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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Ein Tag am Meer
Eingestellt am 25. 01. 2003 19:26


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C├Ącilie
One-Hit-Wonder-Autor
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Ein Tag am Meer

Es ist etwas passiert, was ich nicht verstehe.
Gestern noch war die Welt vollkommen in Ordnung, doch heute frage ich mich, ob ich langsam anfange zu spinnen.
Aber ich sollte von vorne beginnen, und so versuchen, etwas Licht in das Dunkel der vergangenen Tage zu bringen.

Ich habe seit Montag frei, heute ist Donnerstag.
Und wenn eines klar war, dann dass ich ein paar dieser freien Tage am Meer verbringen wollte. Das zumindest hatte ich mir am Montag fr├╝h vorgenommen. Und das war auch der Grund, warum ich am Montag Nachmittag noch schnell den l├Ąngst f├Ąlligen ├ľlwechsel am Auto in Angriff genommen hatte - und daher auch genau wusste, dass mein Kilometerz├Ąhler bei stolzen 300.056 km stand. Als eingefleischte Do-it-yourself-Frau erledigte ich solcherlei Dinge nicht nur selbst, sondern f├╝hrte auch sorgf├Ąltig Buch dar├╝ber.

Aber dann kommt dieses Loch, dessen ich mir erst heute bewusst geworden bin.

Ich ging also Montag Abend schlafen mit dem festen Vorsatz, Dienstag in aller Fr├╝he ans Meer zu fahren.
Als ich am fr├╝hen Morgen erwachte, fielen mir allerdings tausend Dinge ein, die in jedem Fall noch vorher zu erledigen waren.
Also verschob ich meinen Ausflug, erledigte tausend Dinge und besuchte Abends meine Freundin Rita, mit der ich schon sehr lange nicht mehr gesprochen zu haben glaubte.
Was ich seltsam fand war Ihre Begr├╝├čung \"Na, schon wieder da?\"
Ich schob es auf die Tatsache, dass ich mich lange Zeit nicht hatte blicken lassen, dachte an ihre feine Ironie, die sie bestens anzubringen wei├č, und antwortete nur \"Wurde ja wohl mal wieder Zeit.\" Ihren daraufhin etwas r├Ątselhaften und erstaunten Blick ignorierte ich.
Wir redeten fast die ganze Nacht hindurch. Es war fast 4.00 Uhr fr├╝h als ich mich verabschiedete. \"Ich muss wohl mal los,\" sagte ich ihr \"Schlie├člich wollte ich eigentlich heute fr├╝h ans Meer fahren. Aber nun werd ich wohl erst gegen Mittag loskommen.\"
Rita starrte mich entgeistert an und fragte \"Warum bist Du dann erst wieder zur├╝ckgekommen?\"
\"Wie? Zur├╝ckgekommen?\" fragte ich. \"Na ja\" entgegnete sie \"Du warst doch gerade erst am Meer\".
Ich fragte mich ernsthaft, was sie unter gerade erst verstand. Schlie├člich lag mein letzter Aufenthalt an der K├╝ste bereits mehrere Wochen zur├╝ck. Als ich sie vorsichtig darauf hinwies, fing sie an zu lachen. \"Meine Liebe\" sagte sie \"Du bist wohl etwas verwirrt. Was ist denn mit Dienstag ? Z├Ąhlst du deinen Tagesausflug nicht mit ?\"
Ich gebe zu, dass ich mich in diesem Moment tats├Ąchlich etwas verwirrt f├╝hlte.
\"Was soll mit Dienstag sein?\" fragte ich \"Gestern hab ich noch alles m├Âgliche erledigt, um morgen - na ja, nachher - starten zu k├Ânnen.\"
\"Willst Du mich verarschen ?\" Rita sah mich an, als zweifele sie an meinem Verstand. \"Du warst doch Dienstag am Meer und hast mich sogar noch von dort aus angerufen, um mir anzuk├╝ndigen, dass du demn├Ąchst vorbeikommen w├╝rdest.\"
Nun war ich vollkommen perplex. Was redete meine Freundin da f├╝r ein Zeug ? Wer war hier jetzt verwirrt ? Doch wohl nicht ich, sondern eher sie. Immerhin, es war Mittwoch, nach 4.00 Uhr fr├╝h und wirklich Zeit, sich schlafen zu legen. \"Ach wei├čt Du was\", sagte ich \"ich bin ziemlich m├╝de. Ich glaube es wird Zeit, dass ich verschwinde. Ich ruf Dich morgen noch mal an.\" Das stimmte zwar nicht, ich war das Gegenteil von m├╝de nach dieser komischen Unterhaltung, aber mir viel nichts besseres ein. Und vielleicht musste ich ja wirklich erst mal meine Gedanken sortieren.
Irgendwie wirkte sie merkw├╝rdig distanziert, als sie mich zur Haust├╝r begleitete. Ich schob es auf Ihren momentanen Stress bei der Arbeit und machte mich auf den kurzen Weg nach Hause. Dort stellte ich erfreut fest, dass die Tageszeitung bereits im Briefkasten lag.
Ich war noch ziemlich aufgedreht. Also kochte ich mir eine Kanne Kaffee und beschloss, den Mittwoch mit einer ausf├╝hrlichen Nachrichtenlekt├╝re zu beginnen. Schlie├člich hatte ich frei und es war egal, ob ich heute fr├╝h oder heute Mittag ans Meer fahren w├╝rde.
Dann jedoch, bei dem ersten genaueren Blick auf die Zeitung, packte mich ein leichtes Fr├Âsteln.
Die Zeitung war datiert mit Donnerstag, 9. Mai. Das war nun v├Âllig unm├Âglich. Heute war Mittwoch!
Am Montag hatte ich beschlossen, ans Meer zu fahren. Am Dienstag dann tausend Kleinigkeiten erledigt und abends Rita besucht. Und jetzt, heute fr├╝h, musste demnach Mittwoch sein!
Nach dem ersten Erschrecken musste ich lachen ├╝ber dieses offensichtlichen Druckfehler. Einen Tag zu verwechseln, wie peinlich. Aber w├Ąhrend ich noch so vor mich hin kicherte sprang mein Radiowecker an. Und der Moderator k├╝ndete f├╝r den heutigen Donnerstag allen Zuh├Ârern blauen Himmel, wei├če W├Âlkchen und ├╝berhaupt sonniges Wetter an.
F├╝r den heutigen Donnerstag ? Ja spinnen die denn alle ? Jetzt wunderte ich mich doch sehr. Konnte es tats├Ąchlich sein, dass sich nicht nur meine Dorfzeitung sondern auch ein Radiosender im Datum t├Ąuschte ? Oder sollte tats├Ąchlich Donnerstag sein ?
Aber das war v├Âllig unm├Âglich. Schlie├člich wusste ich genau, wie ich die letzten Tage verbracht hatte.
Nur zur Vorsicht schaltete ich nun auch noch den Fernseher ein. Jedoch auch dort wurden gerade die Fr├╝hnachrichten f├╝r Donnerstag, den 9. Mai verlesen.
Jetzt wurde ich unruhig. Sollte ich einen kompletten Tag verschlafen haben ? Anders konnte ich mir dies nicht erkl├Ąren.
Oder war das alles nur ein sehr kurioser Traum, aus dem ich gleich erwachen w├╝rde ?
Ich beschloss keinen Kaffee mehr zu trinken, sondern mich sofort schlafen zu legen. Und ich hoffte auf ein Erwachen am Mittwoch Mittag, das alles wieder ins rechte Licht r├╝cken w├╝rde.

Das n├Ąchste, was ich wahrnahm, war das L├Ąuten meines Telefons. Ich rappelte mich hoch, griff nach dem H├Ârer, und h├Ârte am anderen Ende der Leitung Ritas Stimme. Sie bedankte sich f├╝r die Postkarte, die ich ihr geschrieben hatte. \"Moment mal,\" stoppte ich ihren Redefluss \"ich bin noch etwas schl├Ąfrig. Von was f├╝r einer Postkarte sprichst Du?\"
Ich sah auf die Uhr und stellte fest, dass ich erst 5 1/2 Stunden geschlafen hatte. Es war halb elf. \"Na, die Postkarte vom Meer, bist Du immer noch nicht wieder beieinander?\" kicherte Rita, \"Du kamst mir gestern - na ja oder eher heute fr├╝h - auch schon so verwirrt vor.\" \"Hey\" sagte ich, \"es ist gerade mal 5 ┬Ż Stunden her, seit ich mich hingelegt habe. Ich bin noch etwas m├╝de. Aber nicht verwirrt, bitte!\"
Aber ganz sicher war ich mir nicht. Was war blo├č los hier ? Postkarte, Meer ?
Und sofort fiel mir auch wieder diese komische Verwechslung der Wochentage in der Zeitung, im Radio und sogar im Fernseher ein. \"Sag mal\" fragte ich vorsichtig, \"Welcher Tag ist heute ?\" \"Na Donnerstag nat├╝rlich\" kam die prompte Antwort. \"Was ist los mit dir ? Erst kannst du dich nicht an deinen Tagesausflug ans Meer erinnern, und jetzt fragst du mich, welcher Tag heute ist. Ist alles okay mit Dir ?\" Ich war fassungslos und wusste im Moment keine rechte Antwort.
\"Ja,\" brummelte ich dann, \"es ist alles okay, ich bin wohl noch nicht ganz wach. Donnerstag, ja.\"
\"Wo warst Du denn nun eigentlich?\" fragte Rita weiter, \"die Karte ist wundersch├Ân, aber ich kann den Poststempel nicht entziffern.\" Meine Gedanken rotierten, aber ich konnte mit Ritas Worten einfach nichts anfangen. So sehr ich mich bem├╝hte, nichts von dem was sie sagte l├Âste den Knoten, der sich offensichtlich in meinem Ged├Ąchtnis befand.
\"Rita,\" fl├╝sterte ich vorsichtig, \"Ich wei├č nicht genau was Du meinst. Noch mal, von was f├╝r einer Postkarte sprichst du ?\"
\"Na von der, die ich heute fr├╝h von Dir bekommen habe. Nun mach doch nicht so ein Geheimnis daraus, was soll das denn?\"

Ich f├╝hlte mich wie vor den Kopf geschlagen. Von was verdammt noch mal sprach meine Freundin ?
Ich hatte keine Ahnung, wie ich diesem Gespr├Ąch eine andere Richtung geben sollte. Aber ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Soviel war sicher. Also antwortete ich recht knapp, redete mich mit meiner M├╝digkeit heraus und versprach, mich sp├Ąter noch einmal zu melden.

Allerdings war ich kein bisschen m├╝de mehr. Ich sa├č senkrecht im Bett und f├╝hlte mich v├Âllig durcheinandergewirbelt.
Soweit also die Vorgeschichte.

Und jetzt zerbreche ich mir den Kopf dar├╝ber, wer hier spinnt, Rita oder ich, die Zeitung, das Radio, die Fernseh-Fuzzis, oder vielleicht wir alle ?

Ich fange noch einmal von vorne an mit meinen ├ťberlegungen.
Okay, am Montag hab ich beschlossen ans Meer zu fahren. Am n├Ąchsten Tag hab ich Kleinigkeiten erledigt. Das muss Dienstag gewesen sein. Und abends hab ich mich mit Rita getroffen und bis zum fr├╝hen Morgen - also Mittwoch - geredet. Aber wenn dieser fr├╝he Morgen nun Donnerstag gewesen ist - und das scheint offensichtlich der Fall zu sein - dann muss ich wohl die Kleinigkeiten am Mittwoch erledigt haben. Was aber war dann am Dienstag ? Kann ein ganzer Tag verflossen sein, ohne dass ich es bemerkt haben sollte ? Und woher hat Rita von mir eine Postkarte bekommen, wenn ich doch die ganze Zeit hier war ? Oder, wenn ich nicht hier war, wo war ich dann gewesen ? Und warum kann ich mich nicht daran erinnern ?
Mir schwirrt der Kopf.

Da die Sonne scheint, beschlie├če ich, mich auf meinen Balkon zu verziehen, und dort weiter nachzudenken. Ger├╝stet mit einer Flasche Mineralwasser und Sonnencreme lasse ich mich in meinen Liegestuhl fallen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich f├╝hle mich gleich schon ein bisschen besser. Ich strecke mich gen├╝sslich aus, schlie├če die Augen und frage mich: Also, was war Dienstag, was war Dienstag ?

W├Ąhrend ich so vor mich hin d├Âse, tauchen pl├Âtzlich bisher unbekannte Bilder vor meinem Auge auf.

Ich sehe mich in meinem Auto sitzen und durch die Nacht fahren. Ich wei├č nicht, wohin ich fahre, aber scheinbar habe ich ein Ziel. Und dann sehe ich mich an einem Strand. Es ist ganz fr├╝h am Morgen. Alles ist noch ruhig, weder Touristen noch Einheimische sind unterwegs. Ich hab einen ganzen Strand f├╝r mich allein. Nord- oder Ostsee ? Keine Ahnung. Die etwas st├Ąrkeren Wellen lassen eher auf die Nordsee schlie├čen - aber sicher bin ich mir nicht. Ich laufe barfuss am Strand entlang und beobachte, wie ringsum das Leben erwacht. Ich h├Âre eine M├Âwe schreien, die sich auf ihrem - vielleicht ersten - Flug an diesem Morgen bemerkbar macht.
Und als h├Ątte sie mit ihren Schreien den Rest der Sippe geweckt, bin ich pl├Âtzlich von einer ganzen Schar M├Âwen umgeben. Kreischend und kr├Ąchzend segeln sie ├╝ber meinen Kopf hinweg, als wollten sie mich - den fr├╝hen Eindringling in ihr Refugium - verscheuchen.
Ich setze mich am Rand einer D├╝ne auf ein St├╝ck Treibholz und starre auf das Wasser, das mich einmal mehr mit den gleichm├Ą├čigen Bewegungen seiner Wellen gefangen nimmt. Ich bleibe eine ganze Weile dort sitzen und denke an gar nichts. Bis es mir zu k├╝hl wird.
Dann stehe ich auf und laufe weiter am Strand entlang - immer genau dort, wo der Sand von den Wellen wieder und wieder ├╝bersp├╝lt wird, und deshalb feucht und ziemlich fest ist. Die Muscheln und Steine, die hier vereinzelt liegen, haben von ihren Farben noch nichts eingeb├╝├čt. Das Salzwasser rauscht regelm├Ą├čig ├╝ber sie hinweg und die Sonne hat keine Chance sie zu trocknen, und ihnen damit das Leuchten zu nehmen.
Ich bewundere die strahlenden Farben und Muster, die die Natur hier geschaffen hat. Es gibt rote, gelbe, rosafarbene, bl├Ąuliche, hellgraue und gr├╝ne Steine und Muscheln. Die Steine sind zum Teil wundersch├Ân gemasert, haben Streifen oder kreisf├Ârmige farbige Einschl├╝sse. Einen dieser Steine stecke ich ein. Er ist rosafarben und hat ganz gleichm├Ą├čige d├╝nne wei├če Streifen. Er ist ungef├Ąhr so gro├č wie ein kleines H├╝hnerei. Ich werde ihn zu Hause in eine Schale mit Wasser legen, denke ich, damit er weiterhin so sch├Ân gl├Ąnzt. W├Ąhrend ich weitergehe, begleitet vom gleichm├Ą├čigen Rauschen der Wellen, ├╝berkommt mich der Wunsch eins zu werden mit dem Element Wasser.
Es ist noch fr├╝h am Tag und niemand ist unterwegs au├čer mir. Also lasse ich meine Klamotten im noch taufeuchten D├╝nenhafer liegen und gehe ins Wasser. Zuerst ist es sehr k├╝hl, aber mit jedem Schritt verfliegt ein wenig von der K├Ąlte und schlie├člich tauche ich komplett ein in das Meer. Ich schwimme ein paar Z├╝ge. Irgendetwas glitschiges streift mein Bein, aber es st├Ârt mich nicht. Ich schwimme weiter. Der Strand entfernt sich, aber nicht so weit, dass es gef├Ąhrlich w├Ąre. Dennoch, stehen kann ich hier nicht mehr.
Ich spiele mit den Wellen, tauche unter einer etwas gr├Â├čeren hindurch und entdecke beim Auftauchen eine M├Âwe, die neben mir herschwimmt. Sie scheint gar nicht scheu zu sein und bleibt ganz ruhig, auch als ich n├Ąher an sie heranpaddele.
Aber als ich meine Hand nach ihr ausstrecke um sie zu ber├╝hren macht sie sich laut zeternd davon.
Ich bin ein bisschen entt├Ąuscht und schwimme wieder zur├╝ck an den Strand. Dort lasse ich mich in den D├╝nensand fallen und schlafe ein.

Ich schrecke pl├Âtzlich von meinem Liegestuhl hoch und wei├č nicht genau, wo ich bin. Eben noch am Strand und jetzt hier auf dem Balkon, unter mir die ├╝blichen Stra├čenger├Ąusche. Ich brauche eine Weile um zu begreifen, dass ich wohl einged├Âst sein muss. Genau dort weitertr├Ąumen, denke ich noch, und tats├Ąchlich finde ich mich an diesem Strand - irgendwo - wieder.

Ich wache auf, weil die Sonne auf meiner Haut zu brennen beginnt, und schl├╝pfe schnell wieder in meine Sachen, die neben mir liegen. Es ist sehr warm geworden inzwischen.
Der Sand brennt unter meinen F├╝├čen, als ich weitergehe. Hatte ich nicht eigentlich auch Schuhe dabei ? Wohl nicht.
Ich laufe weiter am Strand entlang und treffe auf die ersten Menschen dieses Tages.
Ein P├Ąrchen mit Kleinkind m├╝ht sich gerade mit dem Aufbau eines Sonnensegels ab und gr├Ąbt eine gro├če K├╝hltasche halb in den Sand ein. Offensichtlich wollen sie den ganzen Tag am Strand verbringen. Ich winke zu ihnen hin├╝ber und gehe weiter.
Hinter der n├Ąchsten D├╝ne ├Âffnet gerade jemand die Fensterl├Ąden eines kleinen Strandlokals. Ich beschlie├če, dort einen Eiskaffee zu trinken. Es ist wirklich ungew├Âhnlich warm f├╝r die Jahreszeit und ich nicke dankbar, als der Besitzer des Lokals mir anbietet, einen Sonnenschirm aufzustellen.
Er hantiert geschickt mit dem gro├čen Leinenschirm, der auf einer m├Ąchtigen Holzkonstruktion thront, und dreht ihn so, dass ich schlie├člich im Halbschatten sitze. Dann bringt er meinen Eiskaffee und setzt sich zu mir. Noch sind keine weiteren G├Ąste hier, die seine Aufmerksamkeit beanspruchen k├Ânnten. \"Ein sch├Ânes Fleckchen Erde,\" sage ich \"und so ruhig.\"
Er lacht: \"Ja, noch. Aber in sp├Ątestens einer Stunde wird es voll werden. Bleiben Sie l├Ąnger hier ?\"
\"Ich wei├č es noch nicht\" antworte ich. \"Haben Sie ein Telefon hier ?\"
Er hat eins. Und ich rufe Rita an um ihr zu sagen, dass ich sie demn├Ąchst mal wieder besuchen werde. Sie fragt, wo ich gerade bin, und ich antworte nur \"Am Meer\". Ob ich ihr eine Postkarte schicke, m├Âchte sie wissen. \"Ja klar\" antworte ich.
Der nette Lokalbesitzer hat tats├Ąchlich Postkarten und sogar auch Briefmarken. Ich schreibe ein paar Zeilen an Rita und werfe die Karte in den Briefkasten, der hinter dem Strandlokal steht.

Ich wache mit rasendem Herzen auf. Was hab ich da gerade getr├Ąumt - verdammt ? Genau das, was Rita mir weismachen wollte ? Ein Tag am Meer, ein Anruf, eine Postkarte ?
Aber sie hat ja wirklich eine Postkarte bekommen. Was f├╝r eine nur ? Ich war doch die ganze Zeit hier.
Oder vielleicht doch nicht ? War das gerade kein Traum, sondern eine Erinnerung an diesen omin├Âsen Dienstag, der in meinem Gef├╝hl doch gar nicht stattgefunden hat ?
\"Verena sei vern├╝nftig!\" sage ich laut zu mir selbst und stehe entschlossen aus meinem Liegestuhl auf. Es ist doch alles ganz einfach zu ├╝berpr├╝fen, denke ich. Ich verlasse meine Wohnung und gehe zu meinem Auto. Komischerweise steht es nicht dort, wo ich meine, es zuletzt abgestellt zu haben. Aber ich kann mich t├Ąuschen. Ich schlie├če auf und lasse mich auf den Fahrersitz fallen. F├╝r einen Moment sitze ich dort mit geschlossenen Augen und warte auf eine Erinnerung oder irgendetwas.
Aber es kommt nichts. Also beuge ich mich vor und schaue auf den Kilometerstand: 300.056. Na also, das ist eindeutig. Genau dieser Kilometerstand findet sich auch auf dem kleinen ├ľlwechselaufkleber wieder, den ich mir zur Erinnerung ins Cockpit geklebt haben.
Ich spinne also nicht. Ich bin seit Montag Nachmittag nicht einen einzigen Kilometer gefahren. Trotzdem wei├č ich noch nicht, was es mit dieser Postkarte auf sich hat, die Rita bekommen haben will. Ich ├╝berlege, ob ich zu ihr gehen soll um mir die Karte anzusehen. Aber ich verwerfe den Gedanken gleich wieder. Irgendwie kommt mir das alles zu bl├Âd vor.
Die Karte kann nicht von mir sein. Das wird sich sicher alles irgendwie aufkl├Ąren.

Beruhigt will ich aussteigen, als ich pl├Âtzlich im Augenwinkel etwas auf dem Beifahrersitz wahrnehme, was nicht dorthin geh├Ârt. Es ist ein rosafarbener Stein mit wei├čen Streifen. Trotz der sommerlichen W├Ąrme ├╝berl├Ąuft mich ein kalter Schauer.
Das kann nicht sein, sage ich mir, das ist v├Âllig unm├Âglich. Ich greife nach dem Stein und erwarte fast, dass er sich als eine Halluzination erweist und verschwindet. Aber das tut er nicht. Er ist da und er ist ganz real.
Wie im Traum gehe ich zur├╝ck in meine Wohnung, setze mich auf meinen Liegestuhl und betrachte eindringlich den Stein in meiner Hand. \"Wie kommst du hierher ?\" frage ich ihn. Nat├╝rlich bekomme ich keine Antwort.
Ich gehe in die K├╝che, f├╝lle eine Glasschale mit Wasser und lege den Stein vorsichtig hinein. Mit der Schale in der Hand gehe ich wieder zur├╝ck auf den Balkon und starre den jetzt viel h├╝bscher aussehenden, gl├Ąnzenden Stein an. Ich w├╝nschte, er k├Ânnte mir all die Fragen beantworten, die im Moment auf mich einst├╝rzen.

Okay, nur mal angenommen ich w├Ąre tats├Ąchlich am Meer gewesen - schlie├člich gibt es jetzt diesen Stein als Materie gewordenes Beweisst├╝ck - kann es vielleicht sein, dass ich in einem dem Schlafwandel ├Ąhnlichen Zustand unterwegs gewesen bin ? Schlafwandler erinnern sich auch nicht an ihre n├Ąchtlichen Ausfl├╝ge.
Aber das passt dann trotzdem nicht mit meinen Kilometerz├Ąhler zusammen. Es sind mindestens 200 km bis zum n├Ąchsten Strand. Und ├╝berhaupt - wo genau sollte ich eigentlich gewesen sein ? Selbst als ich mir die Traumbilder wieder in Erinnerung rufe gibt es nichts in ihnen, was mir irgendeinen Hinweis auf die genaue ├ľrtlichkeit h├Ątte geben k├Ânnen.

Kann der Tachometer und damit der Kilometerz├Ąhler vielleicht einfach kaputt, stehen geblieben sein ? Das w├╝rde zumindest eine Sache erkl├Ąren. Es l├Ąsst mir keine Ruhe. Ich gehe noch mal zu meinem Auto und fahre eine Runde um den Block. Tacho und Kilometerz├Ąhler funktionieren einwandfrei.
Und doch finde ich noch weitere Indizien, die f├╝r einen k├╝rzlichen Strandausflug sprechen. Sand auf meiner Fu├čmatte zum Beispiel, den ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Und im Kofferraum - im Kofferraum finde ich meinen Rucksack und meinen Fotoapparat. Der eingelegte Film ist fast vollst├Ąndig belichtet.
Mit zitternden Fingern spule ich ihn zur├╝ck und nehme ihm aus der Kamera. Ich werde dieses komische R├Ątsel l├Âsen, koste es was es wolle.
Ich laufe zur nahegelegenen Drogerie und frage nach einer Sofortentwicklung. Ja, das geht. In zwei Stunden kann ich die Bilder abholen. Die Wartezeit werde ich mir auf dem Balkon vertreiben. Ich lege mich also wieder in der Sonne, blinzele ab und zu zu meiner Uhr, aber die Minuten scheinen zu Stunden zu werden.

Ich sitze am Strand. In der einen Hand den rosafarbenen Stein mit den wei├čen Linien, in der anderen ein Fischbr├Âtchen.
Ich kaue vergn├╝gt vor mich hin und schaue den Segelbooten zu, die vor der K├╝ste kreuzen.
Es hat ein wenig aufgefrischt und der leichte Wind hat unz├Ąhlige Drachenbesitzer an den Strand gelockt. Es ist ein sch├Ânes Bild, diese vielen bunten Figuren vor dem knallblauen Himmel. Ich stecke den Stein in meine Hosentasche, lege das Br├Âtchen neben mich und krame aus meinem Rucksack die Kamera hervor, um ein paar Fotos zu machen. Ich bin derma├čen versunken in die Fotografiererei, dass ich nicht bemerke wie der Wind allm├Ąhlich eine Sandschicht ├╝ber mein halb aufgegessenes Fischbr├Âtchen weht. Als ich die Kamera wieder einpacke sehe ich das Schlamassel und bem├╝he mich fluchend, den Sand halbwegs abzusch├╝tteln. Trotzdem knirscht es m├Ąchtig beim weiteressen. Aber egal, auch das geh├Ârt zum Meer.
Der Wind wird jetzt st├Ąrker und allm├Ąhlich ziehen diese ganz speziellen Wolken auf, die man nur an der K├╝ste beobachten kann. Die Drachen tanzen am Himmel und ihre Besitzer bekommen Schwierigkeiten. Es ist jetzt zu b├Âig, um weiterhin Formationen zu fliegen, so wie sie es vorher getan haben. Schn├╝re verheddern sich. Es kommt zu kleineren Reibereien beim Einfangen der bunten Flieger und nach und nach verschwindet einer nach dem anderen.
Auch die Segelboote werden weniger.
Es scheint, als w├╝rde ein kleiner Sturm aufziehen. Wunderbar, ich liebe St├╝rme.
Erleichtert stelle ich fest, dass ich in meinem Rucksack noch einen dicken Wollpullover habe, und ziehe ihn schnell ├╝ber.
Der Wind zerrt an meinen Haaren und ich fange an, ein wenig zu fr├Âsteln. Jetzt ist kein Mensch mehr hier zu sehen und auch kein Boot mehr unterwegs. Ich bin wieder allein am Strand, so wie heute fr├╝h. Wie sp├Ąt mag es sein ? Ich habe jegliches Zeitgef├╝hl verloren. Ich stehe auf und stemme mich dem Wind entgegen.
Das Meer ist sehr unruhig geworden, es brodelt und kocht. Schon weit vor der K├╝stenlinie t├╝rmen sich die wei├čen Schaumberge auf und klatschen dann wieder in sich zusammen, bevor sie mit der n├Ąchsten Welle an den Strand donnern. Die Gischt fliegt bis fast an die D├╝nen, dorthin, wo ich gerade stehe und dieses Schauspiel verfolge.
Wie schnell sich doch das Wetter am Meer ├Ąndert. Wieder einmal ├╝berkommt mich dieses Gef├╝hl der Winzigkeit, der v├Âlligen Bedeutungslosigkeit, angesichts der Naturgewalten, die sich hier vor meinen Augen darbieten.
Ich beobachte eine Weile, bis wohin die st├Ąrksten Wellen den Strand ├╝bersp├╝len und gehe dann genau dort hin.
Und so stehe ich dann barfuss inmitten der tosenden Wellen und des br├╝llenden Winds. Ich schlie├če kurz die Augen. Aber es wird mir schwindelig dabei, also ├Âffne ich sie wieder. Gischt spr├╝ht mir ins Gesicht und eine etwas gr├Â├čere Brandungswelle, der ich nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann, erwischt mich. Nass bis an die Knie fange ich an zu schlottern. Aber weg m├Âchte ich hier eigentlich trotzdem nicht. Ich ziehe meinen Pullover noch enger um mich herum und versuche, meine klappernden Z├Ąhne so gut wie m├Âglich zu ignorieren.
Die n├Ąchste Welle durchn├Ąsst mich fast vollst├Ąndig. Und jetzt f├Ąngt es auch an zu regnen.
Ich werfe noch einen Blick auf das windgepeitschte Wasser und wende mich dann schweren Herzens ab, um zur├╝ckzugehen.
Wohin eigentlich ?
W├Ąhrend der Regen unaufh├Ârlich in mein Gesicht klatscht, gehe ich zur├╝ck in die Richtung, aus der ich heute morgen kam.
Vorbei an dem kleinen Strandlokal, dass jetzt - mit wieder verschlossenen Fensterl├Ąden - so geduckt wirkt, als wolle es sich vor dem Unwetter hinter der D├╝ne verstecken. Vorbei an der Stelle, wo die Kleinfamilie ihr Lager aufgeschlagen hatte. Nat├╝rlich ist niemand mehr dort. Und vorbei an der D├╝ne, in der ich mich nach meinem Bad hatte trocknen lassen. Ich muss bei dem Gedanken an die hei├če Sonne etwas grinsen. Es m├╝sste ja jetzt gar nicht warm sein, aber trocken w├Ąre schon sch├Ân.
Vorbei auch an dem Strandabschnitt mit den bunten Muscheln und Steinen, von denen man im Moment gar nichts mehr sehen kann. Ich taste nach meinem rosafarbenen Stein. Er ist noch da.
Und dann bin ich pl├Âtzlich bei meinem Auto. Es steht auf einem Parkplatz, wenige Meter vom Strand entfernt.
Ich steige ein und merke erst jetzt so richtig, wie kalt mir inzwischen ist. Ich greife nach der auf dem R├╝cksitz liegenden Decke und wickle mich in sie ein. Aber ich denke auch, dass ich bald losfahren muss. Eine hei├če Badewanne w├Ąre jetzt genau das richtige. Ich starte den Wagen und mache mich im str├Âmenden Regen auf die Heimfahrt.

Ich erwache, weil mir kalt ist. Es ist schon etwas d├Ąmmerig und ich habe das komische Gef├╝hl, irgendetwas vergessen zu haben. Der Film, ja verdammt, der Film. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich noch Gl├╝ck haben k├Ânnte.
Es ist kurz vor acht und es kann sein, dass die Drogerie noch ge├Âffnet ist. Ich werfe mir schnell eine Jacke ├╝ber und laufe hin├╝ber zur Drogerie. Und ja - die T├╝r l├Ąsst sich noch ├Âffnen. Ich zahle f├╝r die Schnellentwicklung und laufe schnell wieder nach Haus. Dann lasse ich mich auf mein Sofa fallen und ├Âffne neugierig den Umschlag. Zwanzig Bilder fallen mir entgegen und verteilen sich auf dem Teppich vor mir. Es ist unheimlich. Die Motive sind mir allesamt bekannt. Ich habe sie heute im Laufe des Tages vor Augen gehabt. Bunte Drachen vor blauem Himmel. Bunte Steine und Muscheln auf hellem Sand. Das Meer ganz ruhig. Das Meer ganz st├╝rmisch. Ein kleines Strandlokal mit aufgestelltem Sonnenschirm - huch - ich bin selbst auf dem Bild. Wer hat diese Aufnahme gemacht ? Wohl der Lokalbesitzer, mutma├če ich. Habe ich ihn darum gebeten ? Ich wundere mich ein bisschen. Und noch ein seltsames Bild: Ein Wasserbild mit einer M├Âwe, die auf den Wellen schaukelt. Neben dem Vogel sehe ich etwas undeutlich einen Kopf aus dem Wasser schauen und eine Hand, die nach der M├Âwe zu greifen scheint. Auch das habe ich heute getr├Ąumt - oder mich daran erinnert ? Was denn nun ? Bin ich das ? Und wenn ja, wer hat mich dann fotografiert ?

Ich sitze auf meinem Sofa und fange langsam an, die ganze Geschichte als wirklich passiert zu akzeptieren. Zwar verstehe ich das alles nicht, aber es gibt eindeutige Beweise. Es gibt die Fotos, es gibt diesen Stein, es ist Sand in meinem Auto, Rita hat einen Anruf und eine Postkarte von mir bekommen. Und mir fehlt nach wie vor ein Tag in meiner Erinnerung. Ich kann also wirklich nur am Meer gewesen sein, und es anschlie├čend v├Âllig vergessen haben. Warum auch immer.
Aber ich habe meine Traumbilder und ich habe Fotos. Ich kann mir also zumindest eine Erinnerung basteln, und endlich auch Rita irgendetwas erz├Ąhlen, damit sie mich nicht f├╝r verr├╝ckt h├Ąlt. Halte ich mich selbst f├╝r verr├╝ckt ? Ja, irgendwie schon.
Wie konnte mir so etwas passieren ? Und ein R├Ątsel bleibt auch weiterhin offen. Wie kann ich mit meinem Auto am Meer gewesen sein, ohne dass mein Kilometerz├Ąhler sich ger├╝hrt hat ?
Aber ich will mich heute nicht mehr wundern. Ich schmei├če die sandige Jeans, die ich im Bad finde in die Waschmaschine und rufe Rita an. \"Hey\", sage ich \"meine Fotos sind fertig. Magst Du sie sehen ?\"
\"Ja gerne,\" antwortet sie \"willst Du gleich vorbeikommen ?\" Wir verabreden uns f├╝r 21.00 Uhr.
Mir bleibt zum Ausschm├╝cken meines Tages am Meer noch eine halbe Stunde. Ich schlage meinen Auto-Atlas auf, um mir ein kleines, hoffentlich relativ unbekanntes St├╝ckchen K├╝ste zu suchen, an dem ich Dienstag gewesen sein k├Ânnte, ohne es zu bemerken.

***

Ich freu mich ├╝ber Kritik und Anregungen!

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Liebe C├Ącilie,

eine tolle Idee hast Du in dieser Geschichte umgesetzt, obwohl es Dir vielleicht einige Leser ├╝belnehmen werden, da├č die L├Âsung fehlt - mir pers├Ânlich macht das nichts aus, im Gegenteil.

Insgesamt neigst Du aber ein wenig zum - verzeih - Drumherumreden. Die immer Verwunderung der Erz├Ąhlerin z.B. mu├č nicht immer wieder erw├Ąhnt werden, die ergibt sich aus der Situation selbst. F├╝r mein Gef├╝hl dauert es auch zu lange, bis sie sich endg├╝ltig entschlie├čt, dem R├Ątsel auf den Grund zu gehen.

Ich habe den Text z.T. mal durchlektoriert. Bei den Szenen am Meer habe ich dann aufgeh├Ârt, weil es da f├╝r mein Gef├╝hl nichts zu ├Ąndern gibt; sie gefallen mir sehr gut, sind sch├Ân und stimmmungsvoll erz├Ąhlt.

Ein Tag am Meer

Es ist etwas passiert, was ich nicht verstehe.
Gestern noch war die Welt vollkommen in Ordnung, doch heute frage ich mich, ob ich langsam anfange zu spinnen.
Aber ich sollte von vorne beginnen, und so versuchen, etwas Licht in das Dunkel der vergangenen Tage zu bringen. (Klassischer Aufh├Ąnger ÔÇô kann man streichen)

Ich habe seit Montag frei, heute ist Donnerstag.
Und wenn eines klar war, dann dass ich ein paar dieser freien Tage am Meer verbringen wollte. Das zumindest hatte ich mir am Montag fr├╝h vorgenommen. Und das war auch der Grund, warum ich am Montag Nachmittag noch schnell den l├Ąngst f├Ąlligen ├ľlwechsel am Auto in Angriff genommen hatte - und daher auch genau wusste, dass mein Kilometerz├Ąhler bei stolzen 300.056 km stand. Als eingefleischte Do-it-yourself-Frau erledigte ich solcherlei Dinge nicht nur selbst, sondern f├╝hrte auch sorgf├Ąltig Buch dar├╝ber.

Aber dann kommt dieses Loch, dessen ich mir erst heute bewusst geworden bin.

Ich ging also Montag Abend schlafen mit dem festen Vorsatz, Dienstag in aller Fr├╝he ans Meer zu fahren.
Als ich am fr├╝hen Morgen erwachte, fielen mir allerdings tausend Dinge ein, die in jedem Fall noch vorher zu erledigen waren.
Also verschob ich meinen Ausflug, erledigte tausend Dinge (gut!) und besuchte abends meine Freundin Rita, mit der ich schon sehr lange nicht mehr gesprochen zu haben glaubte.
Was ich seltsam fand war ihre Begr├╝├čung "Na, schon wieder da?"
Ich schob es auf die Tatsache, dass ich mich lange Zeit nicht hatte blicken lassen, dachte an ihre feine Ironie, die sie bestens anzubringen wei├č, und antwortete nur "Wurde ja wohl mal wieder Zeit." Ihren daraufhin etwas r├Ątselhaften und erstaunten Blick ignorierte ich.
Wir redeten fast die ganze Nacht hindurch. Es war fast 4.00 Uhr fr├╝h als ich mich verabschiedete. "Ich muss wohl mal los," sagte ich ihr. "Schlie├člich wollte ich eigentlich heute fr├╝h ans Meer fahren. Aber nun werd ich wohl erst gegen Mittag loskommen." (Finde ich merkw├╝rdig, dass sie ├╝ber diese Sache nicht schon fr├╝her reden, wenn sie die ganze Nacht hindurch reden!)
Rita starrte mich entgeistert an und fragte "Warum bist Du dann erst wieder zur├╝ckgekommen?"
"Wie? Zur├╝ckgekommen?" fragte ich. "Na ja" entgegnete sie,"Du warst doch gerade erst am Meer".
Ich fragte mich ernsthaft, was sie unter gerade erst verstand. Schlie├člich lag mein letzter Aufenthalt an der K├╝ste bereits mehrere Wochen zur├╝ck. Als ich sie vorsichtig (warum vorsichtig?) darauf hinwies, fing sie an zu lachen. \"Meine Liebe\" sagte sie \"Du bist wohl etwas verwirrt. Was ist denn mit Dienstag ? Z├Ąhlst du deinen Tagesausflug nicht mit ?\"
Ich gebe zu, dass ich mich in diesem Moment tats├Ąchlich etwas verwirrt f├╝hlte.
\"Was soll mit Dienstag sein?\" fragte ich \"Gestern hab ich noch alles m├Âgliche erledigt, um morgen - na ja, nachher - starten zu k├Ânnen.\"
\"Willst Du mich verarschen ?\" Rita sah mich an, als zweifele sie an meinem Verstand. \"Du warst doch Dienstag am Meer und hast mich sogar noch von dort aus angerufen, um mir anzuk├╝ndigen, dass du demn├Ąchst vorbeikommen w├╝rdest.\"
Nun war ich vollkommen perplex. Was redete meine Freundin da f├╝r ein Zeug ? Wer war hier jetzt verwirrt ? Doch wohl nicht ich, sondern eher sie. Immerhin, es war Mittwoch, nach 4.00 Uhr fr├╝h und wirklich Zeit, sich schlafen zu legen. \"Ach wei├čt Du was\", sagte ich \"ich bin ziemlich m├╝de. Ich glaube es wird Zeit, dass ich verschwinde. Ich ruf Dich morgen noch mal an.\" Das stimmte zwar nicht, ich war das Gegenteil von m├╝de nach dieser komischen Unterhaltung, aber mir viel nichts besseres ein. Und vielleicht musste ich ja wirklich erst mal meine Gedanken sortieren.
Irgendwie wirkte sie merkw├╝rdig distanziert, als sie mich zur Haust├╝r begleitete. Ich schob es auf Ihren momentanen Stress bei der Arbeit und machte mich auf den kurzen Weg nach Hause. Dort stellte ich erfreut fest, dass die Tageszeitung bereits im Briefkasten lag.
Ich war noch ziemlich aufgedreht. Also kochte ich mir eine Kanne Kaffee und beschloss, den Mittwoch mit einer ausf├╝hrlichen Nachrichtenlekt├╝re zu beginnen. Schlie├člich hatte ich frei und es war egal, ob ich heute fr├╝h oder heute Mittag ans Meer fahren w├╝rde.
(Finde ich auch nicht ganz schl├╝ssig ÔÇô erst will sie unbedingt weg, und dann findet sie immer andere Gr├╝nde, es aufzuschieben? Warum sagst Du nicht besser gleich, dass sie unsicher geworden ist und auf das Datum gucken will? Das w├╝rde auch erkl├Ąren, dass ihr Blick dann gleich auf das Datum f├Ąllt ÔÇô ein normaler Zeitungsleser guckt n├Ąmlich kaum auf das Datum.)
Dann jedoch, bei dem ersten genaueren Blick auf die Zeitung, packte mich ein leichtes Fr├Âsteln.
Die Zeitung war datiert mit Donnerstag, 9. Mai. Das war nun v├Âllig unm├Âglich. Heute war Mittwoch!
Am Montag hatte ich beschlossen, ans Meer zu fahren. Am Dienstag dann tausend Kleinigkeiten erledigt und abends Rita besucht. Und jetzt, heute fr├╝h, musste demnach Mittwoch sein!
Nach dem ersten Erschrecken musste ich lachen ├╝ber dieses offensichtlichen Druckfehler. (Diese Selbstsicherheit, mit der sie den Fehler gleich bei der Zeitung vermutet, nehme ich ihr auch nicht ganz ab nach dem Vorangegangenen!) Einen Tag zu verwechseln, wie peinlich. Aber w├Ąhrend ich noch so vor mich hin kicherte sprang mein Radiowecker an. Und der Moderator k├╝ndete f├╝r den heutigen Donnerstag allen Zuh├Ârern blauen Himmel, wei├če W├Âlkchen und ├╝berhaupt sonniges Wetter an.
F├╝r den heutigen Donnerstag ? Ja spinnen die denn alle ? Jetzt wunderte ich mich doch sehr. Konnte es tats├Ąchlich sein, dass sich nicht nur meine Dorfzeitung sondern auch ein Radiosender im Datum t├Ąuschte ? Oder sollte tats├Ąchlich Donnerstag sein ?
Aber das war v├Âllig unm├Âglich. Schlie├člich wusste ich genau, wie ich die letzten Tage verbracht hatte.
Nur zur Vorsicht schaltete ich nun auch noch den Fernseher ein. Jedoch auch dort wurden gerade die Fr├╝hnachrichten f├╝r Donnerstag, den 9. Mai verlesen.
Jetzt wurde ich unruhig. (Das mu├č nicht immer wieder kommen, unruhig und verwundert ist sie doch schon die ganze Zeit!) Sollte ich einen kompletten Tag verschlafen haben ? Anders konnte ich mir dies nicht erkl├Ąren.
Oder war das alles nur ein sehr kurioser Traum, aus dem ich gleich erwachen w├╝rde ?
Ich beschloss keinen Kaffee mehr zu trinken, sondern mich sofort schlafen zu legen. Und ich hoffte auf ein Erwachen am Mittwoch Mittag, das alles wieder ins rechte Licht r├╝cken w├╝rde.

Das n├Ąchste, was ich wahrnahm, war das L├Ąuten meines Telefons. Ich rappelte mich hoch, griff nach dem H├Ârer, und h├Ârte am anderen Ende der Leitung Ritas Stimme. Sie bedankte sich f├╝r die Postkarte, die ich ihr geschrieben hatte. \"Moment mal,\" stoppte ich ihren Redefluss \"ich bin noch etwas schl├Ąfrig. Von was f├╝r einer Postkarte sprichst Du?\"
Ich sah auf die Uhr und stellte fest, dass ich erst 5 1/2 Stunden geschlafen hatte. Es war halb elf. \"Na, die Postkarte vom Meer, bist Du immer noch nicht wieder beieinander?\" kicherte Rita, \"Du kamst mir gestern - na ja oder eher heute fr├╝h - auch schon so verwirrt vor.\" \"Hey\" sagte ich, \"es ist gerade mal 5 ┬Ż Stunden her, seit ich mich hingelegt habe. Ich bin noch etwas m├╝de. Aber nicht verwirrt, bitte!\"
Aber ganz sicher war ich mir nicht. Was war blo├č los hier ? Postkarte, Meer ?
Und sofort fiel mir auch wieder diese komische Verwechslung der Wochentage in der Zeitung, im Radio und sogar im Fernseher ein. \"Sag mal\" fragte ich vorsichtig, \"Welcher Tag ist heute ?\" \"Na Donnerstag nat├╝rlich\" kam die prompte Antwort. \"Was ist los mit dir ? Erst kannst du dich nicht an deinen Tagesausflug ans Meer erinnern, und jetzt fragst du mich, welcher Tag heute ist. Ist alles okay mit Dir ?\" Ich war fassungslos und wusste im Moment keine rechte Antwort.
\"Ja,\" brummelte ich dann, \"es ist alles okay, ich bin wohl noch nicht ganz wach. Donnerstag, ja.\"
\"Wo warst Du denn nun eigentlich?\" fragte Rita weiter, \"die Karte ist wundersch├Ân, aber ich kann den Poststempel nicht entziffern.\" (Hier frage ich mich wieder, warum sie nicht schon bei dem Gespr├Ąch fr├╝her gefragt hat, wo ihre Freundin genau gewesen ist; w├Ąre das nicht das Nat├╝rlichste gewesen?) Meine Gedanken rotierten, aber ich konnte mit Ritas Worten einfach nichts anfangen. So sehr ich mich bem├╝hte, nichts von dem was sie sagte l├Âste den Knoten, der sich offensichtlich in meinem Ged├Ąchtnis befand.
\"Rita,\" fl├╝sterte ich vorsichtig, \"Ich wei├č nicht genau was Du meinst. Noch mal, von was f├╝r einer Postkarte sprichst du ?\"
\"Na von der, die ich heute fr├╝h von Dir bekommen habe. Nun mach doch nicht so ein Geheimnis daraus, was soll das denn?\"

Ich f├╝hlte mich wie vor den Kopf geschlagen. Von was verdammt noch mal sprach meine Freundin ? (Die Verwunderung mu├č nicht immer wieder betont werden ÔÇô die ergibt sich ja aus dem Gespr├Ąch!)
Ich hatte keine Ahnung, wie ich diesem Gespr├Ąch eine andere Richtung geben sollte. Aber ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Soviel war sicher. Also antwortete ich recht knapp, redete mich mit meiner M├╝digkeit heraus und versprach, mich sp├Ąter noch einmal zu melden.

Allerdings war ich kein bisschen m├╝de mehr. Ich sa├č senkrecht im Bett und f├╝hlte mich v├Âllig durcheinandergewirbelt.
Soweit also die Vorgeschichte.

Und jetzt zerbreche ich mir den Kopf dar├╝ber, wer hier spinnt, Rita oder ich, die Zeitung, das Radio, die Fernseh-Fuzzis, oder vielleicht wir alle ?

Ich fange noch einmal von vorne an mit meinen ├ťberlegungen.
Okay, am Montag hab ich beschlossen ans Meer zu fahren. Am n├Ąchsten Tag hab ich Kleinigkeiten erledigt. Das muss Dienstag gewesen sein. Und abends hab ich mich mit Rita getroffen und bis zum fr├╝hen Morgen - also Mittwoch - geredet. Aber wenn dieser fr├╝he Morgen nun Donnerstag gewesen ist - und das scheint offensichtlich der Fall zu sein - dann muss ich wohl die Kleinigkeiten am Mittwoch erledigt haben. Was aber war dann am Dienstag ? Kann ein ganzer Tag verflossen sein, ohne dass ich es bemerkt haben sollte ? Und woher hat Rita von mir eine Postkarte bekommen, wenn ich doch die ganze Zeit hier war ? Oder, wenn ich nicht hier war, wo war ich dann gewesen ? Und warum kann ich mich nicht daran erinnern ?
Mir schwirrt der Kopf.
(Der ganze Absatz kann entfallen, das wei├č der Leser alles schon!)

Da die Sonne scheint, beschlie├če ich, mich auf meinen Balkon zu verziehen, und dort weiter nachzudenken. Ger├╝stet mit einer Flasche Mineralwasser und Sonnencreme lasse ich mich in meinen Liegestuhl fallen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich f├╝hle mich gleich schon ein bisschen besser. Ich strecke mich gen├╝sslich aus, schlie├če die Augen und frage mich: Also, was war Dienstag, was war Dienstag ?

So weit erst mal. Im weiteren Text ist mir dann nur noch aufgefallen, da├č sie anscheinend ohne Schuhe ans Meer gefahren ist - das kann ich nicht glauben, so was tut doch kein vern├╝nftiger Mensch. Es hat in der Geschichte selbst ja auch keine Funktion, soweit ich erkennen kann.

Liebe Gr├╝├če,
Zefira

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C├Ącilie
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Liebe Zefira,

ganz herzlichen Dank f├╝r Deine ausf├╝hrlichen und kritischen Hinweise.
Mit der h├Ąufigen Wiederholung der Verwunderung Verenas hatte ich darstellen wollen, da├č sie einfach nicht begreifen kann, was passiert ist. Anfangs ist sie sehr sicher, da├č ihre Freundin spinnt. Aber nach und nach w├Ąchst ihre Verunsicherung, bis sie sich schlie├člich den offensichtlichen "Tatsachen" f├╝gt, ohne sie aber wirklich nachvollziehen zu k├Ânnen.
Das ist mir wohl nicht so gut gelungen und wirkt insgesamt ├╝bertrieben.
Ich werde die Geschichte nochmal ├╝berarbeiten und auch versuchen, die "Unstimmigkeiten" zu beseitigen.
L├Âsen werde ich das R├Ątsel aber auch in der ├ťberarbeitung nicht - ich mag Geschichten mit offenem Ende, die man mit der eigener Phantasie "weiterspinnen" kann.

Also nochmals vielen Dank und liebe Gr├╝├če
C├Ącilie

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