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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die rote Blume
Eingestellt am 03. 09. 2002 07:23


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Rolf-Peter Wille
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Registriert: Apr 2002

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Die rote Blume


von Rolf-Peter Wille


[Teil 1]


(Diese ErzÀhlung entstand im Sommer 1999 kurz vor dem verheerenden Erdbeben auf Taiwan.)


Inhalt: Urwald / Im Krankenhaus / Maria / Fishing /
        Eine Wanderung / Die rote Blume / Coda


Urwald


Der Urwald brannte auf Sumatra. HundertjĂ€hrige Urwaldriesen, feuchte Lianen, die Salamander: alles brannte. Übrig blieb Rauch als das trĂŒbe Produkt der VerwĂŒstung und legte sich schwer auf die Nachbarinseln.
         Auf den Philippinen nannte man ihn ‘smaze’ — eine merkwĂŒrdige Verbindung von smoke und haze. Auf anderen Inseln nannte man ihn gar nicht. Smaze war nur eine unwichtige Komponente in dem alltĂ€glichen Nebel der Autoabgase.
         An besseren Tagen war dieser Nebel nur noch als leichter Dunst wahrnehmbar, und ein ahnungsloser Poet, der am Morgen des 8. 9. in die Tiefe der T.-South Allee geblickt hĂ€tte, hĂ€tte diesen Dunst vielleicht sogar poetisch nennen können. MotorrĂ€der und Autos erschienen in der Ferne des Dunstes, den sie ja auch selbst verursacht hatten, zunĂ€chst wie winzige schwarze Punkte, die ĂŒber der Fahrbahn zu schweben schienen. Erst in unmittelbarer NĂ€he erinnerten ihre ruckartigen Bewegungen an einen Schwarm aufgeschreckter Schmeißfliegen. Der Rhythmus dieser Fahrzeuge schien ein stĂ€ndig an- und abschwellendes Chaos; aber in den eleganten OfficegebĂ€uden der T.-South Allee wirkte dieses Chaos nur noch als eine bestĂ€ndige Energiequelle. Eine ewige Nationalhymne, welche die Angestellten zu ihren emsigen und unsinnigen BeschĂ€ftigungen anspornte.


Im Krankenhaus


In diesem Moment trat der AuslĂ€nder W. im Anzug und aus einem dieser OfficegebĂ€ude auf die Straße. Dabei erhob sich sein Arm, um ein Taxi heranzuwinken.
         Diese unbedeutende Bewegung schien den energischen Rhythmus der Schmeißfliegen ins Stocken zu bringen. Ein gelbes Taxi schwenkte, wie von einem Magnet angezogen, jĂ€h nach rechts. Eine Meute von MotorrĂ€dern, die das Taxi verfolgt hatte, wich kontrapunktisch nach links aus. Die steif lauernden Gestalten auf den MotorrĂ€dern wirkten wie kauernde Gottesanbeterinnen.
         Eine Motorradfahrerin, wie der AuslĂ€nder W. erkannte, war nicht ausgewichen und, obschon in einiger Entfernung von dem jĂ€h abbremsenden Taxi, ließ sich die etwas beleibte Fahrerin abgleiten. Ihr Fall hatte etwas entschieden UnauffĂ€lliges, etwas faul Routiniertes.
         ‘Sie hat sich fallen gelassen.’ dachte der AuslĂ€nder. Die Szene hatte etwas eigenartig Vertrautes: Die Gottesanbeterinnen waren lĂ€rmend vorĂŒbergeschossen. Das Taxi stand rechts, die TĂŒr weit geöffnet, der Motor lief, der Fahrer starrte erwartungsvoll auf den AuslĂ€nder W. Links lag die Motorradfahrerin plump und unbeweglich, wĂ€hrend die RĂ€der ihres Motorrades wie zwei unsinnige Kreisel rotierten.
         W. zögerte. Er ging auf die Motorradfahrerin zu und bemerkte, daß sie eine Chirurgenmaske trug, wie es einige Motorradfahrer tun, um sich gegen die Autoabgase zu schĂŒtzen. Hinter der weißen Maske konnte man die Lippen der Fahrerin erkennen, die sich öffneten und schlossen. Öffneten und schlossen, wie das Maul eines geschlachteten Fisches, der nach Luft schnappt. Ihre Augen waren auf W. gerichtet, aber ihr Blick schien die Umgebung zu ignorieren. Neben dem Motorrad hatte sich eine kleine Benzinlache gebildet, und W. zögerte. Er hĂ€tte das Motorrad aufrichten können, aber sein Weg war durch die Benzinlache versperrt. Außerdem hatte sich die Fahrerin, die völlig unverletzt schien, bereits erhoben.
         W., der sich in seinem Anzug fehl am Platz fĂŒhlte, stieg rasch in das noch immer wartende Taxi.

"Kulturzentrum." Sagte W.
         "Huhh?" sagte der Fahrer. Er konnte nicht den falschen Akzent des AuslĂ€nders verstehen. Oder die Musik war zu laut. Wahrscheinlich jedoch sagte er immer ‘huhh?’
         "Kulturzentrum." sagte W. Der Taxifahrer sagte nichts. Zum GlĂŒck war es keiner von den gesprĂ€chigen Taxifahrern. W. vermied es, ihn zu beobachten. Dies war ĂŒbrigens nicht schwierig: Der Fahrer war einer jener widerlichen Zwerge, die völlig in ihrem ausgesessenen Sitz versinken; absorbiert werden, sozusagen. Man konnte sich vorstellen, in einem fahrerlosen Auto zu sitzen, wenn man das speckig schwarze Skalp des Fahrers ignoriert hĂ€tte. Offensichtlich war er hauptberuflich ein UhrenverkĂ€ufer. An der Decke des Taxis und sogar an den Fensterscheiben klebten durchsichtige PlastikhĂŒllen mit gefĂ€lschten Uhren.
         Das Gesicht des Zwerges, der den AuslĂ€nder verstohlen im Spiegel gemustert hatte, zuckte ruckartig wie ein Flaschenteufelchen hinter der RĂŒckenlehne des Fahrersitzes hervor und verkrampfte sich zu einem Grinsen. Er drĂŒckte W. eine besonders kitschige Rolex Imitation in die Hand.
         W. ignorierte die Uhr in seiner Hand. Durch die Uhren, die am Fenster klebten, konnte er nun auf dem gegenĂŒberliegenden Fußweg die Motorradfahrerin sehen, Sie hatte ihr Motorrad an einen Baum angelehnt geparkt und saß apathisch wie ein Mehlsack und mit hĂ€ngenden Armen darauf.
         "Sie ist selbst schuld." sagte der Taxifahrer und nahm dem AuslĂ€nder die Uhr aus der Hand. W. hörte nun deutlich einen fremden Akzent. Es war die dunkle Art, in der das ‘selbst’ ausgesprochen wurde, die auf eine andere Provinz schließen ließ.
         ‘Es ist ein ausgedienter Soldat.’ dachte W. angewidert. Er wĂŒrde einen Hund ĂŒberfahren, ohne mit der Wimper zu zucken. Wahrscheinlich hatte er frĂŒher hunderte von Menschen abgeschlachtet. Sein Haß steigerte sich derart, daß W. dem Fahrer nach einigen Minuten befahl anzuhalten.
         "Schon da!"

Beim Aussteigen erkannte W. ĂŒberrascht, daß er sich direkt vor dem Success-Krankenhaus befand. Er hatte dieses Krankenhaus frĂŒher wegen einer HarnleiterentzĂŒndung aufgesucht. Es war nicht ohne weiteres zu verstehen, ob W. hier aus Haß oder nur aus Gewohnheit ausgestiegen war.
         W. zwĂ€ngte sich durch die Reihe der eng aneinander parkenden MotorrĂ€der auf den FußgĂ€ngerweg und stieß beinahe mit einem Polizisten zusammen, der mit seinem Motorrad auf dem FußgĂ€ngerweg patroullierte.
         "Dies ist ein FußgĂ€ngerweg." sagte der AuslĂ€nder zu dem jungen Polizisten in einer Anwandlung von Bösartigkeit. Aber W. bereute seine heroische Tat sofort. Die uniformierte Gottesanbeterin starrte ihn mit ausdruckslosem Gesicht an. Eine hĂ€ĂŸliche Narbe durchzog das Gesicht, und die Zigarette, die im Maul des Polizisten stak, wirkte wie eine VerlĂ€ngerung dieser Narbe.
         ‘Er wird mich abknallen.’ dachte W. Aber das Gesicht des Polizisten verkrampfte sich zu einem Grinsen.
         "You speaka Chinese. — Very good." Er betrachtete den AuslĂ€nder wie ein amĂŒsierter Zoobesucher, der im Begriff steht, seinem Söhnchen eine besonders possierliche Affenart zu prĂ€sentieren.
         ‘Was fĂŒr ein Arschloch.’ dachte W, in seinem Anzug und fĂŒhlte sich fehl am Platz. Offensichtlich versperrte er die Einfahrt zur Unfallsabteilung des Success-Krankenhauses. Ein Auto hupte ungeduldig in seinem RĂŒcken, und W. betrat rasch die Unfallsabteilung.

Ein Aufruhr entstand hinter ihm. Das Auto war ein Unfallwagen, und man trug eine Bahre mit einem menschlichen Körper in die Unfallsabteilung. Es war eine Bauer, der in volltrunkenem Zustand von seinem Motorrad gestĂŒrzt war. Er hatte bei dem Sturz ein Auge eingebĂŒĂŸt.
         "Eyeball rapture."
         "Gosh!" sagte die Krankenschwester.
         ‘Warum sprechen sie plötzlich Englisch?’ dachte der AuslĂ€nder angewidert.
         Die Schwester trat an die Bahre und stellte dem reglosen Körper routinemĂ€ĂŸig einige Fragen, die sie von einem Notitzbuch ablas: "FĂŒhlen Sie sich unwohl? Tut es Ihnen irgendwo weh? Haben Sie heute etwas außergewöhnliches gegessen? Haben Sie besondere Allergien?"
         Eine KopfhĂ€lfte des OhnmĂ€chtigen war behelfsmĂ€ĂŸig mit einem weißen Tuch bandagiert. An der Stelle des Auges war ein dunkler schmutzig-roter Fleck.
         Ein Ă€lteres Paar, vielleicht Angehörige des Unfallopfers, war erschienen. Beide schrieen mit ausdruckslosen Gesichtern in ihre Handys, die ihnen am Ohr klebten. Ohne auf den Körper des Unfallopfers zu blicken, folgten sie der Bahre, die bereits in einen angrenzenden Operationsraum geschoben wurde und nunmehr als Bett fungierte.
         Der AuslĂ€nder bemerkte, daß es eigentlich kein richtiges Zimmer, sondern nur ein durch SchiebewĂ€nde behelfsmĂ€ĂŸig abgegrenzter Operationsbereich war. Die Angehörigen des Körpers standen neben dem Bett und schrieen in ihre Handys. Ein junger Arzt war erschienen, die Bandage wurde von der Schwester entfernt, und der Arzt trĂ€ufelte irgendeine FlĂŒssigkeit in die Augenhöhle des Körpers. Dieser zuckte zusammen und stieß ein tierisches GebrĂŒll aus. Es waren unflĂ€tige FlĂŒche im Lokaldialekt, wie der AuslĂ€nder bemerkte. Plötzlich stank es nach Alkohol.
         "Entspannen Sie sich." sagte der Arzt zu dem Körper, "take it easy", mit einem kurzen LĂ€cheln auf den AuslĂ€nder.
         W. verließ angewidert den Operationsbereich.


weiter: (Teil 2)



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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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Die rote Blume

Ich lese deine Storys sehr gerne, freue mich schon auf die Fortsetzung. Kleine Anmerkung: Heißt es nicht Trage?

liebe GrĂŒĂŸe
anemone

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

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Von der Wiege bis zur Bahre...

Vielen Dank, Anemone!

Die (etwas grauenvolle) Fortsetzung folgt morgen (hoffentlich). Du meinst die "Bahre" oder? Ja, stimmt, Bahre klingt schon etwas nach Leiche. Es war mir nicht ganz bewusst. Aber, wenn es diesen Anklang hat, waere mir das nicht unrecht ;-)

Viele Gruesse,
RP

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Barbarella
Guest
Registriert: Not Yet

Vielversprechend ...

Hallo Rolf-Peter,
Deine Geschichte fessselt mich, werde mich gleich daran machen, Teil 2 zu lesen . Du sprichst in ausdrucksstarken Bildern und ich bin gespannt, wie es weitergeht.
Gruß von
Barbarella

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

Werke: 123
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Hallo Barbara,

es freut mich sehr, dass Dich meine Geschichte fesselt. Jetzt werde ich natuerlich etwas nervoes, denn ich weiss nicht, ob die Geschichte ihr Versprechen halten wird...

Gruss,
RP

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