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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ein Spielplatz, eine Parkbank und die Krankheit des Erinnerns
Eingestellt am 03. 09. 2008 14:38


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Daphne Elfenbein
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2008

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FĂŒr einen staatlich verordneten Mord gibt es keine Schuldigen. Es gibt AusfĂŒhrende im Sinne der Dienstpflicht. Aber es gibt keine Schuldigen. Die Richter bleiben unsichtbar. Der Vernichtungsbefehl wurde von höchster Stelle unterzeichnet, heißt es, oder: Das Urteil wurde vollstreckt im Namen des Volkes. Ob es einen Einzelnen trifft oder ganze Völker. Es gibt keinen, dem man das Kreuz aufladen könnte im Namen von irgendwem. Es sei denn, man findet einen Dummen. Einen, der sich nicht (mehr) wehrt, einen, mit dem man alles machen kann. Einen wie Georg, der allein schon deshalb verdĂ€chtig ist, weil er keinem Blick standhĂ€lt, verhuscht den Hinterausgang nimmt und den Anschein erweckt, er habe etwas zu verbergen. Einen, der schon in der Schule der Schuldige war, wenn einer „X ist ein Esel" oder "Jesus ist ein Gespenst" an die Tafel schrieb, bevor Lehrer X das Klassenzimmer betrat und seinen Richterblick von der Tafel auf Georg richtete, der es im Zweifel gewesen ist.

Dieser Georg ist ein BĂŒrger dieser Stadt, der auf der Parkbank eines Spielplatzes sitzt, dem Treiben der Kinder zusieht und gelegentlich in die bleiche Aprilsonne blinzelt. Dieser Spielplatz reckt sein junges FrĂ€tzchen hellĂ€ugig in die Luft, nimmt alles an und macht keine Anmerkungen, nicht zu den FahrrĂ€dern im knirschenden Kies, nicht zu den umher fliegenden BĂ€llen noch zu den balgenden Kindern im Gras. Alles ist intakt. Der Zaun, das Tor, die Verbotsschilder, gleichgĂŒltige WĂ€chter aus rostfreiem Metall. Betreten des Rasens verboten. Fahrradfahren verboten. Die stabilen BĂ€nke noch ohne Graffiti. Ein weitrĂ€umig umzĂ€unter Sandkasten, in dessen Mitte senkrechte und waagrechte Holzbalken ein Gestell bilden, das eine hölzerne Plattform trĂ€gt. Von dieser Plattform fĂŒhrt eine Rutschbahn in den Sand. Vom Querbalken hĂ€ngen Stricke, die Georg auch dann noch erschauern lassen, als ein dunkelhĂ€utiges Kind barfuß daran hinauf klettert. Er weiß nicht, warum. Doch das Ding ist ihm unheimlich.

Die Kinder werden Ayse, Marek, Roman oder Hatice gerufen, von MĂŒttern, die in Gummizughosen und Woolworth Jacken hinter dem Zaun stehen. Sie lassen abwechselnd Puppen und dann sich selbst die Rutsche hinab schlittern, wĂ€hrend die Sonne mal vor und mal hinter den Wolken den Planeten beleuchtet und Temperaturschwankungen auslöst, die Georg veranlassen, seine Jacke auf und wieder zuzuknöpfen. SchĂŒttere BĂ€umchen zwischen aufgeschĂŒtteten RasenwĂ€llen schicken von Zeit zu Zeit BlĂŒtenflaum in den Wind, wĂ€hrend sie reglos ihre Wurzeln tiefer treiben. Ihre Wurzeln. Georg stiert auf die parallel zwischen den Wegen verlaufenden WĂ€lle und fragt sich aus Langeweile, was wohl darunter liegt. Weiße Bögen aus Gießbeton bilden den Abschluss der grĂŒnen, etwas Unbekanntes verdeckenden WĂŒlste am Wegrand. Schnittnarben moderner Gartenkunst. FahrrĂ€der knirschen auf hellbraunem Kies. Mahnrufe von MĂŒttern tönen ĂŒber den Platz.

Georg rutscht auf seiner Bank hin und her, fixiert die fensterlosen Wohnhausfassaden rechts und links des Platzes. Sein schmaler Mund öffnet sich leicht, was ihm ein debiles Aussehen verleiht. Die Fensterlosigkeit dieser HĂ€user Ă€ngstigt ihn genau wie das Holzgestell drĂŒben bei der Rutsche. Die Relikte angrenzender Ziegelmauern an einigen Stellen der Fassaden machen ihn nervös. Sterbende HĂ€user haben hier Kratzspuren hinterlassen im aussichtlosen Kampf. „Hier stand frĂŒher die Rohrbach Metallflugzeugbau GmbH" hatte er flĂŒchtig gelesen, vorne, auf der Infotafel beim Eingangstor. Das kommt davon, wenn man Infotafeln liest.

Ein dunkelhaariges Kind mit Sturzhelm brettert mit dem Mountainbike um die Kurven. Auch Georg war einmal zehn. Er erinnert sich an ein schwarz-weißes KInderfoto von sich aus den 60-ger Jahren, auf dem seine asymmetrischen GesichtszĂŒge mit der verformten Nase ihm entgegen glotzten. Verbrechervisage. Er hat alle Fotos von sich zerschnitten. Er fröstelt. Vielmehr ist es ein Zittern, das mit der AprilkĂŒhle nicht mehr viel gemein hat. Er knöpft seine Jacke zu. Wenn man ihn fragte, ob er Angst habe, er wĂŒrde es verneinen.

Er hĂ€tte sich nicht in die NĂ€he dieses Flugzeugs setzen sollen. Er kratzt sich die Bartstoppeln und reibt die blutunterlaufenen Augen, lockert seine Gesichtsmuskeln mit ein paar Grimassen, versucht, dem Ansturm der Bilder zu widerstehen. Er weiß, wie ihm die Zeit abhanden kommt bei so etwas. Eine KĂ€lteempfindung ergreift seinen drahtigen Körper, obwohl die Sonne gerade unverhĂŒllt und warm fĂŒr einige Minuten zwischen den Wolken hindurch scheint. Was Georg sieht, sieht niemand außer ihm. Das ist ja das ganze Dilemma.

Die Drogen machen dich kaputt, hat seine Mutter gesagt. Zehn, zwanzig Trips spĂ€ter saß er in der Psychiatrischen. Eigentlich war alles wegen Lisa. Er hat sie vergöttert. Sie war
 sie war 
 Das weiß nur er allein. Vier Uhr. Er muss zurĂŒck. Wenngleich, in der Offenen sind die Regeln gelockert. Zwanzig Jahre in der Geschlossenen. Nun in der Offenen. Auf Widerruf. Keiner kennt ihn hier. Keiner schaut kopfschĂŒttelnd hinter ihm her. Er ist ein unscheinbarer Mann auf einem Spielplatz, auf dem einmal eine Fabrik stand. Er nestelt nach seinem dudelnden Handy. „Rohrbach Metallflugzeugbau GmbH guten Tag" meldet er sich. „Wie? Aha! Nein, kenne ich nicht. Von wo rufen Sie an? Urban-Krankenhaus? Hm. Nein, Sie sind falsch verbunden. Der Akku stirbt mit einem Warnton. Seltsamer Anruf. Er steckt das Ding wieder weg.

Was wissen die schon, wie einen das Erinnern ausbrennt. Wie es sĂ€mtliche Akkus leer saugt innerhalb von Sekunden. Dabei sitzt er nur hier und 
 nein, er hat keine Nachforschungen angestellt in entlegenen Archiven. Er ist auf keine Expeditionsreise gegangen und hat keine betagten Nachbarn befragt. Er schließt nur die Augen 
 und dann ...


Lange flache Ziegelbauten mit großen Fenstern. Ein dreistöckiges VerwaltungsgebĂ€ude mit KonstruktionsbĂŒros. Ein Fuhrpark mit BMW Automobilen. Ein Kanaldurchstich zum Nordufer, um die Flugzeugteile nach TravemĂŒnde zu schiffen. Eng ist die Straße zwischen den grauen Fassaden. DrĂŒben auf der anderen Seite des GelĂ€ndes hört er das Summen der Christian-Konrad-Sprengel-Schule. Die Kinder heißen Fritz und Margret, Gustav und Hilde. Kleine pausbĂ€ckige Rotznasen in unförmigen WollmĂ€nteln, die sie von ihren Ă€lteren Geschwistern auftragen. Sie spielen mit Brummkreiseln, LaufrĂ€dern und Hula-Hoop Reifen. Trotzig blicken sie in die Kamera, die alles irgendwie braun macht. Der Geruch von Ruß und Metall juckt in ihren Nasen. Die TaschentĂŒcher, in die sie schnĂ€uzen, werden grau. 54 Schornsteine rauchen in der Umgebung. Osram, Borsig, AEG. Heerscharen von Arbeitern strömen von den Straßenbahnen in die Fabriken, wĂ€hrend in der CharitĂ© dralle Schwestern gegen die SĂ€uglingssterblichkeit kĂ€mpfen und ein berĂŒhmter Arzt ĂŒber Leichen gebeugt nach der menschlichen Seele sucht.

Von der Fabrik mĂŒssen die Kinder sich fernhalten. Das ist fĂŒr die Großen. Doch tönt durch die offenen Fenster des Klassenzimmers das HĂ€mmern und Schweißen aus den nahen Hallen herein. Sie staunen beim Aufleuchten von Funkenregen in den Bogenfenstern der Halle, wĂ€hrend der Naturkundelehrer ihnen die Befruchtung der Blumen durch Bienen erklĂ€rt. SpĂ€ter stehen sie auf der Straße, zwischen Schornsteinfeger und Brezelmann. Ein Flugzeugrumpf wird auf die Sprengelstraße gerollt. Sie riechen die frischen Brezeln, den Schweiß der Arbeiter, die Kohle, das heiße Metall. Sie möchten mit auf den TragflĂ€chen des Romar stehen, wo sich einhundert Arbeiter vom Zeitungsmann ablichten lassen, zusammen mit dem Herrn Direktor. Sie stellen Fragen: Was ist ein Flugboot? Wozu braucht man ein Flugzeug im Krieg? Und warum bekommt der Tscheche keinen Lohn?

Georg steht mitten unter ihnen mit verschmiertem Verbrechergesicht, der eingedrĂŒckten Nase und mit einem Kreisel, er sieht, riecht und hört und weiß nicht mehr, wohin er gehört, vergisst, die Brezel zu essen, die in seine Hand zerdrĂŒckt (er umklammert sein Handy,)hört die Alte neben sich munkeln, dass das ein böses Ende nehmen wird mit der Fliegerei. GotteslĂ€sterung, zischt sie und schnĂ€uzt sich laut. Der Mensch soll auf der Erde bleiben und die LĂŒfte den Vögeln ĂŒberlassen.

Der Schrei einer Woolworth behosten Frau schreckt ihn auf: „Fahr nicht auf den Rasen, Roman!" Schon sind grĂŒner Anorak und Sturzhelm hinter dem Bogen verschwunden, von einer Rasenwelle verschluckt, einer zweiten Welle, einer dritten. „Hatice, iss keinen Sand!" „Marek, hör auf damit! Du zerreißt dir die Hosen!". Die Kinder drĂ€ngen sich kreischend um die Rutschbahn, was Georgs Eingeweide zu Kontraktionen zwingt, wĂ€hrend die MĂŒtter in gerĂ€umigen Taschen nach Jacken, Flaschen und Keksschachteln kramen.

Dort drĂŒben, ja, genau dort bei Pappel Nr. 5 – die BĂ€umchen sind mit Nummernschildern versehen – dort ließ sich der Zwangsarbeiter Vladimir P. von der Berliner Abendpost ablichten. Er versagte der Kamera sein LĂ€cheln, versagt es noch heute, denn sein Konterfei glotzt anklagend von der Infotafel herab. Georg rutscht ein StĂŒck tiefer auf seiner Bank, wĂ€hrend ein kalter Luftzug um seine eingefallenen Wangen streicht. Noch tiefer zieht es ihn, hinab, dort unten, wo es nach Brand riecht und Tod, wo Jahrzehnte keine Luft mehr in RĂ€ume drang.

Den Kopf in den Nacken legend wirft er Anker im Himmel, entziffert die Wolkenschriften hoch oben in der Luft, wo Umrisse von Flugzeugen sich abzeichnen, von flĂŒchtigen Schwaden verdeckt und wieder freigegeben. Fast ist er glĂŒcklich. Lauter alte Bekannte. Romar. Roland. Rodra. Ro II und Ro III schwirren mit Dreipropellermotoren um seinen Kopf. Dazwischen blickt ein ernstes Gesicht auf ihn herab. Ein Dreißiger-Jahre-Gesicht, vertraut wie sein eigenes, mit glattem Seitenscheitel, der in einer flachen Haarlocke endet, ein Oberlippenbart in Hitler-Manier ĂŒber den fleischigen Lippen. Ein brauner Anzug. Sepiabraun. Oh Schuld! Seine Schuld ist es! Er fĂŒhlt die Schande, die Niederlage Adolf Rohrbachs. HĂ€tte er doch die Fabrik in Tempelhof gebaut! Sie hĂ€tten ihm nicht die Fördermittel entzogen. Man hĂ€tte der feindlichen Übernahme entgehen können! Weser-Flugzeugbau GmbH. Ein Hohn!
Er breitet seine Arme auf die Parkbank wie TragflĂ€chen. In den Wolkenschriften verblassen Kampfbomber und Flugboote. Nun sitzt er selbst im Flugzeug, es ist das Wasserflugzeug Rocco, mit Lederkappe und Windschutzbrille, wohlwollend folgen ihm Blicke aus bekannten Gesichtern, die ihn wie einen Angehörigen grĂŒĂŸen und ihm GlĂŒck wĂŒnschen, bevor sein Testflugzeug die Schnauze in die Erde bohrt und er keine Zeit mehr hat, sein gebrochenes Genick zu betasten.

Er wischt sich mit dem HandrĂŒcken ĂŒber die Stirn und legt die Hand auf sein Herz. StahlhĂ€mmer hört er und zweifelt, ob er hier ist und nicht anderswo, wie viel Uhr es ist und wo er heute morgen den Tag begann. Er kann nicht ablassen von den Wolkenfilmen dort oben, die sein Leben abwechselnd frei geben und wieder verhĂŒllen. Wieder schiebt sich eine Regenwolke ins Bild, er sucht und sucht, doch da prescht der kleine Roman mit dem Mountainbike an seiner Parkbank vorĂŒber und wirft ihm einen alten rostigen SchlĂŒssel zu, den er reflexartig auffĂ€ngt. „Da! FĂŒr dich! Hab ich gefunden im Sand!" Georg blickt fremd auf das Kind, dann auf den SchlĂŒssel.

Vertraute Gesichter stehen um sein Grab. Es sind Bauern dabei, die in geflickten Hemden und mit glĂ€nzender Stirn PflĂŒge durch brechende Schollen schieben. Er sieht sie Milcheimer aus StĂ€llen tragen im Morgengrauen, sieht wie ein Messer sich senkt in den Leib einer schreienden Sau. Er sieht sie Blutwurst in DĂ€rme fĂŒllen und Kartoffeln in Körbe sammeln. In der AbenddĂ€mmerung stehen sie auf dem Feld und beugen die Köpfe ĂŒber gefalteten HĂ€nden. Der Keller ist voll mit Eingewecktem. Sie riechen nach Kuhdung und Stroh, wenn sie um den Tisch herum sitzen und sich Scheiben abschneiden vom selbst gebackenen Brot. Manche betreiben Meiereien. Andere halbieren ihren Hof und arbeiten in der Stadt. Er sieht sie Stroh zwischen Holzbalken stopfen und NĂ€gel in DachstĂŒhle hĂ€mmern. Er sieht, wie sie wegsehen, als ihre Nachbarn unter SchlĂ€gen in Viehwagen gezerrt und fortgekarrt werden. Er sieht, wie sie einander verraten fĂŒr ein StĂŒck Brot und wie sie in Keller flĂŒchten unter Sirenengeheul, wo sie um ihr Leben zittern und sich einnĂ€ssen vor Angst.

Fleißige Leutchen sind sie. Von großen Dingen wissen sie nichts. Nie bekleiden sie öffentliche Ämter, noch ragen sie aus der Geschichte heraus. Doch vergessen sie weder die Geburtstage ihrer Lieben noch das Gedenken der Toten. Blinde Flecken in der Geschichte sind sie, könnte man meinen, wenn sie sich nicht fortgepflanzt hĂ€tten und ihn in der Gegenwart zurĂŒck gelassen, Georg, den Schuldigen, den Motor aller Verbrechen.

Er fĂŒhlt, wie die Erde erzittert unter der Parkbank vom Einschlagen berstender Bomben, er sieht die Risse sich ausbreiten in den Ziegelmauern der Flugzeugfabrik. GeschwĂ€rzte Gesichter starren verloren aus schmutzigen Fenstern. Man sagte ihnen: Arbeite oder stirb!" Sie haben sich fĂŒr's Arbeiten entschieden, bevor die Detonation sie in die Luft warf. Er sieht Flammen aus den Fenstern schlagen, hört Scheiben bersten, sieht Fensterkreuze glĂŒhen und das Dach einsinken. Die eiserne Hebevorrichtung verschwindet unter den TrĂŒmmern, er zuckt zusammen, als Funken aus der Schaltzentrale sprĂŒhen. Er sieht die Mauer des BĂŒrogebĂ€udes bersten und Papier im Feuersturm tanzen. KonstruktionsplĂ€ne, Urkunden, Listen verglĂŒhen in der heißen Luft. Menschen stochern in rauchenden TrĂŒmmern, in denen Tote und Lebende stecken. Helfer errichten einen Zaun und tragen Leichen und verkohlte Balken davon. Er ringt nach Luft. Rauch und Schuld hemmen den Atem.

Er sieht, wie sich Ratten und Obdachlose einnisten, wie sich Grassamen in Fugen setzen und Brombeerranken durch Fensterlöcher kriechen. Langsam wĂ€chst eine Birke aus der Graffiti-bemalten Mauer. Ein angekohlter Balken knickt und reißt ein MauerstĂŒck mit herunter, begrĂ€bt einen Sauerampfer unter sich.

Aus seinem halb geöffnetem Mund rinnt Speichel, die Hand an den Hals gepresst blinzelt er in den Himmel. Sie war schon lĂ€nger nicht mehr draußen, die Sonne. Fordernd erwartet er den nĂ€chsten wĂ€rmenden Strahl, als sei es eine persönliche Angelegenheit. Er versucht sich zu bewegen, hin und her zu rĂŒcken, aufzustehen, doch es gelingt ihm nicht. Er hat sich verloren im Labyrinth der Zeit. Trotz Anstrengung kann er sich nicht mehr bewegen.

Lisa! Seine Erste! Seine Einzige! Sie war 17. Er betete sie an. Eines Tages war sie fort. Er wĂŒrde es noch ein letztes Mal versuchen. Sieben mal in sieben Tagen stand er vor Lisas TĂŒr. Ihre Mutter öffnete und sah vom oberen Treppenabsatz auf ihn herab. „Lisa ist nicht da". Er wusste, dass es gelogen war. Von diesem Tag an war Lisa aus seinem Leben verschwunden. Als hĂ€tte es sie nie gegeben. Keine ErklĂ€rung. Er mied ihre TĂŒr fortan wie man einen Schmerz meidet. SpĂ€ter sah er sie mit einem Anderen.

Schwer liegt der rostige SchlĂŒssel in seiner Hand. Er wĂŒrde es wieder tun. Er wĂŒrde wieder an ihrer TĂŒr klingeln, so lange, bis sie öffnet. Er wĂŒrde Blumen bringen. Er wĂŒrde an ihrer Mutter vorbei kommen Er wĂŒrde ein besserer Mann sein, einer, der eine Frau halten kann. Einer, der eine Fabrik fĂŒhren kann. Einer der den Untergang aufhalten kann fĂŒr sein Haus, wenn drum herum alles in Schutt und Asche versinkt. Er wĂŒrde die Fabrik wieder an derselben Stelle bauen.

Er reibt Rost von der rauen OberflĂ€che des SchlĂŒssels. Dieser SchlĂŒssel wird ihn von so Manchem freisprechen.

Oh noch viel weiter wird er zurĂŒck gehen in der Zeit, dort hin, wo die Urkunden verblichen und die Buchstaben verwischt sind. Dort, wo man in KirchenbĂŒchern Namen und Geburtstag Ă€ndern konnte, um einen Bastard zu vertuschen oder einen Inzest. Dinge, die sich in die Gegenwart herĂŒber retten, resistent gegen Krieg und Zerstörung, Flucht und Armut, so lange, bis ein Schuldiger gefunden ist. Doch er, Georg, wird es nicht mehr sein.

Ein Windzug fĂ€hrt durch die Jungpappeln, pustet eine hellgelbe Wolke von BlĂŒtenstaub in die Luft, umherwirbelnd, pflanzliches Sperma. Was Lisa ihm von der behaarten Linie unterhalb des Bauchnabels geleckt hat. Damals hatte er noch einen Körper. Die Frauen hinter den ZĂ€unen sehen argwöhnisch zu ihm herĂŒber. So lange bleibt keiner hier sitzen, der nicht Exhibitionist oder KinderschĂ€nder ist. Sie rufen ihren Nachwuchs zum Gehen.

Georg schließt die Augen und fĂŒhlt die Erregung in seinem Schoß, leicht und fliegend wie BlĂŒtenstaub, etwas, das er Jahre nicht mehr gefĂŒhlt hat. Mit seinem debilen Grinsen auf den spröden Lippen geht er zurĂŒck in die Zeit, unter die Erde geht er, unter die NarbenwĂŒlste der RasenwĂ€lle, die AufschĂŒttungen von TrĂŒmmern einer Bombennacht, von bemĂŒhten Landschaftsplanern erdacht, damit die Kinder hier nicht Fußball spielen, Ha! Schwer dreht sich der SchlĂŒssel im Schloss.

Dort drĂŒben, genau da, wo das VerwaltungsgebĂ€ude stand, hinter dem PförtnerhĂ€uschen, dort wo das Gestell mit der Rutschbahn steht 
 es ist ein Galgen. Mit angehaltener Luft und geweiteten Augen beobachtet das leise Trudeln vertrocknender Leichen in schwarzen Lumpen. Im Namen des Volkes. Sie stinken erbĂ€rmlich unter dem Kreisen kreischender KrĂ€hen und das Blut, das den graslosen Boden trĂ€nkt. Das Bild spricht von Schuld. Er schnappt nach Luft, indem er den Mund weit öffnet und ein japsendes GerĂ€usch von sich gibt, er fasst sich ans tobende Herz. Welche TĂŒr öffnet sich nicht, aus der ihm nicht Tote entgegen quellen mit entstellten Gesichtern? Sie klagen ihn an, ihn! Georg, den VerrĂ€ter, den Schuldigen!

Galerie der Spiegel, er schreitet die Ahnenreihen ab, sieht jedem ins Gesicht. Spiegel der Henker, der Abdecker und Kadaververwerter, unehrlich vor den Toren der Stadt, verheiratet mit einer Frau, die neben ihm steht und seine feuchte Hand drĂŒckt, sie ist seine Schwester, eine andere durfte er nicht, sie ist die KrĂ€uterkundige, die den Bauern die Karten legt fĂŒr Kindbett und ErnteglĂŒck. Auf dem Weg in die Kirche weicht man vor ihnen zurĂŒck. Ihr Auftreten auf einem Fest ist ein böses Omen. Seine Geliebte, die eine Ehrbare ist, hat ihn verlassen: Lisa, seine Erste, seine Einzige, SĂŒĂŸ und feucht ist ihr Kuss. Seine Zunge fĂ€hrt ĂŒber die trockenen Lippen, die sich dehnen im Schmerz. „FĂŒr immer und ewig", eine spröde Stelle platzt und ein Blutstropfen wĂ€chst aus seiner Oberlippe, glĂ€nzt in der Sonne, in seinen Augen steigt die Flut.

Es war eine Zeit, in der Leute wie Georg keine Chance hatten. Er hat alles vernichtet. Er hat seine Herkunft geleugnet, er hat sich als KĂŒnstler versucht. Er hat geglaubt, mit dem Schnitzen von Altarbildern und ChorgestĂŒhl etwas gut zu machen. Doch die Spatzen haben es von den DĂ€chern gepfiffen. Schuldig. Schuldig. Am Tod der Mörder, Sodomisten und Ehebrecher, er hat Schuld am Los von 65 Zwangsarbeitern, Schuld am Scheitern Adolf Rohrbachs (unsicher betastet er seine Oberlippe). Auch am eigenen Tod ist Georg auf mystische Weise schuld: Lithium, Rohypnol, Hyperilex, tĂ€glich nach Anweisung des Arztes, weil er es muss 
 weil er es muss 
 Weil er kein Recht hat zu leben. Heute hat er die Anweisung grob missachtet.

Sieben hölzerne Scheiben sirren, Funken sprĂŒhend, durch die Nacht, bleiben am Boden liegen, wie gestapelte Teller halb ĂŒbereinander gelagert. Er stĂŒtzt sich auf eine Truhe. Er hebt den Deckel, hustet im aufwirbelnden Staub, es riecht nach feuchtem Leder, Rattendreck. Das Richtschwert schwer mit beiden HĂ€nden anhebend, die Zange legt er daneben, die Daumenschrauben. Kaum hat er ausreichend Muskeln fĂŒr das schwere GerĂ€t. Ein Pergament mit verblichener Schrift zieht er hervor und zwischen den Flecken entziffert er mĂŒhsam:

4 fl. von einem zu justifizieren mit dem Schwert oder Strick
1 fl. von der Leiter aufzurichten
2 fl. mit Ruten auszustreichen
5 Batzen fĂŒr einmal an die Folter zu binden
1 fl. den Kopf auf den Galgen zu nageln
2 fl. an den Pranger oder Halseisen zu stellen
3 Batzen von einem Aufzug zu torturieren, wenn er nicht den Taglohn hat

die Liste ist so lang wie der Nachmittag, blutig wie die Mauerspuren an den Fassaden, Georgs Lippen, der Kies unter seinen Springerstiefeln, der Staub seiner Ahnen, blutig der BlĂŒtenstaub von den Pappeln, das Geschehen in seinem Körper. Er muss zurĂŒck. ZurĂŒck in die Klinik. Wer geht schon zurĂŒck in die Zeit? Nur wer kein Leben hat. Nur wer kein Leben hat.

Er schreitet die Fundamente ab. Die EisentrĂ€ger, tief in den sandigen Boden getriebene StĂ€mme, die rauchgeschwĂ€rzten Ziegelfassaden, das geschmolzene Metall, die vom Feuer verformte Hebevorrichtung, zerschossene Skulpturen auf den Laternenpfeilern. Im Dunkel des einzig verbliebenen ĂŒberdachten Raums verwest ein Haufen aus umgeworfenen SchrĂ€nken, Ordnern, Flaschen, Eimern, ein Fernseher, dessen Eingeweide aus dem GehĂ€use quellen, Papier, von der Witterung zu einer klebrigen Masse fermentiert, gebrochener Kamin, Pissoir in der Durchfahrt, ein Stuhl, der aus dem Eisenofen ragt. En paar krĂ€ftige Weiden schießen aus den TrĂŒmmern des eingestĂŒrzten Dachs. Graffiti spiegelt sich in Regenwasser, neben dem Kellereingang, der mit TrĂŒmmern zugeschĂŒttet ist. Lila, Orange, GrĂŒn! Er lacht verzĂŒckt, reckt das Gesicht grinsend in den Himmel. Dreihundert Jahre spĂ€ter. Sieben metallene Scheiben am Boden und ein bis zur Unkenntlichkeit verstĂŒmmeltes Etwas, das einmal ein Auto war.

Er ejakuliert. Ein Windstoß wirbelt eine Wolke von BlĂŒtenstaub in die Luft. Verwundert blickt er auf seinen Schoß hinunter, ein leiser Wohllaut entsteigt seiner Kehle. Auch bemerkt er die Uniform nicht, die neben ihm steht: „Der Platz wird geschlossen." sagt der Mann vom Sicherheitsdienst. Ich muss Sie bitten zu gehen". Und als Georg weiterhin mit offenem Mund vor sich hin lĂ€chelt, legt der Mann eine Hand auf seine Schulter. Georg umklammert den SchlĂŒssel wie einen eifersĂŒchtig gehĂŒteten Besitz und will sich nicht lösen von seiner Parkbank, von den Wolkenschriften der TrĂ€ume, die sich rötlich einfĂ€rben dort hinter den Birken.

Am nÀchsten Tag erscheint eine Kurzmeldung im Lokalteil der Zeitung:
Wedding: Am gestrigen Donnerstag gegen 18:00 Uhr wurde im Sprengelpark eine hilflose Person gefunden. Es handelt sich um einen ca. 60-jĂ€hrigen Mann, der keine Papiere mit sich fĂŒhrte. Er trug einen gelben Anorak, khakifarbene Cargohosen und Springerstiefel. Der Mann war zeitlich desorientiert und stand vermutlich unter dem Einfluss einer Medikamenten-Überdosis. Er wurde in die Notaufnahme des Virchow Klinikums verbracht. Wer sachdienliche Hinweise zur Person machen kann, melde sich bitte bei der Polizeidirektion 3, Berlin Wedding, Abschnitt 35, Tel. 030-4664-335700.


__________________
Daphne Elfenbein
Vorzimmer von Dr. Gott

Version vom 03. 09. 2008 14:38

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Kasper Grimm
Guest
Registriert: Not Yet

Ein verstörender Text, sehr konkret in der Detailschilderung, erst mal verwirrend im Springen zwischen den Zeitebenen, was aber die Spannung entfacht: faszinierend, einen heutigen monoton genormten Kinderspielplatz vorgefĂŒhrt zu bekommen, und alsobald rutscht man wie durch mentale FalltĂŒren, Erinnerungslöcher, in die Vergangenheit und erfĂ€hrt, daß hier vormals eine Fabrik stand, vernichtet im Bombenhagel - erfĂ€hrt aber auch den Kontrast einer Kriegszeit zur etwas langweiligen, sterilen, buchstĂ€blich ein- und ausbetonierten Gegenwart, einen Bruch zwischen den Zeitebenen bei Raumgleichzeitigkeit, was die Wirkung noch vertieft.
Was geht hier vor? Wer sitzt da und erinnert, ja atmet geradezu soviel DestruktivitĂ€t? Erst denkt der Leser, da hat sich ein verwahrloster PĂ€dophiler, ein Kinderspanner hinplaziert - und die Eltern im Text mutmaßen das ja auch, indem sie ihre Kinder von ihm hinwegbeordern. Dann wird aber schnell klar, daß es so einfach, ja, platt und vorurteilsbeladen in diesem Text nicht zugeht: da steckt mehr, anderes dahinter, auch Schuld, auch Verbrechen, auch Gewalttat, aber in einem anderen, geschichtlichen Kontext, der mit dem Jetzt nahtlos verwoben ist, und wenn nur in dieser fiktiven Figur, die aus ihrer eigenen Vergangenheit so hervorgegangen ist, wie sie da jetzt sitzt, kaputt, unter Tabletten: das ist er aus seiner Geschichte geworden - Kausalkette eines Lebens, das wohin fĂŒhrt? Die Autorin lĂŒftet nicht direkt das Geheimnis um diesen UnglĂŒcklichen, Unheimlichen, vielleicht aus einer Verwahranstalt vorĂŒbergehend Entlassenen, der verabsĂ€umt, rechtzeitig in Anstaltsmauern zurĂŒckzukehren, die sein heutiger Verwahrungsort sind.
Irgendwas hat er sich zuschulden kommen lassen. Da werden Andeutungen an eine HenkersausĂŒbung gemacht, ein Hitlerbart taucht auf. War er bei der Gestapo? Hat er Menschen gefoltert und umgebracht? Aber wie konnte er dann mit "Batzen" entlohnt werden - fließen da nicht Überzeiten, Metaebenen ineins, entstammt er etwa einer Henkersknecht-Dynastie? Und Andeutungen werden gemacht, die den Inzest mit der Schwester vermuten lassen - andererseits aber auch eine große Liebe heraufbeschwören, die unterbunden wurde: hat die Ichperson aus diesem Grunde sich dem Üblen ĂŒberantwortet, hilflos den Versuchungen des Bösen ausgeliefert aufgrund dieses verwehrten LebensglĂŒcks?
Fragen ĂŒber Fragen - aber daß sie nicht eindeutig beantwortet werden, sondern vage bleiben, in der Schwebe, interpretierbar, somit auch sich jeglichen (Vor)Urteils enthaltend - das macht meines Erachtens die Besonderheit und QualitĂ€t dieses Textes aus, der außerdem immer noch einen Hinweis darauf gibt, daß unsere Gegenwart, genau wie die des Protagonisten, eine Vergangenheit hat, aus der sie gewachsen, geformt und gemodelt ist - mehr noch: daß auch unsere Jetztzeit irgendwie krankhafte Spuren aus dem Gestern aufweist und durch noch soviel Beton nicht zu ĂŒbertĂŒnchen ist: Narben im Gras, abstrakte Hinweisschilder bleiben - und die Kinder, abgeschnitten scheinbar von der eigenen, von den Eltern verdrĂ€ngten Geschichte, fahren mit ihren RĂ€dern darĂŒber hin, spielen in aller Unschuld und werden dauernd ermahnt, nicht den Rasen zu betreten - und dem Unheimlichen dort fernzubleiben: Überrest einer Vergangenheit und deren Menschenruine aus nie verarbeiteter Zeit?
Ein guter Text, wie ich finde.

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