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Die letzte Nacht
Eingestellt am 27. 09. 2006 22:12


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Raniero
Textablader
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Oct 2005

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Die letzte Nacht

Der Umzug stand unmittelbar bevor.
Schon seit einigen Tagen waren die Handwerker im Haus; in demselben Haus, in welchem sie noch wohnten, das aber bereits verkauft war und das sie in KĂŒrze verlassen wĂŒrden.
Sie waren zu viert; die Mutter mit ihren beiden Kindern, der dreizehnjÀhrigen Tochter und dem siebenjÀhrigen Sohn sowie ihr LebensgefÀhrte, der seit ihrer Scheidung mit ihnen zusammenlebte.
In diesem Haus waren ihre Kinder geboren, hier hatte sie mit ihrem ehemaligen Ehemann und den Kindern lange Jahre zugebracht.
Die ersten Jahre bedeuteten eine glĂŒckliche Zeitspanne, geprĂ€gt von Aufbau- und aufbruchstimmung.
In der letzten Zeit jedoch ĂŒberwogen Zwistigkeiten und Streitereien mit ihrem Ehemann, hĂ€ufig aus nichtigem Anlass.
Sie hatten sich auseinandergelebt, und letztendlich war hieran ihre Ehe zerbrochen.
Ein Ende mit Schrecken, zwar, aber gleichzeitig die Beendigung eines unertrĂ€glichen Zustandes, vor allem fĂŒr die beiden Kinder.
Der Ehemann hatte die Konsequenzen gezogen und das gemeinsame Domizil verlassen, noch vor der Scheidung.
Hinsichtlich des Besuchsrechtes des Mannes hatten beide Elternteile sich zum Wohle der Kinder zwar auf eine vernĂŒnftige Regelung geeinigt und versucht, das Beste daraus zu machen, doch fĂŒr beide Kinder war die Trennung vom Vater ein harter Schlag, diese erste Erfahrung des Verlassenwerdens, denn genau dieses GefĂŒhl stellte sich bei ihnen ein; sie fĂŒhlten sich vom eigenen Vater verlassen.

Vor einem Jahr war der neue Mann in ihr Leben getreten, zuerst in das Leben der Mutter, dann, als die Frau die Zeit fĂŒr reif hielt, es ihren Kindern mitzuteilen, in das der gesamten Familie.
Es gab es unterschiedliche Reaktionen.
WĂ€hrend der Junge noch zu klein war, um urteilen zu können und nichts gegen einen neuen „Vater“ einzuwenden hatte, war die Ă€ltere Schwester nicht von dem Gedanken angetan, ihre Mutter mit einem neuen fremden Mann teilen zu mĂŒssen; sie fĂŒhlte sich stattdessen von der Mutter alleingelassen.
Doch sie war noch ein Kind und hatte sich zu fĂŒgen.


Der neue LebensgefÀhrte zog ein, in das Haus; sie waren nun wieder zu viert, erneut gab es Spannungen.
Diese Spannungen waren anders, in ihrer Art, als die, welche die letzten gemeinsamen Jahre mit dem Vater geprÀgt hatten.
Damals stritten sich Mutter und Vater; ein Kampf gleichstarker Parteien, in dem die Kinder langsam unterzugehen drohten, zwischen den Eltern, die sie gleichermaßen liebten und nicht missen wollten.
Nun jedoch gab es Spannungen zwischen der Tochter und dem „Neuen“, der sich wie ein Kuckuck in ihr Nest geschlichen hatte, in das Nest, in dem sie fĂŒr einen kleinen Zeitraum, nachdem der Vater fort war, in verhaltener Ruhe leben konnten, lachen konnten.
Dieses Mal war es ein ungleicher Kampf.
Die Tochter konnte murren, schreien, toben, schwierig sein, doch eines konnte sie nicht, da sie noch Kind war; sie konnte nicht entscheiden, nicht selbststĂ€ndig handeln, nicht ihren Weg bestimmen; letztendlich hatte sie sich zu fĂŒgen.
Die Mutter wiederum stand zwischen beiden Fronten, immer wieder bemĂŒht, auszugleichen.
Der neue LebensgefĂ€hrte drĂ€ngte ‚seine‘ Familie, das Haus aufzugeben und einen Ortswechsel vorzunehmen.
Er hatte in der Nachbarstadt ein Wohnobjekt ins Auge gefasst und versuchte nun, dieses seiner Partnerin schmackhaft zu machen; teils aus dem nicht uneigennĂŒtzigen Zweck heraus, einen kĂŒrzeren Weg zu seiner ArbeitsstĂ€tte zu ermöglichen, teils von dem Wunsch geleitet, in dem neuen Heim, fern ab von der alten WohnstĂ€tte, ein Zeichen zu setzen, einen neuen Lebensabschnitt fĂŒr alle zu beginnen.
Die Mutter war hin und hergerissen. Ein neuer Anfang, in einer anderen Stadt.
Eine Arbeitsstelle ließe sich dort fĂŒr sie gewiss finden, nach einer gewissen Übergangszeit, mit den Beziehungen, die ihr Partner zu unterschiedlichen Ebenen besaß. Der Schulwechsel fĂŒr den kleinen Sohn stellte auch kein besonderes Problem dar, besuchte er doch noch die Grundschule.
Grosse Überzeugungskraft musste sie jedoch aufbieten, um ihrer Tochter den Wechsel schmackhaft zu machen. VerstĂ€ndlich, denn diese hatte hier ihren langjĂ€hrigen Freundeskreis; auch ist ein Schulwechsel mit dreizehn Jahren, fest etabliert in der weiterfĂŒhrenden Schule, nicht so einfach zu bewĂ€ltigen.
Es gab TrĂ€nen, auf beiden Seiten, doch zu guter letzt entschieden sich die Mutter und ihr LebensgefĂ€hrte fĂŒr den Ortswechsel.

Am Morgen dieses Tages hatte die Mutter, wie stets, fĂŒr ihre Kinder und den LebensgefĂ€hrten das FrĂŒhstĂŒck zubereitet; ein wenig provisorisch, da in dem zweigeschossigen Haus bereits seit einigen Tagen die Handwerker in den unteren RĂ€umen tĂ€tig waren.
Das gesamte GebĂ€ude sollte eine Schönheitsrenovierung erhalten, bevor es an den neuen EigentĂŒmer ĂŒberging.
Nach dem FrĂŒhstĂŒck verließ die Mutter gemeinsam mit ihrem Sohn und dem LebensgefĂ€hrten das Haus. Hier trennten sich ihre Wege. Sie brachte ihren Sohn zur Schule, mit dem Auto, und setzte ihren Weg fort zu ihrer Arbeitsstelle. Ihr LebensgefĂ€hrte fuhr mit seinem Fahrzeug in die Nachbarstadt, zu seinem BĂŒro. Die Tochter blieb im Haus zurĂŒck, allein; ihr Unterricht begann spĂ€ter.
Die Handwerker fĂŒhrten ihre Arbeiten fort.

Am Nachmittag wurde die Frau an ihrer Arbeitsstelle aufgesucht.
Zwei Beamte der Kriminalpolizei ĂŒberbrachten eine furchtbare Nachricht.
Ihre Tochter war ermordet aufgefunden worden, zu Hause, im Badezimmer, getötet mit mehreren Messerstichen, aufgefunden worden vom eigenen Bruder.
Der Junge war von der Schule nach hause zurĂŒckgekehrt und hatte die Leiche seiner Schwester vorgefunden; laut schreiend war er durch das ganze Haus auf die Straße gelaufen.
Die Handwerker hatten gemeinsam mit einigen Nachbarn die Polizei verstÀndigt.
Vor dem GebÀude traf die gebrochene Mutter auf den weinenden Vater ihrer Kinder.
Er war ebenfalls von der Polizei verstÀndigt worden, ein Nachbar hatte die Telefonnummer seiner Arbeitsstelle genannt.
Die Eltern fielen sich verzweifelt in die Arme; es gab keine VorwĂŒrfe, nur Trauer und Fassungslosigkeit. Den Jungen hatte man zwischenzeitlich in die Obhut der Großmutter, der Mutter des Vaters, gegeben. Die Mutter ĂŒbernahm es selbst, ihrem LebensgefĂ€hrten, der kurz darauf eintraf, die furchtbare Nachricht zu ĂŒberbringen.
Alle drei, die Mutter, ihr LebensgefĂ€hrte und der leibliche Vater standen unter großem Schock und wurden noch vor Ort Ă€rztlich betreut.
Die im Hause tĂ€tigen Handwerker wurden an Ort und Stelle einem Verhör unterzogen. Es handelte sich um fĂŒnf Mitarbeiter ein und desselben Unternehmens; eines Spezialbetriebes fĂŒr Hausrenovierungen.
Sie sagten ĂŒbereinstimmend aus, nichts von dem schrecklichen Drama, das sich oben im Hause abgespielt hatte, bemerkt zu haben.
Allerdings konnte keiner von ihnen ausschließen, da sie zeitweise im Keller und zeitweise im Erdgeschoss des GebĂ€udes beschĂ€ftigt waren und die Haus- sowie auch die TerrassentĂŒr wĂ€hrend der gesamten Arbeiten geöffnet waren, dass fremde Personen ins Haus hĂ€tten eindringen können.
Die Befragung wurde auf die Nachbarschaft ausgedehnt; auch hierbei gab es keine Erkenntnisse, die zu einer verwertbaren Spur fĂŒhrten.
Das gesamte Haus wurde versiegelt, fĂŒr weitere polizeiliche Ermittlungen, und die Renovierungsarbeiten vorerst unterbrochen.
Die Nachforschungen konzentrierten sich erneut auf die Handwerker; die vernehmenden Beamten konnte einfach nicht glauben, dass keiner von diesen etwas bemerkt haben wollte.

Die grausame Nachricht war noch am selben Tag durch die Stadt geeilt, wie ein Lauffeuer. Im Mittelpunkt des allgemeinen Mitleides der erschĂŒtterten MitbĂŒrger stand die Mutter des ermordeten MĂ€dchens. Diese hatte zuerst ihren Sohn bei der Großmutter aufgesucht und versucht, ihm Trost zu spenden, sodann suchte sie selbst mit ihrem LebensgefĂ€hrten Zuflucht bei ihrer eigenen Mutter. Der Junge, so hatten sie sich mit dem Vater ihrer Kinder ohne Groll und VorwĂŒrfe geeinigt, sollte vorerst bei der Großmutter bleiben.

Es wurde eine lange, sehr lange Nacht fĂŒr sie und ihren LebensgefĂ€hrten.
An Schlaf war nicht zu denken. Immer wieder fragten beide nach dem Warum.
Der neue LebensgefĂ€hrte versprach ihr bei allem, was ihm heilig war, dass sie ihn finden wĂŒrden, denjenigen, der ihnen dieses angetan hatte. Eng umschlungen fielen sie in den Morgenstunden in einen kurzen Schlaf.

Am nÀchsten Morgen stand es in den Tageszeitungen, mit allen bekannten Einzelheiten.
Man las, dass die Kriminalpolizei die Suche ausdehnte, in ihren Nachforschungen, auf das Umfeld der Familie und den Freundeskreis der Tochter.
Weiterhin konzentrierten sich die Ermittlungen auch auf die Handwerker.
Der LebensgefĂ€hrte verabschiedete sich von der Mutter, fĂŒr kurze Zeit. Er musste kurz zu seiner Arbeitsstelle, die er am Vortage bei Bekanntwerden des schrecklichen Ereignisses in Eile verlassen hatte.
Beide fanden dieses irgendwie profan, aber auf der anderen Seite, so sagten sie sich, musste das Leben ja irgendwie weiter gehen.
Nach seiner RĂŒckkehr wollten sie gemeinsam mit dem leiblichen Vater die notwendigen FormalitĂ€ten fĂŒr die Beerdigung treffen.


In den Mittagsstunden erhielt die Mutter eine zweite furchtbare Nachricht.
Die Polizei hatte es nicht einfach gehabt, unter ihrer Beamten jemand zu finden, der diese weitere Nachricht ĂŒberbringen sollte. Man teilte der fassungslosen und gebrochenen Frau mit, dass ihr LebensgefĂ€hrte aufgefunden worden war, in einem WaldstĂŒck, unweit seiner Arbeitsstelle. Er hatte sich erhĂ€ngt. SpaziergĂ€nger hatten ihn gefunden, am Vormittag. Einen Abschiedsbrief gab es nicht.
Der LebensgefĂ€hrte sollte an diesem Vormittag zu einem Vernehmungstermin bei der Kriminalpolizei erscheinen; es gab WidersprĂŒche in seiner ersten Aussage hinsichtlich seines Alibis.
Weiterhin gab es die Aussage mehrerer Handwerker, die ihn gesehen hatten, wie er das Haus verlassen hatte, in verstörtem Zustand, Stunden, nachdem er mit seiner LebensgefÀhrtin und deren Sohn gemeinsam das erste Mal am Morgen aus dem Hause gegangen war.
Die Mutter brach schreiend zusammen.

Es ist des öfteren davon die Rede, dass Menschen auf Erden durch die Hölle gehen.
Innerhalb einer sehr kurzen Zeit zweimal durch die Hölle gegangen zu sein, liegt außer der menschlichen Vorstellungskraft.
Wie mag die Erinnerung dieser Frau sein, an diese furchtbaren Geschehnisse, und wie die Erinnerung an die letzte Nacht, die sie mit ihrem LebensgefÀhrten verbrachte?

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Burana
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Registriert: Not Yet

Nicht authentisch, oder?
Liebe GrĂŒĂŸe, Burana

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Raniero
Textablader
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Leider doch!

Gruß Raniero

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