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Leselupe.de > Erzählungen
Ein Mensch ist, was er hinterlässt.
Eingestellt am 12. 06. 2011 20:00


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chSchlesinger
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2005

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Mit großer Klappe das Spielfeld betreten, zu Null wieder runter: Ich gehöre auf den Müll.
Es werde noch gespielt, sagen die Greise ringsum, die sich hier Seniorentische decken lassen, soweit das Auge reicht. Eine Halbzeit sei gerade erst beendet.
Grölende Greise, braun vor Sommerfrische. Als wären sie über Jahrhunderte erwachsene Bäume, welche zu fällen halben Mannschaften schwerlich gelingt.
Würde ich finster an der Greisen Seniorentische treten, sie hielten mirs Christenkreuz vor, gefälligst ungestört ihre Grands zu dreschen. Bestenfalls böte man mir Freibier, mich zu entspannen.
"Einen Apfelsaft, bitte!"
Selbst als alle Welt halbstark genug war, nach berauschendem Trunk zu verlangen, blieb ich genussfrei. Was da zigmillionenfach reifte in den Raucherecken, ließ mich reifen für meine Lehre in der fleischverarbeitenden Industrie.
Jawohl, verehrte Leserinnen und Leser, hier schreibt ihnen ein Schlachter! Ein ausgezeichneter dazu. Längst bin ich Meister darin, mit meinen Gesellen Viehtransporter voll emotionaler Drecksarbeit zu entleeren.
Ob Klein- oder Großmaul der Liebe, wir füttern sie alle ab. Versorgen Candlelight Dinners mit Lammfilet, wie Gotteshäuser mit Festtagsbraten.
Aus bereits angedeutetem, aber noch zu beschreibenden Anlass, habe ich Urlaub vom Schlachthaus genommen, endlich jenen Sound hören zu lassen, welcher ausblutendem Leben eigen ist. Lassen Sie sich also verzaubern, verehrte Leserinnen und Leser.
Hier und im Folgenden spare ich mir all jenes wichtige Gehabe, mit dem Literaten gemeinhin Notizbücher eröffnen. Genauso gut könnte ich mich ausbreiten vor Fototapeten, welche belebte Schankräume von Gaststätten herzeigen.
Zur Geschlechtsreife hin, tapezierte ich die Tür meines Kinderzimmers mit Abbildern pralleutriger Weibchen. Obwohl Säugetier geheißen, war ich kaltblütig genug im fortwährenden Versuch, mich der Tür meines Kinderzimmers auf eine Weise anzuvertrauen, dass man an ein fehlgeleitetes Böcklein hätte denken können. Und niemals hörte ich auf, solchermaßen aufreizend motiviertem Tapetenwerk Vergnügen abzugewinnen.
Wo ich nicht mit Tapezierkunst Mutwillen treiben konnte, nahm ich Vorlieb mit von Eingeborenen ausgemalten Götzenbildnissen. Knieten meine Nächsten, kniete auch ich.
Statt aber weiterhin auf solch allgemein verträgliche Weise des eigenen Schoßes zu gedenken, mag ich mir die Sehnsucht nun mit Papier abtupfen. Jenes Stehvermögen des Geschriebenen, gegen das alles Leben treulos wirkt. Blatt für Blatt gedachte Laufkundschaft beanspruchen, verehrte Leserinnen und Leser.
Wobei ein Absehen von aufreizendem Tapetenwerk natürlich für Qualitätsunterschiede sorgt, was Gefühlsbekundungen betrifft: Während ich weiter auf mein erstes Herrengedeck hoffe, muss ich meinen verehrten Leserinnen und Lesern zugestehen, längst und im vollsten Umfange aktiv zu sein. Will man sich also auf ein kurzweiliges Vergnügen aneinander gewöhnen, sollte man nicht überall nach der Dirne fahnden, die für etwas Wohlwollen ihren Busen in Aussicht stellt.
Meine erste Amtshandlung nach der Volljährigkeit war jener rote Vorhang, welcher die Videothek in Gut und Böse teilte. Was mir Schlachtergesellen aber hinter dem Vorhang als „Fleischabteilung“ vor Augen stand, verstörte mich zutiefst.
Bis zum roten Vorhang erschien alles Primäre mir als Hochzeitsgabe Fleisch gewordener Göttinnen. Nun lagen diese Göttinnen breitbeinig vor mir, meine minderjährige Anbetung zu verhöhnen.
Wohl kein Zufall, dass ich bald darauf verloren ging an eine Welt der Philosophen, wo Menschen Recheneinheiten waren, bunt bemalter Nippes vergangener Epochen. Während manch 18-jähriger anfing, seine Befristung zu spüren, enthob ich mich aller Sorgen über Zeit und Raum.
Derart heimisch in einem Reich, das nicht von dieser Welt ist, ließ ich mir leichthin noch Matten stehen, als Föhn- wie Gelfrisuren selbstverständlich waren.
Gel, Farbe und Creme: ich habe damals wenig in den Tod investiert, daher der Tod ebenso wenig in mich.
Hielt ich mich sonst auch abseits jener geföhnten Kadaver, ging es hoch bis zum Zehntausendsten, erhob mein reifendes Geschlecht sich keck zu voller Länge. Dem Volke grüßte es dann. Und wie es wohl jeden besudelt, in jungen Jahren einer unsittlichen Präsentation schuldig geworden zu sein, hat auch mir seit jenen Sündenfällen die Gnade des Vergessens nicht ein Wort abgenommen:
"Meine Erinnerungen", sagen die Leibesfreudigen aller Generationen, "kann mir keiner mehr nehmen." Die Leibesfreudigen zerkleinern das Leben in genießbare Events. "All you can eat." An jeder Ecke lungern die Leibesfreudigen mit ihren Tellern auf einen weiteren Schlag Leben. Unterhalten wollen sie sein, verwöhnt werden. Die Leibesfreudigen schlecken, dippen, glotzen, schmökern, voten, erwählen leibesfreudige Götter. So vertreiben die Leibesfreudigen das ihnen geschenkte Maß an Zeit. Die Leibesfreudigen sind die Könige des Gewesenen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

Von moderner Gesetzbarkeit bin ich beschieden, zwar meine Meinung gerne und frei heraus zu äußern, aber Zuhörer solle ich bitte keine erwarten. Die Prediger auf den, "Erlebnismeilen" genannten, Strichen etwa, wie sie hunderten Einkaufstüten ein Evangelium entgegen stellen. Ja, und da lungern die Prediger dann mit ihrem Evangelium derart im Abseits, dass man ihnen Ketten anlegen möchte, damit sie sich, wenn schon nicht gewürdigt, so doch wenigstens gestraft fühlen.
Alle erleiden wir lieber die Tortur einer Inquisition, behaupte ich, als bis ans Ende unserer Tage hinter Apfelsaft sitzen gelassen zu werden.
Das Schlachtvieh, wie es aus den Transportern taumelte, lärmend vor Angstschweiß: ich fing an, das Schlachtvieh zu beneiden. Jedes Ferkel ist gefälliger anzuschauen als ich, jedes Rindvieh den Frauenzimmern mehr Genuss. Zubereitet mag ich sein, statt zur Asche verdammt. Rote Lippen sollen sich an meinen Überresten sättigen, sollen wieder und wieder mein Fett von ihrer Fülle tupfen.
Surreal wie auf Viehtransporten will ich mich mit Massen an Artgenossen pferchen, will Stampede ihrer Stampede sein. Ganz selbstverständlich soll man den Gewehrkolben nach mir heben, frei heraus zum Ochsenziemer greifen. All dies Gedrüse, Kloake, Abgesondere: Schämen möcht ich mich meiner heiligsten Schriften.
Am meisten bestürzen jedoch soll mich der Wind, wie er am Ende über leere Ladeflächen fegt: Meister, da waren eben noch tausende Klafter Fleisch!
Beinahe möchte man im Winde zurück gebliebene Ohrmarken verehren, die mehrstelligen Nummern darauf sich sorgsam einprägen, nur um nicht in einem fort mit den Schultern zu zucken.

"Bitte zahlen!"
Die Bedienung quittiert meine karge Mimik mit jener Hoffart, welche jungen Vollbusigen eigen ist, die sich in der Gastronomie ihr Studentenleben leisten.
Nun lag mir nie sonderlich daran, der Designhengst zu sein, mit dem Frauen ihre Schrankwände abbezahlen möchten. Rangelassen werden, den Gipfel der Genüsse erklimmen: Körperöffnungen solch Himmelreich zuzugestehen, scheint mir unbillig. Aber wie die Bedienung auf mich herabschaut, das gefällt mir. Ich gebe großzügig Trinkgeld.
All diese gutbürgerlichen Phantasien, die aus Bleiben Drecklöcher machen, bis oben hin voll mit Begehrlichkeiten. Irgendein Knochenjob, vierzig Jahre lang, fürs Häusle, fürs Urlaubsschwein. Beschämend, wofür Menschen sich alles aufsparen. Und am Ende fällt den Herrschaften vor lauter Tristesse selten mehr ein, als beim Boxenstopp die Trulla zu wechseln.
Ihre Liebe ist groß wie ihre Welt, und die ist ziemlich klein: 2,00 x 1,60 Meter im Schnitt. Selten fühlt Gleichgültigkeit sich herzlicher an, als hoch oben im Liebesnest. Zwei Greifvögel beim Balzflug, bevor sie auf uns hinab stürzen. Haben wir Glück, bauen sie ihrem Liebesspiel unser Fleisch ein, füttern und necken sich damit. Liebesnestler fressen nicht, Liebesnestler schlingen nicht. Gemeine, heimtückische Reißzähne sind ihrer Liebe fremd. Liebesnestler picken aus dem Leben das zarteste Fleisch. Liebesnestler sind die herzlichsten Fleischfresser der Welt. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

Es hat wieder zu schneien begonnen. In dicken Flocken sinkt der Schnee aus der Dunkelheit hinab auf die Alleen und Wege des Parks, wirbelt um verlassen im Laternenlicht stehende Pavillons, fegt über Treppen und durch Torbögen hinab auf Wiesen, wo Windspiele sich drehen und steinerne Vasen im Schnee versinken.
Raben kreisen über dem Kriegerdenkmal am Hauptportal. Einen Marder sehe ich durch das stählerne Geländer schlüpfen zwischen die Steinblöcke mit den Namen der Gefallenen. Namen, an denen trübes, hartes Eis sich bildet. Lauernd sehe ich den Marder blicken auf die abgeblendeten Scheinwerfer des Taxis, dessen Motor kaum zu erlauschen ist inmitten schneidender Böen.
Als ich ausstieg, glitten Schneekristalle die Scheiben des Taxis hinab, erlaubten nicht einen Blick mehr nach draußen.
Ob er mitkommen solle? beunruhigte der Taxifahrer sich in meiner Phantasie. Tatsächlich schaute er nur bräsig, als ich mir Handschuhe überzog. "Sie warten bitte hier."
Als Kind habe ich die Nächte geliebt. Meine Träume, jene unsagbaren Gesichter des Schlafes. Wie aber jetzt auf menschenleerer Promenade? Ich könnte mir eine Ruhestätte hacken im Eis des Weihers, könnte mich auf eine Bank setzen, einzuschneien bis der Morgen graut: Die Belanglosigkeit, welche gemeinhin als "Freiheit" wahrgenommen wird, übermannt mich. Kein Werkzeug Gottes bin ich, keine Wiedergeburt auf bedeutungsvollem Wege durch den Kreis des Lebens. Nur mein Date mit dem Tod ist mir sicher. Die verehrten Leserinnen und Leser stimmen gewiss mit mir überein, dass es unter solchen Umständen schwer ist, seinen Schritt in eine Richtung zu lenken.
Sandburgen empfinden sich als Kronen der Schöpfung, selbst wenn sie an einer Supermarktkasse erbaut wurden oder irgendwo Häppchen bereithalten. Bis auf die Zinnen sind Sandburgen gestylt. Liebevolle Peelings, harte Arbeit am Idealmaß. Geht der Wind über sie hinweg, ist es den Sandburgen, als könnten sie fliegen. Brennt Sonne auf sie herab, vermuten die Sandburgen sich in ihrer gesündesten Farbe. Und vom Wasser glauben sie bis zum Schluss, dass es sie trägt. Wenn alles Leben längst heimgekehrt ist, finden sich in verschneiten Sandkästen noch Reste einstmals stolzer Burgen. Sandburgen werden oft selbst vom Tod vergessen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Baumkronen schimmerten weiß im Mondschein. Der Marder flüchtete sich vor mir zwischen welkes Buschwerk. Lauter Gestrüpp, das während seiner Blüte etwas hergemacht haben mochte, nun aber kaum mehr vorstellbar ist. Sterne scheinen mir keine, nur vereinzelte Raben sehe ich, die auf den Wipfeln der Trauerweiden stumm im Wind schwanken.
Abseits der Laternen halte ich mich. Am Weiher entlang, verborgen von Schilf und tiefstehenden Ästen, lausche ich jeder Bewegung zwischen den Bäumen. Nach Tannen riecht es, nach gefrorenem Wasser.
Wie in meiner Erinnerung, steht die Telefonzelle am Rande einer aus Holz gezimmerten Brücke, deren Pfeiler von Ketten gehalten werden.
Freilich ist die Telefonzelle eigentlich keine Telefonzelle mehr, und auch für mein kleines Kranzgeld nicht mehr gedacht. Aber für ein artiges Stück Traumwandeln sollte die Telefonzelle mir dienen können.
Früh reduziert es sich auf Gegebenheiten. Das Kaufhaus. Das Naherholungsgebiet. Der Tempel. Eltern knien, Tanten und Onkel, also knien auch die neu Hineingeborenen. Stolz tragen Kinder Kleidung von Vorfahren auf, werden abgefüllt mit unverbindlichen Liedern, sind rasch gepflückt. Vom Fernsehen, der Nationalmannschaft, dem Krieg. Leben, wie es Millionen passiert.
Dabei weiß jedes Spielzeug von Mikroskop und Fernrohr über die Ebene des Unfassbaren, welche Demut fordert, welche zur Vorsicht mahnt.
Statt sich aber jener Unfassbarkeit anzuvertrauen, werden solchen Sinnen Unsinne entgegen gestellt. Engelmacher etwa gehen auf eine Weise mit dem Nichts um, dass selbst Kinder keine Wauwaus mehr erkennen könnten, würde man die Kinder nicht mit Liebesentzug zum Unsinn erpressen. Aus freier Seele kniet kein Kind je vor dem Nichts. Hingegen Engelmacher, die ein Vermögen an Gebeten investiert haben, für ihre hausgemachten und dermaßen hochgebeteten Engel gar den Griff zum Schwert erwägen, obwohl es den Engelmachern Lebzeit für Lebzeit misslingt, in ihrem Nichts auch nur einen Happen Essen zu fassen.
Hätte ich so von damals bis heute gekniet, ich läge jetzt in einem Segen von einem Ehebett. Neben mir die Angetraute, die selbst schlafend noch an meinem gottgefälligen Sein festhält. Gebenedeit wäre ich mit Kindern, von denen der Erstgeborene bereits kleinere Tempeldienste verrichtet. Glaubensbrüder und -schwestern wüsste ich an meiner Seite, einen Anruf entfernt.
Unzerkleinert hingegen, hat man mich bei Tisch übrig bleiben lassen als zähes, schwer verdauliches Fleisch. Ein Hagestolz, wie man ihn irgendwann aus seiner Bleibe schafft.
Stehend kniete ich Kind, kniend stehe ich Entwachsener nun neben einer Telefonzelle, als wolle ich nach irgendwohin telefonieren, wüsste aber nichts zu wählen. Wenn ich mich weiter im Mittel halten kann, dann allein im Traumwandeln. Zeit also, mich ein wenig heimzuführen aus Schnee und Eis.
Minuten dauert es, bis ich Mutter durch das neonbelichtete Schneegestöbere erkenne. Winken sehe ich Mutter, winken. Vater folgte mit angemessenem Lächeln. Fahl die beiden, abgeliebt. Ein weiteres Mal wird kein noch so angestrengtes Traumwandeln mir meine Eltern mehr freigeben. Freudig will ich den Tisch empfangen, den das Schicksal mir zum letzten Male gedeckt hat.
Mutter trägt Pelzstola über grauem Mantel, Vater hält ein Gesangsbuch von der Art, wie es in Kirchen ausliegt.
Mir fällt auf, dass wir zu Lebzeiten nie eine Anrede gefunden haben, die des an Jahren reicher gewordenen Miteinanders würdig gewesen wäre. Beide blieben sie für mich die Mutter und der Vater, wie man sie in Kinderzimmern empfängt. Als wären es Gesangsbücher, welche allein auf Kirchenbänken wirklich sind. Nur dass Mutter und Vater sich eben die wenigste Zeit mit mir in Kinderzimmern und auf Kirchenbänken wiederfanden. Man speiste an gesetzlichen Feier- und sittlichen Trauertagen miteinander, als klänge gleich das Glöckchen zur Bescherung. Und nun an diesem vom Schnee versiegelten Ort, der weder dem Gesetz noch der Sitte dient. Selbst im Traumwandel zweifle ich, wem hier noch das Glöckchen klingen mag?
Tatsächlich aber ist es im Nahen meiner Eltern mit einem Male, als wären Mutter und Vater mit mir aus, dem Heiligen Abend seine Mitternachtsmesse lesen zu lassen.
"Warum läufst Du so weit weg?" begrüßt mich Mutter.
"In den Pflegeheimen haben sie Kummer genug", antworte ich mit einem Atem, der nach Pfefferminz riecht und nach Apfelsaft. "Da können sie sich nicht obendrein eine Sittenpolizei leisten, mir meinen Rahmen anzumessen."
Mutters Augen schauen leis vor Traurigkeit. Hinter ihr, gegenüber der verschneiten Fülle des Parks, ragen eisig Heime, Stifte, Residenzen aus dem Dunkel - ein Winter, welcher gewiss nicht mehr endet.
"Ich habe aus Zeitungen geschnitten, was man über Dich und die Schlachterei schrieb. Es klingt so, als hättest Du Verständnis für der Menschen Hunger."
Mutter fällt es erkennbar schwer, den Witterungsverhältnissen sachdienlich zu begegnen. Nicht mit Handschuhen hat sie für ihr Wohlbefinden gesorgt, sondern mit Feenschmuck. Mehrere zarte Elfenringe schmücken ihre Hände. Hände, die tapfer der Kälte standhalten.
Wie zur Entschuldigung, hält Vater mir sein Gesangsbuch hin: "Auf Station stimmt man eher ungern ein Lied an. Ich habe früher gerne gesungen, das weißt Du!"
Augenblicke stehe ich über den aufgeblätterten Noten, jenen Überwindern jahrhundertelangen Leidens.
"Und wir wollen im Park einen Platz zum Singen finden?"
Vater schaut, als wäre mit meiner Frage etwas Ungutes über das Wiedersehen gekommen. Man habe keine Zeit zu verlieren, klappt er sein Gesangsbuch zu.
Mutter und Vater eilen voran. Immer wieder zupft Mutter an der Pelzstola, welche ihren Hals schützt. Vorfahren zupfen da, die einst Hut trugen. Und zwar mit jenem Benimm, der es für vornehm hielt, seinen Kopfschmuck beim Essen aufzubehalten.
Als Kind wäre ich närrisch gewesen nach dem Park, versucht Mutter über die Schulter hinweg Stimmung zu machen. Ein Dach über dem Kopf habe dann geklungen wie ein Sack Kartoffeln, den es abzuwerfen gelte.
"Bei den Bänken sind zwei Laternen eingeworfen!" mahnt Vater uns wissentlich Unwissende. Weil es leichter ist, nicht zu wissen, wieder und wieder Wissen einzufordern.
"Ich bin so fürchterlich erschrocken", entschuldigt Mutter sich nun. "Mein Fenster ging zum Park hinaus, Du erinnerst Dich?"
Ich nicke.
"Und wenn ich nachts aufwachte, Schutz im Himmel zu suchen, war das Zimmerchen wie ein Sarg."
Nachts lungerten im Park manchmal Halbstarke zwischen den Bäumen, die ihre Hunde aufeinander losließen. Meine Mutter hat Tiere immer sehr geliebt, muss man wissen.
Ohne eine sittliche Berührung meinerseits abzuwarten, verlassen Mutter und Vater den Weg, stapfen durch knöcheltiefen Schnee über eine Wiese.
"Kommst Du?"
Ich folgte Mutter und Vater in Richtung eines Gehölzes.
Aus Baumstümpfen geschlagene Klettergeräte erkenne ich dort, zu Gerüsten vernagelte Bretter, Schaukeln, die zwischen Bäumen angebracht sind. Ein Spielplatz.
Mutter bleibt stehen neben einem Reifen, der an ein Stahlseil gehängt ist, das sich empor schwingt bis zu einem in den Baum gezimmerten Ausguck.
"Du magst es doch, wenn Schaukeln nachts im Wind klirren!" schaut Mutter mich an.
Eine eng aussehende Jeans ist das Erste, was mir auffällt.
"Auf Männer zugeschnitten", sagt Vater.
Achtlos liegt die Jeans unter einer der Schaukeln. Etwas weiter ein Rucksack, der wirkt, als wäre er aus seiner Weltenbummelei in die Dunkelheit geschleudert worden.
Mutter und Vater halten sich nun hinter mir. Mit gefalteten Händen bleiben sie zurück. Etwas zwischen den Bäumen scheint ihr Herz schlagen zu lassen.
"Geh nur", flüstert Mutter. "Sieh es Dir ein letztes Mal an."
Ohne abzusehen von meinem Bild einer Mutter und eines Vaters, biege ich rutendichtes Geäst zur Seite, wie wenn ich mich mit beherztem Sprung ins Buschwerk schlagen wollte. Erst als die Sicht sich frei anfühlt, vollziehen meine Augen den elterlichen Blickwinkel.
"Am Ende träumte viel und schlecht", gibt Mutter aus dem Off zu bedenken. "Einen Alp überschlafen, ist ein Kampf durch schwarzes Wasser."
Weder Mutter noch Vater können sich mehr abwenden von dem, was dort zwischen den Bäumen verborgen ist. In ihren Gesichtern die Demütigung des Todes.
"Hätte ich vielleicht jemanden vom Pflegepersonal in Kenntnis setzen sollen?"
Einen Abgrund des Ausgeliefert seins, den Mutters Geist noch mit tausend Hättes überwinden will.
"Es gibt kein Gesetz, dass wir alles immer gleich der Nachtschwester erzählen müssen."
"Mit den Jahren schläft man nicht mehr gut durch, das weißt Du wohl mittlerweile." Ja, das weiß ich wohl mittlerweile. "Weiter liegen bleiben ist dann sinnlos, traurig auch."
"Du hast auf die Uhr geschaut, Mutter, wo ich hier mit Euch bin, ob wir schlafen oder wachen?"
"Drei, vier Minuten blätterte ich in Vaters Gesangsbuch, um eine Zeit zu haben. Um halb verließ ich meine gezimmerte Ruhestätte."
"Du bist Vater auf dem Weg begegnet?"
"In Sichtweite der Telefonzelle. Schlaksig wie als junger Mann, kaum den Mantel übergezogen. Quer über die Straße kam Vater gelaufen. Ich glaube nicht, dass er mich eher als nötig bemerkte."
Und dann, als habe ich Mutter unser ganzes Wiedersehen über eine Frage vorenthalten: "Angst empfand ich selbst im zutiefsten Schrecken keine. Solch Herztod ist vom erreichten Milieu des Pflegenotstandes her wahrlich keine üble Karriere."
"Mutter, Vater, Ihr wartet noch ein Weilchen hier?"
"Nur zu!" Fast herausfordernd weist Mutter mir den schmalen Hohlweg: "Dort entlang wirst Du finden, was Deine Mutter und Dein Vater fanden."
Dem Hohlweg folge ich bis auf eine Lichtung. Hier also hatten Mutter und Vater das Gesangsbuch aufschlagen. Flirrend stiebt der Schnee über das blau schimmernde Erdreich. Was auch immer sich an diesem Ort zugetragen haben mochte, man hatte einander in die Augen sehen können.
Als ich mich endlich dem am Boden liegenden zuneige, fühle ich weder Wind noch Kälte. "Deine Pelzstola, Mama", flüstere ich. "Dein Gesangsbuch, Vater."
Mondschein fächert sich über der mit Moos bewachsenen Erhebung, auf der beides abgelegt und unentdeckt geblieben war. Umwachsen von Baumwurzeln, die durch den Boden gewunden sind wie abgestorbene Schlangen.
Meiner Handschuhe entledige ich mich, dann kniee ich auf dem erstarrten Flecken Land, Pelzstola und Gesangsbuch zu streicheln: Tot.
Weiß zerfließt der Mondschein auf den Lettern des Gesangsbuchs. Über dunkle Tannen hinweg blicken die Noten, hinein in einen Himmel ohne Sterne. Pelz klebt entlang der Stola, kalkig aller Anschein und nass vom Schnee. Das vom Tode geformte Antlitz der Stola drückt Erstaunen aus. Als wäre alles zu schnell gegangen, zu schnell selbst für den Schmerz.
"Ruby Glow", flüstere ich. Bis in den Januar hinein blüht die Hexenhasel, deren Blätter glänzen wie Rubine. Den Indianern dient die Witch Hasel zur Wundheilung.
Einige Blätter Hexenhasel nun liegen verteilt über Stola und Gesangsbuch. Ein Zeichen für was auch immer. Unfähig, weiter traumzuwandeln, lasse ich mich mit Pelzstola und Gesangsbuch auf einen Baumstumpf sinken. Und da kauere ich noch, als ich längst wieder im Taxi sitze.

Das Taxi fährt durch lichternde Stätten althergebrachter Zweck- und Schmuckbauten. Arkaden sehe ich, Triumphbögen, kaserniertes Abwohnen, vor allem aber Reklame. Auszuverkaufende Ware, die sich ihre Menschen produziert. Ein Lidstrich bis an die Flanken, hinab zu den Fesseln. Leben, wie es Kleidungsgrößen angepasst ist, die man eher als "Kleinen" normieren sollte.
Kleidungskleinen, welche der Menschen Anteilnahme betreffen, jene Adjuvanzien des Mitgefühls. Selten kommen Menschen umhin, solch Kleidungskleinen ihre Freundschaft anzudienen. Jener Fackelzug knutschender Kleidungskleinen durch die Stadt, deren abgebranntem Regelfall mit Hingabe nachgetrauert wird.
Meine Sterbegeldversicherung deckt den überschaubaren Schaden, welcher durch Inanspruchnahme von Entsorgungsdienstleistern entsteht, die auf Kleidungskleinen spezialisiert sind, denen man eher "Größe" hinterher schimpft: Ein unmodisches, abnormes XXLarges Sein, welches im Sperrmüll noch überzeugt werden will.
Sich Zutritt verschaffenden Amtspersonen habe ich den Bestatter notiert. Dazu aufreizende Prosa, ob die Herrschaften jenseits ihrer Dienstwege meiner Urne vielleicht Geleit geben möchten? Seebestattungen seien einen Samstagvormittag wert, werbe ich. Zumal die Meeresfrische bei mir ergänzt werde durch das Abspielen gängigster Balladen. Obendrein habe ich dem Bestatter Anweisung gegeben, Beileid jeglicher Art abzugelten mit einem kräftigenden Leichenschmaus im ersten Hotel am Platze. Vorzüglicher lässt sich meine Himmelfahrt kaum bewerben.
Sinnen die Herrschaften vom Amt dann auf der Rückfahrt gar darüber nach, was für ein Mensch ich Verwaltungsakt gewesen bin? kann ich des Todes Sorge tragen für die geringstmögliche Inanspruchnahme meines Fleisches wohl als bezahlt verbuchen.

Hätte ich die Stadt je anders genutzt als zum Broterwerb, wäre mir im Taxi vielleicht zum Schreien. Besonders Shoppingmalls machen mich aggressiv, wie den Gottessohn der Folklore hier einst die Stände der Händler in seines Vaters Tempel.
Allerdings habe ich auch kein Volk zu verwalten, bin nicht der Crowdmanager, Millionen abzufüttern und sicher auf den Friedhof zu geleiten.
Realistisch gesehen, bleibt da für jeden nur ein Schlag aus der Gulaschkanone: Sex. Drugs. Rock'n'Roll.
Für die weitaus meisten gibt es da wenig zu meckern. Immerhin dünstet so eine Crowd ja Mengen an Wärme aus. Wer sich allerdings für eisige Höhen begeistert, für Todeszonen, der sollte das, was ihm zum Atmen bleibt, nicht fürs Schreien vergeuden.
Der Taxifahrer schweigt, als wir vor dem Klischee einer Absteige zum Stehen kommen. Vielleicht bereitet er sich auf Zahlungsschwierigkeiten vor, vielleicht auch nicht. Mit den vier Fünfzigern, aufgefächert in Taxifahrers Gesicht gehalten, entscheide ich mich für die Vorzüge unserer Konsumgesellschaft, stundenlanges Miteinander durch zwei Worte beenden zu können: Stimmt so!

Dass selbst in abseitigsten Unterkünften noch Fernseher bereitstehen! Elend produziert Gaffer. Gaffer produzieren Gaffer. Gaffer produzieren Elend.
Es ist eine Tragik des Fernsehwesens, Elend mit ergafften Vorderteilen zurück zu lassen, wo man die Schöpfung für Hinterteile hätte belobigen sollen.
Wie etwa jene Antlitze gerühmter Musen, obendrein noch biographisch umrahmt? Als lade ein Dichterfürst jede Hackfresse in sein Gemach, wenn deren Biographie nur genügend Pfiff hat. Würde man sich dem Führenden eines Menschen nähern, Fernsehen wäre wahrlich das Sehen bisher unerkannter Fernen, kein angepapptes Gaffen.
Brummifahrer steigen mit mir ab. Mehrbettzimmer. Schweiß. Vorkasse. Ich habe das Einzelzimmer am Ende des Ganges. Leichtes Gepäck. Preiswerte Himmelfahrt. Fortwährende Phantasien, wie es wohl ist, aufgefunden zu sein? Mein Notizbuch, in dem alles übertragen steht, an was ich jemals Gefallen fand, führe ich seit Jahren bei mir. Damit Freiheit auch Spontanität gewinnt.
Klein und knapp gehalten das Notizbuch. Hausstandsauflösern sollte man nicht dumm kommen. Arbeitshandschuhe male ich mir aus, Overalls. Ob Hausstandsauflöser handelsübliche Müllsäcke verwenden? Dann könnte jeder seinen Kram eigentlich gleich selbst entsorgen: Urlaubsfilme entwickeln, durchschauen, ab in die Tonne! Wäre mal eine Erfahrung.

Kleiderbügel aus Draht sind ehrliche Zeitgenossen. Auch mit der Funzel an der Decke meines Zimmers schloss ich gleich Freundschaft. Über Absteigen habe ich früher in Romanen gelesen. Nun bringe ich Stunden damit durch, mein Zimmer von allen Seiten zu betrachten. Zimmer sind so viel länger, als die Menschen darin. Erfahren will ich jenen Weltenraum mit der Zimmernummer 16, in den Reisende aller Epochen etwas von ihrem Gepäck hinein trugen. Ebenbilder eines Gottes vielleicht oder Pläne vom Glück.
Ich nun, Jahre, Jahrzehnte später, liege nachts auf dem Bett und füge als Reisender den Reisenden mein Stück Lebensweg hinzu. Unmöglich wohl, auf solch reinkarnierenden Wegen verloren zu gehen.
Während meines Dienstes an der Waffe etwa, genoss ich Kritzeleien auf Spinden oder Betten: "Ich war hier am..." Wehrpflichtige, wie sie Tage herunter zählten, und sich dabei eifrig im Vorausahnen dessen übten, was man zu ihrer Zeit unter Freiheit verstand.
Das Jetzt ist den Platzhaltern ihre Freiheit. Kein Trotzkopf klammert sich inniger an seinen Fetisch, als ein Platzhalter an das Jetzt. Platzhalter sind begeisterte Durchatmer und leidenschaftliche Nipper. Ihre Bleiben sind dekoriert, wie nirgends sonst auf der Welt. Augenblicke gelten den Platzhaltern als Trauben des Lebens, die erlesen und breitgetreten sein wollen. Vom Wesen her sind Platzhalter zutiefst pünktlich, immer auf den besten Rängen, stets angemessen kostümiert. Wer einen Platzhalter kennt, braucht keine Zeitansage mehr. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Frei bin ich ja nun gewesen. Erspart habe ich mir jenen kleinsten Nenner, welcher im Gemeinsinn zur Größe erhoben ist. Investitionen in die Vergänglichkeit des Gemeinen sind meine Sache nie gewesen. Kein Freak bin ich, der sich im Feuchtbiotop der Rotten und der Rudel wohl fühlt. Entsprechend hoch nun meine Zeche.
Niemand sollte sich täuschen lassen, wenn Rudel ausgelassen etwa beim Kartenspiel sitzen. Rudel sind auf der Jagd, immer auf der Jagd. Für Rudel ist das Leben eine Frage der Beute. Und niemandem ist gewiss wie den Rudelern, dass einsame Jäger des Todes sind. Wer den Rudelern also genehm sein will, der mag sie tüchtig bewirten. Keine Suppe, kein Gemüse, Fleisch!
Gewiss, bei vielen Schlachtfesten stand ich dabei mit meinem Apfelsaft, obwohl bereits das Feuer des Schwenkgrills mich beunruhigte. Ich habe Rudeler kauen sehen, nagen, reißen um ihrer Gaudi willen. Wobei vor allem junge und jüngste Gebisse Eindruck hinterließen, wie sie bereits konnten, ja, mehr Biss zeigten, als manch Altvorderer.
Im Angesicht solchen Speichelflusses, nahm ich mich zurück bis an den Fleischerhaken, zu ermessen und zu gewichten.
Der Ledereinband meines Notizbuches fühlt sich an wie der Friede auf Erden. Hunderte eng beschriebene Seiten Maße und Gewichte. Rechenschaftsbericht dessen, was viele jauchzen lässt vor Glück: Ein Mensch ist geboren!
Hier sitzt er nun, dieser Mensch. Als möblierter Herr, inmitten unbeachteter Zahlenkolonnen.
Sollen sie sich nur auf den Boulevard trauen, all jene bejauchzten Niederkünfte, Passanten Geburtstagsfotos anzudienen. Werden sehen, was passiert.
Von Sozialkapitalisten scheidet mich mein Wille zur Wahrheit. Krepieren könnt ich, wenn Leute aufmerksam tun, weil man ihnen gegenüber Aufmerksamkeit bewies. Jener Kuhhandel des einander Freunde schimpfens.
Bin ich aber Hasenherz, mir deswegen ein Rundum-Sorglos-Paket zu schnüren. Hier etwas Kino, da etwas Folklore?
Dieser Galanteriewarenhandel des Glaubens, wo man nur ins Körbchen lässt, was einen anturnt. Und die halbe Welt für wüstgläubig halten! Weder Studienrat noch Kräuterweiblein setzten mich je über heilige Waschungen an zig Ufern in Kenntnis. Eine Verständigkeit falschen Ufers, die gerade bis zum Gartenzaun hinreicht.
Oder ists am Ende bloß der Wein? Seit je als Götterblut empfunden, scheint der Wein dem Gartenzaune Flügel zu machen.
Nie habe ich die Nähe des Weines gesucht. Ich weiß nicht, wie süß Wein schmeckt und wie herb. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, von Herzen seinen Gartenzaun zu verehren. Vielleicht sollte ich mein Notizbuch lassen, Maß und Gewicht den Kaufleuten preisgeben. Vielleicht sollte ich lieber Wein erwerben?
Wein verbindet. Männer mit Frauen. Väter mit Söhnen. Väter mit Vätern. Das Diesseits dem Jenseits. Wein muss eine wundervoller Abgang Erfahrungen sein.
Wann ist es Zeit ist für den Wein? war stets mein Wagnis. Mit Wasser lässt sich leben, Wein hingegen ist Bekenntnis verschütteten Lebens. Für lau gibt es im Weine nichts. Dort am Ende wenigstens seinen Spargroschen retten zu wollen, ist Irrsinn. Dem Weine vertraut sich an, wer kein Leben mehr zu verlieren hat.

Wein ist das angemessene Gesöff zur Kultur des Abgelebten. Wer den Schlund sich wund versprochen hat, lässt ihn mit Wein wieder geschmeidig werden, neuem Publikum neue Liebesversprechen zu unterbreiten. Aus verbrannter Erde Weinberge werden lassen, Reben feuchten Glücks.

Mit Verbranntem hat es folgende Bewandtnis: Asche dringt scharf in die feinen Sinne, Gestank frisst sich durch alles Leben, Rauch vergiftet jenes letzte bisschen Atem. In solchen Katastrophen feiern die Aschkasper Auferstehung. Aschkasper gehen voran, Aschkasper haken unter, Aschkasper stimmen ein Lied an. Was ohnmächtig zur Erde fallen will, halten die Aschkasper aufrecht. Was still sich hineinsteigern möchte, befördern die Aschkasper auf den Rummel. Was verwehen mag, harken die Aschkasper säuberlich in einen Trauerrahmen. Aschkasper johlen mit Dreschflegeln auf Verbranntes ein, als wäre es Kaspers Krokodil. Aschkasper zerren das Leben fort von der Asche, und sehen doch selbst nur Asche: Asche ist ihnen allein Asche, nie, niemals Auferstehung. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

Ich stelle mich ans Waschbecken am Ende des Zimmers. Handlungsreisende bilde ich mir ein, Berufsspieler, wie sie im Morgengrauen Katzenwäsche verrichten. Ausscheidungen meines Traumwandels, die zu Kinderzeiten verblüfften und durchaus als Zeugnisse von Begabung angesehen waren. Mit einem Male aber muss ich erneut Mutters und Vaters Seebestattung gedenken. Beide im "engsten Familienkreise". Die Pelzstola. Das Gesangsbuch. Ja, es ist Zeit für den Wein.

An der Rezeption hat niemand aufgemerkt. Jenes nächtliche Kommen und Gehen der Reisenden, ihr Absteigen, ihr Fortbleiben, wer soll sich ernstlich daran stören? Man sperrt auf, wenn Obrigkeit danach verlangt, achtet amtliche Siegel, richtet her: rechtschaffener Mensch zu sein, bedarf es wenig.
"Ich suche einen Ort, wo man Wein trinken kann", gebe ich dem Taxifahrer Weisung.
"Jüngeres Publikum?"
Ein Routinier. Besser hätte ich mir meinen Fährmann ans Ufer des Weins kaum vorstellen können.
"Das Little Nietzsche wird Ihnen gefallen. Studenten. Auswärtige. Gelegenheitsnutten."
Ich gebe dem Taxifahrer fünfzig Euro Trinkgeld für die Überfahrt. Er wirkt kein bisschen verwundert. Viele alleinreisende Herren. Und die Geschichten gleichen sich.

Das Little Nietzsche ist eine jener Gaststätten, die sich selbst als "Club" verehren. Vielleicht, weil Wein umso mehr berauscht, je größer jene Welt draußen ist, die beim Wasser bleibt.
Auf dem obersten Deck eines umgebauten Parkhauses gelegen, erwarte ich vom Little Nietzsche die "harte Tür". Aber nein, man kann den Club so unkompliziert betreten wie eine Irrenanstalt des 19. Jahrhunderts.
Angenehm auch das Personal an der Garderobe, das wirkt, als habe man ihm die Zungen heraus getrennt. Wo man sein letztes bisschen Boulevard abgibt, wünscht man keine Fragen, warum man an Orten wie diesem endet?
Selten mangelt es einem Menschenleben an Taten, fast immer aber an Gründen. Ein Kopf, welcher sich zwei Händen gegenüber sieht. Der Greiffreudigkeit des Menschen wird jener Zauber nachgeredet, hinter dem aller Verstand ausgenüchtert zurück bleiben muss. Hände, wie sie sich königlichem Purpur entgegen recken. Jener seligen Hörigkeit, wo einer denkt und tausende handeln, wo einer lebt und tausende sterben. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Ein Tresen aus gebürstetem Stahl trennt mich noch vom Wein. Atemlos fahnde ich nach voll korrekten Gesten, nach Coolness fahnde ich. Aber nein, als die Reihe an mir ist, beuge ich mich zu der ausgesprochen coolen Herbergsmutter vor wie jemand Schwachsichtiges, dem seine Brille abhanden gekommen ist: "Fünfzig bin ich, keine Freundin habe ich je gehabt, keinen Tropfen Wein je getrunken, obwohl ich seit dreißig Jahren von Mutter weg bin. Abgenabelt, verstehen Sie? Schenken Sie mir bitte ein, den reinsten Wein, den Sie haben."
Wäre natürlich schön, wenn das nun nicht vorüber gegangen wäre wie die seltsamen Laute verendender Tiere. Tatsächlich aber hält ringsum keine Brustwarze inne, mir leis: Hallo! zu sagen. Und die Herbergsmutter siezt mich achtmal, ehe ein trüber roter Tropfen vor mir steht. Leben konnte ich schon nicht, sterben kann ich noch viel weniger.
Mein Weinglas als archimedischer Punkt am Speckgürtel fetten Vergnügens. Seit jeher kommt es mir schlecht, wenn Fleischfresser sich herzen. Im Little Nietzsche nun erlebt man ein volles Maß jenen Getues, das Reißzähne frech zum Lachen missbraucht. Reigen sind es, Stammestänze. Die Philosophen an den Wänden wirken wie Lustknaben gegen die Offensichtlichkeit, dass man das stillgelegte Parkhaus auch in seinem Urzustand hätte anbieten können, so lange nur genügend Buddys sich einfinden, genügend Chicks, genügend Checker. Philosophen gelten hier wenig mehr als eine Schale Erdnüsse.
Ich nippe. Schwergängiger als Wasser, anspruchsvoller im Geschmack. Mit Durst sollte man dem Wein nicht kommen. Wein ist die Perversion des Ochsen, der irgendwann nicht mehr ziehen will, sondern genießen. Da kommt es gelegen, dass man im Little Nietzsche zum Wein Muffins reicht. Ich erwerbe zweimal Blaubeere, und komme mir dabei mehr denn je vor wie ein Ochse.
Zuzulangen ist ein gemeiner Reflex auf den Hunger. Verwegene Geschmäcker fingern gar aus dem Aas, was sie als Liebe empfinden, als Liebe zum Leben. Was kundige Hände einst zu opfern verstanden, wird nun unter Applaus in den Schlund geschoben. Dabei ruhen die Finger mit eingeübter Poesie auf den Messern und auf den Forken. Munter puhlen sie in dem lang erwachsenen, dem reif gewordenen, dem zu Kraft gekommenen Reichtum der Schöpfung. Puhlen mit Händen, welche ihr feistes Äderwerk herzeigen, Hände, die mal unter die Festtafel sinken, mal zum Gebet gefaltet sind, mal sich gebärden - und die dann, in der Todeszelle, mit einem Male völlig still sind: Nach keinem Happen mehr greifen, keinen Finger mehr heben mögen. Beinahe ist es, als wären jene einst so blaublütigen Hände nie gewesen, ja, als stünde die Todeszelle regelmäßig am Beginn eines unbegreiflichen Daseins, das, wenn auch knapp bemessen, am Ende viel schwerer wiegt, als all die reichlich gehaltenen Henkersmahlzeiten banalen Menschseins. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Während ich Blaubeere mampfe, inspiziere ich parfümierte Nacken, gegelte Zotteln, balsamierte Kinnpartien. Auf welche Weise diese Welt des Nickens und Schöntuns und gut stellens wohl im Vorgange des Absamens still stehen mag? Unter röhrenden Genussmenschen liegen, deren Augen, voluminös angeschwollen, die Heimat ihrer baugesparten Höhlen ins Burleske sinken lassen. Ja, das wäre dem Genussmenschen ein schöner Fortgang seiner nächtlichen Ergüssnisse.
Ich frage bei der Herbergsmutter an, ob es im Little Nietzsche Darkrooms gibt. Nein? Dann bitte noch zweimal Blaubeere.
Zur Komik von Typen wie mir gehört es, seinen Sinnen Sinn abzuverlangen: Also tue ich meinen Ohren im Little Nietzsche Gewalt an mit, nun ja, Konversation. Gierig belausche ich Checker, welche auf den Barhockern neben mir posieren, Weinkönigin um Weinkönigin horche ich ab, It-Girl um It-Girl. Epauletten erkenne ich, Hairflips ohne Zahl. Und natürlich höre ich auch etwas. Eingelerntes, sich weltoffen gebendes. Aber keine Rede je verlässt den Rahmen gutbürgerlicher Quizshows. Über Chinchillas geht es her, über Flatrates, über Frittensaucen, über Nahost, über gutes Heilfleisch. Sozialarbeit, die keine Briefkästen braucht, nur Mülleimer.

Vor allem, was nach draußen führt, sind im Little Nietzsche schwere schwarze Vorhänge. Fenster gibt es keine. Trotzdem schleicht sich der Morgen wie eine Drohung zwischen uns Verbliebene. Die Weinköniginnen sind längst heimgeführt, Auswärtige um eine Erfahrung reicher in den Hotels. Selbst das milde Licht der Raucherlounge, dem Kaminfeuer nachempfunden, ist nicht mehr länger mit jenen Tröpfen, die sich den Abend über als Geschäftsleute untermischten. Überall herrscht entsetzlicher Männerüberschuss. Blaustrümpfe, daheim auf zwei Zimmern mit pflegebedürftiger Mutter, dürfen sich nun begehrt fühlen.
Mag sein, dass aus solchem Morgengrauen die Vorstellung eines Totentanzes ins Umgangssprachliche gelangte. Lust bekomme ich auf jene Agonie, welche Ratgeber für Alleinstehende großzügig als "Discofox" umschreiben. Den Wein lasse ich stehen. Fiebrig nun sind meine Wangen allein von der Vorstellung, mich als Sterbender mit Sterbenden zu vereinen im Discofox. Höllen zu Hüpfburgen.
In Fuchsfiguren vom Leben und vom Sterben zum Weltenall wachsen. Trance als höchste Form der Erlösung.
„Herr Doktor, ich bereite mich auf den Tod vor!“ hätte ich meinem letzten Zahnarzt gerne anvertraut, als er lange über kosmetische Verschönerungen meines Zahnbildes nachdachte.
Seit Jahrzehnten nun zwinge ich mir eine Realität auf, von deren Erkenntnis kein Spiegel peinlich berührt sein braucht.
Zuvor bewohnte ich lange die gepflegte Realität des Handelshauses und des Familienkreises. Jene Realität, in der ich aufgewachsen bin. Wo meine Ahnen Handelshäusern vorstanden, den Handelshäusern überall auf der Welt neue Märkte zu eröffnen. Stolz betrat ich diese Handelshäuser als meiner Ahnen Kind. Und wenn es Zeit war, einander „Gute Nacht“ zu wünschen, tapste ich im Schlafanzug ins Wohnzimmer, wo Freitags oft der Familienkreis unseres Gotteshauses Gast war, sich beim Wein über Minister zu beratschlagen oder über Ölkrisen. Geborgen fühlte ich mich, unsterblich.
Ob jene Realität des Handelshauses und des Familienkreises auch nur eine Altenpflegerin berührt, wenn sie mit solch Realisten kleine Abendtoilette macht?
Altenpflegerinnen, Passanten, Unbeteiligte sind mein Prüfsteine, ob jemand lebendig ist oder tot.
Viele sind sittlich ins Menschengeschlecht gefügt wie in ein Uhrwerk, wo nett auch die Räder der Nachbarschaft sich drehen, wenn erstmal eines anfängt mit dem nett sich drehen.
Was man so "Liebe" nennt, ist für mich eher ein mechanischer Prozess, den ich als wenig fordernd empfinde. Wie man jenseits des Menschengeschlechtes keine Worte dafür kennt, warum etwa Kaninchen in ihren Bauten Junge bekommen. Es passiert einfach.
Leben, das passiert, ist in seiner Klarheit der Tod, der passiert.
Sich zu finden, sich zu verlieren, im Totentanze ist es eine Lebensfreude. Das Abklatschen wird zum Herzschlagfinale. Im Totentanz kreist, was man bei Tage von den Bürgersteigen fegt. Nägel, gefeilt, blutig lackiert, haben im Totentanz nichts gemein mit räuberischen Tieren. Und den Wein empfindet dort niemand als ein letztes Abendmahl. Alles greift sich, alles lässt sich. Der menschliche Tatsch. Absätze, die klingen wie Sargnägel. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

Mir einen Aufriss suchen... In meinem Alter ist es keine Lust mehr, das Leben nach liebevoll Verpacktem zu filzen. Fort jener Kindskopf, dem es gewiss schien, auf irgendeine Weise beschert zu werden. Empfand ich früher jeden als scheinbar, ist alle Welt heute für mich eine Gelegenheit, mir die Knochen zu zertrümmern.
Seide etwa meide ich, als berge sie Brecheisen, mag Seide noch so vom Weine befleckt sich zeigen. Und von Schurwolle umwickelt ist mir der Griff der Zwillen aus Sitte und Tradition. Allein ins Bleiche gewaschene Baumwolle Bediensteter eröffnet mir Überlebenschancen. Keine Kittelschürze also, die von mir unbehelligt bleibt. Auch im Little Nietzsche.
"Feierabend?" flüchte ich mich hinab.
Das Toilettenfräulein lächelt wie jemand, der mit einem Lächeln, oder mit einem Sturmgewehr, nur gewinnen kann. Nein, sie müsse noch feucht aufwischen. Aber:
"Ende Stoßzeit in Gästebereich dürfen. Für Pause."
Einen Blechnapf Schwarzbrot hat sie vor sich, und einen Arztroman.
"Erfundene Doktoren begeistern wohl mehr als real existierende Trauerklöße", versuche ich mich im Knüpfen guter Unterhaltung.
"Vier Euro Stunde eigenes Schicksal interessant, Herr Trauerkloß."
"Und fünfzig Euro Stunde?"
Sich jemanden kaufen, es klingt bestimmender, als es ist. Umso mehr man sich schämen sollte, desto bewehrter die Worte.
Das Toilettenfräulein schiebt den Schein als Lesezeichen zwischen die Seiten des Arztromanes. Wie Geld im Automaten seine Bestimmung findet, springt das Toilettenfräulein sofort um auf jene Körpersprache bester Freundschaft.
"Nacht für Nacht Klo sauber machen von Trauerklößen. Nicht wollen denken Wirklichkeit. Trauerklöße nur auf Welt, sich erleichtern."
Im Bully eines Subunternehmers sehe ich das Toilettenfräulein kauern, wie er die Kolonne in der Frühe ablädt an Aborten mit dem Charme hunderter Ausnüchterungszellen.
Ich überreiche dem Toilettenfräulein meine Geldbörse. "Tanzen?"
Das Toilettenfräulein braucht Zeit. Misstrauen. Angst. Stolz. Was so hochkommt, wenn Fräuleins mit dem Geld älterer Herren in Berührung gelangen.
Dass ich vor meinem Besuch im Little Nietzsche ein Duschbad genommen habe, scheint am Ende ausschlaggebend. Mit spitzen Fingern entnimmt das Toilettenfräulein meiner Geldbörse einhundert Euro, entnimmt ihr zweihundert Euro.
"Als Kind nicht geträumt, werden gierig Frau aus Roman."
Mir fällt auf, um meine gequälte Gier mehr geweint zu haben, als um anderer Leute Ableben: Erst brachte ich lefzend das Wärmen wollen durch, das Mutter und Vater mir dampfend hinterließen im Kreislauf ihres Blutes, dann trat ich die Mahnungen meiner Ahnen nieder, am Ende wusste ich selbst in jene Gräber kein Grün mehr zu werfen, welche mich etwas angingen.
Stellen ich mir einen Horst vor, einen, wie ihn die Eulen herrichten, ausgeschmückt mit Blättern Literatur und mit papierner Wissenschaft, könnte ich gleich selbst als Eule diesen Horst bebrüten.
An der Vorstellung, fliegen zu können, träumt sich jedes Menschenkind wund. Allein, ich vermochte selbst in Bootcamps gegenseitigen Gut seins und auf Strömen besten Einvernehmens nicht auf meine Schmuckstücke Ewigen Lebens verzichten.
Ein verschwenderisches Bild Daseinsfreude war es mir, Insignien der Unsterblichkeit über mein Haupt zu zuzeln. Und wie ich in meinem Horst gurrte! Ich Krönung! Ich Traum vom Fliegen!
Alldieweil ich das Toilettenfräulein zur Tanzfläche geleite, summe ich jenes Lied, welches alle Gier kurz vorm Verenden aus Bettlers Munde anstimmt: „Oh liebe Nacht, oh weiser Wind, in Eurer Hand zu sein ganz tief, ist wie die Macht, ist wie das Licht, das mich ins Leben rief.“
Das Toilettenfräulein und ich, wir segeln nun mit der Gleichgültigkeit. Auf bis zur Vollständigkeit abwischbaren Flächen. Zwei Augenpaare, wie müde Höhlenwesen in den Knochen getrieben, sind von ferne unsere Zeugen. Am Rande eine Jukebox. Als Mahnung, nicht übrig zu bleiben, bis selbst die Musik kostet.
Lüge sowas. Von Beginn an Lüge. Mit Wasser taufte man mich, Wasser beschwor man mir als erste Liebe, die mich tragen werde, alle Ersoffenen flink aus dem Spielzimmer kehrend. Als wenn das Taufbecken keine Hure wäre wie etwa das Schifferklavier. Bei Kräften, trägt einen alles, lässt alles einen hochleben. Schwäche hingegen duldet selbst das Vieh nicht, das sich treu dem ergibt, der am launigsten es tritt. Morsch geworden, abfällig, muss jeder löhnen. Für die Musik, für die Liebe, jeder. Egal, wie viel "Du" ihm im Leben blühte, wie viel Jens, wie viel Sören, wie viel Thomas. Am Ende ist er Herr Soundso und hat gefälligst Pflegegeld zu berappen.
Warum nicht mit Puppen? fragen Philosophen aller Zeitalter ins Rund. Besser, durch solch stumme Genossen die Einsamkeit erkunden, als jener Wahn, um ein "Du" wissen zu wollen. Wäre auch alle Welt reich, wir würden in unserer Armseligkeit bleiben. Puppen sind das Maß der Liebe. Mehr Nähe ist nicht. Allein mehr Schmerz. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Und dennoch sorgt drohender Entzug von Liebe für mehr Linientreue, für mehr Sittlichkeit, als jede Waffengewalt. Also fördern all jene Musik gewordenen Lügereien, welche ein "Du" antäuschen, unsere Wehrkraft, sind daher mindestens staatstragend.
"Nachtclubs empfinde ich als aufgebrezelte Umerziehungslager!" raune ich dem Toilettenfräulein zu.
"Umziehen?" Ob sie ihren Kittel ablegen solle? begegnet mir das Toilettenfräulein dienstbeflissen.
Das Toilettenfräulein scheint zu begreifen, dass hier niemand Schabernack mit dem Gesinde sucht, sondern dass jemand todernst seinem Wehrdienst am Weib entkommen will. Mit einem Toilettenfräulein zu Sternen, welche allein vom Wind wissen und vom Traumwandel.
Ich gebe der Jukebox Silber. Für einen Oldie, den ich am ersten Abend meines Wehrdienstes hörte, dreißig Jahre her. Von Sunglasses handelt der Oldie, von Stränden und von Liebe sowieso. Angemessener Trauerrahmen, finde ich, um in einen Sonnenaufgang zu tanzen, der mir nicht und nichts mehr gilt - und dem Toilettenfräulein wohl auch nicht mehr.
Das Toilettenfräulein hellt auf, kaum dass erste Takte sonnenbebrillter Liebe durchs Little Nietzsche klingen. Als flammten mit einem Male hundert Kerzen im Rund der Erinnerungen des Toilettenfräuleins.
Das Toilettenfräulein nimmt mich bei der Hand: Komm!
Wir tanzen. Jeder für sich. Abgenagt von Träumen, mühen wir uns durch eine fahle Vergangenheit aus hundert herunter gebrannten Kerzen.
Auf dem Sterbebett, da gibt es einiges zu erinnern. All jene Körperöffnungen, die man genossen, während sich einem das Herz ergoss. Fortgeschenkt und abgeflammt. Hand angelegt, bis das Leben allein wenige Augenblicke noch arm war. Drüber schwadronieren, zärtlich, tönend, zischend, dass wirklich nichts mehr dabei heraus kommt - und dann selbst hinein kommen. Als Stilzchen geradewegs zurück ist in den Mutterleib. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
"Mehr Frieden jetzt?" emsig bemüht das Toilettenfräulein. Als wolle es kurz vor Ladenschluss das Preis-Leistungs-Verhältnis des Little Nietzsche, ja, des Weltenalls in tanzbares Licht rücken.
"Hauptsache bewegen", ich tippe mir gegen die Stirn: "Der Kopf passt sich den Bewegungen an."
Wenn es für mich ein Wunder gab auf Erden, ist es das der Gewöhnung, dass Leben sich allen möglichen Realitäten anpasst. Im Knast "schwul" gemacht zu werden, wäre vielleicht eine Erfahrung gewesen, oder sich vor Hunger über Leichen herzumachen.
"Kopf flexibel, jawohl. Werden nicht gleich alt." Das Toilettenfräulein tut, als hätte es einen langen Bart. "Jahr sauber machen wie fünf nur dreckig machen Leben."
Der letzte Refrain. Vorbei. Morgen wird ein anderer Hagestolz hier stehen, ein anderes Toilettenfräulein. Uns bleibt nur der Kehraus: "Feucht aufwischen jetzt."
Ich biete dem Toilettenfräulein nicht an, vorm Little Nietzsche zu warten, bis es aufgewischt hat. Mit dem Bully eines Subunternehmers wartet auf das Toilettenfräulein mehr, als zwei Menschen einander geben können. Wie Tiere merken wir noch einmal auf, das andere zu horchen, zu riechen, zu erspähen, bevor jedes sich tiefer in seinen Wald Schicksal vertieft.

Werktätige füllen bereits das Straßenbild, das vom Nachtleben hinterlassen wurde. Reste angesoffenen Glücks sind rasch fortgeschafft. In Container. In Eimer. In die Minnas der Obrigkeit.
Ob Reisender, ob Weinkönigin, was seinen Auftritt hatte im Budenzauber hunderter Amüsiermeilen, muss nun Seligkeit um Seligkeit als abgelebt verbuchen. Ein Kontierungsbuch, dessen Summe nie genügt.
Grausam, seinem Körper nicht von außen beim Verrecken zuschauen zu können, sondern gefangen zu sein in dessen lebenslangen Todeskampf.
Ich lasse mich vom Strom der Werktätigen treiben, hinein in Bahnen und Busse, bis letzte Rinnsale zwischen den Backsteinen der Stores versiegen.
Mit dem Blute hat es eine seltsame Bewandtnis. Schon sein schierer Fluss mag manch Väterchen zu Wallung verhelfen. Verzweigt das Blut sich aber, mischt und versippt es sich, so hält Väterchen es dampfend noch in die Höhe: Ein Mensch ist geboren! Jener stiere Blick, der nie weiter reicht, als Väterchens Füße tragen. Dem Blute vertraut sich an, wer dem Blute gegenüber blind ist. Blut krönt des Bullens Würde, weist dem Keiler sein Revier, vertritt eines Hengstes Sache. Welch Kultur aber fällt nieder vor kopulierenden Göttern? Mag Väterchen tanzen um seinen Haufen: Was zur Erde geworfen wie Stein, ist nicht gezeugt. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Während Werktätiges sich erschöpft in der Missionarsstellung, bin ich mit meiner Sehnsucht nach einer Mission stets zu zäh gewesen, einfach so versiegen zu können.
Unvollendet lungere ich inmitten von als wahrhaftig angesehenen Lebensläufen, die aus dem Gröbsten herausbringen, was ihnen zufällt. Jene Stubenreinheit, mit der man getrost sonnenklar werden kann an den Urlaubsstränden der Welt.
Liebe machen geht auch im Polizeistaat. Milchschaum löffeln, nett beisammen sitzen, Grillsaison eröffnen: alles möglich.
Morgens, halb zehn in Deutschland, wenn selbst die Kleinsten auf dem Spielplatz ihr Tagewerk verrichten, bekommt Freiheit vor lauter Freiheit Lust, in staatliche Obhut genommen zu sein: Geschlossene, durchregulierte Menschengärten, mit tüchtigem Eisen vor den Fenstern, von wo aus man bequem nach Freiheit brüllen kann.
Im Verhör erhört sein, sich öffnen, sich ergründet fühlen, jedes Wort protokolliert wissen. Alles wegen eines Tuns, das vielleicht Laune macht. Schwarzleben, jenseits von Geburt und Gott. Kicks, die kein Weinkeller zu berichten weiß.
Während Seelenfänger sich selten ins Seichte verirren, dümpeln Freundeskreiser im Nahebei. Ein Schwärmen und Krebsen ist des Freundeskreisers Sozialkapitalismus. Der Absacker, die Stampe, das Schifferklavier: Hauptsache, es gibt gut was auf die Ohren. Anschließend im Morgengrauen gemeinsam zu kotzen, wird vom Freundeskreiser eher als verbindend empfunden. Seite an Seite, knöcheltief, immer Grund vor Augen. Auf solch Standpunkte kehrt der Freundeskreiser entschieden zurück. Trifft man den Freundeskreiser ausnahmsweise wankend, ist das Leben ihm ausnahmsloser Schwindel. Jahrzehnte seines Sozialkapitalismus mag der Freundeskreiser an fahrendes Volk vergeuden, als wäre alles ein Handeln mit Luft. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Klug erscheinen mir Sympathisanten, welche es gerade so im Mittel halten. Sympathisanten sind jener prälatengrüner Schein auf Radaren, wo unser Weltenall durchwirkt ist von fanatischem Schwarz. Nicht Lustobjekt greiffreudiger Sitten, aber observiert, derweil Massen vor religiösem Schnitzwerk nach einem Hirten kreischen.
Ohne Hirten keine Heimat, ohne Herde kein Weg dorthin. Was mit Steinen hochgezogen, als Versuch eines Zuhauses, ist keine Hundehütte wert, treten nicht Rituale hinzu, Sitten und Tabus. Das Eigenheim schenkt allein dem Hirten Frieden, die Herde aber bedarf des Fremdheimes.
Dem erstbesten Tempel könnte man sich zu Füßen werfen, in zehn, zwanzig Jahren noch, man wäre sogleich eingeboren, getauft, beheimatet. Allein, es langt nicht, sein Fleisch zu Boden gehen zu lassen. Viele Aufrechte erkannte ich, deren Gemüter nirgendwo anders je waren, als im Staub eines Tempels. Hingegen ich mich wundknien könnte, ohne auch nur zu spüren, was man "Anschluss finden" nennt.
Das Milieu um den Hauptbahnhof leuchtet mir ein als letzte Möglichkeit, Fürsorge zu erfahren. Fürsorge, wie man sie Wildem angedeihen lässt, das irre ging in seiner Freiheit. Fürsorge, an deren Ende Zählvieh steht, Nutzvieh oder Schlachtvieh. Möglich, dass Fürsorge beginnt mit Ohrmarken, mit eingebrannten Nummern, dass man anderen erst geheuer wird, wenn man derart katalogisiert ist.
Schlecht stehen meine Chancen gewiss nicht, am Hauptbahnhof auf solche Weise einvernommen zu werden: Security. Kameras. Polizei, die mit bloßem Wink nach Papieren verlangt. Vielleicht sollte ich Zigarettenkippen auflesen. In der Hoffnung, dass Zigarettenkippen von der Security eingezogen werden als Eigentum des Hauptbahnhofes. Mich des Platzes verweisen - und mir von väterlicher Hand Stubenarrest erteilen lassen.
Unentschlossen lächle ich in jede Überwachungskamera, die ich erspähe. Mal winke ich auch hinauf. Aber ehr angedeutet, eher wie ein Kitz, das alle Viere entdeckt. Allgemein ist man wohl ziemlich scheu, was Kameras betrifft, die aufmerksamen Stahlhelmen gleichen.
Vielleicht merkt am anderen Ende dennoch jemand auf von einer Brotzeit, schaut hin, ruft herbei... Wahrscheinlich aber kaut er getrost seine Stulle Teewurst weiter: "Penner."
Mir Spielzeugpistolen verschaffen, auf das zweite Frühstück hinter den Stahlhelmen zielen, ich getraue es mich nicht. Auch zum Stinkefinger fehlt mir der Todesmut. Elender Streichelzoo in mir, wo alles Bitte! muht und Danke! mäht. Zu mehr, als Haltung anzunehmen, bin ich wohl nicht geboren. Ein Stillgestanden! das man im Rahmen der Waidgerechtigkeit zum Abschuss freigibt. Befehltes, welches gewiss niemand hegen will.
Naturgeil sein, ich stelle es mir wunderschön vor. Röhrend aus dem Unterholz brechen, statt Wichsvorlagen in Klarsichthüllen hüten. Allein jener Stolz, mit dem naturgeile Menschen sich am Mittagstisch Kartoffeln nehmen, lässt mich ins Elend sinken.
Ich bin! weiß der naturgeile Mensch, derweil ich bibbere unter meiner Nichtigkeit. Ich liebe! weiß der naturgeile Mensch, während ich mich hasse für jeden Happen Fleisch.
Naturgeile Menschen leben die Welt wie eine Scheibe, auf deren Mitte sie, nun ja, naturgeil sind, während an den Rändern alles fallen muss, weil die Welt eben eine Scheibe ist. Das Leben als Sänfte, welche naturgeile Menschen durch alle Spielarten der Lustbarkeit trägt.
Beziehungen, wenn sie gelingen wollen, überzeugen durch Geringfügigkeit. Etwa zwischen Herrn und Hund. Einer macht den Zwinger, der andere sorgt für Zauber. Pfötchen geben, zur rechten Zeit bellen, mehr ist im Dasein des Zwingers selten notwendig. Dem Zauber obliegt es, daraus ein Maulheldentum zweier Gefährten zu machen, die selbst im Sturme... ja, Zwingers Zauber ist beliebtes, ist erhabenes Gesellschaftsspiel. Wie sollte Nähe anders möglich sein, ohne Leine, ohne Maulkorb, ohne Napf? Aufmerksam sein ist wundervoll einfach, bindet man etwas um den Hals des zur Aufmerksamkeit Bestimmten, das Luft nach Belieben abwürgt oder herschenkt. Jenes knapp angebundene Sein, das Männchen machen lässt, verbindlichstes Vertrauen überhaupt erst ermöglicht.
Wer also Nähe spüren will, Nähe, Nähe, Nähe, der mag ausgeschmückte Obergeschosse meiden und stattdessen neugierig sein auf redlich ausgebauten Keller. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

Dagegen ich Wicht, dem das Leben anhängt wie ein Mühlstein. Ziehe mich durch Bahnhöfe mit der Verlegenheit von Abfall, während dem Naturgeilen jedes Reinstecken ein Mausoleum ist.
Nichtigkeiten durch Lümmeltüten begehen, Karneval im Schoße feiern, das bietet der dem Lustwandel gewidmete Teil des Bahnhofes.
Mit jedem Stück Ladenzeile ist mir blümeranter. Stumpfsinn, wie er sich durch Eingeweide wühlt. Fortgänge in andere Leben werden mir so zur Legende auf dem Gebäudeplan.
Wie etwa jene ausgestreckte Hand, rot umrandet, hinter der ein warnender Mund gemalt ist? Angebracht vor zwei Galerien, welche die Höhe über den Gleisen markieren. Kein großer Vogel mehr notwendig, sich rasch im Hochspannenden zu finden, es Gleich- wie Wechselmütigen mit Strom zu besorgen.
Dankbar registriere ich, dass von all der abgespritzten Konsumfreude wenigstens die Spielhalle im Obergeschoss des Bahnhofes mich erregt. Honigfarben abgeklebte Schaufenster, mit schlüpfrigen Harlekinen darauf. Weithin sichtbar hält die Spielhalle Hof, noch dem letzten Flaschensammler seine paar Cent streitig zu machen.
Mir bedeutet die Spielhalle einen Erguss an Erinnerungen. Zurück ins Ferkelglück, als man mich für Groschen Brötchen holen hieß.
Vorbei an einer honigfarbenen Spielhalle führte mein Weg. Fehl am Platze erschien mir Kindskopf der Harlekin. Schwerlich konnte ich den Harlekin Spaß haben sehen mit jenen kittelgeschürzten Omchens nebenan, die mich an sonntäglichem Brot erwerben ließen, was ich von Mutters Zettel vortrug. Ich glaubte zu spüren, dass der Harlekin niemals gutgeheißen wurde in Angelegenheiten, die von Schrot und von Korn handelten.
Viel sonntägliches Brot wurde seither erworben, viel Kittelgeschürztes zu Grabe getragen, der Harlekin meiner Kindertage aber, der grinst immer noch. Als wäre ich eben erst mit ein paar Groschen im Herzen an ihm vorbei.
Neben Abfallbehältnissen, gegenüber der Spielhalle, beziehe ich Posten. Bevor ich vom Harlekin übertrumpft werde, will ich mich einige Herzschläge weit einstimmen, nunmehr jene Bewandtnis zu haben, wie all die Farbenfreude, für die in Kinderzimmern kein Raum mehr ist.
Besonders dem marmeladeroten Spielzeuglaster fühle ich mich anverwandt. Einst fand mein Kinderdasein kaum zur Ruhe, wenn der marmeladenrote Spielzeuglaster nicht an des Kinderdaseins Schlafstätte parkte, so nahe wie irgend möglich. Meine ersten Liebesnächte.
Wohl niemand unter uns, der während seiner Sonntage als Kind unbeeindruckt blieb von den Kulleraugen eines Plüschtieres. Völlig ohne Gehalt die Kulleraugen, waren uns Plüschtiere doch wichtiger als die Welt.
Nun behauptet natürlich jeder, er sei den Plüschtieren entwachsen, jenen Behältnissen kindlicher Sehnsucht. Wahrscheinlich ist es aber so, dass wir uns nur andere Verrichtungsgehilfen gesucht haben. Vom gemeinen Nutz- und Hausvieh könnte hier die Rede gehen, mit welcher Hingabe Hunde, Katzen, Ratten gepäppelt werden. Schauen wir darüberhinaus auf das Beuteschema eines Triebtäters - rote Haare, Füße von Geishas - können wir uns geschwind auch Menschen als den Plüsch unseres Daseins vorstellen. Wie wir keinen Schlaf mehr finden, wenn man unserem Bettchen ein besonders kulleräugiges Exemplar der Gattung Mensch entnimmt. Lustprinzipien, stärker als die Furcht vor dem Tode. Kein Plüsch, kein Leben.
Einer Dichterlaune entsinne ich mich neben den Abfallbehältnissen, dass der Mensch erst Mensch ist, wenn er spielt. Als könne man seinen Lebtag verbringen mit einem Frisbee am Strand.
Lässt man Menschenkindern die Wahl, entscheidet jedes sich für Orte, die ihm "Glück" verheißen und "Liebe".
Da aber jedes Menschenkind einzigartig ist, sind die Orte seines Glücks und seiner Liebe für andere Menschenkinder schwerlich erfahrbar. Und so wundert sich das Menschenkind, an den Orten seines Glücks und seiner Liebe unverstanden und einsam zurück zu bleiben.
Ich erkenne auf unserer Welt nur eine Ebene, wo alle Menschenkinder einander berühren. Die Ebene des Todes.
Nie habe ich jenen wundervollen Klang von Rattenfängern gehabt, Menschenkinder zum Glück zu verführen und zur Liebe. Selbst fast noch ein Kind, wusste ich bereits von Interviews mit Sterbenden zu berichten.
Vielleicht wäre ich verführt worden, hätten Mädchen auf dem Schulhof mit wundervollen Stimmen Begeisterung geheuchelt für mein Glück im Schachverein, für meine Liebe zu den Großmeistern dieses Geistessports. So aber wusste das Kind bereits vom Greis, der auf einem Plunder aus Glück und Liebe zurückbleibt, wertvoll höchstens für ebenso zurück gebliebene Greise aus dem Schachverein.
Hingegen ich auf meiner Ebene des Todes über allem Verblühen thronte. Vom Tode aus gesehen, war mir wenig der Beachtung wert. In meiner Hochhausbutze verspürte ich nie das Verlangen, mich nach Feierabend wie ein Hündchen "auszuführen". Im 6. Stock ruhte ich über die Dächern der Stadt und ließ den Sonnenuntergang meinen Lehrmeister sein.
Ein Wolkenkuckucksheim, eine Heimat im Sternenmeer, ist meine Strafe also nicht. Händchenhaltend mit der Letztendlichkeit, ohne beladen zu sein von Koffern voll Asche.
Aber, da will ich die Leserinnen und Leser nicht belügen, mir graut vor dem Übergange. In Jahrzehnten ist viel Fleisch an mein Herz gewachsen. Konnte ich all das viele Fleisch einst für kulleräugigen Plüsch entbehren, ist es nun zähe Panzerung, selbst gegen die ehrvollsten Gründe einer reinlichen Trennung vom Herzen.
Nun verhält es sich mit meinem Fleische aber wie mit allem Hausvieh, dem tausend Worte nicht halb so viel sind wie eine Hand, die das Stöckchen schwingt. Des Fleisches Wachsamkeit überwinden im Spiele. Als würde ich zum Genickschuss ansetzen bei jemanden, dem gerade beide Arme hochfliegen, ein Tor zu bejubeln.
Entschlossen begebe ich mich daher ins Herz des Harlekins, all das von mir, was schreien könnte vor Furcht, mit dem Honig des Nonsens zu ertränken.

Als ich direkt hinter der Fassade des Harlekins, in dessen Kassenhäuschen, ein kittelgeschürztes Omchen erblicke, bin ich peinlich berührt wie jemand nur sein kann, dem geschätzte zweiundvierzig Jahre etwas Verlogenes vor Augen stand. Als Kind voll Ehrfurcht sonntägliches Brot erworben zu haben von fromm tuenden Puffmüttern, die meine Brötchengroschen wohl ohne Umwege nach nebenan zum Harlekin trugen, es betrifft mich derart, dass die Puffmutter im Kassenhäuschen zusammen zuckt vor meiner Schamesröte.
Und dennoch fühle ich mich verloren, keinen Einkaufszettel meiner Mutter mehr bei mir zu haben. Mag Mutters Einkaufzettel auch zum Spotte des honigfarbenen Harlekins gewesen sein, es war wenigstens keine so einsame Schande wie jetzt.
Kehrt machen will ich, mich der Wahrheit der Puffmütter mit beiden Händen vor den Augen entziehen.
"Wollen Sie die letzte Spielhalle vor Ihrem Tod wirklich versäumen?" flüstert es in meinem Kopf. Eine im Grunde genommen gleichgültige Handreichung des Traumwandels, Pein zu verringern. Dennoch kein Labsal, mich Kind insoweit verloren zu haben, dass es per Sie ist mit meinem Hier und Heute.
Rasch bilde ich mir den Geschlechtsreifenden ein als Lichtbild längst vergangener Urlaube. Kurze Hosen, die sich am Winter nicht stören. Und ich bin gewiss in keiner Hochlage mehr, die Gefährten, welche mein Traumwandel mir zur Seite stellt, als "krank" abzutun. Eher tue ich gut daran, das mir verbliebene bisschen Einbildungskraft zusammen zu kratzen. Anderen ihre Schutzengel, mir meinen Geschlechtsreifenden. Ein total normaler Shake unseres Bewusstseins. Amen.
"Schön, dass Du jetzt bei mir bist", flüstere ich meinem Lichtbild vom Geschlechtsreifenden zu.
Die Puffmutter ist sichtlich bestürzt, als ich - giftrote Wangen, immer wieder beiseite flüsternd - mich ihrer von neuem annehme, nach einem späten Frühstück für zwei Personen zu verlangen.
Brötchen mit Sesam schlemmen wir, Brötchen mit Mohn, dazu Körbchen voll Portionen Nuss-Nougat Creme. Nebenbei füttern wir eine Reihe Daddelautomaten mit jenen Summen, die notwendig sind, uns in puffmütterlicher Ruhe frühstücken zu lassen.
"Kein Spielzimmer hier."
"Mutter und Vater mussten auch fortwährend Geld nachwerfen, sonst hätten wir uns finster mit Tannenzapfen begnügt, mit Kieselsteinen oder mit dem Quälen von Kleinvieh, statt uns bimmelnd zu drehen, und so Mutter wie Vater wohlzugefallen", stellt der Geschlechtsreifende fest.
"Da waren wir die Automaten." An einen Tivoli denke ich, wo stolze Eltern ihrer Brut Geldscheine in den Slip stecken.
"Puffmütter gab es auch, darüber zu wachen, dass Mutter und Vater nicht jene Fürsorge verloren, uns weiter anschaffen gehen zu lassen auf dem Strich für Tagelöhner."
"Geschrien haben wir, jawohl, wenn der marmeladenrote Laster nicht neben unserem Bettchen stand."
"Wollen wir einen neuen kaufen?"
"Das wärs, dass marmeladenrote Laster weiterhin vermögen, uns Schlaf zu schenken!"
"Und schreien können wir kaum mehr."
"Wenn wir dafür wenigstens für zwei Personen essen könnten."
"Im Fraße, ja, da hat der Mund zu tun, beide Hände sind beschäftigt, die Füße still... Stellt man es gescheit an, dämmert unser Kopf im Fraße völlig tatenlos durch die Gänge."
"Gab schon immer mehr Köche als Philosophen."
"Sind wir Köche?"
"Wir sind philosophische Mitesser."
"Wir sind fertig!"
Schon setzt die Puffmutter sich in Bewegung, abzuräumen. Genügend Trinkgeld ist dabei, Bestürzung in wahre Puffmütterlichkeit zu wandeln. Beinahe zärtlich, wie sie die Teller ineinander stellt, sich unserer Krumen annimmt.
Ob je einer Menschenseele gelungen ist, sich derart vollendet zu entfernen vom Tisch des Lebens?
Keinen Kehricht hinterlassen an verrentetem Krümelkrams aus abgelebten Spiegelreflexen und erblindeten Objektiven. Vor lauter Lichtbildern Zurückgebliebenes, geschleppt in verheuchelte Kreise, in denen allein weggestorben werden kann, kleingepflegt auf wahllose Habseligkeiten. Jener Kehricht aus Scharmützeln und Kriegen, der dazu nötigt, den Tisch des Lebens fortwährend neu zu decken.
Wo Besen und Schaufeln für Ordnung sorgen, gilt kein Leben mehr als ein Fiebertraum. Nichts, was sich im Straßenbild walzender Bürsten vom Abfall scheidet.
Regelmäßig verdeutlichen sich unserer Existenz nur Kleckse jener leicht verderblichen "Schnitten", welche den Rahmen menschlichen Nichts füllen. Schnitten, die, sind sie einmal verdorben, gleich üblem Geruch aus unseren Sinnen schwinden.
Schwer erlebbar scheint eine Tugend der Mindesthaltbarkeit, welche alles Sein als marktreif erkennt. Stattdessen jener Alltag, der darum bitten muss, den Sender zu wechseln: man fresse gerade.
Leben gilt nichts, wenn es lauter Rücken sieht. Mögen wir uns auch meisterhaft darauf verstehen, den Rücken Traumgesichter aufzumalen. Führendes Traumgesicht bei Tage ist das Antlitz eines Gottes, der seine Zeit damit durchbringt, unser Tun zu beurteilen. Gegen Abend hin dann das Traumbild eines Jüngsten Gerichts. Hoch in den Wolken, mit Engeln und Teufeln und Lämmern und Löwen: Das versammelte Himmelrund hört uns an, wie gütig wir im Leben etwa mit Strichern umgegangen sind.
Ohne fortwährend Traumgesichter auf anderer Leute Rücken zu malen, würden wir uns selbst in frischester Anrichte als einen Kehricht erkennen, welcher den Tisch des Lebens gewiss nicht schmückt.

Zweifelsohne gehören Spielhallen zu den Hauptgängen menschlichen Seins. Hoffnung verwandelt in Arbeitskraft, verwandelt in Vermögen, verwandelt in Hoffnung. Daddelautomaten wie Opferstöcke, in deren Zentrum Triumvirate aus Harlekinen, Himbeeren, Honigtöpfen sich als Räder des Lebens behaupten, während außer Haus Dreifaltigkeiten mit Knechten, Kartoffeln, Krautstampfern wesentlich weniger herzeigen, was den Weg zur Glückseligkeit betrifft.
Nachempfunden sind Spielhallen dem Taumeln unseres Daseins, seinem Wanken, seinem Irren. Alles bereitet, Menschen zu Händen zu degradieren.
Spielhallen sind durchdrungen vom Zauber verrichteten Lebens: Gewinne aufsummieren, Verluste maßvoll einbeziehen, dass dabei runde Summen herausschauen, mag auch stets ein Herrgott sein Scherflein hinzutun müssen.
Sorgsam geführte Kladden, die von Kindern wissen wie von Liebesnächten, von Reisen, von Karrierehopsern und von Herzsprüngen. Automobile stehen dort im rechten Licht, getrennt nach Typ und nach Kaufdatum, ebenso Heimstätten in Eigenarbeit, sowie Sternstunden des Fußballrunds. Zärtlich mit einem Gummiband umwickelt und neben Daddelautomaten gelegt: Fertig.
"Jedes Erdhörnchen heiligt das Leben mehr!" Um es einmal ins Rund gerufen zu haben, sich gefälligst nicht um seine Scham zu bekümmern und auch keinen Tand im Fleisch zu dulden. Neben dem Geschlechtsreifenden und mir, ist aber allein die Puffmutter vor Ort. Und weder mag ich die Puffmutter eines Intimpiercings bezichtigen, noch unterstelle ich ihr, dass sie ihren Schoß brasilianisch wachsen lässt. Gewiss orientiert nicht jede Puffmutter sich am Erdhörnchen, dennoch fällt auf, wie wenig Hege der puffmütterlichen Lustgrotte zuteil wird. Und nach unserem Trinkgeld eben, ist die Verständigkeit hier wohl eh kaum mehr zu erschüttern.
Stopft Eure Lebtage mit Geld! als klingende Regieanweisung, betont jeden Cut in seiner Vergänglichkeit.
Die Puffmutter entspricht meinem lauthalsen Tun denn auch mit einem Nicken: Ob wir Getränkewünsche hätten? "Wir", die Puffmutter sagt: "Wir." Als wäre das erbetene Frühstück für zwei Beweis genug, und "wir" ihr nun ersichtlich wie geläufig. Eine Hand Trinkgeld langt hin, Irre in Wahrsager zu wandeln. Angeschmiert haben wir uns dem Leben, statt ihm zu entgleiten.
Alles drängt nach Aktion, während man sich in Aktion wähnt. Die Nacht, den Morgen über, immer bewegt. Jahrzehnte ist man an Gaststätten wie dem Little Nietzsche vorbei, hat nüchtern einen Bogen um Spielhallen gezogen. Ohne Bedürfnisse, ja, Notdurften in Erwägung zu ziehen. Dann endlich nimmt man Anlauf, nächtelang, tritt ein, ist entschlossen - und verdämmert wie mit Pestilenz geschlagenes Vieh.
Jenes Muster angeblichen Erlebens, simple Sachverhalte zu komplizieren, um so am Ende als Leistung zu begreifen, was an Zufällen abgekotet im Weg lag. Drei Dates Straight Edge für einen Fick.
"Kennen Sie das auch?" erkunden wir die Puffmutter in ihrem Kabäuschen, "fort rennen zu wollen, von jetzt auf gleich."
Wo wir hindächten? Sie sei eine Puffmutter, brauche das Geld. Nie habe sie ihre Pussy getrimmt, falls man darauf hinauswolle.
Eigenheiten im Wesen der Puffmutter treten vor zum Appell. Wie gewitzte Bengel, welche ihren Lehrkörper karikieren als einen Zoo Nilpferde und Krokodile. Aber der Puffmutter in ihrem Kabäuschen ist nicht mehr nach lustig. Eher scheint sie am Beginn furchtbaren Erwachens zu stehen. Vergleichbar vielleicht, wie wenn man sich unverhofft einem Mob ausgesetzt sieht.
Anstelle etwas offensichtlicher Kabäuschen, lassen sich mit fortschreitender Wissenschaft bestimmt planetenartige Gehege bauen, ohne dass auch nur ein Lebewesen fühlt, auf den Kopf gestellt zu sein. Hingehängt in ein Zirkuszelt Herrschender, frei von Gittern, kann geflohen werden, wie man will, Schwerkraft hält alles stets im Rund. Am Ende ist alles emsig das Weite Suchende wieder an jener Futterstelle, von wo aufgeweckt die Flucht begann. Glubschäugiges Umschauen unter dem Gelächter Herrschender, bevor das Heimgeirrten sich gierig über Näpfe und Tröge beugen, neue Wraps probieren.
Beinahe panisch fahnden der Geschlechtsreifende und ich nun nach einem Hungergefühl. Jenes "wenigstens etwas", das sich befrieden lässt. Frisch abgefrühstückt, wie wir sind, schützt uns in der Spielhalle kein wie auch immer gearteter Hunger vor dem allzeit möglichen Auftrumpfen honigfarbener Harlekins.
Mit einem Male aber grinst der Geschlechtsreifende, als hätte er einen Tunnel erspäht, uns geradewegs ins Überleben zu führen.
"Wohin?"
"Zur Dirne."

Nachmittag ist es, als wir uns an jenem Menschenabfluss des Hauptbahnhofes wiederfinden, von wo aus man auf Hotels zutreibt, auf Absteigen, auf stundenweise mietbare Zimmer. Zu stranden in gelbstichiger Sünde, in weiß gestrichenen Harm.
Obwohl die Spielhalle wenige Schritte hinter dem Geschlechtsreifenden und mir liegt, unser Abschied von der Puffmutter keine fünf Minuten her ist, fühlt das soeben Vergangene sich an, als wäre es nicht abgelebt, sondern dem Erinnern aufgeklebt. Wie wenn unser Innerstes einen Laufzettel herzeigt: Drei Stationen noch bis Himmelfahrt.
Angst, jetzt doch. Wir schauen einander an, ob wir aus den drei Stationen vielleicht dreißig machen können? Geld wäre da, für dreißig Stationen jedenfalls, für dreihundert möglicherweise.
Sich einmieten, preiswert, unseren Entschluss überdenken, abermals und nochmals überdenken, über und über überdenken. Würde uns um unseres Friedens willen nur mehr einfallen, als dem Vieh auf seinen Weiden. Jetzt zur Dirne, das gleicht einer Kapitulation, ist des fetten Bocks finale Mast.
Fleischeslust macht bang, das zu sein, was man ist. Selten ein Stehender, der erschlaffen mag. Kein geiler Keiler geht heim, ohne je gefleht zu haben um Sieg und um Heil. Bloße Idee des Lebens will Geilheit nicht gewesen sein. Geilheit will nicht lesen, noch bevor sie Buchstabieren lernt.
Schwarz vor Erkenntnis sein, blutlos im Drang, ist des Bestehenden Verderben. Formvollendete geil, ohne jede Bedeutung, ist jener sich steigernde Pfeil, Leben zu scheiden vom Tode.
"Soll ich Sie mit Ihrem Eis fotografieren?"
Uns war nicht bewusst, die sahnige Potenz entrückter Globetrotter ins Milieu zu tragen. Eher wollten wir dem Freier so Lebensfreude andichten, Signale leckender Lust. Tatsächlich muss mit Süßspeise vorm Herzen wohl niemand lange Bordstein schleichen.
Ein vielversprechendes Schauspiel käuflicher Liebe, das sich uns da für gemeinsame Lichtbilder andient, mit roten Haaren und kräftigen Flanken ins Bahnhofsmilieu gezeichnet. Wohl auf den Strich genau von jenen stärkenden Pulvern, welche auch im Little Nietzsche gehandelt werden als "Überdosis Leben".
Der Geschlechtsreifende macht nun die Anstalten. Keine Rede mehr davon, unser Menschsein in irgendeiner Weise zu krönen. Jetzt wollen wir auf den Affen. Möglichst so, dass jeder Affe still beiseite steht, welch Treiben da in sein Gehege vorgedrungen ist?
Mögen uns Affenmännchen an Geilheit kaum nachstehen, so mangelt es ihnen jedoch an List und an Heimtücke, einen Schoß nachhaltig zu öffnen.
"Wer mag jetzt noch an Eis denken!"
Der Geschlechtsreifende lässt die Waffel senkrecht aufs Trottoire fallen. Eine nicht unangenehme Atmosphäre der Erkenntnis, wie zerbrechlich jene Schokoladenseite des Lebens ist.
"Wir können uns verloben!" entzückt sich der Geschlechtsreifende. "Wir können Stunden miteinander verbringen, Tage: wie es der Gang Ihrer Geschäfte erlaubt."
Schließlich und endlich sei einem ja soeben jene Gefährtin erschienen, um derentwillen man sich in jeder Kirche des Landes habe scheren lassen.
Die rotbehaarte Dirne wirkt, als sei in ihr etwas angeknipst worden. Auf nicht ungefährlichem Terrain scheinen wir mit Freiersfüßen Sicherheit erworben zu haben. Nachkobern sollte zwischen uns kein Thema sein.
Wo man hingehen könne, den weiteren Verlauf des Tages beratschlagen?
Die Dirne schlägt einen gut einsehbaren Streifen Park vor, mit frühlingsgrün gestrichenen Bänken, auf denen man es gerne ruhig angehen lässt, was gegenseitige Sympathie und Fürsorge betrifft.
Jenes Wohlgefühl unter Viechern, dass es mit Fressen, Auslauf, Toilette getan ist, bleibt einem unter Menschen verwehrt, mag man seiner Sache noch so sicher sein, dass es der Welt zum Glück genügt, täglich ihre vier, fünf Stunden Glotze reingeschüttet zu bekommen.
Auf schwülen Basaren des Gebens und des Nehmens kommen Dirnen als Heilsbringerinnen daher, vom Busen bis zu den Flanken mit Preisschildern ausgezeichnet. Der zeitlos beliebte Griff in den Schritt wird so zum Glücksgriff.
Fünfzig Euro, noch bevor wir auf einer Parkbank in Verhandlungen treten. Als Dankeschön, mit der rotbehaarten Dirne rechte Pfade zu wandeln. Die Lebenskunst, die in mir zur Vollendung drängt, will walten, nicht gefallen. Spräche ich nur ein Wort um der Erregung meines Herzens willen, bliebe ich Laune der Natur.
Auch wenn der Geschlechtsreifende seine dicke Hose einbringt, während die rotbehaarte Dirne allein auf Andeutungen eines Mantels und ihr wollenes Leibchen setzt: wie wir so nett beieinander sitzen auf der Parkbank, uns mal ihrer, mal meiner Geschlechtsmerkmalen zuwenden, es blitzt doch auf, das Wohin der rotbehaarten Dirne: Gerade zwanzig mag sie sein, nicht lang im Milieu. Vielleicht belebt sie eine Kommune von Künstlern, wo jeder auf eigene Weise zum Unterhalt beiträgt. Möglich, dass es mit Freiern höchstens um Herrengedecke geht, um "Höhepunkt" genannte Ergüsse von Langschweinen, während die rotbehaarte Dirne in Gedanken bereits Bühnen großer Clubs besteigt, wo sie, umrahmt von gitarrenschwingenden Zotteln, der Welt völlig neue Lieder singt. Dann wären wir mit unserer dicken Hose nurmehr Abspritzer auf ihrem Lebenslauf. Sudelkrams. Nirgendwo ein anderes Wohin, als das von Sudelkrams.
Und welch Weh unser Woher! Kaum am Busen der rotbehaarten Dirne, reicht unser Woher dem Geschlechtsreifenden einen Brief ins Gemüt. Adressiert mit der Wenigkeit längst Versprochener, fern jeglichen Kontaktes. Eng beschriebene Seiten, keine Geduld mehr im Papier. Zwei Nachträge. Weil der Brief zurück kam ans Woher: "Unbekannt verzogen." Und am Busen einer rotbehaarten Dirne nun mag niemand mehr über Postlaufzeiten schimpfen.
Unter dem Vorwande, als Geschlechtsreifender der Dirne Bindegewebe auf seine Käuflichkeit hin zu begutachten, drücke ich mich in den hintersten Winkel meiner Freiersfüße. Augenblicklich versiegt das Rinnsal Sehnsuchtstropfen. Jener Brief und ich, wir sind für uns im Ungeilen. Und es ist genug, es ist zum Fortgang der Ungeilheit genug. Vielleicht kann meine Ungeilheit auf brieflicher Ebene Jahrtausende überdauern mit der Frage, was in den Papieren unseres Wohers geschrieben steht?
Aber für dieses Mal noch durchdringt der Keiler Geilheit mein Sein: "Du wandelst!"
Mit Macht versuche ich, den Brief in Händen zu behalten, will den Umschlag knüllen, vielleicht drei, vier Worte noch lesen! Aber da ist der Keiler Geilheit bereits erregt zur vollsten Aufrichtigkeit. Jene rinnende Sehnsucht, die so begehrlich macht, und so wenig satt.
Dem Geschlechtsreifenden gefriert beinahe die Hand auf dem Busen der rotbehaarten Dirne: Sind wir nicht einst mit Mutter und Vater jenen Streifen Park entlang, hüpfend vorweg?
Übermannende Bilder und Melodien nötigen uns, die Verhandlung mit der rotbehaarten Nutte weiterhin zu unterbrechen. Wir gestikulieren, uns eines unzeitigen Ergusses erwehren zu müssen. Die rotbehaarte Dirne streift ihr wollenes Leibchen glatt und lässt den Kunden König sein.
Dirne um Dirne wächst Begeisterung für den Tod. Stöhnend zwischen Leere und Fülle zu taumeln, hält auf Dauer kein Freier aus.
Gassenhauer muss der Freier sein, Schlager, will er es im Milieu zu Jahren bringen.
Sein Kinderherz dem Liebesmahle opfern, ist eine beachtliche Gabe. Auf glücklichste Weise nämlich reichen sich an des Kinderherzens Grab Fleischeslust und Futterneid die Hände.
Jede Generation Freier weiß von verscharrten Kinderherzen, betet darum, jene verbliebenen Löcher stopfen zu können, in denen die Furcht nistet.
Leben anderer durchpausen, damit keine Nacht einen je ins Angesicht blickt. Aus dem Sinn verlieren, was Furcht ist. Stupid seiner Erregung frönen, Inhalt und Form des Hosenstalls achten, Bilder strippen.
Der Tod kanalisiert das Leben, lässt auf den Tod Hinströmendes als fortströmende Avantgarde sich wahrnehmen. Denken, Welle um Welle obenauf zu sein als deren Schäume.
Freiheit verlangt nach keinem Niveau. Beinahe bin ich versucht, Hand in Hand mit der Dirne am nächstbesten Kiosk Halt zu machen. Sicher erwartet den Geschlechtsreifenden dort in fünfter oder zehnter Auflage jenes buntgezeichnete Heldenvolk, das einst uns half, Doppelstockbetten als Piratenschiffe und hergeliehene Klappräder als Schlachtrösser wahrzunehmen. Der rotbehaarten Dirne für gutes Geld erläutern, dass ihr wollenes Leibchen sich nicht um eine Idee unterscheidet von dem Pilzkostüm, welches Mutter mir für den Kindergarten nähte.
Wenn die rotbehaarte Dirne dann, nach mehreren überlebten Leben, Kurtaxe zahlt und aus tiefster Seele misstrauisch geworden ist, wie es in den Küche der örtlichen Urlaubsgastronomie wohl ausschauen mag, vielleicht gedenkt sie dann jener beiden Abspritzer, die sie einst zum Kiosk geleiteten, ihr aus Comics von Helden in Strumpfhosen zu rezitieren.
Bewegen "Erwachsene" sich in ihren Träumen himmelwärts, ist es dem Grunde nach stets ein Abwärts. Obwohl sämtliche zu beträumende Konsumvorlagen tatsächlich voluminöser sind, werden sie kleiner immer kleiner als jene zwei, drei Höker am Busbahnhof unserer Kindheit.
Und was können einen die Supermärkte im Hinterland scheren, wenn das Grün vergangener Sommerferien dräut?
Menschen reduzieren auf Hütten und auf Heimwerk: beinahe unmöglich, Mutter und Vater derart niedrig zu hängen. Mag mich die Geringfügigkeit meiner Kindertage bestürzen, stets ist selbst noch das Außenklo mir Verlust. Was anfangs erschien als Hinauswachsen über Erziehungsberechtige, offenbarte sich als emporwucherndes Unkraut.
Mag ein Mensch sämtliche Achttausender besteigen, er kraxelt seinem Kindergarten nicht davon, er wird ihm nur fremd.
Meine Freivorstellungen Kino im Kopf von dem, was mir Kindheit war. Hinwarten auf die Mutter etwa, dass sie mich aus der Vorpauke holen möge. Fern am Horizont winkte Mutter nach der Frucht ihres Leibes, und die Frucht winkte, winkte, winkte zurück. Vater, wie er immergrün mich zu Schachpartien forderte, wenn er von seinem Tage- und Liebeswerk nach Hause gekommen war. Heiligtümern gleich bewahre ich diese Schnitzfiguren meiner Kindheit. Tiefgefroren alles in Festen starrenden Beharrens, verlorene Eiswüsten. Selbst wenn man mir durch Tore in den Dimensionen meinen roten Rodelschlitten zurück reichte, es könnte niemand mehr mir das Glöckchen zur Weihnacht läuten, kein schwarzer Mann ergäbe sich wie selbstverständlich.
Werden unter solch Ergrauen die Herzdamen seltener und seltener, kommt lichten Tunnelträumen eines genahten Todes das Personal abhanden, ist es Zeit, sich am Dienstagabend in die Heilige Messe zu knien. Jenes erhabene Vorspiel vom Endlosband, mit einem Off aussegnender Hände, welche sich abwischenderweise der Antlitze emsiger Büßer annehmen.
Wer nun vermag in solch Messen sein kniendes Kirchenwesen nicht wenigstens als Früchtchen göttlicher Leiber erkennen?
Eine rothaarige Dirne legt also Hand an den Zaun meines Kindergartens. Ein Flittchen Leben, das gegen Geld mir Mutter sein will.
"Sicher wissen Sie verschwiegene Örtlichkeiten, wo wir beide unser Geschäft verrichten können", der Geschlechtsreifende will das endlose Schachern mit der Welt zu einem Ergebnis bringen, zu irgendeinem Ergebnis.
Die rothaarige Dirne sagt ihren Businessplan auf, was möglich ist und zu welchem Preis. Der Geschlechtsreifende nickt erleichtert über ihr schmales Angebot: Als vollendeter Zölibat gen Himmel fahren können, wirkt von einem Affengehege aus wie das letzte bisschen Gesalbtheit vor dem Höllenschlund.
Meine Welt hatte die anstrengende Eigenschaft, stets auf dem Kopf zu stehen. Mag vielen das Leben als Geschenk erscheinen, war es mir schwer möglich, dem Leben kein Geschenk zu sein. Das Leben sollte mich genießen, nicht ich das Leben.
Was aber nun erkannte ich als "das Leben"?
Mit am beeindruckensten wohl die Animierdamen auf der Kinoleinwand, von denen Jünglinge aller Zeitzonen in jene Erregung versetzt werden, welche Heldentaten vorauseilt.
Obwohl die Animierdamen laufend ausgetauscht werden, wirken sie auf der Kinoleinwand wie zeitlose Posen.
Solchen Ausformungen des Lebens wollte ich dienen, nicht den Menschen, welche in diese Formen gegossen sind. Moden machen, die Menschen machen.
Moden verlangen nach Linien, nicht nach Befindlichkeiten. Linien sind die Kraft von morgen, hingegen die Kräftigen von heute morgen nur eine Last von gestern sind.
Lebenslinie wollte ich sein, keine Blutspur.

Dem Kino-Center am Hauptbahnhof entschwebt, frisch aufgeblasen von Trickfilmen, fragte ich Vater einst, was es mit jenem Zweckbau auf sich habe, schräg gegenüber dem Kino-Center, welcher noch zwischen unsäglichen Hotels wirkte wie eine Räuberpistole.
Im Gefolge der rothaarigen Dirne nun betreten wir dies giftig schimmernde Getüm, das nicht allein mir Kind als unfassbar verboten erschien. Und keine noch so rasche Umkehr, hinein in irgendeinen Kinderreim, wird den Geschlechtsreifenden und mich mehr erretten. Ausgeträumt alles.
Kein Kanten Brot mehr, der sich uns als Leib Christi andient, nirgends noch zartes Tuch, welches zu königlicher Hoheit auffordert. Wir sind weiterhin, erkennen aber nichts mehr an. Grabsteine stehen nun uns vor Augen, wo einst des Kindes Liebe ruhte. Jener Anbeginn des Menschen, dem Nichts mit Schmuck zu begegnen, es durch Moden zu überwinden: wir kämen nicht mehr auf dieses Los, selbst wenn wir uns lobotomierten mit intimsten Piercings. Wo Leben mit Fell sich begnügt, wärmt allein jener vielbeachtete Tod durch einen Hauch von Nichts.
Und so verläppern wir Szene um Szene, werden uns auch von der rothaarigen Dirne fragen lassen müssen, was wir eigentlich erwartet haben? Die Sprücheklopfer aus Funk und Fernsehen herabblickend, ob wir all die Versprechen etwa geglaubt hätten? Nicht allein verlassen steht man da, sondern gleich einem Kindskopf. Nie sei man erwachsen geworden!
Mag es seit Jahrtausenden in Gesetzesbüchern anders geschrieben stehen: Schuld trägt nicht, wer verspricht, sondern wer glaubt.
Allzu viele wechseln von der Wiege sogleich aufs Sterbebett, dort über Jahrzehnte gemütlich vor sich hin zu leben. Sehen fern, lesen Romane, hören Liedgut, sorgen für Leergut, vertreiben Zeit. Mit und ohne Bettbeziehung. Bis eines Nachts der Tod über sie kommt, wie einst der erste Beischlaf: "Dann passierte es!"
Ihr Tod passiert vielen Menschen, wie ihnen das Leben passiert. Keine Familienchronik, bei der man groß um Handlung besorgt sein müsste. Selbst zur Weltgeschichte genügt oft die bloße Registrierung dessen, was einer Sippe widerfahren ist.
Der Wind, der durch die Blätter rauscht, ehe er eines nach dem anderen vom Baume nimmt, damit Neues grünen kann.
Solch Ausscheidungen des Lebens begegnen Bildungsbürger mit ihrer Sehnsucht, auf möglichst romantische Weise verwachsen zu sein. Vom Kopfe abwärts, dass man zwar kaum mehr laufen kann, aber dafür gemeinsam fallen muss.
Ohnmacht überkam mich, als ich erstmals Artgenossen sah, die von Geburt an derart Kopf an Kopf verwachsen waren.
Wie viele siamesische Zwillinge beherbergt die Welt? Etwas Logistik vorausgesetzt, könnte man mit siamesischen Zwillingen vielleicht eine Straße bevölkern, vielleicht einen Stadtteil: Seht, so ist er, der Mensch!
Eine Tragik, dass man selbst im Urwald seinen Stadtteil nicht verlässt, mag man auswandern, wie man will. Jedes Leben bleibt Bauwerk eines Sandkastens. Fraglich allein, inwieweit ein Leben mit Naheliegendem verwachsen will?
Zur Beschränktheit verdammt sein, verpflichtet niemanden, beschränkt zu handeln.
Scheel sehe ich den Geschlechtsreifenden an, wie bewusstlos er ist, dass der Tod ihn sehr wohl etwas angeht. Während ich allein die Nähe von Kunstfiguren noch aushalte, Werkstücke schöpferischen Genies mir Gnadenbrot sind, im Angesicht des Tageslichts zumindest Haltung zu bewahren, erregt der Geschlechtsreifende sich an jeder Hasenscharte.
Wo ich Rettungssanitäter erkenne, wie sie nächtens ihre Koffer in den Flur wuchten, im allerkünstlichsten Scheine mit der Reanimation zu beginnen, während schnarrend über die Funke fortwährend neue Einsätze gemeldet werden, schnullert der Geschlechtsreifende an jedem Euter.
Wie soll ihm auch danach sein, hinaus ins Dunkel zu hetzen, wo Regen ist und Frost. Ihm sind die Badezimmerfliesen verkehrsberuhigter Zonen kein bisschen Verenden. Intimsprays mögen ihn dort verstören, gewiss aber nicht meine Intimität eines Kriegers. Fleisch erscheint dem Geschlechtsreifenden in zartester Aura, wie könnte er sich da für eine Missionen begeistern, welche das Allzumenschliche in uns Schweigen heißt.
Geschlechtsreifende fürchten nicht um ihr Leben in Alpträumen von ziegenbärtigen Rentnern, wie sie einen in muffigen Stuben zwingen, für immer Fußball zu glotzen.
Das ist der Lohn eines Lebens voller Geschlechtsreife in Wort und Tat: Man stirbt während wundervoller Träume.
Noch aber bin ich nicht so weit, mich im Schlaf von dem Geschlechtsreifenden scheiden zu lassen. Bettruhe herrscht für mich erst, wenn ich auch dem letzten "Zufall" genanntem Abfall Behältnis gewesen bin.
Mit dem Geschlechtsreifenden füge ich mich also der rothaarigen Dirne hinzu, als geschäftsmäßiger Dreier in einer Vorhölle von Zweckbau Türen abzusteigen. Türen. Türen. Türen.
Unser Fleisch dampft. Durch Treppenhäuser, durch Notausgänge, durch Schießscharten besehen, wird das Getue der Stadt wahnwitziger, immer wahnwitziger. Leben scheint bloß zum Fortwerfen mehr gut. Auf allen Höhen aber herrscht Stacheldraht, sich nicht in reiner Luft um die Entsorgung seines Fleisches zu bekümmern. Mögen wir gefälligst an Orten zerplatzen, deren Boden sich waschen, wienern, wischen lässt.
Wir haben kein oberstes Stockwerk erwartet, keinen mit Teppich ausgelegten Flur, keine weiß gestrichenen Flügeltüren. Sein Schicksal aber hinter Pressholz erfüllt zu sehen, das die Nummer 716 trägt, hat den Charme eines Faustschlags.
Zimmerschlüssel wie im Hotel, wo man genauso gut hätte gegentreten können, um zu öffnen.
Kleiner Abort, gekrönt von einem Bidet. Weiter geht es ohne Umwege zu zwei auf dem Beton liegenden Matratzen. Campingstühle dienen als Ablage.
Unsere Gastgeberin will wissen, ob sie ein Rauschmittelchen zubereiten soll? Gegen geringen Aufpreis aus dem Arbeitsalltag schlüpfen und so. Wir aber schauen begeistert hinaus zum Balkon: Dürfen wir?
Leergut. Ein Aschenbecher. Kein Stacheldraht. Unter uns das Gelichter des Feierabends. Nie ist es leichter, hops zu gehen, als in der Höhe.
"Schön hier!"
Die rothaarige Dirne steht mit laufendem Motor wie ein Taxi, das man warten lässt.
"Gestatten Sie uns noch etwas Zeit." Wir reichen ihr vom Balkon aus unsere Geldbörse: "Stellen Sie bitte das Doppelte von dem in Rechnung, was Sie sonst zu nehmen pflegen."
Klärende Worte, für welchen Service wir uns entschieden haben. Der Geschlechtsreifende gibt sich einen Ruck und wählt das "Happy End": Mit gefüllter Samenblase auf Himmelfahrt zu gehen, wirkt peinlich. Also auf Erden nochmal Pipi machen, bevor höheren Ortes hoffentlich großes Kino beginnt.
Ob man sie dabei nackt sehen wolle? erkundigt sich die rothaarige Dirne. Mit unserer Geldbörse in der Hand wirkt die rothaarige Dirne wie eine Fleisch gewordene Marktwirtschaft.
Wir nicken den Deal ab: Wenn es ihr für diese Jahreszeit nicht zu kalt sei, dürfe sie sich gerne frei machen. Bevor man komme, müsse sie allerdings etwas Aufenthalt einkalkulieren. Man sei ungeübt, entschuldigt sich der Geschlechtsreifende.
Schon nestelt die rothaarige Dirne an Knöpfen und an Bändern. Aus ihrer Routine gebracht wirkt sie, uns zwei Knacker halbwegs entjungfern zu müssen. Verdrossen, dass man sie für eine Dirne hält, die ihre Freier im Zeittakt über einen Berg Wollust treibt. Als würde sie Esel hüten, statt internationalem Publikum untenrum Frieden zu verschaffen. Freudenmädchen ist sie, eigentlich Künstlerin, die für einige Zeit in Jugendsünde macht, um später davon singen zu können. Auf anderen, auf großen Bühnen.
Wie aber nun wir: Unser kleines Welttheater weiterspielen und spielen, bis im Spiegel zwei Muselmänner schwanken? Abgrundtief fremd der Balkon. Stehen einem Affenfelsen vor und philosophieren über Leergut. Furchtbarer kann Zivilisation nicht sein.
Unter uns herrscht Feierabendverkehr. Keine Horde johlender Schulkinder, die sich auf das Trottoir ergießt. Sieht man von den Verliebten ab, überwiegt jene stille Freude, seine Fassung gefunden zu haben. Stumm auch der Geschlechtsreifende. Nahende Finsternis verlangt nach Entscheidung: Zurück ins Warme, eine Dirne nehmen, abwarten - oder der Nacht entgegen.
Ehe wir uns versehen, ruhen beide Hände auf dem schmalen Stück Brüstung, bereit, zuzupacken bei dem mindesten Gedanken, sich hier aufzuschwingen. Falls wir auch nur anbändeln mit etwas, das des Lebens warmer Bruder nicht ist. Wie ja beinahe alles herbei eilt, wenn jemand zu lange auf einem Balkon steht. Und wer sind wir denn, die rothaarige Dirne hier im Gang ihrer Geschäfte zu beunruhigen.
Stets wollten wir selbst uns Richter sein, von eingebildeten Sterbebetten aus fein säuberlich über unsere Handschläge urteilen. Umso ärgerlicher, wenn niedere Gesetzgebungen der Musik und des Ackerbaus das Urteil trübten.
Teenager, wie sie ihre Leben auf Popsongs gründeten, wie später Ackerbauern aus ihnen wurden, welche sich dicke taten mit den Früchten ihres Leibes.
Fortwährend lärmte die Gesellschaft derart zu uns herein. Nahezu unmöglich, so bei unserer eigenen Gesetzgebung zu bleiben.
Wer aber eine Wahl sich herausnimmt zwischen Leben und Tod, muss nimmermehr funktionieren nach den Gesetzen von Musik und Ackerbau.

"Cliquchöre" heißen wir jene kleinsten gemeinsamen Nenner, die unsere Zivilisation beherrschen, seit man allgemein bemüht ist, Fremde "Freunde" zu nennen. Auf Volksfesten werden Cliquchöre zur Recheneinheit, auf Sportveranstaltungen. Überall, wo geschunkelt wird und gejohlt, wo man sich unterhakt, wo gute Laune mitzubringen ist.
Zivilisationen, die frei sind von Worten. Ganz gleich, welch Unmenge an Worten solch Zivilisiertheit auch produzieren mag.
Eine Zivilisiertheit, die gekrönt wird von Cliquchören: Lacht man, lachen auch die Cliquchöre, erhebt man sich, stehen wie selbstverständlich die Cliquchöre.
Im Gegensatz zum gemeinen Zähnezeiger, dem "Rudeler", sind Cliquchöre selten auf Fleisch aus, wenn sie etwa mitgehen in Kinofilme, die ihnen alleine niemals in den Sinn gekommen wären, wenn sie auf Amüsiermeilen stundenlang jene sensiblen Augenblicke erspähen, wo es gilt, seine Lacher zu platzieren, um ordentlich Sympathie abzugreifen. Cliquchöre wollen "einfach nur leben". Sie streben danach, den Tod gemeinschaftlich zu erfahren. Gerne auch vorzeitig, wenn händchenhaltend. Im Vergnügungspark. Im Hochamt. Im Widerstand. Im Kriegsdienst. Im Terror. Je nachdem, wo ihre "Homies" sich gerade befinden.
Cliquchöre sind die Blaskörper des Lebens. Nicht Stein, nicht Feuer, nicht Flut bringt Cliquchöre zum Klingen. Cliquchöre wollen nur Luft, Cliquchöre können nur Luft.
Der Geschlechtsreifende und ich, entschlossen wenden wir uns vom Balkone aus der rothaarigen Dirne zu, unserem "Happy End". Wir machen Front mit dem geilen Lächeln solventer Kunden, welche in Stimmung gekommen sind.
Gerade noch sehen wir, wie die rothaarige Dirne weitere Fünfziger in eine Tasche ihres Leibchens stopft. Daran herrscht natürlich kein Mangel, an Fünfzigern und an Taschen.
Rasch wirft die rothaarige Dirne ihr Leibchen auf einen der Campingstühle. Nackt ist sie nun, bloß wie der Abgrund draußen vor dem Balkon. Unter einigem Buhei mögen Kindsköpfe nun jene Bocksprünge wagen, welche ihre Gemüter dem Roman oder dem Volksmund entliehen haben. Hingegen wir vor Geilheit keinen Blick verlieren mögen an die rothaarige Dirne. Uns brünstig sehen, liebestoll und verkatert seinen Mann zu stehen, entspricht unserer Erkenntnis von Friedhöfen. Wie ein Baby an den Busen gehoben sein, grabschen nach jenem Orkus, aus dem man uns einst presste: nichts kommt dem Leben schlechter, als zögernde Lenden. Der Geschlechtsreifende beeilt sich denn auch, Meldung zu machen über jenen beklagenswerten Zustand unserer Lüste. Gar einen Todesfall im engsten Familienkreis führt er ins Feld. Nurmehr Krächzen, wo wir auf den Ruf der Natur hätten antworten sollen mit: "Hier!"
Keine Liebe mit uns zu machen. Wo alle Welt romantisch daherkommt, sind der Geschlechtsreifende und ich vor ein Scharfgericht gestellt, gegen das selbst der Teufel wirkt, als wandle er auf Freiersfüßen. Zu gering die Körperöffnungen am Ende allen Werbens, wenn man vor Coolness verbrannt ist, jeden Kuss neu verhandelt hat, ob er vielleicht doch dem einer Kuh gleicht?
Würden Menschen tun, was sie reden, unsere Städte sähen anders aus. Wir brauchen uns nur eine halbe Umdrehung von der rothaarigen Dirne abwenden, um auf Fresstempel zu blicken, auf Konsumstätten, auf einen Schweinkram an Amüsement: Alle sind mit Worten dem Himmelreich nahe, tatsächlich aber rennen sie in den Baumarkt, ihre Fassaden zu polieren. Singen höher, immer höher, während sie tiefer und tiefer sinken.
Nie ist das Leben mit all seinen rothaarigen Dirnen mir Feierabendvergnügen gewesen. Als Geschlechtsreifender war ich einst besessen davon, hinter all den wuselnden Straßenbildern reine Linien zu erkennen. Etwas, das nicht Kleckserei, nicht Angeschmiere, nicht leere Kritzelei ist. Jene ausgemalte Gedankenlosigkeit, welche mich schon zu Freitodphantasien hinriss, wenn die Straßenbilder noch im Entstehen waren.
Wohltat war es mir daher, mich als Schlachtergeselle in Kühlhäuser zurück zu ziehen, mit Blut mein ganz eigenes Bild zu malen.
Wäre ich stattdessen Lehrer geworden oder Geistlicher, längst wäre ich zur Hölle gefahren. So aber errettete mich inmitten tausender Schweinehälften jene Ungewissheit, dem Leben im Zwielicht eines Kühlhauses vielleicht Unrecht zu tun, nur aufgrund bedauerlicher Einzelfälle von Fleischfresserei zu urteilen. Gleich einem Stürzenden griff ich nach jeder Hand, welche schlichte Gedankenlosigkeit umdeutete in schweigende Weisheit, und so Bademeister formte zu Zen-Meistern.
Die rothaarige Dirne, sie hat genug gehört. Was soll sie Geschäfte machen mit einem Typen, der - Kimme und Korn, immer nach vorn - sein Gewehr nicht in Anschlag bringt, der nie fertig wird. Zu brasilianisch gewachst ist sie, um einer Milieustudie beizuwohnen vom Freier, der reden will. Keine gitarrenschwingenden Zottel, kein Publikum nirgends für Lieder über sozialarbeitende Huren.
Bis hierhin! die rothaarige Dirne verwahrt sich gegen den Geschlechtsreifenden und mich, indem sie gestenreich ihres Leibchens gedenkt, hergezeigte Blöße rasch wieder zu verkleiden: Sie sei bereit, der Angelegenheit per Hand zu einigem Schwung zu verhelfen. Das ginge aufs Haus, wäre im Preis inbegriffen. Falls wir uns aber hier über ihr Hirn ergießen wollten, können wir uns geschwind mit unseren Fünfzigern vom Acker machen. Entweder zur Türe oder zum Balkon hinaus. Sie macht eine Bewegung, mit der man Vieh verscheucht. Und wuchtig trifft uns Hurenehre: Als Vettel noch wird sie nicht bedürftig sein, wird stockschwingend fortprügeln, was an ihr Windelhöschen sich verirrt. Unser Existieren, mag es auch Kathedralen frönen, fromm und fastend, bleibt für die rothaarige Dirne auf immer etwas, das nach einer Katzenwäsche vergangen ist, spurenlos verendet im Bidet.
In keinster Hinsicht Kapitalist sind wir gewesen. Niemand Bankrottes, der zur Dirne geht für letzte Fontänen Glück. Wir wissen nicht, was dem Vater seine Kinder sind, was dem Freunde sein Freund. Wir konnten unserem Leben wenig abgewinnen. Fremd daher jener Schmerz, alles verloren zu haben, welcher Männer animieren mag, Dirnen freie Hand zu lassen.
Als ewig Geschlechtsreifender stehen wir zwischen Matratze und Campingstuhl, zwölf, dreizehn Sommer jung. Kaum je selbst sind wir unserem Sonntagsstaat an den Reißverschluss, warum nun blau lackierte Nägel ins Frischfleisch treiben?
Mit niedergeschlagenen Lidern bringt der Geschlechtsreifende sein Bedauern zum Ausdruck, dass unser dreier Geschäftsbeziehung nachhaltig gestört worden sei. Tatsächlich war es ein Fehlverhalten, die rothaarige Dirne nicht sogleich als Abführmittel körpereigener Sekrete nutzen zu wollen. Stattdessen habe man versucht, kleinliche Seelenhygiene mit ihr zu treiben. Letztendlich brauche ja jeder Gott seine Visage. Und das Lächeln einer Dirne, das nachsichtige, anerkennende, wohlwollende Lächeln einer Dirne reicht leicht hin, hunderte Zwiesprachen mit Gott nicht vom Fleisch fallen zu lassen. So durch den Hurenlohn gleichzeitig auch Ablass zu empfangen, dieser Versuchung war der Geschlechtsreifende erlegen, ja.
Wie aber der Geschlechtsreifende so dermaßen auf Gott kommt, reißt die rothaarige Dirne ihr Leibchen vom Stuhl. Als gelte es, rasch in einen Kampfanzug zu kommen. Ganz Lebensmaschine ist sie nun, Motor eiserner Verrichtung. Auf dem Rummel zwischen Getrieben von Karussellfiguren zu klemmen, so muss es sich anfühlen.
Bei Regen würden wir Kirchen behelligen, sonst wären wir auf Huren aus! Lauthals bezweifelt die rothaarige Dirne den Wert unseres Daseins. Im Bahnhofsmilieu, wie allgemein.
Der Geschlechtsreifende gesteht zu, nimmt auf sich. Tatsächlich siezt die rothaarige Dirne uns nun auf eine Weise, mit welcher gemeinhin das Unwesen von Schaben und anderem Geziefer beklagt wird.
Peinlich missglückt ist unsere Geschäftsbeziehung. Ich bringe denn auch meine Hoffnung zum Ausdruck, die Appartements rings um unsere klärenden Worte mögen unbelegt sein.
"Raus jetzt!"
Wenn man im Bahnhofsmilieu des Raumes verwiesen sei, das wissen wir wohl aus Ratgebern, solle man sofort gehen. Sofort!
Der Geschlechtsreifende und ich, wir kehren uns schleunigst zur Tür hinaus. Ohne Schlusswort, obwohl es noch manches anzumerken gab. Aber, wie es mit Lebensmaschinen eben ist, mögen wir auch hundert Mal "Du" zu ihnen sagen: ohne Schraubschlüssel findet man keinen Dreh hinein ins Getriebe. Drei Notausgänge später noch verfluchen wir uns, mit Blümchen vorstellig geworden zu sein, wo nach der Natur der Dinge reinste Manneskraft verlangt wird.
Gepäck haben wir uns aufgeladen, wo wir einfach hätten lernen müssen, in Bewegungen zu bleiben, keinesfalls den Schritt zu verschleppen. Pusselige Philosophen sind wir gewesen, welche die Sünden der Welt schultern, während alle Welt weiter exerziert, wie vor tausend Jahren, immer weiter. Jenes Formaltraining, das man dem Vieh in großen Schlachtereien angedeihen lässt, wo achtgegeben wird, dass kein versehentlicher Halm Stroh die Herde in ihrem Gang irritiert.
Nie wollte ich dumpf mein Schlachtwerk verrichten. Herrschte während meiner Gesellenzeit Hochbetrieb, und lag etwa der Hit eines Sommers in der Luft, mühte ich mich darum, das Messer auf die flirrende Art eines Dirigenten zu führen. Erfreuen konnte ich mich an jedem Filet, welches ich so der Schöpfung mit gewitztem Schnitt abgewann.
Blut als ein Ebenmaß, den Menschen zu faszinieren. Sich in seinem Verderben als Teil eines großen Absterbens erfahren. Etwa beim Tanz, inmitten all seines Trachtens und Uniformierens. Im Exerzitientum derart aufzugehen, dass ein namenloses Holzkreuz auf dem Soldatenfriedhof Ziel allen Wollens wird. Tanz- und Schlachtfeste als frivoles Wegtreten ins Glied.
Während ihrer Exerzitien sparen Menschen bemerkenswerte Summen Leben an, welche artgerecht verscheuert werden wollen. Beim Begräbnis noch spürt man, welch Ehre es manchem gewesen ist, für ein kleines Vermögen Leben etwa im Gebirge verunfallt zu sein.
Alle schwärmen für "Todeszonen" hoch auf den Achttausendern, niemand schert sich um das Erlebnis, auf einer Bahnhofstoilette zu verenden. Keiner will mit Pennern biwakieren, die Nacht über im Schnee gebettet liegen, und schauen, was passiert.
Man meidet das letzte bisschen Fallschirmseide eines Obdachlosen, als hätte blau gefrorenes Fleisch am Boden einer Gletscherspalte mehr Charme.
Nirgends wird gespart auf das Abenteuer des Nahebei.
Pimpfe erleben, die Flatrate saufen wie die Großen, statt sich zu bekümmert um das Geflimmere im Kino. Warum Totenmessen für Königinnen der Herzen feiern, wenn einem massive Eiche zeitiger das Sterbeglöckchen läutet?
Der Geschlechtsreifende und ich, barmend noch von jener Letztmaligkeit einer rothaarigen Dirne, entdecken wir uns auf der Straße wieder. Abend ist es geworden. Freier eilen heim, mit Frau und Kind das Brot zu teilen, Cliquen finden sich zum Kinobesuch, Personenkraftwagen beehren und empfangen. Überall sitzt man beim Bier, schlendert, genießt. Der Geschlechtsreifende schweigt. Beinahe bedrohlich nun das Schaufenster eines Sexshops. Bleiben die schließenden Kaufhäuser, bleiben die Vororte.
Wir kommen überein, nicht zu wissen, wo wir hinwollen. Natürlich wissen wir es. Aber wir wollen nicht hin, wo wir hinwollen. Mögliche Umwege jedoch werden weniger, immer weniger. Zwei, vielleicht noch drei.
Schulterzuckend tröpfeln wir mit letzten Rinnsalen in ein Königshaus des Konsums. Wehende Fahnen. Marmor. Erquikende Musik. Als "Marken" bezeichnete Wappenpracht, gereicht von behandschuhten Zofen.
Gebenedeite aller Epochen stehen uns vor Augen. In welch Duft, welch Schmuck, welch Garderobe sie Himmelfahrt hielten.
Wir erkundigen uns nach einem Smoking, begehren Auskunft über das Angebot an Galauniformen.
Oberste Etage.
Der Fahrstuhl Richtung Herrenausstattung glänzt mit Panoramablick weit über Rat- und Gotteshäuser hinweg. Aus den Lautsprechern schnulzen Sänger, übermannt zu sein von so viel Himmel. Beinahe retten müssen wir uns vor Sehnsucht, wahrhaft eines Königs Eigentum zu sein, jener Wollust, uns niederzuwerfen. Stillgestanden und zu Befehl, statt Beute freier Liebe. Rittersleute, wie sie im Tode noch ihren Herren grüßen, ohne des Schoßes zu gedenken, dessen Wärme ihnen Dasein schenkte.
Den Teppich der Herrenausstattung empfinden wir als Referenz in Sachen Flauschigkeit. Wahrscheinlich könnte man im Flausch verrecken, ohne durch unzweckmäßige Geräusche den Geschäftsgang zu stören. Jenes rauschende Schleifen toter Leiber, das Kinder vor Neugier in die Hände klatschen lässt.
Einige kostbare Stoffe hängen hoch wie manch vermutete Traube am Baum des Lebens, allein durch entsprechende Gerätschaft in Kundenhand zu bringen. Und wenig deutet darauf hin, dass oft nach entsprechender Gerätschaft gegriffen wird.
Mögen auch Sklaven ihnen das Spukschälchen reichen und Huren ihre Betten wärmen, selten verabsäumen es Wohlstandsbürger, dem nachzusteigen, was sie als ihren Gefühlshaushalt empfinden. "Ins Feinstoffliche gehen."
Fleischfresser höchster Diskussionskulturen. Studiert, promoviert, schriftgelehrt bis zum Abwinken. Würden Herr und Frau Doktor die Heiligkeit ihres Gefühlshaushaltes dem Gesinde erläutern, es könnte ihnen gewiss niemand folgen. Erst den Herrn Doktor mit herunter gelassener Hose verstünde man, wie er sich austauscht bei einem Frauenzimmer, das, jung und frisch eingerichtet, unmöglich die Frau Doktor sein kann.
Feinstofflichkeiten zählen zu den vornehmsten aller Ausscheidungen. Ein Odem, der Lippen heiligt, welche vom Weine benetzt sind, welche lächeln im Nachgeschmack von Wild mit Preiselbeeren.
Leicht verpuffen Wohlstandsbürger im Feinstofflichen. Auf Bütten empordichten lässt der Feinstoffler sich dann. Hinauf zu jenen Putten, welche Friedhöfen den letzten Pfiff verleihen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

Der Herrenausstatter wirkt, als habe er eben einige Häppchen Lachstatar genossen, und sich rasch den Mund getupft. Im Entgegenkommen zieht er Samthandschuhe über, nun schon deutlich gefasster.
"Bitte?" begrüßt er uns. Als wäre zum Lachsbuffet ein Höhenkranker auf seinem Gipfel der Herrenausstattung angelangt.
"Wir wollen uns festlich machen zur Himmelfahrt", buckeln wir.
Der Herrenausstatter scheint belustigt über das "wir", hält doch gerade ein alleinstehender Herr kleineren Formats um seine Dienste an. Und Himmelfahrt findet sich in des Herrenausstatters ledernem Kalender erst nächstes Jahr wieder, kleingedruckt, abwegig.
Aber richtig, als seien ihm drollige Gedankengänge bewusst geworden, mit jedem Herrlein steht ja eine Sippe Herrlein vor Gericht, was Geschmack betrifft, jene Ausgesuchtheit des Empfindens. Auch das mit der Himmelfahrt scheint dem Herrenausstatter rasch einzuleuchten, als er sich herablässt, uns zu mustern. Ein scheuchendes Zucken mit den Fingern nur: Fertig!
Noch nicht ganz auf dem Posten, längst reif zu sein für das Fallbeil zwischenmenschlichen Urteilens, missverstehen wir die Geste des Herrenausstatters. Vor allem der Geschlechtsreifende ließ sich eben im Fahrstuhl ja bespiegeln, als würden Morgen die Sommerferien anbrechen.
Entsprechend hoffnungsfroh manövriert der Geschlechtsreifende uns in ihm glücklich erscheinende Position, möge man uns nun eines Stoffes und Schnittes für würdig halten. Immerhin begibt sich hier jemand auf Himmelfahrt, dem von Seiten des Lehrkörpers außergewöhnliche Wissbegier bescheinigt ist, dem überhaupt manches Darüberstehen zu Ohren gelangte.
Nun erlebt der Herrenausstatter auf seiner Höhe viel Gebein, und ein samthändiger Hinauswurf ins Flachland ist regelmäßig an Verausgabungen gebunden, wie sie vom Feinsinn gemieden werden.
Ohne viel Aufhebens scheint der Herrenausstatter sich in Tonlagen zu gefallen, welche etwas von Schlangen haben, die im verbotenen Garten mancher Mythologie Dienst tun.
Wir alle wissen von Irrsinnigen, wie sie wahnhaft sich in Beziehung setzen zu einem Leben, das sich nicht im Geringsten um ihren Irrsinn bekümmert. Jene Spanner, deren Fernrohre unbescholtenen Sternenbildern mal einen Altar abgewinnen, mal ihrem Gemüt den großen Bären aufbinden. Als würde man Wissenschaft treiben mit einem Pin-up. Von der Wand heiraten, was nie auch nur ahnen wird, welch Gesellen sich da am Papier festmachen: Zirkelzunder und Füllfedertum. Ein Kartenwerkeln, welches Blinden zur Wahrheit gereicht, Kindsköpfe nach Buntstiften verlangen lässt.
Wenn Einfalt das ist, was im Leben am längsten klebt, haften solch Papierwichser und Sternenstauber ihrer Gesinnung an, bis sie unter hundert Schaufeln schwarzer Erde von ihnen abfault.
"Lustbarkeit verlangt stets nach Lustbarkeit..." der Herrenausstatter rückt unsere Schultern zurecht, probiert grob an uns jene Haltung, die man gerade nennt "...will man sich zum Ende hin nicht mit Asche pudern." Der Herrenausstatter seufzt wie über einen üblen Geruch.
Rasch scheint er nun Ordnung schaffen zu wollen auf seiner Höhe. Er lustwandelt durch den Showroom, streicht mal hier mal dort über glänzendes Tuch, ehe er ins Off der Kulissen greift. Stoff kommt zum Vorschein, spröder Stoff. Ein aschgrauer Zweireiher.
Hier muss sich jemand irren, wir begehen Himmelfahrt! Ereifern will ich mich, der Geschlechtsreifende aber steht still. Bekommt er doch für die Schule stets Kleidung aufzutragen. Warum auch sollte der Geschlechtsreifende jenes Alte fürchten, welches zwischen den Kulissen hingeknüllt liegt? Er verlangt nach keinem modischen Beweis seiner Gegenwart, nach keinem Pfiff. Aschgraue Notdurft kleidet ihn wie geckenhaftes Weiß.
Schon sehen wir uns im Zweireiher stehen, vor einem mannshohen Spiegel, der alle Eitelkeiten des Showrooms auf sich zieht. Übel tragen wir an dem Stoff. Rauh, fast harmvoll. Nichts, was verlockt zum Ausschweifen. Dennoch drehen wir uns wie zum Feste, froh, dem Belieben unserer Freizeitkleidung entstiegen zu sein.
Erfahrungen eigenen Wohlbefindens wirken häufig so drollig wie Raubtiere als Babys. Sparsam dreht sich abwärts, was uns einander umbringen lässt. Wie Männer etwa in der Reinheit der Ehe beginnen, über Jahre hinweg ihrem Wohlbefinden nachsteigen bis hin zur Geliebten, mit welcher sie dann in der Reinheit der Ehe ihr Kinderspiel von neuem beginnen.
Erfahrungen eigenen Wohlbefindens machen, ist die Leidenschaft allzu vieler Menschen. Als wäre das Leben eine Wichsvorlage, als hätte es irgendwo eine Taste: "New Game". So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Mit Abstand schaut der Herrenausstatter auf unser Betragen. Jene zackige Art von Zufriedenheit, wie man sie bei Warten findet, wenn alles regelgerecht in Marsch gesetzt ist.
Der Herrenausstatter bestimmt uns, die Arme zu heben. Tanzschritte sollen wir nachvollziehen, als habe man eben das Siegestor erzielt, gehen, stehen, abhocken. Am Ende klopft der Herrenausstatter uns auf beide Schultern: Passt!
Wir probieren es mit Mienen voller Dankbarkeit. Der Herrenausstatter aber lässt sich auf keine Duselei ein: Statt mit dem erhofften Smoking, habe er uns mit rauhem Zweireiher gewartet, weil wir selbst in königlichem Purpur elend wirken würden. Schwarze Galle seien wir, der man mit grau noch Ehre antäte. Das bitteschön mögen wir zur Kenntnis nehmen.
Dem Geschlechtsreifenden, der sich eben frisch vor den Sommerferien wähnte, entgleisen sämtliche Gesichtszüge. Was den Herrenausstatter übrigens nicht weiter verwundert: Es sei eine Ausgeburt des Wohlstandes, alles stehen lassen zu können, damit sich ja niemand überhebe. Gleich wäre es, welchem Gott man opfere, wenn genug für alle da ist. Widerwärtig nur, dass den so gezogenen Wohlstandsgören wenig mehr in ihren Blödsinn komme, als ein Himmelreich voll Milch und voller Honig.
Während der Geschlechtsreifende beiseite steht, reißen mich meine neuen Kleidern hin: Hohelieder von milchgewaschener Haut und von Hönigdöschen betreffend, sei ich längst angelangt bei jenem Entsetzen, das unerhört begehrten Frauenzimmern eigen ist: Was man von ihnen wolle? Sie seien, bitteschön, ganz normale Frauen.
Dem Herrenausstatter aber scheint solch redlich entleerte Samenblase wenig zu bedeuten. Meine Himmelfahrt, mein fortwährendes Gequatsche mit mir selbst, so gebärdet Nutzvieh sich nicht.
"Ich bin ein Mensch!" schon ist es mir abgegangen, und tatsächlich presst der Herrenausstatter sich sein parfümiertes Taschentuch unter die Nase. Minuten lässt er mich so stehen in meinem Menschsein. Die Stille der Herrenausstattung, wie jeder Knopf noch zwischen lauter Gebeinen wiedergefunden sein wird. Beinahe fürchte ich, das aschgraue Tuch, das mich so munter verführt hat zum Menschsein, ist aus eingeebneten Gräbern gewonnen.
Angemessen für jemanden, dem Totenmessen stets Maß genug waren. Kein Kinder- wie Baumpflanzer bin ich gewesen, mag einem der Erzeuger und Vater auch leichter fallen, als der Hüter namenloser Gräber.
Joppe über, frei heraus nach Kindern spähen: so wisperte es mir während mancher Bettruhe. Umnachtet von Gebein, dem mein Ruhen Traumhaftes erwachsen ließ: Kinderseelen, hochspannend, wahnsinnig im Wesen, mit nicht dem geringsten Sinn für Sportsfreundschaften, für Ball-, Reit- und Wasserspiele. Keine Schmalfilme, welche das Leben behelligen mit Allerweltlichem vom ersten Male und vom Werben um Automobile.
Seit dem Wunder der unbefleckten Empfängnis, seit wir rund um den Globus an jungfräuliche Geburten glauben, braucht niemand mehr Gören, die nur kreativ sind, was das Hineinschmuggeln von Genussmitteln anbelangt.
Wenn Hohepriestern ein Himmelreich offensteht, warum vermögenden Vätern nicht die ganze Welt? so wisperte es mir während mancher Bettruhe. Unsere Glaubens-, unsere Bekenntnisfreiheit, sie hätte es mir ermöglicht, gleich einem Heiligen Geist Vaterschaft anzunehmen von jedem Kinde, das ich mir wünschte. Gleichgültig, welch ein Erzeuger sich in weltlichen Urkunden dicke tun mochte.
Wäre die Kindesmutter in wütenden Unglauben gefallen, hätte ich ihr meine Vaterschaft offenbart, ja, dann wäre ich eben ein um seines Bekenntnisses willen Verfolgter.
Sicher aber hätte ich mir jenen Respekt verdient, den Hohepriester erfahren, wenn sie predigen von der routinemäßigen Fleischwerdung ihrer Götter. So wisperte es mir während mancher Bettruhe.
"Bezahlen!" kommt dem Geschlechtsreifenden und mir von weither zu Ohren. "Kein Mensch denkt ans Bezahlen."
Der Herrenausstatter hat sich hinter eine Kasse begeben. Aus anderer Zeitrechnung wirkt die Kasse. Mit Elfenbein geziert, Schnitzwerk, das Mythologien verherrlicht: in Schatzkammern Gefangene oder unter Gold Begrabene. Jenseits mehrerer

vollelektronischer Registrierkassen, findet der Herrenausstatter sich so bereit für den Zahlvorgang.
Tatsächlich ist alles Geld gestopft in die Taschen unserer abgelegten Buchse, zurückgeblieben im Gewirr von Verkleiden.
"Es ist ein ausgelaufenes Modell", der Herrenausstatter klingt nachlässig. Kundschaft mag ihm untergekommen sein, welche mit hängender Zunge ihren Geschäftsgang neu bekleidet wissen wollte.
Körpersäfte sind abwaschbar, sind wegwaschbar, hat Kundschaft sich ergossen, ist sie fertig geworden, zur Erde gefallen von ihres Stammes Wollust.
"Es ist ein ausgegrabenes Modell." Wie Federstrich sein Lächeln, als wir begreifen. Die Augen des Herrenausstatters tiefblau, bevor Land war und Leben.
Dem Geschlechtsreifenden übersteigt jener Grusel, mit dem Jungs in Kriechkeller robben. Ohne Taschenlampen, ganz Tier vor Angst.
"Sie wünschten, auf Himmelfahrt zu gehen", dient der Herrenausstatter.
Getragen als Auslaufmodell, wirkt das Leben wahrhaftig wie etwas, das sich ablegen lässt, ja, das abgelegt sein will. Allein unser Blick in den Spiegel war ein Fehlverhalten. Tatsächlich gibt es über die gesamte Etage des Herrenausstatters nur jenen Spiegel, welcher uns im Auslaufmodell noch zur Eitelkeit nötigte. Hingegen wir inmitten der nackten Wände der Verkleiden leichthin unser Erspartes zurück ließen.
Der Herrenausstatter hebt denn auch seine Hände, uns einst so Leistungswillige herabzuregeln: Natürlich trage man Auslaufmodelle mit leeren Taschen. Bezahlen verstehe sich nicht allzeit auf das Geben. Mit einem Klingeln, als wäre Gott an den Tresen zitiert, öffnet sich des Herrenausstatters Kasse: Bezahlen bedeute auch, zu nehmen.

Der Herrenausstatter befiehlt unseren Händen Zierliches an. Seine Gabe ist umwickelt mit einem Geldschein, mit einem welken abgegriffenen Bildnis königlicher Hoheit. Umso herrschaftlicher, umso lichter die Tablette darin, licht wie ein Abendmahl.
Beim Anblick solcher Weihe überkommt es dem Geschlechtsreifenden, sich irgendwo Fenster zu eröffnen, sein Gemüt in die Ferne zu halten.
Absitzen! Fünferreihen! Marschmarsch! Ihrem Fernsehsofa derart zu entfliehen, danach sehnen sich Mengen von Sofakartoffeln. Ein Tod fürs Vaterland als unerhörte Karriere. Führer werden begrüßt wie groß geratene Stampfer, welche die vom Fernsehen weichen Kartoffeln zu jenem Einheitsbrei malmen, der sich hinunter schlingen lässt vom Leben: Im Orkus, statt einfach nur daneben. Gesegnet wirken Kartoffeln, drückt man sie in Uniform, gekrönt, wenn Marktschreier die Kartoffeln hinaus zum Stadttor geleiten.
Hinter den Kartoffeln kalt werdendes Sofaglück, das von ihnen abfällt wie Pelle. Voraus, am donnernden Horizont, der Tod als letztes großes Abdampfen des Kartoffelseins. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
"Meine Empfehlung für Herrschaften, welche unter dem Talar keine Familienplanung treiben."
Vom Liebesmahl als Vater sich zu erheben, der Geschlechtsreifende blickte stets ratlos drein bei diesem Gedanken. Kopuliert werden muss! weder dem Geschlechtsreifenden noch mir ist ein Stück Vieh geläufig, das anders dem Leben zu Umsatz verhilft. Wie aber weiter mit denen, die Kraft ihrer Leibesfreude nicht bestehen können, wo Drängendes blass zur Erde verbracht wird? Derart abgetrieben, spricht wenig gegen einen letzten Stoß hinaus aufs Meer. Im Wind, in Tagen und Nächten, dem Himmel entgegen.
"Sind wir damit rasch auf offener See?"
"Keine Minute", versichert der Herrenausstatter.
Plötzlich wird mir bang in dem Auslaufmodell. Der Stoff fühlt sich an wie etwas, für das Geschlechtsreifende noch in zweifelhafter Erde graben, das Erwachsene aber entsetzt von sich weisen. Was mir eben noch Horizont war, ist zum Abbruch nun geworden, voll Unkraut und Zurückgeblieben sein...
Minuten suchen meine Augen die Herrenausstattung ab nach dem Geschlechtsreifenden: Heimgelaufen vielleicht. Auf jenen Wiesen meines Hirns, an deren Ende das Elternhaus steht: Papa bei klassischer Musik, Mama mit spätem Abendbrot.
Kindertage, wie sie sich abwaschen lassen. Im hellblauen Bademantel, weißgestreift, duftend vor Schaum. Noch wäre ich rechtzeitig für die Trickfilme des Vorabendprogramms.
Meine Faust ballt sich um das Licht, das, in Tablettenmaß gebannt, mir leis seine Dienste zusichert. Mag es Geschlechtsreifendem zur Erbauung dienen, lockt das Licht mich allein als Erfüllungsgehilfe, Horizonte bersten zu lassen.
Mit Andacht schauen der Herrenausstatter und ich auf meine Faust, ehe das Licht versinkt im Futteral des Auslaufmodelles. Hinter ein letztes Aufleben befohlen, bis zum Sendeschluss Müdigkeit mit Macht hinzutritt, um rasch für bestes Einvernehmen zu sorgen.
Das Licht, es ist nun alles, was ich noch "am Mann" habe.
"Sehen Sie!" unter der ausholenden Geste des Herrenausstatters wirkt alles Leben, als würde es frisch aufgebügelt warten, erübrigt zu werden von der Mode und ihrer Zeit.
"An die Stange gehängt, Ämter zu bekleiden." Bloß könne niemand sich seinem Triebe verbunden fühlen, missfallen müsse alles Bloße der steten Lese der Schöpfung. Er, der Herrenausstatter, wache über Sitz und Form im Königreich Gottes.
Mag mir auch nicht unbedingt eingehen, warum der Herrenausstatter sich derart befördert weiß, für den Stolz des Flaneurs ist es immerhin Jahre zu spät. Aber nun heißt es Stellung beziehen. Eingraben muss ich mich mit den letztbesten Parolen, mit den letztbesten Wahnvorstellungen.
Schabt auf verlassenen Plätzen Laub über den Asphalt, dauert es nicht lange, bis Abfall sich ins welke Spiel mischt. Tüten, leer und fortgeworfen, tun sich hervor. Wie das Nichts der Tüten Innerstes bläht, sie aufwirbelt, zwei, drei Stockwerke Zweckbau hoch, ehe die Tüten verstummen vor lauter Sinken.
Leere reißt zu Tänzen hin, Leere sitzt allzeit zu Gericht, Leere ist haltlos an jedem Ort. Niemand wird der Leere je habhaft. Leere als Ersatzreligion, auf deren Zinnen Leere sich lieber verfolgt fühlt bis in den Wahn hinein, als abzufallen aus leerer Höhe. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

Als habe jemand einen Ausguss eröffnet, rinnt das Blut mir aus den Fäusten. Peinlich jetzt, ja beschämend, Jahre, Jahrzehnte meine Taschen wieder und wieder kontrolliert zu haben, ob sich darin alles vollzählig befindet. Ein Dasein als Sparschwein, hingegeben nun für eine Portion Licht. Es fühlt sich gut an.
Hungern müssen, ins Erdreich mich schanzen, alles, was Leben anleitet wie ein Tritt in die Fresse. Ich freue mich, Knochen zu fühlen, hart zu sein, sehnig, verwitterter Pfahl Stacheldraht. Das Auslaufmodell, es kleidet mein Wesen. Zum ersten Male fühle ich mich im Gewinne dessen, was uns alle Waschungen der Welt versagen. Mag sein, man entsorgt mich so an der Autobahn. Aber wie denn sonst? Es kann der Mensch nicht glücklicher sein, als im Winde. Eine Wiese wird man mir lassen, eine Anhöhe, ein Stück vom Himmel.
Der Herrenausstatter steuert still drei Mäntel zur Auswahl bei. Damit Nachtfrost mir am Ende nicht die Seele verdirbt. Man will ja niemand sein, dem Mut allein im Badeurlaub überkommt.
Neuware, Stoff alltäglicher Witterungsumstände. Beinahe entschuldigend blickt der Herrenausstatter, kein Auslaufmodell bieten zu können, sondern nur kleinlich Produziertes, von dem der Boulevard sich große Abende erhofft. Wollne Bauten, Kokonen gleich, welche Spinnen in ihrem Netz hüten. Umsponnener Fraß.
Ich wähle knochenbleiches Weiß.
"Leichter kann ein Totenhemd nicht sein", lächeln wir. Jene Mentalität von Bunkern, in denen man halb die Fahne hisst, halb geborgen sich wissen möchte. Suchtrupps, Hubschrauber, ich weiß ummantelt auf weitem Felde. Dabei schickt niemand mehr auch nur seinen Hund nach mir.
Auf dem Friedhof endlich beweinen Trockenbluter, was sie lebendig nie haben wollten. Denkverhältnisse, so beengt, dass kein zusätzliches Bett hinein passt. Am Wohlstand erkrankt, im Herzen Sparstrumpf, gerinnt Trockenblutern das Leben, bis es über ihnen zusammen wächst. Besenreine Fläche, wo Trockenbluter über Generationen zähes Tagewerk verrichteten. Als wäre die Welt reicher geworden durch solch ein Weniger, als wäre Tod dem Leben auch Heilung. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Reisefertig stehe ich vor dem Herrenausstatter. Es bleibt nicht mehr viel. Hinter den Fenstern ist Nacht. Keine Nacht, die herrscht, wartet, ruft, lockt. Eine Nacht, der gleich ist, was sie Menschenkindern bedeuten mag. Kriegen wir während ihrer Schicht unsere Angelegenheiten nicht geregelt, verbleiben wir eben dem Tag. Ohne Bestandsmeldung, was alles im Dunkel geboren und was gestorben. Fenster sind dabei selten mehr, als trübe Spiegel unseres Daseins: Der Herrenausstatter wie ein Homunculus, ich dagegen gleiche abgebrannter Milch, dumpf und verdorben. Jetzt gilt es, Worte zu finden.
"Ich schaff das!" sage ich.
Der Herrenausstatter blickt mir mit einem Male scheel als Gläubiger entgegen: "Gewiss!" vertraut er auf den Zins seines Tuns.
Ja, danach wollte ich fragen, nach dem Zins. Auslaufmodelle sind so leicht wohl kaum zu bergen.
"Ich pflege ein Poesiealbum Zeitungsartikel. Vermischtes vom Tage. Und berichten wird man doch wohl?"
Die Befähigung, aus Lauten mich zum Wort zu formen, macht kurz Pause. Selten erschien mir etwas sinnhafter, als solch Poesiealbum.
"Eine Liebhaberei mit Tradition in den Reihen meiner Ahnen", freut sich der Herrenausstatter. "Mein Großvater diente dem Leben bereits als Herrenausstatter. Früh sein Empfinden für den Frieden ausgesuchten Stoffes. Hasardeure aller Couleur blieben ihm die teuersten Kunden."
Der Herrenausstatter richtet zum letzten Male meinen Mantel. "Und so auch mir."
Dem letzten menschlichen Vorposten Sterbewohl wünschen, mein Ich erzittert. Außerstande, all die vergangenen Herrlichkeiten meines Wahnwitzes weiterhin mit Traumwandel zu unterhalten. Beinahe wähne ich mich in der Herrenausstattung auf einem leis sinkenden Schiff. Hier angeheizter Wohlstand, dort finstere See um den Gefrierpunkt. Nur dass hier gar nichts, absolut gar nichts sinkt. Ich sinke, ich allein.

Der Herrenausstatter hat sich zurückgezogen. In sein Rettungsboot aus Tradition und Poesie. Plünnen bleiben mir zum Adieu. Eine Etage mit auf Puppen gezogenen Plünnen. Elend wenig, wenn alles Begehren sich in den Feierabend verabschiedet.
Den nächsten Morgen bilde ich mir ein. All die Latte macchiatos, stramm im Glied geschlürft. Das Leben, wie es nach Milchhörnchen schmeckt. Ergüsse des Wollens über jener Dürre des Seins, welche mir entgegen stieren inmitten nächtlicher Herrenausstattung. Schon dimmt Notbeleuchtung auf, tunkt alles in das Rot glimmender Asche. Wie wenn unter mir Geröll urzeitlicher Behausungen knirscht. Geburt stelle ich mir in diesem Lichte vor, Schlaf, Tod.
Ganz früher, da war ich mal vergessen und eingeschlossen. Als es noch einen Vater gab. Hingegen heute keine Stimmung mehr aufkommen mag. Welche Nummer sollte ich auch wählen von dem Wandtelefon neben den Kassen? Und hinten der Notausgang bequem ins Freie. Das letzte Gebäude vor Himmelfahrt. Ich will in die Spielwarenabteilung!
Lassen wir unsere Augenblicke einfach los. Kein Kennen mehr, sondern ein Ersuchen. Soweit Licht uns führen mag. Wie viel Schöpfung fasst eines Sinnes Rand, wie weit dringt die Nacht?
Alles, was war, was Form gewesen ist, muss vollzogen worden sein, musste Dasein werden, lange bevor der Morgen es erblickte. Im Nebel nun mögen Wesenheiten aufziehen, die dem Warum entzogen sind. Augen, Münder, tausend Hände bilden sich uns ein. Kein Irren, vielmehr jenes Urahnen, welch Wassern wir einst entkrochen, welch Fließen unsere Gnade war. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Die Vitrinen der Spielwarenabteilung präsentieren nichts, wie es einmal war. Als Kind, da herrschte Tag. Wir stromerten durch die Warenhäuser, dampften vor Sonne, hatten weder hier noch dort etwas zu erledigen. Alles verweilte in Sehnsucht. Niemands Wunsch ward erfüllt auf entsetzlich banale Weise: Viele Sommerferien noch blieben
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Wer leben will, muss sterben können.

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Dominik Klama
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Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendwer diesen extrem langen, schwer zu lesenden Text tatsächlich komplett liest - außer mir. Darum will ich einige Zitate hier hinstellen, die dem Nichtleser einen Eindruck vermitteln, womit er es zu tun gehabt hätte.

quote:
Erst brachte ich lefzend das Wärmenwollen durch, das Mutter und Vater mir dampfend hinterließen im Kreislauf ihres Blutes, dann trat ich die Mahnungen meiner Ahnen nieder, am Ende wusste ich selbst in jene Gräber kein Grün mehr zu werfen, welche mich etwas angingen.

Ja, so sperrig und tatsächliche eher blenden wollend als blendend liest sich der bisweilen.

Es ist der Monolog eines fünzigjährigen Mannes, der sich allerdings immer wieder mal aufspaltet und dann auch noch ein zweites Ich hat, den "Geschlechtsreifenden", sein jüngeres, seinerzeit jugendliches Ich.

cSchlesinger kann besser schreiben als nahezu jedes andere Mitglied der Leselupe, zugleich will er aber leider mehr oder weniger unlesbare Texte schreiben.

Was Wunder, dass seine insgesamt fünf Texte, von denen er zwei selbst wieder gelöscht hat, nahezu nie bewertet und nur zweimal kommentiert worden sind - in Jahren! Seit über zwei Jahren hat er nicht mehr in der LL gearbeitet. Er war zu gut für diese Welt.

Wie auch sein literarisches Alter ego, das unendlich lange und unendlich perfekt ausgefeilt sprachlich daran herumlaboriert, wie einem Fisch im Goldfischglas der Welt gegenüber zu stehen. Also, die Welt ist der Fisch, der Mann ist draußen, aber der einzige, der Rest ist hinter Glas und unter Wasser.

quote:
Noch nicht ganz auf dem Posten, längst reif zu sein für das Fallbeil zwischenmenschlichen Urteilens, missverstehen wir die Geste des Herrenausstatters.

Es sieht so aus, als habe hier einer die gesamte Welt, die gesamte Menschheit, sein ganzes Leben, die vollständige Literatur und vor allem sämtliche Wörter, über die die deutsche Sprache verfügt, in einen einzigen Text bannen und somit künftighin unnötig machen wollen. Er hat es dann ja hinterlassen und der Mensch ist, was er hinterlässt. Blanker Größenwahn! Was aber nicht übel sein muss.

quote:
Hier und im Folgenden spare ich mir all jenes wichtige Gehabe, mit dem Literaten gemeinhin Notizbücher eröffnen.

Das stimmt überhaupt nicht. Alles bei ihm ist Sprache und ist Gedanke. Und will nicht reingezogen werden als "Kopfkino", wuchert also mit seiner Künstlichkeit und Kunstfertigkeit.

quote:
Allein jener Stolz, mit dem naturgeile Menschen sich am Mittagstisch Kartoffeln nehmen, lässt mich ins Elend sinken.

Eben. Unreflektierte Sinnlichkeit ist so ziemlich das Letzte, über was dieses monologisierende Ich gebietet. (Aber hin und wieder doch zumindest über einen gewisse Witzigkeit, wie das Zitat zeigt.) Vielleicht deswegen blitzen dauernd Eindrücke von Orten der Lust und des Genusses auf: Spielhallen, Sexshops, Bahnhofsmilieu, Strich, Restaurants, Nuttenbuden... Aber nichts davon scheint tatsächlich erlebt, jedenfalls wird das Miterleben verweigert, da ja das Geschichtenerzählen und das Einfühlen verweigert werden.

Selten las man auch einen Text, in dem eine Figur so ausschließlich über sich selber handelt und man am Ende so wenig über sie weiß. Und erst recht über den Autor.

quote:
Beschämend, wofür Menschen sich alles aufsparen. Und am Ende fällt den Herrschaften vor lauter Tristesse selten mehr ein, als beim Boxenstopp die Trulla zu wechseln.

Er kokettiert immer damit, ein "Philosoph" zu sein und sogar ein zweiter Zarathustra. Ein Lokal heißt "Little Nietzsche". Philosophische Theoriegebäude finden sich aber nicht. Vielmehr der Weltekel von Nietzsches Zarathustra bei ebenfalls dessen gleichzeitiger Selbstgefälligkeit. Aber wie auch Nietzsche gelingen ihm immer wieder beeindruckende Aphorismen. Mit seiner erschlagenden Länge verhüllt der Text, dass er voller kleiner Aphorismen steckt.

quote:
Krepieren könnt ich, wenn Leute aufmerksam tun, weil man ihnen gegenüber Aufmerksamkeit bewies. Jener Kuhhandel des einander Freunde schimpfens.

Nur vermelden halt dem Weisen die Boten nichts Neues mehr. Und cSchlesinger auch nicht.

Hin und wieder kreuzt die Sache dann etwas mehr ins Literarische rüber und versucht sich im Schaffen präziser, unabgenutzter Sprachbilder. Was aber schon auch verzwungen wirken kann:

quote:
Tüten, leer und fortgeworfen, tun sich hervor. Wie das Nichts der Tüten Innerstes bläht, sie aufwirbelt, zwei, drei Stockwerke Zweckbau hoch, ehe die Tüten verstummen vor lauter Sinken.

Vom Sinken ist überhaupt des Öfteren die Rede. Das Wort "sinken" mag er. Muss aber alle anderen aber doch auch noch verwenden, war für das Werk so vorgesehen.

quote:
Jenes Wohlgefühl unter Viechern, dass es mit Fressen, Auslauf, Toilette getan ist, bleibt einem unter Menschen verwehrt, mag man seiner Sache noch so sicher sein, dass es der Welt zum Glück genügt, täglich ihre vier, fünf Stunden Glotze reingeschüttet zu bekommen.

Nee, gar nicht! Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht! So à la "Die anderen sind alle so flach und ich bin so tief" ist der Text eher selten.

Und derart zynisch auch nicht oft, was vielleicht aber schade ist:

quote:
Solch Herztod ist vom erreichten Milieu des Pflegenotstandes her wahrlich keine üble Karriere.

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14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit Aufklärung Verteidiger: Es ist genug.

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