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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Tante
Eingestellt am 16. 05. 2004 22:24


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jane-schubat
???
Registriert: Feb 2004

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Die Tante

„Begreifst du das nicht. Sie ist Papas Frau. Sieh dir den Namen an.“
Triumphierend tippte der Bruder auf das Klingelschild.
„Nein, du lĂŒgst.“ Empörte sich das kleine MĂ€dchen.
„Sie ist Tante Irene, und Mama ist Papas Frau.“
„Hast du dir mal ĂŒberlegt, warum Papa bei ihr lebt und nicht bei uns?“
baute sich ihr Bruder jetzt vor ihr auf.
„Deshalb gehe ich nicht mehr mit. Es ist das letzte mal heute.“ Tönte er.
Unzufrieden runzelte das kleine MĂ€dchen die Augenbrauen. Es fĂŒhlte sich zunehmend ĂŒberfordert angesichts der hingeschmetterten Wahrheit, die keinen Sinn zu ergeben schien. Mama und Papa waren immer Frau und Mann. Und eine Tante gehörte eben dazu als Tante. Sie hatte Domi, den Dompfaff, der immer so niedlich unter dem Wasserhahn planschte, und sie besaß die braun-weiß gefleckte TerrierhĂŒndin Anka, mit der man auf dem Hof herumtollen konnte. Nein, es ergab keinen Sinn, daß Papa Tante Irenes Mann war. Und es ergab auch keinen Sinn, daß ihr Bruder jetzt plötzlich so trotzig vor ihr stand.
„Ich will zu Tante Irene.“ ErklĂ€rte das kleine MĂ€dchen bestimmt und schob den großen Bruder beiseite.
Mehr Erinnerungen an diesen Augenblick hat Lena nicht , als sie jetzt vor dem Grab von der Tante steht. Es bedarf meist erst Jahre der Reife, ehe die ersten Fragen aus Erwachsenensicht gestellt werden. Nicht daß Lena als Kind nicht irgendwann verstanden hĂ€tte, daß Tante Irene eigentlich Papas Frau war. Auch als Papa seine erste Frau verließ, um endgĂŒltig zu ihnen zu ziehen, war es nicht der Verstand, dem dieses Ereignis nicht zugĂ€nglich gewesen wĂ€re. Was fehlte, war der emotionale Bezug. Tante Irene wurde zum Bild schöner Kindheitserinnerungen, nachdem der Vater zu seinen Kindern gezogen war. Und der Alltag hat die Tante dann aus dem Bewußtsein der Familie verdrĂ€ngt, wo sie erst bedingt durch ihren frĂŒhen Tod zeitweise wieder auftauchte.
Tod durch Herzschlag hatten die Ärzte bei ihr diagnostiziert. Und plötzlich stand Lena gemeinsam mit ihrem Vater wieder in der altvertrauten Wohnung, in der sich seit ihrem Wegbleiben nicht viel zu verĂ€ndert haben schien. Der feiste buntangemalte Porzellanbuddha hockte noch immer auf der Kommode und starrte Lena durchgeistigt an. Und in der Schale aus Bleikristall auf dem ovalen Beistelltischen am Fenster lagen die KonfektstĂŒckchen, mit denen das kleine MĂ€dchen bei ihren Besuchen immer großzĂŒgig versorgt worden war. Lena sah sich hilfesuchend nach ihrem Vater um. Aber der Mann, der ihr Vater war, zu dem sie jedoch aus den verschiedensten GrĂŒnden nie einen innigen Kontakt hatte aufbauen können, blieb stumm. Und so tauchten bei Lena nur die eigenen Erinnerungen an Tante Irene auf. Wie sie fĂŒllig und lĂ€chelnd auf dem PlĂŒschsofa saß. Und das kleine MĂ€dchen kramte begeistert in SchrĂ€nken und Truhen herum. „Sieh mal Tante Irene, was ich hier gefunden habe. Darf ich das fĂŒr Mama mitnehmen?“ Es war eine wunderschöne Stola, die da aus einer Schublade zum Vorschein gekommen war.
„Und das ist das Zimmer deines Vaters.“ Hatte Tante Irene dem kleinen MĂ€dchen irgendwann einmal stolz erklĂ€rt, als dieses das erste mal bei ihr ĂŒbernachten durfte.“ Doch der Vater war damals nicht zugegen gewesen. Er lebte gerade mal wieder bei seinen Kindern und deren Mutter. Dort hatte er kein eigenes Zimmer. Und das kleine MĂ€dchen war begeistert, daß ihr Vater ein so wunderschönes Zimmer besaß, in dem ĂŒberall an den WĂ€nden alte Photographien hingen..
Lena schreckte auf. Hier am Grab von Tante Irene empfindet sie plötzlich Haß gegenĂŒber ihrem Vater, der sich zwischen den beiden Frauen jahrzehntelang nicht hatte entscheiden können. Und als sie gefallen war, die Entscheidung – endgĂŒltig und fĂŒr immer – war Lena bereits ein junges MĂ€dchen gewesen, die ihren Vater zunehmend als Eindringling empfand. Und Lena dachte auch ĂŒber ihre Mutter nach, die ihrem Empfinden nach eine wesentlich bessere Lebensentscheidung hĂ€tte treffen können, als einen Mann zu lieben, der eigentlich sein Leben nie wirklich mit jemandem geteilt hatte, der neben den beiden Frauen, bei denen er abwechselnd wohnte, immer stur fĂŒr sich geblieben war. Vielleicht befĂ€higte ihn das dazu, eine endgĂŒltige Entscheidung immer wieder aufzuschieben.
Die Mutter hatte geduldet, daß ihre Kinder zu der fremden Frau gingen, und Tante Irene hatte erduldet. Wie anders sollte sich Lena das VerhĂ€ltnis beider Frauen zueinander vorstellen, die nie im Leben ein Wort miteinander gewechselt hatten, aber in stummer Übereinkunft den Mann teilten, Lenas Vater. So sehr Lena auch ihre Mutter liebte, hier am Grab schlug ihr Herz fĂŒr Tante Irene, die Verlassene und Alleingelassene, die nie wieder geheiratet hatte.
Beide Frauen auf ihre Art waren lebenslustig gewesen, aber keine von beiden war fĂ€hig dem Mann den RĂŒcken zu kehren, der sie in solche ungeklĂ€rten VerhĂ€ltnisse verstrickt hatte. SpĂ€ter dann, als der Vater gestorben war und die Mutter ihn neben seiner ersten Frau beigesetzt hatte, pflegte sie zu sagen, daß dies sein eigentlicher Platz gewesen wĂ€re und nur Gott allein wĂŒĂŸte, warum er immer wieder bei ihr aufgetaucht war. Lena hatte der Mutter nie wirklich verĂŒbeln können, daß sie nicht die Kraft aufgebracht hatte, sich von dem Vater ihrer Kinder zu trennen. Aber Lena war unglĂŒcklich, was ihre eigenen Beziehungen zu MĂ€nnern betraf. Denn als hĂ€tte sie die UnschlĂŒssigkeit ihres Vaters in Beziehungsfragen geerbt, war sie bisher aus jeder Beziehung immer wieder ausgebrochen. Und so steht sie nun an diesem feuchtkalten Novembertag an Tante Irenes Grab, um Fragen zu stellen, die vielleicht lĂ€ngst fĂ€llig gewesen wĂ€ren, wollte sie begreifen, was Beziehungen so kompliziert werden lĂ€ĂŸt, wenn Menschen sich entschließen, den Abstand voneinander zu verringern oder schließlich ganz aufzugeben. Was mochte Tante Irene gefĂŒhlt haben, wenn Lena als kleines MĂ€dchen gĂ€nzlich unbeschwert und munter bei ihr aufgetaucht war, um einen ihrer wunderschönen Nachmittage bei der Tante zu verbringen. Und was hatte die Mutter empfunden, wenn das kleine MĂ€dchen begeistert von ihren AusflĂŒgen zurĂŒckkehrte und erzĂ€hlte. Lena sieht noch heute den traurigen Blick ihrer Mutter als sie sie aufforderte, doch einmal mit ihr gemeinsam zu Tante Irene zu gehen. Die hĂ€tte einen schönen Gruß bestellt und sich das auch gewĂŒnscht. Aber die Mutter hatte nur traurig abgewinkt, dazu fehle ihr die Zeit. Und nun wirft Lena einen ersten Blick auch auf das nebenliegende Grab ihres Vaters. Noch heute mit ihren ĂŒber achtzig Jahren pflegt die Mutter beide GrĂ€ber, aber nie redet sie mit Lena ĂŒber das, was sie aus der Vergangenheit heraus noch immer schmerzt. Sie reden viel miteinander, Lena und ihre Mutter, aber aus irgendeinem unsichtbaren Grund heraus können sie es beide nicht. Sie können beide nicht miteinander ĂŒber das reden, was sie tief im Innern am meisten schmerzt. Und da es weniger mangelndes Vertrauen als irgendeine Art von Scheu ist, sich dem anderen zu offenbaren, bleibt den Frauen nur das Schweigen. Lena allerdings hat vielleicht die letzten Jahre gelernt, sich anderen gegenĂŒber etwas mehr zu öffnen. Nur was sie bis heute nicht weiß, mit welchem Teil ihrer Selbst sie befĂ€higt ist sich zu identifizieren. So daß nichts mehr schmerzt angesichts der vielen ungelebten Möglichkeiten in ihrer Person.


__________________
Ich lebe in höheren SphĂ€ren,weil ich mich vor dem Absturz fĂŒrchte.

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