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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Stunde Pan's
Eingestellt am 13. 09. 2004 19:42


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Kuschelmuschel
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Die Stunde Pan’s

Der Fischer hatte ihn im ersten Morgenlicht am Strand der Insel abgesetzt. Schweigend hatte er ihm den Rucksack mit dem Verpflegungspaket und GetrĂ€nken ĂŒber die Bordwand gereicht und ihn beobachtet, wie er den Strand Richtung der HĂŒgel hinaufging. Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck hatte er den Motor wieder angeworfen und war davongetuckert.

Vom Meer her wehte eine leichte Brise, die aber langsam erstarb und erahnen ließ, daß es wieder einer jener heißen Tage des Ă€gĂ€ischen Sommers werden wĂŒrde. Die frĂŒhe Sonne stand noch dicht ĂŒber dem Horizont, hatte aber bereits einen Hof und wirkte seltsam verschwommen. Mit dem nachlassenden Wind verĂ€nderte sich auch der Geruch der Insel. Der leichte Salzhauch wich dem Duft von GrĂ€sern und BĂŒschen. Beim Atmen glaubte er den Geschmack von KrĂ€utern wahrzunehmen, der ihm fremd und doch gleichzeitig bekannt vorkam.

***


Als er in seinem Urlaubsort nach nicht so touristisch ĂŒberlaufenen antiken StĂ€tten gefragt hatte, war ihm meistens nur mit einem Achselzucken geantwortet worden. Aber vor zwei Tagen hatte er sich verlaufen, obwohl das in dem kleinen Urlaubsort fast unmöglich schien.

Er hatte wohl beim Mittagessen etwas zuviel von dem roten Tischwein getrunken und war dann auch noch in der Mittagshitze losgestolpert. In den kleinen engen Gassen hatte er schnell die Orientierung verloren. Alle Fenster und TĂŒren waren gegen die Mittagshitze verschlossen und kein Mensch zu entdecken, den er nach dem Weg hĂ€tte fragen können. Als er schließlich einen offenen Hauseingang mit zwei wackeligen Tischen und ebenso ramponierten StĂŒhlen davor entdeckte, war er erleichtert darauf zugesteuert. Offenbar handelte es sich um eine kleine kĂŒmmerliche Taverne, die nur von Einheimischen besucht wurde. FĂŒr den touristischen Geschmack war sie einfach zu Ă€rmlich und abgelegen.

Als er sich nĂ€herte, sah er einen alten Mann, der sich mit einem der StĂŒhle in den schattigen Hauseingang zurĂŒckgezogen hatte. MĂŒhsam kratzte er seine paar Brocken Griechisch zusammen und fragte nach dem Weg zum Hafen. Verwundert hörte er eine Stimme antworten, die so garnicht zu dem alten Mann, der dort zu sitzen schien, paßte. Sie war zwar leise, aber trotzdem krĂ€ftig und seltsam melodiös. Nur - er verstand kein Wort! Im Halbdunkel des Hauseingangs versuchte er sein GegenĂŒber besser zu erkennen. Aber seine Augen waren noch vom gleißenden Sonnenlicht, aus dem er kam, geblendet. Im Halbdunkel nahm er einen wirren Haarschopf wahr, der fast wie ein Kranz um den Kopf stand und bemerkte die seltsame Sitzhaltung. Er saß weit vorn auf der Stuhlkante und streckte das rechte Bein in einem merkwĂŒrdigen Winkel von sich. Als er sich leicht bewegte, fiel ein schmaler Strahl Sonnenlicht auf seine HĂ€nde und zeigte braungebrannte Haut, rissige NĂ€gel und stark behaarte HandrĂŒcken.

Gerade wollte er erneut nach dem Weg fragen, als aus dem Hintergrund des Hausganges der Wirt zum Vorschein kam. Ein gutes GeschĂ€ft mit dem Touristen witternd, rĂŒckte er einen Tisch und Stuhl in den Schatten und drĂ€ngte ihn wild gestikulierend Platz zu nehmen. Leicht benommen von Wein und Hitze ließ er sich dankbar nieder. Ohne auf eine Bestellung zu warten, eilte der Wirt davon und kam kurz darauf mit einem Tablett zurĂŒck. Er stellte ein Glas, zwei KrĂŒge mit Wein und Wasser sowie eine Schale Oliven und KĂ€se vor ihn hin. Daneben legte er noch ein StĂŒck Pitta - jenes schmackhafte mit Olivenöl betrĂ€ufelte Fladenbrot.

Er goß sich Wasser mit etwas Wein ein und wollte gerade zu essen beginnen, als er den Blick des alten Mannes auffing. Aus einer unerklĂ€rlichen Regung heraus, machte er eine einladende Handbewegung, der alte Mann solle doch mit zugreifen. Der nahm ohne zu zögern an, goß sich krĂ€ftig Wein ein und nahm vom Essen. Der Wirt, der noch dabei stand, zuckte zuerst, sagte dann aber nichts. Er beobachtete eine Weile und sprach dann den Touristen auf Deutsch an. Er habe einige Jahre in Deutschland gearbeitet. Jetzt sei er wieder zurĂŒckgekehrt, um bei seiner Familie zu leben. Er wollte wissen, wie ihm denn Griechenland gefalle und was er schon alles gesehen habe. NatĂŒrlich empfahl er ihm alle bekannten Touristenziele. Dadurch ermutigt stellte er wieder seine Frage nach nicht so bekannten antiken StĂ€tten. Gerade als der Wirt abwinken wollte, sprach der alte Mann plötzlich auf diesen ein. Unwirsch wollte der abwinken, aber der alte Mann sprach immer drĂ€ngender mit einer seltsam zwingenden Stimme.

Schließlich nickte der Wirt und wandte sich an den Touristen. „Der alte Mann hier sagt, er kennt einen Ort, an dem frĂŒher einmal ein Tempel stand. Aber ich glaube, er ist nur in den vielen Jahren allein mit seinen Ziegen verrĂŒckt geworden. Er hat frĂŒher auf einigen der kleinen unbewohnten Inseln Ziegen gehĂŒtet und dabei wohl zuviel Wein getrunken.“ Mit der Hand machte er ein verĂ€chtliche Bewegung vor seinem Kopf und zwinkerte dabei.

Erfreut witterte er aber ein Abenteuer und bestand darauf, daß der Wirt den alten Mann weiter befragte. Nach lĂ€ngerer Diskussion erklĂ€rte der: „Der Tempel lag angeblich auf einer der unbewohnten Inseln hier vor der KĂŒste. Er soll oben auf einem HĂŒgel gestanden haben, umgeben von WeingĂ€rten. Da sehen sie mal, wie der spinnt. Die Inseln waren schon immer unfruchtbar - kaum daß die Ziegen genug zu fressen finden.“ Er wollte sich wieder abwenden, aber er hielt ihn am Arm fest. „Fragen sie ihn genauer - bitte tun sie mir den Gefallen“

KopfschĂŒttelnd ĂŒbersetzte der Wirt daraufhin: „Ich verstehe auch nicht alles. Der Alte hat einen Dialekt, den nur noch wenige sehr alte Leute hier sprechen. Aber es soll eine Insel mit einem steilen Berg sein. Sie ist unbewohnt und nur einige halbwilde Ziegenherden, die von Zeit zu Zeit von Hirten besucht werden, leben dort. Mein Schwager ist Fischer. Er wird die Insel wohl kennen. Er nimmt öfter GĂ€ste mit und spricht auch etwas Deutsch“ Nach einer kurzen Pause fĂŒgte er noch hinzu: „Der Alte sagt noch: Sie sollen schon frĂŒhmorgens starten und Mittags oben auf dem Berg sein, denn nur im Mittagslicht seien die Ruinen des Tempels zu erkennen“ VerĂ€chtlich fĂŒgte er noch hinzu: „Da sehen sie mal, wie verrĂŒckt der ist. In der Mittagshitze auf einen Berg klettern!“

Als der Tourist sich umdrehte, um sich bei dem alten Mann zu bedanken, war dieser schon aufgestanden und hatte sich mit einem seltsam hinkenden - ja schon fast hĂŒpfenden - Gang entfernt. Auf seine und die Rufe des Wirtes reagierte er nicht mehr.

„Können sie mit ihrem Schwager sprechen, daß er mich zu dieser Insel bringt?“ „Sicher das wird möglich sein. Ich werde ihn fragen ob er sie auch fĂŒhren will. Aber sie werden dort bestimmt keine Ruinen finden!“ „Gut - vielen Dank. Ich komme morgen wieder und frage ob alles klappt.“

Er bezahlte und stand auf. Plötzlich fĂŒhlte er sich seltsam erregt. Die Apathie der Mittagshitze war von ihm abgefallen und obwohl er nicht nach dem Weg gefragt hatte, wußte er, wohin er gehen mußte und verschwand in den beginnenden Abend.

Am nĂ€chsten Tag bekam er die Antwort des Wirtes. Sein Schwager kenne die Insel und sei gern bereit ihn dorthin zu bringen. FĂŒhren wolle er ihn allerdings nicht und keinesfalls die Insel betreten. Er mĂŒsse schon allein gehen. Dabei brummelte der Wirt etwas von „aberglĂ€ubischen Trotteln“, die mal im Ausland arbeiten mĂŒssten, vor sich hin.

Die Fahrt wurde fĂŒr den nĂ€chsten Morgen vereinbart und der Wirt bot an, fĂŒr die Verpflegung zu sorgen. Schnell war man sich handelseinig.

***


Und jetzt stieg er hier den Strand hinauf zum Fuß der HĂŒgel deren Mitte von einem steilen Berg ĂŒberragt wurde. Obwohl es noch frĂŒh war, merkte er wie der Boden schon WĂ€rme abstrahlte. Es war noch die Hitze des vergangenen Tages, die selbst die KĂŒhle der Nacht nicht ganz abbauen konnte. Als er den Fuß des Berges erreichte, war sein Hemd am RĂŒcken schon naßgeschwitzt. Seine Augen suchten nach einem Weg oder Pfad, der ihn zwischen den Steinen und BĂŒschen bergauf leiten wĂŒrde. Aber die Natur wirkte seltsam unberĂŒhrt. Schließlich begann er in direkter Linie aufzusteigen. Manchmal ging es leicht, dann mußte er wieder große Felsbrocken umgehen und sich durch BĂŒsche drĂ€ngen. Der Geruch, der den BĂŒschen entströmte, erinnerte ihn an den Retsina, den er am Abend vorher getrunken hatte.

Ab und zu fand er so etwas wie einen schmalen Steig, der sich aber immer wieder genauso unvermittelt verlor, wie er begann. Die schwarzen Kotbohnen zeigten, daß es sich um Ziegenpfade handelte. Manchmal sah er auch in der Ferne einige Tiere umherklettern. Als er nach einiger Zeit zurĂŒckschaute lag das Meer schon weit unter ihm. Das Fischerboot war nicht mehr zu sehen.

Um ihn her klangen die GerÀusche des Vormittages. Das Summen von Insekten, das Konzert der Zikaden, das bei seiner AnnÀherung verstummten und hinter ihm wieder lÀrmenden einsetzte. Seltener hörte er ein leises Meckern der entfernten Ziegen. Manchmal polterte irgendwo ein losgetretener Stein den Berg hinunter und wenn er dann aufblickte, sah er, wie ihn die Ziegen zwar beobachteten, aber sich von ihm fernhielten.

Die Sonne war inzwischen höher gestiegen und schien dabei immer schneller zu werden. Obwohl er noch mindestens die HĂ€lfte des Weges vor sich wĂ€hnte, schien die Sonne schon fast senkrecht zu stehen. Er versuchte sich zu beeilen. Obwohl ihm die Zunge bereits am Gaumen klebte, verzichtete er auf eine Trinkpause. Die eindringliche Mahnung mittags auf dem Gipfel sein zu mĂŒssen, trieb ihn vorwĂ€rts.

Er verlor jedes ZeitgefĂŒhl und stieg keuchend weiter. Der Blick war inzwischen starr auf den Boden gerichtet und vor seinen Augen schienen rote Schleier zu tanzen. Es war als wĂŒrde ihn etwas unerbittlich vorwĂ€rts treiben.

Er stolperte ... und stand plötzlich auf einem kleinen Hochplateau. Die Sonne stand im Zenith und brannte unerbittlich auf das verdorrte Gras des leeren Rundes auf dem Berggipfel. Der Atem brannte ihm in den Lungen und seine Beine zitterten. Erschöpft sank er nieder und wartete, daß sich sein Atem langsam wieder beruhigte. Er hatte es geschafft! Mittag - und er war oben auf dem Berg.

Nach eine ganzen Weile hatte er wieder soweit Kraft gesammelt, daß er sich umschauen konnte. Bis auf einige große Steine war das Plateau völlig leer. Kein Strauch kein Baum - nur Steine und vertrocknetes Gras. Er ging langsam ĂŒber das ganze Areal und hielt sorgfĂ€ltig nach Zeichen Ausschau, die Hinweis auf einen alten Tempel hĂ€tten geben können. Aber da war nichts zu finden. Die Steine waren unbehauen und offensichtlich natĂŒrlichen Ursprungs. Es gab keine auffĂ€lligen BodenverĂ€nderungen oder irgend ein Anzeichen menschlicher Einwirkung. Nachdem er mehrmals alles grĂŒndlich abgesucht hatte, setzte er sich enttĂ€uscht auf den Boden, lehnte sich mit dem RĂŒcken an einen Felsbrocken und versuchte dort etwas Schatten zu finden. Also waren es doch nur Hirngespinste eines alten, verrĂŒckten Ziegenhirten gewesen. Die Sonne stand am höchsten Punkt und außer dem Flimmern der Luft ĂŒber dem aufgeheizten Boden, das die Umwelt leicht verschwommen erscheinen ließ, war nichts zu sehen.

Er beschloß vor dem RĂŒckweg noch etwas auszuruhen und erst einmal etwas zu essen und zu trinken. Den Inhalt des Rucksackes hatte er vor dem Abmarsch nicht weiter untersucht. Als erstes wollte er etwas trinken und suchte nach einer Wasserflasche. Aber alles was zu finden war, war eine große Flasche Wein. Offenbar hatte der Wirt Wasser vergessen. In Anbetracht der Hitze und des vor ihm liegenden RĂŒckweges trank er deshalb nur sehr wenig von dem krĂ€ftigen Roten. Als Ausgleich fĂŒr das fehlende Wasser war aber das Essen umso reichhaltiger. Oliven, wĂŒrziger SchafskĂ€se, gefĂŒllte WeinblĂ€tter, gebratenes GeflĂŒgel und eine undefinierbare aber sehr schmackhafte Paste. NatĂŒrlich war auch wieder Pitta dabei. Er merkte, wie hungrig er war und aß mit viel Genuß. Weil alles krĂ€ftig gewĂŒrzt war, trank er dann doch etwas mehr Wein, als er sich eigentlich vorgenommen hatte. Aber er fĂŒhlte sich nicht betrunken.

GesĂ€ttigt mit dem RĂŒcken am warmen Stein döste er leicht vor sich hin, als er plötzlich ein leises glucksendes Lachen zu hören meinte. Er hob den Kopf und schaute sich um - aber er war nach wie vor allein. Er sank zurĂŒck, um noch einen letzten Moment vor seinem Aufbruch zum RĂŒckweg zu ruhen, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrzunehmen glaubte. Und wieder ein leises fast meckerndes Kichern. Schnell drehte er den Kopf, aber er hatte sich wohl wieder getĂ€uscht. Nur halb bewußt nahm er wahr, daß es plötzlich merkwĂŒrdig still geworden war. Kein Insektensummen mehr. Die Zikaden waren verstummt. Die Zeit schien sich plötzlich endlos zu dehnen. Irgendwie fĂŒhlte er sich auf eine angenehme Art gelĂ€hmt und als wieder eine Bewegung am Rande seines Gesichtsfeldes auftauchte, konnte er den Kopf nicht drehen. Die Bewegung wurde deutlicher und er vermeinte, hinter den Steinen huschende Gestalten zu sehen. Das Lachen wurde deutlicher und plötzlich sah er, wie ihn halb hinter einem Fels versteckt, einige kleine Kinder beobachteten.

Scheu aber doch neugierig blickten sie zu ihm herĂŒber und kicherten dabei immer wieder. Sie sprachen kein Wort - nur immer wieder dieses leise Glucksen und sanft meckernde Lachen. UnfĂ€hig sich zu rĂŒhren saß er da. Die Kinder - durch seine Bewegungslosigkeit ermutigt - kamen jetzt hervor und nĂ€herten sich mit flinken SprĂŒngen. Sie umringten ihn und betrachteten ihn mit neugierigen Blicken. Er konnte sie jetzt genau sehen. Sie waren nackt, schienen aber einen leichten Flaum auf dem Körper zu haben. Am Kopf trugen sie kleine Hornstummel, so wie ZiegenlĂ€mmer sie haben und ihre Pupillen wirkten fast wie geschlitzt. MerkwĂŒrdigerweise störte oder beunruhigte ihn das in ĂŒberhaupt nicht.

Die Kinder waren wohl mir ihrer Inspektion zufrieden und begannen ausgelassen um ihn herumzutoben. Ihr Spiel erinnerte an kleine LĂ€mmer, die voller Lebensfreude in den Tag springen. Urplötzlich unterbrachen sie ihr Spiel und hoben die Köpfe. Gleich war ihm auch der Grund fĂŒr ihre Verhalten klar. Irgendwo hinter ihm ertönte leise eine Hirtenflöte. Noch immer in jenem merkwĂŒrdigen Bann gefangen erkannte er, daß sich der Flötenspieler nĂ€herte. Er merkte, wie jemand neben ihn trat und eine bekannte Stimme sprach ihn an: „Ich freue mich, daß du gekommen bist mein Freund!“ Es war die Stimme des Alten aus der Taverne!
... Und er verstand ihn mĂŒhelos!

Als hĂ€tte diese Stimme den Bann gebrochen, konnte er sich wieder bewegen und wandte sich dem Sprecher zu. Aber da stand kein alter Mann, sondern eine Gestalt die vor Manneskraft strotzte. Eine breite, behaarte Brust, die kaum von dem lĂ€ssig ĂŒbergeworfenen Tuch bedeckt wurde, das um die HĂŒften wie ein kurzer Rock gegĂŒrtet war. Das vollbĂ€rtige Haupt wurde von einem Kranz aus Weinlaub gekrönt. Die Gestalt stand fest und sicher auf dem Boden mit einem Bein und einem - Bocksfuß! Die Hirtenflöte baumelte noch an einer aus Ziegenhaaren geflochtenen Schnur um seinen Hals. In der Hand hielt er eine Amphore.

„Diesmal lade ich dich ein! Mein Heim ist fĂŒr deinen Besuch bereit!“ Mit einer einladenden Geste wies er auf die Mitte des hitzeflirrenden, leeren Plateaus. Verwundert folgte er mit den Augen der Armbewegung und plötzlich verĂ€nderte sich das Bild. Aus den Flirren der heißen Luft schĂ€lte sich ein weinĂŒberrankter kleiner Tempel umgeben von schattenspendenden BĂ€umen. Wie hatte er ihn nur die ganze Zeit ĂŒbersehen können? Er mußt hinter den Luftschleiern der Mittagshitze verborgen gewesen sein!

„Tritt ein und trink Wein mit mir! Es ist lange her, daß ich Besuch hatte.“ Mit diesen Worten reicht ihm sein Gastgeber die Amphore. Der Wein war sĂŒĂŸ und strömte jenen leicht harzigen Geruch aus, den er schon den ganzen Morgen wĂ€hrend des Aufstieges wahrgenommen hatte. Er merkte, wie durstig er war und trank in großen ZĂŒgen. Als er absetzte und sie zurĂŒckreichen wollte, lĂ€chelte sein GegenĂŒber nur und bedeutete ihm sie zu behalten. Er fĂŒhlte sich merkwĂŒrdig gelöst und nahm gern noch einen Schluck.

WĂ€hrend er noch versuchte, dieses wohlige GefĂŒhl zu bewahren nahm sein Gastgeber seine Flöte und begann leise eine Melodie zu spielen. Die Kinder, die ihnen in den Tempelhain gefolgt waren, formten einen Kreis um sie und begannen sich zu wiegen. Die Melodie hatte etwas verfĂŒhrerisches und legte sich auf das GemĂŒt wie der rote Wein. Langsam wurde sie lauter und schneller. Er bemerkte, wie er unwillkĂŒrlich begann mit den FĂŒĂŸen dem Rhythmus zu folgen. Die Augen des Flötenspielers schienen ihn nicht mehr loszulassen und er sah, wie dieser mit dem Bocksfuß den Rhythmus stampfte. Die Kinder sprangen inzwischen mit wilden SprĂŒngen um sie herum.

Jetzt gab es auch fĂŒr ihn kein Halten mehr. Er sprang auf und begann zu tanzen. Er hatte oft schon in den Tavernen den Griechen bei ihrem traditionellen Tanz dem Sirtaki zugesehen. Nun stand er hier in diesem heiligen Hain, kreuzte die Beine im Wechselschritt und wurde dabei immer schneller, bis er ins Stolpern kam. Der Schweiß strömte ihm ĂŒber das Gesicht und immer wieder hob er die Amphore an die Lippen.

Die Melodie der Flöte wurde noch schneller und zwingender, die Welt drehte sich wie rasend um ihn herum und der Atem brannte in seinen Lungen. Vor seinen Augen kreisten rote Schleier. Er nahm kaum noch wahr, wie der BocksfĂŒĂŸige triumphierend lĂ€chelte und mit einer schrillen Dissonanz sein Spiel beendete.

***


Taumelnd kam er zum Stillstand und wischte sich den Schweiß aus den Augen. Um ihn herum meckerte eine Ziegenherde und die kleinen LĂ€mmer hĂŒpften spielerisch vor ihm davon. Dabei gaben sie leise GerĂ€usche von sich, die fast wie ein Lachen klangen. In der Hand hielt er die leere Weinflasche. Die Sonne war schon deutlich ĂŒber den höchsten Punkt hinaus und der LĂ€rm der Zikaden setzte unvermittelt wieder ein. Sein ZeitgefĂŒhl kehrte zurĂŒck.

Benommen schaute er sich auf der leeren Bergkuppe um. Der Inhalt seines Rucksacks lag verstreut herum und eine Ziege suchte neugierig dazwischen nach etwas Freßbarem. Er erkannte, daß es höchste Zeit war, sich wieder an den Abstieg zu machen. Der Fischer wĂŒrde nach Anbruch der Nacht nicht mehr auf ihn warten. Schnell raffte er seine Sachen zusammen und stolperte den Berg hinunter. Seine Beine schmerzten und sein Kopf dröhnte. Die letzten Stunden schossen ihm immer wieder wie ein wirrer, nicht faßbarer Traum durch den Kopf. StĂ€ndig hatte er das GefĂŒhl beobachtet zu werden, aber wenn er aufblickte sah er nur die geschlitzten Augen der Ziegen auf sich gerichtet, die ihm merkwĂŒrdigerweise jetzt folgten. Nur einmal meinte er in einiger Entfernung die Gestalt einen alten Mannes zu sehen, der mit hinkendem Gang hinter den Felsen verschwand.

Gerade als die Sonne den Meeresspiegel berĂŒhrte und durch die Reflektion des Wassers die ganze Insel in Gold zu tauchen schien, erreichte er den Strand. Der Fischer wartete in seinem Boot einige Meter vom Ufer entfernt. Er watete durch das Wasser und ließ sich an Bord helfen.

PrĂŒfend schaute ihn der Fischer an, sprach aber kein Wort. Erst nach lĂ€ngerer Fahrt kam eine Unterhaltung auf. „Haben sie etwas gefunden auf der Insel?“ Zögernd kam die Antwort „Nein ... eigentlich nicht. Aber ich habe bei der Mittagsrast wohl zuviel Wein getrunken und bin dann ...“ er zögerte etwas an diesem Punkt seiner Antwort „... eingeschlafen. Deshalb war ich auch so spĂ€t. Sagen sie, lebt eigentlich jemand auf der Insel?“ „Nein - sie ist schon seit ewigen Zeiten unbewohnt. Vielleicht ganz frĂŒher als sie noch bewaldet war einmal. Aber heutzutage - nein!“ „Dann habe ich mich wohl getĂ€uscht. Ich dachte ich hĂ€tte einen alten Mann gesehen.“

Sie schwiegen wieder, aber der Fischer starrte den Touristen immer noch an. „Sagen sie - woher haben sie die?“deutete er mit der Hand auf den Touristen. „Woher habe ich was?“ fragte der verwundert und griff sich an die Brust. Mit faßungslosem Gesichtsausdruck hielt er eine Hirtenflöte in der Hand, die an einer Schnur von geflochtenem Ziegenhaar um seinen Hals hing.

Der Fischer schaute bewundernd darauf und erklĂ€rte: „Das ist ein wundervolle Panflöte. Pan galt frĂŒher als Gott der Ziegenhirten. Man nannte ihn auch den TĂ€uscher. Angeblich gaukelte er den Menschen in der Mittagshitze Trugbilder vor, um sie zu verwirren oder zu erschrecken. Man nennt noch heute die Stunde des höchsten Sonnenstandes, wenn die Natur in eine bleierne Ruhe verfĂ€llt, die Stunde Pan’s.“

***


Am nĂ€chsten Abend in der Taverne schĂŒttelte der Wirt nur den Kopf, als er nach dem alten Mann fragte. „Nein, der kommt nicht mehr ... und eigentlich habe ich ihn frĂŒher auch noch nie hier gesehen. Es war halt ein alter Ziegenhirte, daß sah man ihm doch an.“

SpĂ€ter, als er am Strand saß und auf das Meer hinaus sah, wo irgendwo die Insel lag, glaubte er ganz leise ein Flöte zu hören. Er fĂŒhlte, wie etwas ihn magisch dorthin zurĂŒckzog.

Das Hotel meldete einige Tage spĂ€ter der Polizei, daß ein Gast verschwunden sei. Nachforschungen ergaben, daß man ihn zuletzt am Strand gesehen hatte. Aber alles, was man bei der Suche dort fand, war eine Panflöte.

Monate spĂ€ter erzĂ€hlte der Fischer seinem Schwager, daß er zur Mittagszeit an der Insel vorbeigefahren sei und es sei ihm vorgekommen, als habe er hoch oben auf dem Berg zwei tanzende Gestalten gesehen. Aber der Wirt meinte, das sei sicher nur eine SinnestĂ€uschung durch das Flimmern der heißen Luft gewesen.

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