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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Dusch-Zeichnung
Eingestellt am 04. 05. 2005 19:13


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nachtfalter
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Die HĂ€ndchen halten ein Butterbrot da, die HĂ€ndchen dieses Kleinkindes, MĂ€dchens, deine HĂ€ndchen sind meine HĂ€ndchen auf dem Foto, das an dem Glas der Kredenz eingeklemmt ist zwischen den weißen Holzleistchen, die ĂŒber das Glas fĂŒhren, das Glas, die Gas, sagte man damals in Wien, wenn jemand Selbstmord durch das Aufdrehen des Gashahnes beging, die hat die Gas aufdraht. Die Ruinen sind nicht explodiert deswegen.
Ein Butterbrot in den HĂ€ndchen, das fast so groß ist wie das halbe Kind. Wer hatte damals einen Fotoapparat und wer hat sich die MĂŒhe gemacht und warum, wem lag daran? Gelegen sind wir, zu viert in einem Bett.
An einem Vormittag dann, wir waren allein, meine Pflegemutter und ich, als ich nachschaute da hing sie noch halb auf der Klosettmuschel, der rosa SchlĂŒpfer war heruntergerutscht und ihre Lippen waren so lila, ist sie tot und wenn ja, was ist das? Dass sie nicht dableiben wird. Ich saß auf dem Fensterbrett und jemand steckte mir Schokolade in den Mund, dem kein Laut entfuhr und dann auch nicht.
SpĂ€ter, als ich alleine fahren konnte, meine Suche nach dem Grab und die Besuche auf dem Friedhof an GrĂ€bern mit Kreuzen, auf denen Stahlhelme hingen, vorbeigegangen daran. Etwas Unheimliches empfunden dabei, unsagbar.Etwas Schreckliches mußte geschehen sein, alle wußten es und niemand sprach davon. Das war es. Dann fand ich ein eingesunkenes Fleckchen Gras, einen Namen in der braun gewordenen Parte hinter Glas, ein Kreuz.Ich versuchte, das Fleckchen zu verschönern. Vogelgezwitscher, Stille. Ein Flugzeug brummt.
Ich suche ein Bild und sehe das Foto. In diesem einzigen Beweis, dem Foto, dass es ĂŒberhaupt da war und ich eines Tages hinaufsah, es lĂ€uft alles zusammen darin, das bin ich.
Die Verstorbene ist mit uns Pflegekindern im Luftschutzkeller gewesen, der Arm, auf dem der Pflegebruder saß, brach durch die Druckwelle und das Kleinkind war tot.

Wer jagen kann in diesen Zeiten, kann ein Hasengulasch zubereiten, die Kuckucksuhr schlĂ€gt Zentagasse 5. Die Tante ließ mich, das Heidenkind, taufen. Ich hatte es gut.

Nicht gut ging es dann mit der nĂ€chsten Frau, der ich ĂŒberantwortet, ausgeliefert war. SpĂ€ter stopfte ich sie mir aus wie eine nicht so große, aber dicke Puppe mit all dem, was nie gesagt, nie mehr gefĂŒhlt worden ist ( die Toten lassen ja alles machen mit sich) und doch wirkte das Erfahrene fort, diese Jahre der Ohnmacht im feindlichen und dauernden Miteinander, aufeinanderangewiesen sein, jetzt schließe ich aber die TĂŒre hinter mir zu. Ich schaue gar nie zurĂŒck. Und wenn, dann sehe ich mich verpuppt in einem klebrigen Kokon.Kein Flug.
Sie war eine Institution. Sie richtete mich ab zur kleinen Hausfrau. Die sich schĂ€mende Liebe des Pflegevaters half nicht.Da, kauf dir ein Zuckerl, heimlich. Damals mußte man noch 6 Tage arbeiten und 10 Stunden am Tag in der Fabrik. Wenn er ihr auskam, trank er sich unter den Tisch, den Wochenlohn mit.Oft trug ich sein Mittagessen in den Blechtöpfen durch die endlosen, grauen Fassaden der HĂ€user und Gassen auf hartem Untergrund. Und dann wieder: Hinsetzen! Socken stopfen. Da war alles unter Kontrolle, vielleicht auch die Gedanken. Und doch nicht. Wenn ich groß bin, warte nur, dann..Ja, was ist dann? Dann kann ich doch tun, was ich möchte. Was möchte ich dann? Habe ich es je gewußt? Ins Gymnasium gehen zum Beispiel, laufen, lesen.

Der von ihr so bevorzugte Sohn war recht hilflos, als ein Blutsturz ĂŒber sie kam. ich hatte Angst um ihr Leben und holte Hilfe.
Anordnungen gab es, ja. Und einmal eine Geschichte: Wenn der Mond einen Hof hat, ist ein großer Sturm ĂŒber dem Meer.
Ich ging gerne zur Schule. ich erfand Nachmittagsunterrichte und trieb mich im Park herum. Als die LĂŒge aufkam, gab es SchlĂ€ge mit dem GummiknĂŒppel, der vorher ganz unauffĂ€llig auf der kredenz gelegen war und SchlĂ€ge mit dem Hosenriemen, den sich der Pflegevater im Zorn vom Hosenbund gerissen hatte, SchlĂ€ge auf das Kreuz, bis kein Ton mehr aus mir kam. Das war aber das einzige Mal, ich war ja nicht ihr Eigentum, ich war ein Staatskind. Deshalb bekam ich zu Weihnachten die Winterbekleidung der Gemeinde Wien als Geschenk. Eine SchĂŒrze war auch dabei. Außer Arbeit war eigentlich alles verboten. In der Schule fielen die Jahre 1938 bis 1945 aus. ich schnappte SĂ€tze auf, Namen. Hitler.
Brechen, Biegen, Scheitel knien. Mit vierzehn Jahren verließ ich die Institution. GeĂŒbt im ausgesperrt sein. Ich ging in eine andere Institution.
Ich identifizierte mich mit den Opfern, es war meine Möglichkeit.

UnlĂ€ngst las ich in einer Zeitung einen Satz die Nachkriegszeit betreffend: man identifizierte sich mit den Opfern. Dieser Satz stellt eine Ungeheuerlichkeit dar, abgesehen von der historischen Unwahrheit, wenn ich bedenke, daß ich erst durch diese acht Jahre an diesem Platz und in diesem gesellschaftlichen Klima zu diesem Punkt, den ich mir gar nicht aussuchen hab können, gelangt bin. Ich identifizierte mich mit den Opfern.

Dieses HintergrĂŒndige, das immer da war und darĂŒber: banale Fassade. BruchstĂŒcke und gleichzeitig auf dem Friedhof beim Anblick der Helme eine Gewissheit, dass etwas ganz Ungeheuerliches geschehen war, das war die Substanz, in der ich aufwuchs. Ich hatte immer MĂŒhe, eine Art Ordnung herzustellen fĂŒr mich, eine IdentitĂ€t.
Die Toten waren noch nicht lange tot, gedeutet habe ich mir alles Mögliche und ich hielt auch immer alles fĂŒr möglich, dass es ein Mensch antun kann, einem andern. Der Unterschied ist nur, was einen selber trifft.

Duschen .Duschen waren auch in den alten KrankenhĂ€usern. Institutionen, deren Regeln etwas freier, klarer und freundlicher erschienen. Der Körper, das Haus, das man sich ist, hat alles gespeichert. Die vielen fremden Körper standen eigentlich im Vordergrund im Spital. Na ja, Teile davon.Ich war eine einfĂŒhlsame Krankenschwester, eine sich fĂŒrchtende, eine mutige auch, eine sichere und eine unsichere, eine vorwiegend traurige udn sehr ĂŒberfordert.
Der Tod kommt ja oft ins Krankenhaus, weil man die menschen nicht mehr daheim lĂ€ĂŸt. Alle kranken mussten vor einer Operation von uns Krankenschwestern gewaschen oder zum Duschen geschickt werden. Da war ja immer eine Todesangst dabei.Aber wie hĂ€tte ich mit einem fremden Menschen die Angst vor dem Sterben besprechen sollen? Und sonst kĂŒmmerte sich niemand um das, was man Seele nennt.
Die Kranken sind trotzdem so leise und fĂŒgsam, unheimlich ist das. Es hat ein jeder Mensch seine letzte Einsamkeit. Immer wieder, beim Duschen, ich weiß auch nicht, warum gerade dann, muss ich daran denken, daß es Duschen gegeben hat, die Gas ausströmten. Ich denke dann an die Toten, an den Tod. Er wird kommen.
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MargareteSch.

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sohalt
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Mich hat's getroffen.
Wahrscheinlich, weil ich mich, ganz ohne traumatische Kindheit, als Kind selbst auch eine Zeit lang vor der Dusche gefĂŒrchtet hab, nachdem mir meine Mutter das mit den Gaskammern erzĂ€hlt hat.


Ansonsten tu ich mir schwerer mit Texten die hauptsÀchlich auf "Betroffen-Machen" abzielen, aber diesmal hat's funktioniert, bei mir.

lg
sohalt
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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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