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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ein Nachmittag mit Fliegen
Eingestellt am 06. 05. 2004 00:28


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gareth
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Ein Nachmittag mit Fliegen
(ĂŒberarbeitet am 13.05.04)

Wir waren zu dritt. Werner, Guido und ich, acht Jahre alt. Wir saßen und knieten abwechselnd auf den granitenen Randsteinen der schmalen, asphaltierten Gehsteige. Die frĂŒhsommerliche Nachmittagssonne hatte sie angenehm erwĂ€rmt. Es war still um uns. Die kleinen GeschĂ€fte, BĂ€cker, Metzger und Lebensmittelladen, hatten noch nicht wieder geöffnet. Aus einigen offenen Fenstern drang leises Klappern von Geschirr und man konnte einzelne Worte von Unterhaltungen hören. Von den nahe gelegenen Handwerksbetrieben hörte man HĂ€mmern und von weit her das leise und verhallte Kreischen einer KreissĂ€ge. Ich liebte alle diese kleinen, friedlichen GerĂ€usche. Sie gehörten fĂŒr mich zu jedem dieser Nachmittage nach der Schule, so lange ich mich zurĂŒckerinnern konnte.

Wir waren auf Fliegenfang. Jeder auf seine Weise. Werner in seiner typischen, kraftvollen Art. Alle Muskeln angespannt, notwendig oder nicht. Guido ehrgeizig, aber eher linkisch, mit bekannt niedrigen Fangquoten. Ich eher der geduldige Typ, der Misserfolge als Teil des Systems in Kauf nimmt. An der Ecke vor der Metzgerei verteilt, suchten wir aufmerksam, mit sehr langsamen Bewegungen die Gehsteige ab. Unsere Gasse war eine der kleinen Altstadtgassen, nicht viel lĂ€nger als hundert Meter und höchstens vier Meter breit, von einer HĂ€userwand zur anderen. Dem einen Ende der Gasse gegenĂŒber stieß man auf das Schiff unserer Kirche. Das andere Ende bildete eine Querstraße mit einer durchgehenden, hohen Sandsteinmauer auf der gegenĂŒber liegenden Seite. Dort wĂŒrde unser Tun seinen Abschluss finden.

Man soll nicht annehmen, es sei einfach, Fliegen zu fangen. Sie zu töten ist leicht. Aber es geht darum, sie in die Hand zu bekommen. Als Erwachsene wissen wir meist zu erklĂ€ren, wie es gemacht werden muss, können es aber nicht. Kinder fangen sie. Jedenfalls wir als Kinder haben sie gefangen. Die Jagd ging normaler Weise so lange, bis jeder von uns eine Fliege in der geschlossenen Faust hatte. Lebend, körperlich unversehrt und frei beweglich. Das Verletzen oder gar ZerdrĂŒcken der Gefangenen galt als unprofessionelle StĂŒmperei und war verpönt.

Werner hatte die erste. Aber man sah, dass er sich nicht ganz sicher war. Er hielt seine Hand ans Ohr. SchĂŒttelte sie. Lauschte dann wieder und schĂŒttelte den Kopf. Er hĂ€tte nun seine Hand öffnen können. Aber, zu keiner Geste des Großmuts bereit, nicht willens, seinem Opfer eine Chance einzurĂ€umen, schmetterte er sie auf den Boden. Er war ĂŒberrascht, dass da wirklich eine Fliege war. Sie drehte sich verletzt und halb betĂ€ubt auf dem Asphalt und er zertrat sie.

Guido hatte als nĂ€chster Erfolg. Aber auch er spĂŒrte nichts in seiner Faust und schĂŒttelte sie. Nach einer Weile lockerte er den Griff und öffnete dann langsam die Hand. Zwischen seinen Fingern klemmte die zerdrĂŒckte Fliege. FĂŒr einen Moment verzerrte sich seine Miene in Angst und Ekel und er schĂŒttelte sie mit ausgestrecktem Arm und mit gespreizten Fingern von der Hand, das Gesicht abgewandt.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich meine fing. Sie hatte sich genau vor mir auf einem der Randsteine des Gehsteigs nieder gelassen, ohne in mir eine Gefahr zu sehen. Sie saß erst still in der Sonne, dann rieb sie sich zuerst in aller Ruhe die Vorderbeine, kratzte sich unter erheblichen Drehungen des Kopfes im Genick und putzte sich dann mit routinierten, kraftvollen Bewegungen ihre FlĂŒgel, die sie dabei verdrehte und erstaunlich weit nach oben bog. Ich saß reglos vor ihr, meine Hand nicht weiter als zwanzig Zentimeter von ihr entfernt. Gegenlicht und Gegenwind. Sie fĂŒhlte sich sicher. Und unter anderen UmstĂ€nden wĂ€re sie das auch gewesen. Sie konnte nicht wissen, dass ich heute mit Werner und Guido zusammen war.
Ich ĂŒberraschte sie. Sie tobte in der engen Höhle meiner Hand herum und versuchte mit allen Mitteln zu entkommen. Ich spĂŒrte das Schwirren ihrer winzigen, sanften und doch festen HautflĂŒgel an meiner HandflĂ€che. Vorsichtig hob ich den Daumen an und im gleichen Augenblick drĂ€ngte sie sich, klein und dunkel, mit einer erstaunlichen Kraft und einem enormen Durchsetzungswillen schnell durch die engste LĂŒcke ans Licht.
Ich erwischte sie zwischen Daumen und Zeigefinger an beiden FlĂŒgeln. Nach kurzer Gegenwehr hielt sie ihre Beine still. Sie fand sich rasch ab und wir erhoben uns, um sie ihrem Schicksal zuzufĂŒhren.

Wir erreichten die Mauer. Es wurde nicht gesprochen. Es war uns sehr genau bekannt, wo der kleine Hohlraum zwischen den Mauersteinen war. Es bedurfte keiner Suche. Ich schob die Fliege in die Höhle hinein. Einige Zentimeter im Inneren begannen die Spinnweben. UnregelmĂ€ĂŸige, wilde Gespinste waren ĂŒberall gewebt. Von der Decke schrĂ€g zu den WĂ€nden und auch von Wand zu Wand. Als ich die Fliege, mit den Beinen voran, langsam in die zunehmende Dunkelheit schob, begann sie wieder zu strampeln. Ich drĂŒckte sie in eines der Netze. Ihre Beine verstrickten sich und ich ließ sie los.
Werner und Guido drĂ€ngten an mich heran. Unsere Gesichter berĂŒhrten sich fast. Wir warteten gespannt und starrten ins Innere der kleinen, dunklen Höhle. Die Fliege versuchte immer wieder in verzweifelten, summenden AnfĂ€llen, ihre Beine aus den FĂ€den frei zu bekommen. Dann sagte Werner leise: "Da kommt er". Aus der Dunkelheit kam rasch ein Weberknecht hervor, der bei uns 'der Schneider' hieß. Er bestand fast nur aus Beinen. Mit seinem winzigen, hellen, rundlichen Leib und ungeheuer langen, fadendĂŒnnen Beinen stakste und wippte er auf die Fliege zu und packte sie. Jetzt wehrte sie sich noch einmal; raste verzweifelt gegen die Fesseln an. Der Weberknecht arbeitete unbeirrt. Blitzschnell hatte er sie gefesselt und in sein Gespinst eingerollt. Und dann ließ er die Bewegungslose liegen, wandte sich um und verschwand wieder in der Tiefe seiner Höhle.
Aus der Fliege war ein armseliges, weißliches Paket geworden. Wir starrten es an. Es lag da jetzt still in dem klebrigen, schmutzigen Fadengewirr. "Ist sie tot?" fragte Guido. "Kaum", sagte Werner, "von was?" Wir wussten es nicht. Das BĂŒndel lag unbeweglich. Ich starrte es an; spĂŒrte mein Herz schlagen. Heiße Reue steig in mir auf. Ich versuchte, mir nicht vorzustellen, wie die Todgeweihte ihre abnehmenden KrĂ€fte immer und immer wieder, ohne jede Wirkung gegen die Fesseln stemmte, mit dem wilden Sehnen nach Sonne und Freiheit in ihrem winzigen Fliegenherzen. "Verzeih mir", flĂŒsterte ich. Sie rĂŒhrte sich nicht. Werner sah mich von der Seite an. Ich wandte mich ab. "Mistvieh", sagte ich.

Wir gingen Fußball spielen und vergaßen die Fliege. Auch ich. Doch nicht fĂŒr immer.

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freifrau von löwe
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lieber gareth

ich wertete eine 6 und der text dazu ist wörtlich zu nehmen "das werk hat etwas, mit etwas zusĂ€tzlicher mĂŒhe, könnte es gut werden".
das "wir" gibt es entschieden zu oft nacheinander und im ersten absatz, nehme ich beim lesen abstand, weil von "man" die rede ist.
die jungenhafte nachmittagsstimmung hast du gut rĂŒber gebracht und auch die spannung des fliegenfangens.
am ende hĂ€tte ich persönlich gern noch etwas mehr gehabt. warum hast du sie nicht fĂŒr immer vergessen, wann fiel sie dir wieder ein? sollte dies deiner ansicht nach schon in der geschichte sein, ist es zu unsichtbar. es fehlt also ein wenig konsequenz am schluss.
ein wenig mehr bindewörter wĂŒrden dem text nicht schaden.
schreibfehler hab ich auch ein paar endeckt:
- lebensmittellÀden statt Lebensmittelladen
- kraftvollen Art statt karftvollen Art

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gareth
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Liebe Freifrau,

danke fĂŒr die BeschĂ€ftigung mit der Geschichte. Ich werde Deine Hinweis ernst nehmen und versuchen, den Text zu ĂŒberarbeiten. Das -wir- scheint mir jetzt auch allzu hĂ€ufig zu sein. Was die Konsequenz am Schluss betrifft, war ich ĂŒberzeugt, dass sie auch in der knappen Darstellung deutlich sei. Aber auch das werde ich nochmals durchdenken. Den einen Schreibfehler kann ich sofort tilgen, aber was die LebensmittellĂ€den betrifft, so ist es nur ein einziger gewesen :o)

Liebe GrĂŒĂŸe
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da lob ich mir mein trÀges Schreiben.

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freifrau von löwe
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lieber gareth

der schluss ist mir jetzt einleuchtender, nur das brechende fliegenherz ist mir ganz persönlich zu kitschig.
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gareth
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mir eigentlich auch, Freifrau,

es ist jetzt wieder ein gewöhnliches Fliegenherz :o)
Danke fĂŒrs erneute Lesen.
Und freundliche GrĂŒĂŸe
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freifrau von löwe
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schau....

xzar hat mit 9 gewertet. wenn du zweifelst, vertraue lieber seinem urteil als meinem. ;-)
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