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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die rote Blume (2)
Eingestellt am 04. 09. 2002 05:27


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Rolf-Peter Wille
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Registriert: Apr 2002

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Die rote Blume


von Rolf-Peter Wille


zurĂŒck: zum Anfang der ErzĂ€hlung (Teil 1)


[Teil 2]


Maria


"Herr Lehrer!" ertönte eine helle Stimme. Aber es war die Frequenz des Kulturzentrums und nicht des Success-Krankenhauses.
         "Herr Lehrer!" Die Stimme befand sich in unmittelbarer NĂ€he des AuslĂ€nders; aber erst als ihn eine Hand leicht am Arm berĂŒhrte, bemerkte W., daß er die Quelle der Stimme fĂ€lschlicherweise in seiner eigenen Augenhöhe gesucht hatte. Es war jedoch eine Gestalt im Rollstuhl, und W. erkannte seine SchĂŒlerin Maria.
         Maria hieß ĂŒbrigens nicht Maria und war auch nicht religiös. Zumindest wußte der AuslĂ€nder nichts bestimmtes. Maria erschien blaß und krank — die Vision eines Heiligenbildes. Und deshalb nannte W. sie Maria. Er erinnerte sich nun auch daran, Maria lĂ€ngere Zeit nicht in seinem Seminar gesehen zu haben. Er hatte GerĂŒchte gehört, daß Marias Krankheit sehr ernst sei, und er hatte es nicht ausgeschlossen, sie im Krankenhaus zu besuchen. SpĂ€ter hatte er die Angelegenheit und die GerĂŒchte vergessen.
         "Ich bin im 89. Stock, Zimmer 117." sagte Maria.
         "Da hĂ€tte ich lange suchen können
" sagte W. Maria erschien enthusiastisch und sie wirkte im Rollstuhl eigentlich viel gesĂŒnder und wirklicher als im Kulturzentrum. W. konnte ĂŒbrigens keine Krankenschwester sehen und wußte nicht, wie Maria in ihrem Rollstuhl zu ihm gelangt war. Er zögerte. Er hĂ€tte den Rollstuhl zum Fahrstuhl schieben können. Aber Maria hatte sich bereits aus ihrem Rollstuhl erhoben. Sie schien gar keinen Rollstuhl zu benötigen, denn sie ging sicher.
         "LĂ€ĂŸt Du den Rollstuhl hier?" fragte W.
         Maria lachte plötzlich. "Der Rollstuhl ist immer hier. Es ist ein Sitzplatz."
         "Ein sehr romantischer Platz
" sagte W.
         "Ich habe auf Sie gewartet." sagte Maria etwas ironisch. Sie stĂŒtzte sich beim Gehen leicht auf den AuslĂ€nder. Diese Geste erschien durch ihre Krankheit gerechtfertigt; aber W. bemerkte nun, daß Maria naiv genug war, an seinen Besuch zu glauben. Maria ging mit großer SelbstverstĂ€ndlichkeit und einer gewissen Anmut durch die chaotisch an- und abschwellende Menschenmenge und, obwohl sie sich auf W. stĂŒtzte, war es doch sie, die ihn fĂŒhrte.
         Sie waren durch eine große weiße TĂŒr in ein Treppenhaus gelangt. Maria hatte diese TĂŒr nicht mit ihren HĂ€nden berĂŒhrt sondern sich nur leicht an sie gelehnt. Es war sicher ein Notausgang und das Treppenhaus war auch ein Nottreppenhaus und wurde nicht von den Patienten benutzt. Die plötzliche Stille in dem Treppenhaus war ĂŒberraschend und wurde nur durch einen leichten Zigarettengeruch gestört.
         "Nur zum 89. Stock?" fragte W.
         "Zum 6. Stock." sagte Maria. "Können Sie gehen?"
         Der AuslĂ€nder verstand nicht. "Vielleicht brauche ich den Rollstuhl
" sagte er; aber es stellte sich heraus, daß ein Spezialfahrstuhl vom 6. Stock in die oberen Stockwerke des Success-Krankenhauses fuhr. Auch dieser Fahrstuhl wurde nicht von Patienten oder Besuchern benutzt, und W. erkannte nun, daß seine SchĂŒlerin einen Geheimweg im Labyrinth des Krankenhauses gefunden hatte, um den ungeheueren Menschenstrom zu vermeiden.
         "Du kennst Dich gut aus." sagte W.
         "Dies ist mein Zuhause." sagte Maria. Der AuslĂ€nder wußte nicht, ob die Bemerkung ironisch gemeint war, denn sie waren vor dem Zimmer 117 angelangt, und die TĂŒr schien sich von selbst zu öffnen.

"Herr Lehrer!" sagte ein Mann und verbeugte sich auf gefÀllige Weise.
         "Mein Vater." sagte Maria.
         "Entschuldigung. Entschuldigung!" sagte der Vater. "Ich habe viel von Ihnen gehört. Trinken Sie einen Espresso?"
         "Bitte bemĂŒhen Sie sich nicht
" sagte W.
         "Oh. Sie sind ein sehr berĂŒhmter Lehrer. Meine Tochter
 nicht gut, nicht gut
"
         "Was hat sie?" fragte W.
         "Sie ist sehr faul." sagte der Vater. Der AuslĂ€nder verstand nun, daß sich das GesprĂ€ch nicht auf die Krankheit Marias sondern auf ihre QualitĂ€t als SchĂŒlerin bezog. ‘Warum hat er nichts besseres im Kopf als leere Schmeicheleien, wenn seine Tochter bereits todkrank ist?’ dachte W. angewidert. "Einen Espresso!" sagte er.
         Zum GlĂŒck hatte der Vater verstanden und war sofort verschwunden.
         W. war nun allein mit Maria. Er konnte nicht erkennen, wie groß das Zimmer war und wie viele Patienten sich im Zimmer befanden, aber jedes Bett war behelfsmĂ€ĂŸig durch SchiebewĂ€nde abgesondert, und hierdurch entstand ein gewisser Privatbereich. Man konnte die anderen Besucher und Patienten nicht sehen. Aber das Gemurmel ihrer GesprĂ€che vermischte sich mit der klassischen Hintergrundsmusik. Es waren die Goldbergvariationen gespielt von Glenn Gould, und dem AuslĂ€nder wurde es plötzlich bewußt, daß er diese Musik ĂŒberall im Krankenhaus, sogar im Operationsbereich, im Treppenhaus und Fahrstuhl gehört hatte.
         Maria saß anmutig auf dem Bett und war nur mit einem weißen Nachthemd bekleidet. W. konnte sich seltsamerweise nicht daran erinnern, ob sie dieses Nachthemd bereits im Rollstuhl angehabt hatte.
         "Wie geht es?" fragte er.
         "Es ist sehr ernst." sagte Maria. Sie entblĂ¶ĂŸte ihre Beine, die mit großen roten Flecken bedeckt waren. Die Geste, mit der Maria ihre Beine entblĂ¶ĂŸte, hatte etwas völlig SelbstverstĂ€ndliches und schien durch ihre Krankheit gerechtfertigt. W. konnte ihren weißen SchlĂŒpfer erkennen und fĂŒhlte sich an eine Chirurgenmaske erinnert.
         "Dies ist nicht von der Krankheit. Es ist von der Bestrahlung. Ich hatte gerade Bestrahlung."
         "Was fĂŒr eine Krankheit?" fragte W. Maria erwiderte etwas, aber W. kannte nicht den Chinesischen Ausdruck.
         "Ich weiß nicht, wie man es ausspricht." sagte Maria und schrieb etwas auf ein Papier, das W. als ‘mycosis fructoides’ entzifferte.
         "Ist es Krebs?" fragte W. Er fĂŒhlte sich etwas unangenehm, denn das Chinesische Wort fĂŒr Krebs klang ihm sehr Ă€hnlich wie das Wort ‘Liebe’.
         "Es ist Krebs." sagte Maria. "Aber ich kann weiterstudieren. Nach einem Monat kann ich das Krankenhaus verlassen und brauche nur einmal wöchentlich zum check-up."
         "Was sind die Symptome?" fragte W.
         "Nichts Besonderes. MĂŒdigkeit
"
         W. wunderte sich, daß der Vater noch nicht mit dem Espresso erschienen war. "Hast Du viele Besucher?" fragte er.
         "Mein Vater." sagte Maria.
         "Wo ist Deine Freundin?" fragte W. Er erinnerte sich plötzlich daran, Maria im Kulturzentrum stets in Begleitung einer Freundin gesehen zu haben. Diese Freundin wirkte etwas dicklich und untersetzt an der Seite von Maria. W. hatte das Paar scherzhafterweise ‘Chi-Yueh, Pa-Yueh’ genannt, weil es ihn an zwei volkstĂŒmliche Gottheiten und TempelhĂŒter erinnerte.
         "Meinen Sie Pa-Yueh?" fragte Maria lĂ€chelnd. "Sie weiß nichts von meiner Krankheit."
         "Sie weiß nichts von Deiner Krankheit? Aber es ist sehr ernst." sagte W. unglĂ€ubig.
         "Es ist sehr ernst. Meine Heilungschance ist nur sehr gering. Sie wĂŒrde sich sehr freuen."
         "Pa-Yueh? Aber ist sie nicht Deine Freundin?"
         "Sie ist meine beste Freundin."
         "Deine beste Freundin wĂŒrde sich sehr freuen, wenn Du Krebs hast?"
         "NatĂŒrlich."
         "Wieso?"
         "Herr Lehrer
, Chinesen sind so."
         Der AuslĂ€nder verstand nicht. Das Mißtrauen Marias erschien absurd. Vielleicht war auch die Geschichte ihrer Krankheit ĂŒbertrieben.
         "Entschuldigung. Entschuldigung!" sagte der Vater und reichte dem AuslĂ€nder einen Plastikbecher mit Espresso.
         "Trinkst Du Espresso?" fragte W. seine SchĂŒlerin zum Spaß. Sie nahm jedoch seinen Becher in der Tat und trank mit großer SelbstvestĂ€ndlichkeit einen Schluck Espresso.
         W. blickte schĂŒchtern auf den Vater, aber dieser hatte bereits einen Photoapparat gezĂŒckt. "Say cheese." sagte er lĂ€chelnd.
         Der AuslĂ€nder fĂŒhlte sich plötzlich fehl an seinem Platz. "Kannst Du noch wandern?" fragte er seine SchĂŒlerin.
         "Ja." sagte Maria.
         "Ruf’ mich an, wenn Du aus dem Krankenhaus kommst. Wir werden mit den anderen Berge steigen gehen."
         "Berge steigen! Herr Lehrer, ich organisiere das!" rief Maria enthusiastisch.
         W. verabschiedete sich und wurde von seiner SchĂŒlerin und ihrem Vater bis zum Fahrstuhl begleitet.

‘Ich habe GlĂŒck, daß ich Marias Geheimweg kenne.’ dachte W. im Fahrstuhl. Als er jedoch im 6. Stock ausstieg, bemerkte er, daß es einen Aufruhr im Treppenhaus gab. Es stank nach Alkohol und man hörte unflĂ€tige FlĂŒche im Lokaldialekt. Der AuslĂ€nder erkannte, wie ihm ein brĂŒllendes Wesen mit affenartiger Behendigkeit entgegenhetzte. Mit Entsetzen erkannte er den entstellten Körper des Unfallopfers, der offensichtlich vom Operationstisch entflohen war. Eine Pinzette stak ihm noch in der Augenhöhle. Das Ă€ltere Paar mit den ausdruckslosen Gesichtern und den Handys war ihm dicht auf den Fersen. Zwei Stockwerke darunter folgten die Krankenschwester und hinterdrein der junge Arzt mit weichen Knieen. Sie flitzten mit winzigen Trippelschritten und kicherten rhythmisch in sich hinein.
         ‘Was fĂŒr Arschlöcher!’ dachte der AuslĂ€nder. ‘Wahrscheinlich sind sie eingeschlafen bei der Operation.’ Aber er war nun ziemlich besorgt, denn das wahnsinnige Unfallsopfer hatte ihn erreicht. Es blieb jedoch stehen, als es den AuslĂ€nder mit seinem einen betrunkenen Auge erblickte. Der Ausdruck des Auges verĂ€nderte sich, und der Mund öffnete sich. Dieses Maul war eine abscheuliche Höhle, und das grelle Rot, hervorgerufen durch Betelnußsaft, ĂŒbertraf das Dunkelrot der Augenhöhle, die im Vergleich zu dem grĂ¶ĂŸeren Loch nur wie eine unbedeutende Nebensonne wirkte. Die Englischkenntnisse dieser Höhle waren jedoch anscheinend recht gering. Es entkrĂ€chzte ihr nur ein gepreßtes "Hellooo" mit starkem Akzent auf der zweiten Silbe.
         "Hi." sagte der AuslĂ€nder. Aber nun waren auch die Verfolger des Körpers angekommen und blieben ebenfalls stehen, als sie den AuslĂ€nder erblickten. Mehrere Sekunden lang herrschte eisiges Schweigen. Dann jedoch ĂŒberwand sich der junge Arzt und ĂŒberreichte dem AuslĂ€nder seine Visitenkarte. "Just call me Michael." sagte er. Die anderen Personen ĂŒberreichten ebenfalls ihre Visitenkarten, und der Körper und seine zwei Angehörigen wiederholten in einem fort "Hellooo!"
         Der AuslĂ€nder, der zunĂ€chst wie erstarrt dastand, entschied sich, zum Fahrstuhl zurĂŒckzukehren, fand seinen Weg jedoch von Marias Vater versperrt.
         "You forgot your Espresso!" sagte der Vater und drĂŒckte dem AuslĂ€nder einen Plastikbecher in die Hand. Dieser war unschlĂŒssig und zögerte. Aber der Vater hatte bereits seinen Photoapparat gezĂŒckt. "Say cheese!" sagte er.
         Der Arzt und sein Patient gruppierten sich um den AuslĂ€nder, welcher die beiden um einen Kopf ĂŒberragte. Das Ă€ltere Paar stellte sich daneben. Sie sprachen nicht mehr in ihre Handys, posierten aber doch und hielten sie demonstrativ ans Ohr. Die Krankenschwester stritt mit dem Vater um die Ehre, photographieren zu dĂŒrfen. Endlich gewann die Schwester. Der Vater stellte sich zwischen den Körper und den AuslĂ€nder. Er nahm die auslĂ€ndische Hand mit dem Plastikbecher und hielt sie in die Höhe. Der Körper sagte "Hellooo!" und die Krankenschwester "Say cheese!" Aber der Blitz funktionierte erst beim zweitenmal.
         Der Vater wollte noch einen frischen Espresso fĂŒr den AuslĂ€nder kaufen. Aber der Arzt, der die entsetzliche Verlegenheit des AuslĂ€nders bemerkte, nahm diesen an den Arm und sagte: "Let’s go fishing. I love fishing."
         Der Vater ĂŒberreichte dem AuslĂ€nder seine Visitenkarte, der Körper, völlig besĂ€nftigt, ließ sich von der Schwester an der Hand fĂŒhren, und Michael verließ mit dem AuslĂ€nder das Krankenhaus.


weiter: (Teil 3)

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Barbarella
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Registriert: Not Yet

Kontraste

Tja, so wĂŒrde ich das mal nennen, liegen Zerbrechlichkeit und viele blutige Szenen nebeneinander.

Frage: warst Du schon mal in diesem Land ?

Gruß
Barbarella

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

Werke: 123
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Hallo Barbarella,

Du hast ja schnell gelesen... Entschuldige uebrigens, dass ich aus Versehen Barbara schrieb, vorhin. In Taiwan lebe ich mehr oder weniger seit 1978. Es ist wirklich ein sehr verruecktes und kontrastreiches Land.

Viele Gruesse,
Rolf-Peter (Wei Le-Fu)

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Barbarella
Guest
Registriert: Not Yet

Hello again

Na, dann kennst Du Dich ja wirklich in dem Land bestens aus. Und nur nicht nervös werden, ich lese auf alle FÀlle Teil 3 auch noch .
Ach ja, "Barbara" ist auch okay, ist ja mein bĂŒrgerlicher Name .
Gruß zurĂŒck
Barbarella

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