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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die alte Eiche
Eingestellt am 12. 06. 2000 00:00


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heidi dorma
Hobbydichter
Registriert: Nov 2000

Werke: 9
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DIE ALTE EICHE
Anita Dormann wuchs als Einzelkind bei ihren finanziell sehr gutgestellten Eltern auf. Trotzdem erzog man sie sehr bodenst├Ąndig und so lernte sie schon von Kindesbeinen an jeden Pfennig zu sch├Ątzen. Anita war ein ruhiges und sch├╝chternes Kind und kr├Ąnkelte des -├Âfteren. Das ├Ąnderte sich auch nicht, als Anita schon eine junge Frau war.
Anitas ganze Liebe galt der Malerei und ihren Pferden. Sie war eine exzellente Reiterin und es brach ihr fast das Herz, als der Arzt ihr eines Tages er├Âffnete, da├č sie eine Allergie gegen Pferdehaare besa├č. Schweren Herzens trennte sie sich von ihren 9 Reitpferden. Ihre Eltern lie├čen danach die Stallungen in ein Atelier umbauen, wo Anita genug Licht f├╝r ihre Malerei hatte. Nachdem Anita nun die Pferde nicht mehr in unmittelbarer N├Ąhe um sich hatte, verbesserte sich ihr gesundheitlicher Zustand zusehends.
Gregor Worthmann besa├č im Nachbarort ein gro├čes Gest├╝t. Dorthin kamen Anitas Tiere. Die beiden Familien kannten sich schon seit Generationen. Heiko Worthmann, einer der drei S├Âhne und Anita verband mehr als nur die Pferde. Heiko war 4 Jahre ├Ąlter als Anita. Als Anita 22 Jahre alt war heirateten die beiden. Sie waren sich einig, da├č sie mindestens 3 Kinder haben wollten. Die Eltern von Anita und auch die von Heiko waren ├╝ber diese Ehe hoch erfreut. Obwohl sie ihren Kindern bei der Partnerwahl freie Hand gelassen hatten, wurde ein Ehevertrag gemacht und G├╝tertrennung vereinbart.
Wegen Anitas Pferdehaare-Allergie wohnte das junge Paar im Hause Dormann. Das Geb├Ąude hatte so viel Platz, da├č noch 3 bis 4 Familien mit Kindern bequem dort h├Ątten wohnen k├Ânnen. Zu dem Haus geh├Ârte ein riesengro├čes Anwesen, welches durch die Bediensteten tadellos gepflegt wurde.
Vor den ehemaligen Stallungen – dem jetzigen Atelier – stand eine sehr alte und ├Ąu├čerst markant gewachsene Eiche. Anita liebte diesen Baum sehr. Schon als kleines Kind hatte sie oft in seinem Schatten hier gespielt.
Als Anita nach einem halben Jahr Ehe schwanger wurde waren sie und Heiko ├╝bergl├╝cklich. Anita f├╝hlte sich anfangs nicht so sehr wohl, doch das ├Ąnderte sich ab dem 3. Schwanger- schaftsmonat. Danach f├╝hlte sie sich sehr gut. T├Ąglich ging sie nun in ihr Atelier und malte, was der Pinsel hergab. F├╝r ihre Bilder benutzte sie das Pseudonym A. Bende. Bende war der M├Ądchenname ihrer Mutter. Als Anita erfuhr, da├č sie einen Sohn bekommen w├╝rde, beschlo├č sie ein Bild f├╝r das Kinder- zimmer zu malen. Anita sah schon in Gedanken das fertige Bild vor sich: Fast mittig die alte Eiche, an den Stamm gelehnt einen Teddy mit blauer Schleife, daneben ein Pferd – Lucy, Anitas Lieblingsstute – und anstatt der sonst ├╝blichen Sonne dachte sie an einen Engel mit blonden Locken, der mit lustigen Augen aus einer Wolke hervorschaut. Anita baute die Staffelei auf und schon eine Woche sp├Ąter war das Kunstwerk fertig. Auch Heiko gefiel das Bild und – um seiner Frau eine Freude zu bereiten – organisierte er f├╝r sie eine Vernissage. Da sich aber Anita im Grunde von keinem ihrer Bilder trennen wollte, setzte sie die Bildpreise so hoch an, da├č sie sicher war, keines davon verkaufen zu k├Ânnen. Bei dem Bild f├╝r das Kinderzimmer schrieb sie gleich: „unverk├Ąuflich“. Doch es kam ganz anders. Von den 34 Werken wurden nur 5 nicht verkauft. Diese Bilder stellte sie in eine kleine Kammer, die sowieso leer stand. Auch das Bild, das f├╝r das Kinderzimmer gedacht war, stellte Anita dazu, denn der Raum ihres Sohnes, der Alexander hei├čen sollte, mu├čte noch renoviert werden.
Bis zur Geburt ihres Sohnes waren es jetzt noch 7 Wochen. Es war die letzte Augustwoche. Das Thermometer zeigte 33┬░C im Schatten an. Anita hatte sich hingelegt. Die Hitze machte ihr arg zu schaffen. Das Telefon klingelte – ihr Schwiegervater war am anderen Ende. Heiko, der das v├Ąterliche Gest├╝t verwaltete, hatte Probleme mit Stella, die fohlen sollte. Das Pferd geh├Ârte Anita. Sie setzte sich ins Auto und fuhr hin. Vor dem Stall standen Heiko und der Tierarzt. Es stand nicht gut um das Tier. Anita wollte sich selber davon ├╝berzeugen und ging in den Stall hinein. Als sie Stella sah, erschrak sich Anita sosehr, da├č sie sich festhalten wollte, doch sie fand keinen Halt. Heiko versuchte noch seine schwankende Frau aufzufangen, aber er konnte Anita nicht festhalten und so st├╝rzte sie direkt neben das Pferd. Vor Schreck und vor Schmerzen trat das Tier aus und trat Anita dabei in den Bauch. Noch bevor der Rettungswagen eintraf erlitt Anita eine Fehlgeburt. Danach wurde sie ohnm├Ąchtig . Als Anita am n├Ąchsten Tag aus ihrer Ohnmacht erwachte erfuhr sie von dem Chefarzt, da├č sie nie wieder ein Kind bekommen konnte. F├╝r Anita und f├╝r Heiko brach eine Welt zusammen. Nachdem Anita die Klinik verlassen durfte, verkroch sie sich im Hause. Selbst in den Garten zu ihrer hei├čgeliebten Eiche ging sie nicht. Heiko, seine Eltern und auch Anita┬┤s Eltern k├╝mmerten sich r├╝hrend um sie. Nach gut einem Monat hatte Anita endlich die schlimmsten Depressionen ├╝berstanden und ihr Leben fing langsam an sich wieder zu normalisieren. Trotzdem, zu ihren Schwiegereltern nach Hause ging Anita nicht. Sie hatte angst die Stallungen und die Pferde zu sehen. Heiko arbeitete wie besessen. Er war immer seltener zu Hause. Wegen jeder Kleinigkeit gab es Streit. Anita bemerkte wie sehr sich ihr Mann ver├Ąnderte. Immer ├Âfter drehte er sich nach schwangeren Frauen um und sah kleinen Kindern beim Spielen zu – ihrer Ehe fehlten Kinder. Die Spannungen wurden unertr├Ąglich und nach einem Jahr lie├čen sich Anita und Heiko scheiden.
Nach ihrer Trennung von Heiko lebte Anita weiterhin in dem Haus ihrer Eltern. Zu den wenigen gemeinsamen Freundinnen und Freunden die die beiden hatten, brach Anita nun den Kontakt ganz ab. Total zur├╝ckgezogen widmete sie sich jetzt ganz der Malerei. Schon bald hatte Anita genug Bilder f├╝r eine neue Vernissage beisammen.
Das Anwesen, wo Anita wohnte, lag in der L├╝neburger Heide. Es war ein kleines unbekann- tes Dorf. Anita hatte hier nun schon ├Âfter ihre Werke in der ├ľffentlichkeit pr├Ąsentiert und wollte ihre n├Ąchste Vernissage dieses mal in einer gro├čen Galerie in Hamburg stattfinden lassen.Inzwischen war ihr K├╝nstlername bekannt und die Preise ihrer Werke lagen bei denen, wo ein „normal verdienender“ Familienvater ein halbes Jahr – oder mehr –hart arbeiten mu├čte.
An einem tr├╝ben Novembermorgen kam ein Kleintransporter, den Anita bestellt hatte. Sie zeigte den M├Ąnnern die Kammer, wo die Bilder aufbewahrt wurden. Alle Bilder, die sich darin befanden, sollten die Spediteure mitnehmen. Ohne sich weiter um den Transport zu k├╝mmern verschwand Anita wieder in ihr Atelier. Die Spediteure waren sehr gewissenhaft – auch ein Bild, das versteckt und zugeh├Ąngt in einer Ecke stand, luden sie mit ein – „unverk├Ąuflich“ stand auf der R├╝ckseite. Zwei Stunden sp├Ąter waren die Werke in Hamburg. Else Grothe, eine gute Freundin von Anitas Mutter, war Mitbesitzerin dieser Galerie und sie sorgte auch f├╝r die Organisation und Pr├Ąsentation der Bilder. Anita hatte ihr, falls noch irgend welche Fragen auftreten sollten, in allen Dingen freie Hand gelassen. Bez├╝glich Katalog – nummern und Preise hatte sich Anita schon im Vorwege mit Frau Grothe in Verbindung gesetzt, so mu├čte sie bei der Anlieferung nicht zugegen sein. Erst bei der Er├Âffnung wollte Anita anwesend sein. Nachdem Else Grothe die Lieferung in Empfang genommen hatte, sorgte sie f├╝r die richtige Plazierung der Werke. Ein Bild war dabei, welches keinen Preis hatte: „unverk├Ąuflich“ las sie auf der R├╝ckseite - der Titel fehlte g├Ąnzlich. Auch im Katalog war das Werk nicht erw├Ąhnt. So gab Else Grothe von sich aus dem Bild den Namen „der Schutzengel“ und plazierte es etwas separat von den anderen Werken.
Richard Wagner wohnte am Stadtrand s├╝dlich von Hamburg. Er war erst vor ein paar Wochen mit seinem 5-j├Ąhrigen Sohn Felix von Schneeverdingen dorthin gezogen, nachdem vor einem halben Jahr seine Frau bei der Geburt seines 2. Kindes gestorben war. Auch das Kind lebte nur ein paar Stunden. Die gro├če Wohnung und dann die Tagesmutter f├╝r Felix, der laufend neu eingekleidet werden mu├čte weil er so schnell wuchs – all das ├╝berschritt die Finanzen von Richard Wagner. Jetzt wohnte er ganz in der N├Ąhe seines Arbeitgebers und seiner Eltern, die ihm jederzeit seinen Sohn abnahmen, wann immer es n├Âtig war. Auch seine Schwester Corinna wohnte nicht weit entfernt. Ihr Sohn Max war 1 ┬Ż Jahre ├Ąlter als Felix und so bekam dieser die zwar getragenen aber immer noch gut erhaltenen Sachen von Max. Corinna arbeitete f├╝r eine Zeitung. Ihr Sachgebiet war Kultur – sie schrieb ├╝ber Veranstaltungen jeg – licher Art.
Jetzt hatte ihr Chef sie beauftragt ├╝ber die Vernissage von Anita einen Bericht zu erstellen. Nat├╝rlich streikte prompt zum Wochenende mal wieder ihr Auto und so fragte Corinna ihren Bruder Richard ob er sie nicht fahren k├Ânnte. Da die Ausstellung in der N├Ąhe der Alster war, nahm Richard Felix mit. Er wollte einen sch├Ânen Tag zusammen mit seinem Sohn ver – bringen, um die Alster bummeln, Eis essen u.s.w. Es war das 1. Mal nach dem Tod seiner Frau, da├č Richard wieder etwas unternahm. Als die 3 losfuhren war der Himmel mausgrau und als er dann die Galerie erreichte, go├č es wie aus K├╝beln. Kurz entschlossen legte Corinna ihr Presse-Schild ins Auto und mit dem Presse-Ausweis kamen die 3 problemlos in die Halle. Richard Wagner war beeindruckt. Auf den Bildern las er A. Bende. Er kannte den K├╝nstler nicht.
Anita traf leicht versp├Ątet ein. Nur ein kurzer Blick gen├╝gte ihr. Das Bild mit der alten Eiche bemerkte sie nicht, scheinbar war alles in Ordnung. Else Grothe hatte gute Arbeit geleistet. Man gab dem Personal ein Zeichen und die Eingangst├╝r wurde ge├Âffnet. Es herrschte ein reger Andrang – ein Glas Sekt, eine kurze Ansprache und dann stellte sich Anita den Fragen der Presse und der Besucher. Richard war erstaunt. Er hatte nicht mit einer so jungen und h├╝bschen Frau gerechnet – eher an einen K├╝nstler, ein Mann so um die 50 Jahre alt.
Felix war vorher noch nie auf einer Vernissage. Er fragte seinen Vater, ob man die Bilder kaufen oder wie im Museum nur ansehen d├╝rfe. Richard antwortete seinem Sohn, da├č man diese Werke kaufen k├Ânne. Sie kosten – erst da sah er in den Katalog und erstarrte ├╝ber die Preise – ein Verm├Âgen. Richard verschlug es die Sprache und an einigen Bildern hing bereits das Schild „VERKAUFT“... Felix sah sich um. Die Bilder die er sah erweckten nicht sein Interesse – doch dann stand er vor einem Bild, das sein Herz h├Âher schlagen lie├č. Er wollte dieses Bild unbedingt haben: Es war das Bild mit der alten Eiche. Richard Wagner wurde bla├č. Er versuchte seinem Sohn zu erkl├Ąren, da├č das Bild viel zu teuer f├╝r ihn w├Ąre – dann erst sah er das Schild „unverk├Ąuflich“. Seinem Sohn das beizubringen war etwas einfacher. Trotzdem f├╝llten sich die Augen von Felix mit Tr├Ąnen. Genau in diesem Augenblick sah Anita zu Felix her├╝ber. Es gab ihr einen Stich ins Herz den Jungen so traurig zu sehen. Mein Sohn w├Ąre jetzt auch so etwa in dem Alter, dachte sie. Ohne den Blick von ihm zu wenden ging sie zu ihm und fragte, warum er denn weinen w├╝rde. Felix zeigte auf das Bild, das sein Vati ihm nicht kaufen konnte. Als Anita sah um welches Bild es sich hier handelte, hatte sie das Gef├╝hl, als ob sie jeden Augenblick der Erdboden verschlucken w├╝rde. Sie hatte nicht mehr an das Bild gedacht seit ihrem Unfall. Die n├Ąchsten 5 Minuten erlebte Anita wie in Trance. Sie fragte Felix, was denn so besonderes an dem Bild sei, vielleicht der Teddy? Dann erfuhr sie von dem Kind, da├č es der Engel war – dieser Engel hatte genau so lustige Augen und auch die gleichen blonden Locken wie seine Mutti sie hatte – und die Mutti sei doch auch schon ein Engelein..... Ungeachtet der Alarmanlage nahm Anita das Bild von der Wand. Sie dr├╝ckte es Felix in den Arm und meinte nur, da├č dieses Bild ihn seine Mutti nie vergessen lassen solle und da├č er dieses Bild in Ehren halten m├Âge. Noch bevor sich Felix und auch Richard bedanken konnten entschwand Anita durch einen Hinterausgang. Ganz langsam begriff Richard, was f├╝r einen Schatz Felix da in den H├Ąnden hielt. Es war absolut ruhig, alle starrten Richard und Felix an. Nur Corinna ging auf ihren Bruder zu, fa├čte ihn am ├ärmel und zog ihn sanft zum Ausgang. Sie hatte eine tolle Story f├╝r ihre Zeitung und war zufrieden.
Else Grothe war Anita gefolgt. Sie holte sie im Treppenhaus ein und Anita erz├Ąhlte Frau Grothe was es f├╝r eine Bewandtnis mit dem Bild hatte. Diese war entsetzt. H├Ątte sie nur die leiseste Ahnung gehabt, sie h├Ątte das Bild nie ausgestellt. Jetzt war es aus Anitas Leben verschwunden und Anita war sich sicher es nie wieder zu sehen.
Als Richard wieder mit seinem Sohn nach Hause kam, begegneten die beiden ihrer Vermieterin. Felix zeigte ihr voller Stolz das Bild, das er bekommen hatte. Die Vermieterin, Christiane von Oppen, kannte sich sehr gut mit Kunstwerken aus. Sie war 3 Jahre ├Ąlter als Richard und hatte mehrere Jahre an einer Fachhochschule Kunst unterrichtet. Frau von Oppen war erstaunt. Sie hatte nie damit gerechnet, da├č Richard ein Kunstliebhaber sei. Aber da er seinem Sohn einen echten A. Bende f├╝r das Kinderzimmer schenken konnte war er bestimmt sehr wohlhabend – vermutete sie. Christiane von Oppen wu├čte, da├č Richard noch nicht sehr lange Witwer war. Nun beschlo├č sie die neue Frau an seiner Seite zu werden. ├äu├čerst geschickt versuchte sie sich bei ihm und Felix unentbehrlich zu machen. Immer wieder schmeichelte sie sich bei Richard ein. Doch Richard und auch Felix merkten schnell, da├č sie es nur auf das Bild bzw. Richards Geld ( wovon er nun wirklich nicht allzuviel besa├č ) abgesehen hatte. Au├čerdem kam noch hinzu, da├č Richard innerlich noch nicht dazu bereit war, wieder mit einer anderen Frau eine Partnerschaft einzugehen. Zu sehr hatte er seine Ehefrau geliebt. Als Richard Frau von Oppen unmi├čverst├Ąndlich zu verstehen gab, da├č er das Bild nicht ver├Ąu├čern w├╝rde, da es seinem Sohn geh├Âre und er selber keine Reicht├╝mer besa├č, zog sich die Dame diskret zur├╝ck. Richard und Felix waren dar├╝ber ├Ąu├čerst gl├╝cklich.
5 Jahre zogen ins Land – es war wieder Sommer. Felix, der inzwischen 10 Jahre alt war, hatte Ferien und Richard Urlaub. Da Felix sehr gut in der Schule war hatte Richard seinem Sohn versprochen eine Woche mit ihm in den Harz zu fahren. Es war ein sehr spontaner Urlaub, Richard hatte nichts gebucht. An einem Samstag fuhren sie los – aber nicht ├╝ber die Autobahn, sondern quer ab ├╝ber die D├Ârfer – mitten durch die L├╝neburger Heide. In einem gem├╝tlichen kleinen Lokal a├čen die beiden zu Mittag. Richard bezahlte gerade, da h├Ârten der Wirt und alle anwesenden G├Ąste Bremsen quietschen und Blech scheppern. Richard sah wie versteinert aus dem Fenster. Ein Sportwagen war auf regennasser Fahrbahn ins Schleudern gekommen und hatte mit dem Heck sein Auto gerammt. Der Fahrer des Sportwagens war zwar unverletzt, aber der Schock sa├č ihm geh├Ârig in den Gliedern. Er mu├čte in der Kurve wegen einem Reh bremsen und dabei hatte er die Gewalt ├╝ber sein Fahrzeug verloren. Richard war klar, da├č er mit seinem Wagen so nicht weiterfahren konnte. Er erkundigte sich bei dem Gastwirt nach einem Zimmer – doch dieser konnte ihm nicht weiterhelfen und er selber vermietete keine Zimmer.
Unterdessen k├╝mmerte sich ein Gast f├╝rsorglich um den Fahrer des Unfallverursachers. Offensichtlich kannten sich die beiden M├Ąnner. Der Wirt ging zu den beiden, unterhielt sich kurz mit ihnen und kam dann zu Richard. Man hatte zwischenzeitlich die Polizei verst├Ąndigt. Jetzt kamen auch der Unfallverursacher und sein Bekannter zu Richard und Felix. Der ├Ąltere der beiden M├Ąnner stellte sich mit dem Namen Michael Dormann vor. Dann erz├Ąhlte er Richard, da├č sein ex-Schwiegersohn den Unfall verursacht habe. Dieser w├╝rde nat├╝rlich f├╝r den Schaden aufkommen. Richard fragte Michael Dormann ob er aus dieser Gegend stammen w├╝rde und als dieser die Frage mit „ja“ beantwortete fragte er ihn nun, ob er eine Pension oder ein Gasthaus kennen w├╝rde, wo er sich mit seinem Sohn f├╝r ein paar Tage einquartieren konnte. Michael Dormann ├╝berlegte: Die einzige Pension im Ort war vor 6 Wochen fast abgebrannt und nicht in der Lage Ferieng├Ąste aufzunehmen, der andere Gasthof hatte wegen Betriebs – ferien geschlossen. Er sch├╝ttelte den Kopf. Felix fragte seinen Vater, ob sie nun auf der Stra├če schlafen m├╝├čten. Noch bevor er antworteten konnte lud Michael Dormann Richard und seinen Sohn kurz entschlossen zu sich nach Hause ein. Platz hatte er ja wirklich genug. Richard z├Âgerte anfangs ein wenig, nahm das Angebot dann aber dankend an. Das Gep├Ąck, was bei Richard im Auto war, wurde kurzerhand in Michael Dormanns Wagen umgeladen. Richard durfte seinen defekten Wagen bis zum Montag in der Scheune des Wirts abstellen. Endlich kam die Polizei und nahm den Unfall auf. Danach fuhren sie gemeinsam zu den Dormanns.
Richard staunte nicht schlecht als er das gro├če Haus und das park├Ąhnliche Grundst├╝ck sah. Die Angestellten richteten in Windeseile 2 nebeneinander liegende – nur durch eine Schie- bet├╝r getrennte – G├Ąstezimmer her. Es waren gro├če helle R├Ąume mit teuren M├Âbeln. Richard sah das sofort. Beide Zimmer hatten ein Bad/WC und einen gemeinsamen Balkon. In den Zimmern hingen Fotos aus der Gegend. Felix betrachtete die Fotos und dachte an das Bild, das zu Hause in seinem Zimmer hing. Er liebte dieses Bild sehr
Der Himmel ri├č auf, die Sonne kam aus den Wolken hervor. Jetzt hatte es auch aufgeh├Ârt zu regnen. Felix ging auf den Balkon. Er sah sich den wundersch├Ânen Garten an. In etwa 30 m Entfernung stand ein Haus fast ganz aus Glas und daneben – Felix glaubte seinen Augen nicht zu trauen – eine alte Eiche. Es war genau die gleiche Eiche die auf seinem Bild war. Auch Richard war zu seinem Sohn auf den Balkon getreten. Er war genauso verbl├╝fft. Menschen haben Doppelg├Ąnger, Tiere manchmal auch – aber B├Ąume ?! Er konnte es sich nicht erkl├Ąren.
Kurze Zeit sp├Ąter klopfte es bei Richard an der T├╝r – er ├Âffnete sie. Michael Dormann stand davor. Richard bat seinen Gastgeber herein. Felix st├╝rmte zu den beiden ins Zimmer. Er er – z├Ąhlte Michael, da├č der Baum, der dort unten im Garten st├╝nde, auf einem Bild sei, welches er zu Hause in seinem Zimmer habe. Ein gemaltes Bild und kein Foto, setzte er noch hinzu. Michael Dormann bezweifelte das zwar, sprach es aber nicht aus. Er fragte nur wer das Bild denn gemalt habe. Dann erfuhr er von Richard und Felix, da├č es eine Malerin war, die A. Bende hei├čt. Michael Dormann ahnte, von welchem Bild Felix sprach. Er kannte alle Werke seiner Tochter und er wu├čte auch, da├č sie es vor einigen Jahren einem Jungen in Hamburg geschenkt hatte. Tagelang danach noch hatte Anita ihren Eltern von diesem Jungen mit den traurigen Augen erz├Ąhlt. Um ganz sicher zu sein fragte er Felix noch, ob auch andere Teile auf dem Bild w├Ąren oder nur der Baum. Felix beschrieb das Bild ganz exakt. Nun wandte sich Michael Dormann an Richard und fragte ihn, ob er noch irgend etwas ben├Âtigen w├╝rde. Dieses war nicht der Fall und so verblieben die beiden M├Ąnner so, da├č Michael Dormann seine G├Ąste eine Stunde sp├Ąter abholen w├╝rde, damit man gemeinsam im E├čzimmer zu Abend essen k├Ânnte.
Michael Dormann ging in sein Arbeitszimmer und rief von dort aus seine Tochter im Atelier an. Er berichtete Anita kurz, da├č 2 G├Ąste f├╝r einige Tage anwesend sein w├╝rden, aber um wen es sich hierbei handeln w├╝rde, verschwieg er.
Richard wurde klar, da├č das riesengro├če Haus mit dem park├Ąhnlichen Grundst├╝ck einer einzigen Familie geh├Ârte, die offensichtlich alleine mit den Angestellten hier wohnte. Er h├Ątte nicht in seinen k├╝hnsten Tr├Ąumen daran gedacht einmal die Bekanntschaft so reicher Leute zu machen. Richard hatte Michael Dormann f├╝r einen einfachen Bauern gehalten, denn in der Gastst├Ątte trug er eine ausgebeulte alte Cordhose, Gummistiefel und ein durchgeschwitztes T –Shirt. Richard ├╝berlegte, was er zum Abendessen anziehen sollte. Bei so gut gestellten Leuten legt man bestimmt Wert auf gepflegte Kleidung, dachte er. Die Wahl fiel auf seinen dunkelblauen Anzug, den er nur mitgenommen hatte, falls er doch mal ausgehen w├╝rde. Doch als Michael Dormann Felix und ihn selbst zum Essen abholte, traf ihn fast der Schlag. Michael Dormann trug eine Jeans und dazu ein Polo-Hemd.
Im E├čzimmer stellte Michael Richard und Felix seiner schon anwesenden Frau und seiner Tochter Anita einander vor. Richard stutzte: Anita Dormann – das Gesicht, diese Augen – woher kannte er diese Frau? Felix war unbek├╝mmert wie immer. Lustig plapperte er drauflos. Er erz├Ąhlte den Anwesenden von dem Unfall und da├č das Auto jetzt kaputt sei. Dann sprach er von dem Baum – der alten Eiche – und von seinem Bild, das ihm eine Malerin geschenkt hatte. Richard wurde bla├č. Er wu├čte pl├Âtzlich, wer Anita Dormann war und auch Anita erkannte Felix wieder. Er war zwar ├Ąlter geworden, doch seine Augen waren die gleichen geblieben. Richard unterbrach den Redeflu├č seines Sohnes. Ihm war die Angelegenheit mehr als peinlich. Er hoffte, da├č Anita sich nicht mehr an Felix, das Bild und den Vorfall in Hamburg erinnern w├╝rde, doch pl├Âtzlich l├Ąchelte Anita. Sie hatte immer noch die Worte von Felix im Ohr, da├č der Engel auf ihrem Bild seiner verstorbenen Mutter so ├Ąhnlich sehe. Nun gab sie sich als die Malerin des Bildes zu erkennen und fragte Felix und seinen Vater, ob sie nicht Lust h├Ątten ihr Atelier zu besichtigen. Felix sagte begeistert zu, Richard z├Âgerte – er wu├čte nicht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte, sagte dann aber Felix zuliebe auch zu. Michael und Gabi Dormann waren erstaunt. Noch nie durfte jemand, au├čer der Familie Anitas Atelier betreten. Doch sie begriffen schnell, da├č es die unkomplizierte Art von Felix war, die Anita wieder zum Lachen brachte.
Da Richard und Felix ohne weibliche Begleitung in Urlaub gefahren waren, ahnte Anita, da├č Richard sich noch nicht wieder an eine Frau gebunden hatte und zum 1. Mal nach ihrer Scheidung zeigte sie nun wieder Interesse f├╝r einen Mann. Anita berichtete Richard ganz offen f├╝r wen das Bild eigentlich gedacht war und das es nur aus Versehen mit in die Aus – stellung gekommen war. Ebenso sprach sie von ihrem Unfall und ihrer Scheidung. Danach erz├Ąhlte Richard aus seinem Leben: von seiner Frau, ihrem Tod und sein Leben als Witwer. Auch die Sache mit Frau von Oppen verschwieg er nicht.
Aus all diesen Gespr├Ąchen konnte Anita heraush├Âren, wie sehr Richard seinen Sohn liebt und da├č er ein sehr f├╝rsorglicher Vater war. Anita hatte Felix in ihr Herz geschlossen und als man sich eine Woche sp├Ąter wieder trennen mu├čte, weil Richards Urlaub zu Ende war, stand f├╝r Anita, Richard und Felix fest, da├č man zuk├╝nftig ganz engen Kontakt halten w├╝rde – denn nicht nur Anita und Felix verstanden sich ausgezeichnet, auch zwischen Anita und Richard bahnte sich schon ganz langsam mehr als nur Freundschaft an......


(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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