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Leselupe.de > Erzählungen
Die rote Blume (6)
Eingestellt am 08. 09. 2002 07:39


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Rolf-Peter Wille
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Die rote Blume


von Rolf-Peter Wille


zur√ľck: zu Teil 5      zum Anfang der Erz√§hlung (Teil 1)


[Teil 6]


Coda


W. war allein zur√ľckgeblieben in einer unwirklichen Stille. Er befand sich in einem trance√§hnlichen Zustand. Aus dem reglosen K√∂rper in der Ecke ert√∂nte die Melodie eines vertrauten Liedes.
         ‚ÄėDas Handy.‚Äô dachte W. Pl√∂tzlich bemerkte er, da√ü Maria noch immer das winzige Handy bei sich hatte, welches sie nach dem Gespr√§ch mit dem Arzt eingesteckt hatte.
         W. war verwirrt. Er nahm das Handy aus ihrer Tasche und antwortete. Er vernahm eine ihm vertraute Stimme. Es war die Stimme von Michael. "Do you like the house?" fragte Michael. "Would you like to buy it?"
         "Es hat einen Unfall gegeben." sagte W.
         "No problem. Just relax." Michael hatte das Gespr√§ch beendet.
         W. z√∂gerte. Sollte er das Krankenhaus anrufen?
         In diesem Moment vernahm er das Knirschen eines Schl√ľssels. Die T√ľr schien sich von selbst zu √∂ffnen, und ein Gesicht, das von einer h√§√ülichen roten Narbe durchschnitten war, zuckte ruckartig hinter der T√ľr hervor.
         Sam musterte die Szene im Wohnzimmer des Chateaus. "Maria. Drinking, no good." sagte er, als er den reglosen K√∂rper in der Ecke sah.
         "Kennen Sie Maria?" fragte der Ausl√§nder.
         "Miss Ma." sagte Sam. "She pregnant. You buy house?" Er blickte fragend auf den Ausl√§nder.
         Dieser verstand nicht.
         "Let‚Äôs go." sagte Sam. Er packte den K√∂rper unter den Achseln und schleifte ihn aus der Ecke. W. griff die Beine unter den Knieh√∂hlen, und zusammen trugen sie Maria nach drau√üen.
         W. war recht verwirrt, denn der Morgen d√§mmerte bereits. Offensichtlich war er sehr betrunken und hatte sein Zeitgef√ľhl verloren.
         Sie betteten den K√∂rper auf die Betonauffahrt. Unten stand ein sch√§biges Auto bereit, der Motor lief, die T√ľr weit ge√∂ffnet. Sam ging zur√ľck ins Haus und r√§umte auf.
         W. versuchte, Maria anzusprechen. Ihre Reglosigkeit erschien wie eine Trotzhaltung, und man konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob sie bei Bewu√ütsein war. ‚ÄėVielleicht hat sie nicht alle Tabletten erbrochen.‚Äô dachte W.
         Sam hatte die Fenster zugemacht. Man h√∂rte das Summen der Klimaanlage. Er hatte sich wieder als Polizist verkleidet und hielt Angeln, Kescher und diverse andere Utensilien in der Hand.
         Er ging grinsend an Maria und W. vor√ľber und verstaute die Utensilien im Kofferraum des Wagens. Dann kam er zur√ľck, und mit der Hilfe des Ausl√§nders trug er den K√∂rper Marias zum Auto und legte ihn auf die R√ľcksitze.
         Maria lie√ü alles mit sich geschehen.
         "Don‚Äôt worry." sagte Sam. "Dr. Michael very good." Er machte eine Faust mit seiner rechten Hand, streckte den Daumen empor und fuhr los.
         W. sa√ü auf dem Beifahrersitz. Er drehte sich um und beobachtete die Gestalt Marias. Sie lag auf dem R√ľcksitz. Ihre Augen waren weit ge√∂ffnet und starrten unbeweglich nach oben. Auch Sam sa√ü v√∂llig unbeweglich am Steuer. Die l√§hmende Stimmung im Auto wurde noch erh√∂ht durch die unwirklichen Fassaden der Betonh√§user, die im Morgengrauen an ihnen vor√ľberhuschten. Um diese Uhrzeit waren die Stra√üenschluchten fast leer, und das Fahren wirkte ungewohnt monoton. Es war eigenartig statisch, als wenn sich W. ein Bild im Photoalbum betrachtete: Das Bild zeigte ein sch√§biges Auto, das sich mit rasender Geschwindigkeit einem parkenden Taxi n√§herte. Es fuhr in der falschen Spur ohne auszuweichen und wurde wie von einem Magneten in das schreiende Gelb des fremden Taxis gezogen.
         Der Ausl√§nder blickte nach links und erkannte, da√ü Sam eingeschlafen war. Ruckartig lehnte er sich nach links, um das Steuer zu ergreifen. Im R√ľckspiegel blieben seine Augen an Marias schwarzen Pupillen haften. Sie hatte sich in j√§her Panik aufgerichtet. Die Szene hatte etwas eigenartig Vertrautes. ‚ÄėIch wu√üte es schon immer.‚Äô dachte W. Die Augenh√∂hle des verungl√ľckten Bauern starrte ihn an. Unz√§hlige blutige W√ľrmer entsprossen zitternd der Augenh√∂hle. Einer von ihnen hatte das widerw√§rtig eingeschrumpfte Gesicht eines Zwerges. Angestrengt und mit puterrotem Kopf schmetterte sein Gesichtchen den unendlich heulenden Hupton aus einer sich stets verl√§ngernden Trompete.
         Alles brannte.



Nachwort


Wie versprochen ein paar Gedanken zur "roten Blume".

Zum Hintergrund:

quote:
Nach einem Klavierstudium in Hannover ging ich 1978 nach Taiwan. Ein √ľbersensibler, philosophisch spekulierender J√ľngling "landete" in einem sehr praktischen, realistischen Land. Einem Land von spr√ľhender Energie und brutaler Skrupellosigkeit, in dem der Puls des Lebens und Sterbens merkbar lauter und schneller schl√§gt als im betulichen Deutschland. Taipei ist eine Stadt, in der Tote wieder wachger√ľttelt werden, aber jede sensiblere menschliche Regung im Abfall erstickt.
         Der Kontrast zu Europa ist so unglaublich, da√ü eine Identifikation mit dieser Welt ausgeschlossen erscheint. Andererseits aber erscheinen westliche Werte in Taiwan wie Karikaturen im Zerrspiegel, so da√ü man sich bald selbst als ausl√§ndische Karikatur empfindet.
         √Ėstliche und westliche Werte prallen hier unbarmherzig aufeinander, verformen sich bis zur Unkenntlichkeit und verschmelzen zu neuartigen bizarren Gebilden, wie zwei Autowracks nach einem Frontalzusammensto√ü.
         Die Energie dieses Vorgangs gibt Kraft und Inspiration zum Schreiben. Die resultierende Absurdit√§t schafft gleichzeitig die notwendige Distanz, aus der die Imagination ihre eigene Perspektive entwickelt. Das Produkt ist eine surrealistische Welt.

Zur Erzählung:

einige Leitmotive:

quote:
Der Brand ("Alles brannte auf Sumatra", die "rote Blume", die plötzlich aufflammende "Liebe" des Ausländers, der plötzliche Haß, der Autounfall);

sexuelle Archetypen (das Fischmaul hinter der Chirurgenmaske, die rote Narbe, der wei√üe Schl√ľpfer und die roten Flecke, die Augenh√∂hle, das Fischig-Schweinische", der Finger im "Gentler", die "Kr√∂te" im Klo, usw.);

religiöse und kultische Archetypen (Maria, "fructoides" statt "fungoides", eine Anspielung auf Ave Maria: "…benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui…", buddhistisches Hakenkreuz, die segnende Gebärde aus der die "rote Blume" entsprießt);

der Urwald (in der Natur, sich selbst verdauend, in der Stadt, in den Personen);

fremde Apparate (Motorrad, Rollstuhl, Gentler, Handy, Auto);

häufig wiederkehrende Wort-Formeln ("in seinem Anzug", "fehl am Platz", "durchzuckte", "tranceähnlicher Zustand", usw.)

Die Ambiguität der Personen:

quote:
Der Ausl√§nder W. (ein Opfer der Umwelt? ein Opfer des Autors? ein wankelm√ľtiger, schwacher Charakter: Wenn er seine Liebe zeigen k√∂nnte, macht er lieber ein scheu√üliches psychologisches Experiment?);

Maria (eine Heilige? sie wird W. retten? zerbrechlich? aggressiv? schizoid? schwanger und sucht einen Mann?);

Marias Vater (höflich? ein Angeber? beutet seine Tochter aus?);

Michael (ein netter Arzt? sucht einen Dummen, der sein Haus kauft? mit Maria liiert?);

Sam (ein Polizist? ein Gangster? ein Butler?); die Motorradfahrerin (ein Verkehrsopfer? läßt sich fallen?);

der Taxifahrer (ein Taxifahrer? ein Uhrenverkäufer? ein alter Kuomintang Soldat?);

der Autor (berichtet autobiographische Erlebnisse? konstruiert Absurdit√§ten? jemand, der seine Helden recht willk√ľrlich umbringt und versucht, seine Leser in einer "√Ėlsardinendose" zu ersticken?).

Ich habe nat√ľrlich keine (bzw. zu viele) Antworten auf diese Fragen. Kurz nachdem ich die Erz√§hlung beendet hatte, traf uns das verheerende Erdbeben hier. Pl√∂tzlich sprachen alle miteinander. F√ľr einen Moment gab es nur noch Opfer und keine Ausl√§nder.

Rolf-Peter Wille


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herb
???
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Hallo Rolf-Peter,
wieder ohne Denkpause, smile
gut, dass ich weiter gelesen habe. Diese Hektik und Menge von Details der ersten drei Teile, die mich zum Ersticken brachten, sind in den Teilen 4 bis 6 in einem ruhigen Erz√§hlflu√ü √ľbergegangen und vieles wird deutlicher, die Personen und ihre verstrickten Beziehungen sch√§len sich heraus. Du bist ja in dem Sinne gar kein Ausl√§nder mehr nach so langer Zeit w√§re warhrscheinlich Deutschland f√ľr dich Ausland. Dein Held, den du auch Ausl√§nder nennst, muss es √§hnlich wie dir gehen, was die Zeit seines Aufenthaltes betrifft. Ein Tourist w√ľrde so nie schreiben k√∂nnen, du benennst das Abscheuliche abscheulisch, das Eklige eklig,
entdeckst unsymphatische Menschen und dann wieder die Gegens√§tze wie Sch√∂nheit der Berge, die Atmosph√§re dort ist nachf√ľhlbar. Und liebenswerte Menschen.
Ein sensibler Tourist vielleicht noch, hätte andauernd Probleme, es ist ja rassistisch von mir, wenn ich so denke, aber er sieht und traut sich nicht zu sehen.
Du steckst mittendrin und sagst ganz einfach die Wahrheit, so ist es, das Gef√ľhl habe ich
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Kästner

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Rolf-Peter Wille
???
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Hallo herb,

vielen Dank fuer's Durchlesen und fuer die Kommentare. Die "Wahrheit", die ich beschreiben, oder besser neu erfinden moechte, ist sehr viel komplexer geworden. Kurz nach meiner Ankunft hier (vor einer Generation) hatte ich sehr klare Theorien ueber das Land und die Gesellschaft, die Unterschiede zu Europa. Ich war vielleicht, wie Du sagst, noch ein halber Tourist. Je laenger ich blieb, desto unklarer wurden meine Theorien. Und je unklarer meine Theorien wurden, desto mehr konnte ich sehen.

Viele Gruesse,
Rolf-Peter

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Barbarella
Guest
Registriert: Not Yet

Nun auch gelesen ...

Hi RP,
ich k√§mpfe mich durch den Wust der Neuver√∂ffentlichungen (incl. meiner ) und habe nun auch das Ende Deiner Geschichte gefunden ... leider konnte ich nicht ganz folgen; liegt wohl an der mir fremden Kultur und ihren manchmal abstossenden Bildern von W√ľrmern und √§hnliches.
Aber trotzdem, weiter so ... wie es scheint, bist Du nun etwas in die Musikecke gegangen.
Gruß von
Barbarella

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