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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die Verwandlung (1)
Eingestellt am 04. 12. 2004 10:47


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jimKaktus
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Als Joachim K. eines Morgens aus unruhigem Schlaf erwachte, fand er die Welt in ein monstr├Âses Chaos verwandelt. Er stellte wie gew├Âhnlich seine zwei F├╝├če auf den Boden vor seinem Bett und stapfte ins Badezimmer, zur Morgentoilette. Schon hierbei musste er feststellen, dass die Zahnpasta alle war. Mit der Nagelschere ├Âffnete er die leere Tube und kratzte die Reste heraus. Nach vollendeter Morgentoilette f├╝hlte er sich bereit, seine Stellung in der menschlichen Gemeinschaft einzunehmen. In Pantoffeln und Schlafanzughose ging er die zwei dunklen Treppen nach unten zum Briefkasten, Zeitung holen. Die Nachbarn durften dabei gerne sehen, dass er ein schlanker, noch junger Mann war. Doch traf er auf der Treppe niemanden und seine Zeitung - war nicht da. Stattdessen lag eine tote Fliege in seinem Briefkasten. Mit den Fingern├Ągeln nahm er sie, an einem Fl├╝gel, heraus.

Joachim K. f├╝hlte ein Ziehen in seinem Hinterkopf. Er w├╝rde zum Fr├╝hst├╝ck keine Zeitung lesen k├Ânnen, und in seinem Briefkasten befand sich eine Fliege. Anscheinend hatte sie sich im Schloss ein Bein eingeklemmt. Mit spitzen Fingern warf Joachim sie vor die Haust├╝r, wobei ihm von drau├čen ein sumpfiger Geruch entgegenwehte.

Nach einem gesunden M├╝slifr├╝hst├╝ck und nach dem Anziehen von Jeans, Jeanshemd und einem karierten Jackett, verlie├č Joachim K. das Haus. Beim ├ťberqueren der ersten Stra├če w├Ąre Joachim fast ├╝berfahren worden. Zun├Ąchst hatte er sich gefreut, dass an diesem Mittwoch scheinbar keinerlei Autos unterwegs waren. Dann kam doch eins, kam angerast mit mindestens 100 km/h, obwohl lediglich 50 erlaubt waren. Joachim hatte zu rennen anfangen m├╝ssen und schon gedacht, es w├╝rde nicht reichen. Denn das Auto fuhr mittig und n├Ąherte sich schnell, und auch Joachim war bereits in Bewegung und ein Umkehren nicht mehr m├Âglich.

┬źDu spinnst wohl!┬╗, rief Joachim K. seine Emp├Ârung aus und schwenkte, als er auf dem sicheren Gehsteig angekommen war, drohend die Faust. Er ├Ąrgerte sich noch auf dem ganzen restlichen Weg zum Bahnhof. So ein Raser war ihm noch nicht begegnet. Zum Gl├╝ck konnte er sich ein wenig ├╝ber die Luft freuen. Sie war so angenehm frei von Abgasen, so frisch - bis auf den leicht sumpfigen Geruch - aber alles in allem ein Grund zur Freude. Joachim K. war dennoch froh, keinen weiteren Menschen mehr zu begegnen. Die h├Ątten ihn nach so einem Erlebnis nur ganz hektisch gemacht. Auch das Bahnhofsgeb├Ąude war leutelos. Doch die Anzeigetafel am Eingang sagte wie gew├Âhnlich das Kommen seines Zuges voraus. Und als Joachim K. oben auf dem Bahnsteig ankam, stand dort auch schon der Zug.

Joachim K. rannte los, zum zweiten Mal an diesem Tage. Sein Jackett wurde durch den Sprint beeintr├Ąchtigt. Die Schultern verschoben sich und der Knopf, der es zusammenhielt, musste in jedem Moment abrei├čen. Joachim K. war entschlossen, das in Kauf zu nehmen, und bereitete durch Abbremsen seinen Absprung vor. Er landete sicher auf den F├╝├čen im S-Bahn-Waggon. Er r├╝ckte sein Jackett zurecht und setzte sich auf die hinterste Bank, die sich ihm unmittelbar zum Sitzen anbot. Joachim K. wartete.

Schon nach einigen Sekunden wurde ihm klar, dass die Bahn nicht, wie er gedacht hatte, sofort abfuhr. Er stand auf und schaute aus der offenen T├╝r. Meist fuhr ihm die Bahn vor der Nase davon, dieses Mal war es etwas anderes. Vielleicht sollte er noch gar nicht losfahren. Lauter Dinge hatten ihn heute hindern wollen, diesen Zug zu erreichen. Und doch hatte er ihn noch erwischt. Vielleicht sollte er ihn gar nicht erreichen. Wenn dies so w├Ąre, dann stiege mit jeder weiteren Sekunde, die er hier in der T├╝r des Zuges stand, die Wahrscheinlichkeit, dass der Zug doch noch losf├╝hre und er sich auf dem Weg zur Arbeit bef├Ąnde.

Joachim K. stieg aus. Dass etwas nicht stimmte, war eventuell nicht nur so ein Gef├╝hl. Und auch, dass au├čer ihm keine Leute auf der Stra├če waren, kam ihm mittlerweile sonderbar vor. War heute ein Feiertag, von dem er nichts wusste? Er bedurfte der Meinung eines oder am besten mehrerer Mitmenschen. Das Bahnhofsgeb├Ąude verlassend, ging er zum n├Ąchsten Wohnhaus, dem ersten Eingang einer am Bahnhof beginnenden Altbauzeile. Er m├╝sste eine Stichprobe ziehen. Einfach bei irgendwem klingeln und sich erkundigen. Bei einem Durchschnittsmenschen.

Er klingelte bei Grotowski. Der Name schien ihm durchschnittlich genug. Die Stimme eines ├Ąlteren Herrn meldete sich: ┬źJaaa?┬╗
┬źHerr Grotowski, ich bin ein Nachbar - aus weiterer Entfernung allerdings. Ich w├╝rde gerne kurz mit Ihnen reden.┬╗
Ein Summen gab die T├╝r frei. Joachim K. war im Hausflur. Im dritten Stock wohnte Grotowski. Der wartete schon an der T├╝r und reckte den Hals, wer denn da die Treppe hochk├Ąme. Es war ein junger Mann von Mitte zwanzig, ordentlich angezogen und gr├╝ndlich rasiert. ┬źGuten Tag, ich bin Joachim K.┬╗, stellte er sich vor, genau wie Grotowski erwartet hatte. ┬źIch m├Âchte mich mit Ihnen unterhalten. Und herausfinden, ob heute eventuell mit der Welt etwas nicht stimmt. Darf ich reinkommen?┬╗

┬źSelbstverst├Ąndlich┬╗, antwortete Grotowski. Aber ziehen sie sich Ihre Schuhe aus. Das ist eine Tradition.┬╗
┬źEine Tradition?┬╗, fragte Joachim K., der die Klettverschl├╝sse seiner Schuhe aufmachte.
┬źAber selbstverst├Ąndlich. Sehen Sie, ich hatte fr├╝her in der ganzen Wohnung hellblaue Auslegeware. Es war eine gute Auslegeware, bester Velour, exzellente Verarbeitung. Wegen verschiedener Flecken habe ich ihn inzwischen entsorgt. Was aber von ihm geblieben ist, ist die Tradition, sich an der T├╝r die Schuhe auszuziehen. Verstehen Sie?┬╗
┬źJa┬╗, sagte Joachim K, der inzwischen auf Socken dastand. ┬źTraditionen sind absolut wichtig, da sie etwas Best├Ąndiges darstellen.┬╗
┬źUnbedingt, unbedingt.┬╗, stimmte Grotowski zu. Er f├╝hrte Joachim K. ins Wohnzimmer und lie├č ihn sich hinsetzen, w├Ąhrend er selbst in die K├╝che ging.

┬źWie m├Âgen Sie Ihren Kaffee?┬╗, fragte er.
┬źSchwarz!┬╗, war die Antwort.
┬źK├Ânnten Sie Ihren Kaffee f├╝r mich bitte mit Zucker und Milch trinken?┬╗
┬źWenn ich Ihnen damit einen Gefallen tue.┬╗
┬źEs ist so┬╗, fing Grotowski an zu begr├╝nden. Doch stellte er erst zwei Kaffeep├Âtte auf den Tisch und setzte sich in seinen eingesessen Fernsehsessel, ehe er weiter machte. ┬źEs ist so: Wann immer ich mit jemandem so wie mit Ihnen Kaffee getrunken habe, hat er - oder sie - den Kaffee mit Milch und Zucker getrunken. Wenn Sie nun Ihren Kaffee ebenfalls schwarz trinken so wie ich, trifft mich das gewisserma├čen in der Substanz. Es ersch├╝ttert mich in meinem Selbstverst├Ąndnis als Schwarzer-Kaffee-Trinker. Verstehen Sie? Es macht mir Angst.┬╗
┬źAbsolut.┬╗, erkannte Joachim K. das Problem. ┬źSie m├╝ssten dann ihren Kaffee anstelle von mir mit Milch und Zucker trinken.┬╗
┬źExakt. Es k├Ąme einem Rollentausch gleich. Ich w├Ąre pl├Âtzlich ganz au├čer mir.┬╗
┬źIch trinke Ihnen zuliebe meinen Kaffee gern mit Milch und Zucker┬╗, versicherte Joachim K. und trank die hellbraune Fl├╝ssigkeit, die vor ihm auf dem Tisch stand. ┬źUnd danke, Herr Grotowski. Ich darf doch annehmen, dass Sie Grotowski hei├čen.┬╗
┬źHans Grotowski. So ist es.┬╗
┬źEs h├Ątte auch sein k├Ânnen, dass Sie f├╝r Ihren Schwager hier die Blumen gie├čen oder dergleichen. Es ist ja im Prinzip das ganze Jahr ├╝ber Urlaubszeit, darum frage ich.┬╗

┬źV├Âllig richtig, v├Âllig richtig.┬╗ Grotowski hatte scheinbar die Angewohnheit, manche Dinge doppelt zu sagen. ┬źMan kann sich auf nichts mehr verlassen.┬╗, pflichtete er Joachim bei. Und Joachim: ┬źDar├╝ber wollte ich mit Ihnen┬╗
┬źAch ja, sie sagten etwas von┬╗
┬źeiner nicht mehr stimmigen Welt, genau.┬╗ beendete Joachim K dem Satz. ┬źAber nur scheinbar wie gesagt. Halten Sie mich nicht f├╝r verr├╝ckt.┬╗
┬źSie sind ein vern├╝nftiger Mann,┬╗, fand Grotowski, ┬źdas merkt man sofort. Aber erz├Ąhlen Sie! Es scheint Ihnen auf der Seele zu brennen.┬╗
┬źDas tut es.┬╗, best├Ątigte Joachim K. ┬źDas tut es. H├Âren Sie sich das dan: Erst war heute Morgen meine Zahnpasta leer, obwohl ich mir gestern noch damit die Z├Ąhne geputzt habe. Dann war keine Zeitung im Briefkasten. Und es war kein einziges Auto auf der Stra├če. Aber just, als ich nicht damit rechne und die Fahrbahn betrete, kommt eins und f├Ąhrt mich fast um. Und auf dem Bahnhof steht meine S-Bahn und wartet auf mich, obwohl sie sonst gerade wegf├Ąhrt, wenn ich komme.┬╗

┬źDas ist merkw├╝rdig.┬╗, gab Grotowski zu. ┬źAber es ist f├╝r Sie merkw├╝rdig. Schaun Sie, es geschieht ja nun ├Âfter, dass wildfremde Leute bei mir klingeln und ich mit Ihnen Kaffee trinke. Aber da kommt es auch durchaus vor, dass mal einer seinen Kaffee mit Milch oder gar mit Milch und Zucker trinkt und dann von mir das Gleiche oder etwas v├Âllig anderes erwartet. Sie m├╝ssen relativieren.┬╗
┬źHerr Grotowski, ich muss mit Bedauern feststellen, Sie verstehn mich nicht. Es scheint, Sie k├Ânnen das Ausma├č der Abweichung nicht nachvollziehen. Das summiert sich doch.
Etwas stimmt nicht, und ich will Gewissheit dar├╝ber, was es ist. Eine einzige Meinung reicht mir in dieser Sache, bei allem Respekt, nicht aus. Ich kann zum Beispiel immer noch nicht ausschlie├čen, dass heute ein Feiertag ist.┬╗
Grotowski kaute an einem Fingernagel und ├╝berlegte kurz. ┬źWollen Sie, dass ich den Fernseher anmache? Das kann ich gerne tun!┬╗, bot er an. Grotowski nahm eine der Fernbedienungen, die auf seiner Sessellehne lagen und dr├╝ckte einen Knopf. Er wechselte durch die Kan├Ąle. ┬źWas soll ich einschalten?┬╗
┬źNachrichten.┬╗, sagte Joachim K., der wie gebannt auf die Mattscheibe starrte.
┬źHier haben Sie einen Nachrichtensender. Ach, sehn Sie mal, die Aktienkurse!┬╗
Joachim K. beobachete misstrauisch die vorbeiziehenden Zahlen am unteren Bildschirmrand.
┬źKeine bedeutsamen Schwankungen. Und ein Feiertag kann heute auch nicht seien, denn sonst h├Ątte die Frankfurter B├Ârse geschlossen.┬╗ Grotowski blickte triumphierend.

Indessen berichtete die Fernsehmoderatorin von Fusionen, Hitzewellen und ├ťberschwemmungen und gab im Anschluss die neuesten Arbeitslosenzahlen bekannt.
Joachim K. nickte und sah nach vorne. ┬źAus so einer nationalen und globalen Perspektive sieht man es nicht. Es ist etwas, das mit der Stadt zu tun hat. Und das ist der Nachrichtensprecherin und der B├Ârse eben entgangen oder interessiert sie nicht.┬╗
┬źKein Problem!┬╗, rief Grotowski voller Hilfsbereitschaft und machte den Fernseher aus. Er griff zu einer zweiten seiner Fernbedienungen. In der Anbauwand leuchtete eine kleine Stereoanlage auf, aus der alsbald Oldiemusik ert├Ânte. ┬źIn sechs Minuten kommen die Nachrichten. Dann werden wir es wissen.┬╗, verlautbarte Grotowski mit Enthusiasmus.

Sie lauschten and├Ąchtig Simon and Garfunkel, die ┬źBridge over Troubled Waters┬╗ musizierten, sowie einem Elvis-Hit. Um sie der neuen Zeit anzupassen, war das Br├╝ckenlied mit einem monotonen Technobass unterlegt. Die schnelle Elvisplatte wurde au├čerdem in unregelm├Ą├čigen Abst├Ąnden angehalten. In die letzte dieser Pausen fielen drei n├╝chterne, aber sehr pr├Ąsente T├Âne, zwei kurze und ein langer. Dann eine Melodie. Die Nachrichten hatten begonnen.

Joachim K. hatte sich nach vorne gebeugt. Grotowski stellte die Lautst├Ąrke h├Âher. Die Neuigkeiten beschr├Ąnkten sich im Wesentlichen auf neue Einsparungen im Gesundheitswesen, Erh├Âhungen der Parkgeb├╝hren in der Innenstadt, eine Koalitionskrise im Abgeordnetenhaus, drei Blitzer und zwei Staus. Auch der Wetterbericht trug mit ┬źbew├Âlkt und etwas Sonne bei maximal 17 Grad┬╗ zur Mittelm├Ą├čigkeit bei. Von gr├Â├čeren Demonstrationen, Streiks, Festen oder Epidemien war nicht die Rede. Ein Radiomoderator begr├╝├čte die H├Ârer nach den Nachrichten zu einer neuen Stunde. Den Auftakt bilde der blinde Stevie Wonder mit dem Song ┬źI just call to say I love you┬╗. Im Hintergrund h├Ârte man schon den Bass, der auch dieses Lied zu einem potenziellen Sommerhit auf mallorcinischen Strandpartys machte.

Auf dem Sofa regte sich Joachim K. ┬źIch glaube, das, was nicht stimmt, reicht gar nicht f├╝r eine Nachricht aus. Es k├Ânnte absolut unscheinbar sein. Oder eine schleichende Entwicklung, die niemandem auff├Ąllt. Jedenfalls muss es etwas sein, was man nur in seiner unmittelbaren Umgebung erfahren kann.┬╗
┬źSehen Sie endlich ein, dass alles in bester Ordnung ist. Das Problem, wenn ich das sagen darf, liegt bei Ihnen selbst.┬╗
┬źHerr Grotowski┬╗, erwiderte Jochen K. scharf. ┬źSchauen Sie doch blo├č einmal aus dem Fenster. Es sind keine Autos auf den Stra├čen.┬╗
┬źVorhin haben Sie mir noch erz├Ąhlt, eines h├Ątte Sie fast angefahren.┬╗
┬źJa: ein einziges! Und dann ist da noch dieser modrige Akzent in der Luft.┬╗
┬źVielleicht haben Sie die anderen ├╝bersehen. Manchmal ist man so in Gedanken ... Der Geruch kommt daher, dass es die ganze letzte Nacht geregnet hat.┬╗
Joachim K. trank den kalten Rest seines Kaffees und erhob sich. ┬źNehmen Sie es nicht pers├Ânlich. Ich muss gehen und herausfinden, was nicht stimmt. Hier komme ich nicht weiter.┬╗
Grotowski begleitete ihn zur T├╝r. ┬źSie k├Ânnen jederzeit wiederkommen. Halten sie mich auf dem Laufenden.┬╗
┬źDas werde ich.┬╗ Joachim K. ging. Im Hausflur funktionierte das Licht nicht.

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