Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87726
Momentan online:
396 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ein Buschflug
Eingestellt am 07. 08. 2005 20:53


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
casagrande
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 19
Kommentare: 26
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Der Buschflug
Nun mag ja der eine oder andere schon Erfahrung mit Buschflugzeugen gemacht haben. Auch ist in verschiedenen Berichten Unglaubliches ĂŒber die Desperados, die solche Flugzeuge steuern, zu lesen. Was davon wahr und was Fantasie ist kann man nicht so ohne weiteres trennen. In der deutschen Kommune in Kinshasa waren die abenteuerlichsten Geschichten in Umlauf, was einige in der Vergangenheit erlebt hatten, oder zumindest von einem gehört hatten, dem es passiert war. Keiner glaubte wirklich diese Stories aber niemand widersprach auf den Parties den so genannten wahren Geschichten. Vielleicht auch deswegen, weil bei diesen gesellschaftlichen Treffen jeder irgendwelche wahren Geschichten zum Besten gab und auch nicht wollte, dass man zu sehr herumstocherte.
Eine Geschichte berichtete von einem Start von einer Buschpiste mit einer einmotorigen Maschine, der Pilot kam nach einer halben Stunde mit dem Fahrrad zurĂŒck. Er war mit seiner Maschine auf einem Fahrweg notgelandet und hatte sich ein Fahrrad im nĂ€chsten Kral ausgeliehen um zurĂŒck zu kommen. Diese Geschichte gab es in verschiedenen Varianten. Die guten Segeleigenschaften der leichten Einmotorigen wurden besonders betont. In diese Kategorie gehörten auch die Geschichten ĂŒber Notlandungen wegen Benzinmangels, auf Lichtungen, Autopisten, SandbĂ€nken und Uferwiesen, mit all den möglichen ZwischenfĂ€llen. Herumliegende Krokodiele, BaumstrĂŒnke, HĂŒtten und ZĂ€une waren schmĂŒckende Begleiterscheinungen.
Das waren meine Kenntnisse der Buschfliegerei als ein Trip von Kinshasa zum etwa 1500 Kilometer entfernten Buschflugfeld von Kabeya Maji, in der NĂ€he des Tanganjikasees anstand. Gute WĂŒnsche mit all den ĂŒberflĂŒssigen Bemerkungen ĂŒber mögliche Überlebensstrategien im Falle eines Absturzes hatten sich bis lange nach Mitternacht hingezogen, Alkohol war reichlich geflossen. Wie mir um vier Uhr morgens schien, fast ausschließlich durch meine Kehle. Ich hoffte, nicht nur wegen dieser labilen Magensituation, auf einen ruhigen Flug. Der Pilot hatte den frĂŒhen Abflug deshalb angesetzt, um den Turbulenzen durch die LufterwĂ€rmung möglichst aus dem Wege zu gehen – oder zu fliegen. Nun, ob gehen oder fliegen, mir war die Hauptsache RUHIG. Ich traf den Piloten, einen Belgier mittleren Alters mit, wie er mir versicherte, umfangreicher Flugerfahrung im Lande, pĂŒnktlich in der leeren Abfertigungsbaracke fĂŒr PrivatflĂŒge. Kein sonstiges Personal war anwesend, es war, wie der Pilot meinte, zu frĂŒh. Die Angestellten wĂŒrden erst so gegen acht Uhr kommen. Er fĂŒllte die FormblĂ€tter aus und legte sie auf den Tresen, die Stempel fĂŒr seine Papiere lagen zur allgemeinen VerfĂŒgung auf dem Tisch. Diese Prozedur war damit denkbar einfach und schnell erledigt, wenn auch nicht ganz vorschriftsmĂ€ĂŸig. Aber Piloten und Angestellte hatten sich auf dieses Arrangement geeinigt und brachten den Angestellten einige Flaschen Schnaps und eine lĂ€ngere Nachtruhe und den Piloten weniger Wartezeiten.
Wir schoben, nachdem wir die Schutzplanen abgespannt hatten, das einmotorige Flugzeug ein StĂŒck ĂŒber die Wiese auf eine festgefahrene Graspiste. Die hochstelzige Maschine war leichter zu bewegen als ich gedacht hatte. Der Pilot prĂŒfte an allen möglichen und, wie mir schien, auch an völlig unmöglichen und sinnlosen Stellen Schrauben und Schalter. Er machte den Motor frei und spritzte Alkohol in den Vergaser – zumindest glaubte ich, es mĂŒsse der Vergaser sein. Nach dieser mehr als nervigen Prozedur, die wohl eine halbe Stunde dauerte, kletterten wir ĂŒber die Bordtreppe ins Cockpit und schnallte uns fest. Ich war mir nicht sicher, ob es sich um ein Schulungsflugzeug handelte, denn die beiden FlugzeugplĂ€tze waren identisch ausgerĂŒstet. SteuerknĂŒppel und Bedienungselemente waren bei beiden Sitzen vorhanden, die Instrumente waren mittig angeordnet, sodass beide Passagiere sie einsehen konnten. Aber das war, wie ich spĂ€ter erfuhr, ĂŒblicher Standard. Das Starten war etwas spannend, es gelang aber beim vierten Versuch. Ich bewunderte den Piloten, mit welch stoischer Ruhe er die Fehlversuche ĂŒberging. Nun, ein Pilot muss immer die Ruhe bewahren
..
Wir rollten ĂŒber die Grasnarbe bis zum Ende der Piste, drehten dort und beschleunigten beeindruckend schnell, hoben auch unbemerkt ab, ich merkte es als der Pilot meinte „wir sind oben“. Nach wenigen Sekunden gab es ein GerĂ€usch als hĂ€tte jemand eine Flasche geöffnet. Ein leichter Knall. Der Pilot fluchte und zog die Maschine in eine enge Kurve.
„Was ist?“
„Wir haben die Motorabdeckung verloren, wir landen wieder!“
Er nahm sich nicht die Zeit die ganze LĂ€nge der Piste zurĂŒck zu fliegen und holperte entgegen der Startrichtung sofort wieder auf der Graspiste und ratterte entlang um das BlechstĂŒck zu finden. Es lag auch tatsĂ€chlich direkt neben der Piste im Gras, ein leicht gebogenes BlechstĂŒck von 70 Zentimeter Breite und etwas ĂŒber einem Meter LĂ€nge.
„Habe es wohl nicht richtig festgeschraubt! Ist zu frĂŒh!“
Er fixierte das Blech, kontrollierte die andere Seite und nach einer viertel Stunde waren wir wieder in der Luft.
Der weitere Flug war ohne große Aufregung. Er erklĂ€rte mir, nach welchen Landmerkmalen er sich orientieren wĂŒrde, legte mir die Flugkarten auf die Knie und erwartete, dass ich ihn unterstĂŒtzte. Zuerst flogen wir entlang der Straßenpiste Richtung Osten, dann folgten wir dem Kongo. Die Flughöhe war etwa 600 Meter, damit war jede Person und jedes Fahrzeug bestens zu erkennen. Als der Pilot tiefer ging, um mir die BaumstĂ€mme am Ufer zu zeigen, bewegten sich diese bei unserer AnnĂ€herung. Es waren Krokodiele, die ins Wasser schossen. Ich erinnerte mich an die Partygeschichten. Mit der ErzĂ€hlung gehörte ich auch zum Kreis der GrĂ€uelgeschichtenerzĂ€hler. Nach drei Stunden bogen wir vom Kongo ab und flogen entlang den Kwango und folgten ihm weitere zwei Stunden bis zur Stromleitung nach Kalemie. An der hingen wir sklavisch bis Kaniama, wo wir dann zu einem Zwischenstop und zum Tanken landeten. Die Landepiste war ungewöhnlich glatt, eine LateritflĂ€che, wie die meisten Straßen im östlichen Kongo. Laterit ist ein Gemisch aus Mergel und Sand und bei trockenem Wetter hart wie Asphalt. Bei Regen allerdings rutschig wie Schmierseife und weich wie Lehm. Aber an dem Tag war es trocken, nur die Luftzfeuchtigkeit war ĂŒber 90 Prozent, aber das hatte keinen Einfluß auf die Bodenbeschaffenheit. Deutsche betrieben dort eine Schotterbrechanlage und waren zuverlĂ€ssig per Funk erreichbar und stellten auch ein unverschmutztes Flugbenzin zur VerfĂŒgung. Offensichtlich eines der grĂ¶ĂŸten Probleme der Buschpiloten. Verdrecktes Benzin, das zu Motoraussetzern und endlosen Wartungsarbeiten fĂŒhrte, die von den Piloten selbst durchgefĂŒhrt werden mussten.
Am nĂ€chsten Morgen war der Start wieder um fĂŒnf Uhr angesetzt. Wegen der schon erwĂ€hnten unangenehmen Luftturbulenzen wollten wir möglichst noch vor der Mittagshitze in Kabeya Maji sein, ungefĂ€hr 400 Kilometer weiter am Tanganjikasee. Zwei Arbeiter des Brecherwerkes halfen uns bei den Startvorbereitungen und wir kamen darum schnell weg. Allerdings nicht weit. Noch im Steigflug, fĂŒnfzig Meter ĂŒber dem Boden, legte der Pilot die Maschine in eine Steilkurve die mich tief in den Sessel drĂŒckte und ich mich in einer Kirmesattraktion wĂ€hnte. Der Belgier sagte betont ruhig:
„Der Motor qualmt, wir landen wieder!“
Der Motor qualmte nicht, er brannte! Zwar schlugen keine meterhohen Flammen aus dem Motor, aber es zĂŒngelte blĂ€ulich heraus. Ich war nicht in Panik, ich war unfĂ€hig zu denken. Mechanisch wiederholte ich den Spruch „Motor brennt, steige aus“. Wie oft hatte ich das in alten Kriegsfilmen gehört und lĂ€cherlich empfunden. Jetzt dachte ich das wie einen Reklameslogan. Bis ich so weit war, die Konsequenz aus dieser Situation zu erkennen, waren wir unten und die beiden Arbeiter rannten schon mit Feuerlöschern auf das Flugzeug zu und pulverten auf den Motor. Der Pilot schrie „Nicht so viel! Reicht! Reicht! Ihr ruiniert den Motor!“ und sprang hinaus. Ich war mindestens genauso schnell draußen. Allerdings weg vom Flugzeug, wĂ€hrend der Belgier die Motorverkleidung herunterfingerte um den Schaden zu begutachten.
Die Reparatur war nicht direkt zu erledigen. Einige Ersatzteile musste aus Kinshasa herbeigebracht werden. Das Flugzeug war erst nach vier Wochen wieder einsatzbereit.
Ich setzte meine Reise mit der Schmalspurbahn fort. FĂŒr die vierhundert Kilometer bis Kabeya Maji benötigte ich zwar18 Stunden, aber ohne Angst und Stress. Nur etwas durchgeschĂŒttelt wurde ich, aber das war im Flugzeug nicht anders gewesen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!