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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die gemoppte Konfitüre
Eingestellt am 14. 04. 2012 22:08


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Christina Baumgartner
Hobbydichter
Registriert: Mar 2012

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Das Leben im Kühlschrank ist nicht immer leicht, kann ich euch nur sagen. So viele unterschiedliche Gerüche, gegen die man sich behaupten muss. Klar, sind wir Konfitüren gut verschlossen, meist in den oberen Etagen des Kühlschrankes zu finden und trotzdem, die Konkurrenz ist enorm! Auch stehe ich natürlich nicht allein da, als süsse, aufmunternde Abwechslung für den Butterzopf. Es hat, zumindest in meinem Kühlschrank, immer noch zwei andere Konfitüren, die sich neben mir wichtig machen wollen. Diverse Käsesorten, etwas weiter unten platziert, Erdnussbutter und Olivenpaste, wie auch das zeitweilige Vorhandensein von Salami oder Schinken, machen mein Leben ziemlich schwer.

Mein ganzes Sehnen gilt nur dem einen Gedanken, voller Genuss von gross und klein in möglichst kurzer Zeit verspeist zu werden. Dies ist meine Lebensaufgabe, mein Ziel und meine Lebensphilosophie, denn nichts anderes würde in meinen Hirnwindungen, sofern vorhanden, Platz einnehmen können.
Aber nein, seit mindestens fünf Wochen, setze ich nun meinen ganzen Charme ein, sobald sich die Tür des Kühlschrankes öffnet. Jedes Mal in der Hoffnung schwebend, endlich genutzt und gebraucht zu werden und das Ziel meiner Passion endlich zu erfüllen. Doch immer sind die andere an der Reihe, meist die würzigen, deftigen Aufstriche, die den Magen nur verrückt machen. Von uns Konfitüren wird eher selten Gebrauch gemacht. Und wenn, dann nehmen sie mit Sicherheit meine Leidensgenossinnen, die Kirschen- oder Feigenkonfitüre heraus, mich übersehen sie dabei jedes Mal. Vielleicht liegt es an meiner Aufmachung, an meiner Etikette, denn ich bin eher von scheuer Natur. Meine Farbe ist auch unauffällig, nie zu vergleichen mit der Aufdringlichkeit und dem Geschmack eines Nutella, das, so nebenbei gesagt, auch schon wesentlich zu meiner schlechten Stimmung beigetragen hat. Als Holunderblüten Konfitüre ist das Leben wahrlich nicht einfach und ich ahne schon meinen vorzeitigen Zerfall. Denn, wenn sich der Schimmel am Rande meiner Köstlichkeiten einmal so richtig eingenistet hat und sich auszubreiten beginnt, ist der Weg in den Abfalleimer mit Sicherheit nicht mehr weit.

Auch dieser kurze Blick auf den frisch gedeckten Esstisch, jedes Mal wenn sich die Kühlschranktüre öffnet. Frischer Zopf, duftender Kaffee, fröhliche, hungernde Mäuler, deren Gaumen nur das Verschlingen schmackhafter Köstlichkeiten im Schilde führt, ist für mich immer sehr schmerzvoll mit anzusehen. Denn es ist mir inzwischen bewusst geworden, dass man mich auch diesmal wieder übersehen wird. Keine Hand, die einen in genüsslicher Vorfreude umklammern wird, keine grossen leuchtenden Augen die, kurz bevor man in den weit aufgerissenen Schlund geschoben wird, anstrahlen. Niemals mehr auf kühlem Butter zu liegen, wissend dass darunter ein kräftiges Brot ist, das guten Halt auf der Reise in die Mägen garantieren wird. Mein Los ist hart und ich schmore und verschimmle langsam in der Dunkelheit vor mich hin.

Als ich ganz frisch in diesen Kühlschrank kam, war ich noch guten Mutes und voller Euphorie gewesen. Denn lange genug stand ich vorher mit anderen auf engstem Raum eingepfercht in Kartons, erst in der Fabrik, dann in den Lagerhallen, und schliesslich im Verkaufsladen. Ich hatte den Eindruck, meiner Karriere als heiss begehrte Schleckerei ganz nah zu sein, als ich mich plötzlich in der Einkaufstasche zwischen höchst ungewöhnlichen Nachbarn befand. Ich war mit dieser Information schon vorher vertraut gemacht worden, und so war mir in dieser Situation vollkommen klar, dass diese Begebenheit ein Sprungbrett für meinen Erfolg sein würde. Von der Hausfrau, die mich im Laden gekauft hatte, wurde ich zu Anfang auch öfter hervor geholt, aufs Vollkornbrot geschmiert und genüsslich verspeist. Ich kann mich noch gut an dieses Wonnegefühl erinnern. Vollkommen beglückt und befriedigt kehrte ich jeweils in den Kühlschrank zurück. Ich war mir sicher, die Bestimmung meines kurzen Lebens gefunden zu haben, von der die anderen Konfitüren schon in der Fabrik sprachen. Doch die Abstände meiner Ausflüge auf die Zwischenstation Butterbrote, Endstation Magen, wurden immer wie seltener, und die sich einschleichende Niedergeschlagenheit dementsprechend häufiger. Seit die Hausfrau nun vor zwei Wochen frischen Honig gekauft hat, der glücklicherweise nicht bei uns weilt, kann ich die Aussicht auf eine Rutschpartie durch die Speiseröhre definitiv streichen.

Ich bin mir meinem Schicksal bewusst geworden und habe erkannt, dass ich die Wahl habe zwischen Resignation oder Kampf. Mir wurde auch bewusst, wie fixiert ich auf diese eine Möglichkeit der Karriere gewesen war. Niemand warnte mich in meiner Jugend auf bevorstehende Krisen vor, keiner kannte das wahre Schicksal einer vereitelten Konfitüre, da alle nur Gerüchte weiter zu erzählen vermochten. Alt und grau geworden durch den Schimmel wollte ich nicht werden. Wie konnte ich meinem harten Los entrinnen und vielleicht sogar zu einer Heldin mutieren?

Die Annäherungen zu den anderen Mitbewohnern fanden nur sehr zögerlich statt. Auf Grund der teilweise sehr kurzen Ablaufdaten meiner Mitinsassen, hielten manche Esswahren dogmatisch an ihrer Aufgabe fest und empfanden meine unaufdringlichen „Smalltalks“ als zu starken Übergriff in ihre Privatsphäre. Als sie aber feststellen konnten, dass wir Konfitüren untereinander herzliche Ausgelassenheit feierten, gesellten sie sich sehr gerne auch zu uns. Jedes Mal, wenn nun jemand von unserem Clan aus dem Kühlschrank geholt wurde, und anschliessend nicht mehr zurück kam, war dies immer sehr traurig für uns. Wieder hatten wir einen mehr verloren, den wir erst vor kurzer Zeit so richtig kennen lernen durften. Besonders die Fleisch- und Wurstwaren sind ja dazu prädestiniert ein kurzes Leben zu fristen, was die Innigkeit zu dieser Nahrungsgruppe leider etwas hemmte. Über die Entwicklung meines weiteren Werdeganges, machte ich mir keine allzu grossen Sorgen. Am Rande konnte ich schon die Anwesenheit von Schimmel spüren und wusste instinktiv, dass die Tage im Kühlschrank so oder so gezählt sein würden. Ich wollte die Zeit möglichst optimal nutzen, um wertvolle Erfahrungen für mein weiteres Leben – wo immer dies auch statt finden sollte – zu sammeln. Auch lancierte ich die Trendwendung zu neuen und interessanten Aufgaben im Bereich ungewohnter Lebensumstände.
Das Leben nach dem Leben, das Nirwana und die Zeit danach.

Gerade befinde ich mich in einer angeregte Unterhaltung mit einem lieb gewonnen Freund, dem Camembert, als eine warme Hand mich umfasst und aus der Herzlichkeit meines Freundeskreises reisst. Der Deckel wird mir abgeschraubt, und das letzte was ich vor dem Fall in den Abfalleimer noch zu sehen bekomme, ist ein verachtender Blick der Hausfrau wegen meines, in der Zwischenzeit stark gewachsenen Schimmelpilzes.
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Paula Laurini

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