Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87785
Momentan online:
358 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Die Suche nach Macht und Glück
Eingestellt am 16. 05. 2003 18:26


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Aneirin
Autorenanwärter
Registriert: May 2003

Werke: 5
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo alle miteinander,
ich bin ganz neu hier, und das ist der erste Text, den ich einstelle. Ich würde mich über jede Menge sachliche Kritik freuen. Ich sage es auch gleich vorweg, ich bin mit dem Titel nicht zufrieden. Vielleicht hat jemand eine bessere Idee.

Die Suche nach Macht und Glück

»Heute Nacht«, sagte Alexander und schaute seine Zwillingsschwester herausfordernd an. »Es ist Vollmond. Auf dem Friedhof wird niemand sein, aber wir haben das Mondlicht.«
Martina war nicht überzeugt. »Woher willst du wissen, dass sie auf dem Friedhof ist? Sie stammt aus dem östlichen Mittelmeerraum. Es gibt sie gar nicht bei uns, hat Mutti mir aus dem Lexikon vorgelesen.«
»Lexikonwissen. Es gibt sie überall dort, wo die Körpersäfte der Toten den Boden tränken.«
»Da wo der Urin eines erhängten Gauners auf die Erde geflossen ist«, verbesserte Martina ihren Bruder, »bestimmt nicht auf dem Nicolai-friedhof oder auf einem anderen in Chemnitz. Es gab keine Galgen auf Friedhöfen und Erhängte wurden dort nicht begraben.«
»Du weißt immer alles besser, genau wie Hermine Granger in den Har-ry Potter-Büchern. Wo außer auf Friedhöfen sollen denn noch Körper-säfte der Toten in der Erde sein? Du hast bloß Schiss mitzukommen.«
»Habe ich nicht. Aber wir brauchen einen Hund, um sie aus der Erde zu ziehen und Ohrenschützer, damit wir ihren Schrei nicht hören und dar-an sterben.«
»Ich habe an alles gedacht.« Alexander holte aus der Schublade seines Schreibtisches zwei Kopfhörer hervor. Es waren altmodische Dinger, die die Ohren ganz bedeckten. Martina setzte einen auf.
»Wo hast du sie her?« Ihre Stimme hörte sich dumpf an durch die Kopfhörer. »Ich höre immer noch was.«
»Du musst die Hände drauf drücken. Wir nehmen noch Cher mit. Sie wird die Alraune aus der Erde ziehen.«
»Sie wird dabei sterben«, protestierte Martina. Cher war eine kleine wollige Mischlingshündin. Sie gehörte der Nachbarin Tante Meier, und Martina ging regelmäßig mit ihr spazieren. Sie hätte gerne einen eige-nen Hund gehabt.
»Woran liegt dir mehr? An Cher oder an uns? Mit der Alraune hast du bald einen Hund.«
Martina überlegte. Eine Alraune war ein mächtiger Wiederbringer und half Verwandelten und Verfluchten, so stand es in `Harry Potter und die Kammer des Schreckens´. Sie konnte aber noch mehr. Die Zwillin-ge hatten sich im Internet informiert. Sie brachte ihrem Besitzer Glück und Reichtum und machte ihn unverwundbar. Sie erfüllte alle Wünsche. Unverwundbarkeit brauchte besonders Alexander. Denn da gab es Til-man in ihrer Klasse. Er war schon dreizehn, einmal sitzen geblieben und groß und stark. Er und seine ebenso großen und starken Freunde quälten Alexander. Sie sangen Spottlieder über ihn, aber das war noch das Harmloseste. Sie nahmen ihm sein Pausenbrot und sein Taschen-geld weg, warfen seine Schulsachen in den Dreck und drohten ihn zu verprügeln, wenn er auch nur ein Wort sagen würde.
Nur Martina wusste von Tilmann und seinen Freunden. Sie hatte vor zwei Wochen ihr Taschengeld opfern müssen, damit Alexander ein neues Mathebuch kaufen konnte, nachdem Tilman das alte in eine Pfüt-ze geworfen und darauf herumgetrampelt hatte. Und erst vor drei Tagen hatten sie Alexanders Kopf unter Wasser gehalten. Jedenfalls konnte sich Martina sonst keinen Grund vorstellen, warum ihr Bruder in der letzten Schulstunde nasse Haare gehabt hatte, obwohl kein Schwimm-unterricht gewesen war.
Eine Alraune würde dem ein Ende setzen. Sie würde Alexander die Kraft und den Mut verleihen, sich gegen Tilman zur Wehr zu setzen. Oder er würde es dem Klassenlehrer oder den Eltern sagen können und die würden ihnen dann helfen. Langsam nickte Martina und wusste, sie hatte Chers Todesurteil unterzeichnet.

Die kleine Hündin aus dem Nachbarhaus zu holen, war nicht schwer. Ein Schlüssel lag immer unter dem Blumentopf auf der Treppe, und Cher stand schwanzwedelnd hinter der Tür, als Martina aufschloss.
Ohne jemandem zu begegnen, erreichten sie den Friedhof. Das Eingangstor war nachts verschlossen, aber zwischen den Gitterstäben gab es Stege, und sie konnten wie auf einer Leiter hinüberklettern. Alexander zuerst, Martina reichte ihm Cher und folgte.
Der Friedhof schien stiller zu sein als die Garagen nebenan oder die Kleingärten gegenüber und kälter. Martina zog den Reißverschluss ih-res Anoraks ganz nach oben. Die Blumen sahen im Mondschein alle grau aus, und die Grabsteine standen wie Wächter an ihren Plätzen. Durch Martinas Gedanken wirbelten Geschichten von Vampiren, die um Mitternacht aus ihren Gräbern stiegen, auf den Wegen tanzten und alle entführten, derer sie habhaft werden konnten. Aber bis dahin war noch über eine Stunde Zeit.
»Wo willst du suchen?« wisperte sie.
»Warum flüsterst du? Es ist nur ein Friedhof.« Alexander sprach aber genauso leise. »Hinten bei den alten Familiengräbern.«
»Das sieht doch beinahe aus wie ein Galgen.« Alexander zeigte auf dem Weg zum alten Teil des Friedhofs auf einen dicken Ast, der waa-gerecht vom Stamm abstand. Martina schauderte. Unter dem Ast fanden sie nichts, was auch nur entfernt einer Alraune ähnelte, nur Gras und verblühten Löwenzahn. Die Alraunenpflanze sah aus wie eine Kreu-zung zwischen Löwenzahn und Huflattich, aber mit dunkleren, krausen Blättern.
»Ich grabe kein Loch in einem Grab. Wer weiß, was da alles raus-kommt«, sagte Martina, als sie weitersuchten.
»Hühnchen.«
Alexander ging voraus und leuchtete mit seiner Taschenlampe den Bo-den ab. Hin und wieder stieg er über ein Mauerchen und suchte den Boden in einem der Gräber ab. Martina verließ den Weg nicht und hielt krampfhaft Chers Leine fest. Die Schatten steinerner Engel lagen wie Riesen auf den Wegen, bewegten sich und griffen nach den nächtlichen Besuchern. Alexander ließ die Taschenlampe fallen und schlug wild um sich. »Etwas hält mich fest.«
Martina eilte zu ihm, und Cher verbellte die Nacht.
»Dein Rucksack hat sich in einer Hecke verfangen.« Ihre Finger zitter-ten, während sie ihn befreite. »Lass uns nach Hause gehen.«
»Willst du noch mal herkommen und nach der Alraune suchen?« Ale-xander hob die Taschenlampe wieder auf und schraubte die Batterien fest, die sich beim Sturz gelöst hatten. Er schaute seine Schwester nicht an.
Martina schluckte. Noch einmal herkommen wollte sie nicht. Sie such-ten weiter.
»Da vorne. Was ist das?« Martina griff nach Alexanders Schulter. Er zuckte zusammen. Sie zeigte ihm eine Stelle unter einer Buche, an der sich vom Gras ein Kranz dunkler, krauser Blätter abhob. »Ist sie das?«
Sie knieten sich hin, um die Pflanze genauer zu betrachten. Blätter ra-schelten im Wind. Die Schatten der Engel zitterten bedrohlich. Wolken schoben sich vor den Mond, und es wurde dunkler. Die Geisterstunde nahte. Sogar Cher spürte es und drückte sich ängstlich an Martina.
Alexander verglich die Pflanze mit einem Bild, das er aus seinem Rucksack holte. »Wir haben sie gefunden.«
Martina hatte Watte mitgebracht, die sie sich in die Ohren stopften, bevor sie die Kopfhörer aufsetzen. Behutsam stach Alexander das Gras um die Pflanze herum aus und fing an zu graben. Eine dicke Wurzel reichte tief hinab.
Trotz der Watte und der Kopfhörer glaubte Martina, das Scharren zu hören, mit dem die kleine Schaufel in die Erde fuhr. Sie bedeutete Ale-xander vorsichtig zu sein und hielt ihm Chers Leine hin. Er schüttelte den Kopf, lockerte noch mehr Erde.
Ein Fauchen gefolgt von einem hohen, schrillen Schrei durchdrang Kopfhörer und Watte. Die Alraune ...! Alexander hatte einen Fehler gemacht, hatte zu tief gegraben. Sie sprangen auf und rannten so schnell sie konnten. Jeden Augenblick konnte der schreckliche Fluch der Alraune sie treffen. Cher schoss an ihnen vorbei und zwängte sich unter dem Tor durch. Die Zwillinge kletterten drüber und fort von die-sem unheimlichen Ort. Martina, sonst immer die Langsamere, überholte Alexander. Keuchend rannten sie die Straße hoch nach Hause.
Beide zitterten so sehr, dass sie kaum die Tür aufschließen konnten. Der Schrei gellte noch immer in ihren Ohren.
Sie polterten in das Schlafzimmer ihrer Eltern, die hochschreckten und nichts verstanden. Schluchzende Zwillinge im Arm brachten sie nach und nach die ganze Geschichte aus ihnen heraus, von der Alraune, von Tilman und warum Cher mitten in der Nacht hechelnd vor dem Bett lag.
»Eine Alraune kann da nichts tun«, tröstete die Mutter sie. »Es stimmt nicht alles, was bei Harry Potter steht.«
»Aber der Schrei«, weinte Martina.
»Er kam nicht von einer Alraune. Wahrscheinlich waren es Kater, die miteinander kämpften. Das habt ihr doch schon gehört?«
»Tilman wird dich nicht mehr ärgern, Alexander. Wir überlegen jetzt alle zusammen, was wir tun können.« Der Vater setzte sich in den Schneidersitz und zog seinen Sohn neben sich.

© Aneirin 2003

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Aneirin
Autorenanwärter
Registriert: May 2003

Werke: 5
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Die Suche nach Macht und Glück

Ein Hallo an alle Leser und Kritkier,

ich will eigentlich nicht meine eigene Erzählung kommentieren, aber das Eingabeformular hat mich verwirrt.

Die Geschichte soll nicht "Abenteuer" heißen, sondern "Die Suche nach Macht und Glück".
Beim nächsten Mal weiß ich, wie es geht.

Ich hoffe, Ihr seht es mir nach.
Aneirin

Bearbeiten/Löschen    


Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 108
Kommentare: 471
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zarathustra eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Aneirin
Eine schöne Geschichte hast du erzählt.

Titel: Warum nicht Heute Nacht .. oder
Zauber der Alraune statt
Die Suche nach Macht und Glück

Ich bin ein bisschen gespalten. Oft hast du ganz starke Sätze wie z. B. ...
Eine Alraune würde dem ein Ende setzen.

Auch die Scene auf dem Friedhof, die Suche nach dem richtigen Grab. ... Grabsteine wie Wächter, Engel wie Riesen... Baum wie ein Galgen...
Das sind toll strake Bilder.

Darum solltest du den Schluß noch stärker, treffender formulieren.

»Tilman wird dich nicht mehr ärgern, Alexander. Wir überlegen jetzt alle zusammen, was wir tun können.« Der Vater setzte sich in den Schneidersitz und zog seinen Sohn neben sich.

Vielleicht sollte der Schluß besser treffen:
"Wer um Mitternacht den Geistern trotzt, wird auch mit jedem x-beliebigen Tilman fertig, ... glaube mir mein Sohn...und seit langer Zeit zog er seinen Sohn wieder an sich. ... Martina lächelte, sie war glücklich... Sie hatten gesiegt....

Aber natürlich bist du der Autor, du hast das letzte Wort...

__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

Bearbeiten/Löschen    


Aneirin
Autorenanwärter
Registriert: May 2003

Werke: 5
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Alraune

Hallo Zarathustra,

vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich freue mich, dass Dir die Geschichte im Wesentlichen gefallen hat.

Über den Titel denke ich noch nach. Ich wollte nicht das Wort Alraune drin haben, weil sich Alexander und Martina zu Beginn etwa eine Seite lang darüber unterhalten, ohne dass das Wort fällt.

Bei dem Schluss weiß ich nicht so recht. Der Vater sollte nichts sagen, was so klingt wie "wehr dich, du bist doch ein großer, starker Junge". Mir wurde als Kind so was gesagt und hilft es absolut nicht weiter. Die Eltern sollen die Ängste und Sorgen ihrer Kinder ernst nehmen und sich gemeinsam um eine Lösung bemühen. So hatte ich mir das vorgestellt. Vielleicht ist es nicht richtig rübergekommen. Ich denke auch darüber nach

Viele Grüße
Aneirin

Bearbeiten/Löschen    


Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 108
Kommentare: 471
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zarathustra eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
@aneirin

Hallo Aneirin

Der Vater sollte nichts sagen, was so klingt wie "wehr dich, du bist doch ein großer, starker Junge". Mir wurde als Kind so was gesagt und hilft es absolut nicht weiter. Die Eltern sollen die Ängste und Sorgen ihrer Kinder ernst nehmen und sich gemeinsam um eine Lösung bemühen. So hatte ich mir das vorgestellt.

... so ist das mit den Eltern.
Meine Eltern haben meine Sorgen so ernst (ernster als ich selbst) genommen, dass ich ganz blockiert war...

Du musst natürlich den Schluss so lassen wie er ist.
Vielleicht noch stärker herausarbeiten, dass die Eltern die Kinder ERNST nehmen...

Viele Grüsse


__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

Bearbeiten/Löschen    


Aneirin
Autorenanwärter
Registriert: May 2003

Werke: 5
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Eltern nehmewn ihre Kinder ernst

Hallo Zarathustra,

Eltern haben es schon nicht leicht mit ihren Kindern. Sie scheinen sich entweder zu viel oder zu wenig zu kümmern.

Über den Schluss denke ich noch mal nach.

Viele Grüße und ein schönes Wochenende
Aneirin

Bearbeiten/Löschen    


Aneirin
Autorenanwärter
Registriert: May 2003

Werke: 5
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo alle miteinander,

ich habe an dieser Geschichte nochmal was verändert und sie auch umgenannt:

Heute Nacht

»Wir machen es heute Nacht«, sagte Alexander und schaute seine Zwillingsschwester herausfordernd an. »Vati und Mutti gehen ins Kino, sie werden uns nicht erwischen«
Martina sah nicht überzeugt aus. »Du meinst wirklich, sie ist auf dem Friedhof?«
»Eine andere Möglichkeit gibt es ja nicht mehr. Hast Du eine bessere Idee wegen Tilman und seinen blöden Freunden?«
Martina hatte keine bessere Idee und schüttelte den Kopf. Alexander hatte wirklich schon alles versucht, um Tilman und seinen Freunden zu entgehen. Er hatte weite Umwege gemacht, was zu spät zur Schule gekommen, über den Schulzaun geklettert und hatte sich die Hose zerrissen. In den Pausen wagte er sich kaum noch auf den Hof. Überall lauerten ihm Tilman und seine Freunde auf, spuckten ihn an, verprügelten ihn, nahmen ihm sein Taschengeld weg und warfen seine Bücher in den Dreck. Obendrein hatte die Lehrerin noch einen Brief an ihre Eltern geschrieben, dass Alexander im Unterricht unaufmerksam sei und oft seine Bücher nicht dabei habe.
Nur Martina wusste davon. Ihr hatten sie Alexanders Tasche auch schon aus den Händen gerissen, und erst vor zwei Wochen hatte sie ihr Taschengeld opfern müssen, damit ihr Bruder ein neues Mathebuch kaufen konnte. Das alte hatte Tilman in eine Pfütze geworfen und darauf herumgetrampelt. Vielleicht konnte Alexanders Plan dem allen ein Ende machen.
»Aber auf einem Friedhof suchen und im Dunkeln. Ich habe Mutti gefragt und sie hat im Lexikon nachgesehen. Es soll sie gar nicht bei uns geben«, fügte Martina noch hinzu.
»Lexikonwissen. Ich habe im Internet gesucht. Könige im Mittelalter hatten eine Es gibt sie überall dort, wo die Körpersäfte von Toten im Boden sind.«
»Da wo der Urin eines ertränkten Gauners auf die Erde geflossen ist«, präzisierte Martina die Worte ihres Bruders. »Ich habe auch gelesen, was du aus dem Internet ausgedruckt hast. Auf dem Friedhof gibt es so was bestimmt nicht.«
»Alles weißt du immer besser genau wie Hermine Granger in Harry Potter. Wo sollen denn sonst Körpersäfte von Toten in der Erde sein, wenn nicht auf einem Friedhof? Du hast bloß Schiss mitzukommen.«
»Habe ich nicht. Bei Harry Potter steht aber auch, dass sie schreit, wenn man sie aus der Erde zieht und dass man an ihrem Schrei stirbt. Wir brauchen Ohrenschützer.«
»Ich habe an alles gedacht.« Alexander holte aus der Schublade seines Schreibtisches zwei Kopfhörer hervor. Es waren altmodische Dinger, die die Ohren ganz bedeckten. Martina setzte einen auf.
»Wo hast du sie her?« Ihre Stimme klang dumpf in ihren Ohren. »Ich höre immer noch was.«
»Du musst noch die Hände drauf drücken.«
»Ich weiß nicht. Das bringt doch nichts. Eine Alraune wird nicht gegen Tilman und seine Freunde helfen, wenn wir überhaupt eine finden. Und ich weiß, was bei Harry Potter und die Kammer des Schreckens steht und was Du im Internet gefunden hast, aber du glaubst doch nicht etwa daran, dass sie unverwundbar macht und dir alle Wünsche erfüllt.« Martina runzelte die Stirn. Sie wusste genau, dass sie Alexander damit wütend machte, aber sein Plan war auch wirklich zu blöd.
»Feige Trine. Dann gehe ich eben alleine. Und außerdem nehme ich Cher mit. Sie zieht die Alraune aus der Erde. So macht man das nämlich.«
»Sie wird an dem Schrei sterben«, protestierte Martina. Vergessen war, dass sie noch vor wenigen Augenblicken an den Kräften der Alraune gezweifelt hatte. Cher war eine kleine wollige Mischlingshündin und gehörte der Frau im Nachbarhaus. Martina ging regelmäßig mit ihr spazieren. Aber vielleicht ... und wer hatte schon davon gehört, dass eine Pflanze schreien konnte.

»Ach wenn es um Cher geht, dann sorgst du dich. Alles andere ist dir egal«, sagte Alexander in einem Tonfall, als hätte er die Worte lange vorher eingeübt. »Mit einer Alraunehast du bald einen eigenen Hund.«
Martina überlegte. Alexander konnte sie von seinem Plan nicht mehr abbringen. Wenn er sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ er sich nicht mehr reinreden und bei Tilman und seinen Freunden musste wirklich etwas passieren. Langsam nickte sie.

Die kleine Hündin heimlich aus dem Nachbarhaushaus zu holen, war nicht schwer. Ein Schlüssel lag immer unter einem Blumentopf auf der Treppe, und Cher stand schwanzwedelnd hinter der Tür als Martina aufschloss.
Ohne jemanden zu begegnen, erreichten sie den Friedhof. Das Eingangstor war verschlossen, aber zwischen den Gitterstäben gab es Stege, an denen sie wie auf einer Leiter hinüberklettern konnten. Alexander zuerst. Martina reichte ihm Cher und folgte.
Der Friedhof war stiller als der Rest des Dorfes und kälter. Martina zog den Reißverschluss ihres Anoraks ganz nach oben und vergrub eine Hand in der Tasche. Die andere umklammerte Chers Leine. Ahnungslos schnüffelte der kleine Hund im Gras.
Die Blumen sahen im Mondschein alle grau aus, und die Grabsteine standen wie Wächter an ihrem Platz. Durch Marinas Gedanken wirbelten Geschichten von Vampiren, die um Mitternacht aus ihren Gräbern stiegen, auf den Wegen tanzten und alle entführten, derer sie habhaft werden konnten. Aber bis dahin war noch über eine Stunde Zeit.
»Wo willst du suchen?« wisperte sie.
»Warum flüsterst du? Es ist nur ein Friedhof.« Alexander sprach genauso leise. »Da drüben bei den alten Familiengräbern.«
Er wandte sich dem Teil des Friedhofs zu, an dem sich die ältesten Gräber und die höchsten Bäume befanden.
»Das sieht doch beinahe aus wie ein Galgen.« Alexander zeigte auf einen dicken Ast, der waagerecht von einem Stamm abstand. Martina schauderte. Unter dem Ast fanden sie nichts, was auch nur entfernt einer Alraune ähnelte, nur Gras und verblühten Löwenzahn.
»Ich grabe kein Loch in einem Grab. Wer weiß, was da alles rauskommen kann«, sagte Martina, als sie weitergingen.
»Trine.«
Martina achtete nicht auf die Beleidigung. »Hast du alles dabei.?«
»Alles in meinem Rucksack. Taschenlampe, Schaufel, Kopfhörer, Bilder von der Alraune und eine Papiertüte, damit wir sie tragen können.«
Alexander ging voraus und leuchtete den Boden ab. Manchmal stieg er über eine verfallene Mauer oder öffnete ein rostiges Türchen und suchte in einem der Gräber. Martina und Cher verließen den Weg nicht. Die Schatten steinerner Engel lagen wie Riesen auf der Erde, bewegten sich und griffen nach den nächtlichen Besuchern.
Wieder hatte Alexander ein Grab abgesucht und stieg über eine Mauer zurück auf den Weg. Die Taschelampe hatte er abgelegt, um sich mit beiden Händen abzustützen. Das Licht malte eine unendlichen Kegel in die Nacht und Martina dachte, dass er einen verschlingen würde, wenn man hineintrat. Sie schaute auf ihre Uhr. Es war halb zwölf. Noch eine halbe Stunde und sie würde nach Hause gehen. Auf keinen Fall würde sie um Mitternacht auf dem Friedhof sein. Sie wollte das gerade Alexander sagen, als er mit einem erstickten Aufschrei die Arme hochriss. Die Taschenlampe rollte von der Mauer und erlosch.
»Etwas hält mich fest.«
Cher verbellte die Nacht. Martina eilte zu ihm. Sie tastete über seinen Rücken.
»Dein Rucksack hat sich in der Hecke verfangen.« Ihre Finger zitterten, als sie ihn befreite. »Lass uns nach Hause gehen. Es ist auch bald Mitternacht.«
»Willst du noch mal herkommen und nach der Alraune suchen?« Alexander versuchte seiner Stimme einen gleichmäßigen Klang zu geben. Er hob die Taschenlampe wieder auf und schraubte die Batterien fest, die sich beim Sturz gelöst hatten. Seine Schwester schaute er nicht an.
Martina schluckte. Alexander würde nicht einfach aufgeben und nach Hause gehen. Noch war etwas Zeit und herkommen wollte sie nicht noch einmalt. Sie suchten weiter.
»Da vorne. Was ist das?« Sie griff nach Alexanders Schulter. Er zuckte zusammen. Martina lenkte seine Aufmerksamkeit auf eine Stelle unter einer Buche, an der sich vom Gras ein Kranz dunkler krauser Blätter abhob. »Kann sie das sein?«
Sie knieten sich hin, um die Pflanze genauer zu betrachten. Die Engelschatten zitterten bedrohlich im Wind. Cher sonst immer mit der Nase mittendrin im Geschehen blieb hinter Martina. Aus seinem Rucksack holte Alexander die Bilder der Alraune. Sie sah darauf aus wie eine Kreuzung zwischen Löwenzahn und Huflattich und genauso sah die Pflanze vor ihnen aus.
»Das ist sie. Nimm einen Kopfhörer.«
Martina hatte Watte mitgebracht, die sie sich in die Ohren stopften, bevor sie die Kopfhörer aufsetzen. Sie verglichen noch einmal die Pflanze mit dem Foto. Beides sah gleich aus. Sie hatten wirklich eine Alraune gefunden. Wenn sie nun doch ein Glücksbringer war …
Behutsam stach Alexander das Gras um die Pflanze herum aus und fing an zu graben. Tief reichte eine dicke Wurzel hinab. Kleinere Wurzeln wuchsen aus ihr heraus. Mit den Fingern kratzte Alexander die Erde ab. Kein noch so kleines Stück durfte von der Wurzel abgebrochen werden, sonst schrie sie. Seine Zungenspitze schaute zwischen den Lippen hervor.
Trotz der Watte und der Kopfhörer glaubte Martina die Scharren zu hören, mit dem die kleine Schaufel in die Erde fuhr und das Kratzen, wenn ihr Bruder mit den Fingern grub. Sie bedeutete ihm vorsichtig zu sein. Er hörte sie gar nicht. Nur seine Zungenspitze bewegte sich, als er noch mehr Erde lockerte.
»Sie ist fast lose. Cher kann sie jetzt rausziehen.« Alexanders Stimme hörte sich dumpf an durch die Kopfhörer. Er streckte die Hand aus, um nach der Hundeleine zu greifen.
Die Leine straffte sich in Martinas Hand. Cher war so weit zurückgewichen, wie sie konnte. Auf Martinas Locken reagierte sie nur, indem sie die Vorderpfoten in die Erde stemmte und sich hinsetzte.
»Was hat Cher?« Alexander drehte sich um und nahm der Kopfhörer ab.
»Sie will nicht.« auch Martina befreite ihre Ohren.
»Nun komm schon Cher. Es ist nicht schwer die Alraune aus der Erde zu ziehen. Sie ist ganz lose.« Er nahm seiner Schwester die Leine aus der Hand und zog daran. Cher fing an zu winseln. Sie rutschte noch ein Stück weiter nach hinten und bleckte die Zähne.
»Sie ahnt was und hat Angst.«
»Ach was.« Alexander ging zu der kleinen Hündin und wollte sie hochnehmen. Sie knurrte ihn an.
»Siehst du es nun? Ruhig Cher, ganz ruhig.« Cher wich auch vor Martinas Hand zurück. »Lass uns nach Hause gehen.«
»Ich gebe nicht auf. Nicht, nachdem wir so weit gekommen sind. Wir schaffen es auch Cher, wir haben ja die Kopfhörer.«
Sie setzen den Ohrenschutz wieder auf, und Alexander versenkte die Finger wieder in der Erde. Cher spürte, dass die Gefahr vorbei war. Sie schüttelte sich, schaute zu Martina auf und stupste sie mit der Nase an. Automatisch fuhr Martinas Hand nach unten und streichelte ihr über den Rücken, während sie Alexander beobachtete.
»Eine Alraune schreit nicht, wenn sie ausgegraben wird. Das gibt es bei einer Pflanze nicht«, sagte sich Martina und doch hatte Cher gespürt, was ihr bevorstand. Zögernd ging sie die wenigen Schritte bis zu ihrem Bruder, schaute ihm über die Schulter.
Mit der einen Hand hielt er die Taschenlampe, mit der anderen schaufelte er Erde aus dem Loch. Ein ansehnliches Häufchen lag schon neben ihm. Die Alraune war bereits zur Seite gekippt, er musste sie gleich gelöst haben. Martina nahm ihm die Taschenlampe ab, leuchtete ihm.
Ein Fauchen gefolgt von einem hohen, schrillen Schrei durchdrang Kopfhörer und Watte. Die Alraune …! Alexander hatte einen Fehler gemacht. Es stimmte doch, was bei Harry Potter stand.
Martina schleuderte die Taschenlampe von sich, drehte sich um und rannte auf das Tor zu. Cher schoss an ihr vorbei. Hinter sich hörte sie Alexanders keuchenden Atem. Der Schrei würde noch einmal kommen noch lauter und dann würden sie sterben.
Das Tor tauchte vor ihnen auf. Cher zwängte sich unter durch. Martina hatte den Fuß auf die erste Sprosse gesetzt, als die Kirchturmuhr anfing zu schlagen. Mitternacht! Auch das noch. Sie hatten die Zeit vergessen. Alexander schob sie von hinten. Beinahe wäre sie gestürzt. Im letzten Augenblick konnte sie sich mit den Händen abfangen. Sie rannten so schnell sie konnten. Nur noch nach Hause und in Sicherheit.
»Mama, Mama«, schrie Martina noch bevor die Haustür hinter ihnen ins Schloss gefallen war. Hoffentlich war das Kino schon aus und die Eltern zu Hause. »Mama, Mama«, rief zu noch einmal.
Barfuss und mit verstrubbelten Haar kam die Mutter die Treppe heruntergerannt. Die Zwillinge stürzten sich in ihre Arme. Der Vater kam nur einen Augenblick später. Er legte eine Hand in Alexanders Nacken, mit der anderen packte er Cher, die kläffend um die Gruppe herumraste. Nach und nach brachten die Eltern die ganze Geschichte von der Alraune, von Tilman und warum Cher sich wie eine Irre gebärdete aus ihren Kindern heraus.
»Es stimmt doch, was bei Harry Potter über die Alraune steht«, schluchzte Martina.
»Vielleicht. Vielleicht war es auch ein Tier. Jetzt seid ihr auf jeden Fall in Sicherheit«, tröstete die Mutter sie.
»Da war kein Tier. Es war die Alraune«, murmelte Alexander.
»Was immer es war, auf dem Friedhof kannst du nichts finden, was dir gegen Tilman beistehen kann. Da müssen Menschen ran. Wir setzen uns jetzt alle zusammen hin, trinken jeder ein Glas Wasser und überlegen was wir tun können«, sagte der Vater ganz vernünftig.
Als die Zwillinge später im Bad standen und ihre Zahnbrüsten ausspülten, fragte Martina leise: »Willst du morgen nachsehen, was aus der Alraune geworden ist?«
Alexander schüttelte den Kopf.

© aneirin, 2003

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!