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Die Tippse und ihr Chef
Eingestellt am 22. 04. 2001 20:47


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Ralph Ronneberger
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Die Tippse und ihr Chef
(ziemlich authentisch)

Die Kirchturmuhr hatte gerade zweimal geschlagen, als sich im 1. Stock des Rathauses ein Fenster öffnete. Im Rahmen erschien der Rumpf eines Mannes, dessen Gesicht die Farbe einer nahezu voll ausgereiften Tomate besaß. Während er sich eine schweißfeuchte Strähne seines rotblonden Haares aus der Stirn strich, schaute er hinunter auf den kleinen holprigen Marktplatz, wo das ohnehin etwas phlegmatische Treiben zwischen den Verkaufsbuden allmählich abzuebben begann. Dieses betuliche Kleinstadtbild konfrontierte ihn erneut mit der Tatsache, daß heute Freitag war und die meisten städtischen Angestellten dank Gleitzeit längst ihr Wochenende begonnen hatten. Und ausgerechnet er, Stadtkämmerer Gottfried Säckel, blieb an sein Arbeitszimmer gefesselt, nur weil er diesen höchst unangenehmen Bericht unbedingt heute noch vorlegen mußte.

Langsam hob er den Kopf, und seine wäßrig blauen Augen bekamen einen melancholischen Glanz, als sie sich ihr Blick hinter der buckligen Ansammlung roter und grauer Dächer verlor. Irgendwo dort hinten wußte er sein kleines Wochenendhaus. Vor wenigen Jahren preiswert erstanden und liebevoll aufgepeppt, war es zu einem bestimmenden Faktor seines Daseins geworden.
‚In spätestens einer Stunde wird Margot die Kaffeemaschine in Gang setzen. Ich muß sie unbedingt anrufen und ihr sagen, daß es später wird', dachte er.

Schuld an der Misere waren einige Stadtverordnete, die ihm unbedingt etwas am Zeug flicken wollten. Saubande! Er w√ľrde ihnen eine geh√∂rige Abfuhr erteilen. Bereits heute fr√ľh hatte er sich schlagkr√§ftige Argumente zu seiner Rechtfertigung einfallen lassen. Aber wo waren sie auf einmal hin? Verdammt. In seinem Kopf sp√ľrte er nur einen einzigen Strudel, der ihm den ber√ľhmten roten Faden immer wieder entri√ü.
Schwer st√ľtzte er sich auf das Fensterbrett, weitete den schm√§chtigen Brustkorb und atmete tief wie durch. Doch auch mittels gesteigerter Sauerstoffzufuhr wollte es ihm nicht gelingen, seine Gehirnzellen neu zu motivieren. Als auch nach dreimaligem Pumpen das Chaos in seinem Kopf immer noch keine Anstalten machte, sich endlich zu ordnen, h√§tte er am liebsten tief aufgeseufzt. Doch ein Chef seufzt nicht in Gegenwart seiner Sekret√§rin.

Diese sa√ü keine vier Schritte von ihm entfernt an dem stabilen Konferenztisch und z√§hlte gedankenverloren die Bl√§tter an dem monstr√∂sen Gummibaum, der mindestens ein Sechstel des tristen Arbeitszimmers f√ľr sich beanspruchte. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie sich ihr Chef in nunmehr wilder Entschlossenheit vom Fensterbrett abstie√ü, mit hastigen Schritten zum Schreibtisch zur√ľck kehrte und sich in dem klobigen Sessel fallen lie√ü.
"Furchtbar, diese Hitze", st√∂hnte er theatralisch und fuhr mit zwei Fingern √ľber die verschwitzte Innenseite seines Kragens. "Macht ihnen das gar nichts aus, Fr√§ulein Redlich?"
Ellen Redlich unterbrach ihre Blattz√§hlung, hob den Kopf und sch√ľttelte ruckartig ihr langes schwarzes Haar nach hinten. Eigentlich ha√üte sie es, wenn er sie "Fr√§ulein" nannte. Schlie√ülich war sie 28 Jahre alt und befand sich in festen H√§nden. Ihr fehlender Trauschein berechtigte diesen mickrigen Zahlenverdreher noch lange nicht, sie immer und √ľberall so anzureden. Au√üerdem verk√∂rperte sie alles andere, als das, was man landl√§ufig unter einem Mauerbl√ľmchen verstand. Aber heute war nicht der Tag, an dem S√§ckel sie aus ihrer gel√∂sten Heiterkeit zu bringen vermochte. Sie straffte ihren Oberk√∂rper, brachte ihren beachtlichen Busen in "Hab-Acht-Stellung" und grinste ihren Bo√ü fr√∂hlich an.
"Also, wo waren wir stehen geblieben?" S√§ckel f√ľgte den Furchen auf seiner Stirn noch ein paar Kunstfalten hinzu.
"Stehen geblieben? Am Fenster!" gluckste sie und freute sich √ľber die Ver√§nderung in seinem Gesicht. Erst war da ein v√∂llig verst√§ndnisloser Blick, dann erreichten die Augenbrauen fast den sp√§rlichen Haaransatz, ehe sich schlie√ülich die Mundwinkel √§u√üerst ungn√§dig verzogen.
"Ich verbitte mir solch dumme Bemerkungen! Wir haben ernsthaft zu arbeiten!" fauchte er und maß sie mit einem giftigen Blick.
"Entschuldigung", sagte sie betont artig. und griff eilig nach dem Stenoblock. Doch in ihren Augen sa√ü immer noch eine ungewohnt aufm√ľpfige Fr√∂hlichkeit.
"Den letzten Absatz!" bellte er.
W√§hrend sie vorlas, was er sich bereits in der vergangenen Stunde m√ľhsam abgerungen hatte, schien es fast, als w√ľrde sich der Nebel hinter S√§ckels Stirn ein wenig lichten.
"Schreiben sie!" sagte er hastig, als h√§tte er Furcht, sein Gedankengang k√∂nne sich sofort wieder verfl√ľchtigen.
"Unter Bezugnahme auf Vorgenanntes, kann ich feststellen, da√ü hinsichtlich der speziell f√ľr die s√§chlichen Kosten, die die Ausstattung mit B√ľrom√∂beln betreffen, die Verantwortung f√ľr die √úberziehung von gegenseitig nicht deckungsf√§higen Ausgabetiteln bei dem Leiter der allgemeinen Verwaltung...√§h..."
Er hatte sein Pulver verschossen.
Ellen sah die Hilflosigkeit in seinen Augen und gönnte ihm diese von Herzen. Mit wachsender Schadenfreude beobachtete sie die drei kleinen Schweißperlen, die sich auf seiner sorgenvollen Stirn bildeten.
‚ÄöToll, jetzt hat sich der aufgeblasene Hohlkopf so in seinem eigenen Wortdschungel verirrt, da√ü er allein nie wieder heraus findet', dachte sie und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. ‚ÄöImmer den gro√üen Chef markieren, aber nicht mal in der Lage, auch nur einen einzigen vern√ľnftigen Satz zu diktieren. Dein Sachbearbeiter ist im Urlaub, und so bleibt es an dir h√§ngen. Endlich hast du ausreichend Gelegenheit, deine Unf√§higkeit mal so richtig zu beweisen.'
Mit zunehmenden Vergn√ľgen beobachtete sie, wie S√§ckel verzweifelt mit den Augen rollte, ein paarmal sinnlos den Mund auf und zu machte und dabei nicht mehr als ein r√∂chelndes "√§h" hervor brachte. Ein Bild des Jammers!
"...zu suchen wäre", ergänzte sie schließlich sanft und mußte sehr viel Selbstbeherrschung aufbringen, um ein Kichern zu vermeiden.
"Wie? Ja, richtig." Er lachte befreit auf und leistete sich einen betont gönnerhaften Ton., als er sagte: "Ich sehe, sie beginnen mitzudenken!"
"Oh, nein", wehrte sie ab. "Ich meinte, zu suchen w√§re jetzt ein vern√ľnftiges Ende f√ľr dieses unm√∂gliche Satzgebilde."
Das herablassende Wohlwollen auf seinem Gesicht verwandelte sich fast schlagartig in eine w√ľtende Grimasse.
"Fr√§ulein Redlich, wenn Sie meinen, sie k√∂nnten mich f√ľr dumm verkaufen und meine Gutm√ľtigkeit ihnen gegen√ľber ausnutzen, dann haben sie sich gr√ľndlich get√§uscht. Ich kann auch anders!" Sein d√ľrrer Adamsapfel h√ľpfte in einem be√§ngstigend schnellen Rhythmus auf und nieder. "Solche Frechheiten k√∂nnen sie sich sonst wo erlauben, aber nicht bei mir! Sie scheinen nicht mehr zu wissen, wen sie vor sich haben!"

‚ÄöOh doch' dachte sie. ‚ÄöIch wei√ü genau, wen ich vor mir habe. Mir gegen√ľber sitzt der kleine, stets √§ngstlich beflissene Buchhalter aus der volkseigenen Gurkeneinlegerei, den die gro√üe Wende unverdient ins Rathaus gesp√ľlt und sogar zum Stadtk√§mmerer gemacht hat. Und in deiner Verblendung glaubst du sogar an einen Aufstieg aus eigener Kraft. Obwohl, wenn ich bedenke, wieviel Energie du aufgewandt hast, um dich bei der neuen Obrigkeit einzuschmeicheln und gleichzeitig f√§higere und somit h√∂chst l√§stige Konkurrenten zu denunzieren - dann mu√ü man dir wohl tats√§chlich ein wenig eigenen Verdienst zugestehen. Aber da war noch etwas. Nat√ľrlich - du hattest das richtige Parteibuch. Kannst du dich nicht mehr erinnern, wie eifrig du im sozialistischen Alltagskonzert die Blockfl√∂te geblasen hast? Und wie bist du vor dir selbst erschrocken, wenn dir aus Versehen ein Mi√üton entfuhr? Dann hast du ganz verst√∂rt auf den Kapellmeister von der SED-Kreisleitung geschaut und dich mit dem√ľtig gesenktem Kopf und voller Eifer √ľber die vorgeschriebenen Noten gebeugt.
Und jetzt? Was hat sich ge√§ndert? Lediglich der Dirigent ist ein anderer. Er hei√üt Bock, ist seines Zeichens B√ľrgermeister dieses Kaffs und Mitglied der CDU - jener Partei, die dich als armseligen Mitl√§ufer in der ehemaligen Bauernpartei mit viel zu offenen Armen aufgenommen hat. Nun bist du in dem neuen Orchester sogar zum Solisten avanciert. In deiner grenzenlosen Selbst√ľbersch√§tzung merkst du allerdings nicht, wie abh√§ngig du bist. Abh√§ngig vom Wohlwollen deiner Vorgesetzten und von der mit Flei√ü gepaarten Sachkenntnis deiner Untergebenen. Das einzige, worauf Du wirklich stolz sein kannst, ist dein Instinkt, der dir immer im rechten Moment sagt, wo Unterw√ľrfigkeit von N√∂ten ist. Welch erb√§rmliches Dasein!'

Sie sah, wie er aus dem Sessel sprang und wieder ans Fenster trat. Halblaut gesprochene Satzfetzen drangen an ihr Ohr. Sie hörte, wie er etwas von "dreist", "unverschämt" und "wird mich noch kennenlernen" vor sich hin grollte.
Das ironische Lächeln in ihrem Gesicht vertiefte sich.
‚Ich soll dich kennenlernen? Oh, du heilige Einfalt! Glaub mir, niemand kennt dich so gut wie ich! Ich habe dich studiert! Zwölf lange Monate bin ich dir im Geiste kaum von der Seite gewichen. Hast es nur nie bemerkt.
Angefangen hat es schon am Tag meiner Einstellung. Ich gebe zu, in den ersten Stunden hatte ich einen guten Eindruck von dir. Du hast meine Computerkenntnisse gelobt und sehr viel Verst√§ndnis f√ľr die typischen Fehler einer Anf√§ngerin gezeigt. Aber dann kam die Mittagspause, und auf dem Weg zur Kantine lief dir der Leiter des Ordnungsamtes √ľber den Weg.
"Na, zufrieden mit deiner neuen Sekretärin?" hatte der gefragt.
"Ach, ich kann nicht klagen. Sie scheint ein bißchen einfältig zu sein, aber sie kocht einen guten Kaffe. Außerdem hat sie ein niedliches Gesicht, ziemlich große Titten und einen knackigen Arsch - alles, was eine Tippse so braucht."
Dann habt ihr schallend gelacht, und seid √ľber eure H√§hnchenschnitzel hergefallen. Ich h√§tte vor Wut und Scham heulen k√∂nnen.

Und dann kam die Sache mit dem alten Schlichting, deinem Vertreter. Ich sa√ü hier an diesem Tisch, als er von dir die Abmahnung erhielt. Aber damit nicht genug. Du hast ihn so fertig gemacht, da√ü ihm das Hemd pl√∂tzlich zu eng wurde. Am gleichen Abend lag der arme Kerl mit einem Herzinfarkt auf der Intensivstation. An seinem Grab hielt der B√ľrgermeister eine salbungsvolle Rede, und du hast bedeutungsvoll genickt. Du mieser Heuchler! Dabei warst du es, der die Sache verbockt hatte. Aber dir war es wieder einmal gelungen, den Kopf rechtzeitig aus der Schlinge zu ziehen und die Verantwortung f√ľr eigene Schlamperei auf Schlichting abzuw√§lzen. Von da an habe ich dich geha√üt. Und in meinem Ha√ü habe ich dich auf Schritt und Tritt verfolgt. Nichts blieb mir verborgen.
Ich begleitete dich sogar zu deinen Skatabenden, wo du dich √ľber das Wohlwollen deiner Stammtischbr√ľder - allesamt einflu√üreiche B√ľrger dieser muffigen Kleinstadt - so richtig gebauchpinselt f√ľhlst und ihnen den ganzen Abend zum Munde redest, w√§hrend sie dir kr√§ftig das Fell √ľber die Ohren ziehen.
Ich sehe dich sonntags w√ľrdevoll zur Kirche schreiten, die stocksteife Gemahlin an der Seite. Du lauschst and√§chtig einer Predigt, von der du nichts verstehst. Du machst beim Singen lautlos den Mund auf und zu, weil du den Text nicht kennst. Aber man geht ja neuerdings wieder in die Kirche. Von Jesus wei√üt du genauso viel, wie vordem von Marx - n√§mlich nichts. Du √ľbersiehst die skeptisch fragenden Blicke derer, die schon zum Gottesdienst gegangen sind, als du in der Parteiversammlung ein solches Verhalten noch als staatsfeindlich verteufelt hast. Nun gut, du hast es vergessen. Dein ganzes Leben lang hast du das nachgebrabbelt, was man von dir erwartet hat.

Ich kenne auch deine Wochenenden. Freitags sitzt du bei sch√∂nem Wetter auf deiner sonnigen Terrasse, trinkst mit deiner Frau Kaffee, m√ľmmelst an ihrem selbstgebackenen R√ľhrkuchen herum und vertiefst dich anschlie√üend mit Eifer in das lokale Bl√§ttchen. Du kommentierst die Artikel mit geifernder Entr√ľstung oder spendest euphorisches Lob. Und wenn Frau Margot ein wenig ratlos dreinschaut, l√§√üt du dich zu wohlwollenden Erkl√§rungen herab. Und du sonnst dich in ihrem Stolz, den sie f√ľr ihren ach so erfolgreichen Mann zu empfinden vorgibt. Du hast sie gelehrt zu dir aufzuschauen. Und sie tut es mit geheuchelter Inbrunst. Vielleicht ist sie sich ihrer kl√§glichen Rolle schon l√§ngst nicht mehr bewu√üt. Und trotzdem - an jedem Tag, den sie mit dir verbringt, entfernt sie sich ein winziges St√ľck mehr von dir. Du merkst es nicht und bildest dir ein, sie w√§re gl√ľcklich an deiner Seite. Es ist deine Selbstgef√§lligkeit, die dich am Sehen hindert.'

Das Telefon riß sie aus ihren Gedanken und ihn weg vom Fenster. Ehe er heran war, hatte sie schon abgenommen.
"Stadtk√§mmerei - Redlich am Apparat. Ach, sie sind es Herr B√ľrgermeister. Ja - Herr S√§ckel ist noch da. Einen Moment!"
Schon reichte sie den Hörer an den verdatterten Säckel weiter.
"Der B√ľrgermeister?" √§chzte der und eine merkw√ľrdige Bl√§sse √ľberzog pl√∂tzlich sein Gesicht. Sein Blick irrlichterte nerv√∂s √ľber die Papiere auf dem Schreibtisch. Er pumpte einige Male wie ein Maik√§fer, ehe er mit wilder Entschlossenheit den H√∂rer ans Ohr pre√üte und sich ein "Ja, hier S√§ckel" abrang. Dann folgte Augenblicke stummen Lauschens, wobei er unwillk√ľrlich Haltung annahm.
"Ja, Herr B√ľrgermeister. Ich arbeite gerade daran. √Ąu√üerst komplizierter Sachverhalt. Ich denke, es wird noch eine Weile dauern, bis......Wie? Ach! Nicht n√∂tig? Sie haben das schon mit dem Ausschu√ü gekl√§rt? Was denn - die Anfrage ist zur√ľck gezogen? Ha, ha, ha! W√§re den Herren der Opposition auch √ľbel bekommen. Ich war gerade dabei, Ihnen allersch√§rfste Munition zu liefern. Aber Sie haben auch ohne meine Hilfe bereits voll ins Schwarze getroffen. Allergr√∂√ütes Kompliment, Herr B√ľrgermeister!"
S√§ckels Z√ľge hatten sich w√§hrend des Gespr√§chs zusehends entspannt. Nun wagte er sogar, seine stramme Haltung aufzugeben und seinen mageren Hintern auf die Schreibtischplatte zu schieben.
"Ja, ja. Nat√ľrlich. Sie k√∂nnen sich voll und ganz auf mich verlassen. Die Erg√§nzung zum Nachtragshaushalt? Kein Problem! Die haben sie in einer Stunde. Fr√§ulein Redlich bringt sie ihnen hoch. Ein erholsames Wochenende w√ľnsche ich und beste Gr√ľ√üe an die Gattin. Was? Zur Jagt? Na dann - Weidmannsheil, Herr B√ľrgermeister!"
S√§ckel knallte den H√∂rer mit so viel heiterem Schwung zur√ľck, da√ü ein Kugelschreiber √ľber die Schreibtischkante rollte und genau vor Ellens Fu√üspitzen liegen blieb. W√§hrend sie sich b√ľckte, um ihn aufzuheben, f√ľhlte sie fast k√∂rperlich, wie S√§ckels Blick in ihren Ausschnitt schwappte. Sie registrierte es mit grimmigem Vergn√ľgen.
‚ÄöJa, glotze Du nur. Ich habe heute extra einen Knopf mehr aufgelassen. Nimm einen t√ľchtigen Blick. Um so mehr wird es dich vor dem knittrigen Busen deiner Margot grausen. Doch gib nicht ihr die Schuld f√ľr ihr zeitiges Altern. Unter deinen ungeschickten Knorpelfingern welkt jede Brust fr√ľh dahin.'

Ellen richtete sich betont langsam wieder auf und gab ihm somit gen√ľgend Zeit, seinen glasig stieren Blick von den begehrlichen Rundungen zu l√∂sen. Als sie ihm den Kugelschreiber reichte und in sein Gesicht schaute, sah sie noch Reste von diesem "Mit-dir-m√∂chte-ich-auch-mal-Blick" in seinen wasserblauen Augen.
‚Äö√úbernimm dich nicht', dachte sie. ‚ÄöWas w√ľrdest du denn tun, wenn ich mir jetzt seelenruhig die Bluse ausziehen und den BH ablegen w√ľrde?'
Einen Augenblick lang versp√ľrte sie sogar Lust, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen - nur um seine bl√∂de Fratze zu sehen - verzerrt von einer Mischung aus Geilheit und Angst. Wie verlockend w√§re es, ihm schallend nachzulachen, wenn er schlie√ülich v√∂llig verdattert die Flucht ergreifen w√ľrde.
‚ÄöEiner wie du, l√§√üt sich niemals auf ein solches Abenteuer ein. Die Angst, dein Verh√§ltnis k√∂nnte entdeckt werden, w√ľrde dich umbringen. Um fremd zu gehen, braucht es Mut - oder Liebe. Oft sogar beides. Du kannst weder mit dem einen noch dem anderen dienen. Also spar dir k√ľnftig solche Blicke!'
Als f√ľhle er sich ertappt, senkte er die Augen und wuselte mit den Fingern sinnlos auf dem Schreibtisch herum
‚ÄöJa, so ist es recht. Widme deine Aufmerksamkeit diesem bl√∂den Papierkram. Heb dir lieber einen Rest deiner L√ľsternheit f√ľr morgen auf. Es wird so sein, wie an jedem Samstag. Am fr√ľhen Abend noch ein wenig angeln, dann ab nach Hause. Du erscheinst p√ľnktlich zum Abendbrot - in der Hand einen Blumenstrau√ü von der Aral-Tankstelle. Gemeinsames Abendessen, beim romantischen Schimmer der Bildr√∂hre. Du √∂ffnest eine von den Flaschen mit diesem widerlich s√ľ√üen Rotwein, schenkst die Gl√§ser voll und wuchtest dich dann neben Margot auf die Couch. Das mu√ü als Einleitung gen√ľgen. F√ľr eventuelle Z√§rtlichkeiten ist kein Raum, denn jetzt beginnt das Abendprogramm. Aber nach dem Fernsehen geht es hurtig unter die Dusche. Und dann rein in die Kiste, wo Margot schon sehns√ľchtig deiner harrt. Bildest du dir jedenfalls ein. Hast du schon mal ein Opferlamm voller sehns√ľchtiger Erwartung gesehen? Glaubst du ernsthaft, Frau Margot w√ľrde deinem abgestandenen Sex mit allen Fasern ihres verdorrten K√∂rpers entgegen fiebern? Hast du noch nie diesen Ausdruck stummer Duldung in ihrem Gesicht bemerkt? H√§lst du ihr gequ√§ltes St√∂hnen immer noch f√ľr einen Ausdruck h√∂chster Ekstase?
Wenige Minuten nach deinem w√∂chentlichen √úberfall wirst du einschlafen. Mit dir und der Welt zufrieden - vielleicht auch ein wenig mit Margot. Und sie wird wach auf dem R√ľcken liegen, dein Schnarchen zu ignorieren suchen und an Dinge denken, f√ľr die deine Gef√ľhle und deine Phantasie nie ausgereicht haben.
Woher ich das weiß? Nun, ich habe neben euren Ehebetten gestanden, habe dein hektisches Schnaufen gehört und ihren glanzlosen Blick aufgefangen. Ich sagte es ja bereits. Ich war immer in deiner Nähe.'

Säckel war damit fertig geworden, den Papierstapel von einer Seite des Schreibtisches auf die andere zu schichten. Er ging zum Aktenschrank und holte einen dicken Ordner hervor.
"Hier drin finden sie den Nachtragshaushalt mit den handschriftlichen Erg√§nzungen", erkl√§rte er wichtig. Er hatte wieder zu seiner Rolle als gestrenger Vorgesetzter zur√ľck gefunden.
"Sie schreiben das jetzt ins Reine. Sie haben eine Stunde." Damit schob er ihr den das Aktenb√ľndel zu.
"Das - das schaffe ich doch nie!" entfuhr es ihr spontan, und sofort √§rgerte sie sich, √ľber den winzigen Moment ihrer Schw√§che.
"Das ist ihr Problem." Sein h√§misches Grinsen verriet, wie er den Triumph √ľber die aufs√§ssige Tippse geno√ü. Demonstrativ schleuderte er seinen Aktenkoffer auf den Tisch, warf den Terminkalender hinein und lie√ü die Schl√∂sser gen√ľ√ülich zuschnappen.
"So, Fr√§ulein Redlich. F√ľr mich ist Feierabend. Sie d√ľrfen mir jetzt gern ein angenehmes Wochenende w√ľnschen."
Doch sein offensichtlicher Hohn verfehlte das Ziel Ellen hatte n√§mlich l√§ngst ihr L√§cheln wiedergefunden. Das blieb auch unver√§ndert in ihrem Gesicht h√§ngen, nachdem S√§ckel l√§ngst das B√ľro verlassen hatte. Sie klemmte sich die Mappe unter den Arm und ging ins Vorzimmer, wo ihr Computer leise summend auf sie wartete.
Nein, ihre Hochstimmung war heute durch nichts zu ersch√ľttern. Sie setzte sich, √∂ffnete den Ordner und entnahm die Seiten, die sie abzuschreiben hatte. Doch bevor sie damit begann, zog sie die unterste Schublade ihres Rollcontainers auf, beugte sie sich herab, griff in das unterste Fach und holte ein Buch hervor, welches sie beinahe feierlich vor sich hin legte. Liebevoll strich sie √ľber den Einband. Wieder und wieder las sie den Titel.
"DER K√ĄMMERER"
"Ein Roman von Ellen Redlich".
Gestern war das Buch erschienen. In wenigen Tagen w√ľrde es auch in der kleinen Buchhandlung am Markt im Regal liegen. Ellen h√∂rte schon das Gel√§chter, das es in der Stadt geben w√ľrde. Mit ihrem eigenen Lachen machte sie den Anfang.

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Ole
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Hey Ralph,

ziemlich authentisch?, echt?
gefällt mit diese "Ellen", das Buch muß ein Renner sein!

Deine Wortwahl ist grandios! diese trefflichen Beschreibungen des Alltages (Aral-Blumenstrauß / romantischer Schimmer der Bildröhre...etc.) - Klasse.
das Ganze lief bei mir wie in einem Film ab,
so bildlich hast Du es geschrieben.

Ich habe mich k√∂stlich am√ľsiert!
--> schon das zweite Buch, welches ich
(nat√ľrlich handsigniert) von Dir kaufen w√ľrde....!

w√ľnsche Dir nun eine gute Nacht!
Ole.
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"...Wir sitzen mit unsern Gef√ľhlen
meistens zwischen zwei St√ľhlen --
und was bleibt, ist des Herzens Ironie..."

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Ralph Ronneberger
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Hallo Ole,

nach 14 Tagen fast v√∂lliger Lupen-Abstinenz komme ich endlich dazu, mich bei dir f√ľr das ausgesprochene Lob zu bedanken. Wie sagt man hier allgemein? "Sch√∂n, da√ü es dir gefallen hat." Leider findet die Geschichte sonst keinen weiteren Anklang. Nun ja - das ist das Los vieler Erz√§hlungen, weil sie f√ľr viele Leser einfach zu lang sind.
Macht nichts. Aber was mich richtig ärgert, ist die Tatsache, daß sich niemand zu Veiths Erzählung äußert. Die ist nämlich wirklich Klasse. Und deshalb werde ich etwas tun, was ich sonst eigentlich nie mache - ich poste sie hoch.

Tsch√ľs Ole, es gr√ľ√üt Ralph
(Vielleicht treffen wir uns bald wieder mal im Chat?!)
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Ole
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Nachtschwärmer...

Hey Ralph,

Du meinst diese unheimlich
langen Nächte, wo wir uns bis
fr√ľh um 3 im Chat unterhalten...
--klar!--

Ja die Länge scheint abzuschrecken.
geht mir ja auch so
aber wenn da "Ralph Ronneberger"
drauf steht....ists auch drin!

leider werde ich auch ein wenig
die Lupen-Abstinenz durchf√ľhren m√ľssen,
demnächst...
Ach so: ist denn jetzt Dein Buch fertig?!
...und bring doch mal Dein Foto in Ordnung,
will doch wissen, ob das "Projekt" erfolgreich war...!

so, dann werd ich mal zu Veith schauen.

Viele Gr√ľ√üe!
Ole.


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Willi Corsten
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Hallo Ralph

Eine sehr schöne Erzählung.
Du hast recht, warum kommt auf diesen gelungenen Text so relativ wenig Echo. Er verdient wahrlich mehr Beachtung.
A propos Echo: Du schriebst mir gestern zu ‚ÄöOma Lenchen‚Äė. Wo finde ich dieses Schreiben? (bei Oma Lenchen steht nichts)
Liebe Gr√ľ√üe
Willi

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Ralph Ronneberger
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Hallo Willi,

vielen Dank f√ľr deine anerkennenden Worte. Ein Lob von einem, der solch meisterliche Geschichten schreibt (auf Rolli, diesen verliebten Wettereleven werde ich noch antworten), wiegt nat√ľrlich f√ľr mich besonders schwer. Jetzt kann meine Erz√§hlung getrost nach unten rauschen.

Gruß Ralph
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