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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die Seele des Gartens
Eingestellt am 24. 06. 2008 16:29


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Mira
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Registriert: Apr 2008

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Die Seele des Gartens

Ich hocke keuchend im Gras und entferne m├╝hsam das verhasste Moos zwischen den Platten, die den Weg in unseren frisch geschorenen Rasen s├Ąumen. Mein Mann ist gerade dabei, den J├Ągerzaun auszubessern, was l├Ąngst ├╝berf├Ąllig ist und die Thujahecke zu stutzen. Die Sonne tut
ihr ├╝briges, der Schwei├č trieft, und die Kinder weigern sich zu helfen. Heute Mittag gibt es nur Salat, ├╝berlege ich mir, w├Ąhrend ich mich aufrichte, weil mir der Kopf zu platzen scheint. Meine Brille f├Ąllt ins Gras, meine Wirbels├Ąule gibt ein gequ├Ąltes Knacksen von sich. Ausgerechnet in diesem Augenblick l├Ąuft dieser Mensch den Weg entlang, er gr├╝├čt meinen Mann und winkt mir zu. Ich sehe aufgrund meiner starken Kurzsichtigkeit nur ein verschwommenes Etwas an mir vorbeilaufen und blicke ihm mit verkniffenem Gesichtsausdruck nach, bis dieser seltsame Schatten im Nachbarhaus verschwunden ist. Ich wei├č, was jetzt kommt. Es ist jedes Wochenende dasselbe, wenn die Sonne scheint. Grund genug f├╝r mich, den Garten zu verlassen und sich um das Mittagessen zu k├╝mmern. Mein Mann f├Ąngt an zu meckern, ich solle doch gef├Ąlligst noch das restliche Moos abkratzen, ob er denn in diesem Garten immer alles alleine machen m├╝sse. Soll er doch; ich jedenfalls ertrage es nicht, die Blicke dieses Menschen auf meinem R├╝cken zu sp├╝ren. Vom K├╝chenfenster aus beobachte ich, wie sich dieser Mensch in die Sonne knallt. Er legt sich nackt in seine ungepflegte Wiese und hat ein L├Ącheln auf seinen Lippen, das ich von Tag zu Tag mehr hasse. Ich habe mir schon ├╝berlegt, dunkle Vorh├Ąnge f├╝r das K├╝chenfenster zu kaufen, um den Anblick dieses Menschen nicht mehr ertragen zu m├╝ssen. Meine Kinder halten mich deshalb f├╝r verr├╝ckt, mein Mann versucht mich zu beschwichtigen, wenn ich nach einem hysterischen Anfall fast anfange zu flennen. Um das alles auf ein ertr├Ągliches Ma├č zu bringen, und um meine Nerven zu schonen, habe ich beschlossen, jedes Mal, wenn ich in der K├╝che zu tun habe und mein Blick unweigerlich auf diesen Menschen f├Ąllt, einfach meine Brille abzunehmen. Es ist die einzige Situation, in der ich Gott f├╝r meine Kurzsichtigkeit dankbar bin. Doch leider ist es damit nicht getan. Es ist nicht nur die entw├╝rdigende Nacktheit dieses Menschen, die mich st├Ârt (ich bin mir sicher, er w├╝rde sich auch dann nackt in die Sonne legen, wenn ich nicht existierte). Was mich fast in den Wahnsinn treibt, ist allein der Gedanke an dieses abscheuliche selbstzufriedene L├Ącheln auf seinen Lippen, w├Ąhrend er sich oft den ganzen Tag, ohne sich zu r├╝hren, der Sonne hingibt. Seine wei├če makellose Haut scheint mich regelrecht blenden zu wollen. Eine Haut, die nie br├Ąunt, die sich nie verbrennt, dieser Mensch, der nie zu schwitzen scheint, er ist gebaut aus Porzellan. Er liegt im Gras, und ich schw├Âre, dass ich noch nie so was wie ein Sonnenschirm ├╝ber seinem K├Ârper gesehen habe. Ich habe noch nie erlebt, dass er sich mit einem Sonnen├Âl einreibt, seine Haut ist und bleibt makellos wei├č, nie sind an ihr Pigmentflecken zu entdecken, er ist ein Mensch, der niemals br├Ąunt. Mein Mann meint, dass ihm vielleicht seine ├╝ppig bl├╝henden Rosen genug Schatten spendeten. Diese Argumentation lasse ich jedoch schlicht und einfach nicht gelten. Meist bricht aus mir unglaublicher Hass hervor, wenn ich mit solch einer irrationalen, im Tran daher geplapperten Begr├╝ndung konfrontiert werde. Ich werfe meinem Mann vor, mich nicht ernst zu nehmen, ob er denn nicht einsehe, dass dieser Mensch und seine verdammten Rosen so nicht existieren k├Ânnen, wie ich es Wochenende f├╝r Wochenende gezwungen bin zu sehen. Ein Mensch, der niemals schwitzt, verbrennt, br├Ąunt, d├╝rfe es nicht geben. Meist quellen mir die Augen fast aus dem Kopf, ich schreie mich immer heiser, bis ich schlie├člich so h├Ąsslich aussehe, dass mein Mann vorsichtshalber ein paar Schritte vor mir zur├╝ckweicht. Wahrscheinlich werde dieser Mensch nicht einmal von M├╝cken gestochen, tobe ich weiter, er k├Ânne sich nicht mal ein Bein brechen und vergiften lasse er sich auch nicht. Mein Mann sch├╝ttelt verst├Ąndnislos den Kopf, zeigt mir einen Vogel und fl├╝chtet mit der Heckenschere in den Garten zur Thujahecke. Ach, er soll sich doch zum Teufel scheren, er und seine Hecke. Das schreie ich ihm zwar nicht nach, aber ich w├╝nsche mir jedes Mal, dass er sich bei der Schnippelei endlich einmal einen Finger abschneidet, damit unsere Thujahecke nicht immer die am besten rechtwinklig gepflegteste der ganzen H├Ąuserzeile bleibt. Irgendwann habe ich ihm das beim Essen ins Gesicht geschrieen, wobei er sich ganz f├╝rchterlich an einer Kartoffel verschluckte. Die Kinder w├╝rgten schnell ihr Essen hinunter und verkrochen sich in ihre Zimmer. Daraufhin entbrannte ein l├Ąngst f├Ąlliger Streit, und als mein Mann sich nach dem verdammten Essen tats├Ąchlich in die Finger schnitt, redete er den ganzen Tag kein Wort mehr mit mir. Und an allem war und ist dieser unausstehliche Mensch schuld, der nie br├Ąunt, nie schwitzt und nie einen Hitzschlag bekommt.

Ich stelle fest, dass es mich krankhaft ans K├╝chenfenster zieht und ich nur darauf lauere, wann dieser Mensch sich endlich r├╝hrt oder wann ihn endlich die Sonne ausged├Ârrt hat. Doch ich sehe nur einen zufriedenen Menschen splitternackt im hohen Gras liegen, ├╝ber ihm wunderbar rote Rosen, die anscheinend nie der Pflege bed├╝rfen und die zu allem ├ťberfluss penetrant s├╝├č duften. Was treibt er da? Warum legt er sich stundenlang ins Gras, hat er nichts Besseres zu tun? Mit Entsetzen registriere ich, dass er bis zur Abendessenszeit regungslos auf dem R├╝cken in seinem Garten liegt und mir vom Stehen am K├╝chenfenster die Beine angeschwollen sind. Die Zeit scheint stillzustehen, die Luft ist noch erf├╝llt vom Schnippeln der Heckenscheren oder vom Rattern der unz├Ąhligen Rasenm├Ąher ringsum in der Nachbarschaft. Aus den Zimmern meiner Kinder ert├Ânt gnadenlos das H├Ąmmern und Bummern der Stereoanlagen, die nur dazu da sind, um ewig zu qu├Ąlen. Wahrscheinlich wundern sie sich, dass ich nicht fluchend zu ihnen hoch st├╝rme oder den Strom abschalte, was sofort ausgenutzt wird, um in Wettstreit mit den lautesten und ├Ąltesten M├Ąhern zu treten. In der H├Ąuserzeile gegen├╝ber planscht ein Nachbar in seinem Privat-Miniswimming-Pool, der fast den ganzen Garten belegt, verdeckt von einer Fichtenhecke, bei der man unten durchglotzen kann.

Als es endlich anf├Ąngt, Abend zu werden, die Hitze minimal nachl├Ąsst, der letzte M├Ąher abgestellt ist und so nach und nach die Abendluft mit bei├čendem Grillrauch geschw├Ąngert wird, gebe ich es auf und lege meine geschwollenen Beine hoch. Aus den Augenwinkeln nehme ich gerade noch wahr, wie sich dieser Mensch aufrichtet, zufrieden g├Ąhnt und sich endlich in sein Haus zur├╝ckzieht. Ich atme auf und erst jetzt bemerke ich, wie lange ich regungslos aus dem Fenster gestarrt habe. Meinem Mann, der gerade noch den letzten leichtsinnigen L├Âwenzahn aus unserem Garten ausgestanzt hat, erz├Ąhle ich nichts davon. Ich gebe vor, ersch├Âpft von der Arbeit zu sein, als er in die K├╝che tritt und mich verwundert fragt, was denn mit mir los sei. Ich dusche mich eiskalt und es gelingt mir nur schwer, einen Weinkrampf zu unterdr├╝cken. Schlie├člich fange ich doch noch an zu heulen, weil ich die verdammte Hornbrille verlegt habe, ach, der Teufel soll sie holen. Nat├╝rlich bleibe ich auffallend lang im Bad, ich sch├Ąme mich meiner Tr├Ąnen. Am liebsten w├╝rde ich sofort ins Bett gehen, aber es ist Wochenende und wir m├╝ssen leider grillen, denn der Sommer ist ja so sch├Ân und in der schlechten Jahreszeit kann man die Abende nicht ann├Ąhernd so gut ausnutzen. Mein Mann ruft mich schon ungeduldig, er wirkt gereizt, wahrscheinlich weil die Kinder wieder unerwartet abgesagt haben und wir morgen leider noch Mal grillen m├╝ssen, damit wir nicht auf dem Fleisch sitzen bleiben. Die Luft im Badezimmer riecht schon nach Grill, und mir f├Ąllt gerade noch ein, die Fenster in unserem Schlafzimmer zu schlie├čen, damit der Gestank uns nicht beim Einschlafen st├Ârt.
Ich schleppe mich zum Grill und versuche, eine gutgelaunte Miene vorzuspielen. Der Abend verl├Ąuft ganz nett, es gibt eine gute Flasche Wein, dann noch eine und je angeheiterter ich werde, desto kurzsichtiger werde ich. Doch nicht mal in diesem Zustand entgeht mir, dass sich wieder dieser Mensch in seinen Garten setzt. Er scheint sich wohl frisch geduscht zu haben. Seine braunroten Haare fallen feucht auf die Schultern, seine wei├če Haut wird durch einen schwarzen Bademantel verdeckt, jedoch bleibt seine helle Brust entbl├Â├čt. Das Licht aus dem Innern seines Hauses beleuchtet die Terrasse, auf der er mit einem Buch in den H├Ąnden in seinem Liegestuhl sitzt. Auf dem Tisch, der links neben ihm steht, flackern unruhig mehrere Kerzen. Ich werde hysterisch, als ich einen Knochensch├Ądel auf dem Tisch zu sehen glaube. Mein Mann versucht mich zu beruhigen und versichert mir, dass ich ohne meine Brille nur Gespenster sehe und mir alles nur einbilde, ich solle nicht so schreien, man m├╝sse sich meiner ja sch├Ąmen, was sollen denn die Nachbarn denken. Er wird so w├╝tend, dass er mir ins Gesicht schl├Ągt und mich ins Haus zerren muss, da ich versuche, mit dem Grill um mich zu schmei├čen. Unglaubliche Hassgef├╝hle keimen in mir auf, ich verfluche lauthals diesen Menschen, der mein Gekreische nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen will. Mein Mann versucht mir einen Apfel in den Mund zu stopfen, damit ich endlich aufh├Âre zu schreien. Er zittert am ganzen Leib, seine Schlagadern am Hals sind beachtlich geschwollen, er wei├č nicht wie jetzt handeln, denn so hat er mich noch nie erlebt. Ich werde schlie├člich im Schlafzimmer eingesperrt, den Apfel schleudere ich geradewegs auf seine Nase, als er verzweifelt versucht, die T├╝r hinter sich zu schlie├čen.
Was dann passiert ist wei├č ich nicht mehr. Irgendwann muss ich mich wohl wieder beruhigt haben, wahrscheinlich bin ich sogar eingeschlafen. Das erste, was ich klaren Verstandes wahrnehme, ist ein Sonnenstrahl, der mir ins Gesicht scheint. Und das Erste, was mir an Gedanken durch den Kopf schie├čt, ist ein Schamgef├╝hl und die Angst, dass dies ein ganz f├╝rchterlicher Sonntag werden wird.
Mein Mann hat auf der Couch im Wohnzimmer ├╝bernachtet, er hat sich wohl nicht zu mir reingetraut. Sein Nasenbein wurde durch den Apfelschmiss gebrochen, in seinem Gesicht sitzt eine geschwollene Knolle. Er beachtet mich nicht, als ich die Treppe hinunter geschlichen komme. ├ťber den weiteren Verlauf des Tages gibt es nicht viel zu erz├Ąhlen. Wir sprechen kein Wort miteinander, er murmelt irgendwas von einer Irren, die ihn ruiniert hat, und die Kinder lassen sich nicht blicken. Die Sauerei im Garten, der umgeschmissene Grill, wird im Laufe des Tages aufger├Ąumt, ich glaube, heute m├╝ssen wir Gott sei Dank nicht mehr grillen.

In der kommenden Woche gelingt es mir, mich einigerma├čen zu regenerieren. Ich schw├Âre mir, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzur├╝hren, solange dieser Mensch in meiner Nachbarschaft wohnt. Die Knolle im Gesicht meines Mannes schmerzt noch, aber ich versp├╝re kein schlechtes Gewissen. Es wundert mich, wie gleichg├╝ltig mir das ist. Die Kinder lassen sich nie blicken, ihre Anwesenheit wird nur durch die Stereoanlage kundgetan. Am liebsten w├╝rde ich ihnen sagen, dass sie ruhig runter zum Fernsehen kommen k├Ânnen, denn ihre Eltern streiten sich nicht, ich verspreche, nie mehr zu schreien, ich bin ganz ruhig, gottlob.

Der Alltag geht weiter, nun, es wird eben sehr wenig gesprochen, um nicht zu sagen gar nichts. Eine weitere Ver├Ąnderung ist, dass ich die Zeit, die ich normalerweise gelangweilt vorm Fernseher vergeudet habe, jetzt am K├╝chenfenster verbringe. Dabei versuche ich m├Âglichst unauff├Ąllig zu sein, nachdem ein seltsamer Blick meines Mannes mich zur Wahnsinnigen erkl├Ąrt hat. Oft muss ich viele Stunden lang warten, bis dieser Mensch ein Lebenszeichen von sich gibt, an manchen Tagen betritt er Garten ├╝berhaupt nicht Wenn die Warterei mir zu lange wird, verlasse ich das Haus und schleiche mit klopfendem Herzen am Grundst├╝ck dieses Menschen vorbei. Ich laufe mehrmals denselben Weg auf und ab, ganz langsam und glotze in den Garten wie ein behindertes Kind, so dass es mir fast peinlich ist. Meine Brille habe ich noch immer nicht gefunden, dementsprechend verkniffen muss ich aussehen, ich mag gar nicht daran denken. Aufgrund meiner schlechten Augen erkenne ich sowieso nicht allzu viel. Ich sehe viele Rosen, die pr├Ągen sich mir ein, viele bunte Tupfer in der Wiese, leider kann ich nicht erkennen, was das f├╝r Pflanzen sind, wahrscheinlich allerlei Wiesenblumen.
Nachdem ich mindestens acht Mal auf und ab gegangen bin und ich beim besten Willen nicht mehr entdecken konnte, gebe ich auf. Dabei f├Ąllt mir ein, dass ich nicht einmal den Namen dieses Menschen kenne, der mittlerweile mein Leben beherrscht. Bevor ich mich zur├╝ck ins Haus verkrieche, schlendere ich ganz zuf├Ąllig an seiner Haust├╝re vorbei und ber├╝hre fast schon mit der Nasenspitze das Namensschild und lese irgendeinen Namen in gut leserlicher Schrift. Leider kann ich ihn mir nicht merken, ich vergesse ihn, bevor ich wieder mein K├╝chenfenster erreicht habe. Ich beschlie├če somit, das n├Ąchste Mal etwas zum Aufnotieren mitzunehmen. Jedoch erweist sich das auch nicht gerade als sehr erfolgreich, denn entweder ich vergesse aufs Namensschild zu schauen oder der Bleistift bricht ab. Als es mir endlich einmal gelingt, gleichzeitig das Namensschild zu lesen, einen leistungsf├Ąhigen Bleistift und Papier dabei zu haben, muss ich verdammt noch Mal den Zettel auf dem R├╝ckweg verloren haben, denn zu Hause befindet sich in meiner Hand nur noch der Bleistift, diesmal gut angespitzt. Mich beschleicht der Gedanke, dass dieser Mensch mir seinen Namen nicht preisgeben will. Diese Vorstellung macht mich rasend, aber ich schlucke meine Wut hinunter und stehe ├Âfter als zuvor am K├╝chenfenster. Ich ertrage es kaum, diesen Menschen nicht fassen zu k├Ânnen, dieses namenlose Wesen, das nicht so existieren darf, wie es sehe. Dieser Mensch verletzt Gesetze, die keiner verletzen kann. Ich verstehe ja nicht viel von Naturgesetzen, von Physik und solchen Sachen, aber ich habe immer an meinen gesunden Menschenverstand geglaubt. Zwar habe ich mich noch nie f├╝r auffallend intelligent gehalten, wozu auch als Hausfrau und Mutter von zwei Kindern, ich brauche dazu nicht viel von solchen Sachen zu wissen. Doch heute bezweifle ich das zum ersten Mal und ich bemerke, dass ich beginne dar├╝ber nachzudenken.
Ich kann es drehen und wenden wie ich will, ich finde keine Erkl├Ąrung f├╝r diesen Menschen, der sich so lange sonnt wie er will. Nicht die Sonne bestimmt sein Liegen im Gras, nicht die UV-Strahlung, auch nicht der L├Ąrm der Rasenm├Ąher, nicht Hunger, nicht Durst, nichts, nichts, nichts, sondern nur er allein. Wenn er nicht will, dass ich seinen Namen erfahre, so werde ich ihn nie kennen. Ich k├Ânnte tausend Leute beauftragen, mir doch bitte beim zuf├Ąlligen Vorbeilaufen den Namen auf ein Papierchen aufzunotieren... entweder sie werden es vergessen, der Bleistift wird ihnen abrechen oder der Kugelschreiber wird in den Gulli fallen, und falls mir gl├╝cklicherweise doch jemand seinen Namen auf dem Papierchen pr├Ąsentieren w├╝rde, ich m├Âchte schw├Âren, dass ich dann augenblicklich das Lesen verlernen werde und zwar so lange, bis das verfluchte Papierchen verbrannt ist. Aber ich bin, glaube ich, viel zu m├╝de, dies auszuprobieren. Ich begn├╝ge mich somit lieber mit dem Starren aus dem K├╝chenfenster und stelle resigniert fest, dass es mich nicht wundern sollte, wenn sich dieser Mensch vor meinen Augen in einen gro├čen schwarzen Vogel verwandelte, um mir beim Spionieren auf den Kopf zu kacken.

An jenem Abend, an dem der Alltagstrott dadurch unterbrochen wird, indem die Familie wieder ein paar Worte miteinander wechselt, erw├Ąhne ich bei Tisch, dieser Mensch nebenan sei ein Hexer. Mein Mann verschluckt sich daraufhin ganz f├╝rchterlich an einer Kartoffel, die Kinder beginnen pl├Âtzlich, das Essen hinunter zu w├╝rgen. Anscheinend schmerzt ihn die Knolle im Gesicht immer noch, denn er verzieht das Gesicht, als er irgendwas von psychiatrischer Behandlung redet, von verr├╝ckt und davon, dass einem dieser Mensch nebenan mittlerweile leid tun kann. Er wolle mich ins Haus sperren, wenn ich jetzt nicht sofort mit diesem Theater aufh├Âre. Also schweige ich lieber und verstopfe meinen Mund mit Kartoffeln, bevor er Ernst macht. Ich sage zur Beschwichtigung etwas sp├Ąter, ich habe das nicht wortw├Ârtlich gemeint, es sei mir nur so rausgerutscht. Als Antwort erhalte ich ein Schweigen, wahrscheinlich glaubt mir keiner mehr, was mir nicht ganz recht ist.
Ich habe mich entlarvt, ich muss vorsichtiger werden mit dem, was ich von mir gebe. Zwanghaft versuche ich, diesen Menschen meiner Familie gegen├╝ber nie mehr zu erw├Ąhnen, es glaubt mir ja doch keiner, also ist es besser, er bleibt mein privates Studienobjekt. Vor ihm selbst muss ich mich nicht verstecken, denn wenn er nicht will, dass ich an seinem Garten vorbei schleiche, so wird er es zu verhindern wissen. Aber wahrscheinlich ist es ihm egalÔÇŽ wenn er ├╝berhaupt zu Hause ist. Hin und wieder reizt mich der Gedanke, ihm ins Wohnzimmer zu schauen, scheue mich aber davor. Mein abnormes Verhalten ist sicher schon mehreren Hausfrauen in der Nachbarschaft aufgefallen, und ich tr├Ąume nachts schon von b├Âsen Ger├╝chten aus ihren M├Ąulern, die steif und fest behaupten, mich bei innigster Umarmung mit ihm im grell erleuchteten Schlafzimmer beobachtet zu haben. Ein Ger├╝cht, das schlimmstenfalls meinem Mann zu Ohren kommen k├Ânnte. Ich mag gar nicht daran denken.
Weswegen ich mich jedoch am meisten scheue, ihm ungeniert ins Zimmer zu glotzen, ist die Angst, seinem Blick zu begegnen. Er w├╝rde mir wahrscheinlich zuwinken (er gr├╝├čt mich eigenartigerweise immer winkend, wenn wir uns auf der Stra├če begegnen) und ich hingegen w├╝rde ihm verkniffen zunicken, wenn ich ungl├╝cklicherweise an jenem Tag meine Hornbrille wieder verlegt haben sollte. Daran mag ich ebenfalls nicht denken. Ein Gedanke, der mich in meinen Tr├Ąumen qu├Ąlt. Nun, selbst mit Hornbrille wollte ich nicht seinem Blick begegnen m├╝ssen, denn dann s├Ąhe es so aus, als s├Ą├če ein nickender Maulwurf auf dem Fenstersims. Ein Grund, mich pl├Âtzlich abgrundtief h├Ąsslich zu finden und heimlich nachts in mein Kissen zu weinen. Nat├╝rlich tr├Âste ich mich damit, dass mein Mann sich bestimmt nicht daran st├Ârt, jedoch haupts├Ąchlich deshalb, weil es ihm egal ist. Wenn mir derlei durch den Kopf geht, drehe ich mich zu ihm um, betrachte die immer noch geschwollene Knolle, weswegen er unbarmherzig schnarcht und f├╝hle mich pl├Âtzlich so unglaublich einsam. Ich beschlie├če, dem abzuhelfen, indem ich mir Kontaktlinsen verschreiben lassen will. Um den Beschluss zu best├Ąrken, zerst├Âre ich die Brille mit einem Hammer. Was mein Mann dazu sagen wird, ist mir so unglaublich egal. Ich will sch├Ân sein. Mir wird mulmig bei dem Gedanken, f├╝r wen ich sch├Ân sein will. Ich schelte mich selbst, denn ich meine, mein Verhalten mittlerweile nicht mehr vor mir rechtfertigen zu k├Ânnen. Aber das wei├č nur ich und dieser Mensch, nehme ich an. Es ist unser Geheimnis und ich sehe nicht mehr aus wie ein Maulwurf.

Mit meiner neuen Errungenschaft ist es mir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder m├Âglich, in den Spiegel zu schauen und mein Gesicht klar und ohne Hornbrille zu erkennen. Normalerweise ist es nicht meine Gewohnheit, mich selbst zu betrachten, vielleicht, um zu sehen, ob die Haare richtig sitzen oder ich einen verschmierten Mund habe. Doch jetzt starre ich regelrecht mein Spiegelbild an und muss ununterbrochen l├Ącheln. Dar├╝ber, weil ich meine, schon lange nicht mehr gewusst zu haben, was es bedeutet, in einen Spiegel zu schauen und dar├╝ber, weil ich nicht mehr verkniffen gr├╝├čen muss, so ganz ohne Hornbrille. In dieser guten Laune sehe ich mich nat├╝rlich gezwungen, dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, indem ich mein teilweise vertrocknetes Make-Up aus der Schublade krame und das Blau meiner Augen hervorhebe. Ich schminke meine Lippen zartrosa und bekomme vor Gl├╝ck rote Wangen. Zur meiner Freude muss ich feststellen, dass ich sehr dichtes Haar habe, das nur eine einzige wei├če Str├Ąhne aufweist. Nat├╝rlich frage ich meinen Mann, ob er mich sch├Ân findet. Er grunzt verlegen, murmelt irgendwas vor sich hin, aber sonst verh├Ąlt er sich so, als ob er das Wort "sch├Ân" nicht kennt. Nun, etwas anderes habe ich auch nicht erwartet. Wenn ich mein Geheimnis nicht h├Ątte, w├Ąre ich jetzt verletzt, w├╝rde mir versch├Ąmt das Make-Up abwaschen, schlimmstenfalls mir die Hornbrille zur├╝ckw├╝nschen. Doch mein Geheimnis gibt mir Kraft, die zerst├Ârte Brille aus dem Abfalleimer zu kramen und nochmals mit dem Hammer darauf herum zu schlagen, bis sie pulverisiert ist, endg├╝ltig. Verr├╝ckt, wenn ich bedenke, dass mein Geheimnis nur darin besteht, diesem Menschen ins Wohnzimmer schauen zu wollen.
Damit jedoch keiner Verdacht sch├Âpft, zwinge ich mich, vom K├╝chenfenster fernzubleiben. Es f├Ąllt mir schwer, sehr schwer. Als ob dieser Mensch das w├╝sste, verzichtet er neuerdings an den Wochenenden auf sein Sonnenbaden, manchmal regnet es auch, Gott sei Dank. Doch ich frage mich, wer schon hinter mein kleines Geheimnis kommen sollte. Ich bin unglaublich froh, dass keiner meine Gedanken lesen kann, abgesehen von diesem Menschen wahrscheinlich, denn ich tr├Ąume mittlerweile recht oft von ihm. Nichts Gro├čartiges, in meinen Tr├Ąumen steht er unter seinen Rosen, riecht daran und liegt meistens im hohen Gras und sonnt sich auf seine ├╝bliche Art, eigentlich recht langweilig, nichts Ungew├Âhnliches. Einmal winkt er mir im Traum zu, so, wie er es immer macht, wenn wir uns fl├╝chtig auf der Stra├če begegnen. Ich gr├╝├če freundlich zur├╝ck und bringe in der Tat ein unverkrampftes L├Ącheln zustande, denn ich muss nicht mehr meine Augen zusammenkneifen und kann ihm klar ins Gesicht schauen. Er scheint sich dar├╝ber sichtlich zu freuen, so, als sei das sein Werk. Diese Tatsache l├Âst in mir ein unbehagliches Gef├╝hl aus, aber nicht lange, sagen wir, ich f├╝hle mich dadurch eher geschmeichelt. Nun, gut, dass wahrscheinlich au├čer ihm keiner meine Gedanken lesen kann.
In einen meiner n├Ąchsten Tr├Ąume winkt er mir nicht zu, er winkt mich zu sich her. Ich schreie ihm ├╝ber unseren ausgebesserten J├Ągerzaun zu, ob er denn jetzt nicht zu weit gehe. Er sch├╝ttelt lachend den Kopf und sagt, was sei denn schon dabei, wenn ich mir seinen Garten mal aus der N├Ąhe ansehe, denn offenbar sei ich eine gro├če Verehrerin seiner Rosen, ich laufe schlie├člich oft genug an seinem Garten vorbei, das sei ihm nicht entgangen. Ich laufe rot an und will mich entschuldigen, doch er meint, das mache doch nichts, wie es denn w├Ąre, wenn ich morgen Mittag mal bei ihm vorbeischaue, er w├╝rde sich freuen. Mir stockt der Atem und ich japse wie ein Fisch an Land nach Luft. Ich presse hervor, ob er das nur im Traum so meine oder ob ich morgen wahrhaftig vor seiner T├╝r stehen solle. Seine Antwort ist, er wolle mich wahrhaftig sehen, und er verschwindet in seinem Haus. Ich will ihm noch irgendwas entgegnen, ich wache jedoch just in diesem Moment auf. Es ist noch dunkel drau├čen, also drehe ich mich zur Seite und versuche weiterzuschlafen, was mir auch tats├Ąchlich gelingt. Der Rest der Nacht verbleibt aber traumlos, jetzt liegt die Entscheidung an mir, was nun geschehen soll. Mir f├Ąllt siedendhei├č ein, dass morgen Mittag niemand bei uns zu Hause sein wird. Die Kinder haben Nachmittagsunterricht, mein Mann ist um diese Zeit sowieso im B├╝ro. Ich werde mir also nicht einreden k├Ânnen, dass es unm├Âglich ist, sich unbemerkt aus dem Haus zu schleichen. Es gibt keine Ausrede. Erf├Ąnde ich eine, so w├╝rde er es bestimmt merken und das w├Ąre mir unendlich peinlich, ich will ihn auf keinen Fall verletzen. Was bleibt mir also anderes ├╝brig, den Mittag abzuwarten?

Je n├Ąher die Mittagszeit heranr├╝ckt, desto lauter klopft mein Herz und Zweifel qu├Ąlen mich. Ich frage mich pl├Âtzlich, weshalb ich diesen Menschen fast schon unversch├Ąmt beobachtet, ausspioniert und verfolgt habe. Warum hat mich sein Sonnenbaden so aufgeregt? Schmerzhaft erinnere ich mich an den umgeschmissenen Grill, an meine hysterischen Anf├Ąlle, an das gebrochene Nasenbein meines Mannes. Was ist, wenn alles nur eine Ausgeburt meiner unzufriedenen Hausfrauenseele ist, dieser Mensch mich im Grunde verachtet, weil ich ihn penetrant durchs K├╝chenfenster beobachte? Er muss es doch bemerkt haben, und vielleicht hat er sich mit Absicht den ganzen Tag nackt gesonnt, um mich zu schocken. Ich male mir aus, wie er seinen Freunden erz├Ąhlt, was f├╝r engstirnige, bescheuerte Nachbarn er hat. Vor allem die Frau mit der Hornbrille gafft ihm den ganzen Tag in den Garten, am liebsten w├╝rde er ihr mal die Meinung sagen, was die sich ├╝berhaupt einbildet, dieser verkniffene Maulwurf. Ich stelle mir vor, wie seine Freunde lachen, wenn er mich nach├Ąfft. Vielleicht tr├Ągt einer seiner Freunde auch eine Hornbrille, die nimmt er sich dann, setzt sie sich auf und f├Ąngt derma├čen an zu lachen, dass es ihm nicht ganz gelingt, mich nachzumachen, dennoch gr├Âhlen alle und aus Versehen werden ein, zwei Weingl├Ąser umgesto├čen.
Mir wird spei├╝bel bei dem Gedanken und die Tr├Ąnen schie├čen mir in die Augen, fast werden meine Kontaktlinsen rausgewaschen. Meine Schminke rinnt mir in j├Ąmmerlichen B├Ąchen die Backen runter. Ich fange an zu schluchzen wie eine Frau, die gerade von ihrem Mann verlassen worden ist, so ├Ąhnlich f├╝hle ich mich auch. Irgendwann versiegen die Tr├Ąnen, aber mein Mut ist auf dem Nullpunkt geblieben. Um jedoch weiterexistieren zu k├Ânnen, um einen berechtigten Grund aufrechterhalten zu k├Ânnen, die Hornbrille pulverisiert zu haben, bleibt mir nichts anderes ├╝brig, als mich unbedingt zusammenzurei├čen. Ich rotze meine Nase frei, entferne die Schminke in meinem Gesicht und male alles noch mal auf, ich habe keine andere Wahl.

Schlie├člich denke ich, dass die Zeit gekommen ist, mein Herz klopft wie wild, und ich glaube, so etwas wie Lampenfieber zu haben. Sicherheitshalber werfe ich noch einen Blick aus dem K├╝chenfenster, aber im Garten ist niemand zu sehen, was mir auch nicht weiterhilft. Es bleibt mir somit nichts anderes ├╝brig, als aus dem Haus zu gehen, hinter mir schl├Ągt die T├╝r zu, wobei mir einf├Ąllt, dass ich die verdammten Schl├╝ssel vergessen habe. Ich atme tief durch, und ich wei├č nicht wie ich es schaffe, pl├Âtzlich vor der Haust├╝r dieses Menschen zu stehen. Ich schlie├če die Augen, dr├╝cke den Klingelknopf und ich warte auf so eine Art gro├čen Knall. Das Erste, was nat├╝rlich vor dem Knall passieren wird, ist, dass er die T├╝r ├Âffnet, was dann auch geschieht. Er gr├╝├čt mich freundlich, sch├Ân, dass ich gekommen sei. Ich druckse irgendwas daher, laufe rot an und nehme seine mir dargebotene Hand an. Sie ist trocken und ganz warm. Ich zwinge mich, ihm ins Gesicht zu schauen, aber er macht es mir leicht, da er warme braune Augen hat. Es st├Ârt mich nicht, dass sein Gesicht, genauso seine warme Hand sehr hellh├Ąutig sind, ich meine keinen Widerspruch zur Sonne darin zu entdecken. Ich lache befreit auf, als sei es das Normalste auf der Welt. Er blickt mich derart an, als ob er genau w├╝sste, was in mir vorgeht, aber auch das scheint pl├Âtzlich zur Normalit├Ąt zu geh├Âren. Ich solle mir doch seine Rosen ansehen, sagt er, w├Ąhrend er mir seine Hand auf die Schulter legt und mich hineinbittet.
Ich druckse immer noch herum, ich habe bis jetzt noch kein vern├╝nftiges Wort herausgebracht, aber ich strahle und kann mich gar nicht recht beruhigen, es ist mir fast schon peinlich. Wie gerne w├╝rde ich ihm sagen, wie bescheuert ich mich aufgef├╝hrt habe, wie viele Stunden ich wie eine Irre am K├╝chenfenster verweilt bin, dass es mir nie gelungen ist, seinen Namen zu merken, aber den will ich auf einmal gar nicht mehr wissen, denn der ist nebens├Ąchlich. Die Gedanken sind da, aber so wirr, dass ich aufgeben muss, sie in Worte zu packen. Ich schnappe nach Luft, aber kein Laut kommt mir ├╝ber die Lippen. Er l├Ąchelt mich nur an, ganz warm, sch├╝ttelt den Kopf und legt mir die Hand auf den Mund. Er meint zu mir, ich solle nicht zu viel auf einmal sagen wollen. Ich nicke und tats├Ąchlich beruhige ich mich.
Die ersten Worte, die ich zu ihm sage sind belanglos. Doch dann, ich wei├č nicht warum, f├Ąllt mir die pulverisierte Hornbrille ein und prompt erz├Ąhle ich die Geschichte, wobei ich mir am liebsten die Zunge abbei├čen w├╝rde. Ich s├Ąhe sch├Ân aus, sagt er daraufhin ganz ernst, streicht mir die wei├če Haarstr├Ąhne aus dem Gesicht und schaut mich lange an, bis ich seinem Blick nicht mehr standhalten kann. Er sagt das in einer Art und Weise, als habe es eine Hornbrille nie gegeben, als kenne er den verkniffenen Maulwurf nicht, als sei alles nur ein Traum gewesen, aus dem er mich geweckt hat. Er l├Ąchelt mich an, ich solle ihm in den Garten folgen.
Es ist das erste Mal, dass ich diesen Garten nicht versteckt hinter der Hecke anschaue. Um wie vieles deutlicher sehe ich jetzt die vielen bunten Blumen in der Wiese, ich erkenne an ihnen jedes Detail, ich habe nie gewusst, das sie so zart sind. Vielleicht sind die Kontaktlinsen besser als die Hornbrille, ich wei├č nicht woran das liegt, vielleicht, weil ich mich so freue, vielleicht, weil ich seine warme Hand immer noch auf meiner Schulter sp├╝re, er ganz nah bei mir steht und der Duft der Rosen mich regelrecht bet├Ąubt. Es ├╝berkommt mich der Wunsch, mich in diese Wiese zu legen und mich zu sonnen. Ich sage ihm das, und er erwidert, ich solle mir keinen Zwang antun. Wir ziehen uns aus und legen uns nebeneinander ins Gras, ich wei├č nicht, was in mich gefahren ist. Ich liege r├╝cklings in der Wiese und nehme die kleine Wiesenwelt in mich auf. Gedanken an eventuell entsetzte Nachbarn oder an meinen Mann, der statt meiner durch das K├╝chenfenster schauen k├Ânnte, sind unendlich weit entfernt. Es existieren nur er, die Rosen, die Wiese. Ich sp├╝re eine wunderbare Kraft in mich einstr├Âmen, die Sonne kann mich nicht verbrennen, ich werde weder Durst versp├╝ren noch schwitzen. Daf├╝r brauche ich keine Erkl├Ąrung, die ist pl├Âtzlich unwichtig geworden, und ich will nicht fragen. Stattdessen sage ich zu ihm, dass ich ihn liebe. Jedoch nicht in der Art und Weise, wie eine Frau es einem Mann sagt oder vielleicht doch? Ich liebe diese kleine Welt hier, ihn, die Sonne, seine wei├če Haut, den Duft. Wir sind das Licht, die W├Ąrme. Die Sonne versengt uns in dieser kleinen Welt die Haut nicht, weil es seine Sonne ist. Es ist nicht die Sonne, die mich samstags im Garten schwitzen l├Ąsst, nicht die Sonne, vor der wir uns st├Âhnend verstecken, nur, um sie abends im bei├čendem Fettdunst wegzugrillen. Sie ist eine Sonne, die nur f├╝r ihn und mich scheint, keine Sonne f├╝r Rasenm├Ąher, Thujahecken und Schnippelscheren. Seine Rosen bed├╝rfen der Pflege nicht, weil es seine sind, sie liegen in seiner Seele, seine Seele offenbart sich in ihnen. Er braucht sie nicht zu stutzen, genauso wenig, wie er seine Seele bearbeiten muss. Er liegt in sich ruhend, fest in seiner Welt verankert, die er mir jetzt vorlegt.

Wir liegen regungslos im Gras bis die Sonne untergeht. Ich f├╝hle mich entspannt wie noch nie, als ich mich erhebe und strecke. Jetzt habe ich genau dasselbe L├Ącheln auf meinen Lippen, das ich vor einiger Zeit an ihm immer gehasst habe. ├ťberrascht stelle ich es fest und sage es ihm. Er l├Ąchelt nur, steht auf und geht ins Haus, ich folge ihm.
Da f├Ąllt mir der vergessene Schl├╝ssel ein und dass ein paar Meter weiter eine ganz andere Welt existiert. Als k├Ânne er meine Gedanken erraten, meint er, ich solle doch bei ihm bleiben. Warum eigentlich nicht? So kommt es, dass ich die Nacht bei ihm und mit ihm verbringe und bin gl├╝cklich. Die andere Welt will ich nicht mehr betreten, aber das brauche ich gar nicht mehr, versichert er mir. Ich wei├č, dass ich ihm das glauben darf, und an das Morgen brauche ich nicht mehr zu denken.




__________________
Ohne das Auge kann der Geist nicht dichten.
Peter Meinke

Version vom 24. 06. 2008 16:29

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Clara
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Hallo Mira
Wenn ich so den Titel lese, die Seele des Gartens und dann diese rasende Hausfrau erfahre wie sie flucht, w├╝tet und sehnsuchtsvoll und neugierig in des Nachbarsgarten schaut, dann wird mir ganz anders. Ich liebe Gartenarbeit aber ich bin kein Pedant.
Die verfluchte Hornbrille ist eine gute Metapher f├╝r Kurzsichtigkeit, nicht wahrnehmen, nicht einmal sich selbst erkennen ÔÇô denn mit Haftschalen gings ja auf einmal. Mangelndes Selbstbild und das innere war irgendwie auch wertlos.
Eine arg unzufriedene Frau ÔÇô sicher auch in anderer Hinsicht.
Zwei eigenartige M├Ąnner, den Pedanten der mehr als grob wird, den man eigentlich verlassen m├╝sste. Dann jenen, der wie eine Skulptur im Garten liegt ÔÇô ein Sch├Ânling ÔÇô ein Nichtstuer -
ein Warmherziger, der das Leben leicht nimmt. (Au mann auch solche k├Ânnten mich auf die Palme bringen)
Erst zum Schluss ÔÇô die Seele des Gartens ÔÇô das ist nicht dieser Sch├Ânling, sondern der Genuss nach dem Schweiss ÔÇô die Blumen, die Sonne ÔÇô man sieht wof├╝r man geackert hat. Es fehlt dennoch weiterhin die warme Hand, die das mit einem geniesst, auch wenn frau ganz krumm und verunzelt wirkt, schmutzig gar oder ihr die sorgsam gek├Ąmmten Haare ins Gesicht h├Ąngen.
Die Seele des Gartens ÔÇô ich weiss nicht so recht ÔÇô sie ist da, aber sie ist auch nur da, wenn wir sie wahrnehmen k├Ânnen.
Bin noch nicht ganz durchdacht nach diesem langen Text.
Kleine Korrekturen per Email ist mir zu m├╝ssig das noch rauszupfl├╝cken




Die Seele des Gartens

Ich hocke keuchend im Gras und entferne m├╝hsam das verhasste Moos zwischen den Platten, die den Weg in unseren frisch geschorenen Rasen s├Ąumen. Mein Mann ist gerade dabei, den J├Ągerzaun auszubessern, was l├Ąngst ├╝berf├Ąllig ist und die Thujahecke zu stutzen. Die Sonne tut
ihr ├╝briges (WOZU? , der Schwei├č trieft, und die Kinder weigern sich zu helfen.

Heute Mittag gibt es nur Salat, ├╝berlege ich mir, w├Ąhrend ich mich aufrichte, weil mir der Kopf zu platzen scheint. Meine Brille f├Ąllt ins Gras, meine Wirbels├Ąule gibt ein gequ├Ąltes Knacksen von sich. Ausgerechnet in diesem Augenblick l├Ąuft dieser Mensch den Weg entlang, er gr├╝├čt meinen Mann und winkt mir zu. Ich sehe aufgrund meiner starken Kurzsichtigkeit nur ein verschwommenes Etwas an mir vorbeilaufen und blicke ihm mit verkniffenem Gesichtsausdruck nach, bis dieser seltsame Schatten im Nachbarhaus verschwunden ist. Ich wei├č, was jetzt kommt.
Es ist jedes Wochenende dasselbe, wenn die Sonne scheint. Grund genug f├╝r mich, den Garten zu verlassen um und sich um das Mittagessen zu k├╝mmern. Mein Mann f├Ąngt an zu meckern, ich solle doch gef├Ąlligst noch das restliche Moos abkratzen, ob er denn in diesem Garten immer alles alleine machen m├╝sse. Soll er doch; ich jedenfalls ertrage es nicht, die Blicke dieses Menschen auf meinem R├╝cken zu sp├╝ren. Vom K├╝chenfenster aus beobachte ich, wie sich dieser Mensch in die Sonne knallt. Er legt sich nackt in seine ungepflegte Wiese und hat ein L├Ącheln auf seinen Lippen, das ich von Tag zu Tag mehr hasse. Ich habe mir schon ├╝berlegt, dunkle Vorh├Ąnge f├╝r das K├╝chenfenster zu kaufen, um den Anblick dieses Menschen nicht mehr ertragen zu m├╝ssen. Meine Kinder halten mich deshalb f├╝r verr├╝ckt, mein Mann versucht mich zu beschwichtigen, wenn ich nach einem hysterischen Anfall fast anfange zu flennen (umgangssprachl).

Um das alles auf ein ertr├Ągliches Ma├č zu bringen, und um meine Nerven zu schonen, habe ich beschlossen, jedes Mal, wenn ich in der K├╝che zu tun habe und mein Blick unweigerlich auf diesen Menschen f├Ąllt, einfach meine Brille abzunehmen. Es ist die einzige Situation, in der ich Gott f├╝r meine Kurzsichtigkeit dankbar bin. Doch leider ist es damit nicht getan. Es ist nicht nur die entw├╝rdigende Nacktheit dieses Menschen, die mich st├Ârt (ich bin mir sicher, er w├╝rde sich auch dann nackt in die Sonne legen, wenn ich nicht existierte). Was mich fast in den Wahnsinn treibt, ist allein der Gedanke an dieses abscheuliche selbstzufriedene L├Ącheln auf seinen Lippen, w├Ąhrend er sich oft den ganzen Tag, ohne sich zu r├╝hren, der Sonne hingibt. Seine wei├če makellose Haut scheint mich regelrecht blenden zu wollen. Eine Haut, die nie br├Ąunt, die sich nie verbrennt, dieser Mensch, der nie zu schwitzen scheint, er ist gebaut aus Porzellan. Er liegt im Gras, und ich schw├Âre, dass ich noch nie so was wie ein Sonnenschirm ├╝ber seinem K├Ârper gesehen habe. Ich habe noch nie erlebt, dass er sich mit einem Sonnen├Âl einreibt, seine Haut ist und bleibt makellos wei├č, nie sind an ihr Pigmentflecken zu entdecken, er ist ein Mensch, der niemals br├Ąunt (Wiederholung).

Mein Mann meint, dass ihm vielleicht seine ├╝ppig bl├╝henden Rosen genug Schatten spendeten. Diese Argumentation lasse ich jedoch schlicht und einfach nicht gelten. Meist bricht aus mir unglaublicher Hass hervor, wenn ich mit solch einer irrationalen, im Tran daher geplapperten Begr├╝ndung konfrontiert werde. Ich werfe meinem Mann vor, mich nicht ernst zu nehmen, ob er denn nicht einsehe, dass dieser Mensch und seine verdammten Rosen so nicht existieren k├Ânnen, wie ich es Wochenende f├╝r Wochenende gezwungen bin zu sehen.
Ein Mensch, der niemals schwitzt, verbrennt, br├Ąunt, d├╝rfe es nicht geben. Meist quellen mir die Augen fast aus dem Kopf, ich schreie mich immer heiser, bis ich schlie├člich so h├Ąsslich aussehe, dass mein Mann vorsichtshalber ein paar Schritte vor mir zur├╝ckweicht. Wahrscheinlich werde dieser Mensch nicht einmal von M├╝cken gestochen, tobe ich weiter, er k├Ânne sich nicht mal ein Bein brechen und vergiften lasse er sich auch nicht. Mein Mann sch├╝ttelt verst├Ąndnislos den Kopf, zeigt mir einen Vogel und fl├╝chtet mit der Heckenschere in den Garten zur Thujahecke. Ach, er soll sich doch zum Teufel scheren, er und seine Hecke. Das schreie ich ihm zwar nicht nach, aber ich w├╝nsche mir jedes Mal, dass er sich bei der Schnippelei endlich einmal einen Finger abschneidet, damit unsere Thujahecke nicht immer die am besten rechtwinklig gepflegteste der ganzen H├Ąuserzeile bleibt. (der Kontrast zwischen ungepflegt-makellos und Zwanghaft-bemakelt der beiden M├Ąnner ist bis hierhin schon gut dargestellt)
Irgendwann habe ich ihm das beim Essen ins Gesicht geschrieen, wobei er sich ganz f├╝rchterlich an einer Kartoffel verschluckte. Die Kinder w├╝rgten schnell ihr Essen hinunter und verkrochen sich in ihre Zimmer. Daraufhin entbrannte ein l├Ąngst f├Ąlliger Streit, und als mein Mann sich nach dem verdammten Essen tats├Ąchlich in die Finger schnitt, redete er den ganzen Tag kein Wort mehr mit mir. Und an allem war und ist dieser unausstehliche Mensch schuld, der nie br├Ąunt, nie schwitzt und nie einen Hitzschlag bekommt. (Sie ist aber ganz sch├Ân in Fahrt)

Ich stelle fest, dass es mich krankhaft ans K├╝chenfenster zieht und ich nur darauf lauere, wann dieser Mensch sich endlich r├╝hrt oder wann ihn endlich die Sonne ausged├Ârrt hat.(Kicher, ja) Doch ich sehe nur einen zufriedenen Menschen splitternackt im hohen Gras liegen, ├╝ber ihm wunderbar rote Rosen, die anscheinend nie der Pflege bed├╝rfen und die zu allem ├ťberfluss penetrant s├╝├č duften. Was treibt er da? Warum legt er sich stundenlang ins Gras, hat er nichts Besseres zu tun? (ich denke gerade an eine Skulptur, die dort liegen k├Ânnte ÔÇô eine Fata Morgana ihrerseits- Wunschgedanke) Mit Entsetzen registriere ich, dass er bis zur Abendessenszeit regungslos auf dem R├╝cken in seinem Garten liegt und mir vom Stehen am K├╝chenfenster die Beine angeschwollen sind. Die Zeit scheint stillzustehen, die Luft ist noch erf├╝llt vom Schnippeln der Heckenscheren oder vom Rattern der unz├Ąhligen Rasenm├Ąher ringsum in der Nachbarschaft. Aus den Zimmern meiner Kinder ert├Ânt gnadenlos das H├Ąmmern und Bummern der Stereoanlagen, die nur dazu da sind, um ewig zu qu├Ąlen. Wahrscheinlich wundern sie sich, dass ich nicht fluchend zu ihnen hoch st├╝rme oder den Strom abschalte, was sofort ausgenutzt wird, um in Wettstreit mit den lautesten und ├Ąltesten M├Ąhern zu treten. In der H├Ąuserzeile gegen├╝ber planscht ein Nachbar in seinem Privat-Miniswimming-Pool, der fast den ganzen Garten belegt, verdeckt von einer Fichtenhecke, bei der man unten durchglotzen (glotzen ÔÇô Umgangssprache) kann.

Als es endlich anf├Ąngt, Abend zu werden, die Hitze minimal nachl├Ąsst, der letzte M├Ąher abgestellt ist und so nach und nach die Abendluft mit bei├čendem Grillrauch geschw├Ąngert wird, gebe ich es auf und lege meine geschwollenen Beine hoch. Aus den Augenwinkeln nehme ich gerade noch wahr, wie sich dieser Mensch aufrichtet, zufrieden g├Ąhnt und sich endlich in sein Haus zur├╝ckzieht. Ich atme auf und erst jetzt bemerke ich, wie lange ich regungslos aus dem Fenster gestarrt habe. Meinem Mann, der gerade noch den letzten leichtsinnigen (der ist eher beharrlich) L├Âwenzahn aus unserem Garten ausgestanzt hat, erz├Ąhle ich nichts davon. Ich gebe vor, ersch├Âpft von der Arbeit zu sein, als er in die K├╝che tritt und mich verwundert fragt, was denn mit mir los sei. Ich dusche mich eiskalt und es gelingt mir nur schwer, einen Weinkrampf zu unterdr├╝cken. Schlie├člich fange ich doch noch an zu heulen, weil ich die verdammte Hornbrille verlegt habe, ach, der Teufel soll sie holen. Nat├╝rlich bleibe ich auffallend lang im Bad, ich sch├Ąme mich meiner Tr├Ąnen. Am liebsten w├╝rde ich sofort ins Bett gehen, aber es ist Wochenende und wir m├╝ssen leider grillen, denn der Sommer ist ja so sch├Ân und in der schlechten Jahreszeit kann man die Abende nicht ann├Ąhernd so gut ausnutzen. Mein Mann ruft mich schon ungeduldig, er wirkt gereizt, wahrscheinlich weil die Kinder wieder unerwartet abgesagt haben!!!!! Welche denn noch? Oben sind Jugendliche und wir morgen leider noch Mal grillen m├╝ssen, damit wir nicht auf dem Fleisch sitzen bleiben. Die Luft im Badezimmer riecht schon nach Grill, und mir f├Ąllt gerade noch ein, die Fenster in unserem Schlafzimmer zu schlie├čen, damit der Gestank uns nicht beim Einschlafen st├Ârt.
Ich schleppe mich zum Grill und versuche, eine gutgelaunte Miene vorzuspielen. Der Abend verl├Ąuft ganz nett, es gibt eine gute Flasche Wein, dann noch eine und je angeheiterter ich werde, desto kurzsichtiger werde ich. Doch nicht mal in diesem Zustand entgeht mir, dass sich wieder dieser Mensch in seinen Garten setzt. Er scheint sich wohl frisch geduscht zu haben. Seine braunroten Haare fallen feucht auf die Schultern, seine wei├če Haut wird durch einen schwarzen Bademantel verdeckt, jedoch bleibt seine helle Brust entbl├Â├čt. Das Licht aus dem Innern seines Hauses beleuchtet die Terrasse, auf der er mit einem Buch in den H├Ąnden in seinem Liegestuhl sitzt. Auf dem Tisch, der links neben ihm steht, flackern unruhig mehrere Kerzen. Ich werde hysterisch, als ich einen Knochensch├Ądel auf dem Tisch zu sehen glaube. Mein Mann versucht mich zu beruhigen und versichert mir, dass ich ohne meine Brille nur Gespenster sehe und mir alles nur einbilde, ich solle nicht so schreien, man m├╝sse sich meiner ja sch├Ąmen, was sollen denn die Nachbarn denken. Er wird so w├╝tend, dass er mir ins Gesicht schl├Ągt und mich ins Haus zerren muss, da ich versuche, mit dem Grill um mich zu schmei├čen. Unglaubliche Hassgef├╝hle keimen in mir auf, ich verfluche lauthals diesen Menschen, der mein Gekreische nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen will (der eigene oder fremde Mann?). Mein Mann versucht mir einen Apfel in den Mund zu stopfen, damit ich endlich aufh├Âre zu schreien. Er zittert am ganzen Leib, seine Schlagadern am Hals sind beachtlich geschwollen, er wei├č nicht wie jetzt handeln, denn so hat er mich noch nie erlebt. Ich werde schlie├člich im Schlafzimmer eingesperrt, den Apfel schleudere ich geradewegs auf seine Nase, als er verzweifelt versucht, die T├╝r hinter sich zu schlie├čen.
Was dann passiert ist wei├č ich nicht mehr. Irgendwann muss ich mich wohl wieder beruhigt haben, wahrscheinlich bin ich sogar eingeschlafen. Das erste, was ich klaren Verstandes wahrnehme, ist ein Sonnenstrahl, der mir ins Gesicht scheint. Und das Erste, was mir an Gedanken durch den Kopf schie├čt, ist ein Schamgef├╝hl und die Angst, dass dies ein ganz f├╝rchterlicher Sonntag werden wird.
Mein Mann hat auf der Couch im Wohnzimmer ├╝bernachtet, er hat sich wohl nicht zu mir reingetraut. Sein Nasenbein wurde durch den Apfelschmiss gebrochen, in seinem Gesicht sitzt eine geschwollene Knolle (Unwahrscheinlich ÔÇô der muss noch unreif sein). Er beachtet mich nicht, als ich die Treppe hinunter geschlichen komme. ├ťber den weiteren Verlauf des Tages gibt es nicht viel zu erz├Ąhlen. Wir sprechen kein Wort miteinander, er murmelt irgendwas von einer Irren, die ihn ruiniert hat, und die Kinder lassen sich nicht blicken. Die Sauerei im Garten, der umgeschmissene Grill, wird im Laufe des Tages aufger├Ąumt, ich glaube, heute m├╝ssen wir Gott sei Dank nicht mehr grillen.

In der kommenden Woche gelingt es mir, mich einigerma├čen zu regenerieren. Ich schw├Âre mir, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzur├╝hren, solange dieser Mensch in meiner Nachbarschaft wohnt. Die Knolle im Gesicht meines Mannes schmerzt (ihn)noch, aber ich versp├╝re kein schlechtes Gewissen. Es wundert mich, wie gleichg├╝ltig mir das ist. Die Kinder lassen sich nie blicken, ihre Anwesenheit wird nur durch die Stereoanlage kundgetan. Am liebsten w├╝rde ich ihnen sagen, dass sie ruhig runter zum Fernsehen kommen k├Ânnen, denn ihre Eltern streiten sich nicht, ich verspreche, nie mehr zu schreien, ich bin ganz ruhig, gottlob.

Der Alltag geht weiter, nun, es wird eben sehr wenig gesprochen, um nicht zu sagen gar nichts. Eine weitere Ver├Ąnderung ist, dass ich die Zeit, die ich normalerweise gelangweilt vorm Fernseher vergeudet habe, jetzt am K├╝chenfenster verbringe. Dabei versuche ich m├Âglichst unauff├Ąllig zu sein, nachdem ein seltsamer Blick meines Mannes mich zur Wahnsinnigen erkl├Ąrt hat. Oft muss ich viele Stunden lang warten, bis dieser Mensch ein Lebenszeichen von sich gibt, an manchen Tagen betritt er Garten ├╝berhaupt nicht Wenn die Warterei mir zu lange wird, verlasse ich das Haus und schleiche mit klopfendem Herzen am Grundst├╝ck dieses Menschen vorbei. Ich laufe mehrmals denselben Weg auf und ab, ganz langsam und glotze in den Garten wie ein behindertes Kind, so dass es mir fast peinlich ist. Meine Brille habe ich noch immer nicht gefunden, dementsprechend verkniffen muss ich aussehen, ich mag gar nicht daran denken. Aufgrund meiner schlechten Augen erkenne ich sowieso nicht allzu viel. Ich sehe viele Rosen, die pr├Ągen sich mir ein, viele bunte Tupfer in der Wiese, leider kann ich nicht erkennen, was das f├╝r Pflanzen sind, wahrscheinlich allerlei Wiesenblumen.
Nachdem ich mindestens acht Mal auf und ab gegangen bin und ich beim besten Willen nicht mehr entdecken konnte, gebe ich auf. Dabei f├Ąllt mir ein, dass ich nicht einmal den Namen dieses Menschen kenne, der mittlerweile mein Leben beherrscht. Bevor ich mich zur├╝ck ins Haus verkrieche, schlendere ich ganz zuf├Ąllig an seiner Haust├╝re vorbei und ber├╝hre fast schon mit der Nasenspitze das Namensschild und lese irgendeinen Namen in gut leserlicher Schrift. Leider kann ich ihn mir nicht merken, ich vergesse ihn, bevor ich wieder mein K├╝chenfenster erreicht habe. Ich beschlie├če somit, das n├Ąchste Mal etwas zum Aufnotieren mitzunehmen. Jedoch erweist sich das auch nicht gerade als sehr erfolgreich, denn entweder ich vergesse aufs Namensschild zu schauen oder der Bleistift bricht ab. Als es mir endlich einmal gelingt, gleichzeitig das Namensschild zu lesen, einen leistungsf├Ąhigen Bleistift und Papier dabei zu haben, muss ich verdammt noch Mal den Zettel auf dem R├╝ckweg verloren haben, denn zu Hause befindet sich in meiner Hand nur noch der Bleistift, diesmal gut angespitzt. Mich beschleicht der Gedanke, dass dieser Mensch mir seinen Namen nicht preisgeben will. Diese Vorstellung macht mich rasend, aber ich schlucke meine Wut hinunter und stehe ├Âfter als zuvor am K├╝chenfenster. Ich ertrage es kaum, diesen Menschen nicht fassen zu k├Ânnen, dieses namenlose Wesen, das nicht so existieren darf, wie es sehe. Dieser Mensch verletzt Gesetze, die keiner verletzen kann. Ich verstehe ja nicht viel von Naturgesetzen, von Physik und solchen Sachen, aber ich habe immer an meinen gesunden Menschenverstand geglaubt. Zwar habe ich mich noch nie f├╝r auffallend intelligent gehalten, wozu auch als Hausfrau und Mutter von zwei Kindern, ich brauche dazu nicht viel von solchen Sachen zu wissen. Doch heute bezweifle ich das zum ersten Mal und ich bemerke, dass ich beginne dar├╝ber nachzudenken.
Ich kann es drehen und wenden wie ich will, ich finde keine Erkl├Ąrung f├╝r diesen Menschen, der sich so lange sonnt wie er will. Nicht die Sonne bestimmt sein Liegen im Gras, nicht die UV-Strahlung, auch nicht der L├Ąrm der Rasenm├Ąher, nicht Hunger, nicht Durst, nichts, nichts, nichts, sondern nur er allein. Wenn er nicht will, dass ich seinen Namen erfahre, so werde ich ihn nie kennen. Ich k├Ânnte tausend Leute beauftragen, mir doch bitte beim zuf├Ąlligen Vorbeilaufen den Namen auf ein Papierchen aufzunotieren... entweder sie werden es vergessen, der Bleistift wird ihnen abrechen oder der Kugelschreiber wird in den Gulli fallen, und falls mir gl├╝cklicherweise doch jemand seinen Namen auf dem Papierchen pr├Ąsentieren w├╝rde, ich m├Âchte schw├Âren, dass ich dann augenblicklich das Lesen verlernen werde und zwar so lange, bis das verfluchte Papierchen verbrannt ist. Aber ich bin, glaube ich, viel zu m├╝de, dies auszuprobieren. Ich begn├╝ge mich somit lieber mit dem Starren aus dem K├╝chenfenster und stelle resigniert fest, dass es mich nicht wundern sollte, wenn sich dieser Mensch vor meinen Augen in einen gro├čen schwarzen Vogel verwandelte, um mir beim Spionieren auf den Kopf zu kacken.

An jenem Abend, an dem der Alltagstrott dadurch unterbrochen wird, indem die Familie wieder ein paar Worte miteinander wechselt, erw├Ąhne ich bei Tisch, dieser Mensch nebenan sei ein Hexer. Mein Mann verschluckt sich daraufhin ganz f├╝rchterlich an einer Kartoffel, die Kinder beginnen pl├Âtzlich, das Essen hinunter zu w├╝rgen. Anscheinend schmerzt ihn die Knolle im Gesicht immer noch, denn er verzieht das Gesicht, als er irgendwas von psychiatrischer Behandlung redet, von verr├╝ckt und davon, dass einem dieser Mensch nebenan mittlerweile leid tun kann. Er wolle mich ins Haus sperren, wenn ich jetzt nicht sofort mit diesem Theater aufh├Âre. Also schweige ich lieber und verstopfe meinen Mund mit Kartoffeln, bevor er Ernst macht. Ich sage zur Beschwichtigung etwas sp├Ąter, ich habe das nicht wortw├Ârtlich gemeint, es sei mir nur so rausgerutscht. Als Antwort erhalte ich ein Schweigen, wahrscheinlich glaubt mir keiner mehr, was mir nicht ganz recht ist.
Ich habe mich entlarvt, ich muss vorsichtiger werden mit dem, was ich von mir gebe. Zwanghaft versuche ich, diesen Menschen meiner Familie gegen├╝ber nie mehr zu erw├Ąhnen, es glaubt mir ja doch keiner, also ist es besser, er bleibt mein privates Studienobjekt. Vor ihm selbst muss ich mich nicht verstecken, denn wenn er nicht will, dass ich an seinem Garten vorbei schleiche, so wird er es zu verhindern wissen. Aber wahrscheinlich ist es ihm egalÔÇŽ wenn er ├╝berhaupt zu Hause ist. Hin und wieder reizt mich der Gedanke, ihm ins Wohnzimmer zu schauen, scheue mich aber davor. Mein abnormes Verhalten ist sicher schon mehreren Hausfrauen in der Nachbarschaft aufgefallen, und ich tr├Ąume nachts schon von b├Âsen Ger├╝chten aus ihren M├Ąulern, die steif und fest behaupten, mich bei innigster Umarmung mit ihm im grell erleuchteten Schlafzimmer beobachtet zu haben. Ein Ger├╝cht, das schlimmstenfalls meinem Mann zu Ohren kommen k├Ânnte. Ich mag gar nicht daran denken.
Weswegen ich mich jedoch am meisten scheue, ihm ungeniert ins Zimmer zu glotzen, ist die Angst, seinem Blick zu begegnen. Er w├╝rde mir wahrscheinlich zuwinken (er gr├╝├čt mich eigenartigerweise immer winkend, wenn wir uns auf der Stra├če begegnen) und ich hingegen w├╝rde ihm verkniffen zunicken, wenn ich ungl├╝cklicherweise an jenem Tag meine Hornbrille wieder verlegt haben sollte. Daran mag ich ebenfalls nicht denken. Ein Gedanke, der mich in meinen Tr├Ąumen qu├Ąlt. Nun, selbst mit Hornbrille wollte ich nicht seinem Blick begegnen m├╝ssen, denn dann s├Ąhe es so aus, als s├Ą├če ein nickender Maulwurf auf dem Fenstersims. Ein Grund, mich pl├Âtzlich abgrundtief h├Ąsslich zu finden und heimlich nachts in mein Kissen zu weinen. Nat├╝rlich tr├Âste ich mich damit, dass mein Mann sich bestimmt nicht daran st├Ârt, jedoch haupts├Ąchlich deshalb, weil es ihm egal ist. Wenn mir derlei durch den Kopf geht, drehe ich mich zu ihm um, betrachte die immer noch geschwollene Knolle, weswegen er unbarmherzig schnarcht und f├╝hle mich pl├Âtzlich so unglaublich einsam. Ich beschlie├če, dem abzuhelfen, indem ich mir Kontaktlinsen verschreiben lassen will. Um den Beschluss zu best├Ąrken, zerst├Âre ich die Brille mit einem Hammer. Was mein Mann dazu sagen wird, ist mir so unglaublich egal. Ich will sch├Ân sein. Mir wird mulmig bei dem Gedanken, f├╝r wen ich sch├Ân sein will (ja, auch im Text stellt sie sich auf, wie eine Wetterhexe, h├Ąsslich, runtergearbeitet und freudlos). Ich schelte mich selbst, denn ich meine, mein Verhalten mittlerweile nicht mehr vor mir rechtfertigen zu k├Ânnen. Aber das wei├č nur ich und dieser Mensch, nehme ich an. Es ist unser Geheimnis und ich sehe nicht mehr aus wie ein Maulwurf.



Mit meiner neuen Errungenschaft ist es mir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder m├Âglich, in den Spiegel zu schauen und mein Gesicht klar und ohne Hornbrille zu erkennen. Normalerweise ist es nicht meine Gewohnheit, mich selbst zu betrachten, vielleicht, um zu sehen, ob die Haare richtig sitzen oder ich einen verschmierten Mund habe. Doch jetzt starre ich regelrecht mein Spiegelbild an und muss ununterbrochen l├Ącheln. Dar├╝ber, weil ich meine, schon lange nicht mehr gewusst zu haben, was es bedeutet, in einen Spiegel zu schauen und dar├╝ber, weil ich nicht mehr verkniffen gr├╝├čen muss, so ganz ohne Hornbrille. In dieser guten Laune sehe ich mich nat├╝rlich gezwungen, dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, indem ich mein teilweise vertrocknetes Make-Up aus der Schublade krame und das Blau meiner Augen hervorhebe. Ich schminke meine Lippen zartrosa und bekomme vor Gl├╝ck rote Wangen. Zur meiner Freude muss ich feststellen, dass ich sehr dichtes Haar habe, das nur eine einzige wei├če Str├Ąhne aufweist. Nat├╝rlich frage ich meinen Mann, ob er mich sch├Ân findet. Er grunzt verlegen, murmelt irgendwas vor sich hin, aber sonst verh├Ąlt er sich so, als ob er das Wort "sch├Ân" nicht kennt. Nun, etwas anderes habe ich auch nicht erwartet. Wenn ich mein Geheimnis nicht h├Ątte, w├Ąre ich jetzt verletzt, w├╝rde mir versch├Ąmt das Make-Up abwaschen, schlimmstenfalls mir die Hornbrille zur├╝ckw├╝nschen. Doch mein Geheimnis gibt mir Kraft, die zerst├Ârte Brille aus dem Abfalleimer zu kramen und nochmals mit dem Hammer darauf herum zu schlagen, bis sie pulverisiert ist, endg├╝ltig. Verr├╝ckt, wenn ich bedenke, dass mein Geheimnis nur darin besteht, diesem Menschen ins Wohnzimmer schauen zu wollen. (die Brille, die Kurzsichtigkeit sind eine gute Metapher f├╝r ihr Benehmen ÔÇô f├╝r ihren Wahn, die Welt nicht richtig wahrzunehmen)
Damit jedoch keiner Verdacht sch├Âpft, zwinge ich mich, vom K├╝chenfenster fernzubleiben. Es f├Ąllt mir schwer, sehr schwer. Als ob dieser Mensch das w├╝sste, verzichtet er neuerdings an den Wochenenden auf sein Sonnenbaden, manchmal regnet es auch, Gott sei Dank. Doch ich frage mich, wer schon hinter mein kleines Geheimnis kommen sollte. Ich bin unglaublich froh, dass keiner meine Gedanken lesen kann, abgesehen von diesem Menschen wahrscheinlich, denn ich tr├Ąume mittlerweile recht oft von ihm. Nichts Gro├čartiges, in meinen Tr├Ąumen steht er unter seinen Rosen, riecht daran und liegt meistens im hohen Gras und sonnt sich auf seine ├╝bliche Art, eigentlich recht langweilig, nichts Ungew├Âhnliches. Einmal winkt er mir im Traum zu, so, wie er es immer macht, wenn wir uns fl├╝chtig auf der Stra├če begegnen. Ich gr├╝├če freundlich zur├╝ck und bringe in der Tat ein unverkrampftes L├Ącheln zustande, denn ich muss nicht mehr meine Augen zusammenkneifen und kann ihm klar ins Gesicht schauen. Er scheint sich dar├╝ber sichtlich zu freuen, so, als sei das sein Werk. Diese Tatsache l├Âst in mir ein unbehagliches Gef├╝hl aus, aber nicht lange, sagen wir, ich f├╝hle mich dadurch eher geschmeichelt. Nun, gut, dass wahrscheinlich au├čer ihm keiner meine Gedanken lesen kann.

In einen meiner n├Ąchsten Tr├Ąume winkt er mir nicht zu, er winkt mich zu sich her. Ich schreie ihm ├╝ber unseren ausgebesserten J├Ągerzaun zu, ob er denn jetzt nicht zu weit gehe. Er sch├╝ttelt lachend den Kopf und sagt, was sei denn schon dabei, wenn ich mir seinen Garten mal aus der N├Ąhe ansehe, denn offenbar sei ich eine gro├če Verehrerin seiner Rosen, ich laufe schlie├člich oft genug an seinem Garten vorbei, das sei ihm nicht entgangen. Ich laufe rot an und will mich entschuldigen, doch er meint, das mache doch nichts, wie es denn w├Ąre, wenn ich morgen Mittag mal bei ihm vorbeischaue, er w├╝rde sich freuen. Mir stockt der Atem und ich japse wie ein Fisch an Land nach Luft. Ich presse hervor, ob er das nur im Traum so meine oder ob ich morgen wahrhaftig vor seiner T├╝r stehen solle. Seine Antwort ist, er wolle mich wahrhaftig sehen, und er verschwindet in seinem Haus. Ich will ihm noch irgendwas entgegnen, ich wache jedoch just in diesem Moment auf. Es ist noch dunkel drau├čen, also drehe ich mich zur Seite und versuche weiterzuschlafen, was mir auch tats├Ąchlich gelingt. Der Rest der Nacht verbleibt aber traumlos, jetzt liegt die Entscheidung an mir, was nun geschehen soll. Mir f├Ąllt siedendhei├č ein, dass morgen Mittag niemand bei uns zu Hause sein wird. Die Kinder haben Nachmittagsunterricht, mein Mann ist um diese Zeit sowieso im B├╝ro. Ich werde mir also nicht einreden k├Ânnen, dass es unm├Âglich ist, sich unbemerkt aus dem Haus zu schleichen. Es gibt keine Ausrede. Erf├Ąnde ich eine, so w├╝rde er es bestimmt merken und das w├Ąre mir unendlich peinlich, ich will ihn auf keinen Fall verletzen. Was bleibt mir also anderes ├╝brig, den Mittag abzuwarten?
Hm, diese Einladung den Garten aufzusuchen kommt mir zu pl├Ątschernd daher ÔÇô entweder sie hat wirklich den Wahn, oder der Text m├╝sste ein bisschen deutlicher werden ÔÇô schliesslich ist das ein lang ersehntes Ereignis, auch wenn ihr wohl noch nicht klar ist, welches Verlangen eigentlich in ihr schlummert.

Je n├Ąher die Mittagszeit heranr├╝ckt, desto lauter klopft mein Herz und Zweifel qu├Ąlen mich. Ich frage mich pl├Âtzlich, weshalb ich diesen Menschen fast schon unversch├Ąmt beobachtet, ausspioniert und verfolgt habe. Warum hat mich sein Sonnenbaden so aufgeregt? Schmerzhaft erinnere ich mich an den umgeschmissenen Grill, an meine hysterischen Anf├Ąlle, an das gebrochene Nasenbein meines Mannes. Was ist, wenn alles nur eine Ausgeburt meiner unzufriedenen Hausfrauenseele ist, dieser Mensch mich im Grunde verachtet, weil ich ihn penetrant durchs K├╝chenfenster beobachte? Er muss es doch bemerkt haben, und vielleicht hat er sich mit Absicht den ganzen Tag nackt gesonnt, um mich zu schocken. Ich male mir aus, wie er seinen Freunden erz├Ąhlt, was f├╝r engstirnige, bescheuerte Nachbarn er hat. Vor allem die Frau mit der Hornbrille gafft ihm den ganzen Tag in den Garten, am liebsten w├╝rde er ihr mal die Meinung sagen, was die sich ├╝berhaupt einbildet, dieser verkniffene Maulwurf. Ich stelle mir vor, wie seine Freunde lachen, wenn er mich nach├Ąfft. Vielleicht tr├Ągt einer seiner Freunde auch eine Hornbrille, die nimmt er sich dann, setzt sie sich auf und f├Ąngt derma├čen an zu lachen, dass es ihm nicht ganz gelingt, mich nachzumachen, dennoch gr├Âhlen alle und aus Versehen werden ein, zwei Weingl├Ąser umgesto├čen.
Mir wird spei├╝bel bei dem Gedanken und die Tr├Ąnen schie├čen mir in die Augen, fast werden meine Kontaktlinsen rausgewaschen. Meine Schminke rinnt mir in j├Ąmmerlichen B├Ąchen die Backen!!!bis dahin? runter. Ich fange an zu schluchzen wie eine Frau, die gerade von ihrem Mann verlassen worden ist, so ├Ąhnlich f├╝hle ich mich auch. Irgendwann versiegen die Tr├Ąnen, aber mein Mut ist auf dem Nullpunkt geblieben. Um jedoch weiterexistieren zu k├Ânnen, um einen berechtigten Grund aufrechterhalten zu k├Ânnen, die Hornbrille pulverisiert zu haben, bleibt mir nichts anderes ├╝brig, als mich unbedingt zusammenzurei├čen. Ich rotze meine Nase frei, entferne die Schminke in meinem Gesicht und male alles noch mal auf, ich habe keine andere Wahl.

Schlie├člich denke ich, dass die Zeit gekommen ist, mein Herz klopft wie wild, und ich glaube, so etwas wie Lampenfieber zu haben. Sicherheitshalber werfe ich noch einen Blick aus dem K├╝chenfenster, aber im Garten ist niemand zu sehen, was mir auch nicht weiterhilft. Es bleibt mir somit nichts anderes ├╝brig, als aus dem Haus zu gehen, hinter mir schl├Ągt die T├╝r zu, wobei mir einf├Ąllt, dass ich die verdammten Schl├╝ssel vergessen habe. Ich atme tief durch, und ich wei├č nicht wie ich es schaffe, pl├Âtzlich vor der Haust├╝r dieses Menschen zu stehen. Ich schlie├če die Augen, dr├╝cke den Klingelknopf und ich warte auf so eine Art gro├čen Knall. Das Erste, was nat├╝rlich vor dem Knall passieren wird, ist, dass er die T├╝r ├Âffnet, was dann auch geschieht. Er gr├╝├čt mich freundlich, sch├Ân, dass ich gekommen sei. Ich druckse irgendwas daher, laufe rot an und nehme seine mir dargebotene Hand an. Sie ist trocken und ganz warm. Ich zwinge mich, ihm ins Gesicht zu schauen, aber er macht es mir leicht, da er warme braune Augen hat. Es st├Ârt mich nicht, dass sein Gesicht, genauso seine warme Hand sehr hellh├Ąutig sind, ich meine keinen Widerspruch zur Sonne darin zu entdecken. Ich lache befreit auf, als sei es das Normalste auf der Welt. Er blickt mich derart an, als ob er genau w├╝sste, was in mir vorgeht, aber auch das scheint pl├Âtzlich zur Normalit├Ąt zu geh├Âren. Ich solle mir doch seine Rosen ansehen, sagt er, w├Ąhrend er mir seine Hand auf die Schulter legt und mich hineinbittet.
Ich druckse immer noch herum, ich habe bis jetzt noch kein vern├╝nftiges Wort herausgebracht, aber ich strahle und kann mich gar nicht recht beruhigen, es ist mir fast schon peinlich. Wie gerne w├╝rde ich ihm sagen, wie bescheuert ich mich aufgef├╝hrt habe, wie viele Stunden ich wie eine Irre am K├╝chenfenster verweilt bin, dass es mir nie gelungen ist, seinen Namen zu merken, aber den will ich auf einmal gar nicht mehr wissen, denn der ist nebens├Ąchlich. Die Gedanken sind da, aber so wirr, dass ich aufgeben muss, sie in Worte zu packen. Ich schnappe nach Luft, aber kein Laut kommt mir ├╝ber die Lippen. Er l├Ąchelt mich nur an, ganz warm, sch├╝ttelt den Kopf und legt mir die Hand auf den Mund. Er meint zu mir, ich solle nicht zu viel auf einmal sagen wollen. Ich nicke und tats├Ąchlich beruhige ich mich.

Die ersten Worte, die ich zu ihm sage sind belanglos. Doch dann, ich wei├č nicht warum, f├Ąllt mir die pulverisierte Hornbrille ein und prompt erz├Ąhle ich die Geschichte, wobei ich mir am liebsten die Zunge abbei├čen w├╝rde. Ich s├Ąhe sch├Ân aus, sagt er daraufhin ganz ernst, streicht mir die wei├če Haarstr├Ąhne aus dem Gesicht und schaut mich lange an, bis ich seinem Blick nicht mehr standhalten kann. Er sagt das in einer Art und Weise, als habe es eine Hornbrille nie gegeben, als kenne er den verkniffenen Maulwurf nicht, als sei alles nur ein Traum gewesen, aus dem er mich geweckt hat. Er l├Ąchelt mich an, ich solle ihm in den Garten folgen.
Es ist das erste Mal, dass ich diesen Garten nicht versteckt hinter der Hecke anschaue. Um wie vieles deutlicher sehe ich jetzt die vielen bunten Blumen in der Wiese, ich erkenne an ihnen jedes Detail, ich habe nie gewusst, das sie so zart sind. Vielleicht sind die Kontaktlinsen besser als die Hornbrille, ich wei├č nicht woran das liegt, vielleicht, weil ich mich so freue, vielleicht, weil ich seine warme Hand immer noch auf meiner Schulter sp├╝re, er ganz nah bei mir steht und der Duft der Rosen mich regelrecht bet├Ąubt. Es ├╝berkommt mich der Wunsch, mich in diese Wiese zu legen und mich zu sonnen. Ich sage ihm das, und er erwidert, ich solle mir keinen Zwang antun. Wir ziehen uns aus und legen uns nebeneinander ins Gras, ich wei├č nicht, was in mich gefahren ist. Ich liege r├╝cklings in der Wiese und nehme die kleine Wiesenwelt in mich auf. Gedanken an eventuell entsetzte Nachbarn oder an meinen Mann, der statt meiner durch das K├╝chenfenster schauen k├Ânnte, sind unendlich weit entfernt.

Es existieren nur er, die Rosen, die Wiese. Ich sp├╝re eine wunderbare Kraft in mich einstr├Âmen, die Sonne kann mich nicht verbrennen, ich werde weder Durst versp├╝ren noch schwitzen. Daf├╝r brauche ich keine Erkl├Ąrung, die ist pl├Âtzlich unwichtig geworden, und ich will nicht fragen. Stattdessen sage ich zu ihm, dass ich ihn liebe. Jedoch nicht in der Art und Weise, wie eine Frau es einem Mann sagt oder vielleicht doch? Ich liebe diese kleine Welt hier, ihn, die Sonne, seine wei├če Haut, den Duft. Wir sind das Licht, die W├Ąrme. Die Sonne versengt uns in dieser kleinen Welt die Haut nicht, weil es seine Sonne ist. Es ist nicht die Sonne, die mich samstags im Garten schwitzen l├Ąsst, nicht die Sonne, vor der wir uns st├Âhnend verstecken, nur, um sie abends im bei├čendem Fettdunst wegzugrillen. Sie ist eine Sonne, die nur f├╝r ihn und mich scheint, keine Sonne f├╝r Rasenm├Ąher, Thujahecken und Schnippelscheren. Seine Rosen bed├╝rfen der Pflege nicht, weil es seine sind, sie liegen in seiner Seele, seine Seele offenbart sich in ihnen. Er braucht sie nicht zu stutzen, genauso wenig, wie er seine Seele bearbeiten muss. Er liegt in sich ruhend, fest in seiner Welt verankert, die er mir jetzt vorlegt.

Wir liegen regungslos im Gras bis die Sonne untergeht. Ich f├╝hle mich entspannt wie noch nie, als ich mich erhebe und strecke. Jetzt habe ich genau dasselbe L├Ącheln auf meinen Lippen, das ich vor einiger Zeit an ihm immer gehasst habe. ├ťberrascht stelle ich es fest und sage es ihm. Er l├Ąchelt nur, steht auf und geht ins Haus, ich folge ihm.
Da f├Ąllt mir der vergessene Schl├╝ssel ein und dass ein paar Meter weiter eine ganz andere Welt existiert. Als k├Ânne er meine Gedanken erraten, meint er, ich solle doch bei ihm bleiben. Warum eigentlich nicht? So kommt es, dass ich die Nacht bei ihm und mit ihm verbringe und bin gl├╝cklich. Die andere Welt will ich nicht mehr betreten, aber das brauche ich gar nicht mehr, versichert er mir. Ich wei├č, dass ich ihm das glauben darf, und an das Morgen brauche ich nicht mehr zu denken.




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Ohne das Auge kann der Geist nicht dichten.
Peter Meinke

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Clara

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