Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87718
Momentan online:
169 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Doppelgrab
Eingestellt am 09. 12. 2007 20:28


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

Werke: 766
Kommentare: 4433
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Karl Feldkamp eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ralf Wasmuth las in der Zeitung immer die Todesanzeigen. Vera Wagenfuhrs kleine Anzeige, die bereits auf der Seite mit den Geburts- und Heiratsanzeigen stand, las er mehrere Male. Unerwartet und tragisch sei sie um ihr kurzes Leben gekommen. Ja. Er war dabei gewesen, hatte in den letzten Wochen viel von ihr getrÀumt, sie im Traum gerettet. Jetzt stand er als trauernder Hinterbliebener in der Zeitung. Ich werde immer bei dir sein, Ralf. Ohne Familienname. Angehörige hatte die Polizei nicht ausfindig machen können. Sie lebte dort im 39. Stock in einer Single-Wohnung. Vor drei Tagen wurde ihre Leiche endlich vom gerichtsmedizinischen Institut frei gegeben. Morgen wird sie beerdigt. Er hat alles arrangiert. Doch zur Beerdigung wird er nicht gehen.
In seiner Freizeit spaziert Ralf seit ihrem Tod auf Friedhöfen herum, liest Grabinschriften, errechnet anhand von Geburts- und Sterbedaten die Lebensdauer der Verstorbenen, rĂ€tselt vor allem herum, wie jung Verstorbene zu Tode gekommen sein mochten, vermutet Selbstmord oder Mord, nimmt auf FriedhofsbĂ€nken Platz, um ĂŒber sein Leben nachzusinnen, genießt die Friedhofsruhe und sehnt sich immer öfter danach, endlich jene Ruhe genießen zu können, um die er alle, selbst die frĂŒh Verstorbenen, nach deren Ableben beneidet.
Sollte er irgendwann sterben, wĂŒrde er sich gern, mit denen, die weiterleben mĂŒssen, darĂŒber freuen, das Irdische hinter sich zu haben. Doch da er dann nicht mehr unter ihnen weilt, wird er diese Freude nicht mit ihnen teilen können.
Ralf lebt nicht ungern. Doch schon als Kind verstand er nicht, wieso die ĂŒbliche Art zu leben erfreulich sein sollte. Als sie in der Volksschule im Religionsunterricht, die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies durchnahmen, wurde ihm schnell klar, Menschen seien dazu verdammt, im Schweiße ihres Angesichts zu arbeiten. Doch wie konnte das Leben in einer Art Arbeitslager ein glĂŒckliches sein?
Wenige Wochen, nachdem er ein Jahr eine Lehre als Tischler durchgehalten hatte, ließ er sich wegen Arbeitsverweigerung aus dem Lehrvertrag entlassen, genoss seine neu erworbene Freiheit und fĂŒhlte sich danach tatsĂ€chlich ein wenig wie im Paradies.
Eine Eva wollte er nicht kennen lernen. Die wĂŒrde ihn doch nur zur Arbeit verfĂŒhren.
So stand er morgens allein auf, wenn seine Eltern, deren einziger Sohn er war, bereits ihrer Arbeit nachgingen, sah ein bisschen fern, schwang sich gegen Mittag aufs Fahrrad, fuhr in einem der nahe gelegenen WĂ€lder herum, sonnte sich auf Lichtungen oder stellte sich bei Regen in SchutzhĂŒtten unter und las Zeitung. Kam er zurĂŒck, setzte er sich an den gedeckten Abendessenstisch, sah noch ein bisschen fern und ging ins Bett, wenn er mĂŒde war. Seine Eltern versuchten es im Guten wie im Bösen. Irgendwann, er war bereits zwanzig, glaubten sie, seine Vernunft habe doch noch gesiegt, da er bei einer Glasreinigungsfirma als Fensterputzer in einem so genannten AnlernverhĂ€ltnis schon ein halbes Jahr ausgehalten hatte. Da er schwindelfrei ist, durfte er bereits kurz nach Beginn des neuen ArbeitsverhĂ€ltnisses Hochhausfenster putzen. Von außen. Bei der Arbeit lĂ€sst er sich Zeit, genießt vor allem den Überblick, sieht auf winzige Menschen, Autos, Straßenbahnen, HĂ€user, BĂ€ume und auf Friedhöfe.
Sven MĂŒller, sein und Chef der Firma Glasklar, ist, da sie im Akkord arbeiten, mit Ralfs Arbeitsleistung nur bedingt zufrieden. Aber absolut schwindelfreie Fensterputzer sind schwer zu finden und so lĂ€sst er Ralf auch mit mĂ€ĂŸiger Arbeitsleistung inzwischen schon im fĂŒnfzehnten Jahr gewĂ€hren. Ralf wiederum bemĂŒht sich, so viele Fenster am Tag zu putzen, dass sein Chef gerade nicht oder allenfalls nur wenig meckern kann.
Bei seiner Arbeit ist er am liebsten allein, genießt nicht nur den Überblick sondern auch manchen Einblick in BĂŒros, in denen offenbar auch nicht nur Arbeit angesagt ist, in Wohnungen, in denen gekocht, gelesen, gelegentlich geliebt wird und sich gar nicht so selten eine leicht bekleidete Frau schnell noch ihre leider nicht immer reizvollen BlĂ¶ĂŸen bedeckt.
Es ist wunderbar, dem Leben von außen und oben zuzusehen, ohne dabei mitmachen zu mĂŒssen. Seine Eltern haben ihm im Dachgeschoss ihres Ein-Familien-Hauses eine kleine Wohnung eingerichtet. Er wohnt umsonst und zahlt wenig fĂŒr das Essen, das ihm seine Mutter immer noch kocht. Den grĂ¶ĂŸten Teil seines Lohns zahlt er auf ein Sparkonto ein.

An einem Maimorgen vor gut drei Monaten, zwei Tage nach seinem fĂŒnfunddreißigsten Geburtstag, hatte er sich gerade gemĂ€chlich von der obersten Hochhausetage, der vierzigsten, zum Stockwerk tiefer vorgearbeitet.
Die VorhĂ€nge hinter dem großflĂ€chigen Fenster waren nicht zugezogen. Eine Stehlampe gab schwaches Licht und erleichterte ihm nicht gerade, alles im Wohnzimmer zu erkennen. Auf einer Couch saß ein Mann, drehte Ralf den RĂŒcken zu und beugte sich ĂŒber eine neben ihm liegende Frau. Ihr knallrotes Kleid war hoch gerutscht. Plötzlich sah Ralf, dass der Mann die Frau wĂŒrgte. Hilflos strampelte sie mit ihren schlanken Beinen. Ihr Körper wand sich, lag schließlich ganz ruhig da. Der Mann wĂŒrgte sie immer noch. Ralf schlug mit der Faust gegen die Fensterscheibe, trommelte gegen das Glas. Plötzlich sprang der WĂŒrger auf und verschwand durch die ZimmertĂŒr.
Angeschnallt saß Ralf in seinem offenen Fensterputzer-Lift, drĂŒckte den AufwĂ€rtsknopf, hatte MĂŒhe sich abzuschnallen, rannte auf dem Dach zum Abstieg in die oberste Etage, hastete zum Fahrstuhl, schlug mit der Faust auf den AbwĂ€rts-Knopf. Der Lift kam schnell. Hielt zum GlĂŒck nicht bei der AbwĂ€rtsfahrt. Im Erdgeschoss saß der Hausmeister in seiner Loge.
„Er hat sie erwĂŒrgt!“ schrie Ralf. Der Hausmeister hielt ihm einen Telefonhörer hin. „Hab schon die Polizeinummer gewĂ€hlt!“
„Mord!“ schrie Ralf in den Hörer und gab auf Geheiß des Hausmeisters die Anschrift des Hochhauses durch.
„Ich schick einen Wagen raus.“ Ließ sich eine routinierte Stimme vernehmen.
Ralf gab den Hörer an den Hausmeister zurĂŒck. Der legte auf und begann ihn auszufragen. Ralf winkte ab und beobachtete jeden Mann, der an der Hausmeisterloge vorbei das Haus verließ. „Sie war sehr hĂŒbsch in ihrem roten Kleid. Sehr hĂŒbsch.“ murmelte er.
Endlich zuckte Blaulicht vor der GlastĂŒr des Hochhauses. Vier Polizisten stĂŒrzten herein. Sahen sich um, kamen auf Ralf zu. „Haben Sie die Polizei angerufen.“
Ralf nickte. „Sie liegt im 39. Stock.“
„Wer?“
„Die ErwĂŒrgte.“
Er fuhr im Lift mit zwei Polizisten nach oben.
„In welcher Wohnung?“ wollte der Ă€ltere der beiden Polizisten wissen.
„Im SĂŒden, drittes Fenster von links.“ Ralf fĂŒhrte die beiden Beamten den Flur entlang auf eine Glaswand zu. Gleißendes Sonnenlicht blendete ihn. Schließlich blieb er vor der letzten TĂŒr auf dem Flur stehen. „Die muss es sein.“
Die Beamten klingelten abwechselnd. Hinter der TĂŒr rĂŒhrte sich nichts. Der jĂŒngere Polizist stemmte sich mit der Schulter gegen die TĂŒr. Sie gab erstaunlich schnell nach.
„Bleiben Sie bitte hier.“ Der Ă€ltere Polizist wies ihm mit der Hand einen Platz neben der TĂŒr an.
Nach wenigen Minuten kamen die Polizisten wieder aus der Wohnung. Der Ă€ltere Beamte zuckte mit den Achseln. „Das Opfer ist noch ziemlich jung. Dreissig schĂ€tze ich. Wollen Sie mit rein?“
Der Polizist ging vor.
Sie lag noch immer auf dem Sofa. Das Gesicht blÀulich aufgequollen. Die aufgerissenen Augen traten hervor. Ihr kurzes rotes, tief ausgeschnittenes Kleid bedeckte nicht einmal die halben Oberschenkel, ein Bein hing vom Sofa herab. Ralf streichelte es. Es war noch warm.

Der Àltere Polizist bat Ralf Wasmuth spÀter, mit ihm zur Polizeiwache zu fahren.
Seine Zeugenaussage nahm mindestens eine Stunde in Anspruch.
Danach ging Ralf in ein italienisches Eiscafé, um einen Cappuccino zu trinken.
Nach gut vier Stunden saß er wieder auf seinem Fensterputzerlift und begann seine Arbeit dort, wo er sie beendet hatte.
Sie lag nicht mehr auf dem Sofa. In weiße Overalls gekleidete MĂ€nner suchten das Zimmer ab.
Ralf ließ sich Zeit beim Putzen, stellte sich vor, wie sie dort oben gelebt haben könnte, wie er sie besuchte. Sich zu ihr auf das Sofa setzte, sie streichelte, ihr langsam mit der Hand unter das rote Kleid fuhr,
Sein Chef wĂŒrde gerade das Fenster putzen und sich wundern, wie Ralf an eine solch tolle Frau kam. Einen langen Kuss wĂŒrde er ihr geben, zum Fenster gehen, das Oberlicht öffnen, „Ich kĂŒndige“ hinausbrĂŒllen und die VorhĂ€nge zuziehen.

Nein, Ralf wird nicht zum BegrÀbnis gehen. Arbeiten wird er. Am Hochhaus neben dem Friedhof.
Beim FriedhofswÀrter hatte er sich nach dem Grab erkundigt, es gestern vom 20. Stock aus entdeckt. Direkt neben einem Wacholder und einer Blutbuche. Rundherum frische und ein paar offene GrÀber.
Um 11.30 Uhr wird die Trauerfeier zu Ende sein. Sie werden den Sarg von der Kapelle zum Grab fahren. Dem Bestattungsunternehmer hatte er schon das Geld gegeben, fĂŒr alles.
Als Ralf jedoch ein Doppelgrab wollte, nestelte der Bestatter an seinen nicht mehr ganz blĂŒtenweißen Manschetten. „Ich denke, sie war allein stehend und ohne Angehörige?“
„Nun ja,“ antwortete Ralf mit sehr fester Stimme. „Wir wollten nĂ€chste Woche heiraten. Der Mörder war schneller.“ Und dann ging Ralf noch zum FriedhofsgĂ€rtner, um einen Vertrag ĂŒber 25 Jahre Grabpflege zu unterschreiben. Als Fensterputzer verdient er recht gut und fĂŒr das Leben gab er bisher nicht viel aus.
Genau in dem Moment, wenn sie den Sarg ins Grab gleiten lassen, wird er sich vom Fensterputzeraufzug los schnallen.




__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 09. 12. 2007 20:28
Version vom 10. 12. 2007 17:04

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


gueko
AutorenanwÀrter
Registriert: Oct 2007

Werke: 21
Kommentare: 73
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gueko eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Gut gestorben ist auch tot!

Hallo Karl Feldkamp!

In meinen Augen sehr schön erzĂ€hlt, sehr schön den Charakter des Ralf heraus gearbeitet. Leider war schon im ersten Absatz das Ende vorhersehbar - und es gab dann tatsĂ€chlich keine Überraschung. Das liegt fĂŒr mich am Titel. Der hat mich natĂŒrlich auch eingeladen zu lesen - also schwierig, wirklich schwierig.

Zwei Texthinweise:
Da ist ein Punkt drin:

quote:
wand sich, lag . schließlich ganz ruhig da.
und da fehlt das "d"
quote:
Arbeiten wir er.

Schön.
gueko

Bearbeiten/Löschen    


Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

Werke: 766
Kommentare: 4433
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Karl Feldkamp eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber gueko,

danke fĂŒr die Hinweise auf die Fehler und deine Kritik.
Ich wollte sogar, dass die Todessehnsucht des Protagonisten von vornherein klar ist. Dass er allerdings sich nur als Toter traut, mit einer Frau eine Verbindung, die auch Leben weitergeben könnte, einzugehen wagt, ist nicht von Anfang an ersichtlich. Oder?

Noch einmal herzlichen Dank
Karl
__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Bearbeiten/Löschen    


2 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!