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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ein dissonanter Aufschrei
Eingestellt am 12. 06. 2003 17:59


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Inni
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2003

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Ein dissonanter Aufschrei

„Gute Nacht, Harald.“ Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich dich zuletzt mit deinem Namen ansprach. Du sagtest Schatz, ich sagte Schatz, und die seltenen harmonischen Momente unserer Ehe bestanden darin, wenn wir beide gleichzeitig Schatz sagten.
Was sich deine Mutter wohl dabei dachte, dich Harald zu nennen. Du warst alles andere als ein HeerfĂŒhrer, ein Krieger, ein KĂ€mpfer oder ein Herwald, sondern hattest mittlerweile eher das GemĂŒt eines Waldrehs, menschenscheu, introvertiert und eigenbrötlerisch; doch selbst ein Bock gab sich mehr MĂŒhe saisonale HormonrĂŒckstaus und Fortpflanzungstriebe zu kompensieren; bei dir gab es weder Pflicht noch KĂŒr, weder Lust noch Frust. Diese unschuldigen, rehbraunen Augen, dieser Dackelblick ließen mich fast Mitleid mit dir haben; deine graubraune Haut, im Winter wie im Sommer, weckten in mir nur noch mĂŒtterliche Instinkte „Kind, iss den Teller auf, du musst groß und stark werden.“

Immer wenn ich dich ansah, schaute ich in den Spiegel; Stillstand hatte ein Gesicht und die Entwicklung dahin trug unsere Namen. „Schau dir doch mal Hera Lind an...“, hörte ich mich sagen, wĂ€hrend ich dir deine Zigaretten ans Bett brachte, „...sie schreibt nebenbei Romane, landet mit ihren mĂ€nnlichen Protagonisten im Bett und schafft alles spielend nebenbei. Tolles Haus, toller Job, tolle Kinder, tolle Frau und tolle MĂ€nner.“ Ich konnte Hera Lind nicht ausstehen und weigerte mich ihren Superweib-Nonsens zu lesen. Stattdessen versuchte ich mich daran zu erinnern, was mich auf dich reinfallen ließ, stellte aber im nĂ€chsten Augenblick fest, dass es unmöglich war dich mit Vergangenheitsaugen zu sehen. Vielleicht warst du immer noch derselbe, nur ich hatte mich verĂ€ndert, oder es war gerade umgekehrt. Wahrscheinlicher war, dass wir beide dieselben waren und unser Lied nicht mehr hören konnten. Als ich mir damals „Born to be alive“ von Patrick Hernandez kaufte, spielte ich die Scheibe tagelang leidenschaftlich rauf und runter, zwei Wochen spĂ€ter ertrug ich sie schon nicht mehr und nach einem Monat tauschte ich Patrick gegen Santa Esmeralda „DonÂŽt let me be misunderstood“.

Ich hatte mich damals gewundert, als deine Ex bei mir anrief und sich dafĂŒr bedankte, dass du nun jemand anderen gefunden hattest. Sie beglĂŒckwĂŒnschte sich lautlos, indem sie mir lauthals zur reibungslosen Übernahme eines Pflegefalls die Hand reichte. Erst viel spĂ€ter verstand ich, warum sie sich ohne ein FĂŒnkchen Verlustangst, verletzter Eitelkeit und Eifersucht aufrichtig freute dich endlich los zu sein. Sie konnte mit dem Wissen, dich in gute HĂ€nde abgegeben zu haben, viel ruhiger schlafen; schließlich solltest du nicht vor die Hunde gehen. Ein paar Tage spĂ€ter packte sie deine Sachen inklusive Herkunftspapiere und Impfpass, um dich dann endgĂŒltig bei mir abzuliefern. Die ProbespaziergĂ€nge hatten wir mit Bravour gemeistert und nachdem wir uns intensiv beschnuppert hatten, bekam ich dich sogar ohne SchutzgebĂŒhr. Ein guter Deal fĂŒr alle Beteiligten, so schien es. Was mich im nachhinein tröstet ist, dass sie dich nicht als Sechser im Lotto verkaufte, wozu auch, fĂŒr Zweifel war es lĂ€ngst zu spĂ€t. Du hattest deine Musik angestellt und anstatt meine Ohren vor dir zu verschließen, hob ich den Deckel deiner Spieluhr und kroch hinein. Ab dieser Stunde stellte ich die Welt auf den Kopf, stellte mich auf den Kopf, stellte meinen Kopf anschließend in die Abstellkammer, wo er bis auf weiteres verstauben sollte. Floskeln wie „Man hört nur mit dem Herzen gut.“, bekamen eine ganz neue Bedeutung. Nach drei Jahren stellte ich mir wohl das erste Mal die Frage „Hallo Ex, du Frau, sag doch mal, wie bist du denn aus dieser Kiste gesprungen?“, denn mittlerweile degenerierte die einst liebliche Arie zu einem ausgewachsenen Tinnitus. Der Kopf saß wieder auf dem Hals und es brauchte eine Zeit, bis er voll funktionstĂŒchtig war.

Am nĂ€chsten Morgen rĂ€umte ich wie gewohnt deine Tasse weg und wartete ungeduldig darauf, dass die TĂŒr hinter dir ins Schloss fiel. Ich hatte bis zum nĂ€chsten Abend noch einiges vorzubereiten und versuchte mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. FĂŒr mich stand nun im Vordergrund deinen Abgang zu inszenieren, dir und dieser Frau einen Weg zu bereiten, den ihr ohne Zögern und Zweifeln in tölpelhafter Manier beschreiten solltet. Die kleine RĂŒckschau, das Besinnen auf schlechte Zeiten beflĂŒgelte mich, ließ mich gar euphorisch an den verschiedensten Konzepten basteln, in denen ihr kleine, tragischkomische Figuren mit hölzernen Köpfen spielen solltet. Ich beschloss Klara anzurufen und ein weiteres Treffen mit ihr zu vereinbaren; diesmal sollte es kein neutraler Ort sein, sondern unser biederes Heim. Hier konnte sie an deinen benutzten DuschhandtĂŒchern riechen, das Rasierwasser testen, in deine Plattensammlung schauen, die AnzĂŒge, Hemden, UnterwĂ€sche und Schuhe begutachten, sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von dir machen. Eitel warst du und so standen und hangen ĂŒberall in der Wohnung Fotografien aus besseren Tagen. Ohne Frage warst du ein gut aussehender Mann mit exzellentem Geschmack, wenn fĂŒr mich auch nur anspruchloser Zierrat, ein Kaktus vielleicht, den man nicht anfassen wollte, aber ab und zu gießen und dĂŒngen musste - BlĂŒten brachtest du schon lange nicht mehr hervor und der einzige Ableger stellte sein Wachstum von heute auf morgen ein.

„Hallo Klara? Ich binÂŽs, Jenny.“, ein dissonanter Aufschrei im Hochfrequenzbereich, Ă€hnlich wie in der Pamperswerbung, schmetterte mir entgegen und sollte wohl etwas wie Freude signalisieren. „Ich dachte, du hĂ€ttest vielleicht Lust auf einen Kaffee bei mir vorbei zu schauen...es war gestern so nett mit dir zu plaudern.“ Geheuchelte Anteilnahme am Schicksal meiner HolzpĂŒppchen sollte in Zukunft eine Paradedisziplin von mir werden. Wir einigten uns recht schnell auf den spĂ€ten Nachmittag und ich hatte noch genug Zeit, die Wohnung zu prĂ€parieren. ZunĂ€chst wĂŒhlte ich die gemachten Betten wieder auf, platzierte rund um die SchlafstĂ€tte Kerzen, zog die VorhĂ€nge zu, legte mir meinen Bademantel parat und begab mich anschließend in den nahe gelegenen Edeka-Laden, um Sekt, Eierravioli, Kondome, Kuchen und Sahne zu besorgen. Es ĂŒberraschte mich nicht, dass sich keine verheiratete Frau berufen fĂŒhlte mich auf meinen sĂŒndigen Einkaufskorb anzusprechen, stattdessen griente mich ein junger Mann derart an, als wolle er mir sagen: „Sex ab 35 gefĂ€hrdet Ihre Gesundheit.“ oder „Je oller, je doller.“ Ich schaute provokativ auf seinen Hosenbund und ließ dabei zeitgleich eine Kaugummiriesenblase platzen. „Siehst du? Alles nur heiße Luft...“, „Cool!“, sagte er und rĂŒckte verlegen sein SchlĂ€gerkĂ€ppi zurecht.
Wieder zu Hause angekommen, öffnete ich den Sekt und fĂŒllte die GlĂ€ser mit einer kleinen Neige, riss die Packung Kondome auf und warf sie, nachdem ich mir eins herausgenommen hatte, auf den Korridorboden. Das Kondom selbst schĂ€lte ich aus der verschweißten Folie und warf es in den HausmĂŒll, seine Verpackung legte ich auf den Esstisch.

Tango Mortale der besonderen Art, erotisch, aber nicht zu argentinisch musste es aussehen, temperamentvoll ohne den typisch rhythmischen Schlendrian eines Discofoxes. Sie sollte sich bei dem Anblick dieses SĂŒndenpuzzles echauffieren, ihre hausbackene, moralische Grenze spĂŒren und realisieren, dass sie ihren Mann nur im Traum betrĂŒgt. Engagement, Klara, erinnere dich, Traumprinzen aus Komödien kannst du nicht anfassen.
Kurz bevor sie eintraf, schwang ich mich in ein Negligee und streifte mir den Bademantel ĂŒber. Es klingelte und ich bemĂŒhte mich beim Öffnen der TĂŒr ein hektisches Gesicht zu machen. „Klara, ist es schon so spĂ€t? VerzeihÂŽ, aber ich bin noch gar nicht angezogen...komm rein“. Mit einer einladenden Handbewegung bat ich sie vorzugehen und wĂ€hrend sie mir den RĂŒcken kehrte, justierte ich die Packung Kondome, vor der sie entweder entsetzt stehen bleiben oder sie nonchalant umgehen konnte. Durch unser kleines Frauengeheimnis, namens Anlagenberater, stockte ihr Schritt und plapperte etwas wie „Er war gerade hier, ich meine, ihr habt es hier in dieser Wohnung gemacht?“. Perfekt. Ich ging an ihr vorbei und sagte eher beilĂ€ufig „Wo sonst? Seine Frau ist den ganzen Tag zu Hause. Ich habe uns Erdbeertorte besorgt...geh durch, sehe dich in Ruhe um und ich hole inzwischen den Kaffee.“
Als ich ein paar Minuten spĂ€ter mit einem prall gefĂŒllten Tablett das Wohnzimmer betrat, stand Klara vor unserer Schubladenkommode und musterte die Bilder. Das Klappern des Geschirrs schreckte sie auf und ihr Blick fiel auf den Esstisch. „Entschuldigung...“, ich versuchte einen verlegenen Eindruck zu hinterlassen und rĂ€umte die Kondomverpackung hastig beiseite.„Das ist Harald, mein Mann.“, und wies auf die Fotografien. „Ein schöner, charismatischer Mann...“, erwiderte sie mit einem von UnverstĂ€ndnis geprĂ€gtem Unterton. Ihr Göttergatte schien ausgesprochen farblos zu sein oder vielleicht klang seine Musik nur wie Patrick Hernandez nach zwei Wochen Dauerbeschallung, wie auch immer, ich sah ihre Fantasien und Vergleiche. Du schienst wesentlich besser abzuschneiden und daher ließ ich sie in dem Glauben, eine Ehefrau zu sein, die solch Adonis-Gaben nicht mehr zu schĂ€tzen wusste.

Nach Kaffee und Kuchen entschuldigte ich mich fĂŒr ein paar Minuten und rĂ€umte auf. Klara nutzte die Zeit fĂŒr eine ausgiebige Toiletteninspektion. Mir war, als könnte ich durch WĂ€nde sehen, in Klaras neugierige Augen blicken und ihre HĂ€nde bewegen. Wie an unsichtbaren FĂ€den ließ ich sie zappeln, im WĂ€schekorb und meinen Schminkutensilien wĂŒhlen, an verschwitzten Hemden riechen und die Frische deiner DuschhandtĂŒcher inhalieren. Als sie das Bad wieder verließ, touchierte ich sie, absichtlich, fĂŒr ZufĂ€lle hatte ich keine Zeit mehr. „Du riechst nach meinem Mann...“, sagte ich und ihre weiße Haut bekam hektische Flecken. „Klara, nur kein schlechtes Gewissen, ich hĂ€tte dir nichts zu verzeihen.“ Wir redeten noch eine Weile ĂŒber dich und je mehr ich mich in sentimentalen Lobpreisungen ergoss, desto vertrĂ€umter gab sie sich dir hin. WĂ€hrend ich erzĂ€hlte, tickte die Uhr unaufhörlich; gleich wĂŒrdest du die WohnungstĂŒr aufschließen und Klara begegnen. Ein Blick von dir wĂŒrde sie erschĂŒtternd ins Mark treffen und beschĂ€mt flĂŒchten lassen. Es vergingen noch fĂŒnf Minuten, dann war es soweit. Du standst in der TĂŒr und sie sprang wie ein aufgescheuchtes Huhn aus dem Stuhl „Oh, guten Abend, so spĂ€t schon, das...das ist mir jetzt aber unangenehm.“, stammelte sie, wĂ€hrend ich dich mit ihr bekannt machte. Sie schnappte ihren Mantel und bedankte sich fĂŒr den anregenden Nachmittag. „Bis morgen, Klara, 20:00 Uhr?“, „Ja gerne, mein Mann hat Nachtschicht.“, erwiderte sie und drĂŒckte sich fahrig an dir vorbei, um zur TĂŒr zu gelangen. „Ich freue mich...“, sagtest du und die TĂŒr fiel hinter ihr ins Schloss.

„Was gibt es zu essen?“, „Eierravioli!“, du konntest Eierravioli nicht ausstehen, und immer dann, wenn es etwas Unappetitliches zum Abendbrot gab, war es ein Indiz dafĂŒr, dass der Haussegen aus nicht nĂ€her zu diskutierenden GrĂŒnden schief hing; die nachfolgende Prozedur war immer dieselbe. Du gingst wortlos zum Italiener und holtest dir eine Pizza; im HandgepĂ€ck den HausmĂŒll und im HausmĂŒll ein Kondom.

Jenny kommt von Johanna und Johanna von Johannes. Gott ist gnÀdig. Jenny nicht.

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Rainer
???
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...habe (fast) NICHTS zu meckern...

hallo inni,

ich finde (fast) nichts zum kritisieren, das ist gut .

da hast du aber schön seziert, so richtig gnadenlos. und dann noch die waffen der frauen - intelligent-intrigantes spiel mit eitelkeiten und wĂŒnschen; ich lernte dazu, immer auf der hut zu sein, hinter allem kann sich schein verbergen.

entweder ich habe zu schnell gelesen, oder ich bin heute nicht in stimmung: irgendwie kommt mir die wendung zu schnell, sie trifft mich (und möglicherweise auch einige andere leser?) unvorbereitet. ein bißchen verwirrend, aber vielleicht wolltest du auch genau das erreichen; auf jeden fall liest man deine text so intensiver; einige könnten aber auch abgeschreckt werden, wenn sie nicht sofort durchsehen. da mußt du entscheiden, welche zielgruppe du erreichen willst.

abschließend noch die gratulation zu einigen genialen (neben-) sĂ€tzen, wie z.b.:

"...deine graubraune Haut, im Winter wie im Sommer, weckten in mir nur noch mĂŒtterliche Instinkte..."

"Ein paar Tage spÀter packte sie deine Sachen inklusive Herkunftspapiere und Impfpass, ..."

"Jenny kommt von Johanna und Johanna von Johannes. Gott ist gnÀdig. Jenny nicht."


bitte weiter so!!!

grĂŒĂŸe

rainer

einzige und persönliche (nicht textgebundene frage). die eierravioli begreife ich nicht, steht das als symbol fĂŒr keine zeit zum essenmachen oder geht es um die eier 8in der beziehung bin ich sehr konservativ)

__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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