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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Ein Tag in meiner Kindheit
Eingestellt am 05. 03. 2004 17:38


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Franziska
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2004

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Ein Tag in meiner Kindheit

Der Wecker schrillte laut und vernehmbar. Es war so einer, der an die gute alte Zeit erinnerte. Doch nur vom Design her ÔÇô mit zwei Schellen links und rechts, die der Schl├Ągel in der Mitte abwechselnd traktierte und einen H├Âllenl├Ąrm machte. Ich hatte ihn mir selbst rausgesucht, da ich ein Faible f├╝r alte Sachen habe. Au├čerdem werde ich morgens immer so schlecht wach, so dass mir dieser Krach gerade entgegenkam. Die Farbe: orange, wie es in den 70er-Jahren so ├╝blich war.
Ich qu├Ąlte mich aus dem Bett und war froh, dass ich meinen Traum noch nicht in die Tat umgesetzt hatte und mir den Weg zum Waschbecken mit Weckern gepflastert hatte, von denen einer nach dem andern im Abstand von 2 Minuten losging; oder war es eher ein Albtraum?
W├Ąhrend ich mir die Z├Ąhne putzte, h├Ârte ich meine Katze vor der Haust├╝r miauen. Da mein Zimmer sich direkt neben der Haust├╝r befand, konnte ich sie gut h├Âren. Micky kam jeden Morgen und wollte noch mit mir schmusen, bevor ich das Haus verlie├č. In den Ferien ging das ja. Aber w├Ąhrend der Schulzeit? ÔÇô Die Versuchung war gro├č, und oft erlag ich ihr auch, was ich hinterher aber immer umso bitterer b├╝├čen musste...
Nun, ich lie├č sie rein. Sie strich um meine F├╝├če und versuchte, mich zu verf├╝hren. Aber diesmal blieb ich stark. Zu viel Zeit hatte ich vertr├Ąumt zwischen dem Klingeln des Weckers, bis ich es dann endlich aus dem Bett geschafft hatte. Ich sah Mickys Augen, die mich anbettelten. Sie waren noch ganz gro├č, gr├╝n und leuchtend von der Nacht. ÔÇô Ob sie wohl gute Beute gemacht hatte? Ich w├╝nschte es ihr.

Der Weg zur Schule gestaltete sich wie immer m├╝hsam. Es war ein grauer, verregneter Morgen. Ich musste vorbei am Kindergarten und dem Haus unseres Rektors, was mich immer in eine besonders missmutige Stimmung versetzte, seit ich ihn in Mathe hatte. Eigentlich war ich ja froh, dass ich es vom B-Kurs in den A-Kurs geschafft hatte, denn das wurde ja im Zeugnis vermerkt. Und da im A-Kurs die besseren Sch├╝ler waren, war ich schon stolz auf meinen Erfolg. Doch der Rektor war ein strenger Mann, und man wusste nie richtig, woran man bei ihm war.
Heute hatte ich ihn wieder. 3. Stunde. Von der letzten Mathe-Stunde hatte ich wenig mitbekommen. Er hatte alles so kompliziert erkl├Ąrt. Und da Mathematik mir sowieso nicht lag, hatte ich abgeschaltet. Hoffentlich w├╝rde es heute besser werden...

In der Schule angekommen, wurde ich erst einmal begutachtet. Ich hatte meine neuen Jeans angezogen, die meine Mutter das erste Mal gewaschen hatte. Die waren so steif gewesen, als wir sie in die Waschmaschine ger├Ąumt hatten, dass es schon fast eine Kunst war, sie zusammenzudr├╝cken. Ich hatte mich gefragt, ob das bei Jeans immer so ist. Schlie├člich waren es meine ersten Jeans, und ich hatte keinerlei Erfahrung mit dem Waschen solcher Art von Hosen... Aber schlie├člich hatten meine Schulkameraden ja auch alle Jeans. Da musste es ja irgendwie gehen. ÔÇô Doch die Hose war nach der W├Ąsche voller Streifen an den Stellen, wo der Stoff geknickt worden war.
Und jetzt fragten alle, was das denn w├Ąre und wie ich das denn hinbekommen h├Ątte! War das schlimm? Sah das irgendwie komisch aus? ÔÇô Wohl schon, sonst w├╝rden sie nicht alle fragen... Ich versuchte mich zu drehen und zu winden, doch sie lie├čen nicht locker. Und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte doch gar nichts Besonderes gemacht! ÔÇô Zum Gl├╝ck k├╝ndigte die Schulglocke den Unterrichtsbeginn an.

Die beiden ersten Stunden vergingen ganz ordentlich. Deutsch und Englisch; das konnte ich. Jetzt kam Mathe. Der ganze A-Kurs war au├čer Rand und Band. Viele wollten den Lehrer endlich fertig machen, der uns so striezte. ÔÇô Als er ins Klassenzimmer trat, flogen Papierk├╝gelchen durch die Luft, und die Stimmung war aufgeheizt. Seine Miene erstarrte und seine Stimme hatte einen eisigen Ton: ÔÇ×Bitte alle auf die Pl├Ątze, die B├╝cher in die Taschen!ÔÇť Erlaubt war lediglich ein Stift und ein wei├čes Blatt Papier auf dem Tisch: Kurztest!
Die Stimmung, die gerade so aufgeheizt war, sank auf Null. Der Rektor diktierte: ÔÇ×Der Satz des PythagorasÔÇť. Wir warteten darauf, dass er fortfuhr. Doch es kam nichts! Er machte uns begreiflich, dass dies die Frage war, um die es in diesem Kurztest ginge. Wir sollten den Satz des Pythagoras aufschreiben. Das war alles! Sonst nichts!
Es war totenstill im Raum. Ich sa├č stumm und bedr├╝ckt vor meinem Blatt Papier, keine Ahnung habend, was ich denn schreiben sollte au├čer dieser ├ťberschrift, die mir absolut nichts sagte. Doch, ich konnte mich erinnern, dass er irgendetwas erz├Ąhlt hatte von diesem Satz des Pythagoras. Aber was es damit auf sich hatte, und wie er hie├č? ÔÇô Fehlanzeige! ÔÇô Ich beobachtete meine Kommilitonen. Jeder starrte auf sein Blatt, das vor ihm lag.
Nach 5 Minuten war der Spuk vor├╝ber: die Bl├Ątter sollten abgegeben werden. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass der ganze Kurztest aus dieser einzigen Frage bestehen sollte. Doch der Unterricht nahm nun seinen gewohnten Gang. Diesmal passte ich auf. Ein solches Erlebnis wollte ich nicht noch einmal haben. F├╝r das n├Ąchste Mal wollte ich gewappnet sein. Ich schrieb soviel mit, wie ich nur konnte. Am Nachmittag wollte ich mir Zeit nehmen, ├╝ber all das noch einmal gr├╝ndlich nachzudenken. Es war mir klar, dass das eine Sechs war, was ich da gerade fabriziert hatte. - Ob es die anderen gewusst hatten, was gefragt war?
Die nachfolgenden Stunden gingen an mir vorbei, ohne dass ich noch viel mitbekommen h├Ątte. Wir hatten noch Religion und Zeichnen, was auch nicht besonders viel Konzentration verlangte.

Der Nachmittag verging wie im Flug. Nach dem Essen sollte ich noch helfen, das Geschirr abzutrocknen. Und da ich diese Arbeit aus tiefstem Herzen hasste, dauerte sie auch immer besonders lange. Oft nutzte ich die Gelegenheit, die Toilette aufzusuchen in der Hoffnung, dass meine Mutter, bis ich zur├╝ckkam, so viel gesp├╝lt hatte, dass auf der Sp├╝le kein Platz mehr war und selber wenigstens einen Teil abgetrocknet h├Ątte. Leider ging diese Rechnung selten auf...
Nach dem Sp├╝len versuchte ich, so schnell wie m├Âglich, die Hausaufgaben hinter mich zu bringen, denn um halb 4 hatte sich meine Freundin Ute angemeldet, die mit mir in der gleichen Klasse war. F├╝r Mathe reichte die Zeit nicht mehr. Zumindest f├╝r den Satz des Pythagoras. Und au├čerdem hatten wir sowieso Hausaufgaben aufbekommen in Mathe. Das musste reichen. Der Pythagoras war ja sowieso vorbei. Und den Rest vertiefen ÔÇô vielleicht konnte mir mein Vater am Abend helfen?
Ute war, wie ich, eine Au├čenseiterin in unserer Klasse. Nicht besonders begabt, genau wie ich. Au├čerdem hatte sie auch 5 Geschwister, nur dass sie die J├╝ngste, ich dagegen die ├älteste war. ÔÇô Wir spielten ein bisschen mit Micky und hatten uns viel zu erz├Ąhlen. Die Zeit mit ihr verging rasant. Oft beobachteten wir auch ihren Vater, der in der Kistenfabrik arbeitete, die sich hinter unserem Haus befand. Manchmal war er im Freien zu sehen, so auch heute.

Beim Abendessen gab es Krach, weil einer meiner j├╝ngeren Br├╝der mal wieder etwas ausgefressen hatte. Ich war froh, dass ich nicht beteiligt war, denn mein Vater konnte sehr unangenehm werden. So verzog ich mich sofort nach dem Abendessen mit einem Buch in mein Zimmer. F├╝r heute konnte ich von meinem Vater wohl keine Nachhilfestunden mehr erwarten.

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Alexander Rahm
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2004

Werke: 5
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Hallo Franziska!

Sicherlich sind es nicht die "gro├čen Dinge", die Du in Deiner Skizze beschreibst - man erf├Ąhrt nicht, warum der Mensch sterben muss, ob Gott gut ist oder ob es ein Ding-An-Sich gibt. Aber den Alltag - in Deinem Fall: den Sch├╝leralltag - beschreibst Du mit einer bemerkenswerten stoischen Ruhe. Das erfordert sicherlich Geduld, die viele Leser nicht haben (wollen), mindert allerdings nicht die Qualit├Ąt Deiner Beobachtungen.
Ich habe es jedenfalls gerne gelesen und mich an meine Schulzeit zur├╝ckerinnert.

Gute Nacht,
Alexander
__________________
www.alexanderrahm.de

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