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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Effeff - ein Gedicht!
Eingestellt am 26. 01. 2003 16:40


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eufemiapursche
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- ...mittlere rotwei├č mit Krautsalat, macht drei Euro neunzisch, Liebschen. Thanks. Un eins zehn zur├╝ck. Yes, very diet. Juten Appetit. Enjoy Your meal.
Das ist wirklich kein Nachmittag um ein Buch zu schreiben. Im Schatten des K├Âlner Doms dr├Ąngelt sich eine lange Schlange Kunden vor meiner Frittentheke. Heute sind es haupts├Ąchlich Japaner und Amerikaner. Europa in zehn Tagen. Manche versuchen sogar, deutsch zu sprechen. Eine wirklich r├╝hrende Geste. Ich lasse sie sich l├Ącherlich machen, ermutige sie nicht, noch entmutige ich ihre Versuche. Ich meine damit, wenn Touris sich schon die M├╝he machen, verschollene Schulkenntnisse zusammenzukratzen oder extra einen Sprachf├╝hrer bem├╝hen, ist es ihr gutes Recht auszuprobieren, ob der Unterricht auch zu was n├╝tze war. Bei mir wird Gastfreundschaft gro├č geschrieben. Die Bildung, die ich genossen habe, ist nicht mal den Piekser f├╝r die Pommes wert. Ich habe sie mir angeeignet, nachdem ich mir einen Job suchte, mich im Leben umschaute und danach trachtete, einfach gl├╝cklich zu sein. Das ist keine Frage der Intelligenz oder der Vernunft. Ich habe mein Studium hingeschmissen, weil es mir nichts mehr brachte. Es sprach mich einfach nicht mehr an; die Uni war wie die Statuen dr├╝ben im Dom: mit starrem Blick, Staub auf den Schultern, v├Âllig gleichg├╝ltig gegen├╝ber dem Echo meines diskreten H├╝stelns. Die B├╝cher waren leer wie die Flasche Ketschup am Abend. Es war nicht meine Intelligenz die damals stiften ging; es war die Langeweile die hochkroch, sich ausbreitete und von allem Raum ergriff. So wie erhitztes Gas im Glaskolben eines Chemielabors. Dabei hatte ich doch mein ganzes Herz, meine ganze Kraft hineingelegt.

Nun, ich werde niemals Physiker, Anthropologe, Arzt oder Sinologe sein. Wenn ich verreisen will, lese ich GEO. Doch bin ich in guter Gesellschaft. Viele Schriftsteller landen irgendwann in den F├Ąngen des Kommerz.

- Haben Sie Backfisch? Man soll Fisch essen. Fisch ist gesund.
- Hilft das wirklich? Ich meine, was bringt...?“
- Oder Phosphor.
- Den hab ich in den Zeigern meines Weckers.
- Es ist sp├Ąt, ich muss gehen.
- Darf ich Ihnen ein Gedicht vorlesen?
- Das n├Ąchste Mal. Ich hab es eilig.

Am Tag nach Vaters Beerdigung habe ich die Uni verlassen. Es war ein Donnerstag. Als ich in der Kirche hinter dem Sarg herging, hatte ich eine Pfirsichhaut. Am Ende der Trauerfeier wuchs mir ein Bart. Ich konnte nicht mehr zur├╝ckkehren. Nichts in den Lehrb├╝chern konnte mich noch erreichen. Ich hatte Lust, mich zu bewegen, Dinge zu ber├╝hren, mit Leuten zu sprechen. Ein Kuli, sanfte Worte. Es ist verr├╝ckt.
Bewusstsein beginnt mit dem Wissen. Also erfahre dich selbst. Sokrates.


- Dann werde ich es den Tauben vorlesen.
- Was machen die denn da?
- Die kommen um Toastbrot aufzupicken. In der Luft sind sie sch├Ân wie Papierflieger, aber auf dem Boden hinterlassen sie einen Haufen Dreck. Doch die Touristen m├Âgen sie.
- Ich komme Mittwoch wieder. Gute Gesch├Ąfte!

Tauben sind nicht meine Lieblingsv├Âgel. Das sind die Nebelkr├Ąhen auf den Rheinwiesen. Ich werde zur├╝ckkehren wenn ich Zeit habe, mich wiederfinden in meinen Papieren, Notizen, Aufzeichnungen, Gedanken, Worten, Gedichten. Gedichte wie ein Sandhaufen: sie trocknen und ├╝berlassen sich der Sonne und dem Wind. Auf dem Ring um die Stadt schl├Ągt der Asphalt Wellen, in der Hitze flimmern B├Ąume wie Libellen, schn├╝ren die T├╝rme des Doms ihr B├╝ndel, rollerbladende Kinder l├Ąrmen auf der Domplatte gebr├Ąunt wie gebratene Zwiebel. Alle Augenblicke wische ich mir die H├Ąnde an meiner Sch├╝rze ab. Ohne ein k├╝hles K├Âlsch wird das nie was mit meiner Schreiberei. An solch einem Mittag steigt mir das Blut zu Kopf wie der Senf in die Nase. Zu viel geliebt, zu viel verziehen. Das ist keine Art zu leben und noch viel weniger der richtige Ansatz, ein Buch zu beginnen.

Die Idee, ein Buch zu schreiben, kam nicht einfach von au├čen ├╝ber mich. Ich bin niemand, den der Heilige Geist eines sch├Ânen Morgens besucht um ihm mitzuteilen: deine Frau ist schwanger. Nicht vom Nachbarn, und Schorsch musst du auch nicht an die Eier gehen. Sei so gut, Josef, es war der Same Gottes der seinen Weg gesucht hat. So einer bin ich nicht. Meine Gangart sind Fu├čtritte in den Hintern wie beim Bund, wie bei den Musikgruppen im Rosenmontagszug. Klar bin auch ich Opfer unseres Bildungssystems. Lange vor Pisa. In einem von Jesuiten gef├╝hrten Internat. Dieses Pflichtschulprogramm spielt wohl eine Rolle in meiner Geschichte. Meine Lehre: keine Lehre. Kein Unterricht – kein Kummer! Wer unterrichtet wird, will verstehen, tr├Ąumt, macht Pl├Ąne, liest, ist ungl├╝cklich, unruhig. Bildung als Sakrament. Die Idee der Pflichtschule war ein Einfall der damaligen High Society. Die hatte es satt, sich alleine Fragen stellen zu m├╝ssen ohne Antworten aus dem ├ärmel sch├╝tteln zu k├Ânnen. Die anderen, und zu denen h├Ątte ich vor hundertf├╝nfzig Jahren auch geh├Ârt, konnten sich unschuldig und herrlich des Lebens erfreuen. Daher sagten sich die Reichen: verpflichten wir die Armen, rechnen, schreiben und lesen zu lernen, Latein zu sprechen, Sinus und Kosinus zu verstehen. Was ist eine Halbinsel, wozu dient der Magnetismus? Die Welt breitet sich aus, und unser Sonnensystem ist eines der kleinsten im Kosmos. Wo befindet sich die H├Âlle, war ├ľtzi einsam? Was habt ihr mit den Indianern gemacht, wann begann die Industrielle Revolution?

Nehmt eure Taschenrechner raus: Wenn zwei SMS sendende Menschen a den Punkt klein b an Bord eines, sagen wir mal eines grauen Gef├Ąhrts das wir x nennen und mit einer Geschwindigkeit y verlassen, war die Wiege der westlichen Zivilisation dann Zeuge Babylonischer Ges├Ąnge? Da Atome sich in Protonen und Neutronen unterteilen und diese anderseits... Was passiert, wenn zwei Kaninchen mit blauen Augen und acht Kaninchen mit regressivem Langhaar Kriterium... Die gebildeten Schichten wussten, was sie taten. Teilen wir die schweren B├╝rden. Das ist kein Grund, auch die Euros zu teilen.

Die Idee zu einem Buch reifte also ganz alleine in mir, ohne ├ťbergabe durch Erzengel, UPS oder Fahrradkurier. Es war seit langem reif und ich ├╝bervoll. Trotz des dringenden Bed├╝rfnisses mich zu leeren, h├Ątte ich es nie gewagt, wenn Rita mich nicht getreten h├Ątte.
- Frank, wenn die Leute dein Buch lesen, ist das eine super Werbung f├╝r den Imbiss.
Eine Werbung, die im Frittengesch├Ąft ihresgleichen sucht.

Warum wollen Frauen so gern Lotte von Stein eines Goethe oder Simone de Beauvoir eines Sartre sein? Ich will damit sagen: meine Frittenbude ist mein Refugium. Dort bin ich, und dort bleibe ich. Sie haben mich mit Wissen gef├╝ttert? Nun gut, aber sie sollen mich in Ruhe lassen. Ich mag das einfache Leben und den Duft von Pommes Frites. Warum ein Buch? Um es als Drehbuch nach Hollywood zu verkaufen? Ihre lausigen Filme h├Ąngen mir jetzt schon zum Hals raus. Vorgestern, als ich kurz nach Mitternacht den Imbiss abschlie├čen wollte, stand ich pl├Âtzlich drei Eminemverschnitten gegen├╝ber, die es auf die Abendkasse abgesehen hatten. Pickelfressen mit nerv├Âsen Augen und Stinkefinger.

- Eh Jungens, nu h├Ârdemal jut zu! Eendweder jeb isch eusch die 112 Euro von heut Abend, odder isch stell eusch meinem Bruder vor. Der schreibt Drehb├╝hscher f├╝r et Fernsehen un sucht Daarsteller f├╝rene Horrorstreifen.

Sie wollten meinen Bruder sehen.

Das ist der schlechte Einfluss der Medien. Die Leute denken nicht weiter als bis zu ihrer Nasenspitze.

Apropos Nase. Die beste Erfindung aller Zeiten ist Raumspray. Du schlie├čt die Augen, spr├╝hst, und schon riecht der ganze Raum nach Pinienwald. Zu Hause habe ich in jedem Zimmer einen Duftspender mit unterschiedlichen Aromen. Rose, Fr├╝hlingswiese, Meeresbrise... Ich l├Âse mich; es ist das Paradies der Nase, eine Duftreise. Wenn ich Pommes frittiere, hat das den gleichen Effekt: der hochsteigende Duft des Rauchs tr├Ągt mich. In meinen Gedichten spreche ich haupts├Ąchlich von D├╝ften. Ritas Duft am Morgen, wenn die Sonne durch die Lamellen der Jalousie blinzelt. Der Duft der Felder, wenn Onkel Anton mich mit auf Kr├Ąhenjagd nimmt. Die Kr├Ąhe wei├č, dass es ein Spiel ist, dass ich nicht wirklich auf sie ziele und erhebt sich nur tr├Ąge ein kleines St├╝ckchen, wenn ich in die Luft ballere. Trotzdem h├Ąlt sie misstrauisch Abstand. Sie hat vollkommen Recht. Wem kann man schon vollst├Ąndig vertrauen? Wer von meinen Kunden wei├č, wenn ich ihnen eine Cola r├╝berreiche, dass ich nach der Schule Geografie studieren wollte? Die Uni versuchte, meine Welt mit einem Rasternetz zu ├╝berziehen und sie in K├Ąstchen zu stecken.

Da lob ich mir mein Schloss: Franks Frittenpalast – ein Gedicht! Dort bin ich Papst und Minister. Sobald ich keinen Bock zum Arbeiten habe, mache ich den Laden einfach dicht und dichte. Wenn ich W├╝rstchen grille, stelle ich mir vor, es sind Pfaffen aus dem Dom oder Politiker aus der fernen Hauptstadt die da brutzeln. Ich mache meine Revolutionen auf dem Pfannenrost. Das ist ├Ąu├čerst effizient. Ich gewinne immer. Ich kontrolliere die Volksentscheide, warte bis sie alle sterben, und dann reinige ich den Grill. Es gibt Tage, da sage ich mir: „Frank, du bist herzlos.“
Das kann schon sein, aber um ein Herz zu haben, h├Ątte mir jemand eines geben m├╝ssen. Statt dessen hat man sich damit begn├╝gt, mir eines zu leihen. Bereit, es jederzeit zur├╝ckzufordern. Beispielsweise an einem Tag wie heute, wo der Regen in breiten Rinnsalen die Scheiben am Imbiss herunterstr├Âmt zu Fl├╝ssen, breiter als der Rhein, die Donau und der Mississippi zusammen.

Rita dr├Ąngte mich, den Imbiss „BEI RITA“ zu nennen. Als Zeichen meiner Liebe wie sie st├Ąndig wiederholt. Und sicher auch um ihr zu schmeicheln. Doch was passiert, wenn sie mich eines Tages stehen l├Ąsst wie einen alten Schirm? Nein, nein, Liebe hin oder her – man muss nicht gleich ├╝bertreiben. Eintausenddreihundertf├╝nfundsiebzig gute alte deutsche Mark hat mich die Leuchtreklame

FRANKS FRITTEN – EIN GEDICHT!

kurz vor der Euroeinf├╝hrung gekostet. Ich gehe mit Rita ins Bett und mach keine Werbung mit ihr! Die Pommessch├Ąlchen, Servietten und Visitenkarten habe ich mit dem Logo „F.F. – ein Gedicht“ bedrucken lassen. Meine Mailadresse effeff@eingedicht.com ist das Tor zur weiten Welt. F├╝r den Fall, dass mein Buch ein Erfolg wird, hat mir Ralf (mein Drehbuch schreibender Bruder) die Domain Hier klicken gesichert.

Heute brennt die Sonne noch schrecklicher als gestern. Wie konnte ich es nur so lange aushalten ohne zu schreiben? Nat├╝rlich bastelte ich an meinen Gedichten, aber zwanglos. Ich wartete einfach auf die n├Ąchste Eingebung. Ein richtiges Buch zu schreiben hat ein ganz anderes Kaliber. Die Schreibkladden Seite f├╝r Seite zu schw├Ąrzen bevor ich die Notizen abends in den PC hacke. Die Hefte begleiten mich ├╝berall hin. Liegen offen hinter dem Grill oder zusammengefaltet in meiner Jackentasche, harren auf dem Fernseher, in der Toilette oder auf dem Speicher auf mich.
- Frank, ziehst du mich aus?
- Ich schreibe.
- Frank, ich frag nicht zweimal.
- Schon passiert.
- Gehst du heute nicht zum Imbiss?
- Sp├Ąter, Rita. Sp├Ąter.
- Und was bringt es, hier zu bleiben?
- Verstehen. Ich fange an zu verstehen. Ist dir eigentlich klar, dass wir bald alle wieder Opfer eines Krieges werden, den wir nicht wollen?
- Warum sagst du so was? Liebst du mich nicht mehr?
- Warte ab. Ich habe ihre dreckigen Pl├Ąne durchschaut. Eine Art Intuition. Intuitionen sind gef├Ąhrlich. Schlimmer als Biowaffen. Sie durchdringen das Innerste der Seele.
- Wenn du nicht sofort aufh├Ârst mit der Kacke gehe ich. Auf der Stelle.
- Genau, das ist Teil ihres Plans.
- Das reicht. Ralf wird dir den Kopf zurecht r├╝cken. Ich ruf ihn sofort an. Wo ist das Handy?
- Das ist nicht n├Âtig. Ich halte ja schon die Klappe. Komm her, ich zieh dich aus.

Rita ist eine gradlinige Frau mit gesundem Menschenverstand. Sie m├╝sste das doch verstehen. Sie will nicht. Verdammt, mit wem kann ich sprechen? Ich bin ├╝berzeugt, Rita glaubt, dass ich verr├╝ckt werde. Sie hat mich sogar zu ihrem Arzt geschleppt. Der konnte nichts au├čer einer nerv├Âsen Reizung feststellen. Leichte Zuckungen. Zuckungen? L├Ącherlich! Das passt ├╝berhaupt nicht zu mir. Ich bin eher ein verschlossener Typ, eingeschlossen in der Hitze meines Imbiss. Das ist wahrlich kein gesundheitsf├Ârdernder Job!

- Frank, ich will doch nicht, dass dich das Schreiben krank macht. H├Âr auf, wenn es dich zu sehr ersch├Âpft. Aber du w├╝rdest mir eine riesengro├če Freude machen, wenn du das Buch trotzdem fertig schreibst.
- Keine Sorge, das wird schon. Ich habe immer weniger Kopfschmerzen wenn ich nach Worten suche. Au├čerdem bin ich mittlerweile fieberfrei, das Schreibfieber mal ausgenommen.
- Hast du heute viel geschrieben?
- Das erste Heft ist fast voll. Ralf meint, zwei reichen f├╝r den Anfang.
- Darf ich lesen, was du geschrieben hast? Ich will nur mal schnuppern.
- Und was bringt dir das?
- Das ├Ąndert vielleicht meine Meinung ├╝ber dich.
- Ich bin immer noch der gleiche Frank.

Aha, sie will das Gef├╝hl ausprobieren mit einem Schriftsteller zu schlafen.

- Wenn du mich nicht lesen l├Ąsst, gehe ich eben mit Ralf ins Kino.
- Amen.
- Den ganzen Abend h├Ąngst du vor dem PC oder kaust an deinem Kuli.
- Soll ich das Buch nun schreiben oder nicht?
- Wie du willst, dann gehe ich eben ins Kino.
- Das hatten wir schon. Tu, was du nicht lassen kannst.

Rita sollte selber ein Buch schreiben. Die Abende gleichen einander wie Klone. Mir macht das nichts aus; es gibt mir die Gelegenheit, nachzudenken. Am Freitag lud uns Ralf zu seinem Lieblingsitaliener und anschlie├čend ins Kino ein.
- Immer nur Arbeit und kein Vergn├╝gen! Das ist ungesund Frank. Ich hole euch um sieben Uhr ab.
Ich wei├č nicht, was Ralf geritten hat. Normalerweise ist ihm meine Freizeitgestaltung v├Âllig schnuppe. Rita sprang nat├╝rlich gleich auf die Idee an. Der Abend wurde zu meinem pers├Ânlichen Supergau. Wir hatten uns in Schale geschmissen: dunkler Anzug und Rita in einem so umwerfenden Kleid, dass ich ihr beinahe einen Heiratsantrag gemacht h├Ątte. Ralf holte uns in Jeans und Poloshirt ab und ma├č mein Outfit mit einem sp├Âttischen Grinsen. Dann steuerte er zielsicher zum K├╝hlschrank und kehrte mit einer Flasche Prosecco aus der K├╝che zur├╝ck. Nach dem zweiten Glas beschloss er, noch schnell zu duschen. Mein Drehbuch schreibender Bruder ist eben Exzentriker. Er nennt es spontan. So spontan, dass er sich spontan gleich die Klamotten vor Ritas Augen vom Leib riss und pfeifend im Bad verschwand. Als wir kurz nach neun endlich im Auto sa├čen, h├Ątte ich einen halben Ochsen verputzen k├Ânnen. Statt dessen hatte Salvatore als Special Event Ma├«tre Jean-Luc eingeladen. Der setzte auf Klassik und servierte ein Fleischfondue. Bingo! Da werde ich zum Essen eingeladen und muss auch noch selber kochen! Nach einer vollen Schicht in der Frittenbude. Ralf entschuldigte sich mit zwei Flaschen Wein noch vor dem Essen. Dann versuchte er, Rita am Busen zu grabschen, und unter dem Tisch hatten ihre Knie und F├╝├če bereits auf Schmuseblues umgeschaltet. Ich war zu angeschickert um ihm eine reinzuhauen. Wenn ich etwas getrunken habe, ziehe ich mich auf meinen Beobachterposten zur├╝ck. Mit steigendem Alkoholspiegel wird mir die Umgebung zunehmend gleichg├╝ltiger. Wie durch eine Watteschicht filtere ich mit unbeweglicher Miene das Geschehen. Von Zeit zu Zeit flattert lediglich kurz mein linkes Augenlid. Ein nerv├Âser Tick. Im Kino ging die Knutscherei weiter. Das gab mir den Rest. Und machte mich auf einen Schlag stockn├╝chtern. Als wir in Ralfs Wohnung ankamen, blitzte in Ritas Augen die Lust auf meinen Bruder.
- Du siehst m├╝de aus, Frank. Willst du dich nicht ein wenig hinlegen?
- Ja, du hast Ringe unter den Augen. Hat dir der Arzt...
- Halte einfach die Klappe wenn du nicht willst, dass ich dir die Weinflasche ├╝ber den Sch├Ądel ziehe.
- Frank!
- Du bist still Rita! Geh schon mal ins Schlafzimmer und lass dich ├╝berraschen wer von uns beiden dir ins Bett folgt!
- Er hat getrunken.
- Ich habe nicht mehr getrunken als ihr.
- Warum hast du nur immer so eine Schei├člaune? Wenn du in deinem Buch auch...
- Lass das Buch aus dem Spiel! Damit habt ihr nichts mehr zu tun. Das ist ausschlie├člich meine Sache. Ihr dr├Ąngt mich laufend, schneller zu schreiben. K├Ânnt es gar nicht abwarten. Du willst Korrektur lesen um dich zu zerstreuen. So l├Ąuft das nicht, Ralf! Ganz und gar nicht! Ich verschimmele nicht, wenn ich stundenlang ├╝ber meinen Heften sitze. Im Gegensatz zu euch denke ich nach. Ich habe es satt, den Kasper zu spielen um euch zu am├╝sieren. Ihr glaubt, ich langweile mich in der Bananenrepublik meiner Frittenbude? Frank langweilt sich, besch├Ąftigen wir ihn mit Schreiben? Ich schau mich um Ralf, und wei├čt du, was ich sehe, Bruderherz? Nichts als Sauereien und egoistische Drecks├Ącke. Nur Egoistereien.
- Egoismen. Die neue Rechtschreibung empfiehlt sogar nur den Singulargebrauch.
- Du musst es ja wissen.
- Und du dramatisierst alles.
- Wenn ich dramatisieren w├╝rde, w├Ąrst du das erste Opfer eines Familiendramas, Ralf. Ich gehe. Du wirst mir sicher schreiben. Das liegt dir ja im Blut. Leb wohl, Rita.
- Frank! Was hast du vor?
- Ich fahre nach Hause. Dort hast du dem Haus deinen blauen Stempel aufgedr├╝ckt, Rita. Ein wenig von dir liegt auf den W├Ąnden. Ich werde alles ganz langsam runterrei├čen. Bahn f├╝r Bahn, Wand f├╝r Wand werde ich dich ausziehen bis nichts mehr ├╝brig bleibt. Kein einziger Zwiebelmusterteller bleibt heil. Blau ist sch├Ân, sagst du immer. Es ist wie Himmel im Haus und Leben auf meiner Haut. Deine l├Ącherlichen Spitzenvorh├Ąnge werde ich noch heute Abend verbrennen. Ich schmei├če die Teppiche raus, gehe in den Puff, setze dein Foto ins Internet mit einer 0190er Nummer, ich...
- Frank! Das reicht! Rita...
- In sp├Ątestens drei Wochen l├Ąsst du sie sitzen. Du bist ein schneller Hirsch, Ralf. Ein nerv├Âser Intellektueller, ein H├Ąppchennascher am Buffet. Mach ihr Spiegeleier zum Fr├╝hst├╝ck. Aber ohne Speck. Danach giert Rita zwar nach der Liebe, aber sie bekommt Pickel davon. Und Tsch├╝ss.

Schluss mit den Illusionen, Frank! Sie kam zu mir, beteuerte ihre Liebe. Klar hatten wir wenig Geld. Es gab nicht jeden Tag frische Blumen. Ich bin auch kein au├čergew├Âhnlicher Liebhaber, kein Champ wie Ralf. Ich besitze nicht das Temperament eines Stiers, keine zarten fantasievollen Fingerspitzen um sie zu streicheln. Meine H├Ąnde riechen nach Frittenfett. Das konnte nicht gut gehen. Schluss, Frank! Werde erwachsen. Geh nach Hause und schlafe dich aus. Wir sprechen morgen weiter. Morgen.

N├Ąchste Woche lasse ich eine Mauer rund um Haus und Garten ziehen. Dennis hat versprochen, sich fortan um den Imbiss zu k├╝mmern. Bisher jobbt er an den Wochenenden und in den Semesterferien bei mir. Er teilt sich die Schichten jetzt mit zwei Kommilitonen der Anglistik. Kein Nachteil bei den ganzen Touristen. Im Grunde w├Ąre es ehrlicher, die Steinmauer durch eine Papiermauer zu ersetzen. Eine Mauer aus Worten und Buchseiten. Die Menschen jenseits der Mauer k├Ânnten lesen oder die Seiten zerrei├čen. Dann st├╝nden wir einander endlich Auge in Auge gegen├╝ber. Schreiben ist meine Art des Schweigens. Ich begrabe Rita unter Worten. Sie atmet nicht l├Ąnger; in den Nasenfl├╝geln stecken Adjektive und Verben in den Ohren. So bestrafe ich sie. Ich erhalte sie nur lebendig mit den Gedichten die ich ihr unter die Haut schreibe.
- Frank F├Ârster, ab in den Garten! Halte dich in Form, jogge eine Runde innerhalb deiner Mauern.
- Lust auf ein St├╝ck Melone?
- Wir k├Ânnen welche pflanzen. In der K├╝che liegen getrocknete Kerne in einer gesprungenen Tasse auf der Sp├╝le.
- Dauert es lange, bis du sie ernten kannst?
- Es dauert lange.
- Wiederhole nicht st├Ąndig, was ich dir sage.
- Ich tue, was ich kann. Fragen. Antworten. Du l├Ąsst mich sogar sprechen, wenn ich absolut keine Lust dazu habe.
- Du probst den Aufstand? Darf ich dich daran erinnern, dass du nur einer meiner Protagonisten bist? Du wirst genau das sagen, was ich dich sagen lasse. Sei so gut. Darauf muss ich bestehen. Ich bin nicht wie die Anderen.
- Welche Anderen?
- Die auf der anderen Seite der Mauer. Die glauben, frei zu sein weil sie laut hinausposaunen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Sie wissen nicht, dass sie krank sind. Sentimentaler D├╝nnpfiff, und niemand weit und breit, der sie heilen k├Ânnte. Also h├╝pfen sie von Bett zu Bett um ihr Heil zu suchen.
- Wie ist es auf der anderen Seite?
- Im Prinzip wie hier. Nur weniger harmonisch.
- Du bist blass. Sollen wir reingehen und den Fernseher einschalten?


Allm├Ąhlich f├╝hle ich mich wie in einem Atomschutzkeller. Ich habe nichts zu tun. Das Schreiben ist zwar faszinierend, aber es f├╝llt meine Tage nicht aus. Inzwischen komme ich mir reichlich albern vor. Ich sammle Ahornbl├Ątter die der Wind ├╝ber die Mauer weht und beklebe damit die Schlafzimmerdecke. So schlage ich den Jahreszeiten ein Schnippchen. Im Keller fand ich einen Rest blauer Farbe von Rita. Damit male ich Kornblumen auf die W├Ąnde. Mit den roten Bl├Ąttern an der Decke und den Blumen an der Wand wird der Winter keinen Einzug halten.

Die Fernbedienung in der Hand zappe ich mich von Werbespot zu Werbespot. Ich fertige Listen von Produkten an, die mir knackige M├Ądchen anpreisen. Die Sendungen selbst sind mir schnuppe. Jauch, Christiansen, Gottschalk, Schmidt, Wickert k├Ânnen mir gestohlen bleiben. Alles falsch. Aber in der Werbung lerne ich die Menschen auf der anderen Seite der Mauer besser kennen. Das sind saubere, mit allen Wassern gewaschene Menschen auf der Suche nach dem kleinsten Fleck auf der wei├čen Weste. Sie sind von einer herrlichen Reinheit beseelt, untadeligem Wei├č, einer unerbittlichen und kontinuierlichen L├Ąuterung. Sie sind Nachfahren von Johannes dem T├Ąufer: nach t├Ąglich Waschung tauchen sie einander im Jordan unter.

- Vaporisieren. Mit Aqua-Vapo Hans Dampf in allen Gassen. Damit sinkt sie in deine Arme. Wie die Titanic. Oh, Di Caprio...
Ihre Welt ist vollkommen desinfiziert, wunderbar sauber und rein. Wenn ich daran denke, zwischen wieviel Fettflecken ich gelebt habe wenn ich im Imbiss das Frittenfett an meiner Sch├╝rze abwischte! Dabei gibt es derma├čen viele fettl├Âsende Reinigungsmittel, dass ich kopf├╝ber hineinspringen k├Ânnte!

- One & All - reinigen und waschen mit Exzess
Exzess f├╝r K├╝che und Boden
Exzess hat neun Leben
Wie meine Katzen
Aber Achtung vor dem Hund
Der liebt Margeritenduft
Wie im Weichsp├╝ler
Ein wasserfester wei├čer Kormoran
In Netzstrumpfhosen aus Seidenlycra
Kleine F├╝├čchen an langen Beinen
Bequem
Zu jeder Gelegenheit
Meine Fasern widerstehen jeder W├Ąsche
Sie sch├╝tten Tiger in den Tank
Und wei├če Riesen
Welch ein Unterschied!
Es lebe die Armee
Aktiver Kristalle
F├╝r den flachen Bauch
Der aktiven Menschen
Gl├╝cklich
Entspannt
Die gro├čen Insider
Verwegene Macher
Die Aktivpillen schlucken
Ihr Innerstes absolut In
Blank und sauber
Wie die Karosserie
Ihrer Firmenwagen
Schuppenfrei auf den Schultern
Mein alter Prof kannte kein
Head’n Shoulders
Sogar die alten W├Âlfe
Packen zu
Mit ihren falschen Z├Ąhnen
Weil sie Dentagard verga├čen
Mit Fluor
Verankert
Am Firmament
Evas Apfel Adamsapfel
Eine S├╝nde unschuldig
Wie ein Riegel Schokolade
Mit fl├╝ssigem Karamell
Auf wei├čen Z├Ąhnen
Sauberer Kleidung
Geruchloser Haut
Reinen K├Ârpern
In einem Leben
Unbefleckter Empf├Ąngnis

Ich sehe nicht ein, warum ich noch l├Ąnger hinter den vier W├Ąnden meines Gartens bleiben soll. Diese Leute brauchen mich dringend damit ich ihre Antisepsis verunreinige!

Endlich wieder konstruktiv! Ich baue mir die ideale Leserin! Ein M├Ądchen wie in der Werbung, mit braunen Augen und gro├čen Br├╝sten. Sie wird meine Vertraute sein, meine Psychotherapeutin, meine Schweigende, meine Trunkene. Ich mache sie mit dem Schmutz vertraut. Mit dem ganzen Dreck. Sie wird meine Worte trinken wie Cola mit Eis, l├Ąchelt gro├čz├╝gig wie ein Kind. Sie haben mich vom Schreiben abgehalten wie einen ├╝ber Bord gegangenen Segler bei einer Regatta? Ich werde sie mit meinen Tintenflecken ├╝bers├Ąen!

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