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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die rote Blume (4)
Eingestellt am 06. 09. 2002 06:46


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Rolf-Peter Wille
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Die rote Blume


von Rolf-Peter Wille


zurĂŒck: zu Teil 3      zum Anfang der ErzĂ€hlung (Teil 1)


[Teil 4]


Eine Wanderung


Er erwachte in der FrĂŒhe des nĂ€chsten Morgens. Noch in der DĂ€mmerung bemerkte W., daß es ein ungĂŒnstiger Tag zum Wandern war. Ein feuchter Monsunregen hing in der stickigen Luft und verwischte die Konturen der HochhĂ€user. Trotzdem zog er sich recht sportlich an. Die neue Verkleidung schien auch den Rhythmus seines Benehmens zu entkrampfen, und seine Bewegungen erschienen ihm sportlich lakonisch. Er fĂŒhlte sich weniger gelĂ€hmt durch das feindliche Chaos der Stadt, und der Brei von Menschen, MotorrĂ€dern und Schmeißfliegen erschien nur noch als ein sportliches Hindernis, welches es zu ĂŒberwinden galt — das Vorgebirge einer Wanderung.
         Sie hatten sich in der Endstation der Subway verabredet. W., der zu frĂŒh aufgestanden war, wollte die Zeit nĂŒtzen, vor dem Erscheinen seiner SchĂŒlerinnen ein FrĂŒhstĂŒck einzunehmen; doch hatte sich bereits eine grĂ¶ĂŸere Gruppe der Studentinnen seines Seminars am Ausgang der Endstation versammelt. Sie kicherten als sie den AuslĂ€nder in kurzer Hose und SchirmmĂŒtze sahen. Sicher war er heute besonders niedlich. Maria war nicht da, aber Pa-Yueh versicherte, das sie jeden Moment eintreffen sollte.
         Sie erschien allerdings mit ziemlicher VerspĂ€tung und durch den Ausgang der Station. Etwas Andersartiges schien von ihrem Wesen auszugehen. W. erkannte ihre Anmut als eine eigentĂŒmliche Verbindung von körperlicher Zerbrechlichkeit und ĂŒberlegener WillensstĂ€rke. Ihre Bewegungen wirkten weder verniedlicht noch hastig. ‘Die unheilbare Krankheit hat ihrem Verhalten eine WĂŒrde verliehen.’ dachte W. Aber Marias Freundinnen bemerkten nichts von dieser WĂŒrde. Vielleicht war sie schon immer so anders, und nur das Wissen um ihre Krankheit hatte das Bewußtsein des AuslĂ€nders aufnahmefĂ€hig gemacht.
         Es mochte jedoch unglaubwĂŒrdig sein, daß Maria in ihrem gesundheitlichen Zustand eine grĂ¶ĂŸere Wanderung durchhalten wĂŒrde, und so schlug W. vor, mit zwei Taxis direkt auf den Gipfel zu fahren, um von dort gemĂ€chlich herabzusteigen. Dieser Vorschlag wurde mit großer Erleichterung angenommen. Die Studentinnen zwĂ€ngten sich kichernd in die Taxis und saßen eng gepreßt aneinander. W. hatte den Vordersitz fĂŒr sich und hĂ€tte daher einige Bequemlichkeit genießen können, wenn er nicht den grantigen Fahrer neben sich gehabt hĂ€tte.
         Dieser war nicht sehr begeistert von der Idee, eine Meute kichernder Studentinnen auf einen Berg fahren zu mĂŒssen, doch bereits auf halbem Wege hatte sich die Landschaft derart gewandelt, daß die MĂ€dchen ihr Kichern einstellten und sogar der Fahrer seine Grantigkeit vergaß. Sie waren zunĂ€chst durch einen dichten Nebel gefahren. Der Fahrer fluchte unflĂ€tig, da er trotz Nebelscheinwerfern die Straße nicht erkennen konnte. Dann hatten sie plötzlich die Wolkendecke durchstoßen. MĂ€chtige Berggipfel erschienen vor ihnen und in weiter Ferne ĂŒber den Wolken schwebend. Der Himmel war sauber, die Wolkendecke unter ihnen wirkte wie frisch gewaschen, und niemand erinnerte sich noch daran, daß diese sanfte Daunendecke auf dem trĂŒben GewĂŒhl einer hĂ€ĂŸlich feuchten Stadt lag.
         Ein eisklarer Wind pfiff ĂŒber den Gipfel und durch die Kleidung der Menschen. Wie ein gigantischer Kamm strich er durch die wogenden GrĂ€ser und BambusbĂŒsche. Die Pyramiden vor ihnen waren sicher vulkanischen Ursprungs. Silbernes Licht wurde von den GrĂ€sern reflektiert, deren Wellen wie zĂŒngelnde FlĂ€mmchen um die Berggipfel leckten, und zwischen diesen lodernden Berginseln zerflossen die Wolkenströme mit phantastischer Geschwindigkeit.
         Nun war auch das hintere Taxi mit Maria auf dem Vordersitz angelangt. Wortlos verharrten alle fĂŒr einige Minuten.
         Dann begannen sie schweigend den Abstieg.

Der Wind hatte sich weitgehend gelegt, als sie eine sonnige Hochebene erreichten. Ein leicht schwefliger Geruch lag in der Luft und mochte ein weiteres Zeugnis fĂŒr den vulkanischen Ursprung des Gebirges sein. Die Gruppe der Wanderer hatte sich in kleine Trupps geteilt, und W. und Maria bildeten die Vorhut.
         Die scharfen Schatten von BlĂ€ttern und GrĂ€sern zuckten vor ihren FĂŒĂŸen. Oft huschten blaugeschwĂ€nzte Echsen ĂŒber ihren Weg. Auf einem glĂŒhenden Felsstein sonnte sich eine große salamanderförmige Eidechse.
         Plötzlich durchzuckte Marias Körper in blitzartiger Ruckhaftigkeit. Ihr Fuß zielte nach dem Tier, welches unmittelbar enthuschte.
         "FrĂ€ulein Ma!" sagte der AuslĂ€nder. "Hoffentlich werde ich in meinem nĂ€chsten Leben kein Salamander sein." Maria erstarrte fĂŒr einen Moment. Wortlos kniff sie W. in den RĂŒcken, daß es schmerzte. Er musterte seine SchĂŒlerin, die nun wieder ihre vornehme Zerbrechlichkeit zurĂŒckgewonnen hatte und ihn mit fragenden Augen anblickte.
         Da sie eine Weggabelung erreicht hatten, warteten sie auf den Rest der Gruppe. W. wollte den lĂ€ngeren Kletterpfad nehmen, der nach oben fĂŒhrte. Maria widersprach und schickte sich an, den kĂŒrzeren Weg nach unten zu verfolgen. Sie spielten schnell mit den HĂ€nden ‘Stein-Schere-Papier’, W. gewann, und die Studentinnen des Seminars folgten ihm auf dem Kletterpfad, der in einen verzauberten Regenwald mit uralten majestĂ€tischen KamphorbĂ€umen fĂŒhrte. Nach einer Weile ging es wieder bergab. Der Boden unter ihren FĂŒĂŸen wurde zunehmend feuchter, und die Wanderer mußten sich auf ihre Schritte konzentrieren, um nicht von den schlĂŒpfrig bemoosten Steinen abzurutschen. Sie hatten nun die Region der Wolken erreicht, und die phantastischen VerĂ€stelungen gestorbener Urwaldriesen streckten ihre klagenden Gespensterklauen in den feuchten Nebel.

Plötzlich standen sie auf einer großen, mit schilfartigem Gras bewachsenen Wiese, die sehr ebenmĂ€ĂŸig rund schien und auf allen Seiten von Urwald bewachsenen Bergen umwallt war. Es mochte wohl der Boden eines bewachsenen Kratersees sein. Ein leicht schwefliger Geruch lag ĂŒber dieser Kraterwiese. Der Nebel verĂ€nderte sich mit großer Unruhe. Bald riß er auf, ließ StĂŒcke des blauen Himmels und der umliegenden Bergmauern erkennen, dann verschleierte er wieder gespenstisch die Szene. Genau in der Mitte der Wiese stand ein mannshoher schwarzer Stein. ‘Ein Meteor.’ dachte W.; aber man konnte noch das verblichene Rot eines buddhistischen Hakenkreuzes erkennen, und die verkohlte Erde, die Reste der RĂ€ucherstĂ€bchen und des Totengeldes zeigten, daß dieser Stein ein religiöses Kultobjekt war.
         W.’s SchĂŒlerinnen lagerten sich in einem großen Kreis um diesen Stein. W. stellte sich vor den Stein. Er murmelte beschwörende Zauberformeln und spreizte die Arme von sich. Im Nebel erinnerte er an einen gestorbenen Urwaldriesen. Die SchĂŒlerinnen kicherten und ermunterten W. zu immer dramatischeren GebĂ€rden, wĂ€hrend sie ihn begeistert photographierten.
         Maria beteiligte sich nicht an diesem Spektakel. Sie saß abseits von den anderen, außerhalb des Kreises und wirkte sehr mĂŒde. W. beendete seine Vorstellung unter großem Applaus und setzte sich neben Maria. Die Studentinnen verteilten Kekse und Schokolade. W. hatte eine Flasche XO Cognac dabei, aber außer ihm trank nur Maria davon.
         "Darfst Du trinken?" fragte er. Maria zuckte mit den Achseln und blickte fragend auf W.
         Der Nebel hatte sich nun so verdichtet, daß die Berge verschwunden waren. Der buddhistische Stein und der Kreis der AndĂ€chtigen schwebte in einer milchigen Unendlichkeit. Hinter dem hohen schilfartigen Gras verbarg sich das weißgetĂŒnchte Beton eines KlohĂ€uschens im Nebel.
         Dieses KlohĂ€uschen hatte nun den buddhistischen Meteor als Kultobjekt neuer Zeremonien verdrĂ€ngt. Die MĂ€dchen gingen pĂ€rchenweise durch das Gras. "Wer kommt mit mir?" fragte eine Studentin. "Ich komme." rief eine andere, und dieses Ritual wiederholte sich vier- oder fĂŒnfmal.
         Den AuslĂ€nder befremdete dieses exotische Ritual. ‘Dies sind alles Pinkelfreundschaften.’ dachte er.
         "Wer kommt mit mir?" fragte er zum Scherz und erhob sich. Die Studentinnen kicherten. Maria erhob sich wortlos und begleitete den AuslĂ€nder durch das Gras.
         "Warte hier!" sagte er vor dem MĂ€nnereingang des KlohĂ€uschens, denn er befĂŒrchtete, daß Maria ihn vielleicht auch noch beim Pinkeln beglitte. Eigentlich mußte er gar nicht pinkeln. Da er jedoch einmal in dieser stinkenden Latrine war, nĂ€herte er sich dem Plumpsklo. Im Halbdunkel erkannte er eine formlose Masse im Porzellanbecken, und es ekelte ihn. Plötzlich durchzuckte es diese Masse. W. glaubte eine Krebsschere zu erkennen. Ein grĂ¶ĂŸeres Tier war ruckartig untergetaucht. W. starrte reglos in das leere Klobecken und wartete darauf, daß das Ungeheuer wieder auftauchen wĂŒrde. ‘Wahrscheinlich ist es eine große Kröte." dachte er.
         "Gibt es Probleme?" fragte Maria von draußen. W. erwachte aus seiner Erstarrung und verließ das KlohĂ€uschen. "Gibt es Krebse oder Kröten im Klo?" fragte er. Maria schien angewidert von Kröten. Durch das schilfartige Gras konnten sie die Gruppe der Studentinnen undeutlich im Nebel sehen. Wahrscheinlich gafften sie zum KlohĂ€uschen. Man konnte ihr Kichern hören.
         "Warum sind sie so albern?" fragte der AuslĂ€nder.
         "Stört es Dich?" fragte Maria. "Komm’. KĂŒmmere Dich nicht um sie." sagte sie und zog W. am Arm.
         "Sollen wir sie einfach so verlassen?" fragte W. und folgte Maria zögernd.
         "Hast Du Angst?" fragte sie. Ungesehen von den anderen entfernten sich die beiden von der Kraterwiese und nahmen einen anderen Kletterweg, der hinanfĂŒhrte.
         ‘Diese Maria ist völlig verrĂŒckt.’ dachte der AuslĂ€nder. "Bist Du ein AuslĂ€nder?" fragte er. Maria nahm ihn an der Hand und blickte ihn fragend an.


weiter: (Teil 5)

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