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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ein Brief
Eingestellt am 06. 07. 2007 14:23


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LöwenmÀdchen
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Registriert: Jun 2007

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Schon beim Aufwachen spĂŒrt sie, dass heute wieder einer von diesen schrecklichen Tage ist. Wie jeden Morgen fĂ€llt ihr Blick zuerst auf sein Bild und zornig runzelt sie die Stirn. Grimmig denkt sie daran, wie lange sie schon wartet. Wieder einmal! Es Ă€rgert sie sehr, dass dieses Warten auf seinen Brief so großen Einfluss auf ihre Stimmung hat.
Wenn sie vergebens den Briefkasten öffnet, scheint ihr die Welt grau. Findet sie aber einen Umschlag mit der vertrauten Schrift, leuchtet alles in bunten Farben.
Sie liebt seine schönen Worte. Er schreibt in farbigen Bildern, ist ein Poet, ein Wortakrobat und sie spĂŒrt in seinen Zeilen die Liebe, die er fĂŒr sie empfindet. Seine phantasievollen, zĂ€rtlichen Kosenamen sind wie das warme Streicheln seiner Hand. Er berĂŒhrt ihre Seele mit seinen Worten.

Beim Aufwachen sollte ihr Blick nicht auf ein Photo von ihm, sondern auf ihn selber fallen.
Er sollte neben ihr liegen. Sie denkt an sein schlafendes Gesicht, in dem jeder Zug ihr so vertraut ist, und muss gegen ihren Willen lĂ€cheln. Sofort verzieht sie den Mund. Sie will nicht lĂ€cheln. Sie will von ihm hören. Eine kurze Nachricht nur. Nein, ehrlich gesagt will sie nicht nur ein paar Zeilen. Sie wĂŒnscht sich einen seitenlange Brief. Viele Seiten gefĂŒllt mit seiner krakeligen, unleserlichen Schrift. Manchmal muss sogar sie an einzelnen Worten herumrĂ€tseln! Sie wĂŒnscht sich einen Brief, in dem er von seinem Leben erzĂ€hlt, von seiner Arbeit, davon, was er in seiner Freizeit tut, von seinen GefĂŒhlen, TrĂ€umen, Gedanken, SehnsĂŒchten. Er soll ihr erzĂ€hlen, was er fĂŒr sie fĂŒhlt, wie sehr er sie vermisst.

Wenn sie einen Brief von ihm bekommt, trĂ€gt sie ihn so vorsichtig als wĂ€re er zerbrechlich ins Haus. Sie zieht sich in ihr Zimmer zurĂŒck, dreht den Umschlag minutenlang in ihren HĂ€nden und vergeht vor Erwartung. Jeder Brief ist ein kostbares Geschenk fĂŒr sie. Aber dann kann sie es nicht mehr erwarten, endlich zu lesen und reißt den Umschlag ungeduldig, fast gierig auf. Atemlos verschlingt sie seine Worte, die liebevolle Anrede, verschlingt jede Zeile und wenn sie am Ende angekommen ist, beginnt sie von neuem, solange, bis sie seine Worte fast auswendig gelernt hat. Sie kennt ihn so gut, dass sie schon an der Schrift sehen kann, wie es ihm geht. GlĂŒck und Trauer, Freude und Frustration, Sehnsucht, Liebe und Schmerz erkennt sie auf den ersten Blick. Deshalb bekommt sie lieber einen Brief von ihm als eine E-mail. Aber letztlich hungert sie nach jedem Wort.

Seufzend schĂŒttelt sie die Gedanken ab und wirft seinem Bild noch einen traurig-bösen Blick zu. Sie steht auf und bringt mĂŒde und wortkarg die morgendliche Routine hinter sich. Duschen, ZĂ€hne putzen, eincremen, ihre Haut soll weich und zart sein, wenn er sie wieder berĂŒhrt, Haare fönen, schminken, BĂŒrokleidung, Halskette und Ohrringe nicht vergessen. Hatte sie gestern diese feinen FĂ€ltchen unter den Augen auch schon? Resigniert tuscht sie sich noch einmal die Wimpern. Ein paar Tupfer Parfum. Zwischendurch trinkt sie den Kaffee, den ihre jĂŒngere Tochter jeden Morgen liebevoll macht, wenn sie hört, dass die Mutter sich regt. Diese kleine Geste erhellt ihr den Tag und sie weiß schon jetzt, dass sie spĂ€ter, wenn die Tochter ihr eigenes Leben lebt, jeden Morgen bei der ersten Tasse Kaffee an sie denken und sie vermissen wird.
Die andere Tochter schlĂ€ft noch. Das Abitur ist bestanden, das Studium hat noch nicht begonnen und sie genießt das Leben mit mancher durchfeierten Nacht.

Sie denkt stÀndig an ihn. Egal was sie tut, wie sehr sie sich auf etwas konzentriert, er ist immer ein Teil ihrer Gedanken. Seit so vielen Jahren ist er schon ein Bestandteil ihres Lebens. Seit sie ihn zum erstem Mal sah, liebt sie ihn und sehnt sich nach ihm. Was ist nur so schiefgegangen?
Wenn der Stress zu groß wird, schließt sie fĂŒr einen Moment die Augen und gönnt sich eine der schönen Erinnerungen mit ihm, die sie sammelt wie Perlen auf einer Schnur. Sie spĂŒrt die WĂ€rme und das GlĂŒck, das er in ihr Leben bringt und es geht ihr besser.

Sie verlĂ€sst mit der Tochter das Haus und öffnet den Briefkasten. „Dumme Gans,“ schilt sie sich in Gedanken, „seit wann kommt der BrieftrĂ€ger in der Nacht?“ NatĂŒrlich ist der Kasten leer. Und doch durchfĂ€hrt sie die EnttĂ€uschung mit einem kalten Stich.

Sie bringt die Tochter zum Bahnhof und gibt ihr einen Abschiedskuss. Dann fĂ€hrt sie ins BĂŒro und schaltet widerwillig ihren Computer ein. Wie ĂŒberall mĂŒssen zu wenig Mitarbeiter zu vie Arbeit bewĂ€ltigen. Der neue Chef ist fachlich eine Niete und macht das Leben noch schwerer. Seit kurzem kann sie ihre privaten E-mails nicht mehr abrufen und muss warten, bis sie wieder zu Hause ist. Dabei hat er zur Zeit gar keinen Internetzugang. Auf eine Mail wartet sie also auch vergebens.
Sie fragt sich immer noch oft, warum er gerade sie so sehr liebt. Warum sie? Es gibt doch so viele, die jĂŒnger, schöner, interessanter sind.
„Du mĂŒsstest mal Dich mit meinen Augen sehen!“, hat er gesagt.
Das versucht sie seitdem oft, aber sie sieht immer nur ihr eigenes vertrautes Spiegelbild.
Nicht mehr jung, nicht mehr schlank. Die Augen sind irgendwie grĂŒn – undefinierbar. Die kurzen Haare wĂ€re weiß, wĂŒrde sie sie nicht dunkelrot fĂ€rben. In ihrer Familie bekommen die Menschen schon frĂŒh weiße Haare.

Noch nie hat sie einem Menschen so bedingungslos vertraut, ihn so sehr geliebt. Manchmal erschrickt sie vor der Tiefe ihrer GefĂŒhle und ihres Vertrauens. Sie ist kein junges, naives MĂ€dchen mehr und kennt die Menschen. Aber wenn er sie verletzt, wird sie nie wieder vertrauen und lieben können. Niemals zuvor hat sie einen Menschen so nah an sich herangelassen und es gibt niemanden, der sie so gut kennt . Er weiß um ihre geheimsten Gedanken und SehnsĂŒchte. Er kennt ihre Fehler und Macken. Und er liebt sie trotzdem – oder gerade deswegen? Ob er sich der Macht, die er ĂŒber sie hat, bewusst ist? Wird er sein Versprechen halten, wenn seine Kinder alt genug sind? Wird er dann den Mut haben, sich offen und ganz fĂŒr sie zu entscheiden? Oder wird sie wie eine der vielen enttĂ€uschten Frauen enden, die sich auf eine Beziehung mit einem verheirateten Mann eingelassen haben? Nein, so einer ist er nicht. Er nicht! Ihre Liebe ist einmalig.

Am spĂ€ten Vormittag ruft sie zu Hause an und weckt damit ihre Tochter. „Kannst Du mal nach der Post schauen“, bittet sie, „ich erwarte ein Schreiben von der Versicherung.“ Nein, es ist kein Versicherungsschreiben, auf das sie wartet und die schĂ€mt sich vor sich selbst. Die Tochter ruft zurĂŒck. Ironischerweise ist tatsĂ€chlich ein Brief der Versicherung im Briefkasten, dazu etwas Werbung, eine Postkarte, die ihr Cousin aus dem Urlaub geschrieben hat. Aber kein Brief von ihm. Die EnttĂ€uschung legt sich wie ein klammes, kaltes Tuch auf ihr Herz.

Sie telefoniert mit den Kunden, ist kompetent und charmant. Dann geht sie in ein Meeting und vertritt zielstrebig, energisch und mit einem LĂ€cheln ihre Position. Ihr Fachkenntnis wird anerkannt, ihre VorschlĂ€ge werden diskutiert und angenommen. Sie denkt an ihn. Wie gerne wĂŒrde sie ihn jetzt anrufen und ihm von ihrem Erfolg erzĂ€hlen. Er wĂ€re stolz auf sie.
Sie hat ihr Leben im Griff, gilt als selbstbewusst, engagiert und stark. Doch er sieht sie, wie sie wirklich ist. Bei ihm darf sie schwach sein und gerade das macht sie stark. Er tut ihr gut. Sie wird ruhig in seiner Gegenwart, kann loslassen. Er ist der einzige Mensch, bei dem sie sich nicht als Versagerin fĂŒhlt, wenn sie seine Hilfe annimmt.

Manchmal schreibt er ihr ein paar Zeilen auf französisch. Sie liebt diese Sprache und seine Worte klingen in ihr noch einmal so schön. Sie liebt ihn. Heimlich. Noch nicht einmal ihre Schwester weiß von dieser Beziehung. Warum eigentlich nicht? Um ihn zu schĂŒtzen? Dabei brĂ€uchte sie manchmal so sehr einen Menschen, mit dem sie reden könnte. Die Töchter sehen, ahnen, wollen aber nicht wissen. Wenn ihre Mutter weint, bricht fĂŒr sie die Welt zusammen. Sie muss stark sein. Die MĂ€dchen haben ja nur sie und ihre Trauer und Qual macht ihnen Angst. Also verbirgt sie es, so gut es geht. Dabei möchte sie so gerne ehrlich sein zu ihren Kindern. Sie belĂŒgen zu mĂŒssen, ist ihre grĂ¶ĂŸte Pein.

Sie verlĂ€sst das BĂŒro und auf dem Heimweg geht sie einkaufen. Noch einmal schließt sie den Briefkasten auf, wohl wissend, dass sie nichts anderes als vielleicht Reklame finden wird. Aber vielleicht...? NatĂŒrlich ist da kein Brief und wieder schimpft sie mit sich selbst.

Die Töchter warten schon und wollen von ihrem Tag erzĂ€hlen. Geduldig hört sie sich die kleinen Geschichten und Erlebnisse an. Dann kocht sie das Abendessen. WĂ€hrend die Töchter nach dem Essen die KĂŒche aufrĂ€umen ruft sie ihre Mails ab.
Kein Wort von ihm. Die EnttĂ€uschung treibt ihr die TrĂ€nen in die Augen. Sie wischt sie schnell ab, die MĂ€dchen dĂŒrfen sie nicht weinen sehen.
Gemeinsam schauen sie einen Fernsehfilm an. Dann folgt das abendliche Ritual. Abschminken, ZĂ€hne putzen, Haare bĂŒrsten, eincremen, der Gutenachtkuss fĂŒr die MĂ€dchen.

Sie setzt sich noch einmal an den Computer, aber sie hat keine Nachricht von ihm. Frustriert und mĂŒde geht sie zu Bett.

Sie zieht sich die Bettdecke bis unter das Kinn und schaut sehnsĂŒchtig auf sein Bild.
Dann schlĂ€gt sie die Decke wieder zurĂŒck und holt den Briefblock. Briefe an ihn schreibt sie nur auf feinstem Papier. Etwas anderes erscheint ihr einfach unpassend, seiner nicht wĂŒrdig. Wenn sie ihm schreibt, fĂŒhlt sie sich ihm nĂ€her. Sie teilt ihre Gedanken mit ihm, lĂ€sst ihn teilhaben an ihren Erlebnissen, EnttĂ€uschungen und an den TrĂ€umen, Hoffnungen und SehnsĂŒchten, die immer um ihn kreisen. Sie schreibt, bis sie ĂŒber dem Papier einschlĂ€ft und trĂ€umt davon, seinen Brief zu bekommen. Vielleicht schon morgen.





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wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem rest? (Pascal Mercier)

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