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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die Zaubervase
Eingestellt am 26. 04. 2001 16:02


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Omar Chajjam
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Die Zaubervase

Zu Beginn der Geschichte der Menschheit herrschte Natur und der tiefe Glaube an die Allgewalt der G├Âtter. Erst zuk├╝nftige Generationen werden das Licht der Vernunft in die Welt tragen. Und doch haben wir die Antwort auf den Sinn unseres Lebens auf dem Weg in die Finsternis unserer Zukunft verloren.

Der Weg aus der W├╝ste in die gro├če Stadt Lagasch mitten zwischen den lebensspendenden Fl├╝ssen des Euphrat und Tigris war kurz. In diesen Zeiten des Anfangs, als die Menschen aus den S├╝mpfen und W├╝sten in die strahlenden St├Ądte Mesopotamiens zogen, herrschte ├╝ber die volkreiche Stadt Lagasch aus Gnaden der fruchtbringenden G├Âttin Baba, die die gro├če W├╝ste immer neu zum Bl├╝hen bringt, Urukagina. Durch seine Kraft lebten die Menschen in Wohlstand. Der Hunger verbarg sich in der W├╝ste Nefud und die D├╝rre blieb auf den Hochebenen Elams. G├╝tig war der Herrscher und freigiebig auf allen Wegen, die er schritt, gewaltig im Krieg, doch auch gerecht zu den Sklaven im Tempel der Nanse und in den Wollwebereien.

Auch die wandernden semitischen St├Ąmme der W├╝sten achteten die Macht und genossen die Gerechtigkeit und Freigiebigkeit des Herrn der Stadt. Immer zum Tag des gro├čen Opfers nach der Haupternte zogen sie in die Stadt, um ihre Ziegen und Rinder gegen das geerntete Korn zu tauschen. In den Gassen der Stadt wurde das Erntefest zu Ehren Babas gefeiert.

In diesen Tagen war es ├╝blich, da├č auch der gro├če Gerichtstag gehalten wurde vor dem Thron des Gerechten auf dem Platz vor der Ziqqurat der Baba. Die Stammesoberh├Ąupter brachten ihre Klagen um Weidepl├Ątze und Fehden vor. Und es gab keinen unter ihnen, dem nicht Gerechtigkeit widerfahren w├Ąre. So war es der Brauch, da├č, um den Bund des Landes mit der Stadt zu vertiefen, Geschenke ausgetauscht wurden. In feierlichen Prozessionen schritten die Herren die vielen Stufen der Ziggurat hinauf und es kam ihnen so vor, wie der Weg in den Himmel.

Einer dieser Tage war es, als sich Urukagina das Gl├╝ck seines Lebens begegnete. Vor seinem Thron h├Ąuften sich die Geschenke, Gold und Weihrauch, Teppiche und Wollballen. Da trat eine hohe Gestalt vor ihn, angetan mit einem weiten Mantel aus Reiherfedern. Der Fremde mit den dunklen Augen der Semiten des Djebel Schammar trug in seinen H├Ąnden vor sich gestreckt die sch├Ânste Vase der Vergangenheit und Zukunft, so schien es Urukagina, als er auf seinem Thron auf sie niederblickte. Ganz aus Ton gl├Ąnzte sie doch sch├Âner als die sch├Ânste mit ├Ągyptischen Smaragden besetzte Goldvase des Tempels der Baba. In ihrer lichtblauen Glasur war sie ein Ebenbild des Himmels ├╝ber der Gro├čen Sandw├╝ste, aus der sie stammte. Sanft gef├╝hrt, sich z├Ąrtlich verj├╝ngend wuchs der Hals aus ihrem K├Ârper wie bei jungen M├Ądchen. Sie war ein Gef├Ą├č der G├Âtter.

Kniefallend, den Nacken gebeugt, hob der Magier die Vase dem Herrscher entgegen und sprach in seinen fremden semitischen Lauten: ÔÇ×Herr dieser gro├čen Stadt, dir bringe ich Dank f├╝r deinen Schutz und deine G├╝te durch diese Vase, die ich mit meinen eigenen H├Ąnden geformt habe. Aber wisse, in ihr liegt ein Zauber der Oasen von Djebel Schammar. Diese Vase kann Leben erschaffen und noch mehr, sie kann die Freuden des Paradieses bringen. Sie ist ein Kind der Oasen und ihr Wasser versiegt nie. Doch achte immer auf sie und halte sie in hohen Ehren, denn die Erde, aus der ich sie brannte, ist verg├Ąnglich.ÔÇť

Entz├╝ckt nahm der Herr Urukagina, der Pr├Ąchtige die Sch├Âne in seine beiden H├Ąnde und dankte dem Fremden mit einem Tongef├Ą├č, gef├╝llt mit goldgef├Ąrbten Weizenk├Ârnern als Zeichen seiner Huld. Nicht achtete er mehr der anderen Gaben, der Glaube, da├č in jedem geschaffenen Ding ein Zauber liegt, war tief in diesen Tagen am Anfang der Zeit .

Der Herr ├╝ber die mauerumg├╝rtete Stadt Lagasch befahl den Sklaven seines Hauses, die Vase in seinen Palast zu bringen und wies sie an, sie sorgsam auf das ├Ągyptische Ebenholztischchen in seinem Schlafgemach zu stellen, einem Geschenk des Pharao vom fernen Nil. Sie sollten, so war seine Weisung, die Vase mit den sch├Ânsten Lotusblumen der G├Ąrten f├╝llen, die sie finden konnten. Voll Ungeduld erwartete der Herr den Abend, um den Zauber erf├╝llt zu sehen, den ihm der Magier versprochen hatte. Doch gro├č war seine Entt├Ąuschung, als er den Saal betrat und die Vase betrachtete. Hatten sich doch die Lotusblumen nicht zum Paradies gewandelt und waren noch dieselben geblieben, die sie schon im Garten waren.

Wochen vergingen und der Winter nahte. Das waren die Tage, in denen die neuen Felder angelegt und die gro├čen Kan├Ąle gereinigt werden mu├čten, die die Wasser des Euphrat und Tigris in die Ebene vor der Stadt leiteten. Das waren die Tage, in denen der Herrscher sein hohepriesterliches Amt erf├╝llte und das Neugeschaffene der G├Âttin Baba weihte, der Allsch├Âpferin. Darum verga├č er auch die Vase und ihre Zauberkraft ganz ├╝ber der herrscherlichen Aufgabe fern von der Residenz in den Zelten der Feldarbeiter.

In den Tagen der Abwesenheit des K├Ânigs blieben die inneren Gem├Ącher des Palastes verschlossen und so wu├čte keiner von dem Wunder, das sich dort zugetragen hatte. Darum war Urukagina es auch ganz allein, der von diesem Wunder erfuhr, als er von seiner Reise zur├╝ckkehrte. In der Vase bl├╝hten die Lotusblumen noch immer wie am Tag ihrer Ernte. Ihr zartes Rosa leuchtete intensiv im D├Ąmmerlicht und ihnen entstr├Âmte ein Duft ├Ąhnlich dem Duft der Rosen im Morgentau, wenn sich ihre Kelche der Sonne ├Âffnen.

Urukagina befahl den Sklaven der Wache die T├╝ren zu schlie├čen und bei Todesstrafe keinen Menschen Zutritt zu gew├Ąhren, denn nur er gedachte das Gl├╝ck des Paradieses zu geniessen, das ihm der Magier versprochen hatte. Die Nacht schlief er ruhig, voll angenehmer Tr├Ąume. Ihm war, als w├╝rde er durch einen Garten wandeln, voll der herrlichsten Fr├╝chte und Blumen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Und als er des morgens erwachte, f├╝hlte er sich erfrischt und jung wie nie zuvor.

So vergingen die Wochen und Monate und aus der Kraft der Vase erwuchs ihm die Jugend neu im Alter. Denn sie war es, die mit ihrem Wasser den Lotus zum immerw├Ąhrenden Bl├╝hen brachte. Und ihre Kraft lie├č die Frische des Fr├╝hlingsmorgens in der hei├čen Sommernacht wirken, ihr Zauber brachte die Jugend zur├╝ck dem Menschen, der in ihrem Leuchtkreis lag.

So regierte Urukagina sechzehn Jahre ├╝ber Lagasch mit der Kraft der Vase und der Gunst des Volkes. Doch es geht den K├Ânigen so wie den Menschen. Immer, wenn er glaubt, da├č seine Wege sicher seien im flachen Land auf fester Stra├če, die er Jahr um Jahr gegangen ist, erf├╝llt sich sein Schicksal und es ├Âffnet sich ihm der Abgrund.

In diesen Tagen herrschte in Umma der Stadt im S├╝den im Delta des gro├čen Flusses Euphrat Lugalzagesi, der, einst ein Ekstatikerpriester der G├Âttin Nisaba, die Herrschaft usurpiert hatte und nun nach der Macht in auf den reichen Fluren Akkads griff. Auch die gro├čen St├Ądte Ur und Uruk waren ihm schon unterworfen. Die Orte des Zweistromlandes zitterten vor der Gewalt seiner Heere.

Es war der Tag vor der Sonnenwende, bevor man im Land die Feiern f├╝r die Ankunft des Gro├čen Regens beging, da├č Urukagina Lugalzagesi nach Lagasch einlud zum Zeremoniell f├╝r die G├Âttin Nisaba, der gro├čen Regenbringerin.

Der K├Ânig f├╝hrte seinen Gast durch alle Gem├Ącher des Palastes und sprach zu ihm, um seine Macht zu bes├Ąnftigen: ÔÇ×Alles, gro├čer Herrscher des S├╝dens, was du in diesem Palast findest, kannst du dein eigen nennen zum Zeichen meiner Zuneigung.ÔÇť Der Herrscher ├╝ber die stolzen St├Ądte des S├╝dens durch schritt alle S├Ąle und ma├č die reich geschm├╝ckten Hallen mit seinem Blick und sprach: ÔÇ×Nichts r├╝hrt meinen Verlangen, K├Ânig von Lagasch, denn alles besitze ich schon. Doch sag mir, welchen Schatz verbirgst du vor mir hinter den fest verschlossenen Toren deines Schlafgemachs?ÔÇť

Urukagina, das Licht seiner Stadt, erschrak zutiefst und f├╝hlte die Glut seines Herzens in seinen Schl├Ąfen. Doch dem gewaltigen Gast konnte er das Liebste nicht weigern zu sehen, das ihm doch sein Leben bedeutete und er ├Âffnete ihm die Tore weit.

Vor ihnen, auf dem ├Ągyptischen Ebenholztischchen stand die Vase. In ihrem Blau aus Azur und Flieder tr├Ąumten die Lotusblumen ihren Traum der Jugend in der hei├čen Sonne der fernen W├╝ste, deren Strahlen durch die ge├Âffneten T├╝ren drangen. Gedankenlos nahm der ruhmreiche Krieger des S├╝dens die Vase in seine schwertgewohnten H├Ąnde und indem er die Lotusblumen zerpfl├╝ckte, wandte er sich zum F├╝rsten: ÔÇ×So ist das wohl das wertvollste St├╝ck deiner Schatzkammer, oh Herrscher ├╝ber hundert Lehmh├Ąuser. So sieh denn,ÔÇť sprach er und brach ein St├╝ck aus der Vase: ÔÇťes ist doch nur auch aus Ton wie dein ganzes Reich und nicht aus hartem Metall. Und Ton wird zu Erde.ÔÇť Drauf stellte er die Vase zur├╝ck auf den Tisch, und Urukagina wu├čte wohl seine Worte zu deuten.

In derselben Nacht betete Der Herr mit allen Priestern zur G├Âttin Baba, der Allbesch├╝tzerin und erflehte ihren Beistand. Darauf lie├č er Lotusblumen bringen zum Schmuck der Vase und w├╝nschte allen einen guten Schlaf. Doch er selbst fand keine Ruhe auf seinem Lager in der dunklen Halle. Das Paradies blieb ihm in dieser Nacht verschlossen. Doch tr├Ąumte ihm, er st├╝nde vor den Pforten einer H├Âlle, und aus dem hei├čen Fieberwahn fielen alle gewonnenen Jahre der Jugend zur├╝ck wie ein Gewicht aus gl├╝hendem Blei und l├Ąhmten sein Gebein zum Greis und all sein Gl├╝ck der sechzehn Jahre wurde in einem Augenblick zum Ungl├╝ck ihm und Schrecken. Die Vase hatte ihre Macht verloren.

In Eile lie├č er nach dem Magier schicken, der Hof hielt in den Oasen des Djebel Schamar, da├č der ihm deute diesen Wandel und ihm die gute Kraft der Vase zu heilen. Der sprach: ÔÇ×Mein Herrscher gedenke meine Worte, die ich dir einst sagte. Halte die Vase in Ehren, denn sie verspricht das Paradies. Doch ist ihr Stoff ist verg├Ąnglich. Es fehlt ein St├╝ck aus ihr, ihr Zauber ist gebrochen. Doch f├╝ll sie ganz mit deinen Tr├Ąnen, dann kann es sein, da├č sie die Macht zur├╝ckgewinnt.ÔÇť

Da wu├čte der K├Ânig, da├č er sein Gl├╝ck verloren hatte, denn Ursache aller Tr├Ąnen ist das Leid, und Tr├Ąnen trocknen schnell im hei├čen W├╝stenwind. Da f├╝hlte der Herrscher einen gro├čen Zorn und packte die Vase in den F├Ąusten hoch ├╝ber seinen Kopf und warf sie mit Kraft zu Boden, da├č sie in tausend St├╝cke zerschellte und rief: ÔÇťSo such denn nach dem St├╝ck, das dir verlorenging , du bist ja jetzt zu tausend und wirst es wohl finden, auf das so mir wirst, was du mir einstmals warst.ÔÇť

In dieser Nacht erf├╝llte sich sein Schicksal, denn vor die Stadt mit allen seinen Speertr├Ągern und Schleuderern war der Sturmwind des S├╝dens gezogen. Wie die Vase zerbrach, zerschellte Lagasch unter seinen Schl├Ągen. Der K├Ânig aber, so sagen die Geschichtsschreiber, suchte in den Tr├╝mmern noch lange nach den Scherben seines Gl├╝cks.



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George Polly
Hobbydichter
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Der Bewu├čtseinszustand ist alles -
was glaubt ein Mensch zu sein?
Wie weit geht unsere heutige
Abstraktions- und Reflexions-
f├Ąhigkeit?
Eine These besagt, dass in der Antike
irgendwo im Gehirn eine Funktion war,
die das H├Âren g├Âttlicher Stimmen er-
m├Âglichte, wohl etwas ├Ąhnliches wie
Schizophrenie. Aus diesen Stimmen schufen
die Menschen ihre Moral und ihre Religion.

In der Fr├╝hzeit soll sogar ein gro├čer
Bestandteil der Kommunikation aus Tele-
pathie bestanden haben.

Heute sind nur noch Reste davon vorhanden,
hei├čt es.
Das Individuum hat die Selbstreflexion erlernt-
klar, warum nicht?

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Omar Chajjam
???
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Die Welt verliert ihr Geheimnis. Sie wird nur noch als Bedrohung wahrgenommen, je durchschaubarer sie wird. Das letzte Ziel des Menschen ist die Reduktion der Welt zur Ressource und die Erfindung eines universalen Krankheits- und Unkraut-Vernichtungsmittels.

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flammarion
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Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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ein

wundersch├Ânes m├Ąrchen. aber schade, da├č er die vase zerteppert hat. ich h├Ątte sie aufgehoben, die schadhafte stelle nach hinten gekehrt. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Omar Chajjam
???
Registriert: Feb 2001

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Es ist wohl der Verlust der Vollkommenheit gewesen, der mich so hat handeln lassen. Die Einleitung weist ja auch auf den Verlust des Paradieses hin.

Gru├č
Omar

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