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Leselupe.de > Erzählungen
Ein Geschenk aus dem Kartoffelsack
Eingestellt am 28. 05. 2009 19:11


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Mara Krovecs
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Ein Geschenk aus dem Kartoffelsack



Ein Kartoffelsack besuchte mich einst; Mindestens 10 Kilo schwer watschelte er auf unsere Terrasse, während ich ein wenig in der Sonne träumte. Er lüpfte seinen Hals und schenkte mir einen Blick in sein Inneres, das gefüllt war mit den schönsten goldbraunen Kartoffeln, die man sich denken konnte, makellos in ihrer Haut und sanft nach Erde duftend. „Hallo“, sprach er mich ohne Umschweife an, „ich komme, um dir ein Geschenk zu machen.“

Ich war sehr erschrocken, stellte meine Teetasse mit so viel Schwung auf den Tisch, dass der Tee überschwappte und mir die Hand ein wenig sengte. Während ich sie schüttelte und bepustete, stellte sich der Sack direkt neben mich.

„Na, hast du eine Idee, was ich Dir schenke?“ flüsterte er vertraulich.

Ich zweifelte daran, dass ich wach war, Ängste überfielen mich; ob ich dabei war meinen Verstand zu verlieren? Ja, ich hatte viel Stress in letzter Zeit, ging zu spät schlafen und – verdammt noch mal, ich wusste doch, dass ich auf meine Gesundheit hätte mehr aufpassen sollen. Mir brach kalter Schweiß aus und mein Herzschlag beschleunigte sich.

„Hey, hey, du brauchst keine Angst zu haben“, begann der Kartoffelsack beruhigend auf mich einzureden.“ Mit dir ist alles in Ordnung, ich biete dir ein Geschenk an, das ist alles. Nachher bin ich wieder verschwunden und werde nie wieder unter deine Augen kommen, das verspreche ich dir“. Der herabhängende Sackstoffhals wedelte sanft über meinen Arm – ich sprang entsetzt auf, das - war zu viel für mich. Der Sack stand da und summte leise vor sich hin: „Ich warte, ich warte, du kommst schon noch drauf, da die da da hm hm hm...“

Das kann doch nicht sein! Oh man, ich muss etwas anderes denken, muss meine Intelligenz einsetzten, ein Sack kann mich doch nicht so aus dem Gleichgewicht bringen. Mein Blick folgte einer dicken, brummenden Hummel, während ich fieberhaft überlegte.

Okay, das ist nur ein Traum, aus dem ich eben nicht sofort erwache, besänftigte ich mich schließlich, denk weiter nach, es kann ja nicht wirklich Wirklichkeit sein, also lässt du dich jetzt einfach auf diesen Traum ein!

Nach diesem Entschluss lehnte ich mich cool in meinem Liegestuhl zurĂĽck und begann mir diverse WĂĽnsche zu ĂĽberlegen.

„Habe ich einen Wunsch oder drei Wünsche frei?“ fragte ich den nun stumm dastehenden Sack lässig.

„Ich habe nichts von Wünschen gesagt“, lachte der seltsam rau. “Ich sagte, ich hätte ein Geschenk für dich, das ist ein Unterschied.“

Oh ja, ich verstand, das war wirklich ein Unterschied, ich konnte mir dieses komische Geschenk nicht einmal aussuchen, es stand bereits fest.

„ Also“, begann ich langsam, “ich soll dieses Geschenk erraten?“

„So ist es“, bestätigte er mir meinen Gedanken.

„Ich bekomme dieses Geschenk nur, wenn ich es errate?“ wollte ich mich erneut vergewissern.

„Nein, nein, du bekommst das Geschenk ohnehin“ beantwortete mir der Sack meine Frage.

„Wozu soll ich dann raten, ist das ein Spiel?“ fragte ich inzwischen ein wenig genervt.

„Das ist kein Spiel“, der Sack watschelte einmal um mich herum und blieb dann etwas entfernter als vorher vor mir stehen. „Du sollst es erraten, damit du auch etwas von deinem Geschenk hast, es ist ein wertvolles Geschenk“.

„Aha“, ich schaute an dem Sack vorbei in unseren wunderschönen Garten, es war mitten im Juli, alles blühte, duftete, Schmetterlinge flogen mit Bienen, Wespen,. Libellen um die Wette, Käferchen taumelten sich durch die Fülle grüner Blätter und Gräser, der Sommer tat alles um mir seine Herrlichkeiten vorzustellen.

„Du schenkst mir bestimmt deine fantastischen goldgelben Kartoffeln“, lächelte ich bescheiden, in der Hoffnung, das Geschenk würde in Wirklichkeit doch etwas wertvoller ausfallen. “Und dann verwandeln sich alle Kartoffeln in Gold“, fügte ich übermütig hinzu.

Der Sack lachte so laut, dass ich Angst bekam, Nachbarn würden etwas hören und in Sorge zu mir herüberkommen, es würde in Wahrheit doch kein Traum sein und man fände mich mit einem Kartoffelsack redend in meinem Garten. Ach, was für eine seltsame Situation. Wenn ich das meinen Kindern erzählen würde, bekäme ich ein leises Lächeln, ein Augenzwinkern und ein: “Ach ja, unsere Mama fantasiert wieder“ zu sehen und zu hören.

Ein Amselpärchen hüpfte zwischen Rittersporn und Lupinen umher, das spitzenweiße Schleierkraut wippte ein wenig an deren Schwanzspitzen mit und unsere Katze schlummerte friedlich im Schatten auf einem Gartenstuhl.

„Vielleicht schenkst du mir eine Art Schatzkarte“, fuhr ich mit meiner Raterei fort, oder zwischen deinen Kartoffeln liegt ein seltener, wertvoller Diamant“.

„Oh Gott“, stöhnte der Sack, „ich glaube wir werden noch eine Weile miteinander verbringen, du bist von der Wahrheit weiter entfernt, als Nordpol von Südpol. Ich habe nun keine leider Zeit mehr. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du so langsam bist, daher komme ich doch in ein paar Tagen wieder; so hast du Zeit nachzudenken.“

Und wirklich, der Kartoffelsack war verschwunden - spurlos.

Ich brachte meine Teetasse herein, nahm die nasse Tischdecke herunter und steckte sie in die Waschmaschine. Dabei verdrängte ich alle Gedanken an das eben erlebte sofort und nahm meinen normalen Alltag wieder auf.



Ein oder zwei Wochen später regnete es in Strömen. Zum Glück, denn unsere Pflanzen waren erschöpft von all der Sonne und dem wenigen Wasser aus dem Schlauch. Ich hatte einige Pflanzensamen eines außergewöhnlich altrosafarbenen Fingerhutes in unser Gartenhäuschen gebracht, als ich ihn in der Ecke neben dem Stapel alter Gartenzeitschriften stehen sah.

Ich runzelte die Stirn und schon sprudelte es aus mir heraus: „bleib in der Ecke stehen, wie es sich für einen braven Kartoffelsack gehört und komme bloß nicht auf die Idee mit mir zu sprechen, dann will ich vergessen, dass ich nicht weiß wer dich dorthin gestellt hat.“ Ich rauschte heraus ehe irgendjemand auf der Welt hätte antworten können, also auch kein Sack und knallte die Tür hinter mir zu.

Mitten in der Nach gewitterte es. Ich erwachte und sah meinen Mann ruhig atmend neben mir schlafen. Hund und Katze lagen zusammengerollt nebeneinander, in unserem winzigen Flur. Ich machte mich auf den Weg zur Toilette, da hörte ich, wie es fürchterlich krachte. Ich sah aus dem Fenster: die Tür von unserem Gartenhäuschen stand weit auf und knallte gegen die Wand und die daran gelehnten Rechen und Spaten. Ich warf mir schnell eine Jacke über die Schultern und rannte mit unter den dünnen Stoff eingezogenem Kopf auf die klappernde und schlagende Tür zu. Im Häuschen brannte Licht. Hatte ich wohl vergessen ...

„ Mach die Tür zu und komm herein, wir müssen reden“.

Oh nein, der Sack sprach erneut mit mir.

Ich hatte das Bedürfnis laut zu schreien, da fiel mir wieder ein, wie man am besten mit so etwas Absurdem umgeht: man tut so, als ob man träumt und wiedersetzt sich zunächst nicht.

„Du schenkst mir ein Swimmingpool oder eine tolle Villa, vielleicht einen riesigen Lottogewinn und Ruhm und Ehre dazu“, begann ich meine alte Wunschtabelle fortzusetzen. Als der Sack nicht antwortete fiel es mir ein, natürlich, nichts Materielles, wie profan, jetzt wusste ich, was er von mir wollte.

„Jetzt weiß ich es, entschuldige, dass ich so verbohrt war, ich bekomme Gesundheit geschenkt“ sagte ich leise, „das wäre natürlich ein wirklich sinnvolles und wertvolles Geschenk.“

„Wir kommen der Sache schon näher“ brummelte es aus der finsteren Ecke, die einzige, die vom Licht nicht beleuchtet wurde. Aber leider reicht meine Kompetenz nicht so weit, dass ich dir so etwas schenken könnte, ich würde es tun, wenn es so wäre; ich kann dir aber versprechen, wenn du mein Geschenk errätst, dann könnte eine gute Gesundheit die Folge sein.

Ich setzte mich auf ein kleines Tischchen, das neben der Tür stand, wischte mir die nassen Strähnen aus dem Gesicht und schwieg. Ein Traum oder doch kein Traum, was machte das für einen Unterschied. Das Leben war kurz. Das Universum riesig und ich nur eine Frau, die mitten in der Nacht mit einem Sack sprach, na und?

Wenn ich mir ein Geschenk wünschen dürfte, das auf so einer Ebene geschenkt werden könnte, wünschte ich mir etwas ganz Kitschiges, etwas das allem einen ganz anderen Sinn verleihen würde, etwas, das meine Sehnsucht schon immer berührt und geführt hat, ich wünschte mir „Frieden“.

Frieden fĂĽr alles das lebt, atmet, Sehnsucht hat, Frieden der Ruhe schenkt und Kraft fĂĽr die Dinge die in uns schlummern, die sich doch nur entfalten wollen, Frieden, der Liebe erlaubt zu sein und zu wachsen, ganz einfach, ohne Komplikationen, Frieden mit der unendlichen FĂĽlle der Natur und den Himmeln ĂĽber uns, ach ja, das wĂĽnschte ich mir, das hatte ich mir schon als Kind ganz tief gewĂĽnscht. Aber ich darf mir ja nichts wĂĽnschen, das Geschenk steht schon fest, nicht wahr? Ich soll es nur erraten.

"Ist es Frieden?"

„Du bist auf dem Weg meine Liebe“, sagte der Kartoffelsack freundlich, „ich komme noch einmal wieder“.

Ich eilte zu dieser Ecke und tastete mit meiner Hand hinein. Sie war leer, wie ich es vermutet hatte. Verwirrt und seltsam berührt schloss ich die Tür und eilte durch den Regen in mein kleines Haus zurück. Das Gewitter verzog sich langsam und wieder im Bett legte ich meine Hand auf den warmen Körper meines Mannes, fühlte, wie sie sich mit seinen Atemzügen senkte und hob, dankbar, dass er wie selbstverständlich neben mir lag.



Ein Tag überholte den anderen, fast wie in einem Wettlauf der Jahre, denn ich fand die Tage im Jahr 2007 verabschiedeten sich schneller als alle anderen vorher. „Was, wir haben schon September !?“ rief ich eines Tages, als ich das Kalenderblatt für den August abriss, „dann feiern wir ja bald unser Kartoffelfest, ich muss noch etliche Vorbereitungen treffen, Hilfe...“

Dennoch blieb genügend Zeit die schönen lichtdurchfluteten Blüten in meinem Garten mit meiner Digitalkamera festzuhalten; am liebsten hatte ich es, wenn des Morgens taubesetzte Spinnennetze in der frühen Sonne funkelten. Späte Schmetterlinge flirrten um unseren riesigen Sommerflieder herum und die Rosen leuchteten wie Sterne im bereits ausgeblichenen Grün vieler Blätter und Gräser.

Seit meiner letzten Begegnung mit dem Kartoffelsack redete ich viel mit ihm, obwohl er gar nicht sichtbar war und mir auch niemals antwortete. Ich hatte Freude daran und stellte mir nie die Frage, ob ich vielleicht doch ein wenig verrĂĽckt war. Und wenn ja, egal, es war harmlos.

Einmal kam mein Mann herein, als ich dem Sack von meiner ersten Liebe erzählte. Ich saß im Wohnzimmer mit einem Glas Sprudel in der Hand und knetete mit meiner anderen das Wachs, das ich einer brennenden Kerze gestohlen hatte. „Er war so schön“, sagte ich gerade, „so jung und so voller Lebensfreude“. Mein Mann setzte sich zu mir: „ Brauchst du jemanden zum Reden?“ fragte er leicht betreten. „Geht es dir schlecht, hast du Kummer?“

Ich schmiegte mich an ihn.“ Nein, ich beginne gerade glücklich zu sein“, antwortete ich. Dann boxte ich ihn sanft in die Seite: „ Hey, was hältst du davon, dass deine Frau mit Kartoffelsäcken spricht, und dass die auch noch antworten, duuuu, ich werde sogar von ihnen gestreichelt und stell dir nur vor, dass passierte dir mit einem verbeulten alten Eimer... ich kicherte, wie ich seit langem nicht mehr gekichert hatte. Mein Mann war zunächst verwirrt, ließ sich aber von meiner guten Laune und meinen verrückten Ideen anstecken und wir dachten uns die tollsten Geschichten aus.

Gegen Abend holten wir den Feuerkorb aus dem Gartenhäuschen und setzten uns bei einem kleinen Feuerchen, vielen Teelichtern in Lampions, die an unserer Pergola, oder in Glasbehältern an unseren Bäumen hingen, an den Gartentisch und tranken ein Glas Wein.

Da sah ich mit einem Mal den Kartoffelsack neben unserer ĂĽppig wiederblĂĽhenden New Dawn stehen.

Ich stand auf, ging auf ihn zu, setzte mich neben ihn und flüsterte in die Nacht: Mein Geschenk sollte eine Chance sein, zum Heraustreten aus meinem Alltag, zur Inspiration all der wundersamen und wunderschönen Gedanken die sich daraus ergaben, sollte mich wieder einmal einen Blick hinter die Sterne werfen lassen, für alles Neue, was daraus in mir Gestalt annahm, für meine Dankbarkeit darüber, dass alles so ist, wie es ist, dafür, dass ich all das fühlen durfte und darf; ja, das schenkt eine besondere Art des Friedens. Danke.

Ich umarmte und kĂĽsste den Sack und streichelte ihn ein wenig.

Eine Hand berührte mich an der Schulter und bedeutete mir aufzustehen. Mein Mann fragte:“ Liebling, bist du sicher, dass es dir gut geht? Ich habe diesen Kartoffelsack heute Nachmittag aus dem Hofladen geholt, nächste Woche ist doch das Kartoffelfest, äh, ... ich ... verstehe nicht!“

„Ob dieser Sack oder ein anderer, das ist doch egal, ich liebe Kartoffelsäcke im Universum, ich bewundere sie inmitten all den Verwirrungen des Lebens, ich verehre ihre Alltäglichkeit, ich küsse ihren Charme und bedanke mich dafür, dass ich mit ihnen reden kann, wenn ich es möchte, ach, ich liebe das Leben, was für ein Geschenk!

An diesem Abend trank ich etwas mehr Wein als sonst, lachte und liebte und wusste: alles, alles dauert nur einen Augenblick, aber es ist d e r Augenblick meines einzigen Lebens.

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