn sie beabsichtige, mit ihm auf die eine oder andere Weise ins Gespr├Ąch kommen zu wollen, dann ginge dies nur auf eine Art: n├Ąmlich es zu versuchen.
Nina jedoch zog es vor, es nicht zu versuchen und mir statt dessen die Ohren voll zu singen von diesem einzigen Mann auf der Welt, der Eisverk├Ąufer war. Dies ging soweit, da├č ich mich derma├čen in die Rolle des Eisverk├Ąufers versetzte, bis ich glaubte, ich sei der Eisverk├Ąufer selbst.
Wir beratschlagten uns, erw├Ągten einige Vorgehensweisen, die sie alle ablehnte. Ich stellte mir vor, wie der Kerl wohl bei dieser und jener Situation reagieren w├╝rde und so weiter und so fort.
Am f├╝nften oder sechsten Tag lagen wir am Strand, und Nina fing an zu st├Âhnen:
\"Ist es hier nicht traumhaft?\"
\"Ja.\"
Der Witz, der sonst in ihr wohnte, war dahin. Sie schwelgte derma├čen in ihrem Liebeskummer, da├č ich mir gar nicht mehr zu helfen wu├čte mit ihr.
Schlie├člich sagte ich zu ihr:
\"Nina, soll ich mal in die Eisdiele gehen und ihn fragen, ob er mit dir ausgehen m├Âchte?\"
\"Bist du wahnsinnig geworden?\" schnellte sie in die H├Âhe.
\"War ja nur ein Vorschlag.\"
\"Vorschl├Ąge hast du! Wie stellst du dir das vor?\"
\"Ganz einfach. Ich gehe rein und frage ihn, ob er mit dir ausgehen m├Âchte. Ich meine, seit Tagen ├╝berlegen wir hin und her. Ich habe diesen Kerl schon so gut studiert, da├č ich ihn bald schon besser kenne als dich. Inzwischen wei├č ich schon genau, wie er sehr wahrscheinlich reagieren w├╝rde.\"
\"Ach, du wei├čt es? Und wie?\"
Ich machte eine Pause und sagte dann:
\"So genau wei├č ich es auch wieder nicht.\"
Sie schaute zum Himmel hinauf und meinte dann:
\"Ach la├č mal, ├╝bermorgen fahren wir ja schon wieder nach Hause. Und was soll ich dann tun?\"
Damit hatte sie recht.
*
Die letzten beiden Tage vergingen. Am letzten Tag hatte ich sogar von dem Eisverk├Ąufer getr├Ąumt, tr├Ąumte alles komplett durch, was sie sagen und was er antworten w├╝rde. Ich hielt es f├╝r besser, Nina von meinem Traum nichts zu erz├Ąhlen, denn was der Typ in meinem Traum sagte, ist nicht druckreif.
*
Im Flugzeug wurde Nina traurig. Sie bedankte sich f├╝r den Urlaub und wurde immer trauriger, weil er zu Ende war. Sie entschuldigte sich sogar noch, da├č sie mir den Urlaub so verdorben h├Ątte wegen dieses Kerls, und ich sagte:
\"Du mu├čt dich nicht entschuldigen. Ich danke dir sogar daf├╝r.\"
\"Wof├╝r?\"
\"Da├č du mir eine Geschichte geschenkt hast. Irgendwann schreibe ich eine Geschichte ├╝ber einen Eisverk├Ąufer.\"
***

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