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Leselupe.de > Erzählungen
Ein Stück vom Himmel
Eingestellt am 24. 02. 2011 05:22


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wieselchen
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2010

Werke: 8
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Der Lärm der Menschen um ihn herum machte ihm nichts aus – er hatte gelernt ihn auszublenden, zumindest weitestgehend, so dass es sich eher wie das Summen eines Fliegenschwarms anhörte. So ein Schwarm kann ganz schön aufgeregt klingen, wenn er sich, durch das feste Auftreten eines Fußes gestört – von seiner Beute erhebt und wahrscheinlich gegenseitig vor der Bedrohung warnt und anschließend darüber berät, wie weiter verfahren werden soll: Die Beute an sich will man dem störenden Subjekt nicht überlassen, aber andersherum – was hat die Fliege davon, wenn sie mit einer nachlässigen Handbewegung ins Jenseits befördert wird? Und so summten und brummten die Fliegen sich erzürnt, erschüttert, fassungs- und ratlos die sinnigsten und unsinnigsten Vorschläge zu, während sich der Fuß schon lange wieder von der Beute entfernte. Letztendlich werden sich die Fliegen im sicheren Bewusstsein des – doch ziemlich überraschenden – Sieges wieder auf ihrer Beute niederlassen, und der Mensch, der sie so rüde in ihrer Mahlzeit störte, ist weiter auf dem Weg durch die Innenstadt.
Gemächlichen Schrittes, denn heute hatte er unvorhergesehen eine Menge Zeit, hatte ihn der Arzt doch tatsächlich krankgeschrieben und die anschließenden Behördengänge waren leichter von der Hand gegangen als erwartet, näherte er sich dem Zentrum, dem Hauptaktivitätsort dieser Fliegen, die in ihrer emsigen Beschäftigtheit von einem Ort zum anderen flatterten, Schmetterlingen gleich, nur die gräuliche Farbe des Gesichtes, das penetrante und enervierende Summen sowie die maskenhaften Blicke hielten jeden Betrachter von der Annahme an, es könne sich um so etwas Flüchtiges, Schönes und Zartes handeln.
Die unerwartete Freizeit war die eigentliche Überraschung des frühen Vormittags: Er hatte ernstlich mit Widerständen gerechnet, die ihn noch zu wesentlich mehr Stellen unseres Verwaltungsapparates geschickt hätten – ungeachtet seines Generalverdachtes nahm die Empfangsdame seine Antragspapiere entgegen, prüfte sie auf Vollständigkeit und entließ ihn gnädig, nachdem sie ihm ungefragt eine Empfangsbestätigung ausgehändigt hatte.
Er war erstaunt, erschüttert, beinahe fassungslos ob dieses mangelnden bürokratisch gesteuerten Folterversuches – schließlich ging es hier um einen offiziellen Antrag, auf dem dafür vorgesehenen Formular in fünffacher Ausfertigung präsentiert und mit den erforderlichen Anlagen versehen: Das hätte die Dame am Tresen misstrauisch stimmen müssen!
Über die Wendungen des frühen Morgens sinnierend, schlenderte er also durch die Straßen, ließ die Geräusche des Straßenverkehrs – aufheulende Motoren, quietschende Bremsen, das Aufeinanderprallen zweier Wagen bei einem Auffahrunfall, das durch die Vielzahl der unterschiedlichen Musikstücke unrhythmische Bassdröhnen der Lautsprecheranlagen – links liegen, nötigte die an ihm vorbeihetzenden Menschen zu Ausweichmanövern – die Blicke allein machten das schon wert: Böse Blicke, weil er sie in ihrer Emsigkeit am Geradeaussturmschritt hinderte; misstrauische Blicke, die ihm das Unfassbare, Unmoralische an einem unproduktiven Menschen mit Zeit signalisierten; genervte Blicke, die seiner Gelassenheit nicht standhielten – und natürlich die neidvollen Blicke: Jene Blicke, die zeigten, dass es nicht nur unmoralisch, verdächtig und kontraproduktiv war Zeit zu haben, sondern dass das Schlimmste daran war, dass er diese Zeit hatte, nicht die Inhaber dieser Blicke… Sein Schmunzeln wurde breiter, er verlangsamte noch weiter seinen Schritt und genoss dieses Schauspiel, das besser als jeder zur Zeit ausgestrahlte Billigkinofilm anmutete – waren die Blicke doch echt und zeigten tatsächliche, wahre Emotionen, und keine einzige war gespielt.
Erstaunlicherweise aber rempelte ihn niemand an, noch nicht einmal versteckt. Hinter Neid, Misstrauen, Gift und Ungeduld regte sich anscheinend bei jedem einzelnen dieser Zwangsproduktiven ein ganz anderes Gefühl: Respekt. Respekt vor dem, der gelassen, ohne schlechtes Gewissen in die Gesichter der Vorbeieilenden blickte, als sei das seine wahre Berufung: Den Menschen bis ins Herz zu schauen, und das allein mit einem Blick. Er konnte das überhaupt nicht, aber allein diese Annahme steigerte seine Laune, die bis zu diesem Zeitpunkt zwischen eigenem Misstrauen und Unfassbarkeit vor sich hindümpelte, noch nicht oder besser gesagt immer weniger bereit, das Geschehene in Frage zu stellen oder der Überlegung, sich aus Angst vor Repressalien selbst zu stellen – nur, bei wem? Und welche Schandtat sollte er sich zur Last legen?
Mit rasch steigender Stimmung legte er also seinen Weg zurück, wohin hatte er noch nicht entschieden, waren doch die Möglichkeiten zur Zerstreuung am Tage in diesem Land immer weiter eingeschränkt worden – vordergründig, weil sie die Menschen zu unvernünftigen Ausgaben verführten, er aber meinte, dass dies ausschließlich aus dem einen Grund vollzogen worden war: Wer nicht wirklich krank war, würde sich so schnell langweilen und alles dafür tun, weiterarbeiten zu können.
Fühlte er sich krank?
Nun, wenn er an seinen Nachbarn dachte, der gestern vor Schmerzen schreiend aus seiner Wohnung geholt worden war, nicht wirklich. Dachte er aber an seinen Chef und sein neuestes Regelwerk, das er vor lauter anderer wichtiger, lebensnotwendigeren Dingen – wie z.B. die Pflege CD-Sammlung, ein Besuch bei seiner selten in der Stadt weilenden Tochter, die Vorbereitung des Malgrundes für sein Landschaftsbild, die vielen Rezepte, die er unbedingt ausprobieren wollte (er hatte nun schon wieder 2 Pfund mehr auf der Waage, verdammt) – nun, wie dem auch sei, er war einfach nicht dazu gekommen, diesen riesendicken Wälzer auch nur in Richtung Couch zu bewegen, geschweige denn ihn zu lesen und zu verinnerlichen. Und daher fühlte er sich bei dem Gedanken an seinen Chef inzwischen immer so, als sei sein letztes Stündlein nicht mehr weit.
Im Moment aber schob er alle Gedanken an Krankheiten weit fort von sich und genoss die Sonnenstrahlen, die sich durch die hohen Häuserfluchten einen Weg auf seine Schultern erkämpften, und er ging extra langsam, um ihnen ein Mitkommen zu ermöglichen, war es doch seit Wochen das erste Mal, dass er seine Umwelt bei helllichtem Tage betrachten konnte. Ein Umstand, das er diesen langen Arbeitszeit verdankte, die im Laufe der Jahre wie eine eifersüchtige Geliebte immer mehr Zeit beanspruchte, ihn selbst daheim noch in die Pflicht nahm und sich erst zur Schlafenszeit schmollend zurückzog.
Ohne schlechtes Gewissen, ohne Angst vor Entdeckung und in dem Bewusstsein, dass die Welt ihm nichts anhaben konnte – schließlich war er ja krank, ärztlich bestätigt, und wer ein solches Attest sein eigen nennen konnte, dem war mit Pflicht und Reue nicht beizukommen – es galt: Er war krank, er war krank, er war krank. Und jeder, der das in Zweifel ziehen wollte, musste mit einer Strafaktion des Arztes wegen Verunglimpfung seiner Reputation rechnen, so dass selbst bei jenen, die auf gutem Fuß mit ihrem medizinischen Berater standen, niemand auch nur ein misstrauisches Gesicht aufzusetzen wagte. So geschützt setze er gemächlich Fuß vor Fuß, betrachtete weiter Gesichter und genoss den Umstand, endlich einmal allein zu sein. Na ja… was man eben so als allein bezeichnen konnte, so in dieser ganzen Menge Menschen. Und dennoch… Ja, er war allein. Allein mit sich, selbst in dieser Menschenmenge, die hetzte, jagte, eilte, rannte, die giftete, neidete, beschuldigte, die übersah, wegsah, wegschob, die lärmte, keifte, anschuldigte, entschuldigte, und das alles in den verschiedensten Sprachen, Dialekten, Slangs, von unvorstellbar bis völlig korrekt intoniert.
Als seine Schultern merklich auskühlten, merkte er, dass sie fort war. Plötzlich, einfach so, hatte sich die Sonne verzogen, war verschwunden, hatte ihre wärmende Kraft seinem nach Wärme hungernden Körper entzogen und verdoppelte nun die Kälte in seinem Inneren. Unvermittelt blieb er stehen und sah zum Himmel. Was war geschehen? War die Zeit schneller vorbeigehuscht an ihm als er ahnte, war daher die Sonne in eine andere Gasse weiter gewandert? Oder war einfach nur eine Wolke vor sie gezogen, hatte sie sich dahinter versteckt, wohl wissend, dass dies die Höchststrafe für Wärme gewohnte Sonnenanbeter wie ihn sein musste? Wie groß war die Wolke? War es nur eine klitzekleine, die von der Hitze hinter ihr sich gleich wieder mit der Feuchtigkeit der Atmosphäre verband? Oder war es eher ein Riesengebilde, das uns den Rest des Tages dazu zwang, in der Kälte des Abends auf eine Besserung zumindest für den nächsten Morgen zu hoffen?
Unvermittelt blieb er stehen, kümmerte sich nicht um die unterdrückten Flüche und das ungehaltene Murren der Menschen, die gezwungen waren, um ihn herumzugehen, ihm auszuweichen, ihn damit zur Kenntnis zu nehmen. Und sie taten es: Nicht als Mensch, als Individuum, sondern als störendes Objekt, als den Fuß, der neben ihnen aufstampfte, während sie sich emsig um ihren Broterwerb kümmerten, produktiv und mit ernsthaftem Fleiß. Sein Motiv, einfach so stehen zu bleiben, noch nicht einmal die Richtung zu wechseln und sich wieder einzureihen, nein, einfach inmitten der Menge sich selbst als Wellenbrecher aufzustellen und damit den natürlichen Strom der Masse zu stören, wollten sie nicht wissen, nein, hätte er sich ihnen mitgeteilt, sie wären erschrocken zurückgewichen und hätten ihn noch mehr gemieden, hätten ihn als subversiv und gefährlich beschimpft, die Kinder von ihm fortgezogen und dafür gesorgt, dass sie nie in Kontakt mit ihm kämen, denn seine Intention hatte einen so einfachen, kindlichen und naiven Charakter, dass es hätte ansteckend wirken können. Es wäre wie Gift in ihre Gedanken getropft, hätte die Selbstverpflichtung zum rastlosen Arbeitsdrang säuregleich zersetzt, und in die so entstandenen Freiräume hätte sich der Virus der nutzlosen Träumerei, der Bazillus der die Leistung restriktivierenden Kreativität eingenistet, hätte sich ausgebreitet und so den ganzen Kopf in Haft genommen, hätte Erfüllung gefordert, wo doch nur Pflicht erfüllende Leistung erlaubt war.
Dieses Motiv also, was ihn dazu brachte, dort entgegen jeder aktuellen Norm stehen bleiben zu lassen, war für die meisten spätestens dann ersichtlich, als er seinen Kopf in den Nacken legte und in den Himmel starrte. Die Neugier auf das Unbekannte dort oben verweigerten sich die Menschen, sie wussten nur zu gut, dass sie dann als infiziert gelten würden, vielleicht auch in der Tat infiziert wären – und: Waren sie es nicht schon, in dem Moment, als sie sich zwingen mussten, auch nur die Frage aus ihrem Kopf zu scheuchen, was dort oben gerade so wahnsinnig interessant war? Panik machte sich in einigen breit, sie verharrten im Schritt, andere liefen auf sie auf, rempelten sie an, das Gemurre und Gekläffe wurde lauter, Streit brach aus und mit ihm die gesamte unterdrückte Seele der Sehnsucht und der Wissbegier, die Seele der Lust an neuen Erfahrungen, an Emotionen und dem Ausleben dieser unerhörten Fleißbremsen.
Er aber stand nur dort und starrte in den Himmel, völlig unbeeindruckt von dem Tohuwabohu, das sich dort um ihn herum gerade gestaltete, starrte und sah, sah und lächelte, lächelte – und brachte die Meute vollends gegen sich auf. Sie rückten näher, bereit, dem störenden Einfluss, dem Fremdkörper in dieser völlig homogenen Masse ein rasches Ende zu gewähren, und der unbeteiligte Betrachter hätte sicher gerne geschichtliche Vergleiche gezogen, die vom Mob aber empört zurückgewiesen worden wären – denn an Märchen und Volkslegenden zu erinnern war ein höchst krimineller Akt, der selbst bei den gemäßigten unter ihnen grenzenlosen Abscheu hervorgerufen hätte.
Der Aufruhr dieser gerechten, in ihrer Berufung gestörten Menge rief einen der Produktivüberwacher auf den Plan, denn diese gab es an jeder Ecke, wenngleich ihre Aufgabe in der Regel nur rein repräsentativer Natur war: Niemand wäre auf die Idee gekommen, auch nur einen Schritt in Richtung dessen zu tun, was nach Müßiggang ausgesehen hätte, niemand hätte auch nur gewagt daran zu denken, den Schritt, die Tat zu verlangsamen, auch nur den Anschein von Nachdenklichkeit oder – noch fataler – Spaß und Freude zu erwecken, und das schon gar nicht unter den kritischen Blicken der Obrigkeit, da reichten die misstrauischen Mitmenschen schon aus, um das nachhaltig auszutreiben.
Jener Produktivüberwacher also eilte heran, vordringlich um die Menge zu zerstreuen und daran zu hindern wertvolles Menschenmaterial zu zerstören, aber auch, um die Ursache des Menschenauflaufs zu eruieren; geschockt, völlig verunsichert ob der Tatsache, tatsächlich einmal den Pflichten seines Amtes nachkommen zu müssen, setzte er eine strenge, gewichtige Miene auf und trieb die Menschen unter Androhung des Einsatzes seines elektronischen Schlagstockes auseinander, und niemand wagte es sich diesen Anordnungen zu widersetzen, allein die Teilnahme an diesem völlig Zeit und Energie raubenden Mob brachte die meisten dazu, zutiefst erschrocken über sich selbst den Vorfall völlig zu verdrängen, und nur ein winziger Rest fand sich anschließend bei seinem Produktivberater wieder, um die Nebenwirkungen dieses Ereignisses zu beichten und um Hilfe zu bitten.
Am Ende standen nur noch zwei Menschen dort: Der Produktivüberwacher und er, der Störer, der mit einem einzigen Blick in den Himmel für einen Menschenauflauf gesorgt hatte, mit diesem Blick und dem entrückten Lächeln, das beides ebenfalls noch vorhanden war und den Überwacher so verunsicherte, dass er beschloss, noch vor Ort mit dem Verhör zu beginnen:

„Junger Mann, was gibt es da zu starren? Haben Sie ein Flugobjekt entdeckt, das die Erde angreifen will?“

Sichtlich in seiner Konzentration gestört, unterbrach der Störer den Blickkontakt zum Firmament. Er starrte stattdessen nun den Überwacher der Produktivität an, hatte offensichtlich Mühe, den Fragen einen Sinn zu entnehmen. Es war ihm zwar mit der Muttermilch eingeimpft worden, dass Angriffe von Fremdlingen unverzüglich zu melden waren, aber was sollte er nun sagen? Es war nichts zu sehen am Himmel, nur die Sonne – und ein paar Wolken.

„Nein, die einzigen sichtbaren Objekte am Himmel sind die Sonne und ein Wolkengürtel in ungewöhnlicher Formation, dazu geeignet, die Sonne zeitweise zu bedecken.“

Das wiederum verwirrte den Produktiven so sehr, dass er eine noch strengere Miene zur Schau stellte, während er nach den passenden Worten suchte. Er suchte, ja, das musste man ihm zugute halten. Er suchte verzweifelt in seinem Gedächtnis, ging jede einzelne Lektion durch, die er für seinen überaus wichtigen Posten erhalten hatte, wühlte nach einer Vorschrift, wie er mit der vorliegenden Situation adäquat umzugehen hätte – aber da war nichts. Nichts, was ihm weiterhalf, nur eine kleine Stimme, die fast schon gehässig zu ihm flüsterte, dass es nun hilfreich gewesen wäre, wenn man Nachdenken, Reflektion und Eigeninitiative nicht gänzlich untersagt hätte. Ärgerlich scheuchte er dieses Stimmchen fort, er würde sich doch nicht zu einem freien Radikalen abstempeln lassen, nur weil er diese Stimmen im Kopf nicht in den Griff bekäme… Freie Radikale? Ja klar! Das musste es sein, dieses Subjekt vor ihm war sicher einer von dieser staatsfeindlichen Organisation, ein querulantisches, selbst denkendes Pack, das sämtliche Ideen und Ideologien der Regierung in Frage stellte und damit Bürger für Bürger auf ihre Seite zog, unwiderstehlich in ihrer Argumentation zog sie die Menschen an wie ein schwarzes Loch die Materie an sich.
Nun musste er klug vorgehen, um dieses Etwas vor sich als das zu entlarven, was es eigentlich darstellte. Damit würde er sicher einen solchen Erfolg bei der Obrigkeit verbuchen können, dass die Heirat zwischen ihm und seiner Angebeteten doch noch genehmigt werden konnte.

„Da gibt’s also nichts zu sehen? Was starren Sie dann da nach oben und halten Maulaffen feil? Haben sie keinen Auftrag?“

Die Fragen prasselten nur so auf ihn herein, und er, der Störer, hörte nur die erste, erfasste den Sinn der folgenden nicht einmal, so sehr verwirrte ihn die Tatsache, dass Himmel, Wolken und Sonne nichts sein sollten, waren sie doch so unendlich viel, so viel für die ganze Welt, die sie für den Fortlauf des Lebens benötigte, so viel für ihn, der daraus den Frieden und das Wohlfühlgefühl des heutigen Tages schöpfen konnte, ja, leider nur noch konnte – denn damit war es seit der Einmischung des Produktivüberwachers vorbei, waren doch alle schönen und guten Gedanken hinfort, nicht mehr spürbar und in alle Winde zerstreut. Winde… da war etwas, was an ihm rüttelte, sich bemerkbar machen wollte, seine Gedanken wieder auf diesen wunderbaren Augen-Blick hinweisen wollte, doch es war zu früh, viel zu früh dafür. Erst galt es, diesen Systemtreuen loszuwerden, denn ignorieren ließ der sich nicht, er drängte im Gegenteil wieder zwischen den … was war es noch gewesen, was gerade an ihm zupfte?
Weg, vergessen, verloren – der schöne Moment, das einzigartige und großartige an ihm, und nichts blieb, außer dem Ärger darüber, dass dieses Erlebnis entweiht und zertrampelt worden war, gleich einem kleinen Pflänzchen am Wegesrand, von einem grausamen Kind achtlos herausgerupft und fortgeworfen. Und diesem Ärger beugte er sich nun, nur ein kleines Bisschen zwar, ein Hauch gemessen an einem Orkan, aber er reichte, um den Überwacher seinerseits mit strengen Augen scharf anzublicken und dem unbotmäßigen Sarkasmus, der sich seiner bemächtigte, seinen Lauf zu lassen.

„Guter Mann, wäre dort „nichts“, würde ich das eben genauso ausgedrückt haben. Wäre dort „nichts“, hätte ich keine Veranlassung gehabt, in den Himmel zu schauen. Selbst der Himmel an sich ist mehr als „nichts“, und so frage ich mich, in welcher Schuldbildung ein Nichts Ihrer Bedeutung Aufnahme fand?“

Zack.

Bevor er sich darüber klar werden konnte, was ihn nun erwarten würde, war es bereits geschehen: Die Handschellen schlugen über seinen Gelenken zusammen, er wurde mitgezerrt, geschoben und geschubst, in das Dienstfahrzeug gesteckt und dort mit den Händen am hinteren Haken, weit über seinem Kopfbereich, befestigt, die Panzerglasscheibe zwischen ihm und der Fahrerkabine fuhr automatisch hoch, die Scheiben im Fond verdunkelten sich nach und nach zu einem undurchdringlichen Schwarz, von dem jedermann wusste, was es zu bedeuten hatte: Da haben sie wieder einen drangekriegt. Einen von denen. So einen Tagedieb, subversiven Gedankenverseucher, Zeitverschwender, Ressourcenvergeuder. Und er, der Störer, er war nun dieses so überaus gefährliche Wesen, das sofort in Haft genommen werden musste: Quarantäne im Hochsicherheitstrakt, bevor er noch andere mit seinem schlechten Gedankengut anstecken konnte.

Die folgenden Tage gingen wie in Trance an ihm vorbei. Hatte er an jenem Morgen die Untätigkeit genossen, holten ihn die jahrelangen Gewohnheiten schnell wieder ein. Zum Nichtstun gezwungen, begann er nach ein paar Stunden in seiner Zelle herumzutigern, zählte die Gitterstäbe, schätzte die Länge der einzelnen Streben und maß das ganze mithilfe der Zeigefinger nach, hatte ihm seine Oma seinerzeit doch einmal verraten, dass ein Zeigefinger ca. ein Zentimeter Breite maß. Er hatte das damals nachgemessen und sie der Flunkerei bezichtigt. Sie aber lachte nur und meinte, er und seine Finger müssten erst einmal erwachsen werden, bevor so ein Prüfvorgang auch seine Gültigkeit habe. Nun, da ihm dies wieder einfiel, fehlte ein Zentimetermaß, um sicher zu gehen, aber von diesem Gedanken wurde er schnell abgelenkt. Gemütliche Stunden am Kamin und vor diesem kleinen, viereckigen Kasten… wie hieß es noch… nein, es fiel ihm nicht mehr ein, nur die Spannung, die er ab und an erzeugte, die Trauer, das Mitgefühl und auch das Lachen. Lachen… das seiner Großmutter hatte immer so tief und laut geklungen, wie der Blökton seines Kuschelbären, wenn man ihm auf den Bauch drückte. So oft hatte er der Oma auf den Bauch gedrückt, um diesen Ton bei ihr zu erzeugen, aber dann schmunzelte sie nur und wies ihn darauf hin, dass er kein Stofftier vor sich habe, sondern einen Menschen aus Fleisch und Blut, der nicht auf einen Druckbefehl zu lachen begänne. Und doch reagierten nun alle Menschen wie dieser Teddy, reagierten auf Impulse, die ihnen über ihre Vorgesetzten eingeimpft wurden: Sie sprangen auf, verbreiteten hektische Betriebsamkeit, waren von den frühen Morgenstunden bis in den späten Abend produktiv und brachten so brav die geforderte Anzahl von Teddyblökereien zuwege. Einzig und allein, wenn eine ernstliche Störung vorlag, durfte das Blöken verstummen, durfte der Funktionsgestörte an seinem Arbeitsdrang gehindert werden, und das auch nur von berufener Stelle. Lag eine solche Störung nach Ermessen dieser Stelle nicht vor, musste der Teddy weiter blöken, bis er keinen Ton mehr von sich gab.
Dieses Pflichtbewusstsein hatte nun auch ihn ergriffen, und selbst der kurze, in der Gesellschaft verpönte Ausflug in seine Vergangenheit bei seiner Großmutter hielt ihn nicht lange davon ab. Die Gitter gezählt, die Matratze auf der Pritsche ausgeschlagen und neu gerichtet, das Laken glatt gestrichen und die Decken ordentlich, Kante auf Kante zusammengelegt – mehr war nicht zu tun, und das Zittern begann. Nach weiteren Stunden in diesem Quarantänekäfig rüttelte an der Gittertür und schluchzte er, bettelte um Vergebung, um Arbeit, um die sofortige Erschießung – alles, wirklich alles war ihm lieber als diese Tatenlosigkeit, die sich wie ein Schock auf seine Nervenenden legte, sie mit der Last des eigenen schlechten Gewissens niederdrückte und ihnen die Luft zum Atmen nahm.
Letztendlich fiel er durch einen Overloadzustand in einen komatösen Schlaf, der nicht erholsam war, aber zumindest dafür sorgte, dass seine Psyche nicht völlig in sich zusammenbrach.

Nach dem Erwachen war er nun endlich ruhiger, gefasster, wenn auch seine Hände unkontrolliert zuckten und die Finger die Tippbewegungen auf einer fiktiven Tastatur nachahmten. Er murmelte Zahlenfolgen vor sich her, rief in extremer Lautstärke Anweisungen in einen nicht vorhandenen Telefonhörer, stapelte unsichtbare Akten um und begann zu guter Letzt, die Geräusche von Eingangsmails nachzuahmen, und das so naturgetreu, dass die Wachleute seine Zelle stürmten um seinen Minilabtop zu konfiszieren. Die Verwirrung war groß, als sie alles abgesucht, durchsucht und durchleuchtet hatten, das Geräusch aber dennoch nicht verschwand. Schließlich schlossen sie die Gitter wieder und setzten einen Posten ab, der ihn in ständiger Beobachtung halten sollte. Er aber, beruhigt durch das Geräusch der Unabdingbarkeit seiner eigenen Person, das er zwar im Ursprung selbst produzierte, dessen Klang allein aber ausreichte um ihm diesen für seine Arbeiterseele überlebenswichtigen Impuls des Gebrauchtwerdens zu vermitteln, wiegte sich im Stehen vor und zurück, lief wieder ein paar Schritte, aber ruhiger, zielstrebiger, steuerte er letztendlich seine Pritsche an, brachte sie wieder in Ordnung und setzte sich auf das Laken, nur nicht auf die Decken, die ja so passgenau von ihm zusammengelegt am Fußende ihren Platz gefunden hatten. Die Maileingänge wurden weniger, er hatte zu tun, musste die Mailinhalte lesen, verarbeiten, Antworten tippen – das alles erschöpfte ihn abermals schnell, allein durch die Tatsache, dass die Vorspiegelung solcher Realitäten anstrengender war als die Vorsetzung vom wirklichen Büroalltag.

Während des Schlafes entspannte sich das Gesicht mit einem Mal so sehr, dass der Wächter erschrak und um Verstärkung bat, hatte er doch ein solches entrücktes Lächeln noch bei keinem vorhergehenden Delinquenten beobachten können: Es war ihm schlichtweg fremd, dass es solche glückliche Entspanntheit geben konnte und er befürchtete das Schlimmste. Eine rasche Untersuchung aber ergab, dass es dem Produktionsflussstörer eindeutig gut ging, und so ergab sich dieser Umstand noch zusätzlich als zum Nachteil, der säuberlich in seiner Akte festgehalten wurde – als Beweis seiner Schuld, denn der eilig herbeigeholte Kontrollarzt hatte ihm im anklagenden Ton bescheinigt, dass er – statt sich zu erholen – träume.

Und was das für ein Traum war! Von Fliegen handelte er, Wolken voller summender und brummender Fliegen, die eine fantastische Figur nach der anderen bildeten, bis sie letztendlich in der Formation einer Dampflokomotive innehielten und ihn aufforderten einzusteigen. Und ja, er tat es! Er stieg ein und fuhr im Fliegenexpress über Berge und durch Täler, am Meer entlang bis zur Endstation, an der sich der formflexible Zug in ein Segelboot wandelte und mit ihm in Richtung Sonnenaufgang segelte…

Als er die Augen wieder aufschlug, sah er vor sich das kleine Gitterfenster, durch das er aus dieser Warte den Himmel sehen konnte. „Das ist ein Zeichen“, dachte er und starrte angestrengt durch das Loch in der Wand, um „seine“ Wolken wieder zu finden, und richtig: Er hatte Glück und entdeckte sie, hoch oben, begrüßte sie erfreut und spielte mit ihnen im Reich der Fantasie, den Entzug der Arbeit nun endgültig hinter sich lassend, erfand Geschichten, ergötzte sich am Wechselspiel der Farben und tauchte völlig ab in diese kleine Welt, die ihm seine Großmutter hinterlassen hatte, die er einem Kleinod gleich sicher versteckt in sich trug, die dort, in der Tiefe seines Herzens auf ihn gewartet hatte: Treu, ergeben und gewiss, dass er sie irgendwann einmal wieder ans Licht des Tages zurückholen würde.

So verbrachte er die folgenden Tage bis zu seiner Verhandlung: Träumend, schaffend, in sich aufnehmend und ins Leere gebend und trotz der Sinnlosigkeit seines Tuns fühlte er sich das erste Mal seit etlichen Jahrzehnten wieder richtig wohl und in sich selbst ruhend. Ein heftiges Bedauern stieg in ihm auf, als sich die Tür seines Domizils wieder öffnete um ihn vor das Tribunal zu führen, jenen Ort der Aburteilung, der ihn zurück in die Welt des blinden Produktionismus führen würde, aber getröstet und gestärkt durch die Wolkenverbände, die ihm bis dahin Gesellschaft geleistet hatten, fühlte er sich stark genug für diese Veranstaltung und die Neugier auf diesen besonderen Ort, an dem sich nun sein Schicksal erfüllen sollte, wuchs und gedieh, bis er vor lauter Neugier fast zu platzen schien, einer Seifenblase gleich, schillernd und magisch, aber dennoch ohne Inhalt, mit Luft gefüllt und dennoch voller Aussagekraft. Diese und andere Überlegungen vertrieben ihm die Zeit, bis er den Versammlungssaal betreten durfte.

Braun. Die vorherrschende Farbe dort war gediegenes Dunkelbraun, das von kiefergrünem Akzenten nicht wesentlich aufgelockert wurde. Die Wände, in lichtsparendem, nicht ablenkendem Weiß getüncht, wurden von dicht vergitterten mannshohen Fenstern unterbrochen, die jeden sofort darauf aufmerksam machten, dass hier weder eine Schulveranstaltung noch eine Vortragsreihe stattfinden würde. Unterstrichen wurde dieser negierende Eindruck noch durch die Panzerglasscheiben, die den Delinquenten vom Rest des Saales abschirmten und so bereits vor dem Urteilsspruch für ein Schuldgefühl sorgten, waren doch diese Sicherheitsmaßnahmen speziell für ihn, den Angeklagten, geschaffen worden, einzig und allein deswegen, weil er in der Lage sein könnte, die Richter und Gutachter, die Urteilsverkünder und Beschwerdeführer mit einem Schlag zu vernichten, ihnen Schaden zufügen, über die restlichen Öffnungen zu fliehen und in einer Art Amoklauf noch weitere gute Arbeiter mit in den Tod zu nehmen.
Das alles offenbarte sich ihm, als er den Raum betrat: Durch die Wahl der Farben, die Gitter und Panzerglasscheiben, durch die hochkonzentrierten und gleichermaßen strengen Gesichtszüge des Wachpersonals, die vernichtenden Blicke der Protokollführer und Gerichtsdiener, durch die sensationslüsternen Mienen der Berichterstatter, die sich angespannt auf den Zuschauerbänken bereit hielten; bereit dazu, sich über jede Regung von ihm, selbst wenn sie aus völliger Regungslosigkeit bestünde, in ihrer Journaille das Maul zu zerreißen.
Ein anderer als er wäre beim Anblick dieses Szenarios völlig eingeschüchtert gewesen, er aber dachte nur an seine Sehnsucht nach dem Himmel, dieses bunte Stück des Lebens, dem selbst der Mensch nichts anhaben konnte, die Farben nicht rauben oder auch nur verblassen lassen konnte – dazu war nur die Natur fähig, wenn sie der Ansicht war, dass es mal wieder regnen, hageln oder schneien müsse, oder auch einfach nur die eigene miese Laune in einem fahlen Licht hinter einem grauen Vorhang zu verstecken. Er merkte, dass er schon wieder aus dieser vorliegenden Realität heraustrat, nicht hektisch, flüchtend, nein. Mehr gemächlich und selbstverständlich, als sei dieser Schritt völlig normal, und er dachte an seinen Traum zurück, an die Fliegen.

Hier gab es sie nicht.
Hier summte und brummte nichts aufgeregt, hier formierte sich nichts neu.
Hier existierte nur eine eisige Ruhe, die die Raumtemperatur um etliche Grade zu senken schien.
Hier schienen alle wie erstarrt, als warteten sie auf das, was ihren Schalter umlegte, bevor sie sich in Bewegung setzen würden.

Dieses etwas war nicht er, nein. Er war eine Randfigur, das schmückende Beiwerk, austauschbar und nebensächlich. Wäre er nicht hier, hätten sie eben jemand anderen geschnappt und hier vorgeführt, zur Begutachtung, Analyse, Aburteilung und Eintragung ins Strafregister, sein Gesicht würde bereits vergessen sein, wenn er – zurück in den Gängen – in Richtung seiner Haftzelle gestoßen würde. Er erinnerte sich schlagartig an ein Buch, das er kurz nach dem Systemwechsel unter einer Brücke gefunden hatte, unter die er unerlaubterweise mit seinen Schulkameraden gekrochen war, so rebellisch noch in seiner Jugend, so wild und frei hatten sie sich gefühlt, trotzig hatten sie gegen die strengen Regeln rebelliert, die auf einmal ihren sonst so herrlich neugierig machenden Schulunterricht dominierten: Wissen aneignen, lernen, verinnerlichen, anwenden – effektiv und zur Vervollkommnung von Geist und Körper – nicht aus Spaß, als Privileg, zur Befriedigung des eigenen Wissensdurstes. Da war dieses Abenteuer unter der Brücke ein willkommenes Ventil zur Frustbewältigung, sie alle genossen diesen Duft der Freiheit und der Gefahr, die Süße des Verbotenen, den Reiz des unbekannten Weges, der sie noch einmal an die alten Zeiten des auf Bäume klettern, des im Gras liegen und faulenzen, Steine übers Wasser springen lassen, Schätze in den Sperrmüllhaufen finden und eben… am Flussufer im Schatten der Brücken die Füße ins Wasser zu halten. Und da hatte er es gefunden. Das Buch des Mannes, der in Ketten gelegt wurde, weil er anderen im Weg war. Der weggeschlossen wurde und sich nicht damit abfand. Der jahrelang nach Fluchtwegen suchte, als Leiche getarnt in den Tiefen der Meeresküsten, in einen Sack gesteckt, um sein Leben kämpfte, um dann mit einem ausgeklügelten Plan Rache an denen zu nehmen, die ihn verraten hatten. „Der Graf von Monte Christo“.

Würden sie ihn nun auch nach Aburteilung in einen dunklen Turm werfen, fernab vom Tageslicht? Würde er dann auch so um seine Freiheit kämpfen, sollte er es jetzt schon, bei dieser Verhandlung tun? Es wäre ein Leichtes: Er müsste nur erklären, dass ihm die Krankmeldung nicht gut getan habe und er unter dem Schock der Erholungsfreizeit nicht mehr zurechnungsfähig war. Er müsste nur angeben, dass er als Entschuldigung zusätzliche Stunden auf sich nehmen würde. Er müsste nur um Gnade winseln. Dann käme er sicherlich frei, denn er würde ihnen nachvollziehbare, beruhigende Gründe liefern, die sie noch dazu in die Lage versetzen würde, die Richtlinien für krankheitsbedingten Ausfall zu verschärfen – geistiger Verwirrungszustand nach Krankschreibung – das wäre die Schlagzeile, die alles wieder gut werden ließe. Er müsste nur… mitspielen. Sie wüssten, dass es gelogen wäre. Die Berichterstatter wüssten, dass er gelogen hatte. Alle würden es wissen – einschließlich seiner selbst.

In diese Überlegungen platzte das hohe Gericht: Die Tür schwang leise und effizient auf, der Richter konnte im Sturmschritt auf seinen Platz eilen, sich nach einer Kunstpause, die ihn in Szene setzen würde, auf seinen Richterstuhl setzen und ihm, dem Störer einen scharfen aber medienwirksamen Blick zuwerfen, unter dem schon ganz andere zusammengebrochen waren und um Gnade bettelten.

Er aber blieb aufrecht stehen… und lächelte. Seine Entscheidung war gefallen.

Nach einer siebenstündigen Marathonverhandlung, in der er wechselweise angeschrieen, mit Sarkasmus und Ironie zu einem Geständnis gedrängt, mit Nichtachtung gestraft und er immer, jeden einzelnen Moment, stehen bleiben musste, folgte ein Wunder, mit dem niemand gerechnet hatte: Er durfte sich setzen, der Richter schwenkte ein, suchte mit Verständnis das zu ertrotzen, was unter Druck und Willkür nicht zustande gekommen war: Die Bitte um Gnade.

„Junger Mann, sie haben, nein, hatten – wenn ich mir ihren Werdegang so anschaue – eine Zukunft vor sich, um die sie andere beneiden würden. Was ist passiert? Warum diese Störung des effektiven Systems?“

Er sah den Richter freundlich und arglos lächelnd an, sah, wie dieser vor diesem offenen Blick zurückschrak. Und wieder bemächtigte sich der Sarkasmus seines Mundes als Sprachrohr, brachte ihn dazu, Fragen zu stellen, die eine Hinrichtung in den Bereich des Möglichen rückte.

„Was passiert ist? Nichts…“

Es war nicht viel, was er da aussprach. Aber der Ton, der ironische Seitenblick auf seinen Häscher reichten aus, um aus dem „Nichts“ ein „sehr viel, zu viel, viel zu viel“ zu machen. Dieser sprang unvermittelt auf, wurde aber von seinem Sitznachbarn wieder auf die Bank gezogen, sie tuschelten heftig miteinander, giftige Blicke wurden ihm zugeworfen, einer der Wärter trommelte viel sagend mit den Fingerspitzen auf seinem Knüppel: padadadam…. padadadam…. padadadam…. padadadam…. – und jedem war klar, dass das Protokoll die Runde gemacht hatte, jeder wusste von dem Wortwechsel zwischen ihm und dem Produktivüberwacher und niemand, niemand zeigte auch nur einen Hauch von Amüsement über den subtilen Spott, der seinen Worten vor ein paar Tagen innewohnte.

Der Richter war auch nicht geneigt, diese neuerliche wortspielerische Spöttelei hinzunehmen, doch weit davon entfernt ihn zu verwarnen, versuchte er diesen Affront durch völlige Ignoranz zu entkräften. Er ging auf die Aussage ein, als sei diese völlig Ernst gemeint, wollte damit signalisieren, dass er dem Angeklagten keinerlei Spielraum geben würde, um die Verhandlungsführung zu kontrollieren. Die Intention war klar: ‚Junge, mach so weiter und du manövrierst Dich in die Haltung eines unbelehrbaren Störenfriedes, dem nur die Höchststrafe gelten kann. Ordne dich unter und ich lass mit mir über das Strafmaß reden…’ Nur: Es war ja nichts geschehen. Er hatte seine unverhoffte Freizeit mit einem Spaziergang aufgefüllt, hatte in den Himmel gesehen – und die Hölle brach los, ohne Anlass, außer dem einzig möglichen: Er war mitten auf dem Gehweg stehen geblieben. Wie nur sollte er dem Richter das verständlich machen, ihm verdeutlichen, dass er nichts Böses im Sinn hatte, als er die Sonne suchte? Und ehe er sich’s versah, fing er an zu reden, platzte heraus mit all dem, was ihm zu diesem Zeitpunkt durch den Kopf gegangen war, was ihn veranlasste, stehen zu bleiben. Und er schloss mit den Worten:

„Sehen Sie einmal, ein einziges Mal nur in den Himmel, wenn die Sonne mit den Wolken Versteck spielt, wenn der Wind die Formationen dort oben auseinander reißt, Ihnen die unterschiedlichsten Bilder in Blau und Weiß … ja, und ein gutes Stück Grau, in den unglaublichsten Abstufungen, vorgaukelt. Sehen Sie dort hin und lassen Sie sich einfangen von Drachen und Bergen, Flughunden und Krokodilen, von Wolkenblumen und Badewannen, in denen Menschen sitzen, sich den Rücken waschen – ja, Sie haben richtig gehört:

B a d e w a n n e n.

Das sind diese altmodischen Tröge, die nun auf jeder Weide als Tränke eingesetzt werden, weil die Wassermenge für eine gute Woche hinreicht. Ob das Wasser in einer Hitzeperiode bereits nach ein paar Tagen beginnt zu faulen, sei nun zu diesem Zeitpunkt irrelevant, den dort oben am Himmel, in diesem Wolkenbild, sitzt ja ein Mensch dort in der Wanne und badet, entspannt sich und gibt sich dem Müßiggang hin. Und noch während Sie dieser Betrachtungsweise nachgeben, ändert sich das Bild und aus dem Mann in der Badewanne wird ein Rennfahrer, der in der Boxengasse darauf wartet, neue Reifen an seinen Wagen montiert zu bekommen…“

„Genug!“ Der Richter unterbrach in schroffer Art und Weise dieses Hohelied über die Wolken, waren diese doch unerwünscht, und zwar genau aus diesem einem Grund: Sie weckten Träume. „Genug!“ Bedeutete in diesem Fall: Ich habe genug gehört und weiß nun, wie ich den Fall behandeln soll.

Aber er wusste es nicht. Ein gewisses Maß an Sympathie überfiel den alten Mann, der doch eigentlich mit aller Härte und Strenge dafür sorgen sollte, dass genau solche Individuen nicht weiter die Effizienz der Gesellschaft störten, auslöschen, ausmerzen, unschädlich machen sollte er sie – und er merkte dennoch, dass ihm bei dem Eifer, mit dem der ältliche, verhärmte Mensch dort vor ihm sich selbst noch tiefer in seine Bredouille ritt, das Herz weich wurde. Das konnte, durfte es nicht geben, er sollte ihn wegschließen lassen, am Besten für immer, und dort, im tiefsten Kellergewölbe der Arbeitsanstalt sollte er von morgens bis abends sitzen und arbeiten, bis er vor Erschöpfung umfallen würde – aber er konnte es nicht, denn Mitleid bemächtigte sich ihm, Mitleid und eine gewisse Art von Neid… Neid darauf, dass der Störer solche Gedanken und Ideen in sich verborgen hatte, dass er glücklich strahlen konnte, wenn er von ihnen berichtete, dass er, der Richter, stattdessen nur ein Leben voller Gesetze und Gerichtsflure kannte, ohne die Möglichkeit, den Himmel zu sehen – weder auf die eine noch die andere Art und Weise. Das erzürnte und beängstigte ihn so sehr, dass er ein Urteil ersann, das ihm eine Aburteilung mit aller Härte ermöglichte und dazu beitrug, dass dem Kerl dort vor ihm das Träumen ausgetrieben würde.

Ehe er wusste, wie ihm geschah, hatte der Richter ein Urteil gesprochen. Ein vernichtendes Urteil, das dafür sorgte, dass er als nicht ernstzunehmender Träumer, als geistig kranker Minderbemittelter dastand, dem unbedingt geholfen werden müsse. Die Krankschreibung habe bereits darauf hingewiesen, dass etwas nicht in Ordnung mit ihm sei, daher sei dies als mildernder Umstand zu werten und zeige auf, dass ihm noch zu helfen sei:

„Nach Auffassung des Gerichtes hat der Angeklagte einen Nervenzusammenbruch erlitten. Kraft seines Amtes ordnet das hohe Gericht daher eine Therapieunterbringung gemäß § 289 des Produktivgesetzes an. Der Verurteilte hat so lange in der Therapiehaft zu verbleiben, bis er als geheilt und wieder voll einsatzfähig gilt.“

Nun war er also ein Verurteilter. Vorbestraft, weil er auf einem Bürgersteig stehen blieb und in den Himmel schaute. Die Menschen um sich herum irritierte, verängstigte, von ihrer Arbeit abhielt. Therapieunterbringung. Gruppen- und Einzeltherapie unter Haftbedingungen, Beschäftigungs- und Bewegungstherapie… bis er dann endlich geheilt war von seiner Träumerei und wieder hinaus… in seine Wohnung durfte. Und dort in sein Arbeitszimmer. Seine leitende Tätigkeit war sicherlich schon an jemand vergeben, der funktionsfähig war. Also hieß es zurück in die niederen Reihen, mehr würde man ihm nach einem Nervenzusammenbruch ganz sicherlich nicht mehr zutrauen.

Er nahm gar nicht wahr, dass seine Wächter wechselten, die medizinischen Betreuer übernahmen ihn, gaben ihm eine Spritze mit ruhig stellender Wirkung, geleiteten ihn zum permanent bereit stehenden Sicherheitstransport. Er sah blicklos zum Himmel auf, die Wolken hatten sich vollends aufgelöst und überließen die Bühne einem unglaublichen Blau, das an Urlaub, Sonne, Strand erinnerte – wenn man denn noch Erinnerungen an solche Erlebnisse in sich verbarg. Dann klappte die Tür hinter ihm zu, die Scheiben verdunkelten sich wieder und sperrten ihn damit ein – und die Außenwelt aus. Und das war es auch. Aus und vorbei. Sein Leben, seine viel versprechende Karriere hatte ein vorzeitiges Ende gefunden.

Weil er einmal stehen blieb.

Die Aufnahme in der Therapieunterbringung gestaltete sich völlig reibungslos, die Spritze hatte dazu geführt, dass vor allem die Betreuer und das Pflegepersonal sich ihm gegenüber sicher fühlte, er selbst stand eh so unter Schock, dass er sich ganz sicher keine Gegenwehr geleistet hätte. Friedfertig ließ er sich auf einem Bürostuhl nieder und betrachtete den Behandlungsraum, der in seinem strahlendem Weiß mit den metallischen Untersuchungsutensilien um den größeren Glanz wetteiferte – „Konkurrenzdenken also selbst in der Einrichtung“, murmelte er vor sich hin, die verstörten Blicke der Umherstehenden ignorierend, um dann in dozierendem Ton weiter vor sich hin zu grummeln: „Was macht einen Raum noch unsympathischer als eine Einrichtung, die sich selbst nicht ausstehen kann, in der schon Druck auf die Farben ausgeübt wird: Welche strahlt mehr? Welche erzeugt den größeren Anschein von Glanz und Erfolg, beeindruckt den kleinen, verzagten Patienten so sehr, dass er all seine spinnerten Ideen aufgibt und wieder gesund wird? Dem Therapeuten bleibt da nicht mehr viel – er kann sich zurücklehnen und das Verhalten seines Schützlings gelassen beobachten: Kommt es zum Overload, schnell ein Spritzchen, schafft er es, dieses Szenario gelassen zu betrachten und strahlt Tatendrang aus, gilt er als geheilt und darf zurück in die Knochenmühle. Alle Achtung: Die therapeutische Wissenschaft reduziert sich selbst, rationalisiert die eigenen Arbeits- und Studienplätze weg, indem sie sich selbst zu Begutachtern nach Schema F degradiert.“

Weiter kam er nicht, denn nun spürte er einen Einstich, den folgenden Druck an der zuständigen Vene und konnte gerade noch damit beginnen, darüber nachzudenken, was ihm nun die Diagnose des Overload eingebracht haben sollte, bevor er ins Nirwana des komatösen Erholungsschlafes sank.

Überraschende Töne weckten ihn. Dieses Tschilpen kam ihm bekannt vor – es war ein dünnes Stimmchen, das diese gar nicht zaghaften und dennoch zurückhaltenden Töne von sich gab, hoffend auf eine Antwort sendete es immer wieder seine Rufe aus – es war offensichtlich Frühling im Land und Vögel zwitscherten und suchten, lockten Partner an, bereit, mit ihnen weiteres Leben in die Welt zu setzen: Unkontrolliert, instinktiv, einzig und allein der Natur gehorchend, bauten sie ein Nest, bewachten die Weibchen die Eier, während die Männchen sich um ihre und um die eigene Ernährung kümmerten. Ja, es war eindeutig Vogelgezwitscher, das ihn weckte, und er kramte in seiner Erinnerung nach dem Tag, an dem er ein solches Erlebnis das letzte Mal sein eigen nennen konnte. Traurig stellte er fest, dass ihm das entglitten war, die Normalität eines solchen Vogelgesanges hatte ihn dazu gebracht, ihn als unwichtig, ja, sogar als störend zu empfinden, denn das, woran er sich erinnerte, war sein eigenes, genervtes Gemurre, wenn er in den Sommermonaten das Fenster seines Zimmers zuschlug – es waren Ferien, und er wollte endlich einmal ausschlafen! Hätte er auch nur geahnt, dass ihm diese Töne einmal so wertvoll erscheinen sollten, vielleicht wäre er dann auch in den Urlaubswochen früh aufgestanden, hätte die Morgensonne begrüßt und den Vögeln gelauscht.

„Weine nicht über vergossene Milch“, hörte er seine Großmutter sagen. „Du wolltest es damals nicht – und dann war das damals auch richtig. Hätte, wenn und aber haben die Welt noch nie weiter gebracht, und sie werden auch dich nicht weiterbringen. Überlege lieber, wie du da nun wieder raus kommst, wo sie dich grad hin gesteckt haben.“ Das erinnerte ihn wieder an seine Situation, und neugierig sah er sich in dem Zimmer um, das nun in der nächsten Zeit sein Domizil sein sollte.

Lindgrün. Die Tapeten hatten tatsächlich einen Hauch von Lindgrün abbekommen, es schien fast, als habe beim Einrichten der Räumlichkeiten ein Maler vor lauter Widerwillen gegen das ansonsten vorherrschende Weiß ein paar Tropfen der Farbe in seinen Eimer tropfen lassen, ein Akt des Aufbegehrens gegen die Sterilität und Anonymität in dieser die Augen schmerzenden Farbwüste. Selbst der Kunststoffboden war nicht anders gestaltet, das erklärte sicherlich auch die albernen Pantoffeln, die neben seinem Bett standen, bereit, seine bloßen Füße in eine Illusion von Wärme zu hüllen, die der Rest des Raumes nicht ausstrahlen konnte. Selbst die Ahnung von Farbe an den Wänden deprimierte mehr, wies sie doch genau auf die sonstige Abwesenheit von Farbe hin, fast bösartig, ganz sicher aber nicht gut meinend. „Fühl dich bloß nicht wie zu Hause“, schien der Raum zu sagen. „Du bist hier nur vorübergehend, nur solange, bis du wieder funktionierst. Wie das bewerkstelligt wird, ist völlig egal. Also, pack deine Sachen aus, wenn du welche hast, aber stell die Tasche nicht zu weit weg. Du brauchst sie hoffentlich bald wieder.“

Er nickte ernsthaft dem Zimmer zu um zu signalisieren, dass er verstanden habe. Dann schwang er versuchsweise die Beine aus dem Bett, zog die Schlappen über seine Füße und stellte sich auf, hielt inne, verharrte einige Augenblicke, lauschte, wartete ab. Nichts geschah, und so fasste er Mut, lief über den blitzsauberen Boden zum Schrank, sah hinein, öffnete die Tür links neben dem Schrank und stand im Badezimmer. Auch hier war keinerlei Farbe zugelassen, selbst die Rolle Toilettenpapier war nicht im sonstigen Recyclinglook: Grau, hart und viel zu dünn verhalf sie in den üblichen Wohnblöcken dazu, dass jeder wusste, dass ein Gang zur Toilette kein Grund zum Müßiggang war, auch hier wurde eine zügige Erledigung erwartet, im Sinne des Gemeinwohls. Das war auch der Grund dafür, dass es in den Wohnblöcken nur noch Gemeinschaftstoiletten und –Duschen gab: Der Nachfolger klopfte nach einer kurzen Wartezeit schon ungeduldig an der Tür, wenn die Vermutung bestand, dass der Toilettengänger die Nasszelle ungebührlich lange blockierte.
Hier – blieb das aus. Er war nun schon geraume Zeit hier drinnen, niemand klopfte, niemand drückte den Verwarnungsknopf – er hatte sein Bad für sich allein. Er überlegte kurz, ob das die Patienten ausgrenzen sollte, stellte aber in Sekundenschnelle fest, dass ihm das gleich sei. Die Vorteile überwogen eindeutig. Allein die Vorstellung, dass er völlig entspannt und ohne Zeitdruck seinen intimsten Bedürfnissen nachgehen konnte, ließ ihn nicht weiter darüber nachdenken, ob und welche Zielsetzung hinter dieser Einrichtung steckte: Es war eine wesentliche Erleichterung gegenüber seiner Privatwohnung, also wollte er das so lange es ging genießen.
Zuversichtlicher gestimmt verließ er das Bad und wandte sich dem Rest des Raumes zu. Die Vorhänge – weiße – waren geschlossen und ließen nur diffuses Licht in den Raum, elektrisches Licht schien es nicht zu geben, auch Kerzen oder andere Lichtquellen waren nicht da. Das bedeutete also: Mit dem Sonnenuntergang war der Tag für ihn zu Ende, wollte er sich nicht mit einem Schmöker in den Nebenraum verziehen. Schmöker… dieses nostalgisch anmutende Wort nistete sich in seinem Bewusstsein ein und sorgte für einen weiteren Ausflug in seine Jugendzeit, die Zeit, die anscheinend, trotz großer Probleme in der Familie, seine glücklichste gewesen war. Im Nachhinein betrachtet kam ihm sogar die Trauer, die Verzweiflung wie ein Luxus vor: Damals durfte man wenigstens noch traurig sein, an seinem Leben verzweifeln. Wer das nun tat, wurde abgestempelt, stigmatisiert, als irre diagnostiziert und weggeschlossen, sah nie mehr auch nur einen einzigen seiner Freunde, Verwandten, Arbeitskollegen – zu gefährlich.
So wie er.
Und ganz genau so würde er nun darum kämpfen müssen, als geheilt und nicht mehr subversiv aus dieser Anstalt entlassen zu werden, um…
Ja, was denn? Um neue Aufgaben zu übernehmen, produktiv zu sein, wieder von vorne beginnen zu müssen, sich an das tägliche Mühlrad anschließen zu lassen, das doch nur kaputt machte und man es nie zugeben durfte?
Was aber war die Alternative? Dieses deprimierende, jeden Eintönigkeitswettbewerb gewinnende Zimmer, dessen Aufenthalt aller Wahrscheinlichkeit nur durch Mahlzeiten und therapeutische Anwendungen unterbrochen werden würden? Bücher, seine in der Vergangenheit heiß geliebten Schmöker schien es nicht zu geben, warum auch – sie waren ja nur Illusionen, Märchen, Geschichten, die einem den Kopf verdrehten und von der Arbeit abhielten, zum Träumen einluden und dazu, sich selbst etwas auszudenken – stehen zu bleiben und den Kopf zu den Wolken zu erheben.
Wozu das führte, hatte er selbst feststellen dürfen.
Langsam bewegte er sich zu seinem Bett, taxierte noch einmal jeden Quadratzentimeter seiner Räumlichkeiten. Lange würde er es hier nicht aushalten, dieses Nichts sagende würde ihn zugrunde richten, er würde schreien, um irgendeine Arbeit betteln und am Ende, durch Sedative ruhig gestellt, sabbernd und vor sich hin brabbelnd in der Ecke seines Zimmers sitzen, sich vor und zurück wiegend, in einem Rhythmus, der ihm zumindest ansatzweise eine Tätigkeit vorgaukeln würde.
Wann würde das geschehen?
Wohin würde sein Geist wandern, wenn er ihn verlassen würde?
Unwillig schüttelte er diese Gedanken ab und setzte sich – nicht in die Ecke, nein. Diesmal – noch – auf sein Bett, und er beschloss, sich eine Weile auszuruhen.
Er lag noch nicht ganz, als die Tür seines Zimmers geöffnet wurde und einer dieser überaus tüchtigen Pfleger zu ihm trat.
„Zeit für einen Rundgang im Hof“, sagte er kurz angebunden, ließ sich aber nicht auf weitere Gespräche ein. „Es ist uns untersagt, mit ihnen zu reden. Es würde unter Umständen den Fortgang ihres Heilungsprozesses hemmen oder gar zerstören. Gespräche haben Sie nur mit dem therapeutisch geschulten Personal zu führen.“
Rumms.
Das war hart. Es ging also in der Tat in die Richtung der totalen Isolierung. Aber zumindest auf den Hof durfte er.
Sie gingen einen langen Flur entlang, der sie am Ende in den Hof entließ: Eine kleine, von hohen und spiegelglatten Mauern eingegrenzte Betonfläche, die konsequenterweise im vollen Einklang mit dem Inneren des Gebäudes stand.
Grau war es, alles wies den verblassenden Ton einer gräulichen Farbe auf, der noch nicht einmal von der Sonne ausgebleicht werden wollte – sie sah bestimmt unwillig über diesen blinden Fleck in der farbigen Welt hinweg. Eigentlich seltsam: Die Farben hatte man der Bevölkerung gelassen, das Auge durfte sich doch noch ablenken lassen von der Vielfalt der Nuancen und Schattierungen, die Mutter Natur uns ermöglichte: Da war das Rot eines Apfels, das sich mit dem saftigen Grün mischte, das Rot der Himbeeren, das ein wenig ins Pinke abdriftete, die volle und satte, Sünde verkündende Röte von Kirschen, die sich vom Signalrot der Erdbeeren abgrenzte. Erdbeeren… zu süß, konstatierte einst die Kommission für gesunde Ernährung und strich sie von der Liste der anzupflanzenden Obstsorten. Erlaubt waren bald nur noch Gemüse und Salate, Keime und Körner. Nutztiere wurden aus der Landschaft verbannt – sie waren durch den Genuss des frischen Grases zu Umweltschädlingen deklassiert - und Tiere zur reinen Unterhaltung waren bereits vor noch längerer Zeit beschlagnahmt und verboten worden. Eine vegane Ernährung, deren Mangelerscheinungen durch Beigabe der wichtigsten Minerale und Vitamine in das Trinkwasser kompensiert wurden. Gewürze und auch Salze wurden auf ein Minimum beschränkt, ebenso wurde das eigenständige Kochen verboten – nur durch Kantinen konnte eine ausgewogene Ernährung sicher gestellt werden.
Er sah sich auf dem Hof um, wollte eine Kleinigkeit entdecken, die positiv war, ihn hoffen ließ, jedoch sah er nur einheitliches Grau: Wände, Boden, selbst die wenigen Bänke waren aus Beton und die wenigen Schatten ließen keine wirkliche Abwechslung aufkommen.
Aber Moment mal… Schatten? Wo Licht ist, ist auch Schatten, hatte sein alter Schullehrer immer gesagt, dieser weise Mann, der als einziger in der Lage war, ihn und seine Kumpanen im Schach zu halten, ihr Interesse am Unterricht hoch zu halten, ihre Neugier und Wissbegierde zu steigern statt abflachen zu lassen. Hoffentlich musste er diese graue Welt ohne Träume und Visionen nicht mehr miterleben…
Aber Schatten. Licht. An der frischen Luft, die bereits von ihm als sehr angenehm empfunden wurde, konnte Schatten in wahrnehmbarer Stärke nur durch Laternen oder Sonne erzeugt werden. Es war helllichter Tag – Laternen schieden also aus.
Er ließ sich auf eine der Bänke nieder und schaute hoch, in Richtung dessen, was ihm den Aufenthalt hier eingebracht hatte: In dieses unglaubliche Blau, das nur der Himmel so hinbekam, dessen Farbe noch nicht einmal von den alten Meistern auf Papier gebannt werden konnte. Die Sonne blendete ihn, und er schloss die Augen, das erste Mal seit Tagen gerne. Er ließ die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht tanzen, genoss das Kitzeln in der Nase und die Wärme, die sich auf seinen Wangen ausbreitete, bis…
Ja, bis sich ein paar Wolken vor sie schoben.
Vom Wind gejagt und zusammengetrieben, schnell ihre Formationen wechselnd erzählten sieh ihm eine Geschichte, von Weltreisen, Stürmen auf Ozeanen, Dampfer, die Ware aufluden und dabei von Tigern und Drachen gestört wurden.
Ohne darüber nachzudenken, was er da gerade tat, legte er sich, die Beine angewinkelt, mit dem Rücken auf seine Betonbank, sah hoch und ließ diese Überraschung auf sich wirken.
Was war geschehen?
Er war am helllichten Tag auf der Hauptstraße stehen geblieben um zu überprüfen, ob Wolken die Sonnenwärme genommen hatte.
Dafür war er eingesperrt, dem Gericht vorgeführt worden, bestraft und abgeurteilt zur Therapie in der Nervenheilanstalt. Die sollte ihm austreiben, den Kopf in den Wolken zu tragen.
Er war auf seinem eintönigen Zimmer gewesen und hatte Alternativen zum Arbeitsleben gesucht.
Nun, hier wäre eine. Hier bleiben. Und in den wenigen Stunden auf dem Hof den Himmel, die Sonne, die Schatten genießen, genug Material zu sammeln. Für die Nächte. Für endlos lange Geschichten.
Sich einfach untherapierbar zeigen.
Der Preis?
Die Freiheit.
Der Gewinn?
Die Freiheit.

Nachdenklich folgte er dem Pfleger wieder zurück, in sein neues Heim.

Version vom 24. 02. 2011 05:22

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wieselchen
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2010

Werke: 8
Kommentare: 9
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Hallo Friederike,

danke für Deine Eindrücke und Deine Kritik. Die Überladenheit ist einer meiner Fehler, die mir immer wieder passieren, wenn ich mitten im Schreibfluss bin und zuviel auf einmal "raus" will.. *g

Allerdings hatte ich mir die Geschichte noch zwei mal durchgelesen und nichts gefunden. Welche Stellen meintest Du genau?

LG

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FriederikeB
Guest
Registriert: Not Yet

Ein Stück vom Himmel

Hallo Wieselchen,
in der Fülle liegt ja auch der Reiz. Ich dachte nur, ein paar Sätze kann man teilen, also etwas entschachteln.
Was mir immer sehr schwer fällt, sind Dialoge. Sie klingen, von mir selbst produziert, für mich einfach immer künstlich. Als "Therapie" belausche ich oft die Leute im Bus, oder an anderen öffentlichen Orten,in der Hoffnung, dass es hilft! Schönen Abend Dir, Friederike

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