Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87780
Momentan online:
321 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ein Tag wie jeder andere
Eingestellt am 06. 01. 2003 16:49


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
kevin3
Hobbydichter
Registriert: Jan 2003

Werke: 5
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Ein Tag wie jeder andere 6.12.2001

1

Es war kĂŒhl hier oben, auf dem Dach des sechsstöckigen Hochhauses, in dem Dennis mit seiner Familie lebte. Ein leichter Wind ging. Dunkle Wolken verdeckten die abendliche Sonne. Es roch nach Regen. Dennis stand am GelĂ€nder und betrachte den leeren Hinterhof unter ihm. Nur ein paar
MĂŒlltonnen, sonst Nichts. Obwohl er eine dicke Jacke trug, fror er. Seine HĂ€nde umklammerten fest das GelĂ€nder. Es war Donnerstag, der 5. November. Ein Tag wie jeder andere. So beschissen wie jeder andere, und so sinnlos wie jeder andere zuvor. Nur mit einem Unterschied. Einem gewaltigen. Es wĂŒrde
der letzte sein. Nicht fĂŒr diese lĂ€ngst verlorene Welt, sondern fĂŒr ihn. Bald wĂŒrde Dennis Geschichte sein. Niemand wĂŒrde ihn vermissen. Bis auf seine Mutter. Sie war der einzigste Mensch der ihm etwas bedeutete. Sie wĂŒrde um ihn trauern, jeden Tag sein Grab besuchen, bis sie selbst auf dem Friedhof liegen wĂŒrde. Dennis bekam ein schlechtes Gewissen.
Er wĂŒrde ihr weh tun. Sie tief verletzen. Aber es ging nicht anders. Er konnte nicht mehr.
Dies wĂŒrde sein letzter Tag auf dieser Erde sein. EndgĂŒltig. Unwiderruflich.
Aus seiner Hosentasche holte er eine Packung Lucky Strike heraus, und ein Feuerzeug. Er rauchte seit drei Jahren. Erst eine Kippe am Tag, mittlerweile waren es fast zwei Schachteln. Er hatte einmal versucht aufzuhören, aber es machte nicht viel Sinn. Schon damals, vor einem knappen Jahr, wusste er, das er bald sterben wĂŒrde. Er wĂŒrde dem Krebs zuvorkommen. Er holte eine Zigarette aus der Schachtel und zĂŒndete sie sich an. Dann steckte er die Schachtel wieder zurĂŒck in die Hosentasche. Er schaute sich die Kippe eine Zeitlang an.Es wĂŒrde seine letzte sein. Seine Gedanken schweiften ab.

2


Dieser Tag hatte begonnen wie jeder andere. Morgens um sechs Uhr war er mĂŒhsam aufgestanden. Er hatte die Nacht davor schlecht geschlafen. Er hatte geduscht und sich seine besten Klamotten angezogen. Er machte sich seine Haare ( was ihm heute sinnlos vorkam) und packte seinen Schulranzen.
Als nĂ€chstes machte er seine Stereoanlage an. Harter Gitarrensound dröhnte aus den Boxen. Es war Master of Puppets von Metallica. Eins seiner Lieblingslieder. Er hatte die CD zu seinem Geburtstag, von seiner Mutter, bekommen. Es war nicht all zu lange her, aber es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Beim Gedanken daran traten TrĂ€nen in seine Augen. Es war vielleicht nicht das teuerste Geschenk, das er je bekommen hatte, aber es war das schönste, und das, was ihm am meisten gefreut hatte. Er erinnerte sich wie glĂŒcklich er an jenem Tag war. Damals hatte er das GefĂŒhl gehabt, es wĂŒrde sich alles zum Guten wenden. Er wĂŒrde es schaffen, sich verĂ€ndern. Damals.
Dennis fing an zu weinen. Warme TrĂ€nen flossen an seinen Wangen herunter und sammelten sich an seinem Kinn. Er steckte sich noch eine Kippe an und verlies dann die Wohnung. Bis zur Bushaltestelle brauchte er eine knappe Viertelstunde. Er lies sich Zeit. Sonst brauchte er nur zehn Minuten. Aber was spielte es fĂŒr eine Rolle, ob er den Bus verpasste, oder nicht. Im Grunde genommen war es scheißegal. Dennis war aber noch rechtseitig da. Der Bus kam spĂ€ter als sonst. Viele kleine Gruppen standen an der
Haltestelle.
Ein paar kleinere Kinder, und Jugendliche ungefĂ€hr in seinem Alter. Sie beachteten ihn nicht. Das hatten sie noch nie getan. Dennis blieb allein fĂŒr sich.
Er war froh, wenn man ihn in Ruhe lies. Das war an diesem Morgen zum GlĂŒck der Fall. Manchmal machten ihn welche an, oder nahmen ihm sogar sein Geld weg. Heute schienen sie noch nicht einmal zu bemerken, dass er anwesend war.
Die Schule war ein weiterer Ort der Erniedrigung fĂŒr Dennis. Er hasste die Schule seit dem ersten Tag. Er ging auf eine Realschule ganz in der NĂ€he seines Hauses. Mit dem Bus war er in zwanzig Minuten da. Als er die TĂŒr zu seinem Klassenzimmer öffnete, begrĂŒĂŸte ihn Tom, einer seiner Klassenkammeraden.
>> Na, Schwuchtel. Wie geht’s? << Rief er. Ein paar MĂ€dchen, die in der NĂ€he standen, fingen an zu kichern.
>> Lass mich in Frieden, << sagte Dennis und versuchte so gelassen wie möglich zu klingen. Tom ging auf ihn zu. Er war mindestens einen Kopf grĂ¶ĂŸer als Dennis und hatte ein verdammt breites Kreuz. Er packte Dennis am Kragen seiner Jacke und drĂŒckte ihn gegen die Wand.
>> Willst du mir sagen was ich zu machen habe, kleiner Scheißer. Willst du das? << Fragte er und drĂŒckte noch fester zu. Dennis brachte kein Wort heraus. Seine Knie zitterten.
Es klingelte und der Lehrer kam ins Klassenzimmer.Tom lies ihn los.
Der Lehrer, Herr MĂŒller, war ein alter, gebrochener Mann, der auf seine Pension wartete, und der die letzten zwei Jahre seiner Karriere keinen Ärger mehr bekommen wollte. Er tat so, als hĂ€tte er nichts gesehen. Dennis atmete tief durch und ging dann zu seinem Platz in der letzten Reihe. Sofort wurde es still.
>> Guten Morgen, << sagte Herr MĂŒller und öffnete seinen Aktenkoffer.
Von draußen hĂ€mmerte der Regen gegen die Fensterscheiben.
Der Unterricht war langweilig, und zu schwer fĂŒr Dennis. Er kam nicht mit.
Genau genommen war er noch nie mitgekommen, aber damals hatte er sich wenigstens bemĂŒht. Zum GlĂŒck hatten sie heute nur fĂŒnf Stunden.
In der letzten Stunde hatten sie Englisch. Das langweiligste Fach von allen.
Zehn Minuten, bevor es klingeln wĂŒrde und er dieses verfluchte GebĂ€ude nicht mehr betreten musste, meldete er sich und fragte, ob er auf die Toilette gehen dĂŒrfe. Frau Ronnstein willigte ein. Dennis schritt mitten durch den Klassenraum, vorbei an kicherten MĂ€dchen, die nach seiner Meinung alle als heroinsĂŒchtige Nutten enden wĂŒrden, und hasserfĂŒllten Blicken von Vollidioten. Einer versuchte ihm sogar das Bein zustellen.
Aber lĂ€ssig stieg Dennis drĂŒber. Heute nicht, dachte er und verlies die Klasse. Der Flur war nur schwach beleuchtet und verlassen. Es passte zu Dennis Stimmung. Langsam schlenderte er weiter. Die Toiletten waren in der untersten Etage. Überall lagen ausgetretene Zigarettenstummeln auf dem Boden. An den WĂ€nden waren Graffitis. Es stank fĂŒrchterlich nach pisse. Hier war Dennis oft zusammengeschlagen worden. Meist waren sie mit zu viert oder zu fĂŒnft auf ihn zugekommen. Zwei hatten seine Arme festgehalten, einer passte auf, dass sie nicht gesehen wurden und einer schlug auf ihn ein. Manchmal, weil sie Geld wollten, oder aber einfach nur so zum Spaß, wenn sie sich abreagieren wollten, wenn sie schlechte Noten geschrieben hatten. Scheiße, wie er dieser Wichser hasste! Es waren meist Ältere und er hatte keine Chance sich irgendwie zu wehren. WĂ€re er zu einem Lehrer gegangen, wĂ€re alles nur noch schlimmer geworden, vielleicht hĂ€tten sie ihn sogar umgebracht. Außerdem machten die Lehrer nichts. Sie hatten selber Angst. Es kam fast jede Woche vor, dass ein Lehrer geschlagen oder mit einer Waffe bedroht wurde. Dennis versuchte an was anderes zu denken und steckte sich eine Zigarette an. Er hatte noch nie in der Schule geraucht.
Aber heute wĂŒrde es keine Rolle spielen, ob er erwischt wurde oder nicht.
Plötzlich sah er Lisa vor seinem geistigen Auge. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen. Es war seine erste große Liebe gewesen. Sie hatte langes, braunes Haar gehabt und noch lĂ€ngere Beine. Aber sie war letzten Sommer weggezogen. Raus aus Berlin. Irgendwo aufs Land. Sie war so was wie eine Freundin fĂŒr Dennis gewesen. Sie hatte gesagt sie wĂŒrde ihm schreiben, aber das hatte sie nicht getan. Monate hatte Dennis sehnsĂŒchtig auf einen Brief von ihr gewartet, und jeden Tag wurde er enttĂ€uscht. Fahr zur Hölle, dachte er und spĂŒrte das Hass in ihm aufstieg. Das GefĂŒhl des Verlusts, das er verspĂŒrt hatte, war lĂ€ngst verschwunden. Jetzt hatte er nur noch Wut auf sie. Mehr nicht, nur erbitterte Wut. Dennis zog an seiner Zigarette. Er musste zurĂŒck in die Klasse. Es wĂŒrde bald klingeln. Also warf er die Kippe weg und beeilte sich.
Gerade als er angekommen war und er die TĂŒr öffnete lĂ€utete es. Er packte schnell seine Sachen zusammen und folgte dann den anderen SchĂŒlern aus dem GebĂ€ude. So ging sein letzter Schultag zu Ende. Es hatte mittlerweile aufgehört zu regnen, es nieselte nur noch
Ein bisschen. Um zwei Uhr kam Dennis nach Hause.
Es war still. VerdÀchtig still. Der Fernseher ( der normal immer lief) war nicht eingeschaltet. Im Flur blieb er bei einem Bild stehen. Es stach jedem Besucher
Sofort ins Auge. Es war grĂ¶ĂŸer als die anderen GemĂ€lde und war alles andere
Als farbenfroh. Es entsprach normalerweise nicht dem Stil seiner Mutter.
Dennis fiel auf, dass er zwar unzÀhlige Male an diesem Bild vorbeigegangen
War, es aber noch nie richtig betrachtet hatte. Es hatte keine Aussage fĂŒr ihn gehabt. Das war in diesem Moment schlagartig anders. Das Bild zeigte eine Reihe von MĂ€nnern, allesamt in MĂ€nteln und mit Hut ( was Dennis darauf schließen lies, das es aus den 20. oder 30. Jahren stammte ), die alle in einer Reihe standen. Ihre Gesichter sah man nicht, weil sie dem Betrachter den RĂŒcken zukehrten. Alle bis auf zwei MĂ€nnern. Der eine schaute zur Seite, und ein Mann hatte sich komplett umgedreht. Mit einem fragenden Gesicht blickte er Dennis jetzt an. Der Hintergrund des GemĂ€ldes war dunkel, wie auch die Kleidung der MĂ€nner. Der erste Gedanke, der Dennis durch den Kopf ging lautete Konzentrationslager.
Und die MĂ€nner erinnerten ihn an die Juden.
Diese MĂ€nner werden, wie die Juden damals, wie LĂ€mmer zur Schlachtbank gefĂŒhrt. Und alle lassen sich ohne Widerstand dorthin fĂŒhren. Manche wissen noch nicht einmal was sie erwarten wird. Wenn sie es wissen, wird es zu spĂ€t sein. Nur die beiden MĂ€nner erkannten die Gefahr, aber zum umkehren war es bereits zu spĂ€t. Genauso erging es ihm, Dennis. Er sah die Gefahr in dieser Welt, die von Medien und falschen Idealen gelenkt wurde. Er hatte so lange wie möglich versucht gegen diesen Strom von Korruption, LĂŒgen und Angst anzuschwimmen, doch er hatte genauso wenig Erfolg damit gehabt, wie der Mann auf dem Bild, der ihn mit traurigen, verĂ€ngstigten Augen anschaute ( Dennis fand mehr, dass er ihn regelrecht anflehte).
Er ging in die KĂŒche, um sich etwas zu Essen zu machen. Im Schrank fand er noch eine TĂŒtensuppe. Im war jetzt nach etwas Warmen. Er setzte Wasser auf und deckte den Tisch. Um sich die Zeit zu vertreiben las er in der Zeitung. Ein kleines MĂ€dchen wurde seit drei Tagen vermisst, eine Rentnerin wurde von einem Kampfhund angegriffen. Nichts neues also. Das Selbe wie jeden Tag. In seinen Augen sammelten sich TrĂ€nen. Seine Kehle fĂŒhlte sich auf einmal wie zugeschnĂŒrt an. Mit MĂŒhe unterdrĂŒckte er seine GefĂŒhle. Wie so oft.
Als die Suppe endlich fertig war, hatte er sich wieder beruhigt. Er hatte Hunger und die Suppe schmeckte relativ gut. Der Begriff Henkersmahlzeit kam ihm in den Sinn. Na und, was soll’s, dachte er sich.
Nachdem er fertig gegessen hatte, ging er ins Wohnzimmer. Noch ein letztes Mal wollte er sich mit der Droge Fernsehen befassen. Im wurde bewusst, wie viel Zeit er mit ihr verschwendet hatte. Beschissenes Geschwafel von Talkshowmoderatoren und gestellte Interviews. Jetzt, wo er darĂŒber nachdachte, mussten es mindestens drei bis vier Stunden am Tag gewesen sein.
An manchen auch mehr. Als er den Fernseher einschaltete wurde er nicht enttĂ€uscht. Wieder eine dieser elenden Talkshows, in denen VerrĂŒckte zu noch verrĂŒckteren Zuschauern sprachen. Einer von diesen Zuschauern war Dennis, aber er war aufgewacht. Er hatte erkannt was es fĂŒr ein Schwachsinn war. FĂŒr einen kurzen Moment war er dafĂŒr dankbar. Er verbrachte die nĂ€chste halbe Stunde auf Coach. Dann wollte er noch einmal die wenigen Freuden des Lebens genießen. Er ging schnellen Schrittes in die Vorratskammer. Der Raum war dunkel und kĂŒhl. WĂŒrste hingen von der Decke runter. Es roch nach FĂ€ulnis. Überall waren Spinnweben. Leichter Ekel ĂŒberkam ihn. In der Vorratskammer bewarten sie auch die GetrĂ€nke auf. Hinter dem Mineralwasserkasten, in der hintersten Ecke, fand Dennis wo nach er suchte. Bier. Er nahm sich zwei Flaschen und ging damit in sein Zimmer. Seine Mutter wĂŒrde ausflippen, wenn sie bemerken wĂŒrde, dass er sich Bier klaute und es auch noch in der Wohnung trank.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch und versuchte seine Mutter aus seinen Gedanken zu verdrÀngen. Er steckte sich eine Zigarette an. Nach dem ersten tiefen Zug musste er husten. Aber das Nikotin beruhigte ihn. Er bemerkte, dass seine HÀnde etwas zitterten.
Jetzt brauchte er noch etwas harte Musik. Also machte seine Anlage an. Die Boxen begannen zu vibrieren. Auf dem Schreibtisch fand er einen Collageblock. Er riss eine, noch unbeschriebene, Seite heraus. Es sollte ein Abschiedsbrief werden. Das Schreiben fiel ihm leicht. Er bedankte sich bei seinen Eltern, weil sie versucht hatten, ihm das Bestmögliche zu bieten. Dies waren die letzten Worte, die er niederschrieb.
Irgendwann am Nachmittag rief seine Mutter an, und sagte ihm, dass sie erst spĂ€ter nach Hause kommen wĂŒrde, weil sie erst noch einkaufen musste.
Von seinem Vater hörte er nichts mehr. Wahrscheinlich wĂŒrde er in einer stinkenden Kneipe abhĂ€ngen und mit den Leuten, die er seine Freunde nannte, Poker spielen. Irgendwann nachts, wĂŒrde er dann nach Hause kommen, stockbesoffen und stinkend.

3

Es war an der Zeit. Jetzt wĂŒrde in nichts mehr aufhalten. Erlösung. Seine HĂ€nde klammerten sich noch fester um das GelĂ€nder. In wenigen Augenblicken wĂŒrde sein Körper zermatscht auf der Straße liegen.
Vielleicht wĂŒrde ihn irgend ein Penner noch in dieser Nacht finden, wahrscheinlicher war aber, das man ihn erst MorgenfrĂŒh fand. Ein Kind aus der Nachbarschaft wĂŒrde die grausige Enddeckung machen. Dennis Augen funkelten, als er daran dachte. Es befriedigte ihn. Aber erst mal musste er es tun. Er musste auf das GelĂ€nder steigen und springen.
Was kommt nach dem Tod? Dieser Gedanke schoss ihn plötzlich durch den Kopf. Gab es einen Gott? Einen Himmel und eine Hölle, und wenn ja, wĂŒrde er in Gottes Reich kommen? Dennis war zwar katholisch, war aber selten in die Kirche gegangen. Meist nur an Weihnachten und Ostern. Scheiß drauf, sagte er sich. Er stieg auf das GelĂ€nder. Wieder musste er an das Bild mit den MĂ€nnern denken, Es gab ihm den nötigen Impuls.
Hitze durchflutete seinen Körper. Er hatte ein kribbelndes GefĂŒhl im Bauch. Der Wind fuhr ihm durchs Haar. Er atmete tief ein und aus. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod, sprang er.
Er schrie nicht. In der Luft breitete er die Arme aus. Er sah aus, wie ein Engel der vom Himmel fiel. Noch bevor er auf dem harten Asphalt aufschlug, war er bewusstlos.





ENDE


__________________
Mein Name ist Zweifel, ist Gier, ist die LĂŒge,
Ich bin auch in dir, sieh wie ich mich vergnĂŒge!
Kleines Hirn, kleiner Geist, dunkle Seele, die nichts weiß.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 277
Kommentare: 8127
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
und,

denkst du, die spatzenhirne, die dennis verhauen hatten, kommen durch seinen freitod zur vernunft? tststs
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

es muss zwar nicht immer ein happy end sein, aber irgendwie mag ich ĂŒberraschende wendungen in der geschichte.
ein bisschen zu lang war sie mir, muss ich gestehen, aber vielleicht ist das einfach meine ungeduld. und ein kleiner tipp von einer rechtschreibfetischistin (obwohl wir schon gelernt haben, dass es völlig uncool ist, das zu sein). Ein bisschen weniger fehler wĂŒrden deinen text noch besser machen. ließ und verließ, z.b. das kommt ziemlich oft vor. man muss ja aber auch beim selbstmord ziemlich viel lassen und verlassen.

die stimmung in dem jungen mann, die verzweiflung und die leere, die hast du gut rĂŒbergebracht. nur manchmal wurde ich ein bisschen rausgerissen, zwischen derber wortwahl kam dann z.b. das wort "toilette". denken jugendliche heute wirklich "toilette"?
20er Jahre, ĂŒbrigens, sonst glaubt man zwanzigstes jahr. und noch was wundert mich. dass sich jemand aus der no-future generation tatsĂ€chlich die frage "was kommt nach dem tod" stellt. in diesem fall ein bissl spĂ€t fĂŒr eine positive antwort.

und dann hĂ€tte mich noch interessiert, wie das gemĂ€lde heißt und von wem es ist.

liebe grĂŒĂŸe
die kaffeehausintellektuelle

Bearbeiten/Löschen    


kevin3
Hobbydichter
Registriert: Jan 2003

Werke: 5
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hi Kaffehausintelektuelle!

Danke fĂŒrs Lesen, mit den Rechtschreibfehlern hast du natĂŒrlich recht.
Zur LĂ€nge: Diese Geschichte ist einer meiner kĂŒrzesten!
Meine lÀngste Kurzgeschichte hat die bescheidene LÀnge von 23 Seiten!

Zum Rest deiner Kritik möchte ich sagen, dass diese Geschichte stark autobiografisch ist, und ja, in meinem Wortschatz kommt das Wort "Toilette" zwischen "Titten" und "Tunte" auch vor!
Und ich wĂŒrde mich mit meinen 17 Jahren auch als Jugendlicher bezeichnen. Oder hast du eine Abneigung gegen diese Gesellschaftsschicht? Und besonders die Frage, was nach dem Tod ist, bewegt mich und bringt mich desöfteren um den Schlaf.

Wie das GemĂ€lde heißt und von wem es ist, weiß ich ĂŒbrigens selbst nicht. Das Bild hat uns mal unsere Lehrerin gezeigt. Übrigens glaube ich auch nicht, dass es sich bei den MĂ€nnern um Juden im 3. Reich handelte, obwohl ich es nicht ausschließen kann.

Freut mich, dass du die Leere und Verzweiflung nachvollziehen konntest!

Gruß Kev3!

@Flammarion

HÀÀÀÀÀÀÀÀ???

Nö, dass denk ich eigentlich nicht!
__________________
Mein Name ist Zweifel, ist Gier, ist die LĂŒge,
Ich bin auch in dir, sieh wie ich mich vergnĂŒge!
Kleines Hirn, kleiner Geist, dunkle Seele, die nichts weiß.

Bearbeiten/Löschen    


Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

Werke: 43
Kommentare: 681
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Das ist die Antwort

Bei dem GemÀlde handelt es sich wohl um Folgendes:

Hier klicken

Richard Oelze: „Die Erwartung“ (von 1935 bzw. 1936). Oelze war ein deutscher Maler, der in Paris lebte. Dieses ist sein berĂŒhmtestes und eines der legendĂ€ren Bilder des zwanzigsten Jahrhunderts. Um Juden handelt es sich gewiss nicht, deren Vernichtung wurde erst ab 1938 bzw. 1941 aktuell. Oelze war auch keiner. Aber das Bild ist natĂŒrlich immer wieder als geniale Vorausahnung kommenden Unheils, des Zweiten Kriegs und der deutschen Katastrophe gedeutet worden. Typisch fĂŒr Oelze sind die beunruhigenden Formen der Pflanzen, sie erinnern an Max Ernst, auch Oelze kann dem Surrealismus zugerechnet werden, wenn er, wie man hier ja sieht, auch von Neuer Sachlichkeit viel noch hatte. Das Bild entstand nach dem Prinzip der Collage, welche zwischen den Kriegen von KĂŒnstlern allenthalben angewandt wurde. Die MĂ€nner sind nach einem eher belanglosen Zeitungsfoto gemalt, das Straßenpublikum bei einem öffentlichen Ereignis zeigte. Vielleicht typisch fĂŒr unseren Autor kevin3 ist, dass er die beiden Frauen auf dem Bild, von denen eine sogar vorn im verlorenen Profil zu sehen ist und mit den roten Blumen einen der wenigen Farbakzente ins Bild bringt, ganz vergessen hat.

Hm, ich fange schon fast an, mir Sorgen zu machen, ob ich kevins „Der nette Mann“ zu lieblos abgeurteilt habe. Jenes ist eine wĂŒste Vergewaltigungs- und Schlachterszene aus dem Keller eines Serienmörders. Unter anderem hatte ich dem Autor verdrĂ€ngte Sexfantasien aus der homosexuell masochistischen Richtung unterstellt. Dass er jung und Horror-Fan war, das war klar, ebenso, dass er Probleme mit der deutschen Orthografie hat. Aber damals wusste ich noch nicht, dass der Schreiber seinerzeit erst siebzehn gewesen ist und nur einen Monat lang (fĂŒr fĂŒnf Werke) hier in der Leselupe zu Gast. Er wird sich doch nichts angetan haben?

Nun, na ja, das glaube ich nicht. WĂ€re aber wohl interessant, ihn mit 25 wiederzutreffen, zu schauen, was aus ihm geworden ist, wie er zurĂŒckschaut auf seine damaligen GefĂŒhle.

Suppe Essen, auf der Couch liegen, Zeitung lesen, fernsehen, mit der Mutter telefonieren, rauchen, Bier trinken... na so stelle ich mir die letzten Stunden eines Suizid-SchĂŒlers nicht vor. Auch dass er, wieder, wie er sagt, zu weinen anfĂ€ngt, weil alles jeden Tag gleich ist, sich dann sofort anstrengt, die TrĂ€nen zu unterdrĂŒcken und normal auszusehen, obwohl ihn keiner sehen kann. Kurz vor dem tödlichen Sprung hĂ€tte er das wohl anders gemacht. Er hĂ€tte wahrscheinlich nicht geweint.

Nee, klingt jetzt vielleicht nicht so, aber dieser Junge hier, von dem der Autor sagt, weithin sei er das selbst, der wuchs mir ziemlich ans Herz beim Lesen. Inklusive seiner RechtschreibschwĂ€che. Ich stelle auch immer wieder mal fest, dass all diese Goth- und Metal- und Horror-Knaben und –MĂ€del meist einen ziemlich butterweichen Kern haben. Dass es eher drum geht, sich gepanzert aufzustellen, weil man in Folge gewisser ungemĂŒtlicher Kindheits- und Jugenderfahrungen nur zu gut weiß, wie schwach man im Grunde ist. Schad irgendwie, dass er weg ist, er mit seinen Metallica (kreisch!) und seinem schwulen Sexkiller („Der nette Mann“) und nicht mehr diskutieren kann mit mir, dem alten Schwulen mit dem Faible fĂŒrs junge GemĂŒse.

Was halt irgendwie das Problem ist bei diesem Text: Dass mehr oder weniger alle Jugendlichen in dem Alter sich völlig fehl am Platz auf der Welt fĂŒhlen, mit dem Gedanken an Selbstmord flirten, sich ungeliebt glauben und wenigstens dann, wenigstens, wenn sie dann tot sind, wird es allen anderen mal richtig Leid tun, dass sie sie falsch verstanden und nie geliebt haben.

Das ist eine so landlĂ€ufige Bewusstseinslage in diesem Alter, dass es schon x mal aufgeschrieben wurde und dass man schon schwer was drauf haben muss, auch und gerade was HĂ€rte und RĂŒcksichtslosigkeit gegenĂŒber sich selbst angeht, das so ergreifend schreiben zu können, dass es so alte SĂ€cke wie ich dann noch besonders ernst nehmen.

Er wuchert da ein wenig mit den dramatischen sozialen UmstÀnden in dieser Berliner Randwelt dieses Jungen:

> „Es kam fast jede Woche vor, dass ein Lehrer geschlagen oder mit einer Waffe bedroht wurde.“

Na ja, ich wohne im friedlichen SĂŒddeutschland, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, aber DAS glaub ich nun nicht, dass in Berlin die Lehrer von nicht sehr weit fĂŒhrenden Schulen wöchentlich von ihren SchĂŒlern geschlagen und mit tödlichen Waffen bedroht werden. (Noch nicht. Das kommt erst noch, wenn die Politik noch zehn, zwanzig Jahre so weiter macht wie die zehn letzten.)

Wie man so einen Sozialwohnungsblock- und SĂ€ufervater- und Immer-verprĂŒgelt-Werden-Horror ziemlich packend und ĂŒberzeugend beschreibt, das, ich sag’s schon zum dritten Mal, liest man am besten schnell mal nach in „So finster die Nacht“, Roman von John Ajvide Lindqvist (Bastei-Taschenbuch, zirka 9 Euro). Und kevin, hĂ€tt ich ihn noch erreicht, hĂ€tte ich geraten, sich mehr mit den eigenen Fehlern und SchwĂ€chen auseinander zu setzen, einfach mal zu erzĂ€hlen, was da wirklich so geschieht. Aha, sie verprĂŒgeln ihn? Wie lĂ€uft das ab? Wie hat das damals angefangen? Warum passiert ihm das immer wieder? Warum wissen die, dass sie es machen können mit ihm?

Tut irgendwie mehr weh, so etwas zu schreiben, als: dass man sterben möchte.
FĂŒhrt aber weiter.

(Tja, ich poste dann gleich noch ne Antwort. Da steht aber nur der Text noch mal drin. NĂ€mlich die Version davon, die ich mir hier in Word gebastelt habe, damit ich es in Ruhe lesen kann, ohne stĂ€ndig an irgendwelchen Fehlern hĂ€ngen zu bleiben. Also das lesen, wer es hier zufĂ€llig sieht. Steht alles drin, was oben auch steht, bloß paar Satzzeichen und scharfe S mehr.)

__________________
14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit AufklÀrung Verteidiger: Es ist genug.

Bearbeiten/Löschen    


Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

Werke: 43
Kommentare: 681
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
STORY MIT WENIGER FEHLERN (lesefreundliche Version)

1
Es war kĂŒhl hier oben auf dem Dach des sechsstöckigen Hochhauses, in dem Dennis mit seiner Familie lebte. Ein leichter Wind ging. Dunkle Wolken verdeckten die abendliche Sonne. Es roch nach Regen. Dennis stand am GelĂ€nder und betrachte den leeren Hinterhof unter ihm. Nur ein paar MĂŒlltonnen, sonst nichts. Obwohl er eine dicke Jacke trug, fror er. Seine HĂ€nde umklammerten fest das GelĂ€nder. Es war Donnerstag, der 5. November. Ein Tag wie jeder andere. So beschissen wie jeder andere, und so sinnlos wie jeder andere zuvor. Nur mit einem Unterschied. Einem gewaltigen. Es wĂŒrde der letzte sein. Nicht fĂŒr diese lĂ€ngst verlorene Welt, sondern fĂŒr ihn. Bald wĂŒrde Dennis Geschichte sein. Niemand wĂŒrde ihn vermissen. Bis auf seine Mutter. Sie war der einzige Mensch, der ihm etwas bedeutete. Sie wĂŒrde um ihn trauern, jeden Tag sein Grab besuchen, bis sie selbst auf dem Friedhof liegen wĂŒrde. Dennis bekam ein schlechtes Gewissen. Er wĂŒrde ihr weh tun. Sie tief verletzen. Aber es ging nicht anders. Er konnte nicht mehr. Dies wĂŒrde sein letzter Tag auf dieser Erde sein. EndgĂŒltig. Unwiderruflich.

Aus seiner Hosentasche holte er eine Packung Lucky Strike und ein Feuerzeug. Er rauchte seit drei Jahren. Erst eine Kippe am Tag, mittlerweile waren es fast zwei Schachteln. Er hatte einmal versucht aufzuhören, aber es machte nicht viel Sinn. Schon damals, vor einem knappen Jahr, wusste er, das er bald sterben wĂŒrde. Er wĂŒrde dem Krebs zuvorkommen. Er holte eine Zigarette aus der Schachtel und zĂŒndete sie sich an. Dann steckte er die Schachtel wieder zurĂŒck in die Hosentasche. Er schaute sich die Kippe eine Zeitlang an. Es wĂŒrde seine letzte sein. Seine Gedanken schweiften ab.




2
Dieser Tag hatte begonnen wie jeder andere. Morgens um sechs Uhr war er mĂŒhsam aufgestanden. Er hatte die Nacht davor schlecht geschlafen. Er hatte geduscht und sich seine besten Klamotten angezogen. Er machte sich seine Haare (was ihm heute sinnlos vorkam) und packte seinen Schulranzen.

Als NĂ€chstes machte er seine Stereoanlage an. Harter Gitarrensound dröhnte aus den Boxen. Es war Master of Puppets von Metallica. Eins seiner Lieblingslieder. Er hatte die CD zu seinem Geburtstag, von seiner Mutter, bekommen. Es war nicht allzu lange her, aber es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Beim Gedanken daran traten TrĂ€nen in seine Augen. Es war vielleicht nicht das teuerste Geschenk, das er je bekommen hatte, aber es war das schönste und das, was ihm am meisten gefreut hatte. Er erinnerte sich wie glĂŒcklich er an jenem Tag war. Damals hatte er das GefĂŒhl gehabt, es wĂŒrde sich alles zum Guten wenden. Er wĂŒrde es schaffen, sich verĂ€ndern. Damals.

Dennis fing an zu weinen. Warme TrĂ€nen flossen an seinen Wangen herunter und sammelten sich an seinem Kinn. Er steckte sich noch eine Kippe an und verließ die Wohnung. Bis zur Bushaltestelle brauchte er eine knappe Viertelstunde. Er ließ sich Zeit. Sonst brauchte er nur zehn Minuten. Aber was spielte es fĂŒr eine Rolle, ob er den Bus verpasste oder nicht. Im Grunde genommen war es scheißegal. Dennis war aber noch rechtzeitig da. Der Bus kam spĂ€ter als sonst. Viele kleine Gruppen standen an der Haltestelle. Ein paar kleinere Kinder und Jugendliche ungefĂ€hr in seinem Alter. Sie beachteten ihn nicht. Das hatten sie noch nie getan. Dennis blieb allein fĂŒr sich.

Er war froh, wenn man ihn in Ruhe ließ. Das war an diesem Morgen zum GlĂŒck der Fall. Manchmal machten ihn welche an oder nahmen ihm sein Geld weg. Heute schienen sie noch nicht einmal zu bemerken, dass er anwesend war.

Die Schule war ein weiterer Ort der Erniedrigung. Er hasste die Schule seit dem ersten Tag. Er ging auf eine Realschule ganz in der NĂ€he seines Hauses. Mit dem Bus war er in zwanzig Minuten da. Als er die TĂŒr zu seinem Klassenzimmer öffnete, begrĂŒĂŸte ihn Tom, einer seiner Klassenkammeraden.

„Na, Schwuchtel. Wie geht’s?“, rief er. Ein paar MĂ€dchen, die in der NĂ€he standen, fingen an zu kichern.

„Lass mich in Frieden“, sagte Dennis und versuchte, so gelassen wie möglich zu klingen. Tom ging auf ihn zu. Er war mindestens einen Kopf grĂ¶ĂŸer als Dennis und hatte ein verdammt breites Kreuz. Er packte Dennis am Kragen seiner Jacke und drĂŒckte ihn gegen die Wand.

„Willst du mir sagen, was ich zu machen habe, kleiner Scheißer? Willst du das?“, fragte er und drĂŒckte fester zu. Dennis brachte kein Wort heraus. Seine Knie zitterten. Es klingelte und der Lehrer kam ins Klassenzimmer. Tom ließ ihn los.

Der Lehrer, Herr MĂŒller, war ein alter, gebrochener Mann, der auf seine Pension wartete und die letzten zwei Jahre keinen Ärger mehr bekommen wollte. Er tat so, als hĂ€tte er nichts gesehen. Dennis atmete tief durch und ging zu seinem Platz in der letzten Reihe. Sofort wurde es still.

„Guten Morgen“, sagte Herr MĂŒller und öffnete seinen Aktenkoffer.

Von draußen hĂ€mmerte der Regen gegen die Fensterscheiben. Der Unterricht war langweilig und zu schwer fĂŒr Dennis. Er kam nicht mit. Genau genommen war er noch nie mitgekommen, aber damals hatte er sich wenigstens bemĂŒht. Zum GlĂŒck hatten sie nur fĂŒnf Stunden. In der letzten Stunde hatten sie Englisch. Das langweiligste Fach von allen.

Zehn Minuten, bevor es klingeln wĂŒrde und er dieses verfluchte GebĂ€ude nicht mehr betreten musste, meldete er sich und fragte, ob er auf die Toilette gehen dĂŒrfe. Frau Ronnstein willigte ein. Dennis schritt mitten durch den Klassenraum, vorbei an kichernden MĂ€dchen, die als heroinsĂŒchtige Nutten enden wĂŒrden, an hasserfĂŒllten Blicken von Vollidioten. Einer versuchte, ihm das Bein zustellen.

Aber lĂ€ssig stieg Dennis drĂŒber. Heute nicht, dachte er und verließ die Klasse. Der Flur war nur schwach beleuchtet und verlassen. Es passte zu Dennis’ Stimmung. Langsam schlenderte er weiter. Die Toiletten waren in der untersten Etage. Überall lagen ausgetretene Zigarettenstummel auf dem Boden. An den WĂ€nden waren Graffitis. Es stank nach Pisse. Hier war Dennis oft zusammengeschlagen worden. Meist waren sie zu viert oder zu fĂŒnft auf ihn zugekommen. Zwei hatten seine Arme festgehalten, einer passte auf, dass sie nicht gesehen wurden und einer schlug auf ihn ein. Manchmal, weil sie Geld wollten, oder aber einfach nur so zum Spaß, wenn sie sich abreagieren wollten, wenn sie schlechte Noten geschrieben hatten. Scheiße, wie er dieser Wichser hasste! Es waren meist Ältere und er hatte keine Chance sich irgendwie zu wehren. WĂ€re er zu einem Lehrer gegangen, wĂ€re alles nur noch schlimmer geworden, vielleicht hĂ€tten sie ihn sogar umgebracht. Außerdem machten die Lehrer nichts. Sie hatten selber Angst. Es kam fast jede Woche vor, dass ein Lehrer geschlagen oder mit einer Waffe bedroht wurde. Dennis versuchte an was anderes zu denken und steckte sich eine Zigarette an. Er hatte noch nie in der Schule geraucht. Aber heute wĂŒrde es keine Rolle spielen, ob er erwischt wurde oder nicht.

Plötzlich sah er Lisa vor seinem geistigen Auge. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen. Es war seine erste große Liebe gewesen. Sie hatte langes, braunes Haar gehabt und noch lĂ€ngere Beine. Aber sie war letzten Sommer weggezogen. Raus aus Berlin. Irgendwo aufs Land. Sie war so was wie eine Freundin fĂŒr Dennis gewesen. Sie hatte gesagt sie wĂŒrde ihm schreiben, aber das hatte sie nicht getan. Monate hatte Dennis sehnsĂŒchtig auf einen Brief von ihr gewartet, jeden Tag wurde er enttĂ€uscht. Fahr zur Hölle, dachte er und spĂŒrte Hass aufsteigen. Das GefĂŒhl des Verlusts, das er verspĂŒrt hatte, war lĂ€ngst verschwunden. Jetzt hatte er nur noch Wut. Mehr nicht, nur erbitterte Wut. Dennis zog an seiner Zigarette. Er musste zurĂŒck in die Klasse. Es wĂŒrde bald klingeln. Also warf er die Kippe weg und beeilte sich.

Gerade, als er die TĂŒr öffnete, lĂ€utete es. Er packte schnell seine Sachen zusammen und folgte den anderen aus dem GebĂ€ude. So ging sein letzter Schultag zu Ende. Es hatte aufgehört zu regnen, es nieselte ein bisschen.

Um zwei Uhr kam Dennis nach Hause. Es war still. VerdĂ€chtig still. Der Fernseher, der normal lief, war nicht eingeschaltet. Im Flur blieb er bei einem Bild stehen. Es stach jedem Besucher sofort ins Auge. Es war grĂ¶ĂŸer als die anderen GemĂ€lde und war alles andere als farbenfroh. Es entsprach nicht dem Stil seiner Mutter. Dennis fiel auf, dass er zwar unzĂ€hlige Male an diesem Bild vorbeigegangen war, es aber noch nie richtig betrachtet hatte. Es hatte keine Aussage fĂŒr ihn gehabt. Das war in diesem Moment schlagartig anders. Das Bild zeigte eine Reihe von MĂ€nnern, allesamt in MĂ€nteln und mit Hut, was Dennis darauf schließen lies, dass es aus den 20-iger oder 30-iger Jahren stammte, die alle in einer Reihe standen. Ihre Gesichter sah man nicht, weil sie dem Betrachter den RĂŒcken zukehrten. Alle bis auf zwei MĂ€nner. Der eine schaute zur Seite und ein Mann hatte sich komplett umgedreht. Mit einem fragenden Gesicht blickte er Dennis jetzt an. Der Hintergrund des GemĂ€ldes war dunkel, wie auch die Kleidung der MĂ€nner. Der erste Gedanke, der Dennis durch den Kopf ging lautete Konzentrationslager. Und die MĂ€nner erinnerten ihn an die Juden.

Diese MĂ€nner werden, wie die Juden damals, wie LĂ€mmer zur Schlachtbank gefĂŒhrt. Und alle lassen sich ohne Widerstand dorthin fĂŒhren. Manche wissen noch nicht einmal was sie erwarten wird. Wenn sie es wissen, wird es zu spĂ€t sein. Nur die beiden MĂ€nner erkannten die Gefahr, aber zum umkehren war es bereits zu spĂ€t. Genauso erging es ihm, Dennis. Er sah die Gefahr in dieser Welt, die von Medien und falschen Idealen gelenkt wurde. Er hatte so lange wie möglich versucht, gegen diesen Strom von Korruption, LĂŒgen und Angst anzuschwimmen, doch er hatte genauso wenig Erfolg gehabt wie der Mann auf dem Bild, der ihn mit traurigen, verĂ€ngstigten Augen anschaute. Dennis fand mehr, dass er ihn regelrecht anflehte.

Er ging in die KĂŒche, um sich etwas zu Essen zu machen. Im Schrank fand er noch eine TĂŒtensuppe. Ihm war jetzt nach etwas Warmen. Er setzte Wasser auf und deckte den Tisch. Um sich die Zeit zu vertreiben, las er in der Zeitung. Ein kleines MĂ€dchen wurde seit drei Tagen vermisst, eine Rentnerin wurde von einem Kampfhund angegriffen. Nichts Neues also. Dasselbe wie jeden Tag. In seinen Augen sammelten sich TrĂ€nen. Seine Kehle fĂŒhlte sich auf einmal wie zugeschnĂŒrt an. Mit MĂŒhe unterdrĂŒckte er seine GefĂŒhle. Wie so oft.

Als die Suppe endlich fertig war, hatte er sich wieder beruhigt. Er hatte Hunger und die Suppe schmeckte relativ gut. Der Begriff Henkersmahlzeit kam ihm in den Sinn. Na und, was soll’s, dachte er.

Nachdem er fertig gegessen hatte, ging er ins Wohnzimmer. Noch ein letztes Mal wollte er sich mit der Droge Fernsehen befassen. Ihm wurde bewusst, wie viel Zeit er mit ihr verschwendet hatte. Beschissenes Geschwafel von Talkshowmoderatoren und gestellte Interviews. Jetzt, wo er darĂŒber nachdachte, mussten es mindestens drei bis vier Stunden am Tag gewesen sein.

An manchen auch mehr. Als er den Fernseher einschaltete, wurde er nicht enttĂ€uscht. Wieder eine dieser elenden Talkshows, in denen VerrĂŒckte zu noch verrĂŒckteren Zuschauern sprachen. Einer von diesen Zuschauern war Dennis, aber er war aufgewacht. Er hatte erkannt, was es fĂŒr ein Schwachsinn war. FĂŒr einen kurzen Moment war er dafĂŒr dankbar. Er verbrachte die nĂ€chste halbe Stunde auf der Couch. Dann wollte er noch einmal die wenigen Freuden des Lebens genießen. Er ging schnellen Schrittes in die Vorratskammer. Der Raum war dunkel und kĂŒhl. WĂŒrste hingen von der Decke runter. Es roch nach FĂ€ulnis. Überall waren Spinnweben. Leichter Ekel ĂŒberkam ihn. In der Vorratskammer bewahrten sie auch die GetrĂ€nke auf. Hinter dem Mineralwasserkasten, in der hintersten Ecke, fand Dennis, wonach er suchte. Bier. Er nahm sich zwei Flaschen und ging damit in sein Zimmer. Seine Mutter wĂŒrde ausflippen, wenn sie bemerken wĂŒrde, dass er sich Bier klaute und es auch noch in der Wohnung trank.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und versuchte, seine Mutter aus seinen Gedanken zu verdrÀngen. Er steckte sich eine Zigarette an. Nach dem ersten tiefen Zug musste er husten. Aber das Nikotin beruhigte ihn. Er bemerkte, dass seine HÀnde etwas zitterten.

Jetzt brauchte er noch etwas harte Musik. Also machte er seine Anlage an. Die Boxen begannen zu vibrieren. Auf dem Schreibtisch fand er einen Collageblock. Er riss eine noch unbeschriebene Seite heraus. Es sollte ein Abschiedsbrief werden. Das Schreiben fiel ihm leicht. Er bedankte sich bei seinen Eltern, weil sie versucht hatten, ihm das Bestmögliche zu bieten. Dies waren die letzten Worte, die er schrieb.

Irgendwann am Nachmittag rief seine Mutter an und sagte ihm, dass sie erst spĂ€ter nach Hause kommen wĂŒrde, weil sie erst noch einkaufen musste.

Von seinem Vater hörte er nichts mehr. Wahrscheinlich wĂŒrde er in einer stinkenden Kneipe abhĂ€ngen und mit den Leuten, die er seine Freunde nannte, Poker spielen. Irgendwann nachts wĂŒrde er nach Hause kommen, stockbesoffen und stinkend.



3
Es war an der Zeit. Jetzt wĂŒrde ihn nichts mehr aufhalten. Erlösung. Seine HĂ€nde klammerten sich noch fester um das GelĂ€nder. In wenigen Augenblicken wĂŒrde sein Körper zermatscht auf der Straße liegen.

Vielleicht wĂŒrde ihn irgendein Penner noch in dieser Nacht finden, wahrscheinlicher war aber, dass man ihn erst Morgen fand. Ein Kind aus der Nachbarschaft wĂŒrde die grausige Entdeckung machen. Dennis Augen funkelten, als er daran dachte. Es befriedigte ihn. Aber erst mal musste er es tun. Er musste auf das GelĂ€nder steigen und springen.

Was kommt nach dem Tod? Dieser Gedanke schoss ihn plötzlich durch den Kopf. Gab es einen Gott? Einen Himmel und eine Hölle und wenn ja, wĂŒrde er in Gottes Reich kommen? Dennis war zwar katholisch, war aber selten in die Kirche gegangen. Meist nur an Weihnachten und Ostern. Scheiß drauf, sagte er sich. Er stieg auf das GelĂ€nder. Wieder musste er an das Bild mit den MĂ€nnern denken. Es gab den nötigen Impuls.

Hitze durchflutete seinen Körper. Er hatte ein kribbelndes GefĂŒhl im Bauch. Der Wind fuhr ihm durchs Haar. Er atmete tief ein und aus. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod sprang er. Er schrie nicht. In der Luft breitete er die Arme aus. Es sah aus wie ein Engel, der vom Himmel fiel. Bevor er auf dem Asphalt aufschlug, wurde er bewusstlos.



P.S:

Noch ein Zitat:

> „Nach dem ersten tiefen Zug musste er husten.“

Wenn man tÀglich zwei Schachteln Zigaretten raucht, hustet man nicht mehr beim ersten Lungenzug. Man hustet manchmal, weil sich Schleim in den Bronchien angesammelt hatte, der zusammen mit dem eindringenden Rauch ein Verlangen nach Abhusten auslöst.


Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!