Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87782
Momentan online:
369 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Die Sehnsucht der Einzelgänger
Eingestellt am 28. 02. 2010 16:40


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

Werke: 767
Kommentare: 4439
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Karl Feldkamp eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ständige Begleiter würden mir gut tun. Am besten Abenteurer, loyale, die uneingeschränkt meinen Anweisungen folgen und Verantwortung für mich übernehmen.
Ich stecke tief in meiner alljährlichen Winterdepression. Bin müde, fühle mich leer, werde davon noch müder und vergesse, wer ich bin. Schließlich ist das Selbstbild des Menschen das Produkt seiner guten Ausreden. Je älter er wird, desto raffinierter lenkt er von den eigentlichen Problemen ab. Das jedenfalls behauptet Beckmann, mit dem ich in den letzten Wochen viel rede.
Wilhelm Beckmann verdient sich als Hausmeister unseres 20-Familienhauses sowie der beiden Nachbarhäuser steuerfrei etwas dazu. Eigentlich müsste er gar nicht arbeiten. Ihm gehören einige Wohnungen in den Häusern. Er lebt von den Miet-Erträgen, von Lebensversicherungen und einem kleinen Vermögen, das er als selbstständiger Maurermeister und Bauunternehmer erwarb.
Ich brauche dringend Fantasten an meiner Seite, richtige, ungehemmte, grenzenlose. Solche, die für mich spinnen. Bin nicht wirklich sicher, ob Beckmann zum Fantasten taugt.
Immerhin nähert sich die Menschheit seit Jahren wachstumswahnsinnig dem kollektiven Selbstmord. Aber wenn schon umbringen, dann will ich wenigstens individuell aus dem Leben scheiden. Doch das habe ich bei aller Depression gerade nicht vor.
Irgendwie ist Beckmann ein Philosoph. Neulich meinte er , wo Licht sei, gebe es auch Schatten. Nicht im Licht. Nur daneben. Aus dem Schatten müsse man selber heraustreten ins Licht. Und da müsse man sich dann präsentieren.
Aber ich neige nicht zur Angeberei und bin sicher, der Turm zu Dubai, dieses unübersehbare Phallussymbol männlichen Potenzwahns, wird schnell ins Alter kommen und in sich zusammensinken. Nicht erst seitdem ich siebzig wurde, kenne ich gewisse Männerprobleme. Bekomme per Internetspam täglich Viagrawerbung ins virtuelle Postfach. Obwohl ich die Werbebotschaften sofort lösche, werden sie von Woche zu Woche mehr, genau wie Kontaktanzeigen, in denen junge gut aussehende Frauen reife Männer suchen
Bei mir gibt es allerdings nicht viel zu erben.
Wilhelm Beckmann lasse ich kaum noch aus den Augen. Notiere meine Beobachtungen im Tagebuch. Stehe manchmal stundenlang hinter der Gardine und sehe zu, wie er Müll in den grauen Tonnen festtritt, den Fußweg vor dem Haus fegt und die Vorgärten pflegt. Und ich frage mich, was er bei all dem wohl so denkt.
Der Mitsechziger besucht regelmäßig Sonnenbank, Fitnessstudio und Zahnarzt. Das brauche er für seine Körperspannung und den Biss, behauptet er und präsentiert die Zähne, lachend und zahnsteinfrei. Seine jeansblauen Arbeitshemden trägt er offen. Sogar im Winter. Immer wenn er einatmet, öffnet sich das Hemd leicht und entlässt einen Schwall etwas zu aufdringlichen Herrenparfüms. Im ergrauten Brusthaarbusch baumelt ein nicht gerade kleines Gold-Kreuz am Gold-Kettchen. Und bleibt mein Blick am Kreuz hängen, grinst Beckmann und legt Wert auf die Feststellung, er glaube zwar an Gott, aber mit der Kirche habe er nichts am Hut. Lieber verlasse er sich direkt auf den lieben Gott und ansonsten nur auf sich selber.
Er liest täglich Zeitung. Keine Boulevard-Blätter. Bücher, versichert er, besitze er sogar eine ganze Menge. Habe sie alle gelesen. Tolstoi, Böll, Walser, Goethe. Sogar den Faust. Alles müsse er ja auf Anhieb nicht verstehen. Manches brauche seine Zeit. Bis es im Verstand ankomme, dauere es schon mal Monate.
Gestern diskutierten wir lange über die bevorstehende Klimakatastrophe. Beckmann will nicht so recht daran glauben, dass bereits in naher Zukunft der steigende Meeresspiegel Südseeinseln unter Wasser setzen könne.
Las er doch kürzlich in der Presse, Wissenschaftler hätten sich bei der Geschwindigkeit, mit der die Himmalya-Gletscher abschmelzen sollten, um mehrere hundert Jahre verrechnet. Der Wissenschaft könne er sowieso nicht glauben. Was die schon alles in der Vergangenheit behaupteten.
Das Eis werde jedenfalls viel länger brauchen. Und bis dahin werde es sowieso wieder kälter. „Und wir, wir erleben das ohnehin nicht mehr.“ Viel schlimmer sei eigentlich die soziale Klimakatastrophe. Menschlich werde es bei uns von Tag zu Tag kälter. „Und dagegen können wir alle etwas tun.“
„Unsere Kinder werden unter der einen wie der anderen Klimakatastrophe leiden!“ wendete ich ein.
Der Hausmeister sah zu Boden. „Hab nie ne Frau für meinen Nachwuchs gefunden.“
Auch ich blickte zu Boden. „Meine Kinder und Enkelkinder besuchen mich kaum noch, seit meine Frau tot ist.“

Beckmann wechselt seine Freundinnen häufig. Als aufmerksamer Nachbar bekommt man eben so manches mit.
Seit meine Frau Margot vor drei Jahren starb, habe ich mich nicht mehr an Frauen herangetraut. Gut, im Altenclub könnte ich welche kennen lernen. Die mit ihren Tanztees. Da herrscht ständig Männermangel. Habe aber mit Margot auch nie getanzt. Sie war eine gute Tänzerin. Ich kann nicht mal Walzer.
„Sind Sie zurzeit solo?“
„Nicht direkt!“ Beckmann bekam trotz Sonnenbankgesichtsbräune einen roten Kopf.
„Was halten Sie denn von der Neuen im Appartement neben mir?“
Beckmann grinste. „ Die hatte schon nach drei Tagen ne Verstopfung in der Badewanne.“

Ich lachte. „Bei mir hat die gleich am ersten Abend nach ihrem Einzug geklingelt. Caroline Hamacher heiße sie. Sei die Neue. Ob ich ihr etwas Zucker für ihren Kaffee leihen könnte. „Ich habe sie gefragt, ob ich ihr schnell eine Tasse kochen soll?“
Meine Frau hatte immer den Ehrgeiz, Neuzugezogenen während des Einzugs wenigstens einen Kaffee anzubieten. Neue Nachbar müsse man herzlich willkommen heißen. Wegen der guten Atmosphäre im Haus.
Hätte ich Margot noch nach der Neuen fragen können, würde sie bestimmt die Stirn runzeln und mit den Schultern zucken. „Trägt die Bluse zu weit offen.“
Sie nach weiteren Details zu fragen, war sinnlos. Über Frauen, die ihre Reize zu offen zeigten, schwieg sie sich grundsätzlich aus.
„Und?“ wollte ich von Beckmann wissen. „War sie bei Ihnen auch leicht bekleidet?“
Er grinste. „Der Kavalier genießt und schweigt.“
Ich tätschelte ihm die Schulter. „Sie sind eben ein wahrer Frauentyp!“
Beckmann grinste weiter und gab vor, noch eine defekte Glühbirne im Keller auswechseln zu müssen.
Seine Arbeit, neh, die wollt ich nicht haben. Aber ein bisschen von ihm, von seiner Art zuzupacken. Vielleicht sollte ich damit beginnen, meine Hemden nicht immer bis zum letzten Knopf zu schließen. Doch wer will schon meine kaum behaarte, altersfleckige Brust sehen.

Früher hat Margot sich bei der Meissner, die vorher im Appartement nebenan wohnte, öfter mal was ausgeliehen. Nachdem die Meissner ins Altenheim zog, wohnte im Appartement ein jüngerer Mann. Wenn der mit seinem Porsche nach Hause kam, brachte er sich oft eine Frau mit. Als schlechter Schläfer hörte ich nachts ihre Lustschreie.
An ihrer Stimme erkannte ich, wenn er eine Neue mitgebracht hatte. Seine tiefe Stimme gewann auf dem Weg zum Orgasmus an Höhe und stürzte dann mit tiefem Grunzen ab.
Als Margot noch neben mir schlief, waren mir die Schreie der Frauen und sein Grunzen peinlich, aber nach Margots Tod gerieten sie mir zum heimlichen Vergnügen.
Durch die Wand glaubte ich die beiden bei der Liebe zu sehen.
Doch der junge Nachbar zog bald aus und das Appartement stand ein halbes Jahr lang leer.

Caroline Hamachers Lustschreie habe ich noch nicht gehört.
Ich werde sie zum Kaffee einladen. Vorher aber gehe ich zum Bäcker und hole uns Torte. Obsttorte, denn sie wird vermutlich auf ihre Linie achten. Für mich nehme ich ein Stück Marzipan-Punsch-Torte mit.
Caroline zeigte auf ihre ausgebeulte graue Hose und ihr schmuddelige Schürze. Sie sei gerade beim Putzen und wolle sich nur noch schnell was Netteres anziehen, dann komme sie gern.
Eine halbe Stunde später klingelte es. Beckmann wollte wissen, ob denn die Heizung ausreichend wärme. Dann sah er die Punschtorte und strahlte mich an. Eigentlich esse er ja keine Torte, aber gerade dieser könne er überhaupt nicht widerstehen. Ich bat ihn zu bleiben.
Caroline kam in hautenger Hose, die durchscheinende Bluse ziemlich weit aufgeknöpft. Darunter ein zu enger BH. Als ich ihr ein Stück Erdbeertorte auf den Teller schob, lächelte sie mich an. „Woher wussten Sie, dass Erdbeertorte meine Lieblingstorte ist.“
„Von mir.“ log Beckmann.
„Und woher wussten Sie das?“
„Erdbeeren haben doch so was Erotisches.“
Caroline setzte sich aufrecht hin und sah mich mit großen graublauen Augen fragend an. „Essen Sie keine Torte?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Muss gleich weg.“
Beckmann blickte mich erstaunt an.
„Unser Hausmeister wird mich vertreten!“
Caroline lachte. Es klang ein wenig hämisch. Sie lehnte sich zurück, nestelte an ihrer Bluse und begann Beckmann dafür zu loben, dass er die Verstopfung in ihrer Badewanne so fachgerecht und schnell beseitigt habe.
Das sei nicht der Rede wert, ließ der sich vernehmen. Das tue er doch gern. Es müsse im Leben eben immer alles im Fluss bleiben. Dabei schielte er der jungen Nachbarin ins Aufgeknöpfte.
Als ich das Zimmer verließ, starrte er förmlich auf die üppigen Wölbungen, während Caroline sich aufreizend lächelnd mit beiden Händen durchs lange lockig blonde Haar fuhr.
Langsam ging ich die Treppen hinab, verließ das Haus und wandte mich dem nahe gelegenen Wald zu, bog, den Kopf gesenkt, auf einen schmalen Waldweg ein und stapfte durch angetauten Schnee. Beinahe hätte ich ein Liebespaar umgerannt.
Kichernd wich sie aus, während er mich anfuhr, ob ich nicht aufpassen könnte.
„Nein.“ Erwiderte ich wahrheitsgemäß. „Entschuldigung!“
Der breitschultrige Jüngling, schlug zunächst sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und dann mir auf den Rücken. „Blind, oder was?“
Als ich mich noch einmal entschuldigte, nahmen sie sich wieder in die Arme und gingen eng umschlungen weiter.

Wie lange würde Beckmann brauchen?
Junge Frauen schätzen an älteren Männern, da sie sich dabei Zeit lassen.
Nach drei Stunden machte ich mich auf den Rückweg.
Wenn er die Hamacher nicht wirklich befriedigen konnte, hat er wahrscheinlich längst eine Ausrede gefunden, um sich aus ihren Armen zu lösen.
Als ich in unsere Straße einbog, sah ich, dass oben im Wohnzimmer noch Licht brannte.
Behutsam schloß ich die Wohnungstür auf. Beckmann saß im Wohnzimmer auf der Couch. Allein.
„Erst hat sie sich geziert!“ Seine Stimme klang müde. „Sie würde Männer mit Goldkettchen eigentlich albern finden, meinte sie, und wollte, als sie ihre Erdbeertorte gegessen hatte, sofort abhauen.“
„Ja, und dann?“
„Lud sie mich ein, sie heute Abend noch einmal zu besuchen.“
„Aber, das ist doch ein Angebot!“
Beckmann zuckte mit den Schultern und stand auf. Er müsse noch die Tonnen für die Müllabfuhr morgen zurecht stellen.
Ich wartete hinter der Wohnzimmergardine. Er schob tatsächlich die Tonnen auf die Straße. Danach verschwand er im Haus, indem er wohnt.
Nach gut einer Stunde sah ich ihn, zweimal vor den Häusern auf- und abschlendern, bis er schließlich auf unsere Haustüre zuging. Kurz darauf hörte ich es an Carolines Wohnungstür klingeln.
Ich lag die ganze Nacht wach. Hörte aber weder Schreie noch Grunzen.

Heute Morgen traf ich Beckmann bei den Mülltonnen. Müde sah er aus. Sehr müde.
Ich tätschelte ihm den Oberarm und versuchte es möglichst anzüglich: „Junge, neue Nachbarinnen können verdammt anstrengend sein! Oder?“
„Eigentlich nicht. Als ich sie umarmen wollte, meinte sie, ich sei zwar größenwahnsinnig und zugleichvollkommen fantasielos. Danach ging nichts mehr.“
Ich nickte. „Schade. Dabei hielt ich Sie eher für einen Draufgänger.“
Beckmann griff sich ins Hemd und zog sein Goldkreuz hervor. „Wenn Glücksbringer mit Sicherheit immer Glück bringen würden, wärs kein Glück. Nur der Zufall ist ein echter Glücksbringer.“
Und plötzlich roch es nach Schweiß. Beckmann sah zu Boden, knöpfte sein Hemd zu und stieg in einer der Tonnen, um den Müll fest zu treten.
Als er einen Moment auf mich herabblickte, fragte ich ihn, ob wir uns morgen wieder treffen könnten?“
Beckmann trat weiter auf dem Müll herum, hielt schließlich inne und nickte.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!