Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87785
Momentan online:
565 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ein Indianer
Eingestellt am 12. 11. 2011 19:04


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Gernot Jennerwein
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Oct 2008

Werke: 108
Kommentare: 793
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Gernot Jennerwein eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hundert Soldaten erschossen in Oklahoma einundzwanzig Indianer. Dachten die GenerĂ€le, doch es waren nur zwanzig an der Zahl, denn einer von ihnen kam mit seinem Leben davon, blieb aber dort sitzen, weil er ein bisschen Angst hatte, alleine nicht zurechtzukommen. Er hielt seinen Kopf auf die HĂ€nde gestĂŒtzt, die Augen zu Schlitzen gekniffen. Mit großem Interesse betrachtete er seine Kameraden. Wie sanft ihre GesichtszĂŒge auf einmal waren, als wĂ€ren sie tief in ihrem Innern fĂŒr immer zufrieden. Wohl stoben sie als Geisterreiter unsichtbar durch die LĂŒfte, auf dem letzten Ritt in die JagdgrĂŒnde des Manitu. Er blieb alleine zurĂŒck. Verlassen und ganz ohne Mut. Wie einsam die PrĂ€rie nun war. Im Gedanken fĂŒhlte er sich von den Soldaten hintergangen – um den eigenen Tod betrogen.
Obwohl der Kummer sich um sein Herzen wand, ihn zur Eile vorantreiben wollte, blieb er bei seinen BrĂŒdern, bis sie in der Hitze stanken.
Die Sonne klatschte im Westen auf die Erde herab, auf der Suche nach dem Mond heulte ein Kojote in die Welt. Der Indianer winkte seinen Freunden noch ein letztes Mal zu, warf sich auf sein Pferd, trat ihm in die Seiten und galoppierte an die KĂŒste im Osten.
Vor dem Weißen Haus brach sein Pferd tot zusammen. Ein schwarzer Bengel sprang aus dem Schatten und hielt dem Gaul ein BĂŒschel Gras ans Maul, gab sein BemĂŒhen aber bald wieder auf. Der Indianer klopfte dem Jungen auf die Schulter, wobei er sagte: "Das Leben ist gemein, fĂŒhre mich zum PrĂ€sidenten."
"Zum PrÀsidenten?", der Knirps kratze sich am Lockenkopf. "Hm, gut, ohnehin hat er nichts zu tun, er freut sich bestimmt."
In schwarzem Rock, mit polierten Stiefeln und blitzenden Sporen, stand der PrĂ€sident in seinem Arbeitszimmer. Die Schnauzenden spitz zu den Ohren gedreht, den SĂ€bel kampfesbereit umgeschnallt und etwas zum Rauchen im Mund. Die Rothaut war beeindruckt - was fĂŒr ein stattlicher Mann.
"Ein Indianer in meinem Haus? Ich bin ĂŒberrascht. Was kann ich fĂŒr dich tun?"
Beinahe unterwĂŒrfig trat der Indianer ein paar Schritte vor. Der schwarze Bengel wich nicht von seiner Seite, als wollte er nun alles, was der Indianer zu sagen hatte, mit seinem Beistand unterstreichen.
"Deine Soldaten haben meinen Stamm erschossen und mich dabei ĂŒbersehen."
Der PrĂ€sident musterte ihn von Kopf bis Fuß. Er schnalzte mit seinen Fingern und bellte: "Ich gratuliere."
"Alle sind sie tot. Was ist schon ein einzelner Indianer wert? Ich bitte um den Gnadenschuss."
"Das ist nicht möglich, roter Freund. Wir haben seit ein paar Tagen Frieden. Meinen Soldaten ist es in Friedenszeiten untersagt, einen Indianer zu erschießen. Es wird dir wohl nichts anderes ĂŒbrig bleiben, als auf den nĂ€chsten Krieg zu warten. Aber ich mache mir Notizen und verspreche dir, du wirst einer der Ersten sein, der dann erschossen wird. Mein Ehrenwort. Und nun gehe, ich habe gleich Zimmerstunde bei meiner französischen Hure, du verstehst schon, ich bin ein vielbeschĂ€ftigter Mann, also verschwinde."
Traurig sah der Indianer den PrÀsidenten an.
Der Bengel gab ein leises Pfeifen von sich. "Du bist ein schlechter PrĂ€sident." Zweimal spuckte er aus, schĂ€mte sich fremd und zog die Rothaut am Ärmel aus dem Weißen Haus.
Draußen setzte sich der Indianer in den Sand. Sein kleiner Freund verschwand im Schuppen gegenĂŒber. Nach einem Weilchen kam er auf einem prĂ€chtigen Schimmel angeritten, ein Gewehr in der zĂŒgellosen Hand. Aufmunternd war sein LĂ€cheln. Der Indianer schien zu verstehen, er schwang sich hinter dem Jungen auf das Tier.
Die beiden ritten ein paar Tage und NĂ€chte. Auf dem Schlachtfeld angekommen, ließ sich der Indianer zwischen seinen toten Kameraden nieder.
Der Knirps lud das Gewehr. Er war den TrĂ€nen nahe. Und hoch ĂŒber ihnen, da kreiste schon ein Geier.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!