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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die Witwe des Trompeters
Eingestellt am 20. 06. 2007 11:21


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Orgelbeben
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Die Witwe des Trompeters

Claire Baudouin, die im Viertel nur die Heilige genannt wurde, sa├č in einem stillen Moment der Trauer an ihrem K├╝chenfenster. Vor ihr auf dem Tisch dampfte eine hei├če Schokolade ihr unbeachtetes Aroma in den Raum und tr├╝bte mit leicht wallendem Schleier die angegilbte Schwarzwei├č-Photographie eines elegant wirkenden Mannes. Das Bild hing in einem schlichten, leicht angesto├čenen Rahmen an der Wand und dominierte den kleinen, komfortlos eingerichteten Raum mit still vorgetragener W├╝rde. Der Mann war in den besten Jahren. Seine dunklen, streng nach hinten gek├Ąmmten Haare gl├Ąnzten mit den Z├Ąhnen um die Wette, der schmale Mund gefiel sich in der Abrundung seiner Freude verhei├čenden Pose. Das Portrait bildete ihn bis zum Bauch ab. Vor seinem Brustkorb hielt er mit z├Ąrtlich zufassenden H├Ąnden eine Trompete, als wiege er ein Baby im Arm. Claire Baudouin weinte eine leise Tr├Ąnenflut die Wangen hinab, als sie seinem leuchtenden Blick begegnete.

Charles, ihr Ehemann, die einzige Liebe ihres Lebens, war vor f├╝nfundzwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. In den raren Augenblicken der Ruhe, die sie sich zugestand, wurde ihr die ganze Wucht des Verlustes bewu├čt, sengten hei├č zustechende Messer mit solcher Gewalt in ihr Herz hinein, da├č es sie vor Schmerz fast umwarf. Selbst mit mit den Jahren gewann Claire keinen Abstand zur Trauer. Auch wenn ihr Kopf begriffen hatte, da├č er nicht mehr da war, erschien es ihr bei jeder Wiederkehr ihrer Tr├Ąnen, als w├Ąre der Unfall gestern geschehen, als ereignete er sich jetzt. Ihr war, als sp├╝rte sie den Zauber seines letzten, s├╝├čen Kusses noch auf ihren Lippen. In Momenten wie diesen lief sie Gefahr, da├č aller Schmerz sie in der n├Ąchsten Sekunde verschlang.

Charles, der Trompeter. Jeder im Viertel kannte ihn, viele riefen gr├╝├čend seinen Namen, wenn sie ihn, der stets seinen Trompetenkoffer bei sich trug, auf der Stra├če antrafen, die Leute luden ihn spontan zu einem Kaffee ein, was Charles jedoch meistens ausschlug, weil er ├╝ben mu├čte. Zu dieser Zeit, es mu├č vor etwa f├╝nfunddrei├čig Jahren gewesen sein, war Charles bereits eine nationale Gr├Â├če und einer der hochverehrten Mitglieder des Modern Jazz-Quintetts Les Domptoirs de la Nuit. Es war die Zeit der frischen Melodie, der Experimentierfreude, der ├ťberwindung vorgegebener Grenzen. Es war kurz vor der Zeit, als Charles bei einem Gig von einem der weltbekannten amerikanischen Jazzmusiker entdeckt und prompt f├╝r eine Europatournee engagiert wurde. In diesen verhei├čungsvollen Tagen verliebte er sich in die blutjunge Erzieherin Claire Ragneaux, die wenige Meter von seiner Wohnung entfernt in einem st├Ądtischen Kindergarten arbeitete. Die ruhige, in bescheidener Einfachheit lebende Claire, eine h├╝bsche Person von damals knapp zwanzig Jahren, erwiderte seine Liebe, deren heftiger, romantischer Sturmwind ihr den Atem nahm. Mittags, wenn die Kinder f├╝r eine Stunde ruhten, trafen sich Charles und Claire unter der Kastanie in dem kleinen Garten, der zum Kindergarten geh├Ârte.

Err├Âtend geno├č sie den zarten Wohlklang seiner Komplimente, erlaubte ihm einen fl├╝chtigen Ku├č, wenn sie sicher war, da├č niemand sie beobachtete, und lauschte ergriffen seinen Erz├Ąhlungen von der Musik, von den Proben mit den anderen Jungs und von seinem Traum, eines Tages zusammen mit den schwarzen Jazzkoryph├Ąen Amerikas auf der B├╝hne zu stehen und wenigstens einen Hauch ihres Glanzes mit nach Hause zu nehmen. Sie bewunderte Charles f├╝r die schw├Ąrmerische Art, mit der er seine Tr├Ąume vortrug. Claire f├╝hlte, da├č er genug Energie besa├č, um aus seiner Phantasie Wirklichkeit werden zu lassen. In der rosaroten Welt ihres Verliebtseins entging ihr, da├č Charles von sich redete, da├č ihre gemeinsame Zukunft und seine eigene identisch waren. Er war so sehr durchdrungen von seiner Idee von sich selbst, da├č er alles andere dar├╝ber verga├č. Nat├╝rlich war seine Liebe zu Claire aufrichtig, aber sie war es auf seine Weise. Er wurde nicht m├╝de, ihr zu erz├Ąhlen, was er ihr alles kaufen w├╝rde, wenn er erst einmal ber├╝hmt war. In den buntesten Farben beschrieb er das Haus, in dem sie wohnen w├╝rden, erfand Namen und Kosew├Ârter f├╝r ihre Kinder.

Seiner Begeisterung entging Claires abwartendes Schweigen. Sie wartete geduldig auf den Moment, an dem er endete, um ihre eigenen W├╝nsche auszusprechen, doch kaum hob sie an, war ihm bereits die n├Ąchste Vision gekommen. F├╝r ihn stand fest, da├č Claire die Rolle zukam, die Gattin eines ber├╝hmten Jazztrompeters zu sein. Seine Sicht der Welt, die jeden Mittag unter dem Kastanienbaum ein St├╝ck heranwuchs, entsprach der Vollkommenheit ihres gemeinsamen Gl├╝cks. Charles war so sehr von seiner Bestimmung vereinnahmt, da├č er Claire niemals die Gelegenheit zum Erz├Ąhlen gab, wie sie sich ihr Leben mit ihm vorstellte. Er ging einfach davon aus, da├č seine Welt f├╝r sie beide reichte, womit er in den ersten Jahren Recht behielt.

In ihrer Bewunderung f├╝r Charles Baudouin, den Mann, dem alles, wovon er tr├Ąumte, zu gelingen schien, lie├č Claire eigene W├╝nsche und Bed├╝rfnisse ruhen. Sie gab sich mit ihrer Arbeit im Kindergarten zufrieden, begn├╝gte sich unter Freundinnen und Nachbarn mit ungezwungenen Plaudereien ├╝ber das Allt├Ągliche und b├╝gelte Charles sorgf├Ąltig die wei├čen Hemden, die er f├╝r seine Auftritte bevorzugte. Ein Jahr nach dem ersten Treffen im Garten des Kinderhorts heirateten sie. Claire brauchte einige Zeit, bis sie sich daran gew├Âhnt hatte, da├č sie von nun an von jedem Mme Baudouin genannt wurde. Es befremdete sie, wenn Burschen, die sie ein paar Tage zuvor bei einem Gig gesehen hatte, sie freim├╝tig auf das Konzert ansprachen und ├╝ber CharlesÔÇÖ unverwechselbaren Stil zu philosophieren begannen. Sie war peinlich ber├╝hrt, als sie bei der Frage, ob Charles der europ├Ąische Miles Davis sei, ins Stocken geriet, weil sie nicht genau wu├čte, was dieser Davis mit ihrem Mann zu tun hatte. Seit sie Mme Baudouin war, lernte sie, in den Blicken der Leute zu lesen. F├╝r diejenigen, die sie seit ihrer Kindheit kannten, blieb sie die kleine Claire, deren Papa vor dem Krieg der Drogerieladen neben dem Postamt geh├Ârt hatte. Es gab alte Leute, die sie immer noch fragten, wie es ihm ging, obwohl im Viertel allgemein bekannt war, da├č er als Mitglied der Widerstandsbewegung verhaftet und erschossen worden war, nur drei Wochen, bevor die Alliierten die Nazis vertrieben. Mit diesen Menschen hatte Claire gelernt zu leben.

Es waren die Neider, vor allem unter den Frauen, deren falsch l├Ąchelnde Blicke sie beunruhigten. Es waren spitze Bemerkungen beim Friseur, unangenehme Andeutungen wie die ├╝ber den liederlichen Lebenswandel, den besonders die Jazzmusiker zu pflegen schienen. Einmal fragte die Frau des Grundschulleiters, eine mi├čg├╝nstige Person, die sich gern am Ungl├╝ck anderer weidete und mit Sicherheit 102 Jahre alt werden w├╝rde, um ihre H├Ąme voll auskosten zu k├Ânnen, ganz beil├Ąufig, welche Drogen Charles denn n├Ąhme, um solch eine komische Musik zustande zu bringen. Die amerikanischen Jazzmusiker w├╝rden alle Drogen nehmen, aber das seien ja auch alles Schwarze. Claire war emp├Ârt. Charles trank nicht einmal im ├ťberma├č, und was Drogen mit Schwarzen zu tun hatten, wollte ihr auch nicht in den Kopf. Zu ihrer ├ťberraschung stellte sie fest, da├č die anderen Damen, die an diesem Vormittag beim Friseur sa├čen, entweder nickten oder schwiegen. Keine von ihnen erweckte den Eindruck, etwas gegen die Behauptung zu haben, da├č Jazzmusiker Drogen konsumierten. Ihr Mann nehme keine Drogen, schleuderte sie au├čer sich in die h├Ąmischen Gesichter und verlie├č mit zornesroten Wangen den Salon. Den Einwurf des Barbiers, da├č er die Musik ihres Mannes ganz entz├╝ckend f├Ąnde, hatte sie ├╝berh├Ârt.

Charles und Drogen! Claire pr├Ągte sich die Blicke ein, hinter denen sie H├Ąme vermutete, und zu ihrer Best├╝rzung waren sie pl├Âtzlich ├╝berall. Jeder, der sie ansprach und auf Charles zu sprechen kam, schien in Wirklichkeit nach Drogen zu fragen. Jeder, der CharlesÔÇÖ Musikstil lobte, war in ihren Ohren davon begeistert, da├č man als Drogenkonsument zu solch k├╝nstlerischen H├Âhen gelangen konnte. ├ťberall, hinter jedem Gesicht sah sie die Frau des Grundschulleiters, ihre Bigotterie, ihren den Schlagzeilen der Boulevardpresse nachgeplapperten Vorwurf und den daraus abgeleiteten Schuldspruch. Claire sagte sich, da├č sie unter Verfolgungswahn litt, da ihr die unversch├Ąmte Behauptung und die plumpe Gemeinheit, mit der sie vorgetragen worden war, so sehr zusetzte, da├č sie in ihrem Schock ├╝ber das Gesagte wohlmeinende Worte nicht mehr von den h├Ąmischen unterschied.

Charles lachte nur, als sie ihn ├╝ber die Verletzungen aufkl├Ąrte, die man ihrem und seinem Ruf mit diesen abscheulichen Phrasen beigebracht hatte. Das schlimmste an allem war, das Claire wu├čte, da├č es unsinnig war, sich deswegen angegriffen zu f├╝hlen, aber sie tat es nun mal. Charles nahm sie in den Arm, k├╝├čte sie auf die Stirn und meinte nur, dies sei eben die Kehrseite des Ruhms. Da er trotz seines hohen Bekanntheitsgrads und der vielen Auftritte noch keine nennenswerten Eink├╝nfte gemacht hatte, die den Neid anderer rechtfertigten, kamen die b├Âsen Worte auch ihm seltsam vor, aber f├╝r ihn waren die Leute, wie sie waren. Mit Menschen, die keinen Zugang zu seiner Musik hatten, pflegte Charles ohnehin wenig Kontakt, ihre Meinungen und Vorbehalte waren ohne Wert f├╝r ihn. Claire, die den Menschen des Alltags und ihren ├äu├čerungen in gr├Â├čerem Umfang ausgesetzt war, nahm sich die H├Ąme jedoch zu Herzen, zumal sie kein direktes oder indirektes Wort gegen sich erinnerte, seit sie als Kind damit begonnen hatte, ihre Umgebung mitsamt den Menschen darin als ihren Lebensraum wahrzunehmen und zu akzeptieren. Charles zuliebe beschlo├č sie, f├╝r sich einen Weg zu finden, der ihr dabei half, die Anfeindungen des Alltags zu ertragen. Mit der Zeit fa├čte sie den Mut, geh├Ąssige Bemerkungen mit einer treffenden, aber stets sachlichen Antwort zu parieren, und verschaffte sich damit einigen Respekt.

Die Monate verstrichen. CharlesÔÇÖ Engagements wurden immer zahlreicher, seit neuestem spielte er sehr oft au├čerhalb der Stadt, einige Male sogar im angrenzenden Ausland. Das hatte den Vorteil, da├č er allm├Ąhlich richtiges Geld verdiente, aber daf├╝r der gemeinsamen Wohnung ├╝ber Tage und manchmal ├╝ber Wochen fernblieb. Claire weigerte sich trotz seines Dr├Ąngens, die Stelle im Kindergarten aufzugeben, um ihn die ganze Zeit begleiten zu k├Ânnen. Die vielen Auftritte, die pl├Âtzlich ihr gemeinsames Leben bestimmten, die Journalisten, deren Fragedurst unstillbar nach L├Âschung verlangte, der endlos tanzende Rummel um CharlesÔÇÖ Person, den er vollkommen auskostete, waren ihr zuviel. Sie sch├Ątzte ein Leben, das in geordneten Bahnen verlief, doch im Sog ihres Gatten f├╝hlte sie sich jeden Tag aufs Neue ├╝berrumpelt, ohne das Gef├╝hl zu haben, auf ihren eigenen Beinen zu stehen.

Nat├╝rlich war Claire stolz auf ihren Mann, sie freute sich f├╝r ihn, wenn er, euphorisch wie eh und jeh, den Ruhm des Auftritts in sich tragend, die j├╝ngst verklungene Magie eines Jazzkonzerts f├╝r sie noch einmal heraufbeschwor. Sie liebte es, wenn er zu den Kl├Ąngen einer kurz zuvor erdachten Melodie zur Trompete griff und das frische Werk f├╝r sie intonierte, nur um das Instrument im selben Augenblick auf den Tisch gleiten zu lassen und sie, z├Ąrtlich ihren Namen summend, mit leuchtender Leidenschaft an sich zu ziehen. Die daraufhin unvermeidlich, aber taktvoll knarrenden Bettfedern jener Abende gedachten der gebotenen Elastizit├Ąt, welche die junge Ehe im Angesicht des brodelnden Erfolges zu meistern hatte. Doch mit den Monaten ver├Ąnderte sich die Gunst des Augenblicks. Die enorme Anstrengung, welche den Erfolg unweigerlich begleitete, forderte ihren Tribut ein. CharlesÔÇÖ Begeisterung, bis dahin eine seiner am meisten bewunderten Charaktereigenschaften, wirkte, besonders nach Auftritten, die in der Kritik schlecht abgeschnitten hatten, immer h├Ąufiger inszeniert. Seiner Frau zeigte er bis dahin unbekannte Zust├Ąnde k├Ârperlicher und geistiger Ersch├Âpfung, die ihn an der Aufmerksamkeit, die ihr eheliches Leben verdiente, nachdr├╝cklich hinderte. Die knapp bemessene Zeit, in der sie sich sahen, ohne die Gegenwart anderer ber├╝cksichtigen zu m├╝ssen, wurde zu Momenten stumpf verlebter Lethargie, in denen Charles und Claire es vers├Ąumten, einander nahe zu sein. Die Kluft zwischen den verschiedenen Welten, in denen sie lebten, begann mit unterschwelligem Knacken, sich zu einem schwer ├╝berbr├╝ckbaren Abgrund zu ├Âffnen. Zwei H├Ąnde, zuvor im festen Griff der Partnerschaft vereint, l├Âsten sich in Anbetracht einer unaufhaltsam hereinbrechenden Naturgewalt.

Es kam vor, da├č Charles auf die Erz├Ąhlungen seiner Frau mit ungewohnt heftiger Gereiztheit reagierte, weil er f├╝r die Anh├Ârung allt├Ąglicher Erlebnisse, wie seine Frau sie berichtete, kein Ohr besa├č. Sie sollre ihn besser inspirieren, herrschte er sie an, als irgendeinen Quatsch vom Friseur von sich zu geben. Sein scharfer Ton tat ihm der derselben Sekunde leid, doch entgegen seiner Absicht h├Ąuften sich Ausbr├╝che, die ihr schmerzvolle Tr├Ąnen in die Augen zwangen. Zun├Ąchst schob sie es auf seine fortw├Ąhrende ├ťberlastung, auf den Erfolgsdruck, dem er sich ausgesetzt sah und verzieh ihm rasch, da ihr Gem├╝t inzwischen gelernt hatte, das Gift h├Ąmisch ge├Ąu├čerter Worte zu verw├Ąssern. Anfangs sch├Ąmte sie sich noch daf├╝r, in dem Gesagten ihres Mannes insgeheim etwas B├Âswilliges zu erkennen, sp├Ąter, als fortw├Ąhrender Streit die d├╝nn gewordene Sehne ihrer Ehe ├╝berdehnte, konfrontierte sie ihn damit, und brachte die Schnur zum Rei├čen. Den Nachbarn war der Hader im Hause Baudouin nicht verborgen geblieben, was dazu f├╝hrte, da├č durch einen Streit gesch├╝rte Ger├╝chte schon bald auf der Stra├če und schlie├člich in der Abendausgabe der Boulevardbl├Ątter die Runde machten. Die Damen des Viertels diskutierten beim Friseur eifrig dar├╝ber, ob diese Ehe noch zu retten sei, die Frau des Grundschullehrers f├╝hlte sich in ihrer Auffassung best├Ątigt, da├č Drogen und Alkohol den ber├╝hmten Musiker in den Wahnsinn getrieben h├Ątten, weil diese Musik einen solchen Lebenswandel nun einmal herausfordere. Niemand widersprach ihr. Die M├Ąnner in den Cafes schlossen Wetten ab, wie lange die Ehe zwischen Charles und Claire Baudouin noch halten w├╝rde. Einige fragten mit b├Âser Zunge, wer am Ende wen aus dem Fenster bef├Ârderte. Eine Nachbarin aus dem Erdgescho├č behauptete, Claire eines fr├╝hen Morgens mit unordentlicher Bekleidung und betrunken im Hausflur angetroffen zu haben, was ihr im Kindergarten, wo ihre Beziehung zu Charles immer aufmerksamer verfolgt wurde, zus├Ątzlichen ├ärger einbrachte. Sie hatte gro├če Schwierigkeiten damit, zu belegen, da├č sie im Windschatten ihres Mannes keinen l├Ąsterlichen Lebenswandel f├╝hrte und mu├čte schlie├člich einen Bluttest machen, um ihren selbsternannten Kritikern zu beweisen, da├č sie nicht trank. Nur mit M├╝he und unter Berufung auf den Bonus vergangener Tage schaffte sie es, ihren Job zu behalten. Die Nachbarin, der ├╝blen Nachrede ertappt, tat von nun an so, als sehe sie Claire nicht, wenn sie ihr im Hausflur begegnete. Noch Jahre sp├Ąter, als niemand ihr gegen├╝ber diese Zeit nochr zum Thema machte, fragte sich Claire, wie es so weit hatte kommen k├Ânnen. Die Antwort war einfach.

Der Streit zwischen ihr und Charles eskalierte, als sie herausfand, da├č er Drogen nahm. W├Ąhrend sie den Mutma├čungen aus Nachbarschaft und Presse abweisend gegen├╝berstand und ihren Mann trotz seiner Wutanf├Ąlle vor den Anfeindungen von au├čen in Schutz genommen hatte, hielt Charles in Musikerkreisen bereits den unr├╝hmlichen Ruf eines ernstzunehmenden Drogenabh├Ąngigen. Man betrachtete dort seine Sucht nicht mit der ├╝blichen moralischen Abscheu, solange sein Spiel immer schnellere, immer faszinierendere Modulationen hervorbrachte, die wiederum seine Partner zu musikalischen H├Âchstleistungen trieben. Doch jenseits der B├╝hne galt der urspr├╝nglich friedfertige Charles mittlerweile als unberechenbar. Mal schrie er den Bassisten wegen einer falschen Note zusammen, mal warf er mit Flaschen nach einem der privilegierten Probenzuh├Ârer, weil ihm dessen Gesicht nicht pa├čte. Zum endg├╝ltigen Eklat kam es, als er w├Ąhrend eines Auftrittes Zuschauer beleidigte, die ihm seiner getr├╝bten Auffassung nach zu wenig Aufmerksamkeit erwiesen. Um seine groben Worte zu unterstreichen, lie├č er die Hosen runter und pr├Ąsentierte dem br├╝skierten Publikum sein Hinterteil. Als ihn die ├╝brigen Bandmitglieder von der B├╝hne ziehen wollten, fing er eine w├╝ste Schl├Ągerei an, bei der er dem Bassisten eine Kieferfraktur zuf├╝gte. Erst der Schlagstockeinsatz der eilends herbeigerufenen Polizei vermochte dem grotesken Spektakel ein Ende zu setzen. Charles verbrachte die Nacht im Gef├Ąngnis. Er hatte eindrucksvoll daf├╝r gesorgt, die Jazzmusik in der ├ľffentlichkeit in Verruf zu bringen.

Claire erfuhr von dem Vorfall von einem der Bandmitglieder. Sie wollte immer noch nicht glauben, das Charles drogens├╝chtig war, doch das j├╝ngste Ereignis entfachte ihren Zweifel. Sie untersuchte seine Kleidungsst├╝cke, um Gewi├čheit zu erlangen und erschrak, als sie in einem seiner Jacketts das kleine T├╝tchen entdeckte, in dem sich der winzige Rest eines wei├člichen Pulvers befand. Zorn schwoll ihren Hals hinauf, sie warf das Jackett in eine Ecke und ri├č in ihrer Wut die B├╝cher aus dem Regal. Dann weinte sie, denn ihr wurde klar, wie naiv sie gewesen war. Sie sah nun ein, da├č ihr Mann, entgegen ihres Vertrauens, da├č sie bei allem Streit in ihn gesetzt hatte, Drogen nahm.
Sie beschlo├č, zum Gef├Ąngnis zu fahren, um ihn zur Rede zu stellen. Dort lie├č man sie wissen, da├č ihr Mann wegen seines Drogenmi├čbrauchs in eine geschlossene Klinik geschickt worden sei, wo er bis zu seiner vollst├Ąndigen Genesung verbleiben m├╝sse. Danach w├╝rde ihm wegen einer Reihe von Delikten der Proze├č gemacht. Vor Ablauf einer Behandlungsfrist von vier Wochen d├╝rfe ihn niemand besuchen, auch nicht seine Frau. Die Polizisten waren nicht sonderlich auskunftswillig und ihre absch├Ątzenden Blicke verrieten Claire, da├č man sie ebenfalls f├╝r eine S├╝chtige hielt. Sie verzichtete darauf, sich zu beschweren, da├č man sie ├╝ber die Verbringung ihres Mannes nicht benachrichtigt hatte, und ging. Sie war fest entschlossen, Charles zu sehen.

Das Krankenhaus, die einzige Einrichtung ihrer Art in der n├Ąheren Umgebung, war in einem ehemals herrschaftlichen Landsitz untergebracht. Sie fuhr mit dem Taxi vor und mu├čte beim Durchschreiten des Eingangsportals voller Schrecken feststellen, da├č diese Einrichtung f├╝r Kranke gedacht war, denen man keine Hoffnung auf Genesung mehr zuma├č. Bereits auf den ersten Blick sah diese Klinik wie eine Irrenanstalt aus, in der man schwerste F├Ąlle kasernierte, um die Gesellschaft vor ihnen zu sch├╝tzen. Am Empfang verlangte sie mit dem behandelnden Arzt ihres Mannes zu sprechen. Nach anderthalb Stunden Wartezeit lie├č man sie vor. Der Doktor war freundlich. Er kl├Ąrte sie ├╝ber den Zustand ihres Mannes auf, bezeichnete diesen wiederholt als sehr ernst, da sich seine Sucht im fortschreitenden Stadium befinden w├╝rde, und eine Chance auf Heilung nur durch die strikte Einhaltung medizinischer Disziplin zu erreichen w├Ąre. Vier Monate sei das Minimum f├╝r einen Entzug, wie der Doktor die angestrebte Kur betitelte. Arglos fragte er nach Claires pers├Ânlichen Erfahrungen mit Drogen, deren Vorhandensein sie verneinte. Sie nehme keine Drogen und habe sich mit diesem Thema bislang kaum auseinandergesetzt. Der Arzt sah ihr an, da├č sie nur eine vage Ahnung von dem besa├č, was mit ihrem Mann geschehen war. Er offerierte ihr, in der n├Ąchsten Woche zur selben Zeit wiederzukommen. Wenn sie es w├╝nschte, w├╝rde er ihr eine Vorstellung davon vermitteln, was Drogen mit ihren Konsumenten anrichteten. Unter der Voraussetzung, da├č sie ihren Mann sehen d├╝rfe, sagte Claire zu.

Was sie in der folgenden Woche zu h├Âren und zu sehen bekam, verschlug ihr den Atem. R├╝ckblickend betrachtet trafen viele der genannten Symptome auf ihren Mann zu. Claire machte sich Vorw├╝rfe, wie sie all dies hatte ├╝bersehen k├Ânnen, sie sagte sich, da├č sie Charles von seinem Drogenkonsum h├Ątte abhalten k├Ânnen, wenn sie nur die Augen ge├Âffnet h├Ątte, anstatt sich von seiner aufbrausenden Art verletzen zu lassen. Als sie nach der Aufkl├Ąrung seitens des Arztes schlie├člich einen Blick durch das schmale, vergitterte T├╝rfenster in das Krankenzimmer ihres Mannes werfen durfte, erblickte sie das, was von dem ber├╝hmten Trompeter Charles Baudouin ├╝brig geblieben war: ein zusammengekauerter, zitternder Mann mit ausgezehrtem, leer starrenden Blick, der von blauen Flecken und Sch├╝rfwunden ├╝bers├Ąt war und geistesabwesend Sabberbl├Ąschen aus seinem Mund blies. Claire bedeckte vor Entsetzen mit beiden H├Ąnden ihr Gesicht. Sie konnte es nicht fassen, da├č dieses H├Ąufchen Elend ihr Mann war, wandte sich unter Tr├Ąnen von der T├╝r ab und verlie├č die Klinik nach einer knappen Verabschiedung vom Doktor. Doch bereits am n├Ąchsten Tag kam sie wieder, bestand darauf, ihren Mann zu sehen und erreichte, da├č der Doktor den Besuch gestattete. In der vorangegangenen, schlaflosen Nacht hatte Claire sich entschlossen, f├╝r ihren Mann zu k├Ąmpfen. Der Doktor hatte sie darauf vorbereitet, da├č Charles, je nach momentaner Verfassung, schwierig sein k├Ânnte und stellte zu ihrer Sicherheit einen kr├Ąftig gebauten Pfleger ab, der im Falle einer Notsituation eingreifen sollte. Doch entgegen der Bef├╝rchtungen zeigte Charles seiner Frau gegen├╝ber keine Spur von Aggressivit├Ąt oder Verweigerung, wie er es bei den Pflegern getan hatte. Ungl├Ąubig betrachtete er Claire, die pl├Âtzlich, mit zittrigen Knien und einem Klo├č im Hals vor ihm stehend, in seine von Qualen gezeichnete Welt hineinbrach. Er hatte in irgendeiner Ecke des Raumes vor sich hinged├Ąmmert, was er grunds├Ątzlich tat, wenn er nicht wild tobend die T├╝r mit seinen F├Ąusten bombardierte. Das Klacken des Schlosses und die eintretende Person ignorierte er, bis eine zaghafte, sanfte Stimme aus weiter Ferne seinen Namen rief. Charles.

Seine Augen erkannten sie, f├╝llten sich mit salziger Traurigkeit und entlie├čen die pl├Âtzliche Empfindung in dick kullernden Tr├Ąnen auf die verw├╝steten, r├Âtlich ge├Ąderten Wangen. Charles stolperte unbeholfen auf die Beine, n├Ąherte sich Claire dem├╝tig wie einer unbeschreiblich g├Âttlichen Erscheinung, fiel zweimal hin und rappelte sich schlie├člich, in schwerf├Ąlligen Z├╝gen den Duft ihrer seidenweichen Kleidung kostend, vor ihrem erstarrten K├Ârper hoch. Claires Herz drohte in seiner N├Ąhe zu Bersten. Sie blickte in das Gesicht eines Auss├Ątzigen. Charles begann zu stammeln, blickte zu Boden, bat um Vergebung daf├╝r, da├č er es so weit hatte kommen lassen. Er bedauerte, da├č wegen seiner fanatischen Hingabe an die Musik ihre Partnerschaft gelitten hatte, da├č er, bei alledem, was ihn belastet hatte, nicht imstande gewesen war, sich ihr mitzuteilen. Seine Hand suchte zittrig die Geborgenheit der Ihrigen. Er versprach, seine Sucht zu ├╝berwinden, neu anzufangen, mit der Musik, mit ihr. Sie glaubte ihm, nahm sein Versprechen an und kehrte in den folgenden Wochen regelm├Ą├čig wieder, um ihm den Neubeginn mit ihrer Anwesenheit zu erleichtern. Sie wu├čte, da├č Charles auf sich allein gestellt, ohne den Anreiz, den eine andere Person ihm gab, ein zielloser, wankelm├╝tiger Mensch war, der am Anspruch seiner noblen Absichten zu scheitern drohte. In ihrer Gegenwart besserte sich sein desolater Zustand in kleinen, aber stets nach vorne gerichteten Schritten. Charles a├č wieder regelm├Ą├čig, und schon bald erlaubte der Doktor Spazierg├Ąnge im Park, bei denen ein Pfleger dem Ehepaar Baudouin in geb├╝hrendem Abstand folgte, um trotz der strengen Aufsichtspflicht die Privatsph├Ąre zu wahren. Sechs Monate sp├Ąter wurde Charles entlassen.

Die station├Ąre Entgiftung hatte unter Ausschlu├č der ├ľffentlichkeit stattgefunden, was Claire in der tr├╝gerischen Sicherheit wog, da├č das Schlimmste ohne weitere Katastrophen ├╝berstanden war. Doch bereits wenige Stunden nach ihrer R├╝ckkehr schellte das Telephon, und eine forsche Stimme am anderen Ende forderte ein Interview mit dem Heimgekehrten. Charles m├╝sse erkl├Ąren, wie er sich die Zukunft seiner Musik vorstelle, nachdem ihr Ruf durch seine Eskapaden gelitten habe. Eine Reihe solcher Anrufe folgten, Claire hatte einige M├╝he, die bisweilen unversch├Ąmten Reporter abzuwimmeln. Es war ihr ein R├Ątsel, woher die Presse wu├čte, da├č Charles wieder zu Hause war. Claire hatte Wert darauf gelegt, die R├╝ckkehr so unauff├Ąllig wie m├Âglich zu vollziehen, weshalb sie die Mittagszeit als Termin auserkoren hatte. In der Tat war alles ruhig, als sie aus dem Taxi stiegen, kaum Leute auf der Stra├če, niemand, der den Eindruck machte, stehenden Fu├čes die Presse zu alarmieren. Der Fahrer war ein alter Bekannter ihres Vaters, dem sie vertraute. Sie erinnerte sich nur, da├č hinter der Wohnungst├╝r im Erdgescho├č, wo die Verleumderin wohnte, Ger├Ąusche zu h├Âren gewesen waren. Claire stieg die kalte Wut ins Gesicht. Nat├╝rlich hatte diese alte Schnepfe sie verraten. Wieder klingelte das Telephon, Claire meldete sich gereizt. Es war die Polizei. Charles h├Ątte morgen fr├╝h acht Uhr im Polizeipr├Ąsidium vorstellig zu werden. Willkommen im Alltag, dachte Claire, ging leise ins Schalfzimmer und beobachtete ihren schlafenden Mann. D├╝nn war er geworden, sein entspanntes Gesicht zeigte eine ungewohnte Bl├Ąsse. Er atmete ruhig und regelm├Ą├čig.

Am n├Ąchsten Morgen konfrontierte ihn die Polizei ungeachtet seines geschw├Ąchten Zustandes mit den von ihm begangenen Rechtsbr├╝chen. Mehrfache Erregung ├Âffentlichen ├ärgernisses, schwere K├Ârperverletzung, Drogenmi├čbrauch und- Drogenhandel. Eines seiner Bandmitglieder behauptete, regelm├Ą├čig Drogen von ihm erhalten zu haben. Es war der Bassist. Der Beamte erkl├Ąrte Charles, da├č man Anklage gegen ihn erheben w├╝rde und da├č die Betrauung eines Rechtsbeistandes ratsam sei. Charles besa├č nicht die Kraft, den Vorw├╝rfen etwas entgegenzusetzen. Er nickte nur ab, was der Beamte sagte, erhob sich und ging. Auf dem Heimweg mu├čte er Claire eingestehen, da├č er tats├Ąchlich hin und wieder Kokain f├╝r die Jungs besorgt hatte. Er sagte, es t├Ąte ihm leid.

Die meisten Leute, denen sie begegneten, und die Charles fast alle kannten, nahmen keine Notiz von ihnen. Claire fr├Âstelte unter den eisigen, starr an ihnen vorbei gerichteten Blicken. Nur Jules, der den Zeitungskiosk hatte, fragte Charles ohne Hintergedanken, wie es ihm gehe. Charles l├Ąchelte nur, ohne zu antworten. In den folgenden Tagen nahm der Druck auf ihn zu. Reporter riefen nicht nur an, sondern belagerten sogar den Hausflur, bedr├Ąngten Claire, wenn sie morgens zur Arbeit ging, versuchten sie mit falschen Anschuldigungen zu provozieren. Es kam so weit, da├č die Polizei den Hausflur r├Ąumen mu├čte, weil die Nachbarn sich ├╝ber den andauernden L├Ąrm beschwerten. Am Ende hatte au├čer Charles jeder Hausbewohner seine Meinung ├╝ber den Fall zum Besten gegeben. Keiner ergriff f├╝r den gescholtenen Trompeter Partei. Auch von Seiten der Polizei nahm der Druck zu. Charles wurde laufend zu Verh├Âren bestellt, immer neuen Vorw├╝rfen ausgesetzt, mit schwerwiegender Bestrafung bedroht, falls er nicht kooperierte. Sein Anwalt, der ein gro├čer Jazzfreund war und der die Verteidigung des Musikers als Verteidigung der Musik an sich verstand, hatte alle M├╝he, die vielen in die Gespr├Ąche eingestreuten Ger├╝chte und Halbwahrheiten zu entkr├Ąften. F├╝rsprecher hatte Charles kaum. Seine Bandmitglieder, denen ebenfalls eine strafrechtliche Verfolgung wegen ihrer Drogendelikte drohte, hielten sich bedeckt, um nicht selbst in die Schu├člinie zu geraten. Es hatte den Anschein, als sollte an ihm ein Exempel statuiert werden.

Das einzig Gute an der unerfreulichen Auseinandersetzung war, da├č sie Charles und Claire zusammenschmolz wie nie zuvor. Sie achteten einander auf eine ganz andere Art als in den Tagen des Ruhms. Sie gaben einander R├╝ckhalt und Geborgenheit, wenn eines ihrer vier Augen ersch├Âpfte Tr├Ąnen der Verzweiflung beschrieb. Claire hatte das Gef├╝hl, da├č Charles ihr aufrichtig zuh├Ârte, sich ihrer Sorgen annahm und sich nicht, wie so oft, ihrer Beurteilung des Alltags durch eine sarkastische Bemerkung entzog. Er hatte inzwischen begriffen, da├č es jenseits des Jazz noch eine andere Welt gab, deren Regeln f├╝r seine Person Geltung besa├čen. Ihre Liebe bl├╝hte im Angesicht einer den Horizont vernebelnden Haftstrafe und setzte den Anfeindungen des Tages sinnliche Momente n├Ąchtlicher Leidenschaft entgegen. Durchdrungen von ihrem Liebesgef├╝hl und der rosigen Vision eines Neubeginns waren sie entschlossen, die ihnen auferlegten H├╝rden zu ├╝berwinden. Bis zu jenem Dienstag. Charles war fr├╝h aus dem Haus gegangen, um sich mit seinem Anwalt zu treffen.

Bisher hatte die Polizei aus irgendwelchen Gr├╝nden darauf verzichtet, ihn in Haft zu nehmen. Vielleicht hielt man Charles aufgrund der Zeugenaussagen f├╝r einen dicken Fisch im Drogengesch├Ąft und wollte ├╝ber ihn an seine Hinterm├Ąnner herankommen. Charles hatte gelacht, als ihm sein Rechtsbeistand diese These unterbreitete, doch dessen eingefroren ernste Miene hatte ihn flugs verstummen lassen. In Konfrontationen wie diesen begriff er allm├Ąhlich, da├č er sich in einer ernsten Lage befand. Der neuerliche Termin hatte sich ergeben, weil der Anwalt unter Berufung auf zahlreiche Formfehler beim Verh├Âr seitens der Polizei und die erwiesenen Falschaussagen einiger als verfahrensrelevant betrachteter Zeugen den schwerwiegendsten Anklagepunkt, den mutma├člichen Drogenhandel, aus der Anklageschrift entfernt wissen wollte. Charles sollte als Justizopfer dargestellt werden, was bei Gelingen die Vollstreckung eines strengen Urteils ├Ąu├čerst unwahrscheinlich machen w├╝rde. Mit diesem Wissen im Hinterkopf verlie├č Charles nach einem langen, z├Ąrtlichen Abschiedsku├č in zuversichtlicher Stimmung das Haus. Er kam genau zwei Querstra├čen weit. An der gro├čen Kreuzung, wo der Boulevard St.Michel in die Obere Ringstra├če m├╝ndete, wurde er von einem Lastwagen erfa├čt, der die rote Ampel ├╝bersehen hatte. Jede Hilfe, die von den aufgeregten Passanten angestrengt wurde, kam zu sp├Ąt. Charles starb, zun├Ąchst unerkannt, noch am Unfallort. Claire war drauf und dran, ihrem Gatten zu folgen, als sie von seinem Unfall erfuhr. Nur das beherzte Eingreifen der beiden Polizisten, die ihr die Nachricht ├╝berbrachten, verhinderte, da├č sie sich in ihrem ersten Schmerz vor ihren Augen die Pulsadern aufschnitt. Die folgenden N├Ąchte verbrachte sie im St├Ądtischen Krankenhaus, nahm apathisch an der Beerdigung Teil, die an einem regnerischen Herbsttag im engsten Kreis auf dem kleinen Kirchhof in der N├Ąhe des Kindergartens stattfand und zog sich danach f├╝r Wochen in die Einsamkeit zur├╝ck.

Sie lebte vom bescheidenen Verm├Âgen ihres Mannes, da├č nach der Entziehungskur, den Schmerzens-und Bu├čgeldern, auf deren Zahlung sich Anwalt und Ankl├Ąger nach CharlesÔÇÖ Tod ├╝berraschend schnell geeinigt hatten, gerade zur Deckung ihrer monatlichen Aufwendungen ausreichte. Sie ging nicht mehr in den Kindergarten zur├╝ck. Nach einigen Jahren, in denen sie vorwiegend den Nachla├č ihres Mannes verwaltete und ansonsten zur├╝ckgezogen in ihrer Wohnung lebte, fa├čte sie die Entscheidung, mit dem verbliebenen Geld und einem ihrer Bank beschwerlich abgetrotzten Kredit ein kleines Cafe einzurichten. Dort spielte sie Jazzmusik, um die Erinnerung an ihren Mann wachzuhalten, schm├╝ckte die W├Ąnde mit Schwarzwei├čphotographien ber├╝hmter drogens├╝chtiger Musiker und bot den S├╝chtigen, die weit ├╝ber die K├╝nstlerzirkel hinausgewachsen waren und von ihrer Sucht loskommen wollten, eine Anlaufstation. Anfangs kamen Dealer, die sich dar├╝ber freuten, da├č ihre Kunden alle auf einem Haufen vesammelt waren und andere zwielichtige Personen, die den Sinn und Zweck des Cafe Baudouin mi├čverstanden.

Doch Claire sorgte daf├╝r, da├č ihre eigentliche Zielgruppe auf sie aufmerksam wurde. Sie arbeitete mit dem Arzt zusammen, der ihren Mann behandelt hatte, gewann die beiden Polizisten f├╝r sich, die sie am schlimmsten Tag ihres Lebens vom Selbstmord abgehalten hatten und arrangierte sich mit den Nachbarn, die ihrer Idee einer Begegnungsst├Ątte f├╝r Drogens├╝chtige bestenfalls skeptisch gegen├╝berstanden. Als die ersten Schwierigkeiten ├╝berwunden waren und der Kreis ihrer Unterst├╝tzer wuchs, weil Claire Erfolge pr├Ąsentieren konnte, die darin bestanden, da├č dank ihrer Einrichtung junge Menschen von ihrem Drogenmi├čbrauch entw├Âhnt wurden, verminderte sich der Argwohn ihrer Kritiker. Durch ihre Kontakte zur Polizei verbannte sie die Dealer aus ihrem Laden und sorgte daf├╝r, da├č sie wegblieben. Dank ihrer unersch├╝tterlichen Geduld mit den S├╝chtigen, die sie um Unterst├╝tzung ersuchten, machte sie sich einen Namen in der Szene: man nannte sie wegen ihres selbstlosen Eintretens f├╝r das Wohlergehen ihrer Sch├╝tzlinge bald die Heilige, einen Titel, den sie selbst nie f├╝hrte und mit dem sie niemand ansprach. Nach den ersten Erfolgen folgten die ersten R├╝ckschl├Ąge, die Claire dazu veranla├čten, ihre Hilfe auszubauen, ihr Angebot professioneller zugestalten. In den folgenden Jahren war sie durch Spenden in der Lage, Aufkl├Ąrungsseminare anzubieten, Kuren zu vermitteln, Mitarbeiter zu besch├Ąftigen, die den S├╝chtigen halfen, bei formalen Dingen, bei anstehenden Gef├Ąngnisaufenthalten, aber auch bei Allt├Ąglichkeiten ihre W├╝rde zu bewahren.

Nat├╝rlich beseitigte Claire Baudouin die Drogen nicht aus der Stadt oder auch nur aus dem Viertel, aber sie sorgte daf├╝r, da├č die S├╝chtigen eine Chance erhielten, sich wieder ins b├╝rgerliche Leben einzugliedern. Durch Charles hatte sie gelernt, da├č es wichtig war, jemanden bei dieser Art Kampf nicht sich selbst zu ├╝berlassen. Zu ihrer sp├Ąten Genugtuung wurde Charles nach Jahren des Stillschweigens als K├╝nstler rehabilitiert, seine St├╝cke von anderen Musikern neu aufgelegt, sein Name in der Fachpresse geehrt. Jetzt, f├╝nfundzwanzig Jahre nach seinem Tod war sogar ein j├Ąhrliches Festival im Gespr├Ąch, da├č seinen Namen tragen sollte. Seine Eskapaden und seine Drogensucht wurden nur am Rande erw├Ąhnt und als zeittypische Jugends├╝nden behandelt.
Die Arbeit half Claire, den Schmerz ├╝ber den Verlust ihres Mannes im Zaum zu halten, doch an tr├╝ben, regnerischen Sonntagen, wenn sie nachmittags sinnend bei einem hei├čen Kakao in der K├╝che sa├č, f├╝hrte sie sich vor, da├č alle F├╝rsorge, da├č alles Engagement f├╝r die Belange ihrer Sch├╝tzlinge Charles nicht wieder ins Leben zur├╝ckbringen konnte. Wenn die Stille eines ruhigen Nachmittages ihr Herz umschlang, erkannte Claire Baudouin, da├č sie die Witwe des Trompeters war, dessen Abbild ihrem Schmerz mit unbedarfter Heiterkeit entgegenlachte.


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