Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87728
Momentan online:
643 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ein besonderer Freund
Eingestellt am 05. 10. 2010 22:02


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
ThomasStefan
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 17
Kommentare: 62
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um ThomasStefan eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ein besonderer Freund



von Thomas Stefan


Frau GrĂŒnkamp kniff abwechselnd die Augen zu, um besser sehen zu können, aber ohne die Brille nĂŒtzte es wenig. Vor ihr flimmerte der Fernseher, gerade wurde wieder das Zauberleibchen angeboten. Danach kĂ€me der falsche Schmuck mit Zirkoniasteinen, das wusste sie genau, und dann noch die angeblich unzerstörbaren gusseisernen Pfannen. Aber das könne nun wirklich nicht stimmen, dachte sie sich, da man doch letztens den Mann sehen konnte, der diese Dinger vor der Kamera verbogen hatte, nur mit seinen HĂ€nden. War das nicht eine Wette gewesen?

„Alles Betrug,“ schimpfte sie plötzlich, als es ihr einfiel.

„Keine Aufregung, Oma,“ meinte Martha, die heute Abend gekommen war und ihr gerade den Waschlappen durchs Gesicht zog, dann auffordernd der alten Frau die Hand vor den Mund hielt. „Los, ausspucken, ich habe nicht ewig Zeit“. Folgsam schob die Alte ihr Gebiss hervor, es verschwand im Kukident-BehĂ€lter. „Ich bin nicht Ihre Oma, merken Sie sich das,“ nuschelte Frau GrĂŒnkamp empört, aber Martha hörte gar nicht zu, sagte wie immer: „ Ist schon gut, Oma“, und ging ihr einige wenige Male mit der BĂŒrste durchs Haar, drĂŒckte die Brille wieder auf die Nase. Sie hob die Bettdecke, sah kurz auf die Windel: „Geht noch“, und legte wie immer die Fernbedienung weit weg. „Halbe Stunde Homeshopping, wie ĂŒblich, geht von alleine aus. Gute Nacht, bis morgen.“ Und draußen war sie.

Die alte behinderte Frau, die ein Leben zwischen Bett und Rollstuhl fĂŒhrte, starrte also noch dreißig Minuten auf den Fernseher und frönte ihrem letzten Hobby. Sie bestaunte Hollywood-Schaukeln, Messersets, kĂŒnstliche Palmen jeglicher GrĂ¶ĂŸe und Zimmerspringbrunnen. Schade, dachte sie, dass auch das Telefon außer Reichweite war. Aber so hatte es ihr Sohn verlangt, nachdem sie frĂŒher oft und gerne angerufen und bestellt hatte. Ja, es war ihm mit der Zeit eine Last geworden, diese schönen Dinge immer wieder zurĂŒckzuschicken. Sie könne den Kram nicht gebrauchen, und außerdem habe sie dafĂŒr kein Geld mehr, hatte er ihr eingetrichtert. Sie hatte wahrlich bessere Zeiten erlebt, das Bild auf dem Nachtschrank zeugte davon: Sie mit ihrem verstorbenen Ehemann, und sie natĂŒrlich im Pelz. Na ja, lange vorbei. Vor kurzem hatte ihr Sohn diesen schrecklichen Pflegedienst bestellt, die hĂ€tten alles gut im Griff, meinte er immer wieder. Er jedenfalls wĂ€re sehr zufrieden. Und sie nahm es hin.

Gerade kamen im Fernsehen diese niedlichen Hunde aus dem Tierheim. Wie gerne hĂ€tte sie so einen gehabt, als letzten Freund. Aber ihr Sohn war geradezu empört gewesen, als sie einmal Ähnliches Ă€ußerte. Wie sie sich das vorstellte, so ein Tier mĂŒsse doch immer raus, wer sollte sich darum kĂŒmmern, wahrscheinlich doch wieder er, und er hĂ€tte schon so viel am Hals, die Kanzlei wĂŒrde ihn ganz in Beschlag nehmen, das wĂŒsste sie doch. Und Gudrun und die Kinder könnten das schon gar nicht, da mĂŒsse sie ein bisschen vernĂŒnftig bleiben. Sie solle doch froh sein, dass sie wenigstens in der eigenen Wohnung bleiben dĂŒrfe, gut versorgt in den bekannten vier WĂ€nden, mehr könne sie nicht erwarten. WehmĂŒtig schaute sie auf die bunte Schar der Streuner, die so treuherzig blicken konnten – dann ging der Bildschirm unvermittelt aus. Seufzend schob sie den vor ihr baumelnden Lichtschalter auf Aus und schlummerte schnell ein.

Sie erwachte von einem heftigen Donnern, ein Blitz erhellte ihr Zimmer, dann noch einer und noch einer, als wollte sie jemand wecken. „Herrjemine,“ murmelte sie, zog die Bettdecke höher. Erneut ein Donnerschlag in nĂ€chster NĂ€he, sie zuckte zusammen. Und plötzlich ging der Fernseher wieder an. Sie runzelte unwillig die Stirn, so wĂŒrde sie kaum schlafen können, sie konnte ihn ja nicht abstellen. Aber dann musste sie doch schmunzeln, es war eine unverhoffte Abwechslung.

Und interessant war es. „Ruf misch an,“ stöhnte eine barbusige Frau in NetzstrĂŒmpfen immerzu, aber das konnte sie ohne Telefon ja nicht, obwohl, der hĂ€tte sie gern Bescheid geben, mit ihrem Schweinkram nachts die Leute zu belĂ€stigen. Bevor es aber richtig ordinĂ€r wurde, kann ein sehr freundlicher Herr in einem himmelblauen Anzug und schubste das freche Weib einfach zur Seite. Eine seltsame Sendung!

„Ich habe auf Sie gewartet, nur auf Sie,“ und der nette Herr deutet mit dem Finger direkt in Frau GrĂŒnkamps Richtung, in ihr Schlafzimmer. Sie fĂŒhlte sich auf einmal persönlich angesprochen. Der Mann lĂ€chelte, bleckte die ZĂ€hne, fast wie ein Pferd, aber durchaus nicht unangenehm. „Ich mache Ihnen jetzt ein Angebot, das können Sie nicht ausschlagen.“ Die halbnackte Frau schleppte ein riesiges Paket heran - Gott, was hatte die plötzlich nur fĂŒr KrĂ€fte!! Der Mann verscheuchte sie wieder und lĂ€chelte breit in die Kamera. „Der beste Freund des Menschen hat vier Beine und ist treu wie Gold. Wer wĂŒnscht ihn sich nicht?! Aber er macht Arbeit, nicht wahr? Er muss stĂ€ndig raus, stinkt, beißt die Falschen, kostet Geld, das ist es doch, was alle sagen, nicht wahr?“ Der Mann kam ganz nah an den Bildschirm, schien fast in ihr Schlafzimmer eintreten zu wollen. Er grinste breit, schĂŒttelte ĂŒberlegen den Kopf. „Nein, nein, nein, alles falsch. Wir haben den optimalen GefĂ€hrten fĂŒr Sie.“ Er trat zurĂŒck, mit einem Tusch fiel die Kiste auseinander und ein riesiger Dobermann stand vor der Kamera. Er hatte ein blitzeblaues Fell und grinste genauso breit wie der VerkĂ€ufer.

„Das ist Bernie, Sie werden ihn lieben! Eine Seele von Hund. Und das Schönste: Er frisst nichts, muss nicht Gassi gehen, riecht so, wie Sie es wĂŒnschen, beißt, wen Sie wollen. Er versteht Sie einfach.“ Der Mann setzte sich begeistert auf das blaue Tier und winkte die Oben-ohne-Tante wieder herbei, die ein Schild mit einer Nummer zeigte. „Und jetzt das Beste: Wenn Sie gleich anrufen, kostet Bernie – nichts! Ja, Sie haben richtig gehört, der erste Anrufer bekommt Bernie fĂŒr Nullkommanichts.“

„Ruf misch an,“ stöhnte die Barbusige auf einmal wieder, ihr Schild wackelte auf und ab, und der Hund im Takt gleich mit. „Ich bitte Sie, greifen Sie zum Telefon, dieses Angebot kommt nie wieder,“ bettelte der Mann, blickte sehnsĂŒchtig Frau GrĂŒnkamp ins Gesicht.

Diese bemerkte plötzlich auf ihrer Bettdecke das Handy von Martha, es war ihr aus dem Kittel gerutscht. Ein lange nicht mehr gespĂŒrtes GlĂŒcksgefĂŒhl erfasste sie. „Soll ich wirklich anrufen?“ murmelte sie hin und her gerissen. Fast schien es ihr, als wenn der Hund zustimmend mit dem Kopf genickt hĂ€tte. EigentĂŒmlich schnell fanden ihre Finger die Tasten. Im Studio klingelte das Telefon, wie elektrisiert nahm der Mann den Hörer ab. Und ehe die alte Frau etwas sagen konnte, schrie er: „Ich freue mich so, dass Sie es sind, wir bringen Bernie morgen zu Ihnen nach Hause.“

Bevor sie antworten konnte, blitzte und donnerte es heftig – und der Fernseher ging wieder aus. Etwas ratlos legte sie das Handy auf den Nachtschrank. Hatte sie nur getrĂ€umt? Vieles ging ihr durch den Kopf, und doch schlief sie wieder fest ein.

Am nĂ€chsten Morgen wurde Frau GrĂŒnkamp vom Martha geweckt, denn sie hatte verschlafen. Unwillig bemerkte die Pflegehilfe, dass ihr Handy auf dem Nachttisch lag. PrĂŒfend schaute sie der alten Frau ins Gesicht, steckte es dann wortlos ein. Sie wĂŒrde es doch nicht gewagt haben, ihr Telefon zu benutzen! Jedenfalls ging sie diesmal besonders grob mit der ihr Anvertrauten um.

Nachdem die alte Frau versorgt war und ihr FrĂŒhstĂŒck eingenommen hatte, saß sie wie immer allein am Fenster und beobachtete die Straße. Sie wusste genau, was wann geschah, sah die Kinder auf ihren FahrrĂ€dern davon streben, den BrieftrĂ€ger sich abmĂŒhen, immer die gleichen Fahrzeuge an ihr vorbeifahren. Den blauen Lieferwagen bemerkte sie sofort, den hatte sie noch nie gesehen. Blitzeblau, und als einziges Firmenlogo eine weiße Wolke. Er hielt vor ihrer TĂŒr, und ein Herr im Blaumann, dessen breites, pferdeartiges LĂ€cheln sie irgendwo schon einmal gesehen hatte, schleppte ein großes Paket auf ihr Haus zu.

Es klingelte, und sie drĂŒckte auf die Gegensprechanlage. „Ja, Sie sind hier richtig, bei GrĂŒnkamp. Aber ich habe nichts angefordert, mein Sohn hat es mir doch verboten, außerdem kann ich mich an keine Bestellung erinnern. Und im Übrigen, ich habe sowieso kein Geld. Bitte gehen Sie wieder!“ Mit einer Mischung aus Ablehnung und Neugier beĂ€ugte sie durchs Fenster den vor der TĂŒr stehenden Boten. Der Mann ließ sich nicht abschĂŒtteln, schaute flehend zu ihr hoch, sprach immer wieder beschwörend ins Haustelefon. Es sei doch ihre Eilbestellung von letzter Nacht, sie sei die Gewinnerin, und alles sei kostenfrei. Und der Wolkenversand sei wirklich seriös. Sie wollte ihn schon endgĂŒltig wegschicken, da vernahm sie ein leises Wimmern, dann ein unterdrĂŒcktes Bellen. Es kam unzweifelhaft aus dem Paket, das vor der HaustĂŒr lag. Da war sie wieder, die Erinnerung an letzte Nacht. Sie wurde unsicher, und ein GefĂŒhl tief in ihr drĂ€ngte sie, ihn hereinzulassen, wider alle Vernunft und Gepflogenheiten. „Aber ich warne Sie! Wenn Sie ein BetrĂŒger sind, dann werden Sie es bereuen. Mein Sohn ist Rechtsanwalt, mein Mann war bei der Polizei, und seine alte Waffe liegt immer griffbereit,“ feuerte sie schnell noch eine Breitseite auf den Blaumann ab, dennoch betĂ€tigte sie den Öffner.

„Ich danke Ihnen,“ antwortete der Bote, drĂŒckte erleichtert die summende EingangstĂŒr auf und erschien bei ihr im Zimmer. Er setzte das Paket ab, lĂ€chelte wie ein Zauberer. Dann klatschte er in die HĂ€nde, die Kiste fiel auseinander, genauso wie es die alte Frau schon nachts im TV gesehen hatte, und Bernie stand vor ihr. Blitzeblau und mit diesem eigentĂŒmlichen LĂ€cheln. Frau GrĂŒnkamp schlug sich die Hand vor den Mund. „Ach du meine GĂŒte! Der frisst doch bestimmt fĂŒr drei, und braucht stĂ€ndig Auslauf. Es ist zu schön um wahr zu sein, aber nein, man muss ehrlich bleiben, stĂ€ndig in der Wohnung, das wĂ€re doch eine QuĂ€lerei fĂŒr das Tier. Obgleich, wo ich ihn jetzt sehe, muss ich sagen: Er ist einfach wunderschön.“

Der freundliche Herr strahlte. „Sehen Sie, so schnell gewöhnt man sich an ihn. Und wie versprochen, er frisst nichts, muss nicht Gassi und folgt aufs Wort.“

„Und was ist, wenn ich ihn nicht behalten darf? Mein Sohn ist immer so streng mit mir. Er ist ja ein guter Mensch, kĂŒmmert sich um alles, wird aber oft recht schnell nervös. Ich weiß gar nicht, was ich jetzt machen soll,“ wandte sie unglĂŒcklich ein.

Der Mann blickte verstĂ€ndnisvoll. „Sie werden mit Bernie keinerlei MĂŒhe haben. Wenn Sie ihn nicht mehr wollen, sagen Sie es ihm, er versteht Sie, er wird von selbst zurĂŒckfinden, Sie brauchen sich um nichts zu kĂŒmmern, glauben Sie mir. Aber das wird nicht geschehen, ich weiß es jetzt schon.“ Und er lĂ€chelte sein PferdelĂ€cheln, verbeugte sich, und bevor sie noch etwas sagen konnte, war er draußen, der blaue Wagen machte einen beschwingten Satz, und weg war er.

„Ach Herrje, ich habe ja gar nichts unterschrieben, keinen Lieferschein bekommen, keine Adresse. Was ist mit der Hundesteuer? Und wenn er Martha beißt, und wenn er doch was fressen möchte? Das ist doch unmöglich, dass der nichts braucht, so ein großes Tier. Worauf habe ich mich nur wieder eingelassen?!“ Erst jetzt bemerkte sie, dass der Hund stĂ€ndig den Kopf hin und her geschĂŒttelt hatte, als hĂ€tte er jedes Wort verstanden.

UnglĂ€ubig starrte sie Bernie an, und dann wagte sie es, ihn anzusprechen. „Verstehst du mich etwa?“ Der Hund nickte mit dem Kopf, lĂ€chelte nachsichtig. Sie konnte es kaum glauben. „Und du musst wirklich nichts fressen? Das gibt es doch gar nicht! Und raus musst du auch nicht? Aber wenigstens an den Baum, markieren und schnĂŒffeln?! Das machen Hunde doch so, oder?“

Bernie zuckte gleichgĂŒltig mit den Schultern, guckte schelmisch und hob langsam das Bein, als wollte er sich an ihrem Kleiderschrank erleichtern. Entsetzt hob sie die HĂ€nde. “Ich habÂŽs geahnt. Was wird nur der Pflegedienst sagen, und erst mein Sohn!“ Doch der Hund nahm sein Bein zurĂŒck, grinste, zwinkerte sie an, als wenn er sich freute, ihr einen Schrecken eingejagt zu haben. Erleichtert winkte sie ihn zu sich heran, er legte seinen Kopf auf ihren Schoß und ließ sich streicheln. In diesem Moment waren sie eine unlösbare Verbindung eingegangen.

Gemeinsam schauten sie ab jetzt aus dem Fenster, und die alte Frau erklĂ€rte ihm alle VorgĂ€nge draußen auf der Straße, obwohl sie bald den Eindruck bekam, er wĂŒsste bereits alles. Kam Besuch oder der Pflegedienst, kroch Bernie schnell unters Bett. Frau GrĂŒnkamp hatte das komische GefĂŒhl, als wĂŒrden ihn die anderen auch dort nicht entdecken, selbst wenn sie nachschauen wĂŒrden. War er etwa nur fĂŒr sie existent? Wenn ihre Pflegerin sie mit dem Rollstuhl die Rampe hinunter in den rĂŒckwĂ€rtigen Garten schob, blitzte Bernies Kopf immer wieder in der TĂŒr auf, so dass nur sie ihn sehen konnte. TatsĂ€chlich musste er nie hinaus, auch fressen oder wenigstens Wasser saufen musste er nicht. Die gegebenen Versprechen wurden alle eingehalten. Am liebsten schauten die beiden abends Homeshopping, und auch hierbei hatte Frau GrĂŒnkamp das GefĂŒhl, der Hund wĂŒrde alle Sendungen kennen. Jedenfalls konnte er problemlos die Fernbedienung apportieren, so dass sie deutlich lĂ€nger sehen konnte als frĂŒher. Nur weigerte er sich bestĂ€ndig, das Telefon zu holen, er schien zu ahnen, was sie sonst vorgehabt hĂ€tte. Jedenfalls legte er seine Schnauze auf die Bettdecke und sie kraulte ihn, bis sie eingeschlafen war.

Als erste bemerkte es Martha. Frau GrĂŒnkamps HĂ€nde wurden mit der Zeit blau, und die Farbe ließ sich einfach nicht abwaschen, sosehr sie die alte Frau mit der WurzelbĂŒrste auch quĂ€lte. NatĂŒrlich wurde der Sohn verstĂ€ndigt, dann der Hausarzt. Es blieb rĂ€tselhaft. EigentĂŒmlicherweise kroch die BlĂ€ue langsam, aber unerbittlich die Arme hinauf, jeden Tag einige Zentimeter. Die Pflegerinnen maßen die Ausdehnung, der Arzt studierte die angelegte Tabelle, schĂŒttelte nur den Kopf und murmelte etwas von Durchblutungsstörung. Immer wieder wurde sie untersucht, es gab keine ĂŒberzeugende ErklĂ€rung. Obendrein bekrĂ€ftigte die alte Frau stĂ€ndig, sich pudelwohl zu fĂŒhlen. EndgĂŒltig kritisch wurde es fĂŒr sie, als sie immer weniger aß und auch ihre Ausscheidungen nachließen. Als dann eines Tages Martha im Nachttopf ein blaues WĂŒrstchen gesehen haben wollte, war die Entscheidung des Arztes gefallen: „Frau GrĂŒnkamp muss ins Krankenhaus, unwiderruflich.“

MĂŒhsam diskutierte sie am Abend vor der Einlieferung mit ihrem Sohn. „Es geht mir wirklich gut, ich weiß gar nicht was ihr habt, nie habe ich mich wohler gefĂŒhlt. Und das bisschen Farbe an den HĂ€nden, das kommt doch schon mal vor, Junge.“ Der aber schĂŒttelte nur den Kopf. „Nein, nein, und nochmals nein! Du brĂŒtest was aus, das hat auch Dr. Tauschke gesagt, und wir können kein weiteres Risiko mehr eingehen. Morgen frĂŒh kommst du ins Krankenhaus. Dann sind wir alle beruhigt.“

Nachdem sie zur Nacht versorgt worden war, schaute die alte Frau wie immer Homeshopping, gemeinsam mit Bernie, der unter dem Bett hervorgekrochen war. Traurig starrte sie auf die Mattscheibe, wĂ€hrend der Hund sie aufmerksam musterte. Auch er spĂŒrte – oder wusste? – von der bevorstehenden VerĂ€nderung im Leben seiner Herrin. Die Werbesendungen rauschten an ihr vorbei, sie nahm sie gar nicht wahr. UnglĂŒcklich schaute sie auf ihre blauen HĂ€nde, die wieder voller Kraft waren, sie hatte es nur niemandem gesagt. Und auch auf ihren Beinen konnte sie jetzt stehen, sie hatte es mehrfach ausprobiert und war aus dem Rollstuhl aufgestanden, natĂŒrlich nur, wenn sie mit Bernie alleine war. Ratlos schaute sie zu ihrem blauen Hund, der mit seiner Schnauze zum Fernseher wies.

Dort erschien soeben eine Wahrsagerin, die zu spĂ€ter Stunde das Horoskop las. Die mollige Frau im blauen, mit Sternen ĂŒbersĂ€ten Gewand stierte in das Schlafzimmer von Frau GrĂŒnkamp. Gerade besprach sie deren Sternzeichen.

„Liebe Fische-Geborene, ich prophezeie euch eine wunderbare Zeit, ihr habt keinen Grund zur Traurigkeit. Eine schöne lange Reise steht euch bevor, ihr mĂŒsst nur den Mut haben, sie endlich anzutreten.“ Bernie sah Frau GrĂŒnkamp auffordernd an, auch die Wahrsagerin hielt inne, blickte in das Schlafzimmer. Alle schienen auf eine Entscheidung zu warten.

Die alte Frau sah auf ihre blauen Arme, ballte immer wieder die FĂ€uste, als könne sie dadurch an Kraft gewinnen. Dann schob sie energisch die Bettdecke weg und stand vorsichtig auf. Ja, jetzt fĂŒhlte sie wieder ihre alte StĂ€rke, und auch die Entschlossenheit war da, etwas Neues zu beginnen. Sie kleidete sich bedĂ€chtig an, und der Hund war gar nicht ĂŒberrascht. Endlich war sie fertig, die Wahrsagerin winkte ihr zu. Frau GrĂŒnkamps Wangen strahlten, sie nahm die blitzeblaue Leine aus Bernies Maul, und der Hund zog sie langsam, aber bestimmt, aus der Wohnung. Im Eingang sah sie sich noch einmal um und legte lĂ€chelnd die SchlĂŒssel wieder zurĂŒck. Nein, sie wĂŒrde sie nicht mehr brauchen. Leise schloss sie von draußen die TĂŒr, berĂŒhrte ein letztes Mal sanft ihr Heim. Dann drehte sie sich um, und sie und Bernie liefen, ja, tollten los, wie zwei junge Hunde und verschwanden in der Nacht.

Am nĂ€chsten Morgen kam der Sohn mit den Leuten vom Roten Kreuz, um seine Mutter ins Krankenhaus zu begleiten. Sie fanden die alte Frau tot im Bett. Ihr blaues Gesicht lĂ€chelte zufrieden, wie er es lange nicht mehr gesehen hatte. Als er die MĂ€nner nach draußen begleitete, blickte er wie erstarrt auf den Eingang. „Da, sehen sie doch,“ rief er und zeigte auf die TĂŒr. Die Krankenpfleger schauten, sahen aber nichts. „Was soll dort sein?“ Sie blickten ihm besorgt ins Gesicht, dann verabschiedete man sich. Als er erneut auf die HaustĂŒr starrte, sah er ihn wieder: Den Abdruck einer blauen Hand, allmĂ€hlich verblassend.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!