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Leselupe.de > Erzählungen
Ein delikates Kuvert
Eingestellt am 18. 11. 2008 19:16


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Raniero
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Ein delikates Kuvert

Dietrich Dekather übte neben seinem normalen Bürojob als Sachbearbeiter eine zusätzliche Tätigkeit aus; er verwaltete den kleinen Tresor, in welchem die Bürokasse und darüber hinaus alle vertraulichen Schriftstücke der Mitarbeiter der gesamten Abteilung, versiegelt in entsprechenden Briefumschlägen, unter Verschluss aufbewahrt wurden.
Alle diese Kuverts trugen, um sicherzustellen, dass die SchriftstĂĽcke vor unbefugtem Gebrauch geschĂĽtzt waren, auĂźer dem Siegel und einem eventuellen Vorlagetermin kein weiteres Merkmal als den gedruckten Aufdruck:
Vertraulich! Im Bedarfsfall nur vom Abteilungsleiter oder dem zuständigen Sachbearbeiter (hier folgte der Name) selbst zu öffnen!

Die Verwaltung des Tresors setzte natĂĽrlich ein hohes MaĂź an Vertrauen voraus, und Dietrich besaĂź dieses in hohem MaĂźe, bei seinem Chef und bei den Kollegen, von denen er respektvoll Lordsiegelbewahrer genannt wurde.
AuĂźer ihm besaĂź nur noch der Abteilungsleiter einen SchlĂĽssel zum Tresor, und dieser stimmte seine urlaubsbedingte Abwesenheit mit Dietrich ab, sodass stets der Zugang zum Tresor sichergestellt war.
Für einen eventuellen Ausfall beider Zugangsberechtigten durch Krankheit oder andere Umstände gab es darüber hinaus noch eine Sonderregelung, doch diese musste bisher noch niemals angewandt werden.


Als Dietrich an einem Montagmorgen, wie er es immer tat, frühmorgens zuerst den Tresor öffnete, um nach eventuellen Vorlageterminen für die kommende Woche Ausschau zu halten, staunte er zuerst nicht wenig, dann aber wurde er blass. Bei Sichtung der Schriftstücke fiel ihm ein Briefumschlag mit folgender Aufschrift ins Auge:
Vertraulich! Nur vom zuständigen Sachbearbeiter selbst nach dessen Ableben zu öffnen!

Was war das denn fĂĽr eine Schriftsache?
Dietrich konnte sich weder daran erinnern, dieses Briefkuvert zuvor schon einmal gesehen zu haben noch hatte er eine Erklärung dafür, wie es in den Tresor gekommen sein mag.
Der Chef der Abteilung, der ja als einziger außer ihm einen Tresorschlüssel besaß, befand sich, wie man wusste, seit acht Tagen in Urlaub, in südlichen Gefilden, und er wurde nicht vor Ende der nächsten Woche zurückerwartet.
Er nahm den Umschlag näher in Augenschein.
Das, was ihn noch mehr irritierte, als die Frage, wie die Schriftsache in den Tresor gekommen sein mag, war der merkwĂĽrdige Aufdruck, den der Briefumschlag enthielt.
Das war ja unerhört, eine derartige Unkorrektheit!
Als erstes hatte stets der Hinweis auf den Abteilungsleiter, danach erst der Zusatz …vom zuständigen Sachbearbeiter selbst… zu öffnen auf dem Umschlag zu stehen, so wollte es die Vorschrift.

Beim weiteren Lesen fiel ihm ein weiterer Schnitzer, etwas weniger grob, auf.
…nach dessen Ableben zu öffnen?
Was sollte das denn?
So etwas stand garantiert nicht in der Vorschrift ĂĽber den Umgang mit vertraulichen Schriften.

Im Gegenteil, es hieß klar und deutlich … oder dem zuständigen Sachbearbeiter selbst zu öffnen.

Da stand nichts davon, dass ein Ă–ffnen der Schriftsache nach dem Ableben des Sachbearbeiters erfolgen solle, und dann auch noch von ihm selbst.
Wozu auch?
Wenn er tot war, war er tot, der Mann, was wollte er dann noch damit?
Die Unterlagen etwa im Schattenreich unter die Leute bringen? Diejenigen, sich da befanden, hatten sicher andere Sorgen.
Ein Sack voll Fragen, und Dietrich fand keine Antwort.

In diesem Fall muss man strategisch vorgehen, sagte er sich.
Wenn er es sich auch immer noch nicht erklären konnte, wie der verdammte Umschlag ohne sein Dazutun in den Tresor gekommen sein mag, diese Tatsache war nun einmal nicht zu leugnen, und so beschloss er, alle Kollegen der Abteilung zu befragen, so diskret wie möglich, ob einer von ihnen mit dieser Schriftsache etwas anfangen könne oder zumindest den Urheber derselben erkenne.
Ihm war zwar nicht ganz wohl bei diesem Gedanken und er war sich dessen durchaus bewusst, dass sein Image als Lordsiegelbewahrer einen Knacks erhielte, wenn die Kollegen erführen, dass er nicht mehr ganz zu Hause sei, in seinem Tresor, da er nicht einmal mehr wisse, welch ominöse Verschlussachen sich dort so alle befänden.
Doch das hilft alles nicht, dachte er, es musste sein, Augen zu und durch; wie stände er erst da, wenn der Chef nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub den Tresor persönlich in Augenschein nähme?


Als erstes befragte er einen gewissen Karl Röters, den einzigen seiner Kollegen, den er duzte und mit dem ihn eine Art Freundschaft verband.
Dieser staunte nicht schlecht, als Dietrich ihm zuerst alle anderen Briefumschläge vorlegte und ihn bat, einen Blick darauf zu werfen.
„Mensch, Dietrich, warum zeigst du mir all die Verschlusssachen, die sind doch noch gar nicht fällig, und da ist auch nur eine einzige von mir dabei; das machst du doch sonst nicht?“
„Ich weiß Karl, ich weiß, aber in einer Woche kommt der Chef aus dem Urlaub zurück, und er hat mir ans Herz gelegt“, log Dietrich, „den Tresor ab jetzt wöchentlich zu zweit zu kontrollieren, nach dem Motto des Vieraugenprinzips,
vier Augen sehen halt mehr als zwei.“
„Donnerwetter“ entfuhr es Karl Röters, „der Alte hat das veranlasst; das ist ein Zeichen, dass wir alt werden, Junge.“
Dietrich Dekather wurde rot.
„Hier ist noch einer“, murmelte er und schob seinem Kollegen den letzten Briefumschlag zu.
„Was ist das denn?“ starrte Karl Röters auf den Brief, „… „nur vom zuständigen Sachbearbeiter selbst nach dessen Ableben zu öffnen.“ las er laut, „wie soll das denn gehen? Von wem ist denn dieser Umschlag überhaupt? Da steht ja gar kein Name drauf!“
Dietrich schluckte.
„Ich weiß nicht, Karl, ist der nicht von dir?“
„Nein, um Gottes Willen“ entfuhr es dem Kollegen, „wie kommst du denn darauf? Meinst du, ich deponiere etwas im Safe, um es später erst nach meinem Ableben selbst zu öffnen? Aber sag mal“, setzte er, misstrauisch geworden, fort, „willst du etwa sagen, du wüsstest nicht, von wem der Umschlag ist? Du musst es wissen, wer denn sonst, wenn nicht du?“
„Ich weiß es aber nicht; ich weiß weder, wer der Urheber ist noch wie der Umschlag in den Tresor gekommen ist.“
„Da bin ich aber baff, Dietrich, ich glaube, da ist was dran, mit dem Altwerden.“

Baff waren auch die anderen Kollegen, die der gute Dietrich nacheinander befragte, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, versteht sich, doch dieses Siegel hielt nicht einmal vierundzwanzig Stunden, denn am nächsten Tag sprach man hinter vorgehaltener Hand von nichts anderem als von einem mysteriösen, nicht identifiziertem Schriftstück in Dietrichs Tresor.
Keiner konnte sich einen Reim darauf machen, wie ein solches ungesehen vom hochgeschätzten Lordsiegelbewahrer in dessen Tresor gewandert sein mag und vor allem, wer der Urheber dieses rätselhaften Umschlages war.
‚Das war bestimmt der Teufel persönlich, mutmaßten einige, ‚oder der Alte’, glaubten andere zu wissen, während eine dritte Gruppe, die dem Chef nicht so nahe stand, behauptete, das sei das Gleiche.
Dietrich Dekather aber war der Verzweiflung nah; zum ersten Mal sprach man bereits in aller Offenheit und nicht gerade ohne Schadenfreude über ihn und seinen geliebten Tresor, und sein Image ging nun immer mehr den Bach runter, und darüber hinaus näherte sich mit Macht der Tag, an dem der Chef wieder vor der Tür stand, und davor hatte Dietrich Angst, regelrecht Angst.


Der letzte Arbeitstag der Woche war angebrochen, und dieser Freitag wollte und wollte fĂĽr Dietrich nicht zu Ende gehen.
Immer wieder hatte er seine normale Bürotätigkeit unterbrochen, den Tresor geöffnet und den vermaledeiten Briefumschlag zur Hand genommen.
Wenn er bloĂź wĂĽsste, was sich darin verbarg.
Mehrere Male war er versucht, ihn zu öffnen; vielleicht war das Ganze ja nur ein Streich der Kollegen, die sich über den korrekten Tresorhüter lustig machen wollten.
Wie aber war der Brief dann in den Tresor gekommen?
Zum wiederholten Male hielt er den Umschlag gegen die Schreibtischlampe; nichts zu machen, es ließ sich absolut nicht erkennen, welcher Art das Schriftstück im Innern sein könnte, nicht einmal, ob überhaupt etwas in dem Briefumschlag steckte.
‚Ein Röntgengerät’ dachte Dietrich verzweifelt, ‚ein Königreich für ein Röntgengerät. Vielleicht ist wirklich nichts drin und die ganze Aufregung bisher war umsonst.’

Nachdem alle Kollegen das BĂĽro verlassen hatten, saĂź Dietrich einsam auf seinem Stuhl und starrte den offenen Tresor an.
Seine Gedanken umkreisten einmal mehr das ominöse Briefkuvert.
Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf.
‚Das müsste gehen’, dachte er, maßlos erleichtert.
Erneut nahm er den Briefumschlag zur Hand, zum x-ten Male, und studierte diesen eingehend.
Sodann nahm er einen zweiten Umschlag, in Größe und Form identisch, und beschriftete diesen exakt wie den ersten.
„Gemacht!“
Mit zitternden Händen öffnete Dietrich nun den Originalumschlag, der ihm die ganze Woche über Kopfschmerzen bereitet hatte, und staunte nicht schlecht.
Statt der erwarteten ĂĽblichen Originaldokumente enthielt das Kuvert einige Durchschriften handgeschriebener Texte.
Neugierig nahm er das erste Schreiben und erkannte sofort die Handschrift seines Abteilungsleiters.
Ein Liebesbrief!
Ganz ungeniert schrieb der Chef an eine unbekannte Herzensdame, bei der es sich gewiss nicht um dessen eigene Frau handelte, denn er war bereits seit ewigen Zeiten, dass wusste die ganze Abteilung, sehr streng verheiratet, daheim.
Dietrich geriet geradezu ins Schwärmen; so einen Schreibstil hätte er seinem knochentrockenen Vorgesetzten überhaupt nicht zugetraut
Doch warum bewahrte der Chef denn die Kopien seiner Liebesbriefe im firmeneigenen Tresor auf?
Beim weiteren ‚Aktenstudium’ fand Dietrich die Antwort.

‚Liebste’, schrieb der Chef, ‚ich muss vorsichtig sein, denn mein Weib scheint etwas zu ahnen. Während ich Deine Briefe stets bei mir trage, unter meinem Herzen, bewahre ich die Durchschriften meiner Briefe an Dich nicht zu Hause, sondern an einem Ort auf, wo sie sicherer nicht sein können; in unserem Bürotresor, wo sie
sogar - welch Ironie des Schicksals - von keinem Geringeren als Deinem eigenen Mann bewacht werden. Wenn er das wüsste…

Ich kĂĽsse Dich

Dein Udo’

Mit einem Aufschrei warf Dietrich die gesamte Liebespost seines Chefs auf den Boden.
„Warte nur“ knirschte er mit den Zähnen, „wenn du am Montag wiederkommst, dann kannst du dir einen anderen für den Tresor suchen…“

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