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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die wunderlichen Abenteuer
Eingestellt am 29. 01. 2003 02:36


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BenAlibi
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2001

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Die wunderlichen Abenteuer

Es ist ein Moment von Samstagabend. Germaine, die Hauptperson dieser kleinen Geschichte, sitzt wiedereinmal gelangweilt in ihrer Bude vor dem Spiegel. "Und wiedereinmal." sagt sie zu ihrem GegenĂŒber und sieht, wie diesem eine TrĂ€ne die Wange entlang kullert. Sollte jetzt der Eindruck entstanden sein, dass Germaine eine TrĂ€ne vergossen hat, weil sie jeden Samstagabend alleine ist, so ist dies falsch. Germaine sitzt jeden Abend alleine zu Hause. So gut wie. Germaine hat keine Freunde, zumindest keine echten Freunde. NatĂŒrlich kennt sie jede Menge Leute. Schule, Arbeit, Familie. Klar, da kommen schon einige Namen zusammen, aber zu keinem hat Germaine mehr Kontakt, obwohl man sich frĂŒher doch prima verstanden und den ganzen Tag lang zusammengehangen hat. FrĂŒher. Germaine betrachtet ihr Spiegelbild und denkt, denkt an frĂŒher. Sie ist vierundzwanzig Jahre alt. FrĂŒher. Das ist doch alles noch nicht so lange her. Obwohl, manchmal kommt es ihr vor als ob sie das, was sie frĂŒher erlebt hat, nie selbst erlebt hat. Sieht es aus einer Zuschauerposition. Ja, wie eine Zuschauerin, die die vorbeiziehende Parade beobachtet. Geht etwas schief, so ist sie nicht dafĂŒr verantwortlich. FrĂŒher. Da sprĂŒhte Germaine nur so vor Lebensfreude. Hatte viele Freunde, war ĂŒberall gerne gesehen, dauernd verliebt und sowieso das klassische Beispiel eines frĂŒhreifen Teenagers. Heute sieht sie zwar die Bilder von damals noch vor sich, hat aber keinerlei emotionalen Bezug mehr dazu. Ja, so als hĂ€tte sie es nie erlebt. MerkwĂŒrdiger Moment. "Was soll's." denkt Germaine. NatĂŒrlich gefĂ€llt ihr der Zustand nicht. Doch nach außen hin lĂ€sst Germaine es sich nicht anmerken, dass sie tieftraurig ist. FĂŒr traurige Menschen ist in der Gesellschaft kein Platz. Obwohl, wenn es die Gesellschaft nicht gĂ€be, wĂ€re Germaine auch nicht traurig. Sie erinnert sich an frĂŒher, oder besser gesagt an das „nochnichtsolangeher“ frĂŒher. Sie war siebzehn als sich in ihrem Leben alles Ă€nderte. Als sie sich mit Betrachteraugen sah und sich absolut lĂ€cherlich fand. Alles was sie tat, sagte, ihr Verhalten ĂŒberhaupt und insbesondere anderen Menschen gegenĂŒber. Es war oftmals sicher verletzend, denkt Germaine, und seit dem Tag an dem sich alles in ihrem Leben Ă€nderte, einem Freitag im November 1988, schĂ€mte sich Germaine vor anderen Leuten. Sie stellte sich vor, dass wenn sie ein Zimmer betritt alle Leute darin denken wĂŒrden, dass sie sie ist. Ja, sie, die sich ĂŒber andere lustig gemacht hat und selbst doch nicht perfekt ist und sie, die immer oberflĂ€chlich ist und nie ernst sein kann, nur ihr VergnĂŒgen im Kopf hat. Und Germaine begann sich zu Verinnerlichen. Damals war’s ihr gar nicht so bewusst, doch heute... Sie weiss noch wie sie immer weniger mit ihren Freunden unternahm (heute wĂŒrde sie diese nicht mal mehr als Freunde bezeichnen), immer weniger sagte, ihre Gedanken vor allem nicht mehr aussprach und fand, dass dies der richtige Weg sei. Um ehrlich zu sein, findet sie das in manchen Punkten auch heute noch und wahrscheinlich hat sie recht. Ihr Charakter ist, so könnte man sagen, nahezu perfekt. Er wurde es spĂ€testens im Jahr 1993, denn seitdem hat Germaine sich vorgenommen nicht mehr zu lĂŒgen. Und sie hat es bis heute durchgehalten. Auch nicht mehr die kleinste LĂŒge. Das hat Germaine zwar ein paar gute Chancen gekostet, vor allem beruflich und privat, aber sie fĂŒhlt sich gut dabei. Sie ist einfach ehrlich, und das kann doch nicht verkehrt sein, oder? Bestimmt nicht. Und trotzdem ist sie nicht so glĂŒcklich, wie sie es eigentlich sein könnte, denkt sie. Vielleicht liegt es daran, denkt sie, dass sie immer alles frĂŒher hatte und erlebte als andere in ihrem Alter. Das erste mal richtig verliebt mit dreizehn, als andere das Wort verliebt nur aus irgendwelchen Teeniezeitschriften kannten. Als sie so darĂŒber nachdenkt fĂ€llt ihr auf, dass sie immer die jĂŒngste war, in der Schulklasse, in der Ausbildung, bei ihren Jobs, in der Familie, immer war sie die jĂŒngste. Vielleicht hĂ€ngt es ja damit zusammen, dass sie wenn sie sich heute verliebt (das kommt selten vor, aber es passierte ihr erst vor kurzem) es immer Ă€ltere sind. Aber vielleicht ist das ja auch nur Zufall. Germaine verliert fĂŒr kurze Zeit den Blickkontakt mit ihrem Spiegelbild. Aber das liegt nur daran, weil sich gerade eine TrĂ€ne den Weg aus ihrem Auge bahnt. TrĂ€nen. Germaine hat in letzter Zeit viele vergossen. Man sagt, sie sei melancholisch. Doch das stört sie nicht. Eigentlich schon. Nicht, dass sie melancholisch ist, sondern dass Leute sich das Recht nehmen ĂŒber sie ein Urteil zu fĂ€llen und ihren Charakter beschreiben wollen, obwohl niemand sie wirklich kennt. Niemand sie wirklich kennt, was GefĂŒhle und TrĂ€ume angeht. In ihren TrĂ€umen war Germaine nĂ€mlich schon ĂŒberall, in der Zukunft und in der Vergangenheit. Das hat sie von ihm. 11.November 1988, ein Freitag. Sie kam mehr durch Zufall dahin. Er erzĂ€hlte ihr von TrĂ€umen, sang Lieder von Melancholie, wischte ihre OberflĂ€chlichkeit mit eine Geste davon und mit unbeschreiblicher Mimik, Poesie, Romantik und vor allem Ehrlichkeit zog er Germaine auf seine Seite. Noch heute ist sie da. Er musste sie nicht groß ĂŒberreden, damals. Es war schon in ihr. Nur hat es niemand abgerufen. Weder Schule, Familie, Freunde - keiner. Er machte den Anfang. Ob er weiß, was er da angerichtet hat? Dreimal traf sie ihn seitdem noch mal. Sie verehrt ihn nicht und er ist auch nicht ihr Vorbild, dass besondere an ihm ist, dass er so ist wie sie, nur dass er es schon war und sie es wurde. Ja, so fing es damals an. Melancholisch, sagen sie. Weil sie vertrĂ€umte Musik hört, Gedichte liest und zu der Musik vertonter Gedichte stundenlang trĂ€umen kann? Sie fĂŒhlt sich doch wohl dabei, also kann es nicht verkehrt sein. Oder? Na ja, denkt Germaine. Sie löst sich von frĂŒher. Wenigstens fĂŒr den Moment. Es ist jetzt schon eine halbe Stunde spĂ€ter als vorher. "Wiedereinmal." sagt Germaine. Sie ist zwar erst vierundzwanzig aber irgendwie wird sie das GefĂŒhl nicht los, dass ihr die zeit fortlĂ€uft. Sie hatte sich ihr Leben mit vierundzwanzig jedenfalls ganz anders vorgestellt. Nicht unbedingt eine eigene Familie, aber jemand zum Anlehnen, ausweinen, kuscheln, Dasein fĂŒr sie, ausgehen, lieben, sich freuen, aber das scheint so weit weg. Nicht erreichbar fĂŒr sie. Wenn sie mal weggeht, privat und meist alleine, dann wird sie oft wehmĂŒtig, wenn sie die anderen PĂ€rchen so sieht und manchmal versteht sie es nicht, dass sie alleine ist, wenn sie sieht wie sorglos andere damit umgehen. Sollte Liebe wirklich was mit SensibilitĂ€t, ZĂ€rtlichkeit, Ehrlichkeit und so zu tun haben, dĂŒrfte sie auch nicht alleine sein. MerkwĂŒrdiger Moment. Germaine denkt an ihr letztes verliebt sein. FĂŒnf Jahre Ă€lter als sie. Sie kannten sich schon ein paar Monate als aus ihrer Sympathie SchwĂ€rmerei und Verliebtheit wurde. Doch wie so oft in ihrem Leben wurden ihre GefĂŒhle nicht nur nicht erwidert sondern auch lĂ€cherlich gemacht. Sie heulte tagelang und wenn sie wie jetzt daran denkt, kann sie TrĂ€nen auch nur schwer zurĂŒckhalten. "Aber wir leben noch." sagt sie zu ihrem GegenĂŒber und meint eigentlich, dass dies nur auf die biologischen AblĂ€ufe in ihrem Körper zutrifft. Da fĂ€llt ihr ein Traum von neulich ein. In dem Traum hat ihr jemand erklĂ€rt wie das funktioniert und wieso das mit dem Leben so ist wie es ist. Die, die fĂŒr die Erde zustĂ€ndig sind wĂŒrden nur Situationen testen, bestimmte ZeitrĂ€ume. Und am Ende dieser Zeitabschnitte sterben dann alle und der Zeitraum wird entweder wiederholt mit den meisten Leuten die bereits zuvor teilgenommen haben, nur dass nicht jeder mit denselben Personen zu tun hat oder am selben Ort wieder auftaucht oder es wird eine komplett neue Situation erprobt. Ziemlich verwirrend. Auch fĂŒr Germaine. Sie hatte Kopfschmerzen als sie aus diesem Traum erwachte. Das erste Mal in ihrem Leben. Im Traum erzĂ€hlte man ihr auch, dass sich eigentlich niemand daran erinnern sollte. Haben die wohl einen Fehler gemacht. Ob die Kopfschmerzen etwas damit zu tun haben? Sie erinnert
sich daran, dass sie in diesem Traum, kurz bevor ihr Leben endete, also die Situation beendet wurde, alle Bescheid wussten und sie mit einem Messer eine Kerbe in einen Stuhl ritzte und sie sagte, dass man, wenn man die Kerbe sehen wĂŒrde sich doch in einer Wiederholung der Situation daran erinnern mĂŒsste. Man sagte ihr auch, dass Möbel und Ă€hnliches von ihnen nicht getauscht oder kontrolliert wĂŒrden. Germaine zögerte lange jenen Stuhl nach der Kerbe zu untersuchen. Als sie es schließlich doch tat, mit einer ernstzunehmenden GĂ€nsehaut, fand sie sie wirklich. Genau an der Stelle, an der sie sie auch im Traum eingeritzt hat. MerkwĂŒrdiger Moment. Aber so sehr sie das auch beeindruckt hat, es hat keinen Einfluss auf ihr Leben. Naja. War auch nur so ein Gedanke, denkt Germaine. Germaine bewundert ihr Spiegelbild, denn es sieht gut aus. Wenn Germaine das Spiegelbild ihres Spiegelbildes betrachtet, also so wie die Leute sie sehen, sieht sie nicht so gut aus. Germaine wĂŒrde gerne so aussehen wie ihr Spiegelbild. Germaine hat in letzter Zeit viel Geld ausgegeben. FĂŒr Kleidung die sie kaum trĂ€gt weil sie so an ihren alten Sachen hĂ€ngt, fĂŒr TĂŒcher, HĂŒte und andere Dinge, die sie eigentlich nicht wirklich braucht, aber die ihr einfach gefallen. Im Gegensatz zu vielen anderen kennt Germaine keine Geldprobleme. Hatte sie nie. Ihr Gehalt könnte man mehr als symbolisch bezeichnen, aber sie hat noch jede Menge Reserven von frĂŒher. Hat sie alles selbst verdient und erspart. Aber Geld macht nicht glĂŒcklich, sagt man. Was Germaine angeht, ist das Hundertprozent bewiesen. Ihre große Leidenschaft sind, seitdem sie ihn damals traf, Konzerte und Theater. Aber sie muss meistens alleine hin, weil es anderen zu teuer ist und will sie mal jemand einladen, fĂŒhlen sich die Leute verpflichtet oder glauben, dass sie irgendwas von ihnen wollte und sagen lieber ab. Geld ist, laut Germaine, die schlechteste Erfindung der Menschheit. Germaines Blicke gleiten zum Fenster. Es ist ein sternklarer Abend, in der Zwischenzeit könnte man fast Nacht sagen. In so einer Nacht sieht man besonders gut, dass man nur ein Detail einer großen Wirklichkeit ist, denkt Germaine. Solche Ausblicke wĂŒrde sie gerne festhalten. Es ist so friedlich, so einfach, so ruhig. Wenn sie da an morgen denkt. Da muss sie wieder zur Arbeit. Muss, denkt Germaine. Als sie den Job anfing hat sie sich darum gerissen, dort arbeiten zu können. Obwohl arbeiten das falsche Wort ist. Germaine behauptet, wenn man zu einem Job Arbeit sagt, ist es auch schon vorbei damit und wenn man keinen Spaß bei dem hat was man macht, sollte man es lassen. Warum sie es nicht lĂ€sst? Bequemlichkeit. Germaine hasst ErklĂ€rungen und Rechtfertigungen. Zu oft ist sie in ihrem Leben damit konfrontiert. Und die Bequemlichkeit hĂ€ngt ja auch irgendwie mit der Melancholie zusammen, denkt Germaine. Germaine hatte sich erhofft, mit ihrem Beruf etwas bewegen zu können, so wie er es damals mit ihr tat, etwas wachzurĂŒtteln, aber man hatte sie sehr eingeschrĂ€nkt und jetzt wo sie ein paar mehr Freiheiten genießt ist sie zu matt, hat bereits resigniert. Schade, denkt Germaine. Sie stand schon oft kurz davor aufzuhören, aber was soll sie dann machen? Sie hat viele TrĂ€ume aber so etwas wie einen Traumberuf hatte Germaine nie. Als Kind nicht und als Erwachsene erst recht nicht. Singen tut sie gerne, aber nur wenn sie alleine ist, zu Hause, bei Autofahrten. Und Saxophon spielen wĂŒrde sie gerne, als Kind hat sie sowas nicht interessiert und heute mit vierundzwanzig, nein, sie hat sich zwar schon mal erkundigt was Unterricht angeht, aber die richtige Motivation fehlt ihr. Es ist wohl die Melancholie, die sie hindert. "Wiedereinmal." sagt Germaine zu ihrem Spiegelbild. DafĂŒr hat sie vor kurzem angefangen zu schreiben, alles was ihr so im Kopf rumgeht. Stapelweise Papier hat sie vollgeschrieben. Und vor kurzem auch fast alles weggeworfen. Sie musste aufrĂ€umen. Der Liebeskummer. Heute bereut sie es etwas, waren ein paar tolle Sachen dabei, aber in dem Moment tat es ihr einfach gut. MerkwĂŒrdiger Moment. Letztes Jahr hat sie sich auch einen Computer zugelegt um einigen ihrer handschriftlichen Werke einen professionellen Touch zu geben und einige hat sie ihm geschickt. Außer ihm weiß eigentlich niemand, dass sie schreibt, bis auf einen neuen Freund. Schreiben ist mit das intimste, denkt Germaine. Und es jemanden zum lesen zu geben ist ein hoher Vertrauensbeweis, da ist sich Germaine sicher. Germaines neuer Freund ist ihr erster richtiger Freund, so wie es das Wort sagt. Sie hat ihm Dinge anvertraut ĂŒber die sie noch mit niemandem geredet hat und WĂŒnsche und SehnsĂŒchte mit ihm geteilt, die sie vor anderen, auch ihrer Familie, nicht mal im Traum erzĂ€hlt hĂ€tte. Die Gesellschaft behauptet zwar, dass ein Mann und eine Frau keine Freunde sein könnten, aber Germaine weiss das es funktioniert. Warum auch nicht. Wenn ein Mann und eine Frau Freunde sind, sind ein Mensch und ein Mensch Freunde, eine Person und eine Person, ein Charakter und ein Charakter, sowie wenn ein Mann und ein Mann oder eine Frau und eine Frau Freunde sind auch ein Mensch und ein Mensch Freunde sind. Es funktioniert bestimmt, hofft Germaine. Denn ihr ist sehr an dieser Freundschaft gelegen. Germaine hat fast ihr gesamtes Leben versucht alles alleine zu regeln, allen Schmerz alleine bewĂ€ltigt, alle Freude alleine erlebt, aber sie ist mĂŒde geworden. Sie ist zwar erst vierundzwanzig aber sie kann es nicht mehr alleine. Ihre Seele und ihr Herz schreien nach Hilfe. Und sie geniert sich auch nicht Hilfe anzunehmen und jemand um Hilfe zu bitten, nicht mehr. Inzwischen ist es bereits tiefste Nacht. WĂ€hrend anderenorts bereits die ersten vergnĂŒgt von ihren Wochenendverabredungen verabschiedet werden, sitzt Germaine mit ihrem GegenĂŒber immer noch alleine in ihrer Bude. Sie legt eine CD von Cindi Nassi auf und stellt fest, dass ihre CD-Sammlung fast ausschließlich aus melancholischer Musik besteht. Wahrscheinlich weil sie den CD-Spieler erst gekauft hat, als sie ihn bereits kannte. Wie ihr Leben wohl verlaufen wĂ€re, wenn sie ihn nie getroffen hĂ€tte? Ob sie jetzt vielleicht auch gerade von daher zurĂŒckkommen wĂŒrde, wie all die anderen? Und wĂ€hrend sie so nachdenkt und soulige Musik den Raum erfĂŒllt, schlĂ€ft sie ein und trĂ€umt. "Wiedereinmal." wĂŒrde ihr Spiegelbild sagen, wenn es nicht auch schlafen wĂŒrde. Wiedereinmal.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo benalibi,

ein feinziseliertes bild, stimmig (so weit ich es beurteilen kann) und sympathisch erzÀhlt. allerdings scheint es mir mehr ein fragment zu sein, irgendwie fehlt etwas.

gruß

rainer

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Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

Werke: 43
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Eine junge Frau, Mitte zwanzig, sitzt alleine zu Hause vor dem Spiegel und wĂŒhlt sich sinnierend in ihre gegenwĂ€rtige Existenz, so wie sie sie versteht, und in ihre Vergangenheit hinein. In ihrem Leben hat es vor einigen Jahren eine große innere Wandlung gegeben, welche inzwischen dazu gefĂŒhrt hat, dass sie eine EinzelgĂ€ngerin geworden ist, ein Sonderling. Ein Nicht-dazu-Gehören, das sie einerseits als schmerzlich zu erfahren scheint, auf das sie allerdings auch stolz ist. Der Umkehrimpuls im Leben eines, wie sie sagt, frĂŒhreifen, etwas oberflĂ€chlichen Teenagers kam mit einem Mann. Über ihn und die Art ihrer Beziehung wird fast nichts mitgeteilt. Obwohl der gesamte Text eine Dialog-mit-dem-eigenen-Ego-Struktur hat, an Ă€ußerer Handlung nichts geschieht, erfĂ€hrt der Leser am Ende immerhin noch, dass es in ihrem Leben inzwischen einen neuen Mann gibt, den Freund, was wohl als platonischer SeelengefĂ€hrte, nicht als Sexualpartner verstanden werden soll. Jedoch auch hier: Kaum erwĂ€hnt, verschwindet diese Figur wieder aus dem Bereich des Textes, dessen Heldin ĂŒber ihrem SelbstgesprĂ€ch einschlĂ€ft. Wieder einmal, wie die letzten Wort lauten.

Am Anfang des Textes war ich sehr gespannt. Das hĂ€tte mich interessiert und mir bestimmt gefallen, wenn einigermaßen plausibel gemacht worden wĂ€re, wie es sich anfĂŒhlt und lebt, ein junges MĂ€dchen zu sein, das ganz anders ist als alle anderen. Gerade deshalb, weil ich als Ă€lterer Mann das nun mal nicht bin und nie war. Der Text hĂ€tte mich in eine fremde Existenz transponieren können, das wĂ€re seine große Leistung gewesen.

Doch ich sehe das hier nicht gelingen. Ich finde, der Text funktioniert nicht – und er kann auch gar nicht funktionieren auf die Art, wie er vorgeht. Das liegt daran, dass alles so fĂŒrchterlich allgemein bleibt, abstrakt, dass stĂ€ndig behauptet und nicht bewiesen wird. Es liegt auch daran, dass der Kopf einer einzigen Person möglichst nicht verlassen werden soll. Was wider die Natur einer Geschichte in Prosa ist.

Bei Texten haben wir es mit einem Spiel zu tun, das zwischen einem Produzenten und dem Adressaten, dem Leser gespielt wird. Schon dies bedingt, dass agiert werden muss – und zwar zwischen mehr oder weniger Fremden. In einem Prosatext, in einer Story haben wir es dann mit Figuren, also Dritten zu tun, die zwischen Ego 1 (Autor) und Ego 2 (Leser) aufmarschieren und spielen. Hierbei tun sie im Allgemeinen so, als befĂ€nden sie sich in einer Welt, wo sie von diesen Leuten, die da von oben herabsehen auf sie, Autor und Leser, keine Kenntnis hĂ€tten. Deshalb ist es geschickt, wird in den allermeisten FĂ€llen getan und so auch erwartet, dass auf dem Spielfeld der Story nicht nur eine Figur steht, sondern mehrere. Denn eine Figur hat nur wenige Möglichkeiten mit sich allein zu spielen.

Ausgeschlossen ist es zwar nicht, aber der monologische, der sinnierende, tief fĂŒhlende, aber kaum handelnde Zug, wie ihn diese „ErzĂ€hlung“ haben will, ist in der Lyrik oder im Tagebuch wesentlich besser aufgehoben als in der ProsaerzĂ€hlung oder im Schauspiel. Das heißt: Man kann das machen, was die Autorin will, aber man macht es sich damit extrem schwer, man erzeugt Erwartungen nach höchster Artistik, denen man als AnfĂ€nger nie wird entsprechen können.

Da aber nun ja ich, der Leser, eine Person bin, mit der er oder sie, die andere Person, der Autor spielt durch diesen Text, darf ich als Minimum doch wohl erwarten, dass ein Autor, welcher mir in seiner Geschichte nur eine einzige Figur zeigt, zumindest dafĂŒr Sorge trĂ€gt, dass ich fĂŒr diese Figur, die ja fremd ist, die ja nicht ich ist, mich solange interessiere, wie der Text „lĂ€uft“. Denn gezwungen, irgendwas zu Ende zu lesen, bin ich, der Leser, nicht.

Klar ist, wenn ein junger Autor einen Text erfindet, in dem nur eine Figur wirklich wichtig ist, dann ist nicht ausgeschlossen, dass diese Spielfigur mit der Realperson des Autors mehrere Gemeinsamkeiten aufweist. WĂ€re das so, dann wĂ€re klar, dass der Autor nicht unter dem Leistungsdruck steht, seine Spielfigur interessant zu machen fĂŒr sich, den Autorn. Denn soweit er die Figur selbst ist, interessiert sie ihn auch, ob er will oder nicht. (Zeigen, wie es wĂ€re, wenn jemand sich fĂŒr sich selbst mehr oder weniger nicht interessiert, wĂ€re eine interessante Schreibaufgabe, fĂ€llt mir ein.) Da aber ich, der Leser, weder der Autor bin noch dessen Figur, noch irgendetwas mit diesen Leuten notwendigerweise gemeinsam haben muss, kann eintreten, dass ein Autor sich und eine seiner Figuren, die ihn irgendwie spiegelt, höchst bedeutsam findet, wĂ€hrend ich, der fremde Leser, es langweiligen KĂ€se finde, der mit mir nicht das Allergeringste zu tun hat. Dann steige ich aus. Und das darf nicht passieren. Sonst ist der Text tot ab diesem Punkt. Als Autor mĂŒsste man also dem Leser irgendeine Art von Zucker verabreichen, der ihn daran hindert, sich vom Feld zu machen. Und diesen Zucker finde ich hier nicht.

NĂ€mlich eben, weil alles nur behauptet und nicht wirklich gezeigt wird. Wenn mir eine Figur sagt: „Ich bin ganz anders als die normalen MĂ€dchen in meinem Alter“, dann will ich das sehen, ich will was erzĂ€hlt bekommen, wo diese Figur sich tatsĂ€chlich einmalig verhĂ€lt. Hier aber: Sie geht jeden Tag arbeiten. Sie hat Geld auf der Bank. Sie kauft sich gerne was zum Anziehen. Sie liebt Ă€ltere MĂ€nner. Sie interessiert sich fĂŒr ihr Bild im Spiegel. Sie geht ins Theater und ins Konzert. Sie legt melancholische Musik auf. Sie wurde am Arbeitsplatz dran gehindert, ihren ursprĂŒnglichen Elan produktiv einzusetzen, findet jetzt, diese Arbeit habe mit ihr selbst eigentlich wenig zu tun und mache auch kaum noch Spaß. Sie fĂŒhlt sich oft mĂŒde, obwohl sie lange nicht dreißig ist. Sie bemĂŒht sich, schonungslos ehrlich zu sein, und verprellt damit reihenweise Leute, die so etwas nicht ertragen können. Sie redet mit Freundinnen, die sie aber nicht wirklich fĂŒr „wahre Freundinnen“ ansieht. Dagegen ist sie gerne mit einem bestimmten Mann zusammen, weil sie den menschlich schĂ€tzt, nicht weil sie ins Bett geht mit ihm. Sie ist oft allein; oft ist sie ganz gern allein, manchmal mag sie es aber nicht so, alleine zu sein. Wa-a-a-a-a-hsinn! Das Einhorn im Wald unserer Gesellschaft! So jemand wird nur alle 200 Jahre hier durchkommen! Und wir merken es dann wieder mal nicht, wie extrem außergewöhnlich und darum wie außergewöhnlich wertvoll der fĂŒr uns alle doch gewesen wĂ€re.

Ganz bewusst versucht der Text uns Leser zu ködern, indem er uns frĂŒhzeitig sagt: Diese Figur ist anders, dann: Diese Figur war zwar immer schon anders, aber an einem bestimmten Datum ist sie ganz anders geworden, dann: Da ist ein Mann in ihrem Leben gewesen! Das darf der Text selbstverstĂ€ndlich. Und entsprechend neugierig dĂŒrfen wir werden auf die Lösung „des Geheimnisses“. Doch erzĂ€hlt bekommen wir nur Folgendes:

„Er erzĂ€hlte ihr von TrĂ€umen, sang Lieder von Melancholie, wischte ihre OberflĂ€chlichkeit mit eine Geste davon und mit unbeschreiblicher Mimik, Poesie, Romantik und vor allem Ehrlichkeit zog er Germaine auf seine Seite.“
Papier, Papier, Papier! Jetzt krieg das erst mal hin, dass du wenigstens ein seltsames Mienenspiel, eine poetische Sekunde, eine romantische Stunde und einen ehrlichen Satz so hinschreibst, dass wir, die fremden und ja vielleicht ĂŒberaus skeptischen Leser (warum sollten wir das nicht sein dĂŒrfen?) ebenfalls finden: Ja, ja, hat sie Recht, das war schon unbeschreiblich, poetisch, romantisch und erfrischend ehrlich. Nur eins von jedem von diesen – und es wĂ€re extrem was gewonnen fĂŒr deinen Text.

Das aber will diese Autorin – und das wollen, wie ich hier in der Umschau finde, auch viele andere Autoren nicht: Sie haben mal was gefĂŒhlt. Sie haben mal was gedacht. Und sie möchten uns nun das auch fĂŒhlen und denken lassen, ohne uns allerdings sagen zu wollen, in welchen UmstĂ€nden sich das zugetragen hat. Denn das wĂ€re irgendwie zu persönlich, zu privat. WĂŒrde zu nah an den fremden Leser herantreten und den fremden Leser auch zu nah an sie, die Schreibenden, rantreten lassen. Was auch passieren könnte, sehr leicht sogar, dass, je mehr ich die konkrete Situation beschreibe, der fremde Leser innerlich sich immer weiter verabschiedet. Denn es sind zwei Dinge: etwas zu erleben und zu fĂŒhlen oder ein Konstrukt aus Buchstaben zu entziffern, in welchem etwas erlebt und gefĂŒhlt wird. Was in Wirklichkeit Herz zerrreißend oder GlĂŒcks ĂŒberströmend war, kann beim Leser GĂ€hnen auslösen oder hĂ€misches GelĂ€chter.

Das ist genau, was ich riskiere, wenn ich so etwas mache. Wenn ich nicht einfach schreibe: Ich habe das und das gefĂŒhlt, sondern: Ich habe das getan, er hat das getan, ich hab das gesagt, er hat das gesagt, und da hab ich das und das gefĂŒhlt! Etwas, was tatsĂ€chlich hoch bedeutsam gewesen ist, wird vielleicht klein und schĂ€big, wenn man es durch Augen sieht, die fremde sind.

Um dem zu entgehen, gibt es den einfachen Weg, nicht wirklich die Figur zu beschreiben, die ich eigentlich selber bin, sondern eine andere, eine Fremde zu erfinden. Diese tut und sagt dann auch nicht, was ich gesagt und getan habe, sondern etwas, was zu ihr, die ja nicht ich ist, passt. Doch immer noch geschieht das Ganze auf dem grĂŒnen Rasen zwischen mir, Schreiber, und ihm, unglĂ€ubigem Leser! Wenn ich gut bin, kriege ich es hin, dass Person 2, der Leser, das fĂŒhlt, was ich, Person 1, gefĂŒhlt habe, als ich X erlebte, wĂ€hrend er zusieht, wie Figur G, die weder er ist noch ich, nicht X erlebt, sondern Y.

Oder meinetwegen das gleiche Geschehen, die gleichen Reden, die gleichen Handlungen wie seinerzeit bei mir, dem Schreibenden. Aber irgendwas muss halt mal konkret dastehen. Irgendwas halbwegs Interessantes fĂŒr Außenstehende. Nur zu schreiben: Ich bin anders, ich fĂŒhle... - das ist: Leider keine Neuigkeit. Gilt nĂ€mlich fĂŒr jeden von uns.


(P.S.: Geschrieben habe ich meine Antwort nach der LektĂŒre des Textes in der pdf-Datei der LL-Prosagesamtausgabe. Also nicht im Internet. Jetzt, wo ich das hier absetze, klicke ich noch ein wenig in der Lyrik der Autorin herum. Und wundere mich. Positiv. Das dort scheint mir ja recht oft ganz gelungen, irgendwie frisch, um nicht gleich zu sagen, Rocksong-nah. Könnte wirklich was sein. Gibt wohl doch nen gravierenden Unterschied zwischen Prosaisten und Lyrikern.)
__________________
14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit AufklÀrung Verteidiger: Es ist genug.

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