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Die Stadt der Unsterblichen 1.Teil
Eingestellt am 31. 08. 2002 18:16


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mikhan
Festzeitungsschreiber
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Die Stadt der Unsterblichen 1.Teil


1

„Der Tod, meine Damen und Herren, der Tod.“, der Professor hielt fĂŒr einen kurzen Augenblick in seiner Rede inne, nahm einen Schluck Mineralwasser zu sich und setzte dann seinen, von heftigen Armbewegungen unterstĂŒtzten, Redefluss fort.
„Der Tod ist die letzte grosse Herausforderung, welcher sich die Menschheit zu stellen hat. Seit Urzeiten trĂ€umt der Mensch von der Unsterblichkeit, bereits der erste chinesische Kaiser suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit die Unsterblichkeit zu erlangen. Doch erst heute, nach mehr als 2000 Jahren, stehen wir kurz davor, den entscheidenen Schritt zu tun, um diesen Menschheitstraum Wirklichkeit werden zu lassen. Schon in wenigen Tagen werden wir in der Lage sein, Ihnen, meine Damen und Herren, unsere Forschungsergebnisse prĂ€sentieren zu können. Zur Zeit nimmt unsere Forschungsgruppe noch eine letzte ÜberprĂŒfung der Resultate der langjĂ€hrigen Forschungsarbeit vor, doch soviel darf ich Ihnen bereits verraten, meine Damen und Herren, wir werden die Bedingungen des Lebens auf den Kopf stellen und neu definieren können, wir haben bereits die Erde domestiziert und es war nur eine Frage der Zeit, bis wir den Tod, diesen letzten Unsicherheitsfaktor unserer Existenz, ebenfalls domestizieren wĂŒrden.“
Der Professor war offentsichtlich zum Abschluss seiner Rede gekommen, Unruhe breitete sich im Saal aus, ĂŒberall wurde wild und heftig disskutiert, es herschte Hochstimmung. Aber da waren auch besorgte, verĂ€ngstigte und kritische Gesichter zu sehen, in einigen brannte ein unbeschreiblicher Zorn, der aber nicht zum Ausbruch kommen wollte.
Ein Journalist bahnte sich seinen Weg durch die Menge und versuchte sich lautstark bemerkbar zu machen.
„Herr Professor, Herr Professor!“, rief er ĂŒbereifrig aus.
„Nicht so stĂŒrmisch junger Mann.“, bremste ihn der Professor amĂŒsiert ab.
„Herr Professor.“, sagte der Journalist, nun deutlich ruhiger geworden. „Was verstehen Sie genau unter der Domestikation des Todes? Ist es Ihnen tatsĂ€chlich gelungen, den Traum von der Unsterblichkeit zu erfĂŒllen?“
„Nun, wie ich bereits sagte, bedĂŒrfen unsere Ergebnisse noch einer eingehenden ÜberprĂŒfung, bevor wir sie der Öffentlichkeit zugĂ€nglich machen können. Sie werden sich also noch einige Tage gedulden mĂŒssen.“
Der Professor zeigte ein ĂŒberlegenes LĂ€cheln, als er sich von dem jungen Mann abwandte und sich auf eine Gruppe gelehrter Herren zubewegte, die ihn bereits sehnsĂŒchtig erwartetenden.
„Aber Herr Professor...“, der junge Journalist versuchte ihn vergeblich zurĂŒckzuhalten.
„Junger Mann.“, der Professor drehte sich noch einmal zu ihm um, wobei er sich sichtlich herablassen musste. „Sie haben sicherlich eine glĂ€nzende Zukunft vor sich, vielleicht sogar eine ImmerwĂ€hrende. Setzen Sie diese also nicht leichtfertig aufs Spiel, in dem Sie mit dem Kopf gegen die Wand rennen.“
Der Journalist verliess den Konferenzsaal, unsicher und gedankenverloren. War das eine Drohung gewesen?
Er fĂŒhlte sich unbehaglich, verstaute seine AusrĂŒstung im Kofferaum seines Wagens und begab sich auf einen Spaziergang durch das, das KongressgebĂ€ude umschliessende, Viertel, um seine Gedanken zu ordnen. Es war eines jener von monotonen Betonbauten dominierten Viertel, die den Stadtkern umgaben. Die eintönige Architektur, das triste Grau, die verlassenen Strassen und die streng geometrisch zurechtgestutzten BĂ€ume erzeugten eine eigentĂŒmliche AtmosphĂ€re, die die auf der Strasse spielnden Kinder irreal erscheinen liess.
„NutzmenschenstĂ€lle“, jener von dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz geprĂ€gte Begriff, kam ihm plötzlich in den Sinn, und plötzlich glaubte er zu verstehen, was ihn an der Rede des Professors so verunsichert hatte, es war das Wort „domestizieren“ gewesen, welches ihn aufhorchen hatte lassen.
Auf einer der fĂŒr gewöhnlich leerstehenden HolzbĂ€nke, die alle FĂŒnfzehn Meter aufgestellt worden waren, sass ein alter Mann. Gemessen an den Falten seiner Haut und den Runzeln in seinem Gesicht musste er wohl sehr, sehr alt sein. Kam es ihm nur so vor oder zwinkerte der alte Mann ihm zu?
Der Journalist hielt inne, und setzte sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, auf diesselbe Bank, einen angemessenen Abstand wahrend.
Auf der Strasse bolzten sich ein mittelgrosser Junge und ein sehr kleines MĂ€dchen einen zerfetzten Lederball zu. Der Ärger der sporadisch auftretenden Autofahrer schien ihnen dabei mehr Spass zu machen als das Spiel selbst. Von irgendwoher, von einem der zahllosen Balkone, ertönte die zornige Stimme einer Frau, vermutlich der Mutter.
Der Alte lĂ€chelte ihm zu. Alte Menschen leben, Ă€hnlich wie Schwerkranke, im stĂ€ndigen Bewusstsein des eigenen Todes. Junge Menschen tun das eigentlich nicht, nun, zumindestens hatte er das bislang kaum getan, allenfalls der Tod eines Familienmitgliedes oder Bekannten rief in ihm die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit hervor. Dabei war doch der Schatten des Todes allgegenwĂ€rtig, auch wenn er die meisste Zeit im Verborgenen verbrachte, auf eine gĂŒnstige Gelegenheit wartend.
Der Schrei des kleinen MĂ€dchens unterbrach seinen Gedankengang und er richtete seinen Blick auf die beiden Kinder. Das MĂ€dchen saß weinend auf der Strasse, es hatte wohl den Ball an den Kopf bekommen. Unbeholfen stand der Junge daneben und blickte dem Ball zu, wie er die Strasse hinabrollte. Nur wenig spĂ€ter tauchte die Mutter auf, sie packte das immer noch weinende MĂ€dchen beim Zopf, so daß es vor Schmerz laut aufschreien musste, und zerrte es zu der gegenĂŒberliegenden Bank hinĂŒber. Dem Jungen rief sie wĂŒtende Worte zu. BeschĂ€mt ging dieser seinem Ball hinterher und verschwand. Dann gingen auch die Mutter und ihre Tochter zurĂŒck in das BetongebĂ€ude, wortlos, aber Hand in Hand. Das MĂ€dchen wimmerte leise, als wollte sie niemanden stören.
„Sie sehen so bedrĂŒckt aus, junger Mann.“, die Stimme des alten Mannes, obwohl sanft und freundlich, erschreckte ihn sehr.
„Woran denken Sie?“, er war froh das jemand ihn von seinem inneren Dialog befreite, welcher ihn zu erdrĂŒcken drohte, und bemĂŒhte sich um eine ehrliche Antwort.
„Ich dachte an den Tod.“
Der alte Mann sah ihn leicht verwundert an und sagte dann:
„Ja, das glaube ich Ihnen. Wie kommen Sie dazu? Als ich in Ihrem Alter war, verschwendete ich keinen Augenblick damit an den Tod zu denken.“
„Und wie ist es jetzt, denken Sie heute an den Tod?“, fragte der junge Mann, nun neugierig geworden.
„Ja, manchmal schon, es ist schwer geworden, nicht daran zu denken. Aber ich habe keine Angst davor, daran hat sich nichts geĂ€ndert.“, der alte Mann wirkte ernster als zuvor.
Ein Schatten hĂŒllte die Bank ein, am Himmel brauten sich dunkle Wolken zusammen, es wĂŒrde sicher bald anfangen zu regnen. Beide MĂ€nner beobachteten fĂŒr kurze Zeit den sich verdunkelnden Himmel und schauten sich an.
„Es wird Zeit nach Hause zu gehen.“, meinte der Alte. „Machen Sie sich nicht soviele Gedanken, entspannen Sie sich ein wenig.“
Dankbar fĂŒr die verstĂ€ndnissvolle Art des alten Mannes verabschiedete sich der Journalist und begab sich zu seinem Wagen.
Die ersten Regentropfen fielen auf den Asphalt.


2

Der Tag der PrÀsentation war gekommen. Es regnete immer noch.
Das von parkenden Autos umlagerte KongressgebĂ€ude war ĂŒbervoll, Wissenschaftler, GeschĂ€ftsleute, Politiker, Journalisten, aber auch einfache BĂŒrger waren in Scharen gekommen, um die Ergebnisse jenes geheimnissvollen Projektes „Ewige Menschheit“ (unter diesem Titel wurde das Forschungsprojekt seit einigen Wochen intensiv beworben) zu erfahren.
Mit auf der BĂŒhne war diesmal das gesamte Forscherteam. Der BĂŒrgermeister, unter dessen Schirmherrschaft das Projekt durchgefĂŒhrt wurde, stand am BĂŒhnenrand, zufrieden in die Reihen der Zuschauer blickend. Eine der vorderen Reihen war der Presse vorbehalten, dort sass auch der junge Journalist, welcher von einem befreundeten Kollegen begleitet wurde. Sie hatten gute Sicht auf die RednertribĂŒne, auf welcher nun der BĂŒrgermeister erschien. Im Hintergrund war das Forscherteam zu sehen, welches, den hektischen Anweisungen des Professors folgend, den VorfĂŒhrtisch aufbaute.
Dem aufgeregten Stimmenwirrwarr folgte ein verhaltenes Murmeln, welches synchron mit dem Erstrahlen der BĂŒhnenbeleuchtung vollends verstummte.
Sein Kollege, welcher nur unwesentlich Ă€lter als er selbst war, raunte dem jungen Journalisten etwas völlig UnverstĂ€ndliches zu. Er antwortete nicht, sondern konzentrierte stattdessen seinen Blick auf den BĂŒrgermeister, der bereits zu sprechen begonnen hatte.
„...es ist mir daher eine große Ehre, dieses Projekt von Beginn an unterstĂŒtzt und mitverfolgt zu haben, und ich spreche hier im Namen auch der gesamten Stadtverwaltung, ein Projekt, welches ĂŒbrigens auch auf internationaler Ebene viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.“
Der BĂŒrgermeister sah kurz zu den Wissenschaftlern hinĂŒber, die ihre Vorbereitungen offensichtlich abgeschlossen hatten, und fuhr dann fort:
„Bevor ich nun den Wissenschaftlern dieses Projektes das Wort ĂŒberlasse, möchte ich auf die ungeheure Verantwortung hinweisen, die auf unseren Schultern lastet, und fordere daher alle BĂŒrger unserer Stadt dazu auf, den Erfolg des Projektes durch Ihre Kooperation und Diskretion zu gewĂ€hrleisten, so daß wir alle davon profitieren werden.“
Der Professor trat nun zu dem BĂŒrgermeister auf das Podest. Sie gaben sich einen herzlichen HĂ€nderdruck und lösten dann die angespannte AtmosphĂ€re durch einige selbstironische Bermerkungen auf. Die Menge lachte. Der junge Journalist, der nicht in das Lachen seiner MitbĂŒrger einfallen konnte, wich den besorgten Blicken seines Freundes aus, in dem er vorgab, seine Notizen zu ordnen.
In der Zwischenzeit hatten die Assistenten des Professors den VorfĂŒhrtisch auf die BĂŒhne gerĂŒckt. Eine Assitentin reichte dem Professor eine leere Spritze. Mit ernster Miene nahm er diese an und saugte damit ein grĂŒnlich leuchtende FlĂŒssigkeit aus einem der BecherglĂ€ser auf dem Tisch ein. Die Assistentin fĂŒllte derweil eine weitere Spritze mit einer rötlichen FlĂŒssisgkeit auf. SorgfĂ€ltig legte sie diese zurĂŒck auf den Tisch und richtet ihren Blick auf den Professor, der sich, mit der gefĂŒllten Spritze in der hoch erhobenen Hand, zurĂŒck zur RednertribĂŒhne begab. Ein grelles Scheinwerferlicht begleitete jeden Schritt des Professors, und kam dann, auf die TribĂŒhne gerichtet, zum Stehen.
„Meine Damen und Herren, ich möchte Sie nun nicht mehr lĂ€nger auf die Folter spannen, sondern komme gleich zu unseren Forschungsergebnissen, da Ihnen allen ja der zweck unserer Forschungen bekannt sein dĂŒrfte. Das Projekt „Ewige Menschheit“ kann jetzt in die aktive Phase treten: hier in meinen HĂ€nden halte ich ein von uns entwickeltes Serum, welches, einmal verabreicht, den Alterungsprozess der Zellen im menschlichen Körper aufhĂ€lt.“
Der Professor musste seine Rede kurz unterbrechen, da die Menge, jetzt war es wirklich eine Menge, in BegeisterungstĂŒrmen ausbrach. Erschrocken sah sich der junge Journalist um, fĂŒr einen Augenblick hatte er den Eindruck, es wĂ€re immer derselbe Mensch, der da schrie, die Gesichter begannen sich auf eine unheimliche Art zu Ă€hneln, bis schliesslich ĂŒberhaupt kein Unterschied mehr festzustellen war. Er blickte zu seinem Freund und wĂ€re fast davon gerannt, als er wieder in dasselbe Gesicht zu blicken schien, es war ein junges, kraftvolles Gesicht, aber es war kein Leben darin, das konnte er an den erstarrten Augenpaaren sehen. Plötzlich löste sich das eigentĂŒmliche Bild vor seinen Augen auf und er sah wieder seinen Freund, so wie er ihn immer gekannt hatte.
„Mensch, mit dir stimmt heute aber wirklich etwas nicht, du siehst aus, als hĂ€ttest du dem Tod ins Auge geblickt, und das an einem Tag wie diesem. Die Chefin hatte wohl nicht unrecht, als Sie dir Urlaub empfohlen hatte. He, es geht weiter!“ sein Freund blickte gespannt zum Professor auf, seine HĂ€nde umklammerten verkrampft Notizbuch und Kugelschreiber.
„Dieses Serum, welches Eigentum unserer Stadt ist, wird uns in die Lage versetzen, die Bedingungen des Lebens neu zu definieren, meine Damen und Herren. Allerdings muss ich leider einrĂ€umen, dass die Anwendung des Serums vorerst auf die Altersgruppe der 20-25-jĂ€hrigen beschrĂ€nkt bleiben wird, denn es hat sich herausgestellt, daß die Zellstruktur in diesem Lebensabschnitt die fĂŒr die Anwendung gĂŒnstigsten Bedingungen liefert, und eine Anwendung bei jĂŒngeren oder Ă€lteren Menschen zu grosse Gefahren in sich birgt, als daß wir die Verantwortung dafĂŒr ĂŒbernehmen könnten. Ich darf Ihnen aber bereits versichern, meine Damen und Herren, daß wir unser Bestes geben werden, um die LeistungsfĂ€higkeit des Serums zu verbessern.“
Die Stimmung im Kongresssaal war wechselhaft, hatten eben noch einige GĂ€ste FreudentrĂ€nen geweint, so waren nun auch bestĂŒrtzte und traurige Gesichter zu sehen. Der Freund des jungen Journalisten weinte leise, er war im vergangenen Jahr 26 Jahre alt geworden. Wie konnte er bloss weinen? Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich, war jung und gesund. Der junge Journalist wollte etwas sagen, um ihn zu trösten, aber es fiel ihm nichts ein, was ĂŒberzeugend geklungen hĂ€tte. Daher schwieg er. Er wusste, dass die Stadtverwaltung ihre Anweisungen komromisslos durchzusetzen verstand, es bestand also wenig Hoffnung fĂŒr seinen Freund. Seltsamerweise waren es vor allem die jĂŒngeren Menschen, die das grösste Entsetzen zeigten, die Ă€lteren Zuhörer blickten ernst aber zuversichtlich drein.
„Wann immer die Menschheit eine neue Errungenschaft erworben hatte, waren es stets die nachkommenden Generationen gewesen, die davon in vollen ZĂŒgen profitieren konnten. Ich selbst, meine Damen und Herren, gehöre zu denjenigen, die wohl eines gewöhnlichen Todes sterben werden, doch ich habe eine Vision, meine Damen und Herren, eine Vision von einer Gesellschaft, in welcher der Tod keine Bedeutung mehr hat, und wir legen heute den Grundstein fĂŒr diese Gesellschaft, es ist unser Verdienst, darauf können wir stolz sein, meine Damen und Herren.“ Der Professor hatte in einem prophetischen Tonfall gesprochen und das Vertrauen seiner Zuhörer zurĂŒckgewonnen. Der junge Journalist schrieb eifrig mit und bemerkte verwundert wie gebannt er den Worten des Professors gelauscht hatte.
„SelbstverstĂ€ndlich möchten wir mit der Vergabe des Serums so bald wie möglich beginnen und haben zu diesem Zweck eine eigene Abteilung in dem stĂ€dtischen Krankenhaus und bei der Stadtverwaltung einrichten lassen. Dort können Sie die Aufnahme in das Programm „Ewige Menschheit“ beantragen, nachdem Sie eine Teilnahmebescheinugung erhalten haben, können Sie sich dann im Stadtkrankenhaus Ihre Injektion verabreichen lassen.“ Die Assistentin des Professors trat nun auf die BĂŒhne, sie gab ihm die zweite Spritze, mit der rötlichen FlĂŒssigkeit, und nahm die Spritze mit dem Serum wieder mit. Der Professor seufzte laut, als wĂ€re er am Ende seiner KrĂ€fte angelangt, blickte dann aber um so entschlossener in die Menge, die zweite Spritze hoch haltend.
„Dies, meine Damen und Herren, ist das Gegenserum, es lĂ€sst den Alterungsprozess der Zellen wieder weiterlaufen, falls dies aus irgendwelchen GrĂŒnden erforderlich sein sollte. Hoffen wir aber, das dergleichen GrĂŒnde, welcher Art auch immer, niemals eintreten werden. Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen fĂŒr Ihre Aufmerksamkeit, und blicke mit Ihnen gemeinsam in eine neue Zukunft.“
Die PrÀsentation war damit beendet, begleitet von einem wogenden Beifall, selbst der Freund des jungen Journalist, stand jubelnd auf, liess achtlos sein Notizbuch zu Boden fallen, als er in die HÀnde zu klatschen begann.
Überall waren InformationstĂ€nde aufgebaut, die schon bald dicht bedrĂ€ngt waren, auf einer grossen Projektorwand erschien ein gigantisches Logo mit dem Titel „Ewige Menschheit“. Die grossen leuchtenden Buchstaben warfen unheimliche Schatten auf die Sitzzreihen.
„Ich wĂŒrde jetzt gerne nach Hause fahren.“ sagte der junge Journalist zu seinem Freund.


3

Der seit Tagen andauernde Regen war einem dichten Nebel gewichen, der den Wagen, mit welchem die beiden Journalisten zurĂŒck zur Redaktion fuhren, wie ein amorphes Lebewesen einhĂŒllte und zu verschlingen drohte. Es war spĂ€ter Nachmittag und das Rot der untergehenden Sonne, welches sich mit den Nebelschwaden vermischte, liess die Stadt in einem diffusen, unwirklichen Licht erscheinen.
„Was ist bloß los mit dir? Du mĂŒsstest dich einmal im Spiegel sehen, wenn ich so aussehen wĂŒrde, ja, das könnte man verstehen. Aber du, du bist erst 23 Jahre alt, im besten Alter fĂŒr die Aufnahme in dieses unglaubliche Programm! Ach ja, wer möchte nicht unsterblich sein?“ der kumpelhafte Tonfall wich einer unterschwelligen Melancholie, die sich kaum ĂŒberhören liess.
„Ich weiss noch gar nicht, ob ich mich fĂŒr die Aufnahme in das Programm bewerben werde.“ sagte der junge Journalist fast beilĂ€ufig. Und doch wirkte diese Aussage wie das Öffnen einer Schleuse eines gigantischen Staudammes auf seinen Freund, der einen beeindruckenden Wutausbruch bekam, welcher ein abruptes Ende in erstickten TrĂ€nen fand.
„Er weiss es noch nicht!“ sagte er, mehr zu sich selbst als zu dem jungen Journalisten, der konzentriert auf die Strasse blickte, als wĂŒrde ein besonders hohes Verkehrsaufkommen seine ganze Aufmerksamkeit verlangen. Sein Freund fuhr fort:
„Mein Leben lang habe ich versucht etwas aus mir zu machen, aber ich habe versagt, die Zeit war zu kurz, als daß ich aus den Fehlern der Vergangenheit hĂ€tte lernen können und es noch einmal hĂ€tte versuchen können. Die Gesellschaft ĂŒbt einen unwahrscheinlichen Druck auf dich aus, davor kannst du nicht fliehen, selbst auf einer einsamen Insel spĂŒrst du diesen Druck, der dich stĂ€ndig ermahnt ein ordentlicher BĂŒrger zu sein und deinen Verpflichtungen nachzukommen. Tust du es nicht, dann lĂ€sst dich diese Gesellschaft fallen, als hĂ€tte es dich nie gegeben. Dieses Programm hĂ€tte mir die Zeit geben können, die ich brĂ€uchte, um meine Ziele zu verwirklichen, doch stattdessen befinde ich mich in einer Sackgasse und muss hilflos zusehen, wie die anderen an mir vorrĂŒberziehen, einer ĂŒber mir liegenden Schnellstrasse folgend.“ Seine Stimme hatte etwas erschreckend EndgĂŒltiges an sich.
„Was redest du da? Du bist immer noch sehr jung, der Professor sagte doch auch, dass man die Wirkung des Serums verbessern werde. Ausserdem kann doch nach wievor jeder von uns sterben – jederzeit. Stell dir vor, wir hĂ€tten jetzt einen schweren Autounfall, ich glaube nicht, daß der Tod nach unserem Alter fragen wĂŒrde, bevor er zuschlagen wĂŒrde.“ Der junge Journalist versuchte das GefĂŒhl der Isolation, daß seinen Freund eingenommen hatte, aufzulösen.
„Das ist nicht was ich meine, natĂŒrlich können wir trotzdem sterben, aber siehst du nicht, dass ich bereits jetzt schon tot bin? Hatte die Gesellschaft mich bislang nur als zwar aktives aber dennoch totes Glied ihrer Struktur aufgefasst und behandelt, so hat man mich nun auch noch physisch fĂŒr tot erklĂ€rt. Ich gehöre nicht zu der neuen Gesellschaft, von der der Professor gesprochen hat.“
„Dazu gehört er aber genauso wenig.“ wandte der junge Journalist ein.
„Doch er gehört dazu, er ist der geistige Vater der von ihm entworfenen Gesellschaft, auf gewisse Weise ist er durchaus unsterblich geworden. Er hat sein Ziel bereits erreicht.“
Sie hatten ihr Ziel, die Redaktion, erreicht und parkten den Wagen auf dem gegenĂŒberliegenden Strassenseite, die letzten Fahrtminuten hatten sie schweigend verbracht, ihren eigenen GedankengĂ€ngen nachgehend.
Es war dunkel geworden und der Nebel versperrte die Sicht auf den Himmel und die Spitzen der umliegenden HochhĂ€user, was ein unangenehmes GefĂŒhl der Eingeschlossenheit auslöste, welches durch die unvermeidliche Fahrt mit dem Fahrstuhl, der aufgrund eines technischen Fehlers in jedem Stockwerk anhalten musste, noch verstĂ€rkt wurde. Es stieg niemand ein, die meissten Angestellten hatten das GebĂ€ude bereits verlassen. Erst in den taghell erleuchteten RedaktionrĂ€umen, die dadurch sehr paradox wirkten, löste sich die Spannung wieder auf.
„Feierabend.“ sagte einer der verbliebenden Kollegen und knipste das Licht in seinem BĂŒro aus.
Nachdem er seine Notizen im Schreibtisch seines BĂŒros verstaut hatte und seinen Terminplan ergĂ€nzt hatte, verabschiedete der junge Journalist sich von seinem Freund und fuhr mit dem Fahrstuhl wieder hinab, Stockwerk fĂŒr Stockwerk.
Auf der Strasse angekommen, begab er sich zu der naheliegenden U-Bahn Station, wo bereits der Zug wartete, welcher ihn nach Hause bringen sollte. Mit einem erschöpften GĂ€hnen stieg er ein, morgen wĂŒrde es ein ruhiger Tag werden, da er fĂŒr eine Wochenzeitschrift arbeitete, musste sein Artikel, sein einzigster in dieser Woche, erst in einigen Tagen fertig gestellt sein, genug Zeit also, um noch ein wenig zu recherchieren. Er liebte seine Arbeit, da sie ihm diesen Freiraum liess, den Arbeitstag selbstĂ€ndig zu gestalten und teilte daher nicht die Frustration seines Freundes, der sich offensichtlich mehr vom Leben erhofft hatte. Eigentlich kannte er ihn gar nicht so gut. Er ahnte aber, daß sein Freund, der erst seit einem Jahr in der Redaktion mitarbeitete, wohl viel Leid erfahren hatte, denn ĂŒber seine Vergangenheit hatte er nie viele Worte verloren.
Ald die U-Bahn sich in Bewegung setzte bemerkte der junge Journalist, daß seine Sitznachbarn ihn anstarrten, als er den Kopf hob, blickten sie schnell in eine andere Richtung, als hĂ€tten sie etwas Verbotenes gesehen. Ihm gegenĂŒber sass ein Junge, der einen Walkman in der Hand hielt und rhytmisch im Takt der U-Bahn mitschwankte. Von seiner Musik drang kein Ton nach aussen, vieleicht hörte er auch gar keine Musik.
Einige PlĂ€tze weiter rechts sass eine Frau, die eine unglaublich grosse Anzahl von prall gefĂŒllten Taschen und TĂŒten mit sich fĂŒhrten und bei jeder Kurve verzweifelt darum kĂ€mpfen musste, dass sich der Inhalt derselben nicht auf den Gang ergoß.
Ein verwahrlost aussehender Mann lief den Gang stÀndig auf und ab, eine Bierdose in der Hand, was ihn irgendwie bedrohlich erscheinen liess, niemand wagte es ihn anzuschauen.
Als die U-Bahn ihr Ziel erreicht hatte, stieg der betrunkene Mann als erster aus, gefolgt von dem Jungen, der den Kopfhörer mittlerweile abgenommen hatte und mit wahnsinniger Geschwindigkeit ein Kaugummi zu kauen begann.
Die Frau mit den vielen Taschen versuchte tatsÀchlich sÀmtliche Taschen mit einem Mal aus dem Zug zu schaffen und lehnte die Hilfe des Journalisten forsch ab. Als er die Rolltreppe nach oben fuhr, konnte er sehen wie die Frau sich langsam den Bahnsteig entlangmanövrierte, scheinbar ohne ein bestimmtes Ziel vor den Augen zu haben.
Seine Wohnung war nur wenige Blöcke von der U-Bahn-Station entfernt, er erreichte sie in wenigen Minuten und liess sich erschöpft auf sein Bett fallen, er wollte nachdenken, aber sein Kopf war wie leergefegt, und es dauerte nicht lange, da war er eingeschlafen.


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Lugh
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2002

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Morgen, mikhan

Egal was jetzt manche Leute noch zu Technik und Stil sagen, mir hat der Text bisher gefallen (Vielleicht bin ich auch leicht zufrieden zu stellen). Mich wĂŒrde allerdings noch interessieren, in was fĂŒr GrĂ¶ĂŸenordnungen diese Geschichte angeordnet ist (Nur eine Kurzgeschichte, ein ganzer Roman, irgendwas dazwischen?). Aber da die Geschichte nicht perfekt ist (und auch nie werden wird, da es unmöglich ist etwas perfektes zu erschaffen) hier noch ein wenig Kritik:

An einigen Stellen lĂ€uft es mir zu schnell ab, da könnte man noch ein bisschen mehr AtmosphĂ€re reinbringen, besonders bei der PrĂ€sentation von „Ewige Menschheit“ wirkte alles ein wenig ĂŒberstĂŒrzt. Außerdem wĂŒrden es ein paar „Damen und Herren“ weniger in den Reden auch tun.

„Bevor ich nun den Wissenschaftlern dieses Projektes das Wort ĂŒberlasse, möchte ich auf die ungeheure Verantwortung hinweisen, die auf unseren Schultern lastet, und fordere daher alle BĂŒrger unserer Stadt dazu auf, den Erfolg des Projektes durch Ihre Kooperation und Diskretion zu gewĂ€hrleisten, so daß wir alle davon profitieren werden.“
Ich halte „Diskretion“ fĂŒr unpassend. Schließlich ist das die PrĂ€sentation des Projekts, hat also das Ziel ihre Forschungsergebnisse publik zu machen.

Eine Assitentin reichte dem Professor eine leere Spritze. Mit ernster Miene nahm er diese an und saugte damit ein grĂŒnlich leuchtende FlĂŒssigkeit aus einem der BecherglĂ€ser auf dem Tisch ein.
FĂŒr mich klingt „BecherglĂ€ser“ sehr komisch. Könnte es nicht ein Reagenzglas oder eine Phiole sein?

OK, jetzt noch ein paar Tippfehler (ohne Anspruch auf VollstÀdndigkeit):

Er wusste, dass die Stadtverwaltung ihre Anweisungen komromisslos kompromisslos durchzusetzen verstand, es bestand also wenig Hoffnung fĂŒr seinen Freund.

da er fĂŒr eine Wochenzeitschrift arbeitete, musste sein Artikel, sein einzigster einziger in dieser Woche, erst in einigen Tagen fertig gestellt sein

Ald Als die U-Bahn sich in Bewegung setzte bemerkte der junge Journalist, daß seine Sitznachbarn ihn anstarrten...

Ist es eigentlich Absicht, dass in dem Text nie ein ß vorkommt?

So. Das wĂ€r’s von meiner Seite. Hoffe, wir lesen uns.

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Es gibt nichts sinnloses. Selbst wenn etwas scheinbar sinnlos ist, zeigt es durch seine Sinnlosigkeit doch den Kontrast zum Sinnvollen - und erhĂ€lt dadurch einen Sinn. GĂ€be es schließlich nichts sinnloses, wĂŒssten wir nicht was sinnvoll ist.

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