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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Ein Teil von mir
Eingestellt am 20. 10. 2003 16:20


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www.vobig.de
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2001

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„Manchmal sitze ich einfach nur hier am Fenster und schaue hinauf in die Nacht“, sagte Joshua leise, beinahe fl├╝sternd, so als ob er bef├╝rchtete ein lautes Wort w├╝rde die Dunkelheit vertreiben. Mit erhobenem Kopf stand er regungslos da. Die letzten Schwei├čspuren auf seiner Haut waren beinahe verschwunden. Sein Atem war tief und gleichm├Ą├čig.
Sarah schwieg.
„Manchmal kommt es mir dann vor als w├╝rden Stunden vergehen“, f├╝gte er noch leiser hinzu und schlo├č sich Sarahs Schweigen an. Nach einer Weile pre├čte sie ihren nackten K├Ârper von hinten an ihn. Er sp├╝rte ihre W├Ąrme, ihren Atem an seinem rechten Ohr; sp├╝rte, wie ihre kurzen Schamhaare seine Pobacken ber├╝hrten. Seine Arme st├╝tzen sich weiterhin auf das schmale Fensterbrett, w├Ąhrend seine Nase nur Millimeter vom kalten Glas der Scheibe entfernt war.
Drau├čen war die Nacht f├╝nf Stunden alt. Das schmale Band des zunehmenden Mondes lag verborgen unter Wolkenmassen, nur hin und wieder gelang es den Sternen ihr flackerndes Licht ├╝ber die Dunkelheit zu vergie├čen.
Sarah legte ihre Arme um Joshuas Brustkorb, dr├╝ckte ihn noch fester an sich. Sie ahnte die Faszination, die von Joshua Besitz ergriff sobald das letzte Licht des Tages hinter dem Horizont verschwand. Sie erkannte mehr und mehr den schmalen Pfad auf dem er sich bewegte wenn der Tag endlich zur Nacht wurde. Sie wu├čte um die Gefahr, in der sich Joshua freiwillig befand. Und doch gab es vieles, da├č sie nicht einmal ansatzweise verstand. Zu viele Geheimnisse umgaben ihn. Zu viele Schichten, die es zu durchdringen gab. Zu viele Hoffnungen, die zu ├ängsten wurden und zu wenige ├ängste, die sich in Luft aufl├Âsten.
Joshua, dachte sie, ihre Umklammerung nicht l├Âsend, was br├╝tet nur in dir? Welche Bilder sieht du, die mir verschlossen bleiben?
Wie so oft zuvor stieg auch dieses Mal erneut Angst in ihr auf – Angst davor, ihn f├╝r immer an die Finsternis jenseits des Fensters zu verlieren.
Siehst du wieder Farben, wo keine Farben sein k├Ânnen?, fragte sie Joshua in Gedanken. H├Ârst du wieder diese Stimme von jemandem, der nicht in der N├Ąhe ist?
Immerzu schien es Sarah als w├╝rde sie die gleiche Tortur durchlaufen. Sie suchte die Antworten auf Bilder, Farben und Stimmen, auf Empfindungen, Tr├Ąume, Ger├Ąusche und Ger├╝che, allesamt entsprungen aus der Sonnenlosigkeit, wilden Tieren gleich, die Furcht verbreiten. Doch Joshua – davon war Sarah ├╝berzeugt – f├╝rchtete sie nicht, im Gegenteil – mit jedem Tag, der seine goldenen Banner einrollte und hinter dem Horizont verschwand, wurde es offensichtlicher - Joshua selbst wurde eine dieser Kreaturen.

Stille.
„Warum liebst du mich?“, fragte Joshua pl├Âtzlich, seine Stimme nicht lauter als zuvor. Ihre K├Ârper, ohne Schatten, verharrten bewegungslos am Fenster. Sarah l├Âste ihre Umarmung. Sie brauchte nicht lange zu ├╝berlegen, um seine Frage zu beantworten. Viele Fragen, die ihn betrafen, blieben bislang ohne Antwort, doch diese eine geh├Ârte schon lange nicht mehr dazu.
„Weil ich Angst um dich habe“, fl├╝sterte sie und schlo├č ihn wieder in ihre Arme – vielleicht fester, als sie es jemals zuvor getan hatte.

Stille.
Irgendwann hatte sie ihn losgelassen. Inzwischen war der Mond hinter den Wolken hervorgekommen. Joshua hatte sich umgedreht und sie angesehen. Ein leichtes L├Ącheln umspielte seine Mundwinkel.
„Komm“, sagte sie. „La├č uns wieder ins Bett gehen. Ich will dich nochmal sp├╝ren.“
Joshua beugte sich vor und gab ihr einen Ku├č auf die Stirn. Er drehte sich noch einmal um zum Fenster, hauchte mehrmals gegen das kalte Glas. Auf die handtellergro├če Fl├Ąche, die sein Atem milchig ausgef├╝llt hatte, malte er ein Auge. Sarah beobachtete ihn neugierig und obwohl Joshua noch nie zuvor etwas derartiges getan hatte, wu├čte sie was es zu bedeuten hatte. F├╝r sie war es ein weiteres Puzzlest├╝ck, das sie erhielt um vielleicht eines Tages den ganzen Menschen Joshua in all seinem Facettenreichtum zu verstehen. Das Auge blickte hinaus in die Nacht, doch gleichzeitig schaute es auch hinein in den kleinen Raum, in dem die beiden standen. F├╝r Sarah war es ein kleiner Akt von Magie – wie so viele Dinge, die Joshua im Laufe ihres Zusammenseins vollf├╝hrt hatte. Es war als ob er sich ein weiteres Auge geschaffen hatte, das nun stellvertretend f├╝r ihn den Himmel beobachte, w├Ąhrend Joshua selbst seine Aufmerksamkeit etwas anderem zuwenden konnte. Er drehte sich wieder zu ihr um.
„Ich liebe dich“, sagte er und k├╝├čte sie diesmal auf den Mund, w├Ąhrend seine rechte Hand begann sie zwischen den Beinen zu streicheln. Schlie├člich kniete er sich vor sie und seine Zunge l├Âste seine Hand ab. Sarah st├Âhnte leise – doch bevor sich ihre Lider schlossen, warf sie noch einen letzten Blick auf das Auge am Fenster und ein weiteres Puzzlest├╝ck r├╝ckte an die richtige Stelle, denn sie verstand, da├č nicht nur Joshua durch dieses Auge sehen konnte, sondern da├č auch sie selbst dazu in der Lage war. Joshuas Magie diente nicht nur ihm, sie diente gleicherma├čen ihr selbst. Mit diesem Wissen schlo├č sie ihre Augen – und sie sah.

Licht.
Sie sah den hellen, fahlen Schein des Mondes auf dem Teppich, auf dem sie beide nun lagen. Bis zum Bett hatten sie beide nicht mehr gehen wollen, obwohl es nur wenige Schritte entfernt geduldig auf sie wartete. Sie sah Joshua, seinen Kopf zwischen ihren gespreizten Beinen. Sie sah sich selbst auf dem R├╝cken liegend, ihren Mund ge├Âffnet, ihre Augen geschlossen, ihre H├Ąnde in seinem Haar.
Sie sah Wolken vor├╝berziehen und die Sterne blinzeln. Sie sah Tiere auf n├Ąchtlichem Beutezug und im Dickicht verschwinden. Sie sah die einsame H├╝tte in der sie beide sich befanden und die kleine Rauchfahne, die aus dem Schornstein kam, produziert vom Ofen in ihrem Zimmer. Sie sah den Wind die ├äste von B├Ąumen biegen und winzige Lampen in der Ferne. Sie sah all dies mit einer Klarheit, die ihr fast den Atem nahm und als Joshuas Zunge sie zum Orgasmus brachte und er mit dem Finger, mit dem er zuvor das Auge gemalt hatte, tief in sie eindrang, war sie f├╝r Sekunden in der Tat atemlos – zu ├╝berw├Ąltigend war die Mixtur aus Sehen und Sp├╝ren. Es war ein derma├čen ├╝berw├Ąltigendes Gef├╝hl, da├č sie vor Gl├╝ck, anstelle von Joshua, den gesamten Erdball h├Ątte umarmen k├Ânnen – und den Mond gleich dazu.

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