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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Du kannst Massa zu mir sagen
Eingestellt am 18. 04. 2010 05:48


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uldo posch
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2006

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Vorwort

Mein Freund, Ich habe Dich nie vergessen und werde es nicht tun. Vielleicht komme ich eines Tages in Deine Stadt und suche nach Dir wie ich es schon sooft geplant hatte. Denn mein Gewissen quĂ€lt mich und im Geiste verneige ich mich immer und immer wieder. „It has just begun“ sagtest du, als wir uns verabschiedeten. Und heute klingen diese Worte wie ein Donnerhall in mir und mahnen dich zu suchen. Weil ich die Schuld begleichen will, die auf mir lastet. Und du hast es damals schon gewusst wie es ist, von einem Menschen, enttĂ€uscht zu werden. Das war ja auch der Grund fĂŒr deine Reise. Du warst und bist ein starker Mensch!

Dies ist die Geschichte von Dr. Massato Numura, einem Wissenschaftler aus dem Land der aufgehenden Sonne. Er lebt in Kyoto, einer Stadt in Japan. Im Auftrag der Regierung, arbeitete er an der Entwicklung von Instrumenten die heute weltweit zu den prĂ€zisesten ihrer Art gehören. Seine Forschung galt dem Thema Drogen Screening und hatte zum Ziel, ein Messverfahren zu entwickeln das den Gehalt an toxischen Substanzen im Körper bis auf Hunderttausendstel genau anzeigen sollte. Japan wollte als erstes Land der Erde WeltmarktfĂŒhrer in dieser Technologie werden. Heute gehören Verurteilungen zu langen Haftstrafen, fĂŒr den Gebrauch von Drogen in Japan, auch in geringen Mengen, zum Alltag. Dr.Massato Numura sah ich zum ersten und einzigen Mal vor fĂŒnfzehn Jahren auf der Insel Koh Samui in Thailand. Er gehört zweifelsfrei zu den außergewöhnlichsten Menschen, die ich getroffen habe. Die Begegnung mit ihm, hat mein Leben nachhaltig geprĂ€gt. Und so möchte ich ihn ohne zu wissen, ob er ĂŒberhaupt noch lebt und diese ErzĂ€hlung jemals lesen wird, um Verzeihung bitten.

Die Geschichte

Suchend blickte er sich um. Wir saßen auf der Terrasse unseres Bungalows und Monique fragte mich eher beilĂ€ufig: „Wo wollen denn die Schuhe mit ihm hin?“ Ich stutzte. Und dann sah ich sie auch, Flip Flops! Rote Badelatschen, die bei jedem Schritt ein bisschen schnalzten, als wĂŒrde man gerade mit der Zunge das GerĂ€usch eines galoppierenden Pferdes nachahmen. Knallrote Gummilatschen, die dazu noch irgendwie eine Nummer zu groß erschienen und darin steckte dieser lustig anmutende Typ in Boxershorts, die seine O-Beine eher noch betonten, mit einem T-Shirt bekleidet auf dem quer ĂŒber die Brust geschrieben stand: „Samurai“. Wir mussten lachen, das war bestimmt kein Krieger! Als wir dann endlich im Gesicht des Protagonisten ankamen, erwiderte der wiederum ein freundliches: „Konichi wa!“ Meine Mundwinkel verzogen sich leicht nach links und ich sagte “das war doch japanisch“. Monique lachte erneut, dann grĂŒĂŸten wir mit einem, „Hello, how are you“ zurĂŒck, und fragten ob wir ihm helfen können, denn er schien etwas zu suchen als er vor unserem Haus zum Stehen kam.

So lernten wir ihn damals kennen und baten ihn, doch auf ein GetrÀnk zu uns zu kommen, was er dankend annahm. Wir kamen ins GesprÀch. Sein Englisch war grauenhaft und unsere Japanischkenntnisse praktisch nicht vorhanden. Er sprach leise und gebrochen, was zur Folge hatte noch aufmerksamer hinzuhören und mit der Zeit gewöhnte man sich daran.
Er war vielleicht ein Meter siebzig groß und sein Gesicht wies eher feminine ZĂŒge auf, seine körperliche Statur erweckte dagegen einen jungenhaften Eindruck.
Sumo Ringer wĂŒrde er sicher nicht mehr werden, soviel stand fest. Mit seinen glatten pechschwarzen Haaren, die er gescheitelt auf der Seite trug und dem wachen Blick der von seinen Augen ausging, zog er uns in seinen Bann.
Er erzĂ€hlte uns, das er aus Kyoto sei, und das er sich fĂŒr drei Monate von seinem Job beurlauben ließ um, wie er es nannte, „auszuspannen“. Fast vergaßen wir darĂŒber hinaus uns vorzustellen, woraufhin wir prompt die nĂ€chste Überraschung erlebten. Als ich ihn darauf ansprach, wie denn sein Name sei, sah er mich an und sagte allen Ernstes: „Mein Name ist Massato Numura, aber Du kannst Massa zu mir sagen“. Daraufhin konnte ich mein Lachen nur schwer unterdrĂŒcken, denn ich dachte dabei unweigerlich an Massa und Afrika und die Zeit der Sklaverei. Monique verstand es offensichtlich, denn sie grinste ebenfalls, schien aber insgeheim froh darĂŒber zu sein, das ich in dieses FettnĂ€pfchen trat und nicht sie selbst. Wahrscheinlich aber lag es am Gras, das wir uns fĂŒnf Tage vorher in Bangkok zulegten und mir das Bewusstsein schneller erweiterte, als den Beiden. Massa verstand meine Anspielung nicht, nahm es deshalb locker und leicht verschĂ€mt klĂ€rte ich ihn auf, denn ich hatte es natĂŒrlich nicht abwertend gemeint. Letztendlich trug es dazu bei, das wir uns noch intensiver unterhielten und immer tiefer in die Nacht hinein die Zeit vergaßen.

Wir verabredeten uns fĂŒr den nĂ€chsten Tag und trafen uns am Strand, denn Monique wollte Wasserski fahren, Massa hingegen war auf der Suche nach einer der vielen einheimischen Frauen, die berĂŒchtigt fĂŒr ihre Thaimassagen waren. Da schloss ich mich gerne an. Ich muss wohl nicht erwĂ€hnen, das wir uns erst mal einen Joint drehten, wir hatten ja schließlich Urlaub und alle Zeit der Welt, so störte es auch keinen von uns. Das Zeug war schließlich im Überfluss vorhanden und musste vernichtet werden. Von den magischen Pilzen die auf der Speisekarte der HotelkĂŒche angeboten wurden, (ja, es gab sie wirklich), ließen wir die Finger aber weg. Massa hatte uns nĂ€mlich darĂŒber berichtet, dass nur bestimmte und erfahrene Köche dieses Gericht so zubereiten können, dass deren Gifte sich nicht gegenteilig auswirkten. Und von diesen KochkĂŒnstlern gab es offensichtlich nur wenige. Wie uns schien, verstand Massa eine Menge von solchen Themen, was uns aber nicht beunruhigte. Im Gegenteil, es war interessant zu hören, was diese oder jene Drogen verursachten, welche Bestandteile sie enthielten und welche zu den synthetisch hergestellten gehörten. Dabei bekamen wir nach und nach einen fast kompletten Einblick ĂŒber sĂ€mtliche BetĂ€ubungsmittel, deren Namen und ihre verschiedenen Wirkungen. Wie man synthetische Stoffe anhand von Formeln herstellen kann, was Speed ist und wie man Cannabis veredelt. Auch Heroin, Kokain, LSD und Opium zĂ€hlten offensichtlich zu den Substanzen, die ihm nicht fremd waren.

Gut, wir wussten das vor vielen Jahren unzĂ€hlige Aussteiger auch nach Thailand gingen und sich vor allem auf Koh Pi Pi niederließen um dort den Traum, von Sex, Drugs und RockÂŽn Roll, Wirklichkeit werden zu lassen. Das hĂ€tte altersmĂ€ĂŸig ja auch stimmen können, denn so wie Massa darĂŒber sprach dachten Monique und ich, „Hoppla“, mit seinen 39 Jahren kennt er sich aus. Vielleicht war er in diesen Dingen deswegen so bewandert und hatte auch einige Zeit auf Koh Pi Pi verbracht. Wir lagen falsch! Es hatte viel tiefere GrĂŒnde, wie wir bald erfahren sollten.
Was uns außerdem auffiel, war die Tatsache, das er trotz seiner hageren Gestalt, die wirklich Urlaub dringend nötig hatte, dennoch hart im Nehmen war. Wie sonst wĂŒrde sich wohl erklĂ€ren lassen, das er jeden Tag mindestens drei Massagetermine vereinbarte, um seinen Körper von der recht krĂ€ftigen Thai-Mami durchwalken zu lassen. Und diese schien in der Tat nicht zimperlich mit ihm umzugehen. Wer das je ĂŒber sich hat ergehen lassen, der weiß wovon ich rede. Aber jedem das Seine, und wir mochten ihn, daran bestand kein Zweifel. Wann immer sich also die Gelegenheit ergab, verbrachten wir unsere Zeit zusammen. Eines Abends am Strand entfachten wir vom herumliegenden Holz ein Lagerfeuer. Massa wirkte sehr nachdenklich und es verging eine Weile als er zu erzĂ€hlen begann. „Wisst ihr eigentlich, warum ich wirklich hier bin?“ „Na, zum Urlaub machen, was denn sonst“, entgegnete Monique. „Ja, aber ich muss meinem geschundenen Körper das Gift entziehen“. Fast zeitgleich hörte er uns fragen: „Was denn fĂŒr ein Gift, um Himmels Willen?“ „Na das Heroin“. „Ich bin Wissenschaftler, arbeite in einem Forschungszentrum der UniversitĂ€t Kyoto an der Entwicklung von modernsten Meßmethoden zum Nachweis von Drogen im menschlichen Körper“.
Wir sahen uns an und verstanden nur Bahnhof. „Und was hat es das mit dem Gift zu tun?“, wollte ich wissen. Massa fuhr fort und berichtete, das er aufgrund seiner Position als Forscher den Zugang zu sĂ€mtlichen Drogen bekam, die Japans Polizei tagtĂ€glich durch Razzien und anderen Zugriffen dem Schwarzmarkt entzog. Das nicht alle gefundene Drogen verbrannt wurden, sondern ein Großteil aufbewahrt werde und bei Bedarf fĂŒr Forschungszwecke zur VerfĂŒgung stand.
„Hast Du Dich selbst bedient, und musstest deswegen entziehen“, fragte ich ihn und Monique lauschte gespannt seinen Worten. „Nicht ganz“, flĂŒsterte er und hielt inne... „Es ist alles wegen Naoki“, diesem MĂ€dchen in das ich mich verliebte“. Wiederum ließ Massa einen Augenblick vergehen und wir spĂŒrten wie schwer es ihm fiel darĂŒber zu reden.
Naoki lernte er kennen, als sie schwer heroinabhĂ€ngig war und mit zweiundzwanzig Jahren ihrem Körper schon so viel Heroin zugefĂŒhrt hatte, das sie dem Sterben nĂ€her war, als dem eigentlichen Leben. Massa verliebte sich in dieses MĂ€dchen, gerade sieben Monate zuvor. Und ohne zu wissen, wer Massa war und womit er sich beschĂ€ftigte, schien Naoki seine GefĂŒhle zu erwidern. Es war kein Mitleid, sondern Liebe und Massa entschloss sich zu einer ungewöhnlichen Herausforderung.
„Wie kannst Du Heroin nehmen und gleichzeitig in dieser Forschung tĂ€tig sein“, fragte Monique. Doch Massa winkte ab, denn er war nicht abhĂ€ngig, nicht bis zu jenem Tag, an dem er Naoki traf. Aber Massa entschied auf außergewöhnliche Weise, diesem MĂ€dchen zu zeigen, wie groß seine Liebe zu ihr ist und begann, erst langsam dann im gleichen Umfang Heroin zu spritzen wie Naoki es viele Jahre zuvor getan hatte. Er wollte ihr nicht stĂ€ndig sagen, was Heroin anrichten kann, er wollte sie nicht verschrecken und dadurch ganz verlieren. Nein, er wollte ihr zeigen, wie sie ihren Körper tagtĂ€glich zerstörte und damit ihr Leben StĂŒck um StĂŒck zum Teufel jagte, indem er es selbst nahm. Sie sollte leben und Massa mit ihr.
Er besorgte sich tÀglich kleinere Mengen von Heroin, die er sich leicht beschaffen konnte, denn er hatte den Zugang dazu und es fiel nicht auf, ob zwei Gramm fehlten oder nicht. Auch Speed, ein synthetisches Aufpuschmittel gehörte zu den tÀglichen Mitbringseln. Naoki musste sich nun nicht mehr durch Prostitution oder kriminelles Beschaffen belasten. Sie hatte einen Freund, der es besorgte. Tage vergingen, Wochen und Monate. Und in gemeinsamen GesprÀchen, mittlerweile wohnten beide zusammen, versuchte Massa immer wieder auf sie einzuwirken, mit dem Fixen aufzuhören. Ihr Zustand besserte sich, denn die Mengen, die sie einnahmen, wurden kleiner und Massa beabsichtigte lange Zeit vorher den Konsum gezielt zu verringern, was anfÀnglich nur schwer gelang. Aber mit der Zeit und dem unbÀndigen Willen, seiner Freundin ein drogenfreies Leben zu ermöglichen, hatte er Erfolg. Da störte es ihn auch nicht, das sich sein eigener Zustand verschlechterte, das nahm Massa billigend in Kauf. Er schwor sich, damit klar zu kommen.
Nach sechs Monaten hatte er es endlich geschafft, Naoki vom Heroin zu befreien und selbst noch am Leben zu sein. Hinter ihm lagen unzÀhlige Stunden, in denen sie im Laufe der Zeit nahezu 500 Gramm Heroin spritzten, unzÀhlige Nasen Speed gezogen hatte und weiche Drogen konsumierten. Sie trennte sich nach sieben Monaten von Massa, nachdem sie gerade mal vier Wochen clean war. Denn ihre Liebe, im Kampf um ein drogenfreies Weiterleben, blieb auf der Strecke. Naoki starb am 15. MÀrz 1988 auf dem Weg zu ihrem Bruder. Auf der Landstrasse nach Yokohama rammte ein entgegenkommender Kleinlaster frontal ihr Fahrzeug und sie starb noch an Ort und Stelle. Die Polizei stellte bei dem Unfallverursacher die Einnahme von Alkohol und Cannabis in hoher Konzentration fest. Naoki Sone wurde zweiundzwanzig Jahre alt.

Massa war Ende der Geschichte angelangt und schwieg, das Lagerfeuer brannte schwach und wir verstanden. Nach einer Weile kam er zu sich und sagte zu uns, „Ihr mĂŒsst das verstehen, ich war nie drogenabhĂ€ngig“. „In unserer Kultur ist es unĂŒblich, einem Menschen den man liebt zu sagen was er falsch gemacht hat“. „Ich habe ihr versucht durch meinen Raubbau klarzumachen, was falsch ist“. „Ich war so glĂŒcklich zu sehen, das sie wieder clean war.“ „Denn sie fixte schon ĂŒber fĂŒnf Jahre lang“.

Wir verstanden und sahen von nun an unsere Begegnung mit ihm aus anderen Augen. Als wir uns verabschiedeten, versprach ich Massa eines Tages nach Kyoto zu kommen und bekrÀftigte nochmals unsere Freundschaft, woraufhin er entgegnete,
„It has just begun“, als wollte er ausdrĂŒcken, „Freundschaft ist vergĂ€nglich“.

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