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Leselupe.de > Erzählungen
Drei Frauen
Eingestellt am 14. 05. 2001 08:35


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Omar Chajjam
???
Registriert: Feb 2001

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Drei Frauen




Der Standesbeamte Richard Kreft stand am Ende seiner dritten Beziehung vor dem Abgrund seines Lebens und wollte sich hinunterst√ľrzen, um auf der anderen Seite im Paradies wieder aufzuwachen. Drei Frauen hatten ihn verlassen, immer gerade in dem Moment , als er das zu tun gedachte, was er ein Leben lang jeden Tag anderen bescherte, n√§mlich zu heiraten und sich f√ľrs Leben zu binden.

Auf seine letzte gro√üe Liebe hatte er seine ganze Kraft Hoffnung gelegt, endlich sein Leben erf√ľllt zu sehen. Schlie√ülich geriet er langsam in ein Alter, das der Natur nicht mehr sehr viel Spielraum lie√ü, sich zum Fr√ľhling zu wandeln. Doch als er sich am Ziel w√§hnte, wendete sich sein Geschick zur Katastrophe und er war wieder alleine.

Richie, wie ihn seine Freundinnen oft genannt hatten, trottete durch die regennasse Stadt und dachte √ľber seine nicht mehr vorhandene Zukunft nach. Noch einmal diese Suche nach der Richtigen in den Kneipen, noch einmal Komplimente und kleine Aufmerksamkeiten, wieder dieses Pr√ľfen und Taxieren, das Abweisen und halbe Zustimmen, das Spielen mit den Empfindungen, wollte er das ertragen? Besonders der kleine Bauchansatz und die beginnende Glatze stimmten ihn bedenklich in seiner Wirkung auf die Damenwelt der Stadt.

Die Straßenlaternen warfen verwirrende Schatten auf den Gehsteig und spielten mit seinen schweren Schritten Fangen. Bald war er zu hause in der dunklen, kalten Wohnung, die er so sehr haßte, weil alles erinnerte und duftete nach diesen Frauen und nach Einsamkeit. Alle hatten ihre Spuren hinterlassen, bestimmte Ordnungsprinzipien, besondere Reinigungsrituale, spezielle Lebenszeremonien, an die sich Richie irgendwann nach einem langen Anpassungsprozeß gewöhnt hatte. So war er zum Beispiel am Morgen, bevor er ins Standesamt der kleinen Stadt ging, nur in der Lage sich anzukleiden, wenn er vorher Hemd, Krawatte und Socken ordentlich nebeneinander auf das kleine Tischchen neben den Schlafzimmerschrank legte.

War er eigentlich einmal er selbst gewesen w√§hrend der drei Beziehungen? Und wenn er doch nur Produkt der drei Frauen seines Lebens war, warum sollte er dann noch weiterleben? In diesem Stadium des fortgeschrittenen seelischen Verfalls befand sich Richard Kreft unmittelbar vor seiner Haust√ľr, als er hinter sich ein zartes Stimmchen h√∂rte. ‚ÄúVerzeihen Sie, mein Herr, haben Sie vielleicht ein T√§sschen Milch f√ľr mich. Ich bin so hungrig und durstig.‚ÄĚ

Richard Kreft drehte sich erstaunt um und blickte in die √§ngstlich fragenden im Laternenlicht gr√ľn irisierenden Augen eines nachtschwarzen K√§tzchens. ‚ÄúSeit wann k√∂nnen Katzen sprechen?‚ÄĚ fragte Richard erstaunt. Das K√§tzchen ringelte zierlich seinen Schwanz und blickte klug an ihm hoch, ‚ÄúSeit es M√§rchen auf der Welt gibt, solltest du wissen, sprechen Tiere mit besonders einsamen Menschen und helfen ihnen ins Leben zur√ľck. Du bist so ein einsamer, ungl√ľcklicher Mensch, darum kannst du mich verstehen, w√§hrend andere mich nur miauen h√∂ren.‚ÄĚ

Der Standesbeamte Richard Kreft, der anfangs an seinem Verstand gezweifelt hatte, war durch die Logik und mehr noch durch den lieben, sanften Tonfall des Stimmchens einigerma√üen beruhigt. ‚ÄúWie hei√üt du denn?‚ÄĚ Das K√§tzchen verzog sein Schn√§uzchen ein wenig geringsch√§tzig: ‚ÄúWir haben keine Namen n√∂tig, wenn wir unter uns sind. Aber ich wei√ü von der Sitte der Menschen, uns immer Namen zu geben. Darum such dir eben Mieze oder Muschi aus oder was du willst.‚ÄĚ Richard dachte an die Kosenamen, die er seinen drei Frauen gegeben hatte und unter denen auch diese beiden waren: ‚ÄúIch werde dich S√∂ckchen nennen, nach deinen wei√üen Vorderpf√∂tchen, wenn du einverstanden bist.‚ÄĚ ‚ÄúWie du willst, aber wie w√§r¬īs jetzt, wenn du endlich die Haust√ľr √∂ffnen und mir das Sch√§lchen Milch servieren w√ľrdest?‚ÄĚ entgegnete S√∂ckchen etwas ungehalten.

Richard f√ľhlte sich gleich ein St√ľckchen wohler und weniger einsam, als er sich in seinem Lieblingssessel ausstreckte, √ľbrigens dem einzigen St√ľck, das er durch die drei Verh√§ltnisse hindurch aus seiner Studentenzeit her√ľbergerettet hatte und dem schwarzen K√§tzchen zusah, wie es mit einem s√ľ√üen rosa Z√ľnglein die Milch aus dem Sch√§lchen schlabberte. Wohlig schnurrend lag S√∂ckchen danach auf seinen Pantoffeln und geno√ü die W√§rme des Kaminfeuers, w√§hrend Richard sanft √ľber seinem Roman einschlummerte. Eine Katze war zwar nicht direkt eine Frau, aber, da S√∂ckchen sprechen konnte, kam sie doch einer sehr nahe und das machte ihn beinahe gl√ľcklich.

Als Richard Kreft am n√§chsten Morgen sein Hemd, die Krawatte und die Socken zurechtlegte, den gewohnten Morgenkaffee schl√ľrfte, er trank eigentlich lieber Tee, sah er S√∂ckchen eingerollt auf seinem Sessel schlafen. Er verlie√ü zum ersten Mal seit seiner Trennung fast gl√ľcklich seine Wohnung und ging in sein B√ľro im Rathaus. An diesem Tag vollzog der die Trauungen mit fr√∂hlichen, freundlichen Randbemerkungen, da√ü die verliebten P√§rchen, die vor ihm standen gleich noch gl√ľcklicher wurden. Nur die √§lteren Trauzeugen schauten ihn manchmal argw√∂hnisch an. Dabei stand er den armen M√§nnern eher mit Mitleid gegen√ľber, denn er wu√üte ja, da√ü die Ehe keine Lebensversicherung gegen Verlassenheit war. Die Scheidungszahlen seiner kleinen Stadt bewiesen es ihm t√§glich. Sie √ľberstiegen manchmal sogar die Zahl der Trauungen. Was ihn aber gl√ľcklich machte, war die Erinnerung an S√∂ckchen zu hause in seinem Sessel und die Aussicht auf lange philosophische Gespr√§che √ľber das Zusammenleben der Tiere und Menschen.

Am Nachmittag fa√üte er sogar den Plan, mit ihr das Musical ‚ÄúCats‚ÄĚ zu besuchen und rief eine Konzertagentur an und auf dem Heimweg ging er beim Juwelier vorbei und suchte ein goldenes Halsband aus, das ihm auf dem ebenholzschwarzen Fellchen seines K√§tzchens besonders wirkungsvoll gl√§nzend d√ľnkte. Er freute sich schon sehr, ihr am Abend am Kaminfeuer diese kleine √úberraschung zu bereiten.

Doch gr√∂√üer war seine eigene, als er freudig gespannt seine Haust√ľr √∂ffnete. Die Wohnung gl√§nzte geradezu vor Sauberkeit . Im Wohnzimmer summte der Staubsauger und S√∂ckchen sang mit ihrem lieblichen Stimmchen eine fr√∂hliche Melodie: ‚ÄúMiau, miau, mio.‚ÄĚ Richard machte die ganze Sache etwas mi√ütrauisch, doch hatte er alle Bedenken schnell vergessen, als sein K√§tzchen ihm die angew√§rmten Hausschuhe in ihrem s√ľ√üen Schn√§uzchen herbeischleppte. Am Kamin packte er dann das Geschenk aus und das Gl√ľck schien vollkommen. Das kleine pelzige Tierchen steht dem reifen Mann oft n√§her als die weiblichen Exemplare der eigenen Gattung, die nur den eigenen egoistischen Freiheitstrieb im Kopf haben. Richie dachte dar√ľber nach, im Lokalblatt einen Artikel zu verfassen - Die Katze, der Freund des Mannes - und schlief in seinem Lieblingssessel ein, sein K√§tzchen auf dem Scho√ü.

Die Tage und Wochen vergingen im Gl√ľck. Die kleine Wohnung begann sich langsam zu ver√§ndern und Katerchen, so hie√ü Richie jetzt mit Kosenamen, gew√∂hnte sich an das sch√∂ne Lebensgleichma√ü. Ja, er hatte sich sogar an das Katzenfutter und die t√§gliche Milchration gew√∂hnt. Nur der Kratzbaum, zu den ihm S√∂ckchen einmal w√∂chentlich dr√§ngte, kam ihm etwas √ľberfl√ľssig vor. Katerchen schnitt sich seine N√§gel daher lieber heimlich im B√ľro, da S√∂ckchen ihn dort nicht beaufsichtigen konnte und tat dann so, als ob er seine N√§gel an dem frischen Holz sch√§rfen w√ľrde.

Irgendwann nach einem Urlaub auf einem Bauernhof nahm S√∂ckchen seinen Richard ins Gebet: ‚ÄúLieber Kater, du wei√üt, ich liebe dich √ľber alles. Doch, wenn ich noch weiter an dich glauben soll, solltest du f√ľr mich dann und wann die eine oder andere Maus fangen. Der Caesar vom Bauernhof hat das doch f√ľr seine Minna auch getan.‚ÄĚ

Richard sah sein S√∂ckchen ganz ungl√§ubig an, allenfalls konnte er Otto Willich, dem Malermeister noch beim Tapezieren helfen und ganz passabel Gedichte f√ľr den Karnevalsverein schreiben. Aber der Gedanke, M√§use zu fangen schien ihm doch etwas absurd. Darum verga√ü er die mahnenden S√§tze schnell wieder und rechnete sie einer Schnurre seines geliebten S√∂ckchens bei.

In den Tagen um Weihnachten war es, da√ü S√∂ckchen sich weiterzubilden begann. Sie besuchte den Gesangsunterricht in der Volkshochschule des St√§dtchens. Der Kurs versprach die Ausbildung zum klassischen Chorgesang. Richard begr√ľ√üte das sehr, weil er meinte, S√∂ckchen sollte ruhig seinen Horizont erweitern. Was er nicht wu√üte, weil er sich zu wenig mit Katzengeschichte besch√§ftigt hatte, war, da√ü eigentlich nur Kater im Katzenchor singen. Was er nicht wissen konnte war, da√ü dort ein gro√üer grau getigerter Wildkater auf die Jagd nach kleinen K√§tzchen ging. S√∂ckchen war ganz hingerissen von seinen k√ľhnen Spr√ľngen, wie er die b√∂sartigsten Kanalratten zur Strecke brachte. Hannibal, so hie√ü er, war lange Jahre Hauskater im Polizeipr√§sidium gewesen und kannte genau die Schliche der wildesten Kampfm√§use und Mafiosi.

Zu hause bei seinem Katerchen begann S√∂ckchen jeden Tag zu weinen und wurde ganz krank, ohne da√ü Richard die Beweggr√ľnde der Ver√§nderung erriet. Hatte er ihr vielleicht nicht genug Katzenstreu mitgebracht oder war etwa ihr Federbettchen nicht weich genug? Richard war ratlos und arbeitete l√§nger im Rathaus. Er lie√ü sich bei den Trauungen extra lange Zeit und machte Einzelberatungen bei den Scheidungen, nur um dem Elend zu hause aus dem Weg zu gehen. Bis er eines Nachts auf dem Nachhauseweg im Mondschein auf einem Dach zwei Schatten entdeckte, offensichtlich zwei eng aneinandergeschmiegte Katzen, die zweistimmig in vollst√§ndiger Harmonie den n√§chtlichen Begleiter der Liebenden ein St√§ndchen brachten. An den reinen klaren T√∂nen des Soprans erkannte Richard die Stimme seines S√∂ckchens. Das goldene Halsband, das er ihr am Anfang ihres gemeinsamen Lebensweges geschenkt hatte, gl√§nzte in den Strahlen der Himmelslaterne an ihrem schlanken Hals, wie sie ihr K√∂pfchen gegen die breiten Schultern des fremden Katers lehnte.

Da wußte Richard, daß er zum vierten Mal verlassen worden war. Auch auf Katzen ist eben kein Verlaß. Sie laufen zuletzt eben doch jedem mäusefangenden Kater hinterher. Aber das weiß doch jeder, Treue bis in den Tod findet man nur beim Hund, und wer will schon auf den kommen.

Gestern hat sich Richard √ľbrigens auf den Weg zum Bauernhof gemacht, wo sie einmal so gl√ľcklich waren, Katerchen und S√∂ckchen. Ihm war eingefallen, da√ü ihn dort ein Schaf ganz verliebt angeblickt hatte. Vielleicht ist ja das die Lebensperspektive f√ľr einen Mann in den besten Jahren mit Bauchansatz und beginnender Glatze.


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