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Leselupe.de > ErzÀhlungen
ES
Eingestellt am 27. 05. 2007 19:17


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Scherze mit dem Tod gelten als pietÀtlos. Aber was, wenn der Tod mit uns scherzt?
ES lauert ĂŒberall. Ein eindeutigES Wort habe ich nicht gefunden. Zwischen Zuversicht und Zweifel verweigerte ES den Nachschub. Keine lebendigen SĂ€tze, keine Ideen und Gedanken. Der Stil meiner ErzĂ€hlungen verkam zu dem bĂŒrokratischer Richtlinien, Berichte oder langweiliger Lebensgebrauchsanleitungen.
Abenteuerlust packte mich zwar noch, aber ES und das Abenteuer blieben aus, obwohl angeblich eine Reise nach innen spannender sein soll als die Entdeckung unbekannter Höhlen, antiker KönigsgrÀber und von GoldschÀtzen.
VielES könnte in mir schlummern. Doch ES weigert sich aufzuwachen.
Gerade stelle ich mir vor, in jene Tiefen hinabzusteigen, die in meinem Innern darauf warten, entdeckt zu werden. Und albern wie ich bin, finde ich mich mit Hilfe meiner Fantasie in meinen DĂŒnndarm wieder. MĂŒhsam krieche ich auf schleimigem Boden. Überall riecht ES nach ESsensrESten. Verzweifelt halte ich inne. Nein, zu den Tiefen meiner Seele, werde ich ĂŒber den DĂŒnndarm wohl nicht vordringen, obwohl der sich mit all seiner Peristaltik MĂŒhe gibt, mich voran zu schieben. Um zu ahnen, wo die Abschiebung enden könnte, bedarf ES fĂŒr den bevorstehenden Fall keiner bESonderen Vorstellungskraft.
Vielleicht ist ES wirklich nur ES und Seelen gibt ES keine, da sie allein die Erfindung religiöser Seelsorger oder ihrer weltlich-psychologischen Konkurrenz sind.
Doch so schnell will ich meine Expedition nicht aufgeben, nur weil ich zunĂ€chst den offenbar falschen Einstieg - den ĂŒber mein Verdauungssystem - wĂ€hlte.
Den letzten von mir verfassten ErzÀhlungen fehlte ES. GESchichten, die Seele haben sollen, brauchen Schreiber, die aus lebendigen Seelen schöpfen können.
Vielleicht sollte ich völlig absichtslos mit einer GESchichte beginnen, da absichtsvolle GESchichten ohnehin nur gewollt wirken.
Also nennen wir den Helden Walther S. . Klingt harmlos. Die LESerinnen und LESer werden ihn fĂŒr unbedarft halten. SpĂ€ter soll er groß rauskommen. Das deute ich bereits im Eingangssatz an:
Walther S. hat seine GrĂŒnde, nicht nur bei der Kleidung Wert darauf zu legen, möglichst unauffĂ€llig zu erscheinen.
Seit Wochen fĂŒhlt er sich leer. Atmet er tief ein, gelingt ES ihm nur mit MĂŒhe, seinen schweren Brustkorb zu heben, wĂ€hrend unwillkĂŒrlichES Stöhnen und Seufzen sein Ausatmen begleiten. Will er schreien, erstickt seine Stimme in trockenem Husten.
Und da er ein zurzeit seelenloser Schriftsteller ist, bleiben seine Worte und SĂ€tze ausdruckslos wie sein mĂŒdES GESicht.
Seit Wochen schlĂ€ft er schlecht, erwacht jede Nacht gegen drei, geht ins Bad und bekommt dort den ersten heftigen Hustenanfall dES TagES. Löst sich der Schleim in den Bronchien, spuckt er ihn verĂ€chtlich ins Klobecken. Kommt er ins Schlafzimmer zurĂŒck, kann er nicht wieder einschlafen. Setzt er sich an den Schreibtisch, macht er sich zwar viele Notizen, jede fĂŒr sich sogar ziemlich originell, aber kaum einmal taugen wenigstens zwei der nĂ€chtlich notierten SĂ€tze fĂŒr eine gemeinsame GESchichte.
Probleme mit den Atemwegen und regelmĂ€ĂŸigES Wachwerden um drei Uhr nachts seien typisch fĂŒr DeprESsionen, erfuhr er bei einer der zurzeit ĂŒblichen FernsehgESundheitssendungen.
Der Tod kommt immer auf Raten. DiESen Satz notierte sich Walther S. heute Nacht. Freund Georg Hansemann vertraute ihm den gestern am monatlichen Stammtisch in der „Ewigen Lampe“ an, bevor die Anderen kamen, die vor allem politische Parolen verbreiten, nicht stubenreine Witze von sich geben und lĂ€stern – einer der Anderen ĂŒber den Anderen der Einen. Und da die Anderen weiter auf sich warten ließen, erzĂ€hlte Walter S. leise, sein Vater habe auch schlecht geschlafen. Hatte Angst, im Schlaf zu sterben, sei von Tag zu Tag mĂŒder geworden und schließlich in einer Nacht gegen drei Uhr morgens gEStorben. Allerdings auf der Toilette, die er im wachen Zustand aufsuchte. Als Schlafwandler war sein Vater nĂ€mlich nie aufgefallen.
„Herzinfarkt beim Kacken!“ Freund Georg schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
Maria, die letzte LebensgefĂ€hrtin seinES Vaters traute sich nicht, die ToilettenspĂŒlung zu bedienen, da sie die letzten Lebenszeichen ihrES MannES nicht vernichten wollte.
Schließlich drĂŒckte Walther S. nach drei Tagen den WasserspĂŒlungsknopf und reinigte mit der KlosettbĂŒrste das Becken. Bis dahin gingen Maria und er zu Nachbarn aufs Klo.
Als Maria nach der Beerdigung zum ersten Mal wieder auf die eigene Toilette ging, pinkelte sie im SchwebESitz. Walther musste schließlich im Heimwerkermarkt eine neue Brille kaufen. Die alte vergrub er im Garten und Maria pflanzte einen Rosenstock darauf. „Rosen liebte dein Vater. BESonders dunkelrote!“ sagte sie unter TrĂ€nen. „Hab deshalb fĂŒr seinen Sarg so ein riESigES Rosengebinde machen lassen.“
Walther stellte sich neben Maria und streichelte ihr liebevoll den Buckel. Dankbar sah sie zu ihm auf, wie auf dem Nachttisch-Foto zu seinem einen Kopf grĂ¶ĂŸeren Vater.
Walther S. ließ ich gEStern, als er vom Stammtisch zurĂŒckkam und ich die GESchichte vom Toilettentod dES Vaters seinES FreundES Georg aufgESchrieben hatte, ununterbrochen gĂ€hnen. Ich gĂ€hnte mit, legte mich auf mein Sofa, wachte heute Morgen auf und wunderte mich, vollstĂ€ndig angekleidet zu sein.
Im Bad, in dem mich jeden Morgen mein zweiter Hustenanfall ereilt, blieb ich vor der Toilette stehen. LeichtES Kratzen im Hals, aber kein Hustenanfall.
Beruhigt setzte ich mich an den Schreibtisch, ließ Walther S., ausgESchlafen, wie er nach dieser Nacht war, sein FrĂŒhstĂŒck bei Maisonne auf dem Balkon genießen.
Walthers letzte LebensabschnittsgefĂ€hrtin verließ ihn vor zwei Jahren und er ĂŒberlegte beim Kaffee, der ihm viel zu stark geraten war, wie wunderschön ES wĂ€re, mit einer Frau auf dem Balkon zu frĂŒhstĂŒcken.
Da war er wieder. Seelenloser Kitsch: Maisonne, SĂ€fte steigen, Sehnsucht nach Liebe. Wunschsex im Alter. Jetzt mĂŒsste Walter S. noch ein sentimentalES Gedicht verfassen. Nun, das könnte ich ironisch bringen. Andererseits könnte auf dem Balkon gegenĂŒber eine leicht bekleidete Nachbarin ihrer Morgengymnastik nachgehen und den schĂŒchternen Walther verleiten, laut zu pfeifen, um sich dann schnell hinter dem mit einer grĂŒnen Plane verhĂ€ngten BalkongelĂ€nder zu ducken. Lieber lasse ich Walther S. nachts um drei vor der KloschĂŒssel stehen.
Sein Freund Georg sagte grinsend, als die anderen StammtischbrĂŒder kamen: „Der Mensch stirbt so, wie er gelebt hat.“ „Ja“, bestĂ€tigte ich, „mein Vater hat viel Scheiße gemacht.“ Obwohl sie die GESchichte vom Tod seinES Vaters gar nicht mitbekommen hatten, lachten alle dröhnend, weil man, wenn ES persönlich wird, am Stammtisch dröhnend lacht. Wird ES politisch, gilt es ernsthaft zu wirken.
Freund Georg Hansemann erzĂ€hle von drei Ehen und ein paar anderen Beziehungen seinES Vaters. Alle Frauen verließen ihn. Ging stĂ€ndig fremd. Beruflich baute er auch Mist. Unterschlagung, UrkundenfĂ€lschung und so. Zweieinhalb Jahre habe er gESESsen und ES danach mit ner neuen Frau versucht. Sozialarbeiterin. Hatte er im Knast kennen lernte.
Fritz Mallach erzĂ€hle von seiner verstorbenen Frau und endete, wie ĂŒblich mit: „Sie war die Rose meines Lebens. Hat mir leider nur ihre Dornen gezeigt.“ Und Fritz erzĂ€hlte den Witz vom Sensenmann. Hier muss ich mir noch einen makabren Witz einfallen lassen. Bin dazu aber gerade nicht in Stimmung.
Walther S. steht noch vor der KloschĂŒssel. Entgegen seiner Gewohnheit, sitzend zu pinkeln, könnte er ES im Stehen versuchen. SpĂŒrt den Hustenreiz, kann ihn unterdrĂŒcken, setzt sich.
Könnte ihn sterben lassen, wie seinen Vater. Oder wie meinen, obwohl der in seinem vierundachtzigsten Lebensjahr ĂŒberhaupt noch nicht sterben wollte und sich stets wĂŒnschte, „im Bett hinĂŒber zu schlafen“.
Ich werde mĂŒde. Soll ich Walther S. durchschlafen lassen?
Wenn ich heute Nacht wach werde, setze ich mich an den Schreibtisch und werde versuchen, zu weinen.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
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Liebe Haremsdame,
herzlichen Dank dafĂŒr, dass du dir den langen Text zu GemĂŒte gefĂŒhrt hast. Und natĂŒrlich freue ich mich, dass er offensichtlich ein paar Spuren bei dir hinterließ.
Mir geht es nicht nur um die Schreibhemmung sondern auch um das GefĂŒhl, bei der schreibenden Selbstsuche kein echtes SelbstgefĂŒhl mehr zu finden. Durch Schreiben Ă€ußere ich mich. Und wenn ich das GefĂŒhl habe, mich nicht so Ă€ußern zu können, wie ich es gern möchte, dann macht mir das erheblich zu schaffen und kann mich wochenlang beschĂ€ftigen.
Liebe GrĂŒĂŸe
Karl
__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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