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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Doomsday-Clock
Eingestellt am 03. 08. 2009 22:37


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KaGeb
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Registriert: Nov 2007

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Unscheinbar stand der Baum zwischen riesigen Stämmen, leicht zu übersehen, und dennoch stapfte Holzfäller Rico direkt auf ihn zu. Zufrieden betrachtete er den geraden Wuchs.
Ideal für zwei Rundpfosten, dachte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn, stark genug als Stützen für den Balkon.
In der Ferne kreischten Kettensägen, brachen Stämme berstend durch das Unterholz, bullerten Bagger mit Holzvollernterköpfen und Raupenfahrwerk über die Lichtungen, um eine Schneise für die geplante Brandrodung zu schaffen, über die so heftig gestritten wurde.
In wenigen Tagen brennt hier alles lichterloh, wusste er, wenn sich diese Umweltschützer nicht endlich durchsetzen.
Ebenjene, die mit Plakaten vor dem anthropogenen Treibhauseffekt warnten, dem Eingriff der Menschen in die Natur. Erst am Morgen hatten sie wieder einige wie Käfer von den Borken geklaubt und deren Ankettungen einfach mit Bolzenschneidern zertrennt, dabei zotige Witze über flache Brüste gerissen und auch mal zugehauen, wenn es einer mit seinem Pathos übertrieb. Ein lustiger Spaß vor dem Frühstück, der die Kollegen allgemein entkrampfte, bevor es ins Holz ging.
Rico hatte sich dem Gruppenerlebnis gebeugt, mitgelacht, trotz eines unguten Gefühles, dass ihn schon seit Wochen beschlich. Insgeheim wusste er, dass die Naturfreunde vermutlich Recht hatten. Doch er brauchte den Job, und diesen Baum.
Entschlossen startete er die Kettensäge, im Geruch nach Öl und Sprit zerstoben seine Bedenken. Er wusste, was zu tun war: Ein kurzer Schnitt und dann Spaltkeil direkt unter dem Astloch.
Rico setzte an, fast spielerisch zerfetzte der flirrende Stahl die Rinde. Plötzlich hielt er inne, richtete sich auf und schaltete die Säge wieder ab.
„Irgendwann kollabiert unser Ökosystem“, hatte die rothaarige Rädelsführerin in der Frühe gemeint, „ein einziger Baum reicht aus, um das Anthropozän unwiderruflich zu kippen. Schließlich leben wir in einer geschlossenen Hülle. Irgendwann gibt es mehr Kohlendioxid in der Luft als Sauerstoff und dann ist es nicht mehr aufzuhalten. Einfach vorbei.“
Inständig war ihre Stimme gewesen, eine Fanatikerin, die Eindruck bei ihm hinterlassen hatte.
Eine, die es vielleicht wirklich weiß, erschrak Rico und versuchte, sich genauer an sie zu erinnern.
Derbe Gesichtszüge, fast maskulin, schmaler Leib im verwaschenen Tarnlook der Army, vermutlich ausgemusterte Bestände, eine gebogene Nase wie die Hexen in den Märchenbüchern. Doch ihr Blick flammte leidenschaftlich wie bei einer Löwin, die um ihr Junges kämpft.
Rico war zu glauben bereit, zumal er seit Monaten das Thema in der Presse verfolgte und eines verstanden hatte: Für seinen Broterwerb arbeitete er der Apokalypse zu. Aber was könnte er schon daran ändern, ein einfacher Holzfäller?
Diese Spinner, versuchte er sich zu beruhigen, denken, die können die Welt retten, nur weil sie sich mit Ketten an die Bäume fesseln.
Direkt neben dem Baum lag eine dieser Ketten auf dem Boden, der Schlüssel steckte noch im Schloss. Zu groß war die Angst des Anarchisten vor einer möglichen Geißelung gewesen.
Weichei, dachte Rico und erinnerte sich an den Kerl, zieht die Sache einfach nicht durch. Schreit nach Kampf und reißt dann einfach aus.
„Wacht doch endlich auf“, hatte die Schmalbrust im Weglaufen gerufen, „bevor die Tür der globalen Sauna zuschlägt.“
Blödsinn, hatte Rico da noch gedacht, so was passiert nicht abrupt. Das dauert Jahrhunderte, und bis dahin haben die Menschen schon irgendwas erfunden, um es wieder gutzumachen. Gibt ja Aufforstung und so was ...
Dennoch blieb ihm dieser Satz in Erinnerung, und das ärgerte ihn genauso wie die Parolen auf den zertretenen Plakaten im Schlamm, Hommagen an die Vernunft.
Als ob wir Blöde sind, denen man vorgeben muss, wie gedacht werden soll. Was wissen diese Jungschnösel denn schon vom Leben? Suhlen sich im Gedankengut irgendeines reaktionären Biologielehrers. Steht etwa der oberschlaue Lehrer am Baum? Nein. So einer hetzt nur, verheizt seine dummgute Armee ans System und geilt sich womöglich noch daran auf.
Wütend startete Rico die Säge erneut.
Ein einziger Baum kann das Gleichgewicht kippen?
Abrupt wurde es still.
Rico richtete sich langsam auf, keuchte, und wischte über seine Stirn.
Ich verdiene mein Geld damit. Was nützt mir ein heiler Wald, wenn ich mit meiner Familie unter einer Betonbrücke leben muss.
„Wenn das Klima sich wandelt“, erinnerte er sich an die Worte dieser egozentrischen Anführerin, „dann steht das Meer still. Der Nordatlantikstrom macht den Anfang, als Ausläufer des Golfstroms ...“
„Ich kenne nur den gelben Strom“, hatte Pelé, sein Kollege, unterbrochen, „und der fließt direkt in meinen Bauch. Berauscht und heißt Bier!“
Schallendes Gelächter, in das Rico nicht mit eingestimmt hatte, obwohl er Pelés Possen eigentlich mochte.
„Wie gut Bier als Eiswürfel schmeckt“, hatte sie gefragt und ein packendes Endzeitszenario beschrieben:
„... plötzliche Kälteeinbrüche in Nord-und Westeuropa, Veränderungen der ozeanischen Strömungen bis zur vollständigen Erstarrung ... eine neue Eiszeit, nicht zu überleben ...“
Rico schauerte plötzlich trotz der Sommerhitze.
Eine Worst-Case-Annahme, dachte er, glücklich darüber, sich diese schwierige Wortkombination für die Beschreibung des Ernstfalls gemerkt zu haben.
Aber wieso ziehe ich es dann nicht durch? Nur ein Schnitt. Ich bin Holzfäller, ermahnte er sich, säge Bäume, und andere forsten wieder auf.
„Andere forsten doch wieder auf“, hatte sein Boss dieser Schnepfe entgegengebrüllt.
„Ja“, schrie sie zurück, „mit Erfolg in hundert Jahren vielleicht. Dann, wenn sie so groß gewachsen sind wie der Wald von heute, aber bis dahin sind wir sowieso schon alle tot.“
Ist es wirklich so ernst, fragte er sich und kannte die Antwort eigentlich.
Seine Mutter wohnte an der Küste, dort schlug die Natur bereits härter zurück. Überschwemmte Gebiete, die noch nie vom Meerwasser überflutet waren. Ihren Keller hatte er selbst mit ausgepumpt im letzten Frühjahr. In den Nachrichten war von Treibhauseffekt die Rede, von Klimawandel und drohender Apokalypse. Auf fünf Minuten vor Zwölf wurde die Doomsday-Clock gestellt, die Welt so nahe am Abgrund wie noch nie in den letzten zwanzig Jahren, und nur, weil der plötzliche Klimawandel mit einkalkuliert wurde.
Ein kleiner Baum kann nicht die Welt zerstören, war Rico sich sicher und startete die Kettensäge erneut.
Es könnte DER Baum sein, regte sich sein Gewissen, er schaltete wieder aus, richtete seinen Blick zur Krone und legte eine Hand auf. Plötzlich war es still im Wald, kein Wind und kein Lärm aus der Ferne. Dennoch vibrierte der Stamm, als kannte er seine Bedeutung ...

Aufgeregt stapfte Pelé durch den Wald. Breit gefächert folgten ihm die anderen Holzfäller.
Er ahnte Schreckliches. Wenn ein Holzfäller nicht mehr über Funk antwortete, war meistens etwas passiert.
Wieso haben wir ihn allein arbeiten lassen, schalt er sich, Zweierteams sind vorgeschrieben und Rico weiss das.
Trotzdem war der einfach losgezogen.
Bräuchte einen besonderen Stamm, hatte Rico gemeint, und er hätte ihn bereits gesehen. Fünf Minuten und er käme sofort zurück.
Das war vor einer Stunde gewesen und noch immer keine Nachricht von ihm.
Pelé trat auf eine kleine Lichtung und erstarrte. Vor ihm stand
Rico, an einen kleinen Baum zwischen riesigen Stämmen gekettet, er hielt ein verschmiertes Plakat hoch: Safe the Nature.


Version vom 03. 08. 2009 22:37

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Lio
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Hi KaGeb,

cooles Ende am Schluss, überhaupt fand ich, dass die Geschichte sehr flüssig erzählt ist. Auch die Perspektivwahl fand ich gelungen, natürlich sieht ein Holzfäller den Klimawandel aus einer ganz anderden Perspektive als die Politik und die Wissenschaft.

Zwei Anmerkungen hätte ich noch:

1.(Stil): Wenn der innere Monolog von Arndt beschrieben wird, erscheint mir die Wortwahl an manchen Stellen zu hochgestochen


quote:
Für seinen Broterwerb arbeitete er der Apokalypse zu


quote:
dieser egozentrischen Anführerin


Diesen Sprachstil find ich besser:

quote:
Diese Spinner, versuchte er sich zu beruhigen, denken, die können die Welt retten, nur weil sie sich mit Ketten an die Bäume fesseln.


Ich habe selbst einen Bekannten, der als Baumfäller arbeitet. Die zweite Variante kommt seinem Sprachstil tatsächlich näher.

2. (Inhalt): Wenn man voraussetzt, dass die Geschichte in Deutschland spielt, dann stimmt das mit der Brandrodung nicht so ganz. Brandrodung wird hier schon lange nicht mehr betrieben. Das ist nur in den tropischen Ländern so ein Problem. Hier wird das Holz nachhaltig abgeholzt und in Holzprodukte weiterverarbeitet, die ebenfalls Kohlenstoff speichern. Deshalb hat die deutsche Waldwirtschaft sogar einen positiven Einfluss auf den Klimawandel (deutsche Wälder sind Kohlenstoffsenken).

In freudiger Erwartung auf neue, interessante Texte von dir!

Lio

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MarenS
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Registriert: Feb 2005

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Irgendwie muss ich Lio zustimmen. Mich haben die deutschen Namen irritiert, ließen mich stutzen und ich setzte gedanklich die Szene von Südamerika nach Deutschland. Kopfschütteln. Nein, das passt nicht.
Mir gefällt die Grundidee, deine Art zu schreiben auch, aber es ist nicht stimmig und das ist schade. Durch die Namen setzt du die Geschichte eindeutig in den deutschen Sprachraum, dort ist Brandrodung aber wirklich Schnee von vorvorgestern.

Kannst du da noch retwas ändern?

Es grüßt dich die Maren

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