Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87730
Momentan online:
409 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Stadt der Unsterblichen 4.Teil (Und Ende)
Eingestellt am 07. 09. 2002 21:10


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
mikhan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2002

Werke: 21
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

8

Wochen waren vergangenen seit jenem Tag, an welchem der junge Journalist bei der Stadtverwaltung gewesen war. Carmela hatte er seither nicht mehr gesehen und auch sonst hatte er sich weitgehend zurĂŒckgezogen. Es war in dieser Zeit der Einsamkeit, in welcher er seinen Entschluss gefasst hatte. Er hatte beschlossen, bei Nacht in das Stadtkrankenhaus einzudringen und sich auf diese Weise Zugang zu dem Serum zu verschaffen, welches ihm von der Stadtverwaltung verwehrt geblieben war. Zuvor hatte er bei Carmela angerufen, doch nur auf den Anrufbeantworter sprechen können, der seine emotionsgeladene Botschaft vollkommen teilnahmslos entgegennahm.
Seinen Wagen hatte er einige StraßenzĂŒge vom Stadtkrankenhaus geparkt, so dass er den restlichen Weg zu Fuß zurĂŒcklegen musste.
Die Nacht war ausgesprochen finster und von den wenigen Straßenlaternen, die es in dieser Gegend gab, funktionierten auch nicht mehr als die HĂ€lfte. Ab und zu schimmerte das Mondlicht durch den sonst wolkenverhangenen Nachthimmel.
Das GelĂ€nde um das Stadtkrankenhaus herum jedoch war strahlend hell beleuchtet, und als er aus dem Dunkel der Straße auf den vorgelagerten Parkplatz trat, kam er sich vor wie ein Verbrecher, dessen dĂŒsteres Treiben endgĂŒltig aufgeflogen war. Ohne es zu bemerken hatte er seine Schritte beschleunigt und befand sich nun direkt vor dem Haupteingang.
Der Pförtner, der sich unmittelbar dahinter befand, konnte ihn von hieraus noch nicht sehen, aber jeder weitere Schritt hĂ€tte ihn bereits verraten können. Daher umging er den Haupteingang und betrat das Krankenhaus durch die Fahrzeughalle, die auch bei Nacht geöffnet blieb. Auch hier gab es einen Pförtner, doch bei all den Krankenwagen, die hier versammelt waren, war es dem jungen Journalisten nicht schwer gefallen, sich dazwischen hindurch zu schleichen. Nun kam er sich tatsĂ€chlich wie ein Verbrecher vor. Und in der Tat, er hatte seinen nĂ€chtlichen Besuch im Stadtkrankenhaus genauestens geplant. Noch am Tage zuvor hatte er sich mit den RĂ€umlichkeiten vertraut gemacht. So war es ihm ein Leichtes, vollkommen unbemerkt bis zu dem Lagerraum, wo das Serum aufbewahrt wurde, zu gelangen. Es ĂŒberraschte ihn selbst, wie kaltblĂŒtig er dabei vorging. Vielleicht, so dachte er, konnte er so handeln, weil er als Sterblicher ohnehin nicht viel zu verlieren hatte, da ihn so oder so der Tod erwartete.
Der Raum mit dem Serum war in ein eigenartiges blaues Licht gehĂŒllt, ĂŒberall standen die Ampullen auf den Regalen, und eine Gefrieranlage sorgte fĂŒr eisige Temperaturen.
Doch davon spĂŒrte der junge Journalist kaum etwas, stattdessen fĂŒllte er die eigens mitgebrachte Spritze mit dem Serum aus den Ampullen auf und bereitete sich auf die Injektion vor. Seine HĂ€nde begannen zu zittern, nicht wegen der KĂ€lte sondern vor Aufregung. Sein ganzes Tun kam ihm selbst absolut unglaublich vor, es war als sei ein Anderer in seine Haut geschlĂŒpft.
Nun war es also so weit. Nun wĂŒrde er sich die Injektion verabreichen und sich damit den Herzenswunsch seines verstorbenen Freundes erfĂŒllen. Doch war es auch sein eigener Wunsch? Ein plötzlicher Zweifel ĂŒberkam ihn.
Konnte es sein, dass er die Unsterblichkeit gar nicht wollte, so wie er es damals seinem Freund gegenĂŒber angedeutet hatte? Und was war mit dem alten Mann, der ihm gesagt hatte, dass er keine Angst vor dem Tod habe. Gab es denn eigentlich einen Grund diesen zu fĂŒrchten? War die Existenz des Todes nicht sogar Grundlage allen Lebens?
Langsam fĂŒhrte er die Spritze nĂ€her an seinen entblĂ¶ĂŸten Unterarm heran, fast so als könnte er die Bewegungen seines Armes nicht mehr lĂ€nger kontrollieren. Die seltsam grĂŒne FlĂŒssigkeit in der Spritze leuchtete auf unheimliche Weise. Sie schien ihr eigenes Leben zu fĂŒhren, kleine Blasen stiegen in ihr auf. Draußen auf dem Gang ertönten Schritte, die lange nachhallten. Sie kamen nĂ€her, ganz nahe schließlich und verschwanden dann wieder, ein bedrohliches Echo hinter sich lassend.
Plötzlich wurde es ihm furchtbar kalt in diesem Raum. Beinahe wĂ€re ihm die Spritze aus der unkontrolliert zitternden Hand entglitten. Die Schatten, die sein Körper auf die mit Regalen bestĂŒckten WĂ€nde warf, schienen sich zu verselbstĂ€ndigen und begannen um ihn herum zu tanzen.
Dann stach er die Spritze in seinen Unterarm hinein, ein kleiner Bluttropfen entwich und lief an seinem Arm hinab. Alles was er nun zu tun hatte, war das Serum in seinen Körper zu pumpen. Doch genau das konnte er nicht. Es war ihm egal, ob er das spĂ€ter einmal bereuen wĂŒrde, doch jetzt in diesem Augenblick war es die richtige Entscheidung. Er zog die Spritze wieder heraus, ohne einen Tropfen Serum verschwendet zu haben. Nun entwich noch mehr Blut, denn er hatte nicht sehr genau zugestochen. Aber das störte ihn nicht weiter. Wie im Traum legte er die Spritze einfach auf den Boden vor ihm und verließ den Raum. Ohne die zuvor noch gewahrte Vorsicht wandelte er durch den Gang, als wĂ€re seine Anwesenheit hier ganz selbstverstĂ€ndlich. In diesem Augenblick war sein Kopf ganz leer, kein Gedanke und sei er auch noch so flĂŒchtig, durchbrach seine innere Stille. Es kam ihm vor, als ginge er auf Watte. Fast glaubte er in dem Boden einzusinken.
Ein plötzlicher Schrei ließ ihn wieder zu Bewusstsein kommen. Am anderen Ende des Ganges stand jemand vom Krankenhauspersonal.
„Was haben Sie hier zu suchen? Bleiben Sie stehen!“ rief er noch einmal.
Doch der junge Journalist blieb nicht stehen, vielmehr rannte er wie ein Wahnsinniger den gesamten Weg, den er gekommen war, wieder zurĂŒck, zwischen den Krankenwagen hindurch, ohne dabei auf den Pförtner zu achten, der nur ein verblĂŒfftes „Wer?“ zustande brachte.
Er rannte noch lange, doch es war als kÀme er dabei gar nicht mehr von der Stelle und so wunderte es ihn auch nicht, als er sich nach endlos langer Zeit immer noch auf dem Krankenhaus-Parkplatz wiederfand. Seinen Verfolger hatte er dennoch abhÀngen können.
Am Rande des Parkplatz, im Halbdunkel stand jemand, der ihn zu beobachten schien. Die Person kam ihm merkwĂŒrdig vertraut vor. Langsam ging er auf sie zu, bis er schließlich Carmela erkannte. Sie hatte den Anrufbeantworter also abgehört!
Lange Zeit standen sie still nebeneinander und sagten kein Wort, dann wie auf ein unausgesprochenes Kommando hin, setzen sie sich in Bewegung. Sie sprachen auch dann noch nicht, als sie den Wagen bereits erreicht hatten und losfuhren.
Erst als sie sich auf der Stadtautobahn befanden und sich einigermaßen sicher fĂŒhlten, brachen sie ihr Schweigen.
„Du hast es nicht getan, nicht wahr?“ fragte Carmela.
„Nein.“ Sagte der junge Journalist. „Ich konnte nicht.“
„Du hast das Richtige getan, das spĂŒre ich.“
„Ja, ich denke schon. Ich glaube nur so leben zu können, ich glaube es ist wichtig seine eigene Sterblichkeit zu akzeptieren, statt sich davor zu flĂŒchten.“
„Aber trotzdem bist du dorthin gegangen.“
„Weil ich mir unsicher war, ich brauchte Gewissheit, die ich mir nur so verschaffen konnte. Als ich die Spritze mit dem Serum in der Hand hielt, da ist etwas merkwĂŒrdiges mit mir geschehen. Ich kann es eigentlich nicht beschreiben, aber danach wusste ich ganz genau, was ich zu tun habe.“
Dann schwiegen sie wieder. Auf der Autobahn fuhren nur wenige Autos und mittlerweile hatte sich der Himmel so weit gelichtet, dass man den Mond und einige Sterne sehen konnte.
„Es ist schön am Leben zu sein.“ Sagte Carmela.
„Es ist schön.“ Wiederholte der junge Journalist leise zustimmend.
„Und wohin fahren wir jetzt?“
„Raus. Raus aus der Stadt. An einen Ort, wo wir unser Leben leben können“

September 2002


Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Lugh
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2002

Werke: 5
Kommentare: 16
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lugh eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Morgen mikhan.

Jetzt wo die Geschichte zu Ende ist kann ich sie als ganzes bewerten. Der philosophische Gedanke ĂŒber den Tod ist sehr schön zum Ausdruck gekommen, die Idee mit der „Stadt der Unsterblichen“ hat auch etwas sehr bedrĂŒckendes.
Allerdings erzĂ€hlst du in knappen Worten, es ist wenig ausgeschmĂŒckt. Manchmal wirkt es dadurch ein wenig teilnahmslos.

Beim letzten Teil frage ich mich am Meisten, wie er eigentlich an das Serum kommt. Es kann doch nicht sein, dass er da einfach nur am Portier vorbei geht und gleich im geöffneten KĂŒhlraum steht. Gibt es in der Stadt der Unsterblichen denn keine TĂŒrschlösser mehr? Da sollte man noch plausibel erklĂ€ren, wie er an das Serum kommt.

Außerdem:
„Es ist schön am Leben zu sein.“ Sagte Carmela.
„Es ist schön am Leben zu sein“, sagte Carmela.

PS: Danke fĂŒr deine Kritik an "Samuel". Ich hoffe, du gibst auch noch Kommentare zu anderen Werken von mir ab.
__________________
Es gibt nichts sinnloses. Selbst wenn etwas scheinbar sinnlos ist, zeigt es durch seine Sinnlosigkeit doch den Kontrast zum Sinnvollen - und erhĂ€lt dadurch einen Sinn. GĂ€be es schließlich nichts sinnloses, wĂŒssten wir nicht was sinnvoll ist.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!